
DiskursGlossar
Respekt
Kategorie: Schlagwörter
Verwandte Ausdrücke: Anerkennung, Achtung, Wertschätzung, Vielfalt
Siehe auch: Identitätspolitik, Inklusion, Moralisierung
Autor: Clemens Knobloch
Version: 1.1 / Datum: 15.12.2021
Kurzzusammenfassung
Respekt gehört in die Familie der modernen (meist programmatisch gebrauchten) Hochwertwörter aus dem Repertoire der Anerkennungsbegrifflichkeit (dazu einführend Nullmeier 2003, Honneth et al. 2013). Respekt oder respektvolles Verhalten wird eingefordert für die Eigengruppe (bzw. von der Eigengruppe), für wirklich oder vermeintlich diskriminierte Gruppen, für abweichende Meinungen. Mitgemeint ist bei der Forderung nach Respekt meist eine positiv bewertete Szene der (sozialen, kulturellen, ethnischen, sexuellen etc.) Vielfalt/Diversität. Als hortatorischer (das heißt mahnender, einfordernder) Wertbegriff bezieht sich Respekt in der Regel auf den kommunikativen Umgang mit ,anderen‘.
Die Forderung nach Respekt richtet sich gegen Intoleranz, Hate Speech, Diskriminierung. Sie zielt aber im erweiterten Gebrauch des Wortes auf alle Differenzen zwischen Gruppen (ethnische, soziale, kulturelle, finanzielle u.a.). Respekt als Norm unterstreicht und befestigt die Unterschiede zwischen den an der Kommunikation beteiligten Parteien. Die strategische Verletzung respektbezogener Normen ist aufmerksamkeitspolitisch ein Selbstläufer und darum recht beliebt. Das Gegenstück zur Forderung nach Respekt ist die rituelle Empörung (Skandal | Skandalisierung | Identitätspolitik) über Respektlosigkeit. Beide zusammen bilden ein System, in dem moralische Exklusivität und rebellische Tabuverletzung um maximale Aufmerksamkeit konkurrieren.
Als programmatisches Fahnenwort ist Respekt hierzulande ein US-Import. In den USA hat Respekt eine stärker egalitäre, auf Gegenseitigkeit gestellte Konnotation. Im deutschsprachigen Raum hat der Ausdruck dagegen auch obrigkeitlich-autoritäre Ränder (Respekt wird eingefordert gegenüber Vorgesetzten, Behörden, Autoritäten etc.).
Erweiterte Begriffsklärung
Im modernen Anerkennungsvokabular (vgl. Honneth et al. 2013) besetzt Respekt eine Position, an der die Paradoxien von Identitätsdiskursen sichtbar werden: Die Forderung nach Respekt für Eigen- oder Fremdgruppen setzt positiv bewertete Unterschiede zwischen den Gruppen voraus und wird doch erhoben als Forderung nach Gleichheit und Gleichbehandlung. Die Forderung nach Respekt bietet symbolische Lösungen für Statusprobleme, bestätigt und zementiert aber Ungleichheiten. Wer in seiner Verschiedenheit respektiert werden will, erhebt keinen Anspruch auf gleiche Rechte, Chancen, Bedingungen, Bezahlung. Wie alle Anerkennungssemantiken trägt auch die Forderung nach Respekt für Differenzen dazu bei, diese Differenzen zu pflegen und zu erhalten.
Weiterhin gilt, dass die Vorliebe für ein moralisierendes Anerkennungsvokabular selbst eine Gemeinschaft definiert und abgrenzt, die sich gegenüber den ,weniger feinfühligen‘ sozialen Unterschichten als kulturell überlegen fühlt (und es somit durchaus am nötigen Respekt gegenüber bestimmten, nämlich sozial unterlegenen Formen der ,Andersheit‘ an Respekt fehlen lässt). Wie das Toleranz-Vokabular nur gegenüber denen gilt, die selbst tolerant sind, müsste Respekt auch nur gefordert und geübt von denen und gegenüber denen werden, die es selbst daran nicht fehlen lassen. Die Respekt-Kultur ist jedoch (als ritualisierte Erregungskultur) zutiefst asymmetrisch. Das heißt, es gibt keinen Respekt gegenüber denen, die es nach dem Urteil der Respektfordernden an Respekt fehlen lassen. Und diejenigen, für die der Respekt der Bessergestellten ein schwacher Trost ist, werden es zweifellos schwer haben, wenn sie über den Respekt für ihr Anderssein hinaus auch gleiche Bedingungen fordern.
Es gibt Anzeichen dafür, dass auch die Politik der DGB-Gewerkschaften zusehends Anerkennungssemantiken in ihre Kampagnen einbezieht. In diesem Rahmen ist zu beobachten, dass die Forderung nach Respekt (zu Lasten klassischer gewerkschaftlicher Fahnenwörter wie Solidarität etc.) sich zusehends ausbreitet, namentlich da, wo es um Berufsgruppen (oft von geringem Prestige) geht, die in ihrem Arbeitsalltag mit Anfeindungen oder Missachtung zu rechnen haben (vgl. die Beispiele zu Respekt aus DGB-Kampagnen unter [3,3]).
Der ,Ort‘ für die Kommunikation von Respekt ist die personale und direkte face-to-face-Beziehung zwischen Individuen im öffentlichen Raum. Charakteristisch für den modernen Gebrauch von Respekt ist aber die Ausweitung der Forderung, die dann rasch auch das Sprechen über andere bzw. Dritte und Fremdgruppen umfasst. Respekt ist die verbale Anerkennung des von anderen beanspruchten Status und steht somit in direkter Verbindung mit der Welt der politisch korrekten Sprache, der Triggerwarnung und der safe spaces. Da respektvolles Verhalten leicht einzufordern, aber kasuistisch nur schwer einzugrenzen ist (Respekt steht für eine immer auszuhandelnde persönliche Beziehung), ist die moralisch einwandfreie Forderung nach Respekt zugleich äußerst polemogen (Streit provozierend). Was als Respekt (bzw. als mangelnder Respekt) in der Kommunikation gelten soll, ist meist umstritten, und der sich verletzt Fühlende glaubt stets, das moralische Recht auf seiner Seite zu haben. Jeder politische Streit, jede Meinungsverschiedenheit lässt sich als respektloses Verhalten kodieren. Jede politische Analyse von Ungleichheit kann und muss respektlos sein gegenüber denen, die von dieser Ungleichheit profitieren. Insofern kann die Forderung nach Respekt (für sich oder andere) auch zur Immunisierung der Mächtigen gegen Kritik beitragen.
Virulent wird die Forderung nach Respekt da, wo konkurrierende Wir-Communities gegen einander antreten (und ausgespielt werden können). Es sind im Prinzip Kulturen, die Respekt verdienen (vgl. Michaels 2021: 109). Niemand wird heutzutage verschiedene Kulturen hierarchisieren. Kulturen gelten offiziell als gleichwertig. Auch wird niemand offiziell die Kultur der Eigengruppe als ,überlegen‘ markieren, wiewohl die Anerkennungssemantik gerade das impliziert: die moralische Überlegenheit der Respektkultur. Und insofern trägt die universalisierte Forderung nach Respekt dazu bei, soziale Unterschiede zwischen diversen Kulturen zu normalisieren. Kulturelle Differenzen können und sollen auch nicht nivelliert werden, Differenz und Vielfalt gelten als produktiv, aber es gilt eben auch: „Solange wir uns dem Glauben hingeben, Unterschiede sollten respektiert werden, brauchen wir uns nicht darum zu sorgen, sie zu beseitigen“ (Michaels 2021: 137). Wer das Recht auf ,Andersartigkeit‘ proklamiert, hat automatisch schlechte Karten, wenn es um gleiche soziale und politische Rechte und Pflichten geht.
Einem identitätspolitisch auftretenden Akteur zu widersprechen, ist respektlos gegenüber der Opfergruppe, für die er spricht; es kann jedenfalls so gedeutet werden.
Die Sitten einer ,fremden‘ Kultur anzunehmen oder zu übernehmen, kann ebenso als Zeichen der Wertschätzung, der Anerkennung und des Respektes wie als Zeichen der Aneignung und der ,feindlichen Übernahme‘ (cultural appropriation) gedeutet werden (zu einschlägigen Beispielen siehe Fourest 2020). Ein und dasselbe Verhalten kann gegensätzlichen Deutungen unterliegen, was Handlungen und Kommunikationen unberechenbar macht: Wer auf dem Anderssein seiner Identitätsgruppe besteht, entscheidet darüber, ob Übernahmen und Nachahmungen seiner Kultur von Respekt oder von Missachtung zeugen.
Beispiele
(1) Der Fall Yaghoobifarah (TAZ): Die Autorin, Kolumnistin der TAZ, ist der breiteren Öffentlichkeit bekannt geworden durch einen Text in der TAZ (vom 15.06.2020), der die rassistische Polizeigewalt in den USA zum Anlass nimmt, demonstrativ über die Frage nachzudenken, was man eigentlich mit all den Polizisten machen soll, wenn diese Art von Polizei einmal abgeschafft sein wird. Die Autorin rät satirisch dazu, die freigesetzten Polizisten auf der Mülldeponie einzusetzen, wo sie dann ja von (überflüssigen) „ihresgleichen“ umgeben sein würden. Selbstverständlich hat diese klassische satirische Provokation verfangen und etliche Staats- und Medienakteure dazu gebracht, mit lautstarker Empörung über diese respektlose Herabwürdigung der Polizei zu reagieren. Alles hängt an der Mehrdeutigkeit von „ihresgleichen“: Man kann es als „umgeben von anderen Ex-Polizisten“ oder als „umgeben von anderem Müll“ interpretieren. Ihrem kurz darauf veröffentlichten ersten Roman hat die Autorin jedenfalls durch diese Aktion einige Aufmerksamkeit verschafft.
(2) Nicht selten werden im Namen des Respekts vor anderen Kulturen, Minderheiten, diskriminierten Gruppen Zensurforderungen erhoben. Viel Aufmerksamkeit im Feuilleton finden spektakuläre Exzesse wie etwa die Forderung, Gedichte von schwarzen Frauen dürften nicht von weißen Männern/Frauen übersetzt werden, Angehörige von indigenen Kulturen (und anderen Minderheiten) dürften im Theater nicht von Personen gespielt werden, die selbst nicht zur jeweiligen Gruppe gehören (Fourest 2020: 83 ff. spricht ironisch von „Casting auf Grundlage von DNA-Tests“). Im hochgradig multikulturellen Kanada konnte die (ebenfalls hochgradig multikulturelle) Theatergruppe von Ariane Mnuchkine (Théatre du soleil) ein Stück über die Unterdrückung indigener Bevölkerungen nicht aufführen, weil die kanadischen Indigenenorganisationen bemängelt und skandalisiert haben, dass sie nicht von Angehörigen der Eigengruppe gespielt wurden (Fourest 2020: 74 ff.).
(3) In den folgenden Kampagnen aus dem Umkreis des DGB wird Respekt als Leit- und Fahnenwort verwendet:
- Eine von der IG Metall unterstützte Aktion gegen Rassismus und für Zivilcourage in Frankfurt (Kampagnenseite: https://www.respekt.tv, 14.12.2021).
Abb. 1: Screenshot der Kampagnenseite www.respekt.tv.
- Zum Tag der Gebäudereinigung fordert die IG-Bauen, Agrar, Umwelt: Respect for Cleaners und mehr Anerkennung, Respekt, Geld (Website der IG Bau, 01.12.2021).
- Im Jahr 2020 startet der DGB mit allen Einzelgewerkschaften eine Initiative für mehr Respekt und Sicherheit, die in erster Linie auf Berufsgruppen zielt, die oft mit Anfeindungen in der Öffentlichkeit konfrontiert sind (Busfahrer, Bahnfahrer, Erzieher, Polizei etc.) (Website des DGB, 01.12.2021).
Literatur
Zitierte Literatur und Belege
- DBB NRW Beamtenbund und Tarifunion (2020): DPolG stellt Strafanzeige gegen Zeitung die „taz“. Online unter: https://www.dbb-nrw.de/aktuelles/news/dpolg-stellt-strafanzeige-gegen-zeitung-die-taz/ ; Zugriff: 19.07.2023.
- DGB: Wir sind der Deutsche Gewerkschaftsbund (2021). Website. URL: https://www.dgb.de ; Zugriff: 01.12.2021.
- Feddersen, Jan; Gessler, Philipp (2021): Kampf der Identitäten. Für eine Rückbesinnung auf linke Ideale. Berlin: Aufbau Verlage.
- Fourest, Caroline (2020): Generation beleidigt. Von der Sprachpolizei zur Gedankenpolizei. Über den wachsenden Einfluss linker Identitärer. Berlin: Edition Tiamat.
- Honneth, Axel; Lindemann, Ophelia; Voswinkel, Stephan (Hrsg.) (2013): Strukturwandel der Anerkennung. Paradoxien sozialer Integration in der Gegenwart. Frankfurt/M., New York: Campus.
- IG Bauen-Agrar-Umwelt (2021): Website. URL: https://igbau.de/ ; Zugriff: 01.12.2021.
- Michaels, Walter B. (2021): Der Trubel um Diversität. Wie wir lernten, Identitäten zu lieben und Ungleichheit zu ignorieren. Berlin: Edition Tiamat [zuerst in USA unter dem Titel The Trouble with Diversity 2006 und 2016].
- Nullmeier, Frank (2003): Anerkennung: Auf dem Weg zu einem kulturalen Sozialstaatsverständnis. In: Lessenich, Stephan: Wohlfahrtsstaatliche Grundbegriffe. Historische und aktuelle Diskurse. Frankfurt/M.: Campus, S. 395–418.
- Respekt! (2021): Website. URL: https://www.respekt.tv/ ; Zugriff: 14.12.2021.
- Sennett, Richard (2002): Respekt im Zeitalter der Ungleichheit. Berlin: Berlin Verlag.
- Yaghoobifarah, H. (2020). Abschaffung der Polizei: All cops are berufsunfähig. Die Tageszeitung: taz. Online unter: https://taz.de/!5689584/ ; Zugriff: 19.07.2023.
Abbildungsverzeichnis
- Abb. 1: Respekt.tv: Screenshot der Startseite. URL: https://www.respekt.tv/ ; Zugriff: 09.02.2023.
Zitiervorschlag
Knobloch, Clemens (2021): Respekt. In: Diskursmonitor. Glossar zur strategischen Kommunikation in öffentlichen Diskursen. Hg. von der Forschungsgruppe Diskursmonitor und Diskursintervention. Veröffentlicht am 15.12.2021. Online unter: https://diskursmonitor.de/glossar/respekt.
DiskursGlossar
Grundbegriffe
Begriffsgeschichte
Die Begriffsgeschichte lässt sich allgemein als eine historische Methode beschreiben, die den zeitlichen Wandel der Bedeutungen von bestimmten Ausdrücken untersucht. Da einzelne Worte nie isoliert begegnen und ihre jeweiligen Bedeutungen erst im Kontext größerer sprachlicher Zusammenhänge oder semantischer Felder greifbar werden, verbindet sie sich flexibel mit anderen Methoden historischer Semantik, wie etwa der Diskursgeschichte, der Argumentationsgeschichte oder der Metaphernforschung (Metaphorologie).
Diskurssemantische Verschiebung
Mit dem Begriff der diskurssemantischen Verschiebung wird in der Diskursforschung ein Wandel in der öffentlichen Sprache und Kommunikation verstanden, der auf mittel- oder län-gerfristige Veränderung des Denkens, Handelns und/oder Fühlens größerer Gesellschafts-gruppen hinweist.
Domäne
Der Begriff der Domäne ist aus der soziologisch orientierten Sprachforschung in die Diskursforschung übernommen worden. Hier wird der Begriff dafür verwendet, um Muster im Sprachgebrauch und kollektiven Denken von sozialen Gruppen nach situationsübergreifenden Tätigkeitsbereichen zu sortieren.
Positionieren
Positionieren ist Grundbestandteil menschlicher Kommunikation. Wann immer wir miteinander interagieren und kommunizieren, bringen wir uns selbst, andere und die Objekte, über die wir sprechen, in bestimmte Relationen zueinander.
Deutungsmuster
Unter einem Deutungsmuster wird die problem- und lösungsbezogene Interpretation gesellschaftlicher und politischer Tatbestände verstanden, die Aussicht auf Akzeptanz in sozialen Gruppen hat. Der Begriff des Deutungsmusters hat Ähnlichkeit mit den Begriffen der Theorie und Ideologie. Meist werden gesellschaftlich verbreitete Leitdeutungen, die oft mit Schlagwörtern und Argumentationsmustern einhergehen (wie Globalisierung, Kapitalismus, Leistungsgesellschaft, Chancengleichheit etc.) als Beispiele für Deutungsmuster genannt.
Sinnformel
‚Wer sind wir? Woher kommen, wo stehen und wohin gehen wir? Wozu leben wir?‘ Auf diese und ähnliche existentielle Fragen geben Sinnformeln kondensierte Antworten, die in privaten wie sozialen Situationen Halt und Argumenten in politischen und medialen Debatten einen sicheren Unterbau geben können.
Praktik
Eine Praktik ist ein spezifisches, situativ vollzogenes und sinnhaftes Bündel von körperlichen Verhaltensweisen, an dem mehrere Menschen und Dinge beteiligt sein können (z. B. Seufzen, um Frust auszudrücken, oder einen Beschwerdebrief schreiben, Fußballspielen).
Kontextualisieren
Kontextualisieren wird im allgemeineren bildungssprachlichen Begriffsgebrauch verwendet, um das Einordnen von etwas oder jemandem in einen bestimmten Zusammenhang zu bezeichnen.
Narrativ
Mit der diskursanalytischen Kategorie des Narrativs werden Vorstellungen von komplexen Denk- und Handlungsstrukturen erfasst. Narrative in diesem Sinne gehören wie Schlagwörter, Metaphern und Topoi zu den Grundkategorien der Analyse von Diskursen.
Argumentation
Argumentation bezeichnet jene sprachliche Tätigkeit, in der man sich mithilfe von Gründen darum bemüht, die Richtigkeit einer Antwort auf eine bestimmte Frage zu erweisen. Das kann in ganz verschiedenen Situationen und Bereichen nötig sein, namentlich um eine poli-tische, wissenschaftliche, rechtliche, unternehmerische oder private Angelegenheit zu klären.
Techniken
AI-Washing/KI-Washing
Unter AI-Washing ist die Praxis von Unternehmen oder Organisationen zu verstehen, Produkte, Dienstleistungen oder Geschäftsmodelle mit dem Etikett „Künstliche Intelligenz“ (KI bzw. „Artificial Intelligence“ (AI)) zu versehen, obwohl deren tatsächlicher Einsatz von KI-Technologien entweder stark übertrieben, nur marginal vorhanden oder überhaupt nicht gegeben ist.
Dogwhistle
Unter Dogwhistle wird in Teilen der Forschung eine doppeldeutige Äußerung verstanden, die eine offene und eine verdeckte Botschaft an jeweils eine Zuhörerschaft kommuniziert.
Demonstrieren
« Zurück zur ArtikelübersichtDemonstrieren Kategorie: TechnikenVerwandte Ausdrücke: Auf die Straße gehen, Straßenprotest, Kundgebung, öffentliche Versammlung, Mahnwache, Menschenkette, Marsch, SitzblockadenSiehe auch: Protest, Politische Aktion, Politische Bildung,...
Boykottaufruf
Der Boykottaufruf ist eine Maßnahme, die darauf abzielt, ein Ziel, also meist eine Verhaltensänderung des Boykottierten, hervorzurufen, indem zu einem Abbruch etwa der wirtschaftlichen oder sozialen Beziehungen zu diesem aufgefordert wird.
Tabuisieren
Das Wort Tabuisierung bezeichnet die Praxis, etwas Unerwünschtes, Anstößiges oder Peinliches unsichtbar zu machen oder als nicht akzeptabel zu markieren. Das Tabuisierte gilt dann moralisch als unsagbar, unzeigbar oder unmachbar.
Aus dem Zusammenhang reißen
Das Aus-dem-Zusammenhang-Reißen gehört in den Funktionskreis der Redewiedergabe bzw. der Wiedergabe kommunikativer Ereignisse. Es kann (1) als intentionale argumentativ-polemische Strategie für ganz unterschiedliche diskursive Zielsetzungen von Akteuren genutzt werden, oder (2) es kann SprecherInnen und SchreiberInnen in unbeabsichtigter, fehlerhafter Weise unterlaufen.
Lobbying
Lobbying ist eine Form strategischer Kommunikation, die sich primär an Akteure in der Politik richtet. Beim Lobbying wird ein Bündel von kommunikativen Tätigkeiten mit dem Ziel eingesetzt, die Entscheidungen von Personen mit politischem Mandat oder den Entstehungsprozess von neuen Gesetzestexten interessengeleitet zu beeinflussen.
Karten
Karten dienen dazu, Raumausschnitte im Hinblick auf ausgewählte Charakteristika so darzustellen, dass die Informationen unmittelbar in ihrem Zusammenhang erfasst und gut kommuniziert werden können. Dazu ist es notwendig, Daten und Darstellungsweisen auszuwählen und komplexe und oft umkämpfte Prozesse der Wirklichkeit in einfachen Darstellungen zu fixieren.
Pressemitteilung
Pressemitteilungen sind standardisierte Mitteilungen von Organisationen, die sich an Journalist:innen und andere Multiplikator:innen richten. Sie dienen der offiziellen und zitierfähigen Informationsweitergabe und übernehmen zugleich strategische Funktionen in der öffentlichen Kommunikation und Meinungssteuerung.
Shitstorm
Der Begriff Shitstorm beschreibt eine relativ junge Diskurskonstellation, die seit den 2010er Jahren an Bedeutung gewonnen hat und gemeinhin als Online-Wutausbruch bezeichnet wer-den kann.
Schlagwörter
Brückentechnologie
Ganz allgemein wird unter dem Schlagwort der Brückentechnologie sowohl in den öffentlichen Medien als auch in technisch und wirtschaftlich dominierten Kontexten eine Technologie verstanden, die zeitlich befristet eingesetzt werden soll, bevor in Zukunft der Übergang zu einer als sinnvoller eingeschätzten anderen Technologie möglich ist.
Deindustrialisierung
Der Ausdruck Deindustrialisierung (auch De-Industrialisierung oder als Verb deindustrialisieren) beschreibt im öffentlichen Sprachgebrauch eine negativ bewertete Form des Strukturwandels durch Rückgang von produzierendem Gewerbe.
Nachhaltigkeit
Nachhaltigkeit als ein Schlagwort des öffentlichen Diskurses bezieht sich ganz allgemein auf einen ressourcenschonenderen Umgang mit dem, was uns Menschen der Planet Erde bietet, mit dem Ziel, dass auch nachfolgende Generationen noch die Möglichkeit haben, ähnlich gut zu leben wie wir heute (Generationengerechtigkeit).
Echokammer
Der Begriff der Echokammer steht in seiner heutigen Verwendung vor allem im Zusammenhang mit der Nutzung Sozialer Medien. Er verweist metaphorisch auf einen digitalen Kommunikations- und Resonanzraum, in dem Mediennutzer*innen lediglich Inhalten begegnen, die ihre eigenen, bereits bestehenden Ansichten bestätigen, während abweichende Perspektiven und Meinungen ausgeblendet bzw. abgelehnt werden.
Relativieren
Der Ausdruck relativieren besitzt zwei zentrale Bedeutungsvarianten: In bildungssprachlichen und wissenschaftlichen Kontexten bezeichnet er eine analytische Praxis, bei der Aussagen, Begriffe oder Phänomene durch Bezugnahme auf andere Sachverhalte eingeordnet, differen-ziert und in ihrer Geltung präzisiert werden.
Massendemokratie
Geprägt wurde der Begriff Massendemokratie im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts von völkisch-konservativen Akteuren (prominent darunter Carl Schmitt 1926). Der Ausdruck Masse hatte damals bei den bürgerlichen Eliten eine rundum bedrohliche Assoziation.
Social Bots
Als Social Bots werden Computerprogramme bezeichnet, die in der Lage sind, in sozialen Medien Kommunikation menschlicher Nutzer*innen (teilweise) automatisiert nachzuahmen.
Kriegsmüdigkeit
Der Ausdruck Kriegsmüdigkeit bezeichnet die emotionale und physische Erschöpfung von Menschen, die einen Krieg erleben, sowie die gesellschaftliche und politische Ermüdung angesichts langanhaltender Konflikte. Er beschreibt den sinkenden Kampfeswillen bei Kriegsparteien und heute wird er auch für das wachsende Desinteresse an Kriegsthemen in Medien und Öffentlichkeit genutzt.
Woke
Der Ausdruck woke stammt aus dem afroamerikanischen Englisch und bezeichnete dort zunächst den Bewusstseinszustand der Aufgeklärtheit über die Verbreitung von rassistischen Vorurteilen und Diskriminierung unter Angehörigen ethnischer Minderheiten.
Identität
Unter Identität versteht man allgemein die Summe von Merkmalen, die Individuen oder sozialen Kollektiven – etwa Nationen, Organisationen oder sozialen Gruppen – als charakteristisch oder gar als angeboren zugeordnet werden.
Verschiebungen
Dehumanisierung
Mit Dehumanisierung bzw. Anthropomorphisierung werden solche kommunikativen Techniken und Praktiken bezeichnet, die Personen, Sachverhalten oder Gegenständen menschliche Eigenschaften ab- bzw. zusprechen. Dehumanisierung und Anthropomorphisierung können sowohl durch sprachliche Mittel als auch durch andere, z. B. bildliche, Zeichen vollzogen werden.
Kriminalisierung
Kriminalität meint ein Verhalten, das gegen ein Gesetz verstößt. Folglich bedeutet Kriminalisierung im engeren Sinne den Vorgang, durch den Verhalten ungesetzlich gemacht wird – indem Gesetze geschaffen werden.
Versicherheitlichung
In akademischen Kontexten wird Versicherheitlichung in Abgrenzung zu einem naiv-realistischen Sicherheitsverständnis verwendet. Dieses betrachtet Sicherheit als einen universell erstrebenswerten und objektiv feststellbaren Zustand, dessen Abwesenheit auf das Handeln von Akteuren zurückzuführen ist, die feindselig, kriminell, unverantwortlich oder zumindest fahrlässig agieren.
Ökonomisierung
Ökonomisierung wird in gegenwärtigen Diskursen in der Regel zur Bezeichnung von Prozessen verwendet, in denen die spezifisch wirtschaftlichen Funktions-Elemente wie Markt, Wettbewerb/Konkurrenz, Kosten-Nutzen-Kalküle, Effizienz, Gewinnorientierung in Bereiche übertragen werden, die zuvor teilweise oder ganz nach anderen Leitkriterien ausgerichtet waren
Moralisierung
Moralisierung verlagert Macht- und Interessenkonflikte in die Sphäre der Kommunikation von Achtung / Missachtung. Sie reduziert Ambivalenz zugunsten einer Polarisierung von gut und böse.
Konstellationen
Krise
Krise ist vom Wort mit fachsprachlicher Bedeutung zur Zeitdiagnose und einem zentralen Begriff der öffentlich-politischen Kommunikation geworden. Der öffentlich-politische Krisenbegriff ist dabei – unabhängig vom Gegenstand der Krise – in eine krisendiskurstypische Konstellation zur Begründung von krisenüberwindenden Handlungen eingebettet.
Partizipatorischer Diskurs
Partizipation ist mittlerweile von der Forderung benachteiligter Personen und Gruppen nach mehr Beteiligung in der demokratischen Gesellschaft zu einem Begriff der Institutionen selbst geworden: Kein Programm, keine Bewilligung mehr, ohne dass bestimmte Gruppen oder Personen dazu aufgefordert werden, für (mehr) Partizipation zu sorgen.
Skandal
Die Diskurskonstellation des Skandals zeichnet sich durch eine in den Medien aufgegriffene (bzw. durch sie erst hervorgerufene) empörte Reaktion eines erheblichen Teils der Bevölkerung auf einen tatsächlichen oder vermeintlichen Missstand aus. Die schuldhafte Verursachung dieses Missstandes wird dabei einem gesellschaftlichen Akteur zugeschrieben, dessen Handeln als ‚unmoralisch‘ gedeutet wird.
DiskursReview
Review-Artikel
Memes als moderne Propaganda – Eine sprach- und medienkritische Untersuchung
Digitale Kommunikationsformen prägen heutige gesellschaftliche Debatten weitaus stärker als die klassischen Medien. Ihr Einfluss auf die politische Meinungsbildung und die Ausbildung ideologischer Positionen ist inzwischen unverkennbar und zählt zu den markantesten Entwicklungen der digitalen Gegenwart. Besonders hervorzuheben sind Memes: Sie verbreiten sich schnell, arbeiten mit humoristischen Mitteln und verdichten komplexe Inhalte auf ein Minimum an Zeichen. In öffentlichen Diskursen werden sie daher nicht mehr als spielerisches Internetphänomen betrachtet, sondern als ernstzunehmendes Instrument politischer Kommunikation und den damit einhergehenden propagandistischen Strategien.
Zeitalter der Polykrisen – Was sagt die Polykrise über die Gegenwart und Zukunft?
Beim Durchscrollen der Tagesschlagzeilen ist einem in den letzten Jahr wahrscheinlich der Ausdruck Polykrise ins Blickfeld geraten. Solche Schlagzeilen in deutschsprachigen Medien lauten beispielsweise (1) „Klimawandel, Krieg in der Ukraine, Abstiegsängste – die Welt ist aus den Fugen geraten: Drei Bücher zeigen Wege aus der Polykrise“ (Friedl 2026); (2) „Kritische Psychotherapie: Psychotherapie in der Polykrise“ (Dicks 2026); (3) „Optimismus in der Polykrise“ (Kolev 2025); (4) „Was tun gegen die …
„Genderwahn“ als sprachkritische Abwertung: Eine kritische Betrachtung
„Die Debatte über Gendern und Nicht-Gendern kann ich schon nicht mehr hören. Soll es doch jeder machen, wie er es selbst will.“ Dieses Zitat äußert der ehemalige Bundeskanzler Olaf Scholz im Rahmen der Feier zugunsten des Grundgesetzes, welches im Jahre 2024 den 75. Geburtstag feierte (vgl. Steinkohl et al. 2024). Deutlich wird hierbei, dass die Thematik rund um das Gendern in der Politik aufgefasst wird. Allerdings wird gleichzeitig deutlich, dass die Debatte in der Öffentlichkeit stark kritisiert …
Klimaterroristen: Wie Sprache politische Fronten schafft
Der öffentliche Diskurs über Klimaaktivismus ist in den vergangenen Jahren zunehmend polarisiert. Vor diesem Hintergrund hat sich der Ausdruck Klimaterrorist zu einem politisch und gesellschaftlich stark aufgeladenen Schlagwort entwickelt, das im Jahr 2022 als „Unwort des Jahres“ gewählt wurde (vgl. 2020ff. – Unwort des Jahres). Seine Verwendung verweist auf Konflikte über Legitimität, Moral und Rechtmäßigkeit verschiedener Formen des Protests. Gleichzeitig fungiert der Begriff als sprachliches …
Negativ konnotierte Fremdzuschreibung durch diskriminierende Begriffe – Ein sprachkritischer Beitrag zur Bezeichnung „Kanake“ und dem Zukunftswort „Talahon“
„Gerade diese scheinbar ›milden‹ Formen des Rassismus, die über die Sprache transportiert werden, sind schwer zu bekämpfen, da vielen Menschen nicht klar zu sein scheint, welche Macht Sprache besitzt.“ (Kunz, 2021, S. 58).
Der Begriff „Kanake“ (teilweise auch „Kanacke“) bedeutet in seiner ursprünglichen Bedeutung Mensch und bezeichnete Bewohner*innen der Inselgruppe Neukaledoniens im südlichen Pazifik (vgl. Trost, 2002). Dem Gebrauch lag dabei die Charakterisierung einer spezifischen Gesellschaft …
Wenn aus Vielen Einer wird – Warum pauschale Nationsbezeichnungen sprachlich gefährlich sind
„In dieser Situation sind die Deutschen sehr unzufrieden mit der Arbeit der Politik.“ (Kinkartz, 2025), schreibt die Deutsche Welle im November 2025. Gemeint ist dabei keine einzelne Person oder klar definierte Gruppe, sondern eine ganze Nation, welche mit einem einzigen Artikel zu einem scheinbar einheitlichen Kollektiv zusammengefasst wurde. Solche Formulierungen sind kein Einzelfall. Ähnliche Beispiele, wie „Die Russen greifen an vielen Stellen an“ (Die Welt am Morgen, 2024), „Die Ukrainer …
Das Crazy, wenn Worte Brücken zwischen Generationen sprengen! – Eine sprachkritische Betrachtung von Jugendsprache: Mediale Darstellung, Generationenkonflikt und Pädagogische Einschätzung
Das Jugendwort des Jahres 2025 lautet „das Crazy“. Es meint: „Es gibt keine wirklich passende Antwort. Oder keine wirklich höfliche. Oder eine zu ausführliche, auf die der Antwortende aber gerade keine Lust hat. Oder einfach nur okay“ (Tagesschau, 2025). Torsten Sträter, Kabarettist und Vertreter der Generation X, hört es und stockt: „…das sind zwei Worte… [außerdem] fehlt eins… Vielleicht bin ich ein zu verknöcherter alter Mann geworden, dass ich mich über so eine Kacke… Wer es sagt – Ohrfeige“ …
„Stadtbild“ als politisches Schlagwort – Ein sprach- und medienkritischer Beitrag zur migrationspolitischen Äußerung von Friedrich Merz
Im Rahmen einer Pressekonferenz äußerte sich Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) am 14. Oktober 2025 bei einem Besuch in Brandenburg zur Migrationspolitik. Er verwies dabei auf sinkende Migrationszahlen sowie auf bereits geplante und umgesetzte Maßnahmen, insbesondere Rückführungen. Merz verwendete dabei den Ausdruck „Stadtbild“, der im gegebenen Kontext negativ konnotiert wurde und sich daraufhin innerhalb kurzer Zeit zu einem politischen Schlagwort entwickelte.
Ausgangspunkt war eine journalistische …
Sprache im Scroll-Modus – Brainrot, Memes und medienkritische Deutungen der kindlichen Kommunikation
Laut der KIM-Studie im Jahr 2024 nutzten 54 Prozent der 6- bis 13-Jährigen täglich das Internet (mpfs, 2024). Das sind 7 Prozent mehr als im Jahr 2022 (mpfs, 2024). Besonders auffällig ist, dass 23 Prozent dieser Altersgruppe täglich oder fast täglich TikTok verwenden, während Instagram nur von 11 Prozent genutzt wird (mpfs, 2024). Mit der intensiveren Nutzung der sozialen Medien gewinnen auch Memes an Bedeutung: Dabei handelt es sich um multimodale Inhalte aus Texten, Bildern, Videos, GIFs, Sounds …
Wenn ein Wort mehr sagt als ein Satz: Der Begriff „Klimakleber“ als Beispiel sprachlicher Rahmung
In einem Kommentar der Süddeutschen Zeitung erwähnt Mareen Linnarzt den Gedanken, dass Sprache lenkt, wie man denkt (vgl. Linnarzt und Steinke 2023). Diese Aussage verweist auf eine grundlegende Eigenschaft von Sprache, die im alltäglichen Mediengebrauch häufig wenig reflektiert wird. Medien verfügen über die Möglichkeit, einzelne Teilaspekte eines Themas hervorzuheben und andere in den Hintergrund zu rücken (vgl. Hasebrink). Auf diese Weise entstehen Deutungsrahmen, innerhalb derer Ereignisse …