DiskursGlossar

Demonstrieren

Kategorie: Techniken
Verwandte Ausdrücke: Auf die Straße gehen, Straßenprotest, Kundgebung, öffentliche Versammlung, Mahnwache, Menschenkette, Marsch, Sitzblockaden
Siehe auch: Protest, Politische Aktion, Politische Bildung, Parole, Guerillakommunikation, Agenda Setting, Flugblatt, Hashtag
Autorin: Antje Wilton
Version: 1.0 / Datum: 15.03.2026

Kurzzusammenfassung

Demonstrieren kann als eine situierte Praktik öffentlicher Meinungsäußerung betrachtet werden. Situiert bedeutet in diesem Fall, dass die Demonstration als kommunikative Praktik an einen bestimmten Ort und eine bestimmte Zeit gebunden und in dieser Situiertheit bedeutsam ist. Demonstrationen manifestieren sich durch die körperliche Anwesenheit von Personen, die mit unterschiedlichen sprachlichen Mitteln ihr Anliegen öffentlich wahrnehmbar machen. Dabei fungiert der Körper als symbolischer Träger der Meinungsäußerung und verleiht dieser besonderen Nachdruck – nicht zuletzt dadurch, dass die Demonstrierenden damit unter Umständen ihre körperliche Unversehrtheit riskieren. Die Demonstration als öffentliche Meinungsäußerung bezieht sich typischerweise auf politische und gesellschaftliche Ereignisse oder Sachverhalte, auf die aufmerksam gemacht werden soll oder gegen bzw. für die sich die Demonstrierenden positionieren wollen. Demonstrationen sind daher eine klassische Praktik des gesellschaftlichen Protests. Für das Verständnis öffentlicher Diskurse relevant sind die kollektiven sprachlichen Äußerungsmöglichkeiten im Rahmen der Demonstration als einer situierten, und damit verkörperten und ortsbezogenen, kommunikativen Praktik.

Erweiterte Begriffsklärung

Der Begriff Demonstration wurde Mitte des 16. Jahrhunderts aus dem Lateinischen (von dēmōnstrātio = Darlegung) entlehnt; die Bedeutung ‚öffentliche Kundgebung zur Durchsetzung politischer Ziele’ entstand jedoch erst im 19. Jahrhundert unter dem Einfluss der englischen demonstration (DWDS o. J.). Zu dieser Zeit entwickelten sich in Reaktion auf den fortschreitenden Kapitalismus und seine wirtschaftlichen Auswirkungen und die Zentralisierung von politischer Macht auf der nationalen Ebene sogenannte Straßenproteste, die in Abgrenzung zu den auf unmittelbare Wirkung ausgelegten gewalttätigen Aktionen diverser Gruppen besonderen Wert auf Organisation, Disziplin und Respektabilität legten (vgl. Reiss 2016: 354). Mit der Zeit etablierten sich aber neben der klassischen Straßendemonstration als Marsch bzw. Versammlung, zu der auch Abwandlungen wie Mahnwachen und Menschenketten gehören, zunehmend Unterformen des gewaltfreien zivilen Ungehorsams, wie beispielsweise Sitzblockaden (vgl. Reiss 2016). Die Demonstration als eine Inanspruchnahme des öffentlichen Raums zur Meinungskundgebung auf der Basis der Versammlungsfreiheit ist also eine Form des Protests, die körperliche Anwesenheit in unterschiedlichen Ausprägungen als symbolisches Potenzial nutzt (vgl. Pabst 2016).

Demonstrationen sind in der Regel gekennzeichnet durch

  1. eine Versammlung mehrerer Personen an einem bestimmten Ort zu einer bestimmten Zeit,
  2. einer gemeinsamen inhaltlichen Positionierung der Gruppe und
  3. typischen sprachlichen Ausdrucksformen wie Banner und Plakate, Sprechchöre und Redebeiträge geladener Redner:innen.

Demonstrieren wirkt trotz der mittlerweile sehr zahlreichen und einflussreichen Möglichkeiten digitaler Partizipation (vgl. Dang-Anh 2019, Engelmann et al. 2019) immer noch durch die physische Anwesenheit von (potenziell sehr vielen) Menschen, die – zumindest in der BRD und anderen westlichen Demokratien – damit ihr grundgesetzlich verbrieftes Recht auf Versammlungsfreiheit, „verstanden als Freiheit zur kollektiven Meinungsäußerung“ (Leusch 2023) wahrnehmen; für eine funktionierende Demokratie also „grundlegende und unentbehrliche Funktionselemente“ (Leusch 2023) in Anspruch nehmen (vgl. auch Reiss 2016: 352). In Gesellschaften, in denen das Recht auf Versammlung nicht gesichert ist oder sogar aktiv unterdrückt wird, sind Demonstrierende gerade durch ihre physische Anwesenheit oft körperlich gefährdet, da sie mit der gewaltsamen Auflösung der Versammlung durch staatliche Organe konfrontiert sind. In solchen Situationen ist die Meinungsäußerung auf offener Straße potenziell lebensgefährlich, wie 2022 z. B. bei den Demonstrationen für Frauenrechte (Women – Life – Freedom) im Iran deutlich wurde. Umgekehrt kann aber auch die Menge an Menschen einen gewissen Schutz bieten, da große Menschenmengen schwerer unter Kontrolle zu bringen sind.

Als diskursive Praktik, die in Raum und Zeit verankert ist, bedient sich das Demonstrieren verschiedener sprachlicher Ausdrucksformen, von denen insbesondere die schriftlichen konstituierend sind. Demonstrierende werden Teil der sprachlichen Landschaft eines Ortes, wenn sie typischerweise beschriftete Plakate und Banner sichtbar mit sich tragen. Demoplakate sind eine Form der strategischen Kommunikation mit dem Ziel der Positionierung des/der Autor:in oder Träger:in und der dadurch zu erreichenden Beeinflussung potenzieller Adressat:innen (vgl. Vogel 2021). Dafür steht den Autor:innen  begrenzter Platz zur Verfügung, da die Plakate zum einen transportabel, zum anderen auch aus der Distanz gut lesbar und vor allem schnell erfassbar sein müssen. Darüber hinaus gibt es oft polizeiliche Auflagen zu Beschaffenheit und Material der Kommunikate, die sich ebenfalls auf Größe und Ausführung auswirken können. Die Granularität des Produkts ist also entscheidend bei der Planung der jeweiligen Aussage in schriftlicher Form.

Bei einer Demonstration kommunizieren Teilnehmer:innen in unterschiedlichen Modi:

  • schriftlich (Plakate, Banner, Aufkleber, Flyer, aber auch bedruckte Kleidung usw.),
  • visuell (z. B. durch Farben, Symbole, Logos, Schriftarten),
  • mündlich (Reden, Gesänge, Sprechchöre),
  • materiell (Berufskleidung, einheitliche Kopfbedeckungen, Schirme, Trillerpfeifen etc.) und
  • körperlich situiert, z. B. durch koordiniertes Gehen, Sitzen oder Liegen, das Halten und Präsentieren von Plakaten sowie koordinierte Gesten, die beispielsweise skandierte Sprechchöre begleiten.

Schon das alleinige Einnehmen einer bestimmten Körperhaltung als Inszenierung von Plakatdarbietung oder das Zeigen eines leeren (weißen) Plakats wurden bei Demonstrationen in Russland, der Ukraine sowie in Kasachstan als Ausdruck von Regierungskritik gewertet und entsprechend sanktioniert (siehe z. B. die folgenden (nicht verifizierten) Berichte: vgl. IMI 2019; reddit 2023; Seidler 2022). Das Demonstrieren ist also von physischer Präsenz und dem Einsatz von Materialität geprägt. Somit wird das Zeigen von physischer Mächtigkeit besonders relevant, die in funktionierenden Demokratien weniger Gewalt androhen soll, sondern vielmehr Relevanz und Popularität ausweist, auch mit Blick auf die mediale Aufnahme und Verbreitung des Ereignisses. So erklären sich auch öfters divergente Angaben – z. B. von Polizei versus Veranstalter:innen – zu Teilnehmerzahlen an einer Demonstration.

Performanzanalytisch gesehen sind Demonstrationen temporäre Produkte kollektiven Handelns im Vollzug (vgl. Sommer 2024). Sie finden typischerweise im öffentlichen urbanen Raum an bebauten Orten statt, deren architektonische Struktur die inszenierte und erlebte Körperlichkeit wesentlich beeinflusst (vgl. Hausendorf et al. 2016). Ein architektonisch umschlossener Raum als Demonstrationsort kann beispielsweise die Immersivität (das gefühlte ‚Eintauchen‘) eines Demonstrationsereignisses erhöhen und so den Eindruck der Zusammengehörigkeit verstärken, da äußere Eindrücke (wie z. B. Gegendemonstrationen) minimiert und interne Äußerungen (z. B. Sprechchöre) aus dem Ereignis heraus maximiert werden (vgl. Sommer 2024: 297). Die körperliche Anwesenheit der Demonstrierenden erlaubt nicht nur ein physisches und emotionales Erleben der Situation, sondern auch den Einsatz des Körpers als Symbolträger sowie der Inszenierung des Körpers als potenziell vulnerables Objekt (manufactured vulnerability, vgl. Doherty 1999). Je nach Demonstrationsanlass und -verlauf sind Demonstrierende körperlichen Auseinandersetzungen mit Gegendemonstrant:innen oder repressiven Maßnahmen bis hin zur Gewaltanwendung durch Ordnungskräfte ausgesetzt (vgl. Pabst 2016).

Diskursanalytisch besonders relevant sind durch ihre Materialität geprägte sprachliche Beiträge in der Demonstrationssituation, wie Plakate, Banner, beschriftete Kleidung o. ä. Typischerweise sind die Plakate von den Demonstrierenden mit einfachen Mitteln selbst angefertigt, oft erst kurz vor dem Ereignis (vgl. Kreil 2021: 3). Sind größere Verbände an den Demonstrationen beteiligt, kommen auch professionell hergestellte Banner und Plakate zum Einsatz. Plakate werden zumeist individuell getragen, da das gemeinsame Tragen eines Banners oder eines Schriftzugs aus einzelnen Plakaten besondere Anforderungen an die Koordination der mobilen Gruppe stellt (vgl. Mondada 2017), damit die Schrift lesbar wird bzw. bleibt.

Die einheitliche oder wiederkehrende Verwendung von Farben und/oder Symbolen bietet die Möglichkeit der Vergemeinschaftung und intertextuellen Verknüpfung durch die erleichterte Identifikation der demonstrierenden Gruppe und ihrem Anliegen über mehrere Demonstrationsanlässe hinweg. In einigen Fällen kann Vergemeinschaftung bei Demonstrationen auch durch eine Einheitlichkeit der Bekleidung erreicht werden, die aber wegen des Verbots der Uniformierung (vgl. Leusch 2023) nur in bestimmten Fällen als zulässig anerkannt wird (z. B. das Tragen von weißen Kitteln bei Demonstrationen von Ärzt:innen, Apotheker:innen oder Pflegepersonal).

Kommunikate nehmen darüber hinaus auch konkret Bezug auf die räumlichen Verhältnisse, entweder ganz lokal, indem sich Plakate z. B. auf den/die Träger:in oder auf Träger:innen untereinander beziehen und dann nur in dieser Kombination interpretierbar sind (siehe Abbildungen 1 und 4), oder in Bezug auf den Demonstrationsort verfasst sind (siehe Abbildungen 2 und 3). Auf diese Weise werden die schriftlichen Kommunikate als ortsbezogen erkenn- und interpretierbar.

Abbildung 1: Instagram-Post vom 27.01.2024_Omas gegen Rechts (Omas gegen Rechts 2024)
Abbildung 2: Instagram-Post vom 27.01.2024_Marzipan (franzischaedel 2024)
Abbildung 3: Instagram-Post vom 18. Februar 2024_Braunschweig (joerg_spengler 2024)

Das obige Bildmaterial zeigt zudem, dass Demonstrationen in ihrer kommunikativen Performanz auch den medialen und digitalen Raum instrumentalisieren (vgl. Dang-Anh 2019). Schon die Organisation im Vorfeld einer Demonstration wird durch Mobilisierung, Planung und Ankündigung in den (sozialen) Medien, auf Plattformen und in Chatgruppen strukturiert. Zudem ermöglicht die Kombination der körperlichen Präsenz von (vielen) Menschen und deren Einsatz mobiler Endgeräte eine vervielfachte, dezentrale und ebenfalls situierte Dokumentation des Ereignisses in Echtzeit (vgl. Neumayer/Stald 2014).

Durch die Möglichkeiten der Berichterstattung und Übertragung in unterschiedlichen Medien können und sollen auch Adressat:innen angesprochen werden, die gerade nicht vor Ort sind (vgl. Kreil 2021: 3). Somit kann das Anliegen der Demonstrierenden, z. B. durch die Verwendung des Englischen, ein internationales Publikum erreichen (vgl. Kasanga 2014), was insbesondere in autokratischen Regimes, in denen Menschen gegen ihre Unterdrückung demonstrieren, von besonderer Bedeutung sein kann. Die Übersetzung von Slogans und Forderungen ins Englische ermöglicht so eine unter Umständen weltweite Solidarisierung mit dem Anliegen der Demonstrierenden, wie beispielsweise bei den Protesten im Rahmen des Arabischen Frühlings (vgl. Kasanga 2014). Digitale Medien ermöglichen zudem mit minimalen Mitteln der Kennzeichnung und Vernetzung wie beispielsweise dem Hashtag sowohl eine Vergrößerung der Reichweite als auch eine Solidarisierung mit Protesten, die nicht unmittelbar räumlich zugänglich sind. Aber auch in demokratischen Staaten mit Meinungs- und Versammlungsfreiheit können die Verwendung des Englischen sowie Vernetzungsmechanismen wie Hashtags den Anspruch signalisieren, zu einer internationalen oder globalen Bewegung zu gehören (siehe z. B. Fridays for Future) beziehungsweise dazu dienen, das eigene, lokale Anliegen als international oder global zu inszenieren (vgl. Kreil 2021: 2). Ein weiterer Effekt von großen und/oder lang andauernden Demonstrationen, die sich als Bewegung verfestigen und etablieren (vgl. Reiss 2016), ist die Verankerung im kollektiven historischen Gedächtnis der Gesellschaft. Dies funktioniert insbesondere über griffige Slogans (Atomkraft – nein danke!) und ggf. den dazugehörigen Symbolen (rote Sonne, gelbe Regenschirme als symbolische Gegenstände).

Die gleichzeitige physische Präsenz sehr vieler Menschen stellt außerdem eine logistische Herausforderung und in den meisten Fällen auch eine Störung (Disruption) der alltäglichen raumbasierten Abläufe wie Verkehr, Zugang zu Gebäuden und Plätzen sowie Arbeitsroutinen im öffentlichen Raum dar. Diese Disruption kann allein durch die Größe der Menschenmenge oder aber gezielt durch die gewählte Protestform erreicht werden – so zum Beispiel durch das Ankleben oder Anbinden von Gliedmaßen an Straßen oder Infrastruktur oder durch das Blockieren von Zugängen und Räumen mit dem eigenen Körper oder auch Gegenständen wie Fahrzeugen (siehe auch Guerillakommunikation). Im öffentlichen Diskurs sind geplant disruptive Demonstrationen oft negativer Kritik ausgesetzt, da sie den Alltag der Bevölkerung zum Teil empfindlich beeinträchtigen und somit mehr oder weniger deutlich auf Unverständnis stoßen. Zusätzliche mediale Skandalisierung wie beispielsweise die Empörung über vermeintliche Behinderungen von Rettungswagen bei disruptiven Demonstrationen der ‚Letzten Generation’ (vgl. Machowecz/Schirmer 2023) können die Ablehnung solcher ortsfesten Demonstrationsformen in der Bevölkerung befördern.

Durch diese gerade bei großen Demonstrationen disruptive physische Präsenz können Menschen aber durch ihre Anwesenheit und mit minimalen sprachlichen Ausdrucksmitteln (mediale) Aufmerksamkeit generieren und so am politischen und demokratischen Geschehen und dem dazugehörigen agenda setting teilnehmen. Große Demonstrationen wirken vor allem mit der Masse an Teilnehmer:innen und stellen Indikatoren für Stimmungsbilder in der Gesellschaft und der Gruppierungen, die sich am Anliegen beteiligen, dar. Solche Ereignisse sind dann für die Politik nur schwer zu ignorieren und erfordern zumindest Stellungnahmen.

Beispiele

(1) Demonstrationen gegen Rechts/für Demokratie: Zu Beginn der Jahre 2024 und 2025 gingen insgesamt mehrere Millionen Menschen auf die Straße, um gegen rechte und rechtspopulistische Politik zu protestieren. Anlass war die Veröffentlichung einer Correctiv-Recherche am 10. Januar 2024 über eine Zusammenkunft von Vertretern der AfD, konservativer Parteien und anderer Personen aus Wirtschaft und Gesellschaft, auf der am 25.11.2023 in Wannsee Pläne der AfD zur sogenannten Remigration von Menschen mit Migrationshintergrund in ihre vermeintlichen Heimatländer besprochen wurde. Durch investigative Berichterstattung wurde dieses Treffen öffentlich und mobilisierte Menschen landesweit, gegen diese Pläne zu demonstrieren. Wochenlang fanden in ganz Deutschland zum Teil sehr große Demonstrationen statt. Ähnliches geschah auch zu Beginn des Jahres 2025, als sich eine hohe Zustimmung zur AfD in der vorgezogenen Bundestagswahl abzeichnete und der Vorsitzende der CDU, Friedrich Merz, entgegen seines bisherigen Versprechens zur Abstimmung des Fünf-Punkte-Plans zur Migration die Zustimmung der AfD zumindest billigend in Kauf nahm. Der Raumbezug dieser Demonstrationen besteht zum einen in der Gleichzeitigkeit der Veranstaltungen in verschiedenen Städten Deutschlands, womit eine überregionale, nationale Solidarität signalisiert wurde. Zum anderen drückten viele der verwendeten Kommunikate einen deutlichen Ortsbezug aus (siehe die Bildbeispiele oben), um die Position der Bürger:innenschaft der jeweiligen Stadt bzw. des Ortes explizit mit der Stadt in Verbindung zu bringen. Diese Ortsbezogenheit signalisiert eine kollektive Verbundenheit der Einwohner:innen mit dem jeweiligen Ort als ein lebenswerter, demokratiebefürwortender und weltoffener Raum. Bezeichnend ist in diesem Zusammenhang die Reaktion des CDU-Kanzlerkandidaten Friedrich Merz, der am Vorabend der Wahl die Demonstierenden als Spinner diffamierte und durch eine deutliche räumliche Trennung (die da draußen) auch den öffentlichen Raum als Arena des zivilgesellschaftlichen Engagements herabwertete (vgl. Tagesschau 2025).

(2) Demonstrationen an der Schnittstelle zwischen Protest und künstlerischer Performanz setzen den Körper in seiner inszenierten Verwundbarkeit in Szene. Ein aktuelles (Mai 2025) Beispiel sind die Demonstrationen der Initiative #LiegendDemo (siehe auch Hashtag), die auf die unzureichende Forschungs- und Versorgungslage ME/CFS-Erkrankter aufmerksam machen. Bundesweit versammelten sich Betroffene, Angehörige und solidarische Personen und demonstrierten liegend oder in Rollstühlen für Sichtbarkeit und therapeutische Hilfe. Durch die für Demonstrationen ungewöhnliche und die physische Verletzlichkeit besonders deutlich machende liegende Haltung wurde der gesundheitliche Zustand der Betroffenen situiert und verkörpert; die (zeitweilige) Regungslosigkeit sowie Stille der Demonstrierenden, die liegend ihre Plakate und Transparente hochhielten, verstärkten den Eindruck der Verletzlichkeit. Umso bezeichnender sind Berichte körperlicher Übergriffe und Pöbeleien, denen die Demonstrierenden an einigen Standorten ausgesetzt waren.

Abbildung 4: Instagram-Post vom 10. Mai 2025, Screenshot eines Reels (susa.7170 2025)

Literatur

Zum Weiterlesen

  • Dang-Anh, Mark (2019): Protest twittern. Bielefeld: Transcript Verlag.
  • Fahlenbrach, Katrin; Klimke, Martin; Scharloth, Joachim (2016) (Hrsg.): Protest Cultures. A Companion. New York: Berghahn.

Zitierte Literatur und Belege

  • Dang-Anh, Mark (2019): Protest twittern. Bielefeld: Transcript Verlag.
  • Doherty, Brian (1999): Manufactured Vulnerability: Eco-Activist Tactics in Britain. In: Mobilization, Jg. 4, Heft 1, S. 75–89.
  • DWDS (o. J.): „Demonstration“, bereitgestellt durch das Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache. Online unter: https://www.dwds.de/wp/?q=Demonstration ; Zugriff: 29.08.2025.
  • Engelmann, Ines; Legrand, Marie; Marzinkowski, Hanna (2019): Politische Partizipation im Medienwandel. Berlin: Böhland & Schremmer.
  • Hausendorf, Heiko; Schmitt, Reinhold; Kesselheim, Wolfgang (2016): Interaktionsarchitektur, Sozialtopographie und Interaktionsraum. Tübingen: Narr.
  • IMI – Institute of Mass Information (2019): In Kazakhstan activist detained for imaginary poster. In: IMI – Institute of Mass Information. Online unter: https://imi.org.ua/en/news/in-kazakhstan-activist-detained-for-imaginary-poster-i27905 ; Zugriff: 20.12.2025.
  • Kasanga, Luanga A. (2014): The linguistic landscape: mobile signs, code choice, symbolic meaning and territoriality in the discourse of protest. In: International Journal of the Sociology of Language, Jg. 41, Heft 230, S. 19–44.
  • Kreil, Agnes (2021): Visual protest discourses on aviation and climate change. In: Annals of Tourism Research Empirical Insights, Jg. 2, Heft 2, S. 1–10.
  • Leusch, Katharina (2023): Demonstrieren schwer gemacht: Das Versammlungsgesetz in Nordrhein-Westfalen auf dem verfassungsrechtlichen Prüfstand. In: Verfassungsblog. Online unter: https://verfassungsblog.de/demonstrieren-schwer-gemacht/ ; Zugriff: 20.12.2025.
  • Machowecz, Martin; Schirmer, Stefan (2023): Sind diese Blockaden gefährlich? ZEIT. Online unter: https://www.zeit.de/2023/23/letzte-generation-klimaaktivisten-strassen-blockaden-feuerwehr-notarzt ; Zugriff: 20.12.2025.
  • Mondada, Lorenza (2017): Walking and talking together: Questions/answers and mobile participation in guided visits. In: Social Science Information, Jg. 56, Heft 2, S. 220–253.
  • Neumayer, Christina; Stald, Gitte (2014): The mobile phone in street protest: Texting, tweeting, tracking, and tracing. In: Mobile Media & Communication, Jg. 2, Heft 2, S. 117–133.
  • Pabst, Andrea (2016): Body. In: Fahlenbrach, Katrin; Klimke, Martin; Scharloth, Joachim (Hrsg.): Protest Cultures. A Companion. New York: Berghahn, S. 173–180.
  • reddit (2022): If I show a sign with two words they will arrest me. In: r/UkraineWarVideoReport. Online unter: https://www.reddit.com/r/UkraineWarVideoReport/comments/tda0nq/if_i_show_a_sign_with_two_words_they_will_arrest/?utm_source=share&utm_medium=web3x&utm_name=web3xcss&utm_term=1 ; Zugriff: 20.12.2025.
  • Reiss, Matthias (2016): Street Protest. In: Fahlenbrach, Katrin; Klimke, Martin; Scharloth, Joachim (Hrsg.): Protest Cultures. A Companion. New York: Berghahn, S. 352–358.
  • Sommer, Sebastian (2024): Doing Protest: Die Analyse der performativen Dimension von Protesthandeln am Beispiel rechter Mobilisierungen. In: FJSB, Jg. 37, Heft 2, S. 286–300.
  • Seidler, Ulrich (2022): Proteste in Russland: Eine Frau hält ein weißes Schild hoch und wird abgeführt. In: Berliner Zeitung, 14.03.2022. Online unter: https://www.berliner-zeitung.de/kultur-vergnuegen/debatte/proteste-in-russland-eine-frau-haelt-ein-weisses-schild-hoch-und-wird-abgefuehrt-li.216795 ; Zugriff: 20.12.2025.
  • tagesschau (2025): „Grüne und linke Spinner“: SPD‑Kritik an Merz’ Rede zum Wahlkampfende. In: tagesschau. Online unter: https://www.tagesschau.de/inland/bundestagswahl/merz-linke-kritik-100.html ; Zugriff: 20.12.2025.
  • Vogel, Friedemann (2021): Strategische Kommunikation. In: Diskursmonitor. Glossar zur strategischen Kommunikation in öffentlichen Diskursen. Hg. von der Forschungsgruppe Diskursmonitor und Diskursintervention. Online unter: https://diskursmonitor.de/glossar/strategische-kommunikation ; Zugriff: 20.12.2025.

Abbildungsverzeichnis

Zitiervorschlag

Wilton, Antje (2025): Demonstrieren. In: Diskursmonitor. Glossar zur strategischen Kommunikation in öffentlichen Diskursen. Hg. von der Forschungsgruppe Diskursmonitor und Diskursintervention. Veröffentlicht am 15.03.2026. Online unter: https://diskursmonitor.de/glossar/demonstrieren.  

DiskursGlossar

Grundbegriffe

Begriffsgeschichte

Die Begriffsgeschichte lässt sich allgemein als eine historische Methode beschreiben, die den zeitlichen Wandel der Bedeutungen von bestimmten Ausdrücken untersucht. Da einzelne Worte nie isoliert begegnen und ihre jeweiligen Bedeutungen erst im Kontext größerer sprachlicher Zusammenhänge oder semantischer Felder greifbar werden, verbindet sie sich flexibel mit anderen Methoden historischer Semantik, wie etwa der Diskursgeschichte, der Argumentationsgeschichte oder der Metaphernforschung (Metaphorologie).

Diskurssemantische Verschiebung

Mit dem Begriff der diskurssemantischen Verschiebung wird in der Diskursforschung ein Wandel in der öffentlichen Sprache und Kommunikation verstanden, der auf mittel- oder län-gerfristige Veränderung des Denkens, Handelns und/oder Fühlens größerer Gesellschafts-gruppen hinweist.

Domäne

Der Begriff der Domäne ist aus der soziologisch orientierten Sprachforschung in die Diskursforschung übernommen worden. Hier wird der Begriff dafür verwendet, um Muster im Sprachgebrauch und kollektiven Denken von sozialen Gruppen nach situationsübergreifenden Tätigkeitsbereichen zu sortieren.

Positionieren

Positionieren ist Grundbestandteil menschlicher Kommunikation. Wann immer wir miteinander interagieren und kommunizieren, bringen wir uns selbst, andere und die Objekte, über die wir sprechen, in bestimmte Relationen zueinander.

Deutungsmuster

Unter einem Deutungsmuster wird die problem- und lösungsbezogene Interpretation gesellschaftlicher und politischer Tatbestände verstanden, die Aussicht auf Akzeptanz in sozialen Gruppen hat. Der Begriff des Deutungsmusters hat Ähnlichkeit mit den Begriffen der Theorie und Ideologie. Meist werden gesellschaftlich verbreitete Leitdeutungen, die oft mit Schlagwörtern und Argumentationsmustern einhergehen (wie Globalisierung, Kapitalismus, Leistungsgesellschaft, Chancengleichheit etc.) als Beispiele für Deutungsmuster genannt.

Sinnformel

‚Wer sind wir? Woher kommen, wo stehen und wohin gehen wir? Wozu leben wir?‘ Auf diese und ähnliche existentielle Fragen geben Sinnformeln kondensierte Antworten, die in privaten wie sozialen Situationen Halt und Argumenten in politischen und medialen Debatten einen sicheren Unterbau geben können.

Praktik

Eine Praktik ist ein spezifisches, situativ vollzogenes und sinnhaftes Bündel von körperlichen Verhaltensweisen, an dem mehrere Menschen und Dinge beteiligt sein können (z. B. Seufzen, um Frust auszudrücken, oder einen Beschwerdebrief schreiben, Fußballspielen).

Kontextualisieren

Kontextualisieren wird im allgemeineren bildungssprachlichen Begriffsgebrauch verwendet, um das Einordnen von etwas oder jemandem in einen bestimmten Zusammenhang zu bezeichnen.

Narrativ

Mit der diskursanalytischen Kategorie des Narrativs werden Vorstellungen von komplexen Denk- und Handlungsstrukturen erfasst. Narrative in diesem Sinne gehören wie Schlagwörter, Metaphern und Topoi zu den Grundkategorien der Analyse von Diskursen.

Argumentation

Argumentation bezeichnet jene sprachliche Tätigkeit, in der man sich mithilfe von Gründen darum bemüht, die Richtigkeit einer Antwort auf eine bestimmte Frage zu erweisen. Das kann in ganz verschiedenen Situationen und Bereichen nötig sein, namentlich um eine poli-tische, wissenschaftliche, rechtliche, unternehmerische oder private Angelegenheit zu klären.

Techniken

AI-Washing/KI-Washing

Unter AI-Washing ist die Praxis von Unternehmen oder Organisationen zu verstehen, Produkte, Dienstleistungen oder Geschäftsmodelle mit dem Etikett „Künstliche Intelligenz“ (KI bzw. „Artificial Intelligence“ (AI)) zu versehen, obwohl deren tatsächlicher Einsatz von KI-Technologien entweder stark übertrieben, nur marginal vorhanden oder überhaupt nicht gegeben ist.

Dogwhistle

Unter Dogwhistle wird in Teilen der Forschung eine doppeldeutige Äußerung verstanden, die eine offene und eine verdeckte Botschaft an jeweils eine Zuhörerschaft kommuniziert.

Boykottaufruf

Der Boykottaufruf ist eine Maßnahme, die darauf abzielt, ein Ziel, also meist eine Verhaltensänderung des Boykottierten, hervorzurufen, indem zu einem Abbruch etwa der wirtschaftlichen oder sozialen Beziehungen zu diesem aufgefordert wird.

Tabuisieren

Das Wort Tabuisierung bezeichnet die Praxis, etwas Unerwünschtes, Anstößiges oder Peinliches unsichtbar zu machen oder als nicht akzeptabel zu markieren. Das Tabuisierte gilt dann moralisch als unsagbar, unzeigbar oder unmachbar.

Aus dem Zusammenhang reißen

Das Aus-dem-Zusammenhang-Reißen gehört in den Funktionskreis der Redewiedergabe bzw. der Wiedergabe kommunikativer Ereignisse. Es kann (1) als intentionale argumentativ-polemische Strategie für ganz unterschiedliche diskursive Zielsetzungen von Akteuren genutzt werden, oder (2) es kann SprecherInnen und SchreiberInnen in unbeabsichtigter, fehlerhafter Weise unterlaufen.

Lobbying

Lobbying ist eine Form strategischer Kommunikation, die sich primär an Akteure in der Politik richtet. Beim Lobbying wird ein Bündel von kommunikativen Tätigkeiten mit dem Ziel eingesetzt, die Entscheidungen von Personen mit politischem Mandat oder den Entstehungsprozess von neuen Gesetzestexten interessengeleitet zu beeinflussen.

Karten

Karten dienen dazu, Raumausschnitte im Hinblick auf ausgewählte Charakteristika so darzustellen, dass die Informationen unmittelbar in ihrem Zusammenhang erfasst und gut kommuniziert werden können. Dazu ist es notwendig, Daten und Darstellungsweisen auszuwählen und komplexe und oft umkämpfte Prozesse der Wirklichkeit in einfachen Darstellungen zu fixieren.

Pressemitteilung

Pressemitteilungen sind standardisierte Mitteilungen von Organisationen, die sich an Journalist:innen und andere Multiplikator:innen richten. Sie dienen der offiziellen und zitierfähigen Informationsweitergabe und übernehmen zugleich strategische Funktionen in der öffentlichen Kommunikation und Meinungssteuerung.

Shitstorm

Der Begriff Shitstorm beschreibt eine relativ junge Diskurskonstellation, die seit den 2010er Jahren an Bedeutung gewonnen hat und gemeinhin als Online-Wutausbruch bezeichnet wer-den kann.

Tarnschrift

Als Tarnschrift bezeichnet man unter den Bedingungen von Zensur und Verfolgungsrisiko veröffentliche Texte, die insbesondere in der strategischen Kommunikation des NS-Widerstands eine zentrale Rolle spielten.

Schlagwörter

Brückentechnologie

Ganz allgemein wird unter dem Schlagwort der Brückentechnologie sowohl in den öffentlichen Medien als auch in technisch und wirtschaftlich dominierten Kontexten eine Technologie verstanden, die zeitlich befristet eingesetzt werden soll, bevor in Zukunft der Übergang zu einer als sinnvoller eingeschätzten anderen Technologie möglich ist.

Deindustrialisierung

Der Ausdruck Deindustrialisierung (auch De-Industrialisierung oder als Verb deindustrialisieren) beschreibt im öffentlichen Sprachgebrauch eine negativ bewertete Form des Strukturwandels durch Rückgang von produzierendem Gewerbe.

Nachhaltigkeit

Nachhaltigkeit als ein Schlagwort des öffentlichen Diskurses bezieht sich ganz allgemein auf einen ressourcenschonenderen Umgang mit dem, was uns Menschen der Planet Erde bietet, mit dem Ziel, dass auch nachfolgende Generationen noch die Möglichkeit haben, ähnlich gut zu leben wie wir heute (Generationengerechtigkeit).

Echokammer

Der Begriff der Echokammer steht in seiner heutigen Verwendung vor allem im Zusammenhang mit der Nutzung Sozialer Medien. Er verweist metaphorisch auf einen digitalen Kommunikations- und Resonanzraum, in dem Mediennutzer*innen lediglich Inhalten begegnen, die ihre eigenen, bereits bestehenden Ansichten bestätigen, während abweichende Perspektiven und Meinungen ausgeblendet bzw. abgelehnt werden.

Relativieren

Der Ausdruck relativieren besitzt zwei zentrale Bedeutungsvarianten: In bildungssprachlichen und wissenschaftlichen Kontexten bezeichnet er eine analytische Praxis, bei der Aussagen, Begriffe oder Phänomene durch Bezugnahme auf andere Sachverhalte eingeordnet, differen-ziert und in ihrer Geltung präzisiert werden.

Massendemokratie

Geprägt wurde der Begriff Massendemokratie im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts von völkisch-konservativen Akteuren (prominent darunter Carl Schmitt 1926). Der Ausdruck Masse hatte damals bei den bürgerlichen Eliten eine rundum bedrohliche Assoziation.

Social Bots

Als Social Bots werden Computerprogramme bezeichnet, die in der Lage sind, in sozialen Medien Kommunikation menschlicher Nutzer*innen (teilweise) automatisiert nachzuahmen.

Kriegsmüdigkeit

Der Ausdruck Kriegsmüdigkeit bezeichnet die emotionale und physische Erschöpfung von Menschen, die einen Krieg erleben, sowie die gesellschaftliche und politische Ermüdung angesichts langanhaltender Konflikte. Er beschreibt den sinkenden Kampfeswillen bei Kriegsparteien und heute wird er auch für das wachsende Desinteresse an Kriegsthemen in Medien und Öffentlichkeit genutzt.

Woke

Der Ausdruck woke stammt aus dem afroamerikanischen Englisch und bezeichnete dort zunächst den Bewusstseinszustand der Aufgeklärtheit über die Verbreitung von rassistischen Vorurteilen und Diskriminierung unter Angehörigen ethnischer Minderheiten.

Identität

Unter Identität versteht man allgemein die Summe von Merkmalen, die Individuen oder sozialen Kollektiven – etwa Nationen, Organisationen oder sozialen Gruppen – als charakteristisch oder gar als angeboren zugeordnet werden.

Verschiebungen

Dehumanisierung

Mit Dehumanisierung bzw. Anthropomorphisierung werden solche kommunikativen Techniken und Praktiken bezeichnet, die Personen, Sachverhalten oder Gegenständen menschliche Eigenschaften ab- bzw. zusprechen. Dehumanisierung und Anthropomorphisierung können sowohl durch sprachliche Mittel als auch durch andere, z. B. bildliche, Zeichen vollzogen werden.

Kriminalisierung

Kriminalität meint ein Verhalten, das gegen ein Gesetz verstößt. Folglich bedeutet Kriminalisierung im engeren Sinne den Vorgang, durch den Verhalten ungesetzlich gemacht wird – indem Gesetze geschaffen werden.

Versicherheitlichung

In akademischen Kontexten wird Versicherheitlichung in Abgrenzung zu einem naiv-realistischen Sicherheitsverständnis verwendet. Dieses betrachtet Sicherheit als einen universell erstrebenswerten und objektiv feststellbaren Zustand, dessen Abwesenheit auf das Handeln von Akteuren zurückzuführen ist, die feindselig, kriminell, unverantwortlich oder zumindest fahrlässig agieren.

Ökonomisierung

Ökonomisierung wird in gegenwärtigen Diskursen in der Regel zur Bezeichnung von Prozessen verwendet, in denen die spezifisch wirtschaftlichen Funktions-Elemente wie Markt, Wettbewerb/Konkurrenz, Kosten-Nutzen-Kalküle, Effizienz, Gewinnorientierung in Bereiche übertragen werden, die zuvor teilweise oder ganz nach anderen Leitkriterien ausgerichtet waren

Moralisierung

Moralisierung verlagert Macht- und Interessenkonflikte in die Sphäre der Kommunikation von Achtung / Missachtung. Sie reduziert Ambivalenz zugunsten einer Polarisierung von gut und böse.

Konstellationen

Krise

Krise ist vom Wort mit fachsprachlicher Bedeutung zur Zeitdiagnose und einem zentralen Begriff der öffentlich-politischen Kommunikation geworden. Der öffentlich-politische Krisenbegriff ist dabei – unabhängig vom Gegenstand der Krise – in eine krisendiskurstypische Konstellation zur Begründung von krisenüberwindenden Handlungen eingebettet.

Partizipatorischer Diskurs

Partizipation ist mittlerweile von der Forderung benachteiligter Personen und Gruppen nach mehr Beteiligung in der demokratischen Gesellschaft zu einem Begriff der Institutionen selbst geworden: Kein Programm, keine Bewilligung mehr, ohne dass bestimmte Gruppen oder Personen dazu aufgefordert werden, für (mehr) Partizipation zu sorgen.

Skandal

Die Diskurskonstellation des Skandals zeichnet sich durch eine in den Medien aufgegriffene (bzw. durch sie erst hervorgerufene) empörte Reaktion eines erheblichen Teils der Bevölkerung auf einen tatsächlichen oder vermeintlichen Missstand aus. Die schuldhafte Verursachung dieses Missstandes wird dabei einem gesellschaftlichen Akteur zugeschrieben, dessen Handeln als ‚unmoralisch‘ gedeutet wird.

DiskursReview

Review-Artikel

Memes als moderne Propaganda – Eine sprach- und medienkritische Untersuchung

Digitale Kommunikationsformen prägen heutige gesellschaftliche Debatten weitaus stärker als die klassischen Medien. Ihr Einfluss auf die politische Meinungsbildung und die Ausbildung ideologischer Positionen ist inzwischen unverkennbar und zählt zu den markantesten Entwicklungen der digitalen Gegenwart. Besonders hervorzuheben sind Memes: Sie verbreiten sich schnell, arbeiten mit humoristischen Mitteln und verdichten komplexe Inhalte auf ein Minimum an Zeichen. In öffentlichen Diskursen werden sie daher nicht mehr als spielerisches Internetphänomen betrachtet, sondern als ernstzunehmendes Instrument politischer Kommunikation und den damit einhergehenden propagandistischen Strategien.

Zeitalter der Polykrisen – Was sagt die Polykrise über die Gegenwart und Zukunft?

Beim Durchscrollen der Tagesschlagzeilen ist einem in den letzten Jahr wahrscheinlich der Ausdruck Polykrise ins Blickfeld geraten. Solche Schlagzeilen in deutschsprachigen Medien lauten beispielsweise (1) „Klimawandel, Krieg in der Ukraine, Abstiegsängste – die Welt ist aus den Fugen geraten: Drei Bücher zeigen Wege aus der Polykrise“ (Friedl 2026); (2) „Kritische Psychotherapie: Psychotherapie in der Polykrise“ (Dicks 2026); (3) „Optimismus in der Polykrise“ (Kolev 2025); (4) „Was tun gegen die …

„Genderwahn“ als sprachkritische Abwertung: Eine kritische Betrachtung

„Die Debatte über Gendern und Nicht-Gendern kann ich schon nicht mehr hören. Soll es doch jeder machen, wie er es selbst will.“ Dieses Zitat äußert der ehemalige Bundeskanzler Olaf Scholz im Rahmen der Feier zugunsten des Grundgesetzes, welches im Jahre 2024 den 75. Geburtstag feierte (vgl. Steinkohl et al. 2024). Deutlich wird hierbei, dass die Thematik rund um das Gendern in der Politik aufgefasst wird. Allerdings wird gleichzeitig deutlich, dass die Debatte in der Öffentlichkeit stark kritisiert …

Klimaterroristen: Wie Sprache politische Fronten schafft

Der öffentliche Diskurs über Klimaaktivismus ist in den vergangenen Jahren zunehmend polarisiert. Vor diesem Hintergrund hat sich der Ausdruck Klimaterrorist zu einem politisch und gesellschaftlich stark aufgeladenen Schlagwort entwickelt, das im Jahr 2022 als „Unwort des Jahres“ gewählt wurde (vgl. 2020ff. – Unwort des Jahres). Seine Verwendung verweist auf Konflikte über Legitimität, Moral und Rechtmäßigkeit verschiedener Formen des Protests. Gleichzeitig fungiert der Begriff als sprachliches …

Negativ konnotierte Fremdzuschreibung durch diskriminierende Begriffe – Ein sprachkritischer Beitrag zur Bezeichnung „Kanake“ und dem Zukunftswort „Talahon“

„Gerade diese scheinbar ›milden‹ Formen des Rassismus, die über die Sprache transportiert werden, sind schwer zu bekämpfen, da vielen Menschen nicht klar zu sein scheint, welche Macht Sprache besitzt.“ (Kunz, 2021, S. 58).

Der Begriff „Kanake“ (teilweise auch „Kanacke“) bedeutet in seiner ursprünglichen Bedeutung Mensch und bezeichnete Bewohner*innen der Inselgruppe Neukaledoniens im südlichen Pazifik (vgl. Trost, 2002). Dem Gebrauch lag dabei die Charakterisierung einer spezifischen Gesellschaft …

Wenn aus Vielen Einer wird – Warum pauschale Nationsbezeichnungen sprachlich gefährlich sind

„In dieser Situation sind die Deutschen sehr unzufrieden mit der Arbeit der Politik.“ (Kinkartz, 2025), schreibt die Deutsche Welle im November 2025. Gemeint ist dabei keine einzelne Person oder klar definierte Gruppe, sondern eine ganze Nation, welche mit einem einzigen Artikel zu einem scheinbar einheitlichen Kollektiv zusammengefasst wurde. Solche Formulierungen sind kein Einzelfall. Ähnliche Beispiele, wie „Die Russen greifen an vielen Stellen an“ (Die Welt am Morgen, 2024), „Die Ukrainer …

Das Crazy, wenn Worte Brücken zwischen Generationen sprengen! – Eine sprachkritische Betrachtung von Jugendsprache: Mediale Darstellung, Generationenkonflikt und Pädagogische Einschätzung

Das Jugendwort des Jahres 2025 lautet „das Crazy“. Es meint: „Es gibt keine wirklich passende Antwort. Oder keine wirklich höfliche. Oder eine zu ausführliche, auf die der Antwortende aber gerade keine Lust hat. Oder einfach nur okay“ (Tagesschau, 2025). Torsten Sträter, Kabarettist und Vertreter der Generation X, hört es und stockt: „…das sind zwei Worte… [außerdem] fehlt eins… Vielleicht bin ich ein zu verknöcherter alter Mann geworden, dass ich mich über so eine Ka­cke… Wer es sagt – Ohrfeige“ …

„Stadtbild“ als politisches Schlagwort – Ein sprach- und medienkritischer Beitrag zur migrationspolitischen Äußerung von Friedrich Merz

Im Rahmen einer Pressekonferenz äußerte sich Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) am 14. Oktober 2025 bei einem Besuch in Brandenburg zur Migrationspolitik. Er verwies dabei auf sinkende Migrationszahlen sowie auf bereits geplante und umgesetzte Maßnahmen, insbesondere Rückführungen. Merz verwendete dabei den Ausdruck „Stadtbild“, der im gegebenen Kontext negativ konnotiert wurde und sich daraufhin innerhalb kurzer Zeit zu einem politischen Schlagwort entwickelte.
Ausgangspunkt war eine journalistische …

Sprache im Scroll-Modus – Brainrot, Memes und medienkritische Deutungen der kindlichen Kommunikation

Laut der KIM-Studie im Jahr 2024 nutzten 54 Prozent der 6- bis 13-Jährigen täglich das Internet (mpfs, 2024). Das sind 7 Prozent mehr als im Jahr 2022 (mpfs, 2024). Besonders auffällig ist, dass 23 Prozent dieser Altersgruppe täglich oder fast täglich TikTok verwenden, während Instagram nur von 11 Prozent genutzt wird (mpfs, 2024). Mit der intensiveren Nutzung der sozialen Medien gewinnen auch Memes an Bedeutung: Dabei handelt es sich um multimodale Inhalte aus Texten, Bildern, Videos, GIFs, Sounds …

Wenn ein Wort mehr sagt als ein Satz: Der Begriff „Klimakleber“ als Beispiel sprachlicher Rahmung

In einem Kommentar der Süddeutschen Zeitung erwähnt Mareen Linnarzt den Gedanken, dass Sprache lenkt, wie man denkt (vgl. Linnarzt und Steinke 2023). Diese Aussage verweist auf eine grundlegende Eigenschaft von Sprache, die im alltäglichen Mediengebrauch häufig wenig reflektiert wird. Medien verfügen über die Möglichkeit, einzelne Teilaspekte eines Themas hervorzuheben und andere in den Hintergrund zu rücken (vgl. Hasebrink). Auf diese Weise entstehen Deutungsrahmen, innerhalb derer Ereignisse …