DiskursGlossar

Deindustrialisierung

Kategorie: Schlagwörter
Verwandte Ausdrücke: Strukturkrise, Industriekrise, Strukturwandel, Tertiärisierung
Siehe auch: Wohlstand, Bürokratie, Finanz-Topos, Topos der düsteren Zukunft, Ökonomisierung
Autor/in: Denis Gerner
Version: 1.0 / Datum: 12.01.2026

Kurzzusammenfassung

Der Ausdruck Deindustrialisierung (auch De-Industrialisierung oder als Verb deindustrialisieren) beschreibt im öffentlichen Sprachgebrauch eine negativ bewertete Form des Strukturwandels durch Rückgang von produzierendem Gewerbe. Als Schlagwort erfüllt Deindustrialisierung dabei mehrere Funktionen: Auf der Bezeichnungsebene wird ein gegenwärtiger oder zu erwartender Abbau von produzierendem Gewerbe diagnostiziert, welcher von den Akteuren vor allem über (auch angekündigte) Betriebs- und Werksschließungen, Stellenabbau und gesamtwirtschaftliche Entwicklung hergeleitet wird. Die normative Bedeutungskomponente wertet rückblickend Maßnahmen als fehlerhaft und ursächlich für die diagnostizierte Entwicklung. Zugleich werden damit für die Zukunft (prospektiv) Maßnahmen eingefordert, die die Deindustrialisierung stoppen, beenden oder abwenden sollen.

Erweiterte Begriffsklärung

Der Ausdruck Deindustrialisierung findet sich im öffentlichen Mediendiskurs (Interdiskurs) vor allem als politisches Schlagwort. Davon abzugrenzen ist der Gebrauch als Fachausdruck, welcher in Wirtschaftswissenschaften, Geographie und Soziologie und etwaigen anderen Disziplinen Verwendung findet. In der Ökonomie beschreibt der Begriff vorrangig eine Form des Strukturwandels: Nach der Drei-Sektoren-Hypothese etwa vollzieht sich bei Industriegesellschaften ein Übergang hin zu Dienstleistungsgesellschaften. Dieser Prozess wird als Tertiärisierung bezeichnet und geht mit einem relativen Rückgang des Industriesektors einher (vgl. auch Kompaktlexikon-Wirtschaft 2014: Strukturwandel, 531; sektorale Strukturpolitik, 495 f.).

Blickt man so beispielsweise in das Gabler Wirtschaftslexikon, dann wird dort von Klodt Deindustrialisierung als Begriff „[z]ur Kennzeichnung bestimmter (an sich für entwickelte Volkswirtschaften als normal erachtetes) Muster des sektoralen Strukturwandels“ (Klodt o. J.) definiert. In der Begriffsklärung wird auf eine auch im Interdiskurs wiederkehrende Argumentation Bezug genommen:

Forderungen nach einer Erhaltungspolitik zugunsten industrieller Wirtschaftszweige beruhen auf der These, ein möglichst hoher Anteil industrieller Produktion sei unabdingbar für Wachstum und Wohlstand (Gabler o. J.).

Dieser Argumentation wird im Eintrag vom Autor widersprochen („Beide Argumente sind aus empirischer Sicht nicht zutreffend. […]“) (Klodt o. J.). Die Bedeutung des Industriesektors für die Wirtschaft ist sowohl im Fach- wie auch im Interdiskurs Gegenstand von diskursiven Aushandlungsprozessen, damit einhergehen auch verschiedene Deutungen, was als ,normal‘ zählen soll (siehe Normalismus).

Betrachtet man die Verlaufskurve für die Verwendung des Ausdrucks Deindustrialisierung in Zeitungstexten (hier: DWDS-Zeitungskorpus), dann sind insbesondere zwei Ausschläge relevant. Der erste Ausschlag der Kurve in den 90er Jahren steht vor allem im Kontext der Wende. Nach dem Mauerfall galten die Betriebe im Osten als marktwirtschaftlich nicht konkurrenzfähig und wurden geschlossen, wodurch große Teile der ostdeutschen Industrie wegfielen.

DWDS: Verlaufskurve Deindustrialisierung. Abgerufen am 28.08.2025. (DWDS 2025)

Der Anstieg der zweiten Kurve lässt sich über den Ukraine-Krieg herleiten: Mit dem russischen Angriff auf die Ukraine 2022 und spätestens mit dem Anschlag auf die Nord-Stream-Pipelines im September 2022 war der Bezug von günstiger Energie (Gas) aus Russland vom Tisch. Zeitlich mit dem Anstieg der Kurve übereinstimmend wird dann auch vermehrt von bzw. über Deindustrialisierung gesprochen. Deutschland und andere EU-Staaten waren somit gezwungen, im globalen Markt anderweitig, zu deutlich höheren Preisen einzukaufen. Gas ist dabei sowohl ein zentraler Energieträger in der deutschen Energieversorgung, wird aber auch als wichtige Basiskomponente in vielen produzierenden Betrieben benötigt (etwa Chemie-, Glas-, Stahlindustrie usw.). Diese Umstände führten zu intensivierten Debatten zur wirtschaftlichen Situation auch des produzierenden Gewerbes.

Das Schlagwort Deindustrialisierung fungiert hierbei als eine verdichtete Argumentation und aktiviert auch weitere Argumentationsmuster (Topoi) und Deutungsschemata. So hat Deindustrialisierung dabei eine Indikatorfunktion für den Gefahren-Topos und für den Topos der düsteren Zukunft. Die Gefahrenrhetorik wird vor allem dadurch realisiert, dass vor der Deindustrialisierung und ihren Folgen als eine Gefahr für den Wirtschafts-Standort und das Industrieland Deutschland und damit dem Wohlstand gewarnt wird. Während beim Gefahren-Topos (vgl. Wengeler 2003: 306) bestimmte Entscheidung delegitimiert werden sollen, da durch diese eine Gefahr droht, ist dieses Argumentationsmuster als umgekehrte Variante zu betrachten. Es sollen Entscheidungen legitimiert werden, die eine Gefahr abwenden sollen:

‚Weil die Deindustrialisierung eine Gefahr für Deutschland darstellt, sind Maßnahmen zu ergreifen, um eine Deindustrialisierung zu verhindern/ zu stoppen.‘

Sprachlich wird die Gefahrenrhetorik auch über regelmäßig auftretende Adjektivattribute wie schleichend, fortschreitend, drohend realisiert aber auch Wortverbindungen mit warnen vor, fürchten vor und beschleunigen oder stoppen zusammen mit dem Ausdruck Deindustrialisierung sind typisch (vgl. DWDS-Wortprofil). 

Das Schlagwort knüpft diskursiv an gesellschaftliche Wissens– und Wertvorstellungen an, worüber sich auch das Potential des Topos der düsteren Zukunft entfaltet. Als Denkfigur wird Deutschland als Wirtschaftsstandort und Industrieland positiv perspektiviert und mit gesellschaftlich zentralen Konzepten wie Wohlstand verknüpft. Entsprechend wird der Topos der düsteren Zukunft so realisiert, dass wenn nicht (schnell) geeignete Maßnahmen ergriffen werden, die Deindustrialisierung zu (beispielsweise) Massenarbeitslosigkeit und Wohlstandsverlust führen werde. Durch die evozierten Zukunftsängste vor dem Job- und damit Wohlstandsverlust wird zusätzlich die Dringlichkeit, Maßnahmen zu ergreifen, erhöht.

Als Maßnahmen, die von den Akteuren als notwendig behauptet werden, finden sich wiederkehrend zusammen mit dem Schlagwort Argumentationen mit Forderungen nach Senkungen der Energiekosten und Bürokratieabbau und eine anzupassende Klimapolitik. Ziel sei damit, den Wirtschaftsstandort wieder wettbewerbsfähig zu machen. In diesem Zusammenhang lassen sich bestimmte Akteursgruppen herausstellen, welche mit dem Schlagwort operieren: Zum einen politische Vertreter, die mit evozierten Ängsten und Heilsversprechen versuchen, ihre Zustimmungswerte zu erhöhen. Zum anderen aber auch zahlreiche Wirtschafts-Akteure wie Unternehmen, Vorstände, Interessensvertretungen, aber auch Wirtschaftsforscherinnen und -forscher, welche damit die Dringlichkeit ihrer Anliegen behaupten.

Als Gegenschlagwort zu Deindustrialisierung kann Reindustrialisierung diskutiert werden. Es bleibt aber fraglich, da sich ohnehin nur verhältnismäßig wenige Belege ausmachen lassen, ob Reindustrialisierung sich als Gegenschlagwort charakterisieren lässt. Die wenigen Belege lassen auch Lesarten zu, in denen mit Reindustrialisierung auf eine bereits erfolgte Deindustrialisierung Bezug genommen wird. Damit aber würde der Ausdruck kein konkurrierendes Deutungsmuster markieren. Konkurrierende Deutungsmuster sprechen eher von einem gewöhnlichen Strukturwandel oder von (notwendigen) Transformationsprozessen.

Beispiele

(1) Im folgenden Beleg aus der Main-Spitze-Zeitung wird ein Sachverhalt unter das Schlagwort Deindustrialisierung gefasst. Die Argumentation prognostiziert dabei ein düsteres Zukunftsszenario und leitet die Redewiedergabe mit Nennung der Rolle des Forschers ein (siehe auch Experten-Topos):

Nach Meinung von Marcel Fratzscher, dem Präsidenten des DIW, wird Trumps Wirtschaftspolitik „Deutschland hart treffen“. Vor allem ein Handelskonflikt mit den USA in Form von Strafzöllen dürfte sich in doppelter Hinsicht negativ auswirken. „Die Exporte werden sinken und die deutsche Industrie wird in ohnehin schon schwierigen Zeiten weiter geschwächt.“ Damit dürfte sich die Deindustrialisierung und „der Verlust guter Arbeitsplätze in der Industrie beschleunigen“, werde eine erneute Rezession immer wahrscheinlicher, so Fratzscher. (Heidenreich 2025)

(2) In der Berliner Zeitung findet sich folgender Beleg zu Deindustrialisierung in typischer Verknüpfung mit Energiepreisen, Bürokratie und Klimapolitik. Das Schlagwort hier dient als resultatives und verdichtendes ,Diagnose-Schlagwort‘, um politische Verfehlungen aus Sicht des Autors zu markieren:

Die Infrastruktur verkommt, die Verwaltungen sind langsam und die Bürokratie quälend – alles bei gewaltiger Steuerlast. Der weltfremde, international ausgelachte Klima-Moralismus bringt uns die höchsten Energiepreise der Welt, was mutwillig eine Deindustrialisierung und damit die Verarmung der Bevölkerung herbeiführt. (Andrick 2025)

(3) In diesem Beleg wird über das Hervorrufen von Angst mit der Sorge um Deindustrialisierung reflektiert und wie diese im Wahlkampf als argumentative Ressource genutzt wird:

Für viele im Land wurde er [ehem. Wirtschaftsminister, Robert Habeck] zur Projektionsfläche für alles, was nicht funktioniert. Die Sorge vor Deindustrialisierung und unumkehrbaren Wohlstandsverlusten geht um. Damit gehen die Oppositionsparteien im Wahlkampf auf Stimmenfang und bedienen tief sitzende Abstiegsängste. (Förstel 2025)

Literatur

Zitierte Literatur und Belege

  • Andrick, Michael (2025). Eine neue Einheitspartei ruiniert Deutschland; Wer Union, SPD oder Grüne wählt, bekommt mit völliger Sicherheit nur einen Farbwechsel. Die schwarz-rot-grüne Einheitspartei kann nur als Ganze abgewählt werden. Berliner Zeitung. Online unter: https://www.berliner-zeitung.de/politik-gesellschaft/eine-neue-einheitspartei-ruiniert-deutschland-li.2295738 ; Zugriff: 29.08.2025.
  • DWDS (2025): DWDS-Wortprofil für „Deindustrialisierung“, erstellt durch das Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache. https://www.dwds.de/wp/?q=Deindustrialisierung ; Zugriff: 29.08.2025.
  • Förstel, Stefan (2025): Wohin führt die deutsche Wende? Die Presse.
  • Heidenreich, Ralf (2025): Lässt Trump Wirtschaft abstürzen?; Lage in Deutschland war schon vor Zoll-Attacken schlecht / Chefin der Wirtschaftsweisen: Ein „Terrorakt“. In: Main-Spitze-Zeitung.
  • Klodt, Henning (2018): Deindustrialisierung. In: Gabler Wirtschaftslexikon, Revision vom 19.02.2018. Online unter: https://wirtschaftslexikon.gabler.de/definition/deindustrialisierung-30877/version-254450, Zugriff: 26.09.2025.
  • Kompakt-Lexikon Wirtschaft (2014): Kompakt-Lexikon Wirtschaft. 5.400 Begriffe nachschlagen, verstehen, anwenden. 12., akt. und erw. Auflage. Wiesbaden: Springer Gabler.
  • Wengeler, Martin (2003): Topos und Diskurs. Begründung einer argumentationsanalytischen Methode und ihre Anwendung auf den Migrationsdiskurs (1960–1985). Tübingen: Niemeyer.

Abbildungsverzeichnis

Zitiervorschlag

Gerner, Denis (2025): Deindustrialisierung. In: Diskursmonitor. Glossar zur strategischen Kommunikation in öffentlichen Diskursen. Hg. von der Forschungsgruppe Diskursmonitor und Diskursintervention. Veröffentlicht am 12.01.2026. Online unter: https://diskursmonitor.de/glossar/deindustrialisierung/.  

DiskursGlossar

Grundbegriffe

Begriffsgeschichte

Die Begriffsgeschichte lässt sich allgemein als eine historische Methode beschreiben, die den zeitlichen Wandel der Bedeutungen von bestimmten Ausdrücken untersucht. Da einzelne Worte nie isoliert begegnen und ihre jeweiligen Bedeutungen erst im Kontext größerer sprachlicher Zusammenhänge oder semantischer Felder greifbar werden, verbindet sie sich flexibel mit anderen Methoden historischer Semantik, wie etwa der Diskursgeschichte, der Argumentationsgeschichte oder der Metaphernforschung (Metaphorologie).

Diskurssemantische Verschiebung

Mit dem Begriff der diskurssemantischen Verschiebung wird in der Diskursforschung ein Wandel in der öffentlichen Sprache und Kommunikation verstanden, der auf mittel- oder län-gerfristige Veränderung des Denkens, Handelns und/oder Fühlens größerer Gesellschafts-gruppen hinweist.

Domäne

Der Begriff der Domäne ist aus der soziologisch orientierten Sprachforschung in die Diskursforschung übernommen worden. Hier wird der Begriff dafür verwendet, um Muster im Sprachgebrauch und kollektiven Denken von sozialen Gruppen nach situationsübergreifenden Tätigkeitsbereichen zu sortieren.

Positionieren

Positionieren ist Grundbestandteil menschlicher Kommunikation. Wann immer wir miteinander interagieren und kommunizieren, bringen wir uns selbst, andere und die Objekte, über die wir sprechen, in bestimmte Relationen zueinander.

Deutungsmuster

Unter einem Deutungsmuster wird die problem- und lösungsbezogene Interpretation gesellschaftlicher und politischer Tatbestände verstanden, die Aussicht auf Akzeptanz in sozialen Gruppen hat. Der Begriff des Deutungsmusters hat Ähnlichkeit mit den Begriffen der Theorie und Ideologie. Meist werden gesellschaftlich verbreitete Leitdeutungen, die oft mit Schlagwörtern und Argumentationsmustern einhergehen (wie Globalisierung, Kapitalismus, Leistungsgesellschaft, Chancengleichheit etc.) als Beispiele für Deutungsmuster genannt.

Sinnformel

‚Wer sind wir? Woher kommen, wo stehen und wohin gehen wir? Wozu leben wir?‘ Auf diese und ähnliche existentielle Fragen geben Sinnformeln kondensierte Antworten, die in privaten wie sozialen Situationen Halt und Argumenten in politischen und medialen Debatten einen sicheren Unterbau geben können.

Praktik

Eine Praktik ist ein spezifisches, situativ vollzogenes und sinnhaftes Bündel von körperlichen Verhaltensweisen, an dem mehrere Menschen und Dinge beteiligt sein können (z. B. Seufzen, um Frust auszudrücken, oder einen Beschwerdebrief schreiben, Fußballspielen).

Kontextualisieren

Kontextualisieren wird im allgemeineren bildungssprachlichen Begriffsgebrauch verwendet, um das Einordnen von etwas oder jemandem in einen bestimmten Zusammenhang zu bezeichnen.

Narrativ

Mit der diskursanalytischen Kategorie des Narrativs werden Vorstellungen von komplexen Denk- und Handlungsstrukturen erfasst. Narrative in diesem Sinne gehören wie Schlagwörter, Metaphern und Topoi zu den Grundkategorien der Analyse von Diskursen.

Argumentation

Argumentation bezeichnet jene sprachliche Tätigkeit, in der man sich mithilfe von Gründen darum bemüht, die Richtigkeit einer Antwort auf eine bestimmte Frage zu erweisen. Das kann in ganz verschiedenen Situationen und Bereichen nötig sein, namentlich um eine poli-tische, wissenschaftliche, rechtliche, unternehmerische oder private Angelegenheit zu klären.

Techniken

AI-Washing/KI-Washing

Unter AI-Washing ist die Praxis von Unternehmen oder Organisationen zu verstehen, Produkte, Dienstleistungen oder Geschäftsmodelle mit dem Etikett „Künstliche Intelligenz“ (KI bzw. „Artificial Intelligence“ (AI)) zu versehen, obwohl deren tatsächlicher Einsatz von KI-Technologien entweder stark übertrieben, nur marginal vorhanden oder überhaupt nicht gegeben ist.

Dogwhistle

Unter Dogwhistle wird in Teilen der Forschung eine doppeldeutige Äußerung verstanden, die eine offene und eine verdeckte Botschaft an jeweils eine Zuhörerschaft kommuniziert.

Boykottaufruf

Der Boykottaufruf ist eine Maßnahme, die darauf abzielt, ein Ziel, also meist eine Verhaltensänderung des Boykottierten, hervorzurufen, indem zu einem Abbruch etwa der wirtschaftlichen oder sozialen Beziehungen zu diesem aufgefordert wird.

Tabuisieren

Das Wort Tabuisierung bezeichnet die Praxis, etwas Unerwünschtes, Anstößiges oder Peinliches unsichtbar zu machen oder als nicht akzeptabel zu markieren. Das Tabuisierte gilt dann moralisch als unsagbar, unzeigbar oder unmachbar.

Aus dem Zusammenhang reißen

Das Aus-dem-Zusammenhang-Reißen gehört in den Funktionskreis der Redewiedergabe bzw. der Wiedergabe kommunikativer Ereignisse. Es kann (1) als intentionale argumentativ-polemische Strategie für ganz unterschiedliche diskursive Zielsetzungen von Akteuren genutzt werden, oder (2) es kann SprecherInnen und SchreiberInnen in unbeabsichtigter, fehlerhafter Weise unterlaufen.

Lobbying

Lobbying ist eine Form strategischer Kommunikation, die sich primär an Akteure in der Politik richtet. Beim Lobbying wird ein Bündel von kommunikativen Tätigkeiten mit dem Ziel eingesetzt, die Entscheidungen von Personen mit politischem Mandat oder den Entstehungsprozess von neuen Gesetzestexten interessengeleitet zu beeinflussen.

Karten

Karten dienen dazu, Raumausschnitte im Hinblick auf ausgewählte Charakteristika so darzustellen, dass die Informationen unmittelbar in ihrem Zusammenhang erfasst und gut kommuniziert werden können. Dazu ist es notwendig, Daten und Darstellungsweisen auszuwählen und komplexe und oft umkämpfte Prozesse der Wirklichkeit in einfachen Darstellungen zu fixieren.

Pressemitteilung

Pressemitteilungen sind standardisierte Mitteilungen von Organisationen, die sich an Journalist:innen und andere Multiplikator:innen richten. Sie dienen der offiziellen und zitierfähigen Informationsweitergabe und übernehmen zugleich strategische Funktionen in der öffentlichen Kommunikation und Meinungssteuerung.

Shitstorm

Der Begriff Shitstorm beschreibt eine relativ junge Diskurskonstellation, die seit den 2010er Jahren an Bedeutung gewonnen hat und gemeinhin als Online-Wutausbruch bezeichnet wer-den kann.

Tarnschrift

Als Tarnschrift bezeichnet man unter den Bedingungen von Zensur und Verfolgungsrisiko veröffentliche Texte, die insbesondere in der strategischen Kommunikation des NS-Widerstands eine zentrale Rolle spielten.

Schlagwörter

Brückentechnologie

Ganz allgemein wird unter dem Schlagwort der Brückentechnologie sowohl in den öffentlichen Medien als auch in technisch und wirtschaftlich dominierten Kontexten eine Technologie verstanden, die zeitlich befristet eingesetzt werden soll, bevor in Zukunft der Übergang zu einer als sinnvoller eingeschätzten anderen Technologie möglich ist.

Nachhaltigkeit

Nachhaltigkeit als ein Schlagwort des öffentlichen Diskurses bezieht sich ganz allgemein auf einen ressourcenschonenderen Umgang mit dem, was uns Menschen der Planet Erde bietet, mit dem Ziel, dass auch nachfolgende Generationen noch die Möglichkeit haben, ähnlich gut zu leben wie wir heute (Generationengerechtigkeit).

Echokammer

Der Begriff der Echokammer steht in seiner heutigen Verwendung vor allem im Zusammenhang mit der Nutzung Sozialer Medien. Er verweist metaphorisch auf einen digitalen Kommunikations- und Resonanzraum, in dem Mediennutzer*innen lediglich Inhalten begegnen, die ihre eigenen, bereits bestehenden Ansichten bestätigen, während abweichende Perspektiven und Meinungen ausgeblendet bzw. abgelehnt werden.

Relativieren

Der Ausdruck relativieren besitzt zwei zentrale Bedeutungsvarianten: In bildungssprachlichen und wissenschaftlichen Kontexten bezeichnet er eine analytische Praxis, bei der Aussagen, Begriffe oder Phänomene durch Bezugnahme auf andere Sachverhalte eingeordnet, differen-ziert und in ihrer Geltung präzisiert werden.

Massendemokratie

Geprägt wurde der Begriff Massendemokratie im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts von völkisch-konservativen Akteuren (prominent darunter Carl Schmitt 1926). Der Ausdruck Masse hatte damals bei den bürgerlichen Eliten eine rundum bedrohliche Assoziation.

Social Bots

Als Social Bots werden Computerprogramme bezeichnet, die in der Lage sind, in sozialen Medien Kommunikation menschlicher Nutzer*innen (teilweise) automatisiert nachzuahmen.

Kriegsmüdigkeit

Der Ausdruck Kriegsmüdigkeit bezeichnet die emotionale und physische Erschöpfung von Menschen, die einen Krieg erleben, sowie die gesellschaftliche und politische Ermüdung angesichts langanhaltender Konflikte. Er beschreibt den sinkenden Kampfeswillen bei Kriegsparteien und heute wird er auch für das wachsende Desinteresse an Kriegsthemen in Medien und Öffentlichkeit genutzt.

Woke

Der Ausdruck woke stammt aus dem afroamerikanischen Englisch und bezeichnete dort zunächst den Bewusstseinszustand der Aufgeklärtheit über die Verbreitung von rassistischen Vorurteilen und Diskriminierung unter Angehörigen ethnischer Minderheiten.

Identität

Unter Identität versteht man allgemein die Summe von Merkmalen, die Individuen oder sozialen Kollektiven – etwa Nationen, Organisationen oder sozialen Gruppen – als charakteristisch oder gar als angeboren zugeordnet werden.

Wohlstand

Unter Wohlstand sind verschiedene Leitbilder (regulative Ideen) zu verstehen, die allgemein den Menschen, vor allem aber den Beteiligten an politischen und wissenschaftlichen Diskursen (politisch Verantwortliche, Forschende unterschiedlicher Disziplinen usw.) eine Orientierung darüber geben sollen, was ein ‚gutes Leben‘ ausmacht.

Verschiebungen

Dehumanisierung

Mit Dehumanisierung bzw. Anthropomorphisierung werden solche kommunikativen Techniken und Praktiken bezeichnet, die Personen, Sachverhalten oder Gegenständen menschliche Eigenschaften ab- bzw. zusprechen. Dehumanisierung und Anthropomorphisierung können sowohl durch sprachliche Mittel als auch durch andere, z. B. bildliche, Zeichen vollzogen werden.

Kriminalisierung

Kriminalität meint ein Verhalten, das gegen ein Gesetz verstößt. Folglich bedeutet Kriminalisierung im engeren Sinne den Vorgang, durch den Verhalten ungesetzlich gemacht wird – indem Gesetze geschaffen werden.

Versicherheitlichung

In akademischen Kontexten wird Versicherheitlichung in Abgrenzung zu einem naiv-realistischen Sicherheitsverständnis verwendet. Dieses betrachtet Sicherheit als einen universell erstrebenswerten und objektiv feststellbaren Zustand, dessen Abwesenheit auf das Handeln von Akteuren zurückzuführen ist, die feindselig, kriminell, unverantwortlich oder zumindest fahrlässig agieren.

Ökonomisierung

Ökonomisierung wird in gegenwärtigen Diskursen in der Regel zur Bezeichnung von Prozessen verwendet, in denen die spezifisch wirtschaftlichen Funktions-Elemente wie Markt, Wettbewerb/Konkurrenz, Kosten-Nutzen-Kalküle, Effizienz, Gewinnorientierung in Bereiche übertragen werden, die zuvor teilweise oder ganz nach anderen Leitkriterien ausgerichtet waren

Moralisierung

Moralisierung verlagert Macht- und Interessenkonflikte in die Sphäre der Kommunikation von Achtung / Missachtung. Sie reduziert Ambivalenz zugunsten einer Polarisierung von gut und böse.

Konstellationen

Krise

Krise ist vom Wort mit fachsprachlicher Bedeutung zur Zeitdiagnose und einem zentralen Begriff der öffentlich-politischen Kommunikation geworden. Der öffentlich-politische Krisenbegriff ist dabei – unabhängig vom Gegenstand der Krise – in eine krisendiskurstypische Konstellation zur Begründung von krisenüberwindenden Handlungen eingebettet.

Partizipatorischer Diskurs

Partizipation ist mittlerweile von der Forderung benachteiligter Personen und Gruppen nach mehr Beteiligung in der demokratischen Gesellschaft zu einem Begriff der Institutionen selbst geworden: Kein Programm, keine Bewilligung mehr, ohne dass bestimmte Gruppen oder Personen dazu aufgefordert werden, für (mehr) Partizipation zu sorgen.

Skandal

Die Diskurskonstellation des Skandals zeichnet sich durch eine in den Medien aufgegriffene (bzw. durch sie erst hervorgerufene) empörte Reaktion eines erheblichen Teils der Bevölkerung auf einen tatsächlichen oder vermeintlichen Missstand aus. Die schuldhafte Verursachung dieses Missstandes wird dabei einem gesellschaftlichen Akteur zugeschrieben, dessen Handeln als ‚unmoralisch‘ gedeutet wird.

DiskursReview

Review-Artikel

Beobachtung zum Begriff „Diplomatie“ beim Thema Ukraine im Europäischen Parlament

Von EU-Vertretern waren zur Ukraine seit 2022 vor allem Aussagen zu hören, die sich unter dem Motto „as long as it takes“ beziehungsweise „so lange wie nötig“ für die Erweiterung der militärischen Ausstattung und der Verlängerung des Krieges aussprachen. Vorschläge oder Vorstöße auf dem Gebiet der „Diplomatie“ im Sinne von ‚Verhandeln (mit Worten) zwischen Konfliktparteien‘ gab es dagegen wenige, obwohl die klare Mehrheit von Kriegen mit Diplomatie beendet wurden (vgl. z.B. Wallensteen 2015: 142)

Die Macht der Worte 4/4: So geht kultivierter Streit

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Die Macht der Worte 3/4: Sprachliche Denkschablonen

DiskursReview Die Macht der Worte (3/4):Sprachliche Denkschablonen Begleittext zum Podcast im Deutschlandfunk (1) Wörter als Waffen (2) Freund-Feind-Begriffe (3) Sprachliche Denkschablonen (4) So geht kultivierter StreitEin Text vonvon Friedemann VogelVersion: 1.0 /...

Die Macht der Worte 2/4: Freund-Feind-Begriffe

DiskursReview Die Macht der Worte (2/4): Freund-Feind-Begriffe Begleittext zum Podcast im Deutschlandfunk (1) Wörter als Waffen (2) Freund-Feind-Begriffe (3) Sprachliche Denkschablonen (4) So geht kultivierter StreitEin Text vonvon Friedemann VogelVersion: 1.0 /...

Die Macht der Worte 1/4: Wörter als Waffen

DiskursReviewDie Macht der Worte (1/4): Wörter als Waffen Begleittext zum Podcast im Deutschlandfunk (1) Wörter als Waffen (2) Freund-Feind-Begriffe (3) Sprachliche Denkschablonen (4) So geht kultivierter StreitEin Text vonvon Friedemann VogelVersion: 1.0 / 06.03.2025...

Relativieren – kontextualisieren – differenzieren

Die drei Handlungsverben relativieren, kontextualisieren, differenzieren haben gemein, dass sie sowohl in Fachdiskursen als auch im mediopolitischen Interdiskurs gebraucht werden. In Fachdiskursen stehen sie unter anderem für Praktiken, die das Kerngeschäft wissenschaftlichen Arbeitens ausmachen: analytische Gegenstände miteinander in Beziehung zu setzen, einzuordnen, zu typisieren und zugleich Unterschiede zu erkennen und zu benennen.