DiskursGlossar

Identitätspolitik

Kategorie: Schlagwörter
Verwandte Ausdrücke: cultural appropriation, identity politics
Siehe auch: Cancel Culture
Autor: Clemens Knobloch
Version: 2.3 / Datum: 17.10.2022

Kurzzusammenfassung

Der Ausdruck Identitätspolitik ist als Lehnwort aus dem US-Amerikanischen übernommen. Geprägt wurde er dort (als Selbstbezeichnung) für die Emanzipations- und Anerkennungskämpfe benachteiligter Minderheiten in den 1990er Jahren (schwarze Bürgerrechtsbewegung, Frauenbewegung, sexuelle Minderheiten etc.). Der Ausdruck steht heute für eine politische Konstellation, in der konkurrierende Wir-Gemeinschaften mit einer Diskriminierungs- und Benachteiligungsgeschichte in der Öffentlichkeit um Anerkennung konkurrieren. An der Oberfläche geht es ‚identitären‘ Wir-Gemeinschaften darum, die eigene Diskriminierung als Ermächtigungsmotiv an die Öffentlichkeit zu tragen. In den frühen US-Auseinandersetzungen ging es meist auch darum, die dominante weiße und westliche Kultur zurückzudrängen und durch Perspektiven von unterdrückten Gruppen zu ergänzen (bzw. zu ersetzen). In diesem Kontext etablierte sich auch die Identität des heute als Feindbild allgegenwärtigen ‚alten weißen Mannes‘.

Dass es sich mittlerweile bei den vom Begriff I. zusammengefassten Praktiken nicht mehr um ein bloßes Minderheiten- und Randphänomen, sondern um einen dominierenden Politikstil handelt, ist daran zu erkennen, dass sich zunehmend auch Prominente, Eliten und Machtgruppen öffentlich als (Angehörige von) Opfergemeinschaften präsentieren.

Der Umgang mit dem Begriff Identitätspolitik ist dadurch erschwert, dass der Ausdruck in der politischen Auseinandersetzung sowohl als Fahnenwort (also programmatisch) wie auch als Stigmawort und schließlich auch als politischer Analysebegriff in Gebrauch ist.

Erweiterte Begriffsklärung

Identitätspolitische Wir-Gruppen sind „imaginierte Gemeinschaften“, die durch geteilte Benachteiligungserfahrungen zusammengehalten werden. Der Begriff „imaginierte Gemeinschaft“ ist in der Politik- und Geschichtswissenschaft gebräuchlich als analytische Bezeichnung für Nationen (Benedict Anderson: „imagined communities“). Aus der einen nationalen imaginierten Gemeinschaft werden unter den Bedingungen von Identitätspolitik viele fragmentierte ‚communities‘, die tendenziell darum konkurrieren, aus ihrem Status als Angehörige einer anerkannten Opfergruppe symbolische, aufmerksamkeitspolitische oder sonstige Vorteile zu ziehen.

Insofern unterlaufen und dekonstruieren die identitätspolitischen „Neogemeinschaften“ (Reckwitz 2017) das traditionelle Selbstbild und die „Erzählung“ der Nation als einer (imaginierten) Gemeinschaft (Manow 2020: 167). Die rechtspopulistischen Gegenbewegungen gegen Identitätspolitik sind aber, so gesehen, nicht weniger identitätspolitisch, als sie demonstrativ auf die traditionellen Loyalitätspflichten gegenüber der nationalen Wir-Gemeinschaft setzen und diese zugleich als Opfer globaler, internationaler, destruktiver Akteure präsentieren. Das entspricht völlig dem identitätspolitischen Modell. Die Nation ist der Inbegriff einer ’sozialblinden‘ Wir-Gemeinschaft, ihre Angehörigen sollen trotz aller sozialen Differenzen solidarisch für einander eintreten (was in gewissen Grenzen insofern den Erfahrungen der Menschen entspricht, jedenfalls so lange der Sozialstaat einigermaßen intakt ist, als Sozialpolitik immer nationale Sozialpolitik war – während es eine europäische Sozialpolitik durchaus nicht gibt).

Und zu den auffallenden Merkmalen der modernen Identitätspolitik gehört, dass auch ihre Wir-Gruppen allesamt ’sozialblind‘ sind. Unter Migranten finden wir entrechtete illegale Sklavenarbeiter (in den Fleischfabriken und auf den südeuropäischen Obst- und Gemüsefeldern) ebenso wie die Biontech-Gründer. Und dass sich millionenschwere Angehörige des britischen Königshauses als ‚Opfer von Rassismus‘ in Szene setzen, ohne dass jemand lacht, ist bezeichnend. Und diese ‚Sozialblindheit‘ gilt für die lautstarken sexuellen Wir-Gruppen erst recht.

Gewählte und zugeschriebene Identitäten: In modernen Gesellschaften gehört jedes Individuum zu zahllosen, teils frei gewählten, teils zugeschriebenen Identitätsgruppen. Manchmal stimmen Selbst- und Fremdzuschreibungen überein, manchmal divergieren sie. Charakteristisch ist ein dynamisches und widersprüchliches Wechselspiel von Selbst- und Fremdkulturalisierungen (vgl. Reckwitz 2017: 401ff). Von Identitätspolitik spricht man im Allgemeinen nur dann, wenn Wir-Gemeinschaften sich als öffentliche Akteure konstituieren (oder von anderen als solche Akteure konstituiert werden). Dazu gehören Akteure, die mit dem Ziel agieren, die Selbstkulturalisierung der Gemeinschaft bei anderen Gruppen und Akteuren als verbindlich durchzusetzen. Ein wesentlicher Teil dieses Prozesses ist oft die Durchsetzung der Selbstbezeichnung als Fremdbezeichnung auch in der Mehrheitsgesellschaft. Das kann, wie das Beispiel der schwarzen US-Bevölkerung zeigt, wechselhaft werden (Negroes, Blacks, African Americans, People of Color etc.). Erheblich weiter geht noch der identitätspolitische Anspruch, festlegen zu wollen, wie und was über die Eigengruppe gesprochen werden darf. Kritik an den Handlungen und Äußerungen einzelner Mitglieder der jeweiligen Wir-Gemeinschaft wird dann rasch als fortgesetzte Benachteiligung und Diskriminierung der Gruppe kodiert. Der Status als Mitglied der Opfergruppe schützt so gegen Kritik, weil sich stets die gesamte community angesprochen fühlt, wenn ein Mitglied angegriffen wird. Den Endpunkt dieser Linie bildet der Vorwurf der ‚cultural appropriation‘ (kulturelle Aneignung), der die Übernahme von Merkmalen, Sitten, kulturellen Formen, die der Eigengruppe zugerechnet werden, durch die Mehrheitsgesellschaft (oder durch andere Gruppen) als einen Enteignungsversuch geißelt. In diesem Feld spielen dann skurrile Konflikte wie: Darf die Rolle eines Schwulen im Film nur von einem Schwulen gespielt werden? Eignet sich ein als Indianer verkleideter Karnevalsjeck die indigene Kultur der US-Ureinwohner unrechtmäßig an? Darf eine weiße Übersetzerin die Gedichte einer schwarzen Autorin übersetzen…und manches andere mehr.

Aus dem Kampf gegen die Diskriminierung und Benachteiligung durch die (Inklusion verweigernde) Mehrheitsgesellschaft wird so rasch eine hoch exklusive Veranstaltung, die darauf setzt, den Opferstatus der Wir-Gruppe zu erhalten, zu optimieren und zu verwerten. Dabei verkehrt sich der emanzipatorische Inklusionsanspruch in sein Gegenteil, weil jede Form der Inklusion zugleich als ‚cultural appropriation‚ gedeutet werden kann. Für die Öffentlichkeit und die öffentliche Debatte entsteht dabei ein ‚double bind‘, weil sie die konkurrierenden Wir-Gemeinschaften weder als partikular markieren noch als dazugehörig und ’normal‘ entnennen kann, ohne auf heftige Gegenwehr zu stoßen. Jede Gleichbehandlung der Mitglieder ignoriert deren besonderen Status als Angehörige einer benachteiligten Minderheit, und jede Herausstellung der Gruppe als besonders unterstreicht ihre Unzugehörigkeit.

Identitätspolitisch fragmentierte Gesellschaften brauchen institutionelle Schiedsrichter, die darüber entscheiden, welche Ansprüche von Opfergruppen gelten und wie die konkurrierenden Ansprüche hierarchisiert werden sollen. Während der traditionelle nationale Sozialstaat die sozialen Differenzen innerhalb der imaginierten nationalen Gemeinschaft symbolisch oder sozialpolitisch auszugleichen hat, steht der identitätspolitische Post-Nationalstaat vor der Aufgabe, den symbolischen Ausgleich zwischen gleichermaßen sozialblinden Identitätsgruppen in seinem Inneren zu managen. Dazu setzt er Gleichstellungskommissionen, Diversitätsmanager, Ethikkommissionen, Medienakteure ein, die Wir-Gruppen-Ansprüche bewerten, ausgleichen und hierarchisieren sollen (vgl. Fischer 2006).

Identitätspolitische Gemeinschaften sind keine Organisationen, sie sind darum auch selbst nicht politisch handlungsfähig. Sie bilden aber über ihre Anerkennungskämpfe symbolisches Kapital, das sowohl von Angehörigen der Gemeinschaft selbst als auch von anderen handlungsfähigen politischen Akteuren, die ‚im Namen der Gemeinschaft‘ und für sie und für ihre Werte sprechen, machtpolitisch eingesetzt und genutzt werden kann. Vor diesem Hintergrund wird verständlich, dass um Anerkennung konkurrierende Opfergemeinschaften de facto wenig dazu beitragen, die soziale Lage ihrer Mitglieder nachhaltig zu verbessern. Ihr symbolisches Kapital kann nur von denen eingesetzt werden, die auch sonst (und über die Zugehörigkeit zur Gemeinschaft hinaus) politisch-ökonomische Macht-, Handlungs- und Erfolgschancen haben. Aus diesem Grund sind identitätspolitische Überzeugungen keineswegs primär bei den Angehörigen der Opfergruppen selbst verbreitet (schon gar nicht bei den auch sozial, kulturell und ökonomisch marginalisierten). Ihre Trägerschicht besteht vielmehr in der Hauptsache aus jungen, urbanen, akademisch gut ausgebildeten ‚Anywheres‘, wie soziologisch immer wieder konstatiert wird (vgl. für viele Burkhardt 2020, Koppetsch 2019). In dieser professionellen und flexiblen (an globalisierte Arbeitsmärkte angepassten) Gruppe reüssiert, wer sich weltoffen, vorurteilsfrei und offen für alle denkbaren kulturellen Kontexte präsentiert. Der moralische Einsatz für benachteiligte Minderheiten kostet in dieser Schicht wenig, bringt aber potentiell viel. Wild globalisierte Arbeitsmärkte sind für dieses sozio-kulturelle Milieu die Normalität, weil die Angehörigen dieses Milieus sicher sein können, immer ‚von oben‘ einzusteigen. Für die weniger gut ausgebildeten und ortsgebundenen ‚Somewheres‘ hingegen stehen die sozio-ökonomischen Schichten derjenigen, die sich durch globalisierte Arbeitsmärkte zu Recht bedroht fühlen, sei es, weil sie von migrantischer Billigkonkurrenz zu Hause gedrückt werden, sei es, weil sie selbst künftig besseren Verdienstmöglichkeiten nachreisen (und ebenfalls zu Migranten werden) müssen. Die viel geschmähten rechtspopulistischen Regierungen in einigen osteuropäischen Ländern leben von eben dieser Konstellation: Ihre gut ausgebildeten Fachkräfte gehen nach England, Deutschland, Frankreich, Italien etc., um besser zu verdienen, und ihre heimische ‚Somewhere‘-Bevölkerung wird durch Einwanderung unter verschärften Konkurrenzdruck gesetzt. Das ist für legitime politische Macht in denjenigen Nationalstaaten, die nicht zur attraktiven Spitzenklasse der Exportweltmeister (mit ausgeprägten ‚pull-Faktoren‘) gehören, eine erkennbar fatale Lage. Sie motiviert großzügige Sozialstaaten, Abwertung kosmopolitischer Tugenden und legitimiert Versuche, die gut ausgebildeten Teile der heimischen Bevölkerung im Inland zu halten.

Identitätspolitik tendiert zu separatistischen, essenzialistischen, anti-universalistischen Modellen von Identität und Kultur, die gegen einander in Stellung gebracht werden können (Fourest 2020: 52). Das gilt gleichermaßen für ‚linke‘ wie für ‚rechte‘ Identitätspolitik. Es sind die durchweg rechten Modelle des ‚Ethnopluralismus‘ (mit ihrer Vorstellung unhintergehbarer Verschiedenheit der Ethnien, Kulturen etc., die durch strikte Trennung ‚rein‘ gehalten werden sollen), welche die ‚linke‘ Identitätspolitik für ihre moralisierten Neogemeinschaften kopiert.

Kritik an den Blüten und Exzessen von Identitätspolitik kommt einerseits aus kulturkonservativen und rechten Milieus (vgl. Cancel Culture), soweit die medientauglichen Beispiele als ‚links‘ und hegemonial kodiert werden können, anderenteils aber auch aus links-universalistischen Zusammenhängen (vgl. Stegemann 2021, Fourest 2020) und auch von bewussten Vertretern mancher Minderheitsgruppen (z.B. Czollek 2018 für die identitätspolitisch vom deutschen ‚Gedächtnistheater‘ gern vereinnahmte jüdische community). Bezeichnend für den Identitätsdiskurs ist, dass die (grundsätzlichere und heftigere) linke Kritik an der ersten Welle (vor etwa 20 Jahren) bereits so gut wie vergessen ist (vgl. Niethammer 2000).

Beispiele

Für die Struktur identitätspolitisch kodierter medienöffentlicher Konflikte ist charakteristisch, dass ,linke‘, auf die Ermächtigung stigmatisierter Opfergruppen zentrierte Akteure (Frauen, Behinderte, Migranten, LGBTQ etc.) und ,rechte‘ ethno-identitäre Akteure einander Identitätspolitik vorwerfen. Massenmedial dominiert die Verwendung von Identitätspolitik als Stigmawort. Mediale Aufmerksamkeit kommandieren vor allem die (oben kurz erwähnten) Fälle, bei denen Sprecher und/oder Vertreter etablierter Minderheiten für sich das Recht darauf reklamieren, zu bestimmen, wie Angehörige anderer Gruppen von ihnen sprechen, auf sie Bezug nehmen, ihre kulturellen Eigenmerkmale nachahmen oder übernehmen dürfen (cancel culture).

(1) Legendär (zumindest im Feuilleton) sind mittlerweile die lautstarken Konflikte zwischen Gruppen, die sich eigentlich beide dem Spektrum der benachteiligten Minderheiten zurechnen. Viel Aufmerksamkeit finden die Scharmützel zwischen traditionell feministischen Akteuren (Alice Schwarzer, Joanne K. Rowling) und Trans-Gruppierungen, die gut den identitätspolitischen Überbietungsgestus illustrieren: Wer steht höher (bzw. niedriger) in der zusehends exklusiven Opferhierarchie? Trans-Communities werfen feministischen Gruppierungen vor, längst zu der Mehrheitsgesellschaft zu gehören, die eigentlich Buße tun und die eigenen Privilegien reflektieren müsste. Das Reflektieren der eigenen Privilegien – check your privileges! – steht für die Möglichkeit der Mehrheitsgesellschaft, ebenfalls am moralischen Wettbewerb teilzunehmen. Für die übrigen gibt es so etwas wie einen Viktimisierungswettbewerb (Fourest 2020: 101 ff., Nagle 2018: 97 f.). Wenn es Erfolg verspricht, zu den ,guten Opfern‘ zu gehören, dann muss diese Währung verknappt werden. Es genügt dann nicht mehr, zu irgendeiner Opfergruppe zu gehören, es muss eine besonders diskriminierte sein (vgl. Nagle 2018: 94 f.). In diesen Wettbewerb steigen auch rechte Identitäre ein und versuchen, die eigene Bio-Ethnie als Opfergruppe zu etablieren. In der moralisierten Öffentlichkeit dient der Opferstatus dazu, die ,anderen‘ zum schweigen zu bringen. Aktive Kritik an der Opfergruppe macht die Sprecher zu Tätern.

(2) Ein besonders markanter Ort für identitätspolitische Konflikte ist naturgemäß das Theater. Schauspieler sind definiert durch die Übernahme von Identitäten, die nicht die Ihren sind. Wer also das Groteske und Lächerliche an den identitätspolitischen Konflikten zeigen möchte, der stürzt sich gerne auf einschlägige Fälle. Die Publizistin und Filmemacherin Caroline Fourest (2020) listet zahllose einschlägige Beispiele. Für enorme Aufregung in der französischen Öffentlichkeit sorgte der Fall des dezidiert antirassistischen, antikolonialen und multikulturellen „Théatre du soleil“ (gegründet von Ariane Mnouchkine 1964). In Kanada und Frankreich gelang es einer identitätspolitisch aufgeheizten Kampagne, die Einstellung eines Stücks dieser Truppe zu erreichen, weil die Rollen der Angehörigen einer indigenen Gruppe nicht von Angehörigen eben dieser Gruppe gespielt wurden (Fourest 2020: 74 ff.).

(3) Zum identitätspolitischen Dispositiv gehört es, dass die Zulässigkeit von Handlungen und Äußerungen an den Status der Sprechenden (und der Besprochenen) in der Hierarchie der Opfercommunities gebunden wird. Ein markantes Beispiel bildet der von Hengameh Yaghoobifarah in der TAZ vom 15. Juni 2020 veröffentlichte Text, in dem die Autorin (semi-satirisch) alle Polizisten auf der Müllhalde entsorgen wollte. Wer öffentlich vorschlagen wollte, alle Migranten solchermaßen zu entsorgen, wäre selbstverständlich Rassist, Nazi etc. Dass vor diesem Hintergrund die Stimmen lauter werden, die die Angehörigen der Exekutive ebenfalls als Opfergruppe konstituieren wollen, sollte niemanden wundern.

 

Literatur

Zum Weiterlesen

  • Knobloch, Clemens (2023): Identität und Identitätspolitik. In:
    kultuRRevolution, Nr. 84, S. 48-53.

Zitierte Literatur

  • Burkhardt, Michael (2020): Identitätspolitik ist Klassenkampf. In: Der Freitag – blog vom 5.11.2020. Online unter: https://www.freitag.de/autoren/mburkhardt/identitaetspolitik-ist-klassenkampf-1 ; Zugriff: 05.07.2023.
  • Czollek, Max (2018): Desintegriert Euch! München: Hanser.
  • Fischer, Karsten (2006): Moralkommunikation der Macht. Politische Konstruktion sozialer Kohäsion im Wohlfahrtsstaat. Wiesbaden: VS.
  • Fourest, Caroline (2020): Generation Beleidigt. Von der Sprachpolizei zur Gedankenpolizei. Über den wachsenden Einfluss linker Identitärer. Berlin: tiamat.
  • Koppetsch, Cornelia (2019): Die Gesellschaft des Zorns. Rechtspopulismus im globalen Zeitalter. Bielefeld: transcript.
  • Manow, Philipp (2020): (Ent-)Demokratisierung der Demokratie. Berlin: Suhrkamp.
  • Nagle, Angela (2018): Die digitale Gegenrevolution. Bielefeld: transcript.

  • Niethammer, Lutz (2000): Kollektive Identität. Heimliche Quellen einer unheimlichen Konjunktur. Reinbek: Rowohlt.
  • Reckwitz, Andreas (2017): Die Gesellschaft der Singularitäten. Berlin: Suhrkamp.
  • Stegemann, Bernd (2021): Die Öffentlichkeit und ihre Feinde. Stuttgart: Clett-Kotta.
  • Vobruba, Georg (1994): Gemeinschaft ohne Moral. Theorie und Empirie moralfreier Gemeinschafts-Konstruktionen. Wien: Passagen-Verlag.

Zitiervorschlag

Knobloch, Clemens (2022): Identitätspolitik. In: Diskursmonitor. Glossar zur strategischen Kommunikation in öffentlichen Diskursen. Hg. von der Forschungsgruppe Diskursmonitor und Diskursintervention. Veröffentlicht am 17.10.2022 (v. 2.3). Online unter: https://diskursmonitor.de/glossar/Identitätspolitik.

Grundbegriffe

Hegemonie

Wie der britische Politikwissenschaftler Perry Anderson 2018 in einer umfassenden, historisch weit ausgreifenden Studie zum Gebrauch des Begriffs Hegemonie und seinen Konjunkturen beschreibt, liegen die historischen Wurzeln des Begriffs im Griechischen, als Bezeichnung für Führung (eines Staatswesens) mit Anteilen von Konsens.

Diskurskompetenz

Im engeren, linguistischen Sinn bezeichnet Diskurskompetenz die individuelle sprachlich-kommunikative Fähigkeit, längere zusammenhängende sprachliche Äußerungen wie Erzählungen, Erklärungen, Argumentationen zu formulieren und zu verstehen.

Agenda Setting

Rassistisch motivierte Gewalt, Zerstörung des Regenwaldes, Gender pay gap: Damit politische Institutionen solche Probleme bearbeiten, müssen sie erst als Probleme erkannt und auf die politische Tagesordnung (Agenda) gesetzt werden. Agenda Setting wird in Kommunikations- und Politikwissenschaft als eine Form strategischer Kommunikation beschrieben, mithilfe derer Themen öffentlich Gehör verschafft und politischer Druck erzeugt werden kann.

Medien

Die Begriffe Medien/Massenmedien bezeichnen diverse Mittel zur Verbreitung von Informationen und Unterhaltung sowie von Bildungsinhalten. Medien schaffen damit eine wesentliche Grundlage für Meinungsbildung und Meinungsaustausch.

Macht

Macht ist die Fähigkeit, Verhalten oder Denken von Personen zu beeinflussen. Sie ist Bestandteil sozialer Beziehungen, ist an Kommunikation gebunden und konkretisiert sich situationsabhängig. Alle expliziten und impliziten Regeln, Normen, Kräfteverhältnisse und Wissensformationen können aus diskursanalytischer Perspektive als Machtstrukturen verstanden werden, die Einfluss auf Wahrheitsansprüche und (Sprach)Handlungen in einer Gesellschaft oder Gruppe nehmen.

Normalismus

Normalismus ist der zentrale Fachbegriff für die Diskurstheorie des Literaturwissenschaftlers Jürgen Link. Die Normalismus-Theorie fragt danach, wie sich Vorstellungen von ‚Normalität‘ und ‚Anormalität‘ als Leit- und Ordnungskategorien moderner Gesellschaften herausgebildet haben.

Wissen

Kollektives Wissen von sozialen Gruppen ist sowohl Voraussetzung als auch Ziel strategischer Kommunikation in öffentlichen Diskursen. Es wird geprägt durch individuelle Erfahrung, aber auch in Diskursgemeinschaften kommunikativ geteilt – vor allem im Elternhaus, in Peergroups und Bildungseinrichtungen sowie durch Medienkonsum.

Werbung

Werbung ist ein Kommunikationsinstrument von Unternehmen, das der Positionierung im Markt dient und je nach Situation des Unternehmens auf Einführung, Erhalt oder Ausbau von Marktanteilen und damit letztlich auf ökonomischen Gewinn abzielt.

Mediale Kontrolle

Medien werden vielfältig zur Durchsetzung von Macht verwendet. So in der Zensur, wenn eine politische Selektion des Sagbaren und des Unsagbaren stattfindet; in der Propaganda, wenn eine Bevölkerung von den Ansichten oder wenigstens der Macht einer bestimmten Gruppe überzeugt werden soll; oder in der Überwachung, die unerwünschtes Verhalten nicht nur beobachten, sondern unwahrscheinlich machen soll.

Freund- und Feind-Begriffe

Freund-, Gegner- und Feindbegriffe sind Teil der Politischen Kommunikation. Sie bilden die Pole eines breiten Spektrums von kommunikativen Zeichen, mit denen politische Akteure sich selbst und ihre politischen Gegner im Kampf um beschränkte Ressourcen auf dem diskursiven Schlachtfeld positionieren.

Techniken

Redenschreiben

Wer Reden schreibt, bereitet die schriftliche Fassung von Reden vor, die bei besonderen Anlässen gehalten werden und bei denen es auf einen ausgearbeiteten Vortrag ankommt.

Offener Brief

Bei einem offenen Brief handelt es sich um eine strategische Praktik, die genutzt wird, um Anliegen einer Person oder Gruppe öffentlich sichtbar zu machen. Die Texte, die als offene Briefe bezeichnet werden, richten sich an eine Person oder Institution und werden über Medien veröffentlicht.

Kommunikationsverweigerung

Unter dem Begriff Kommunikationsverweigerung lässt sich ein Bündel von Praktiken und Strategien fassen, die den kommunikativen Austausch zu erschweren oder zu verhindern suchen.

Flugblatt

Unter Flugblättern versteht man einseitige Druckerzeugnisse, die ursprünglich meist illustriert waren. Eng verwandt sind die mehrseitigen Flugschriften. Während Flugschriften und Flugblätter heute kostenlos verteilt werden oder zur Mitnahme ausliegen, wurden sie in der Frühen Neuzeit zunächst als Handelswaren verkauft und gingen so als frühe Massenmedien den Zeitungen voraus.

Passivierung

Unter Passivierung versteht man die Formulierung eines Satzes in einer grammatischen Form des Passivs. Das Passiv ist gegenüber dem Aktiv durch die Verwendung von Hilfsverben formal komplexer. Seine Verwendung hat unter anderem zur Folge, dass handelnde Personen im Satz nicht genannt werden müssen, was beispielsweise in Gesetzestexten für eine (gewünschte) größtmögliche Abstraktion sorgt („Niemand darf wegen seines Geschlechts […] benachteiligt oder bevorzugt werden.“ Art. 3 GG).

Aufopferungs-Topos

Als Aufopferungs-Topos wird in der Diskursforschung ein Argumentationsmuster bezeichnet, das zwei strategische Funktionen erfüllen kann: einerseits kann es dazu dienen, mit der Behauptung eines besonderen Ressourceneinsatzes (z.B. Einsatz von Geld, Zeit oder emotionaler Belastung) einen hohen Achtungswert für eine Person, eine Sache bzw. für ein Ziel zu plausibilisieren. Andererseits können Akteure besondere Privilegien (wie z.B. Wertschätzung, Entscheidungsbefugnisse und Mitspracherechte) reklamieren, wenn sie sich für eine bereits in der sozialen Bezugsgruppe hochgeschätzte Sache engagieren.

Opfer-Topos

Als Opfer-Topos bezeichnet man eine diskursive Argumentationsstrategie, bei der sich Akteure als ‚Opfer‘ gesellschaftlicher Urteilsbildung inszenieren und damit eigene Interessen – vor allem Aufmerksamkeit und Berücksichtigung von Bedürfnissen – geltend zu machen versuchen.

Analogie-Topos

Der Analogie-Topos zählt zu den allgemeinen bzw. kontextabstrakten Argumentationsmustern, die genutzt werden können, um für oder gegen eine Position zu argumentieren. Analogie-Topoi werden von verschiedenen Akteuren und Akteursgruppen strategisch eingesetzt, um eine zustimmende Haltung bei den Zielgruppen zu bewirken.

Topos der düsteren Zukunftsprognose

Der Topos der düsteren Zukunftsprognose beschreibt ein Argumentationsmuster, bei dem eine negative, dystopische Zukunft prognostiziert wird. Dabei wird auf die drohenden Folgen einer Krise oder einer allgemeinen Gefahr verwiesen, aus der eine negative Zukunft bei falschem Handeln resultieren wird.

Negativpreis

Ein Negativpreis ist eine Auszeichnung an Personen oder Organisationen (meist Unternehmen), die sich oder ihre Produkte positiv darstellen und vermarkten, ihre Versprechen aus Sicht des Preisverleihers allerdings nicht einhalten. Dabei dient der Preis durch seine Vergabe vor allem dem Zweck, Aufmerksamkeit zu erregen, mediale Präsenz auf ein Thema zu lenken und den Preisträger in seinem moralischen Image zu beschädigen.

Schlagwörter

Verfassung

Die Verfassung eines Landes (in Deutschland das Grundgesetz von 1949) steht für die höchste und letzte normative und Legitimität setzende Instanz einer staatlichen Rechtsordnung. In der offiziellen Version demokratischer Selbstbeschreibung ist es das Volk selbst, das sich in einem rituellen Gründungsakt eine Verfassung gibt.

Toxizität / das Toxische

Es ist nicht immer ganz eindeutig bestimmbar, was gemeint wird, wenn etwas als toxisch bezeichnet wird. Zeigen lässt sich zwar, dass sich die Bedeutung von ‚giftig‘ hin zu ‚schädlich‘ erweitert hat, doch die Umstände, unter denen etwas für jemanden toxisch, d. h. schädlich ist, müssen aus der diskursiven Situation heraus erschlossen werden.

Zivilgesellschaft

Im gegenwärtigen deutschen Sprachgebrauch werden so heterogene Organisationen, Bewegungen und Initiativen wie ADAC und Gewerkschaften, Trachtenvereine und Verbraucherschutzorganisationen, Umweltorganisationen und religiöse Gemeinschaften zur Zivilgesellschaft gezählt.

Demokratie

Der Ausdruck Demokratie dient häufig zur Bezeichnung einer (parlamentarischen) Staatsform und suggeriert die mögliche Beteiligung aller an den Öffentlichen Angelegenheiten. Dabei ist seine Bedeutung weniger eindeutig als es den Anschein hat.

Plagiat/Plagiarismus

Plagiarismus ist ein Begriff, der sich im öffentlichen Diskurs gegen Personen oder Produkte richten kann, um diese in zuweilen skandalisierender Absicht einer Praxis unerlaubter intermedialer Bezugnahme zu bezichtigen. Die Illegitimität dieser Praxis wird oft mit vermeintlichen moralischen Verfehlungen in Verbindung gebracht.

Fake News

Fake News wird als Schlagwort im Kampf um Macht und Deutungshoheit in politischen Auseinandersetzungen verwendet, in denen sich die jeweiligen politischen Gegenspieler und ihre Anhänger wechselseitig der Lüge und der Verbreitung von Falschnachrichten zum Zweck der Manipulation der öffentlichen Meinung und der Bevölkerung bezichtigen.

Lügenpresse

Der Ausdruck Lügenpresse ist ein politisch instrumentalisierter „Schlachtruf“ oder „Kampfbegriff“ gegen etablierte und traditionelle Medien. Dabei wird häufig nicht einzelnen Medien-Akteuren, sondern der gesamten Medienbranche vorgeworfen, gezielt die Unwahrheit zu publizieren.

Antisemitismus

Mit Antisemitismus werden gemeinhin alle jene Phänomene bezeichnet, die sich gegen das Judentum oder gegen Jüdinnen*Juden als Jüdinnen*Juden richten. Die entsprechenden Erscheinungen reichen von der bloßen Distanzierung und Behauptung jüdischer Andersartigkeit, über vollständig ausgearbeitete Weltbilder, die Jüdinnen*Juden für sämtliche Probleme verantwortlich machen, bis hin zu massiven Ausgrenzungs-, Verfolgungs- und Gewaltpraktiken.

Grammatiknazi / Grammar Nazi

Das überwiegend negativ konnotierte Schlagwort Grammatiknazi – als Übersetzung von engl. grammar nazi – wird zur Benennung von Personen verwendet, die meist in eher informellen Kontexten der öffentlichen Internetkommunikation (u. a. in Foren, Kommentarbereichen auf Nachrichtenportalen, sozialen Netzwerken) ungefragt Sprachkritik an den Äußerungen anderer (häufig fremder) Kommunikationsteilnehmer*innen üben.

Respekt

Respekt oder respektvolles Verhalten wird eingefordert für die Eigengruppe (bzw. von der Eigengruppe), für wirklich oder vermeintlich diskriminierte Gruppen, für abweichende Meinungen. Mitgemeint ist bei der Forderung nach Respekt meist eine positiv bewertete Szene der (sozialen, kulturellen, ethnischen, sexuellen etc.) Vielfalt/Diversität.

Verschiebungen

Ökonomisierung

Ökonomisierung wird in gegenwärtigen Diskursen in der Regel zur Bezeichnung von Prozessen verwendet, in denen die spezifisch wirtschaftlichen Funktions-Elemente wie Markt, Wettbewerb/Konkurrenz, Kosten-Nutzen-Kalküle, Effizienz, Gewinnorientierung in Bereiche übertragen werden, die zuvor teilweise oder ganz nach anderen Leitkriterien ausgerichtet waren

Moralisierung

Moralisierung verlagert Macht- und Interessenkonflikte in die Sphäre der Kommunikation von Achtung / Missachtung. Sie reduziert Ambivalenz zugunsten einer Polarisierung von gut und böse.

Konstellationen

Skandal

Die Diskurskonstellation des Skandals zeichnet sich durch eine in den Medien aufgegriffene (bzw. durch sie erst hervorgerufene) empörte Reaktion eines erheblichen Teils der Bevölkerung auf einen tatsächlichen oder vermeintlichen Missstand aus. Die schuldhafte Verursachung dieses Missstandes wird dabei einem gesellschaftlichen Akteur zugeschrieben, dessen Handeln als ‚unmoralisch‘ gedeutet wird.