DiskursGlossar

Links-Mitte-Rechts

Kategorie: Schlagwörter
Verwandte Ausdrücke:
politische Lager, Partei, Strömung, progressiv, gemäßigt, konservativ, liberal, patriotisch/national
Siehe auch: Totalitarismus, Demokratie, Normalismus, Mitte, Altpartei, sozialistisch, Populismus, Globalisierung
Autor: Clemens Knobloch
Version: 1.1 / 17.04.2020

Kurzzusammenfassung

Das Kontinuum Links-Mitte-Rechts dient der Einordnung von Personen, Parteien, Politiken etc. in den politischen Raum, ebenso auch der politischen Selbstverortung. Die Verwendung des Orientierungsschemas ist mehrfach relativ. Sie hängt einmal vom Punkt ab, an dem sich der Sprecher selbst lokalisiert, vom Nullpunkt der Verwendung. Dann aber auch von der jeweiligen Bestimmung der politischen Mitte, die den neutralen Nullpunkt des Schemas selbst abgibt (und laufend verschoben werden kann): Was eben noch rechts oder links war, kann morgen schon als Mitte gelten (und umgekehrt). Und je nachdem, wo man den neutralen Mittepunkt lokalisiert, verschieben sich auch die Ränder. Rückt die Mitte nach rechts, so wird links, was kürzlich noch Mitte war etc.

Die Positionen des Schemas sind zugleich lokalisierend und werthaltig. Der Wertgehalt ist ebenfalls abhängig von der Selbstlokalisierung des Sprechers. Mit der positiven Bewertung der eigenen Position korreliert automatisch die negative Bewertung der anderen Positionen im Schema.

Das Schema wird in zwei sich ergänzenden Varianten gebraucht, von denen das eine als ,Gleichgewichtswaage‘, das andere als ,symbolischer Bürgerkrieg‘ bezeichnet wird. Solange Gleichgewichtswaage gespielt wird, ist die Mitte der symbolische Wunschort, zu dem alle hinstreben. Wer sich erfolgreich als Mitte definiert, der definiert zugleich die Grenzen hin zu den Rändern: Er bestimmt auf flexible Weise, welche Positionen außerhalb der Mitte für noch integrierbar gelten und welche als ,extremistisch‘ oder ,terroristisch‘ ausgeschlossen werden. Das Modell Gleichgewichtswaage symbolisiert Normalität. Das Modell symbolischer Bürgerkrieg hingegen steht für drohende Denormalisierung. In diesem Modell verkörpert die Mitte den Ort, an welchem die Lauen, Neutralen, Liberalen stehen und von den Extremen her gemeinsam bekämpft werden. Die Mitte wird zum verächtlichen Ort und die Extreme schließen sich gegen sie zusammen. Im symbolischen Bürgerkrieg wird schon der Nachbar im politischen Spektrum zum absoluten Feind. Jede Form von Opposition gilt als ,terroristisch‘ (wie z.B. in der Türkei Erdogans). Der Feind steht überall, wo man selbst nicht steht.

Die Rede ist dann warnend vom drohenden Verlust der Mitte, vom Extremismus der Mitte, von der schrumpfenden Mitte. Gegenwärtig beschwört die (liberale) Mitte eine rechts- und linkspopulistische Bedrohung der Normalität und warnt vor den Verhältnissen des symbolischen Bürgerkriegs. Es ist ein Standardnarrativ, dass die Weimarer Republik von rechten und linken Extremisten zerstört worden sei, die gemeinsam gegen die demokratische Mitte operierten.

Eine besondere Rolle spielt die Mitte im politischen Orientierungsfeld auch darum, weil Mitte nicht nur im Zentrum des politischen Meinungskontinuums zwischen links und rechts, sondern als Kollektivsymbol zugleich auch im Zentrum der vertikalen, gesellschaftlichen, ökonomischen Klassen- oder Schichtenordnung steht: zwischen arm und reich, zwischen oben und unten (Mittelschicht). Die gesellschaftliche Mitte gilt als Trägerschicht der politischen Mitte, und jede ökonomische oder soziale Bedrohung der Mittelschichten gefährdet im Rahmen dieser Kollektivsymbolik zugleich auch die politische Stabilität.

Erweiterte Begriffsklärung

Die diskurssemantische Orientierungsfunktion des Schemas liegt darin, dass es für diskontinuierliche Inhalte, Positionen, Identitäten ein kontinuierliches und stabiles Bezugssystem zur Verfügung stellt. Man kann sich selbst noch als links oder in der Mitte bezeichnen, wenn man Positionen längst nicht mehr teilt, die einmal für links galten. Weiterhin vereinheitlicht das Schema Politiken, Einstellungen, Haltungen aus ganz unterschiedlichen Themenfeldern: von der Ökonomie über persönliche Werthaltungen bis hin zu Familie, Ökologie, Migration etc. Auf jedem Themenfeld lassen sich linke, rechte, mittige Positionen ausmachen. Das Schema verfügt also über eine Art von semantischer Gleichrichterfunktion für thematisch diverse Diskurse. Zu den symbolpolitisch wichtigen Dimensionen, die durch das Schema koordiniert werden, gehört zentral der Gegensatz zwischen universalistischen und partikularistischen Orientierungen. Traditionell steht die Linke für universalistische und internationalistische Werte, während die Rechte national und partikular denkt. Die Rhetorik der Globalisierung hat universalistische Symbole zusehends in die Mitte und nach rechts bewegt.

Eigentliche Gegenbegriffe oder Alternativen zum Schema gibt es nicht. Es fehlt allerdings zu keiner Zeit an Versuchen, das Links-Rechts-Schema öffentlich für überholt zu erklären. Zu den gebräuchlichen Varianten gehören:

[a] alternative Topologien (Tony Blair erklärte in den 1990er Jahren, er wolle weder rechts noch links sein, sondern ,vorne‘).

[b] Totalitarismusmodelle, die rechts und links gleichsetzen, und komplementär:

[c] Neue-Mitte-Modelle, die rechte und linke Positionen für überholt und endgültig diskreditiert erklären.

In der Regel verwenden aber auch diejenigen das Schema weiter, die es für obsolet/überholt erklären. Tendenziell unterlaufen auch politisch Selbstbezeichnungen wie ,liberal‘ oder ,ökologisch‘ das Schema. Traditionell werden diejenigen, die sich solchermaßen etikettieren, dann nach konkreten politischen Forderungen oder Programmen in das Schema einsortiert.

Bedingung für die erfolgreiche Verwendung des Schemas ist die erfolgreiche Selbstlokalisierung an einer zum jeweiligen Zeitpunkt attraktiven und resonanten Position des Schemas. Meinungsumfragen ergeben immer wieder, dass befragte Personen bereit sind, sich selbst politisch an einer Position des Schemas einzuordnen (vgl. Lantz 2001, 165-174; Knobloch 2001, 175-190). Solange das symbolische Modell der Gleichgewichtswaage funktioniert, tendieren die politischen Selbstverortungen (ebenso wie auch die gesellschaftlich-sozialen) zur Mitte. Nur wenige Personen bezeichnen sich selbst als extremistisch oder links- oder rechtsradikal. Dadurch entsteht eine (freilich fragile) Tendenz, die Mitte als autoritativen symbolischen Ort zu besetzen. Was heute als Populismus bezeichnet wird, das ist die Gesamtheit der Strömungen, die gegenüber den Mittebesetzern skeptisch geworden sind.

Das Schema wird historisch gewöhnlich auf die Sitzordnung in der nachrevolutionären Nationalversammlung Frankreichs zurückgeführt. Während die vorrevolutionäre Ständeversammlung ihre Abgeordneten nach Ständen platzierte, sollte die nachrevolutionäre Sitzordnung Einstellungen und politische Unterschiede symbolisieren. Das ist plausibel, aber historisch uneindeutig.

Es gibt sowohl einen performativen als auch einen wissenschaftlich-analytischen Gebrauch des Schemas. In der analytischen Verwendung versucht man, Einstellungen und Überzeugungen definitorisch als links oder rechts festzulegen, was freilich mit der performativen Beweglichkeit des Orientierungsschemas kaum vereinbar ist (vgl. Noelle-Neumann 1996, 243-267). Dessen fachlicher Gebrauch tendiert dazu, hinter der performativen Realität herzuhinken. Zudem ist auch der analytische Gebrauch des Schemas darin immer auch performativ, dass er festzulegen sucht, was für den Gebrauch beweglich bleiben muss.

Veränderungen im Gebrauch des Schemas reflektieren Gewichtsverschiebungen zwischen den symbolischen Positionen. So führte die Diskreditierung alles links Konnotierten nach dem Zusammenbruch der sozialistischen Länder dazu, dass ehedem gemäßigt-sozialreformerische Positionen aus der rechten Mitte nunmehr als ,sozialistisch‘ oder gar ,kommunistisch‘ rekodiert wurden. Obamas (privatkapitalistische) Krankenversicherungsinitiative wurde von Republikanern als ,Sozialismus‘ gebrandmarkt. Zunehmend erfolgreiche rechtspopulistische Organisationen bewegen mehr oder minder automatisch die Mitte ebenfalls nach rechts. Im hegemonialen Gebrauch ist das Schema auch darum nützlich, weil es, autoritativ erfolgreich eingesetzt, den Spielraum zulässiger, gehegter Positionen bei Bedarf ebenso verengen wie erweitern kann. So gilt die Forderung nach staatlicher Enteignung von Produktivvermögen zu Gemeinwohlzwecken als linksextremistisch, wiewohl die Verfassung von 1949 sie ausdrücklich ermöglicht. Umgekehrt gelten links konnotierte kulturelle Werte (Toleranz, kulturelle Offenheit, Diversität, Moralisierung von Minderheiten), die in den 1970er und 1980er Jahren als äußerst links verschrien waren, heute als erwünscht.

Beispiele

Zur Logik der ,Volksparteien‘ gehört es, in öffentlichen Wahlkampfzeiten möglichst diejenigen Positionen des eingeschlossenen Spektrums (also der linken und rechten Mitte – unter Ausschließung der Extreme) zu adressieren, mit denen die eigene Partei nicht identifiziert wird. So versucht die CSU gegenwärtig, grün-ökologische Positionen zu besetzen. Zum Niedergang der SPD gehört zweifellos, dass das Erscheinungsbild der CDU (unter Merkel) sozialdemokratische Elemente aufgenommen hat, während der SPD der ,Rückweg‘ zu weiter links konnotierten Position dadurch versperrt ist, dass diese inzwischen von der Linkspartei besetzt sind, mit der die SPD durchaus nicht identifiziert werden möchte. Die SPD hat zunehmend keinen eigenen ,Platz‘ im Schema. Wer den Eindruck erweckt oder auch nur erwecken könnte, er habe sich von der Mitte entfernt, der muss gewärtigen, dass man ihm linke oder rechte Extremisten zurechnet, was dem Image schadet. So gesehen wirkt das Schema politisch disziplinierend.

Hans-Georg Maaßen musste gehen, nachdem er als Verfassungsschutzpräsident von „Linksextremisten in der SPD“ gesprochen hatte, während die SPD in der Regierung war. Die Logik der beweglichen Grenze ist auch im Verhalten der politischen Mitte gegenüber der AFD deutlich zu sehen: Man schwankt zwischen taktischer Übernahme von AFD-Positionen (etwa in der Flüchtlingspolitik) und Ausschließung der AFD aus dem gehegten Mittebereich, während die AFD selbst auszubalancieren versucht, wie weit sie nach rechts gehen kann, ohne öffentliche Zustimmung zu verlieren oder illegalisiert zu werden.

Literatur

Weiterführende Literatur

  • Faye, Jean-Pièrre (1972): Langues totalitaires. Critique de la raison narrative – critique de l´économie narrative. Paris: Hermann.
  • Enzensberger, Hans Magnus (1988): Mittelmaß und Wahn. Gesammelte Zerstreuungen. Frankfurt/M.: Suhrkamp.
  • Bobbio, Norberto (1994): Rechts und Links. Gründe und Bedeutungen einer politischen Unterscheidung. Berlin: Wagenbach.
  • Link, Jürgen (2013): Versuch über den Normalismus. 4. Auflage. Göttingen: Vandenhoeck & Rupprecht.
  • https://de.wikipedia.org/wiki/Politisches_Spektrum.

Zitierte Literatur

  • Knobloch, Clemens (2001): Aus Alt mach Neu: Links, Mitte, Rechts. In: Gerhard, Ute/Link, Jürgen/Schulte-Holtey, Ernst (Hrsg.): Infografiken, Medien, Normalisierung. Heidelberg: Synchron, 175-190.
  • Lantz, Pièrre (2001): Verräumlichte Darstellung und Raum der Vorstellung des Politischen. In: Gerhard, Ute/Link, Jürgen/Schulte-Holtey, Ernst (Hrsg.): Infografiken, Medien, Normalisierung. Heidelberg: Synchron, 165-174.
  • Noelle-Neumann, Elisabeth (1996): Die linken und die rechten Werte. Ein Ringen um das Meinungsklima. In: Beiträge zur politischen Wissenschaft 89.

Zitiervorschlag

Knobloch, Clemens (2020): Links-Mitte-Rechts. In: Diskursmonitor. Glossar zur strategischen Kommunikation in öffentlichen Diskursen. Hg. von der Forschungsgruppe Diskursmonitor und Diskursintervention. Veröffentlicht am 17.04.2020. Online unter: https://diskursmonitor.de/glossar/links-rechts.

Grundbegriffe

Kulturelle Grammatik

Kulturelle Grammatik steht für ein System von Regeln und/oder etablierten Regelmäßigkeiten, die Formen richtiger und/oder normaler Kommunikation und Interaktion auszeichnen.

Epistemischer Status

Als epistemischen Status bezeichnet man die Wissensbestände und -zugänge zu Ereignissen, Sachverhalten und Personen, die Gesprächsteilnehmer*innen ihrem Gegenüber in der Interaktion zuschreiben.

Politische Kommunikation

Politische Kommunikation findet überall dort statt, wo Menschen als Teil von sozialen Gruppen mit unterschiedlichen Bedürfnissen und Interessen aufeinandertreffen und über das einzelne Individuum hinaus geltende Regeln des Zusammenlebens aushandeln.

Topos

Ein Topos (Plural: Topoi) ist als ein Argumentationsmuster ein allgemeines Formprinzip, nach dem Argumente gebildet werden können. Als allgemeiner, formaler bzw. kontextabstrakter Topos kann er für oder gegen jede in Frage stehende Position angeführt werden. Topoi gehören zum kollektiven Wissen aller, die sich argumentativ äußern.

Kollektivsymbol

Zur Kollektivsymbolik einer Kultur rechnet man den gesellschaftlich geteilten Vorrat an sprachlichen, bildlichen, schematischen und anderen Ressourcen, derer sich politische und mediale Akteure bedienen, um Ereignisse und Handlungen für die Allgemeinheit deutbar und verständlich zu machen.

Strategische Kommunikation

Der Ausdruck Strategische Kommunikation bezeichnet ein Bündel an zeichenbasierten und in der Regel mediengestützten Aktivitäten, mit denen Individuen, Gruppen oder Organisationen versuchen, die Akzeptanz für ihre politischen, ökonomischen, rechtlichen oder anderweitig motivierten Interessen bei ausgewählten Zielgruppen zu halten oder zu erhöhen.

Korpus

In den Sprach- als auch Literaturwissenschaften versteht man unter Korpora ganz allgemein Textsammlungen.

Protest

Protest ist die kollektive Artikulation von Unbehagen, Kritik oder Veränderungswillen, der sich in bestimmten Handlungen außerhalb etablierter institutioneller Kanäle des politischen Systems äußert. Organisiert wird Protest meist von Initiativen, politischen Gruppierungen oder sozialen Bewegungen in Form von Petitionen, Flugblattaktionen, Demonstrationen, Blockaden, Streiks, Happenings und andere Interventionen in der Öffentlichkeit – in direkter Präsenz, unter Einsatz des Körpers oder auch im virtuellen Raum.

Erzählen

Erzählen ist eine rekonstruktive und kommunikative Tätigkeit, in der für gewöhnlich eine vermittelnde Instanz ein Geschehen darstellt. Die Darstellung kann ein/e ErzählerIn vornehmen (entspricht einer engen Definition des Erzählens) oder sie kann medial anders – beispielsweise filmisch – dargeboten werden (entspricht einer weiten Definition des Erzählens). Dabei beruht das dargestellte Geschehen auf mindestens einem Ereignis.

Konnotation

Konnotation ist ein Fachbegriff, mit dem in der Sprachwissenschaft und benachbarten Disziplinen die Nebenbedeutung (oder der ‚Nebensinn‘) eines Ausdrucks bezeichnet wird. Die konnotative Bedeutung umfasst oft wertende (evaluative) oder handlungsauffordernde (deontische) Aspekte, die mit dem Gebrauch eines Ausdrucks aufgerufen werden können.

Techniken

Aufwertung/Meliorisierung

Von Aufwertung/Meliorisierung wird in der Linguistik dann gesprochen, wenn ein Wort, das ursprünglich als Fremdbezeichnung der Diffamierung einer bestimmten Volks- oder Personengruppe diente, von dieser selbst dann als positive Eigenbezeichnung verwendet wird.

Domain-Grabbing

In der Internetkommunikation finden sich verschiedene Praktiken, die aus Sicht von Dritten (v.a. Markenhaltern) als illegitime oder gar rechtswidrige Inanspruchnahme von Domain-Namen und damit verbundener Aufmerksamkeitssteuerung kritisiert werden.

Search Engine Advertising

Als Search Engine Advertising wird die Werbung auf den Ergebnisseiten von Suchmaschinen bezeichnet. Besondere Merkmale dieser Werbeform sind, dass die Anzeigen kontextbasiert sind und in Textform dargestellt werden.

Affirmation

Im sprachwissenschaftlichen Sinne bezeichnet Affirmation die Behauptung oder Bejahung einer Aussage. Die affirmative Form eines Wortes oder Satzes ist das Gegenteil zur Verneinung (Negation).

Autoritäts-Topos

So wird – angelehnt an formallogische Darstellungen von Argumentationen (Oberprämisse plus Unterprämisse ergeben die Konklusion) – mit Bezug oder unter Berufung auf Autoritäten, oft auf Wissenschaftlerinnen/Experten in politischen Debatten häufig argumentiert, in diesem Fall bezüglich der Richtigkeit/Angemessenheit einer Bewertung.

Flashmob / Smartmob

Flashmobs sind ein urbanes Phänomen, das sich zu einer populären sozialen Ausdrucksform im öffentlichen Raum entwickelt hat. Sie entstehen durch das scheinbar spontane, tatsächlich aber organisierte Zusammentreffen einer Menschenmenge, die an einem bestimmten Ort eine gemeinsame Aktion ausführt und sich anschließend, als wäre nichts geschehen, wieder zerstreut.

Gewaltaufruf

Gewaltaufrufe initiieren und unterstützen eine von nahezu allen sozialen Gruppen ausgeübte kulturelle Praxis, individuelle wie kollektive Konfliktsituationen nicht mit diskursiven, friedlichen Mitteln zu lösen, sondern durch aggressives, repressives, verletzendes und zerstörendes bzw. Verletzung androhendes Handeln, das sowohl auf den Körper wie auf die Psyche von Menschen einwirken kann.

Untersuchungsausschuss

Untersuchungsausschüsse sind ein Kernbestandteil parlamentarischer Kontrolle in Deutschland. Als Verfahren, die zu einem großen Teil öffentlich durchgeführt werden, dienen sie dazu, politische Skandale der Regierung und Verwaltung aufzuarbeiten. Durch ihre Abschlussberichte, die dem Parlament vorgelegt werden, sollen Fehler der Exekutive sichtbar gemacht und Handlungsempfehlungen beschlossen werden.

Kalkulierter Verfassungsverstoß

Der Ausdruck ist paradox und insofern ein Prädikat aus der Beobachtung zweiter Ordnung. Handelnde pflegen ihrem eigenen Verständnis nach nicht kalkuliert – also rechtlich gesprochen: vorsätzlich – gegen die Verfassung zu verstoßen. Ein kalkulierter Verfassungsverstoß ist einem kalkulierten Mord nicht ähnlich.

Jargon

Jargon (aus frz. jargon nach altfrz. gargun ‚Zwitschern‘) bezeichnet eine Sprachgebrauchsform, die mit bestimmten Praxisgemeinschaften (Gruppen, die berufliche oder andere Interessen teilen) assoziiert wird. Jargons werden als ‚typisch‘ für die Mitglieder einer bestimmten sozialen Gruppe und für deren Interessen und soziale Positionen angesehen und dienen somit nach innen wie nach außen als sprachliches Erkennungs- und Abgrenzungsmerkmal.

Schlagwörter

Respekt

Respekt oder respektvolles Verhalten wird eingefordert für die Eigengruppe (bzw. von der Eigengruppe), für wirklich oder vermeintlich diskriminierte Gruppen, für abweichende Meinungen. Mitgemeint ist bei der Forderung nach Respekt meist eine positiv bewertete Szene der (sozialen, kulturellen, ethnischen, sexuellen etc.) Vielfalt/Diversität.

Geschlechtergerechte Sprache

Mit dem heute als Fahnenwort gebrauchten Ausdruck geschlechtergerechte Sprache ist die Forderung verbunden, bei Personenbezeichnungen die einseitige, für diskriminierend erklärte Bezugnahme auf einen bestimmten Sexus, konkret: auf das männliche Geschlecht, zu unterlassen.

Identitätspolitik

Der Ausdruck steht heute für eine politische Konstellation, in der konkurrierende Wir-Gemeinschaften mit einer Diskriminierungs- und Benachteiligungsgeschichte in der Öffentlichkeit um Anerkennung konkurrieren. An der Oberfläche geht es ‚identitären‘ Wir-Gemeinschaften darum, die eigene Diskriminierung als Ermächtigungsmotiv an die Öffentlichkeit zu tragen.

Cancel Culture

Cancel Culture ist ein Kampf- und Stigmawort, das sich in skandalisierender Absicht gegen die Praxis (und oft auch bereits gegen die Forderung) des Absagens, Ausladens, Boykottierens moralisch missliebiger und politisch bekämpfter Personen, Organisationen und Positionen in Wissenschaft, Kultur und Politik wendet.

Elite

Einmal wird unter Elite eine Auswahl der Besten und Leistungsfähigsten verstanden, einmal in distanzierender Weise eine abgehobene ‚Kaste‘ der Reichen und Mächtigen im Gegensatz zum Volk. Erstere Variante wird in der Regel zur Verteidigung der etablierten Ordnung verwendet, letztere vor allem von Rechtspopulisten.

Altpartei

Der Ausdruck Altpartei wird in jüngerer Zeit häufig im Kontext des Aufstiegs des Rechtspopulismus und der AfD gebraucht. Dabei lassen sich hauptsächlich zwei Gebrauchsvarianten beobachten: Einerseits richtet sich der Ausdruck in abwertender Weise gegen etablierte Parteien, andererseits taucht er oft in sprachkritischen Kontexten auf, wo seine Verwendung und seine Sprecher kritisiert oder diskreditiert werden.

Verschwörungstheorie

Der Ausdruck gibt sich in der medialen Öffentlichkeit als analytisches Konzept, ist aber zugleich performativ hoch wirksam als Ausschluss aller erfolgreich so benannten Konzepte aus der rationalen öffentlichen Kommunikation.

Inklusion

Inklusion hat sich, ausgehend von einem soziologischen Fachterminus gleichen Namens, in den zwei vergangenen Jahrzehnten zu einem interdiskursiven und allgemeinen Programmbegriff gewandelt.

Innovation

Innovation gehört seit den 60er Jahren zu den häufig verwendeten Schlag– bzw. Fahnenwörtern, vor allem in den Feldern von Ökonomie und Politik. Konzepte und Vorhaben mit der Überschrift Innovation werden oft als Sachzwänge dargestellt, gegen die Einwände als nicht legitim erscheinen.

Postwachstum

Postwachstum ist im deutschsprachigen Diskurs Beschreibungsbegriff und Forderung zugleich: In einer Welt mit endlichen natürlichen Ressourcen müsse die bisher von Wirtschaftswachstum und Ausbeutung abhängige globale Ökonomie radikal verändert werden, um langfristig die menschliche Existenz zu sichern.

Verschiebungen

Ökonomisierung

Ökonomisierung wird in gegenwärtigen Diskursen in der Regel zur Bezeichnung von Prozessen verwendet, in denen die spezifisch wirtschaftlichen Funktions-Elemente wie Markt, Wettbewerb/Konkurrenz, Kosten-Nutzen-Kalküle, Effizienz, Gewinnorientierung in Bereiche übertragen werden, die zuvor teilweise oder ganz nach anderen Leitkriterien ausgerichtet waren

Moralisierung

Moralisierung verlagert Macht- und Interessenkonflikte in die Sphäre der Kommunikation von Achtung / Missachtung. Sie reduziert Ambivalenz zugunsten einer Polarisierung von gut und böse.

Konstellationen

Skandal

Die Diskurskonstellation des Skandals zeichnet sich durch eine in den Medien aufgegriffene (bzw. durch sie erst hervorgerufene) empörte Reaktion eines erheblichen Teils der Bevölkerung auf einen tatsächlichen oder vermeintlichen Missstand aus. Die schuldhafte Verursachung dieses Missstandes wird dabei einem gesellschaftlichen Akteur zugeschrieben, dessen Handeln als ‚unmoralisch‘ gedeutet wird.