
DiskursGlossar
Kollektivsymbol
Kategorie: Grundbegriffe
Verwandte Ausdrücke: Deutungsmuster, Bildspendesphäre, Interdiskurs, Spezialdiskurs
Siehe auch: Metapher, Diskurs, Normalismus, Wissen
Autor: Clemens Knobloch
Version: 1.2 / Datum: 19.07.2022
Kurzzusammenfassung
Zur Kollektivsymbolik einer Kultur rechnet man den gesellschaftlich geteilten Vorrat an sprachlichen, bildlichen, schematischen und anderen Ressourcen, derer sich politische und mediale Akteure bedienen, um Ereignisse und Handlungen für die Allgemeinheit deutbar und verständlich zu machen. Kollektivsymbole sind interdiskursive Ressourcen (Interdiskurs), d.h. sie werden eingesetzt, um fachliches und sonstiges Spezialwissen, das der Allgemeinheit nicht direkt zugänglich ist, für die Öffentlichkeit aufzubereiten. Die Kollektivsymbolik einer Kultur ist überwiegend metaphorisch, sie nutzt die analogischen Potenziale allgemein bekannter und vertrauter Erfahrungssphären als Bildspender und projiziert sie in Erfahrungsbereiche, die politisch relevant, aber nicht allgemein zugänglich sind. Was wir als ,Klimawandel‘ oder als ,Globalisierung‘ bezeichnen, besteht fachdiskursiv aus einer ganz unübersichtlichen Fülle von Daten, Erkenntnissen, Details, die womöglich in den Fachdiskursen nicht eindeutig, sondern höchst umstritten sind. Kollektivsymbole rekodieren und resynthetisieren solche spezialdiskursiven Befunde für die Allgemeinheit. Mit Hilfe von Kollektivsymbolen kann Widersprüchliches und gänzlich Neues in die Sphäre des Vertrauten integriert und dort verarbeitet werden. Die soziologische Funktion der interdiskursiven Kollektivsymbolik besteht darin, hochgradig ausdifferenzierte gesellschaftliche Subsysteme und Funktionsbereiche durch allgemein zugängliche Deutungsmuster symbolisch zu reintegrieren. Öffentlichkeit gibt es für spezialdiskursives Wissen nur im Medium interdiskursiver Kollektivsymbolik.
Theorie und Begrifflichkeit der Kollektivsymbolik entstammen im Kern dem Umfeld von Jürgen Link und der Zeitschrift kultuRRevolution.
Erweiterte Begriffsklärung
In aller Regel geht es bei Kollektivsymbolik nicht um einzelne, isolierte Metaphern, sondern um Bildspendesphären, die ein eigenes Ausbaupotential haben wie ,Sport‘, ,Verkehr‘, ,Gesundheit/Krankheit/Medizin‘. Es handelt sich bei den typischen kollektivsymbolischen Sphären um Titel oder Überschriften für allgemein vertraute Bereiche der gesellschaftlichen Kommunikation. Genutzt wird dieses Potenzial als Basis für konventionelle Inferenzen und Folgerungen. Das gilt sowohl für die pragmatische Ebene des Folgehandelns als auch für das jeweilige Begriffsnetz. Wenn ich ein feindliches Land als Krebsgeschwür bezeichne, dann legitimiert das radikale, im Zweifel auch militärische Operationen auf der Handlungsebene und adelt zugleich den militärischen Akteur als verantwortlichen Arzt. Und wenn migrationspolitisch das Boot voll ist, dann legitimiert das ebenso radikale Gegenmaßnahmen, weil sonst Gefahr besteht, dass alle gemeinsam untergehen. Das soziale Netz ist eine Schutz- und Sicherungseinrichtung, es verhindert, dass die Arbeitenden abstürzen, es darf aber nicht zur Hängematte werden, weil es die Betroffenen dann zu Bequemlichkeit verführt. All das sind Sprachbilder, die mit ihren konventionellen Folgerungen zusammen Deutungs- und Orientierungsmuster bilden.
Kollektivsymbole versorgen den politischen Diskurs mit Bildsphären, deren Konnotationen und Implikationen allen Teilnehmern vertraut sind. Sie vereinfachen komplexe Zusammenhänge suggestiv und machen sie öffentlich verhandelbar.
Was das Metaphorische an der Kollektivsymbolik betrifft, so ist daran zu erinnern, dass kein sprachlicher Ausdruck für sich betrachtet metaphorisch ist. Metaphorisch sind stets nur bestimmte Gebrauchsweisen sprachlicher Ausdrücke, wenn sie Merkmale ihres angestammten und ,eigentlichen‘ Gebrauchs auf andersartige Anwendungssphären projizieren. Dabei ist zu berücksichtigen, dass allenthalben ,metaphorischer‘ und ,eigentlicher‘ Gebrauch sprachlicher Ausdrücke und Ausdrucksnetze nahtlos ineinander übergehen. Wer möchte entscheiden, ob die Begriffsnetze des ,Wettbewerbs‘ eigentlich vornehmlich in den Sport, in die Wirtschaft, in die Politik (oder gar in die Wissenschaft) gehören? Sie werden überall verwendet, und eben das qualifiziert sie für den kulturellen Vorrat an allgemein zirkulationsfähigen Kollektivsymbolen. Das Repertoire kollektivsymbolisch nutzbarer Themen- und Motivfelder wird oft dargestellt im folgenden Schema:
Abb. 1: Synchrones System der Kollektivsymbole
Im Allgemeinen werden auch Statistiken, Kurven, Schaubilder zur Kollektivsymbolik „normalistischer“ Kulturen (vgl. Link 2006) gerechnet. Ökonomisch repräsentiert eine von links nach rechts in Wellenlinien leicht ansteigende Kurve das ,Normalwachstum‘, ein plötzlich steiler Abfall repräsentiert eine Krise, eine alsbald wieder steil zur Normalität zurückkehrende V-Kurve beruhigt das Publikum in der Krise, weil sie die Rückkehr zur Normalität repräsentiert. Bleibt sie als L-Kurve nach dem Einbruch dauerhaft niedrig, symbolisiert das die Verstetigung der Krise. Alle Formen der Verpunktung und Verdatung von Gesellschaften nötigen den Einzelnen dazu, sich selbst permanent innerhalb der Verhältnisse zu verorten: Ausbildung, Einkommen, Wohnverhältnisse, politische Orientierung, überall erfahren wir, ,wo wir stehen‘ und ob wir uns noch im gesellschaftlichen Normalfeld aufhalten. Rankings gibt es mittlerweile für Urlaubsorte, Wirtschaftsstandorte und Universitäten, um nur einige Felder zu nennen. Sie spornen die Verantwortlichen an, ihre Position zu verbessern.
Nicht selten sind kollektivsymbolische Darstellungen im politischen Feld durch Bildbrüche (Katachresen) gekennzeichnet. Im politischen Interdiskurs werden derartige Bildbrüche toleriert, während in literarischen Interdiskursen erwartet wird, dass die Bildspendesphäre halbwegs folgerichtig integriert (oder wenigstens integrierbar) sein sollte. In der strukturellen Semantik literarischer Texte (A. Greimas) spricht man in diesem Zusammenhang von semantischen Isotopien (= die textuelle Verkettung rekurrenter semantischer Merkmale). Kollektivsymbolische politische Interdiskurse sind demgegenüber stärker auf der Ebene des Gemeinten semantisch integriert. Wir tolerieren durchaus Leitartikel, in denen die Konjunkturlokomotive den Wirtschaftsstandort wettbewerbsfähig macht und in der Oberliga hält. Und wenn in der Finanzkrise Banken zu Patienten werden, dann wird die staatliche Bankenrettung zur medizinischen Aktion. Lehrbuchbeispiele für Bildbrüche stammen darum meist aus der politischen Sphäre (noch mehr von der Medizin, mit der die überkontrollierte und vom Staat dirigierte deutsche Wirtschaft in den Graben gefahren wurde; FAZ vom 20. Juni 2005; oder der Patient Deutschland, der in den Stürmen vom Weg abgekommen ist etc.).
Da sich kollektivsymbolische Darstellungsweisen den Weg vom Fach- zum Interdiskurs bahnen, sind interdiskursiv zirkulationsfähige Konzepte und Termini durchaus auch in Fach- und Spezialdiskursen beliebt. Sie bahnen sich damit auch den Zugang zur allgemeinen Aufmerksamkeit (und oft auch zu Ressourcen, die mit öffentlicher Aufmerksamkeit verbunden sind). In der Fachkommunikation sollten sie freilich Elemente eines definierten terminologischen Netzwerkes („terministic screen“ bei Kenneth Burke) sein. Im Ergebnis (siehe hierzu unter [3] das Beispiel der Coronapandemie-Kollektivsymbolik) kommt es oft zu konkurrierenden fachlichen und interdiskursiven Lesarten der gleichen Ausdrücke.
Das ist darum relevant, weil Expertise und populäre Wissenschaftsversionen zu wichtigen Bildspendesphären geworden sind. Was auf den Wissensseiten der Zeitungen, in den Wissenschaftsformaten von Fernsehen und Internet präsentiert wird, das ist durchweg kollektivsymbolisch zirkulationsfähig gemachter Fachdiskurs (oder es soll jedenfalls so aussehen). Hinter Eröffnungen des Typs Experten haben herausgefunden, dass… verbirgt sich in der Regel die doppelte Autorität kollektivsymbolischer Präsentation und wissenschaftlicher Beweisbarkeit.
Im medio-politischen Interdiskurs wirken Experten durch die (weitgehend automatisierten) Schlussfolgerungen, mittels derer ihre Thesen und ,Tatsachen‘ mit den alltagspraktischen Maximen, Normen, Deutungsmustern und Ideologien der Laien verbunden sind – bzw. durch die Politik verbunden werden können. Im Fachdiskurs sind die gleichen Thesen und Tatsachen mit ganz anderen, nämlich den fachlich geteilten Wissensbeständen verbunden und verbindbar. Eine jede Tatsache ist somit zunächst nicht mehr als ein allgemein akzeptierter Ausgangspunkt für Weiterungen und Folgerungen. Und das müssen keinesfalls überall die gleichen sein. Schon gar nicht bei Experten und Laien. Die Medien wählen darum gerne Experten und Tatsachen, die erwünschte Verbindungen mit der jeweils eigenen Agenda und Position ermöglichen.
Beispiele
(1) Ein besonders interessantes Beispiel bietet die Kollektivsymbolik in der Coronapandemie, und zwar darum, weil die Kollektivsymbolik der ansteckenden Krankheit (Viren, Kontaktbeschränkungen, Quarantäne, Impfung, Prävention etc.), die ja auch zur Bearbeitung politischer Beziehungen zwischen Staaten oder Blöcken eingesetzt werden kann, zur politischen Bewältigung einer ansteckenden Krankheit verwendet wurde (also gewissermaßen auf sich selbst). Eine solche Deckung und Konkurrenz von Kollektivsymbolik und eigentlichem medizinischem Fachdiskurs (von pictura und subscriptio), erlaubt dem Publikum gewissermaßen den direkten Vergleich beider Diskurse. Dass in der Pandemie die Stunde der medientüchtigen Virologen schlug, ist kein Zufall, Widersprüche wurden beobachtbar und Kollateralschäden unübersehbar: Als Kollektivsymbol ‚verhindert eine Impfung die Infektion‘, im Pandemiediskurs musste man dem Publikum erklären, warum die Coronaimpfung die Infektion weder verhindert noch die Umgebung des Geimpften vor Infektion schützt. Experten, die nicht auf der Linie des politischen Interdiskurses lagen, galten plötzlich auch im fachlichen Spezialdiskurs als Verschwörungstheoretiker. Die direkte Berührung beider Ebenen sortiert das Feld auch auf beiden Seiten um. Zu beobachten war auch offene Konkurrenz zwischen medizinischen Fachverbänden (z.B. der Ständigen Impfkommission oder dem Netzwerk der evidenzbasierten Mediziner) und Medien, was die Ausdeutung von Fallzahlen, Todesursachen, Impfwirkungen betrifft (vgl. Knobloch 2020).
(2) Zu den häufig zitierten Standardbeispielen in der Literatur zur Kollektivsymbolik gehört die Abbildung wirtschaftlicher Dynamik im Medium von Transport und Verkehr: Der Konjunkturmotor stottert, die Wirtschaft nimmt Fahrt auf, die Konjunktur stürzt ab, wird gebremst. Die Wirtschaft bleibt auf Kurs, bekommt Rückenwind etc. Autobahn, Überholspur, Stau etc. gehören auch in dieses Repertoire. Auch die Symbolik von Schiff, Kapitän, Ausguck, Sturm, Untergang etc. wird gern für wirtschaftliche und politische Prozesse verwendet.
(3) Zu den Kernbeständen der Kollektivsymbolik gehört das Orientierungsschema für den politischen Raum, das aus den Positionen Links–Mitte–Rechts besteht. Dieses Schema ermöglicht ein bewegliches Management von Zugehörigkeit und Nichtzugehörigkeit, von Innen und Außen, sowie die fallweise Verräumlichung des politischen Feldes. Es gibt zwei Varianten dieses Schemas: einmal die ,Gleichgewichtswaage‘, bei der die Mitte ein Wunschort sowie das Zentrum der ,Normalität‘ ist, während die Ränder für bedrohlich, tendenziell nicht normal, aber partiell integrierbar gelten. Typische Themen- und Personenkarrieren beginnen an den Rändern, die aufmerksamkeitspolitisch privilegiert sind, und enden in der Mitte. Die Ränder wiederum werden gegliedert in links/rechts – radikal – extremistisch – terroristisch. Die Ausschließungszone (Beobachtung durch den Verfassungsschutz, drohendes Verbot etc.) beginnt mit dem Prädikat extremistisch. Themen, Personen und Organisationen können im politischen Raum strategisch verschoben werden, aus der gehegten Mitte heraus an die Ränder und von den Rändern zur Mitte.
Die zweite Variante des Schemas, meist mit der krisenhaften Spätphase der Weimarer Republik assoziiert, ist die des ,symbolischen Bürgerkriegs‘, bei der die Mitte als verächtlicher Ort gilt und die extremen Ränder sie gemeinsam bekämpfen.
(4) Die Kollektivsymbolik der ,sozialen Landschaft‘, zum Verhältnis von attraktiver, Stabilität garantierender Mittelschicht, Reichen, Superreichen und Marginalisierten, Armen etc. bildet ebenfalls ein Zentralgebiet von Politik und Medien. Ursula Kreft (2001) hat das Verhältnis bildlicher, narrativer und sonstiger kollektivsymbolischer Ressourcen zu diesem Feld untersucht: Die einschlägige Kollektivsymbolik macht Gebrauch von exemplarischen Einzelfallgeschichten (rasche Aufstiege nach oben, steile Abstürze von oben), Modellcharakteren (Selbstunternehmer etc.), bildlichen Darstellungen der Sozialordnung (Schiff mit Sonnendeck und Unterdeck für die Ruderer etc.), Warngeschichten über die schrumpfende Mitte etc.
(5) Zu den typischen Anwendungsfeldern von Kollektivsymbolik gehört auch deren kritisch-satirischer Einsatz, wie z.B. im folgenden Bild von Michael Sowa, das ein Sprachbild mit Hilfe einer Illustration ,veranschaulicht‘:
Abb. 2: Michael Sowa: „Das Boot ist voll“
Literatur
Zum Weiterlesen
- Becker, Frank; Gerhard, Ute; Link, Jürgen (1997): Moderne Kollektivsymbolik. Ein diskurstheoretisch orientierter Forschungsbericht mit Auswahlbibliographie (II). In: Internationales Archiv für Sozialgeschichte der deutschen Literatur. (IASL), Heft 1, Jg. 22, S. 70–154.
- Gerhard, Ute; Link, Jürgen; Schulte-Holtey, Ernst (Hrsg.)(2001): Infografiken, Medien, Normalisierung. Zur Kartographie politisch-sozialer Landschaften. Heidelberg: Synchron.
Zitierte Literatur und Belege
- Becker, Frank; Gerhard, Ute; Link, Jürgen (1997): Moderne Kollektivsymbolik. Ein diskurstheoretisch orientierter Forschungsbericht mit Auswahlbibliographie (II). In: Internationales Archiv für Sozialgeschichte der deutschen Literatur. (IASL), Heft 1, Jg. 22, S. 70–154.
- Burke, Kenneth (1966): „Terministic Screens“. In: Ders.: Language as Symbolic Action. Berkeley, L.A.: University of California Press. S. 44–62.
- Gerhard, Ute; Link, Jürgen; Schulte-Holtey, Ernst (Hrsg.)(2001): Infografiken, Medien, Normalisierung. Zur Kartographie politisch-sozialer Landschaften. Heidelberg: Synchron.
- Greimas, Algirdas J. (1966): Sémantique structurale. Paris: Larousse.
- Jäger, Margarete; Jäger, Siegfried (2007): Deutungskämpfe. Theorie und Praxis Kritischer Diskursanalyse. Wiesbaden: VS Verlag.
- Knobloch, Clemens (2001): Aus Alt mach Neu: Links, Mitte, Rechts. In: Gerhard, Ute; Link, Jürgen; Schulte-Holtey, Ernst (Hrsg.): Infografiken, Medien, Normalisierung. Zur Kartographie politisch-sozialer Landschaften. Heidelberg: Synchron. S. 175–190.
- Knobloch, Clemens (2020): „Über die Rolle der Experten im Corona-Notstand“. In: kultuRRevolution – Zeitschrift für Angewandte Diskurstheorie, Heft 79, S. 39–45
- Kreft, Ursula (2001): Tiefe Risse, bedrohliche Verwerfungen. Soziale Ordnung und soziale Krise in deutschen Printmedien. In: Gerhard, Ute; Link, Jürgen; Schulte-Holtey, Ernst (Hrsg.): Infografiken, Medien, Normalisierung. Zur Kartographie politisch-sozialer Landschaften. Heidelberg: Synchron. S. 127–148.
- Link, Jürgen (1997): Literaturwissenschaftliche Grundbegriffe. Stuttgart: UTB.
- Link, Jürgen (2006): Versuch über den Normalismus. Wie Normalität hergestellt wird. Göttingen: Vandenhoeck.
Abbildungsverzeichnis
- Abb. 1: Synchrones System der Kollektivsymbole. In: Link, Jürgen (1984): Diskursive Rutschgefahren ins vierte Reich? Rationales Rhizom, In: kultuRRevolution – Zeitschrift für Angewandte Diskurstheorie, Heft 5, S. 12–20.
- Abb. 2: Michael Sowa: „Das Boot ist voll“. In: Claudia Roth (Hrsg.): Neue Mauern. Ein Postkartenbuch von 1994. o. S.
Zitiervorschlag
Knobloch, Clemens (2022): Kollektivsymbol. In: Diskursmonitor. Glossar zur strategischen Kommunikation in öffentlichen Diskursen. Hg. von der Forschungsgruppe Diskursmonitor und Diskursintervention. Veröffentlicht am 19.07.2022. Online unter: https://diskursmonitor.de/glossar/kollektivsymbol.
DiskursGlossar
Grundbegriffe
Begriffsgeschichte
Die Begriffsgeschichte lässt sich allgemein als eine historische Methode beschreiben, die den zeitlichen Wandel der Bedeutungen von bestimmten Ausdrücken untersucht. Da einzelne Worte nie isoliert begegnen und ihre jeweiligen Bedeutungen erst im Kontext größerer sprachlicher Zusammenhänge oder semantischer Felder greifbar werden, verbindet sie sich flexibel mit anderen Methoden historischer Semantik, wie etwa der Diskursgeschichte, der Argumentationsgeschichte oder der Metaphernforschung (Metaphorologie).
Diskurssemantische Verschiebung
Mit dem Begriff der diskurssemantischen Verschiebung wird in der Diskursforschung ein Wandel in der öffentlichen Sprache und Kommunikation verstanden, der auf mittel- oder län-gerfristige Veränderung des Denkens, Handelns und/oder Fühlens größerer Gesellschafts-gruppen hinweist.
Domäne
Der Begriff der Domäne ist aus der soziologisch orientierten Sprachforschung in die Diskursforschung übernommen worden. Hier wird der Begriff dafür verwendet, um Muster im Sprachgebrauch und kollektiven Denken von sozialen Gruppen nach situationsübergreifenden Tätigkeitsbereichen zu sortieren.
Positionieren
Positionieren ist Grundbestandteil menschlicher Kommunikation. Wann immer wir miteinander interagieren und kommunizieren, bringen wir uns selbst, andere und die Objekte, über die wir sprechen, in bestimmte Relationen zueinander.
Deutungsmuster
Unter einem Deutungsmuster wird die problem- und lösungsbezogene Interpretation gesellschaftlicher und politischer Tatbestände verstanden, die Aussicht auf Akzeptanz in sozialen Gruppen hat. Der Begriff des Deutungsmusters hat Ähnlichkeit mit den Begriffen der Theorie und Ideologie. Meist werden gesellschaftlich verbreitete Leitdeutungen, die oft mit Schlagwörtern und Argumentationsmustern einhergehen (wie Globalisierung, Kapitalismus, Leistungsgesellschaft, Chancengleichheit etc.) als Beispiele für Deutungsmuster genannt.
Sinnformel
‚Wer sind wir? Woher kommen, wo stehen und wohin gehen wir? Wozu leben wir?‘ Auf diese und ähnliche existentielle Fragen geben Sinnformeln kondensierte Antworten, die in privaten wie sozialen Situationen Halt und Argumenten in politischen und medialen Debatten einen sicheren Unterbau geben können.
Praktik
Eine Praktik ist ein spezifisches, situativ vollzogenes und sinnhaftes Bündel von körperlichen Verhaltensweisen, an dem mehrere Menschen und Dinge beteiligt sein können (z. B. Seufzen, um Frust auszudrücken, oder einen Beschwerdebrief schreiben, Fußballspielen).
Kontextualisieren
Kontextualisieren wird im allgemeineren bildungssprachlichen Begriffsgebrauch verwendet, um das Einordnen von etwas oder jemandem in einen bestimmten Zusammenhang zu bezeichnen.
Narrativ
Mit der diskursanalytischen Kategorie des Narrativs werden Vorstellungen von komplexen Denk- und Handlungsstrukturen erfasst. Narrative in diesem Sinne gehören wie Schlagwörter, Metaphern und Topoi zu den Grundkategorien der Analyse von Diskursen.
Argumentation
Argumentation bezeichnet jene sprachliche Tätigkeit, in der man sich mithilfe von Gründen darum bemüht, die Richtigkeit einer Antwort auf eine bestimmte Frage zu erweisen. Das kann in ganz verschiedenen Situationen und Bereichen nötig sein, namentlich um eine poli-tische, wissenschaftliche, rechtliche, unternehmerische oder private Angelegenheit zu klären.
Techniken
AI-Washing/KI-Washing
Unter AI-Washing ist die Praxis von Unternehmen oder Organisationen zu verstehen, Produkte, Dienstleistungen oder Geschäftsmodelle mit dem Etikett „Künstliche Intelligenz“ (KI bzw. „Artificial Intelligence“ (AI)) zu versehen, obwohl deren tatsächlicher Einsatz von KI-Technologien entweder stark übertrieben, nur marginal vorhanden oder überhaupt nicht gegeben ist.
Dogwhistle
Unter Dogwhistle wird in Teilen der Forschung eine doppeldeutige Äußerung verstanden, die eine offene und eine verdeckte Botschaft an jeweils eine Zuhörerschaft kommuniziert.
Demonstrieren
« Zurück zur ArtikelübersichtDemonstrieren Kategorie: TechnikenVerwandte Ausdrücke: Auf die Straße gehen, Straßenprotest, Kundgebung, öffentliche Versammlung, Mahnwache, Menschenkette, Marsch, SitzblockadenSiehe auch: Protest, Politische Aktion, Politische Bildung,...
Boykottaufruf
Der Boykottaufruf ist eine Maßnahme, die darauf abzielt, ein Ziel, also meist eine Verhaltensänderung des Boykottierten, hervorzurufen, indem zu einem Abbruch etwa der wirtschaftlichen oder sozialen Beziehungen zu diesem aufgefordert wird.
Tabuisieren
Das Wort Tabuisierung bezeichnet die Praxis, etwas Unerwünschtes, Anstößiges oder Peinliches unsichtbar zu machen oder als nicht akzeptabel zu markieren. Das Tabuisierte gilt dann moralisch als unsagbar, unzeigbar oder unmachbar.
Aus dem Zusammenhang reißen
Das Aus-dem-Zusammenhang-Reißen gehört in den Funktionskreis der Redewiedergabe bzw. der Wiedergabe kommunikativer Ereignisse. Es kann (1) als intentionale argumentativ-polemische Strategie für ganz unterschiedliche diskursive Zielsetzungen von Akteuren genutzt werden, oder (2) es kann SprecherInnen und SchreiberInnen in unbeabsichtigter, fehlerhafter Weise unterlaufen.
Lobbying
Lobbying ist eine Form strategischer Kommunikation, die sich primär an Akteure in der Politik richtet. Beim Lobbying wird ein Bündel von kommunikativen Tätigkeiten mit dem Ziel eingesetzt, die Entscheidungen von Personen mit politischem Mandat oder den Entstehungsprozess von neuen Gesetzestexten interessengeleitet zu beeinflussen.
Karten
Karten dienen dazu, Raumausschnitte im Hinblick auf ausgewählte Charakteristika so darzustellen, dass die Informationen unmittelbar in ihrem Zusammenhang erfasst und gut kommuniziert werden können. Dazu ist es notwendig, Daten und Darstellungsweisen auszuwählen und komplexe und oft umkämpfte Prozesse der Wirklichkeit in einfachen Darstellungen zu fixieren.
Pressemitteilung
Pressemitteilungen sind standardisierte Mitteilungen von Organisationen, die sich an Journalist:innen und andere Multiplikator:innen richten. Sie dienen der offiziellen und zitierfähigen Informationsweitergabe und übernehmen zugleich strategische Funktionen in der öffentlichen Kommunikation und Meinungssteuerung.
Shitstorm
Der Begriff Shitstorm beschreibt eine relativ junge Diskurskonstellation, die seit den 2010er Jahren an Bedeutung gewonnen hat und gemeinhin als Online-Wutausbruch bezeichnet wer-den kann.
Schlagwörter
Brückentechnologie
Ganz allgemein wird unter dem Schlagwort der Brückentechnologie sowohl in den öffentlichen Medien als auch in technisch und wirtschaftlich dominierten Kontexten eine Technologie verstanden, die zeitlich befristet eingesetzt werden soll, bevor in Zukunft der Übergang zu einer als sinnvoller eingeschätzten anderen Technologie möglich ist.
Deindustrialisierung
Der Ausdruck Deindustrialisierung (auch De-Industrialisierung oder als Verb deindustrialisieren) beschreibt im öffentlichen Sprachgebrauch eine negativ bewertete Form des Strukturwandels durch Rückgang von produzierendem Gewerbe.
Nachhaltigkeit
Nachhaltigkeit als ein Schlagwort des öffentlichen Diskurses bezieht sich ganz allgemein auf einen ressourcenschonenderen Umgang mit dem, was uns Menschen der Planet Erde bietet, mit dem Ziel, dass auch nachfolgende Generationen noch die Möglichkeit haben, ähnlich gut zu leben wie wir heute (Generationengerechtigkeit).
Echokammer
Der Begriff der Echokammer steht in seiner heutigen Verwendung vor allem im Zusammenhang mit der Nutzung Sozialer Medien. Er verweist metaphorisch auf einen digitalen Kommunikations- und Resonanzraum, in dem Mediennutzer*innen lediglich Inhalten begegnen, die ihre eigenen, bereits bestehenden Ansichten bestätigen, während abweichende Perspektiven und Meinungen ausgeblendet bzw. abgelehnt werden.
Relativieren
Der Ausdruck relativieren besitzt zwei zentrale Bedeutungsvarianten: In bildungssprachlichen und wissenschaftlichen Kontexten bezeichnet er eine analytische Praxis, bei der Aussagen, Begriffe oder Phänomene durch Bezugnahme auf andere Sachverhalte eingeordnet, differen-ziert und in ihrer Geltung präzisiert werden.
Massendemokratie
Geprägt wurde der Begriff Massendemokratie im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts von völkisch-konservativen Akteuren (prominent darunter Carl Schmitt 1926). Der Ausdruck Masse hatte damals bei den bürgerlichen Eliten eine rundum bedrohliche Assoziation.
Social Bots
Als Social Bots werden Computerprogramme bezeichnet, die in der Lage sind, in sozialen Medien Kommunikation menschlicher Nutzer*innen (teilweise) automatisiert nachzuahmen.
Kriegsmüdigkeit
Der Ausdruck Kriegsmüdigkeit bezeichnet die emotionale und physische Erschöpfung von Menschen, die einen Krieg erleben, sowie die gesellschaftliche und politische Ermüdung angesichts langanhaltender Konflikte. Er beschreibt den sinkenden Kampfeswillen bei Kriegsparteien und heute wird er auch für das wachsende Desinteresse an Kriegsthemen in Medien und Öffentlichkeit genutzt.
Woke
Der Ausdruck woke stammt aus dem afroamerikanischen Englisch und bezeichnete dort zunächst den Bewusstseinszustand der Aufgeklärtheit über die Verbreitung von rassistischen Vorurteilen und Diskriminierung unter Angehörigen ethnischer Minderheiten.
Identität
Unter Identität versteht man allgemein die Summe von Merkmalen, die Individuen oder sozialen Kollektiven – etwa Nationen, Organisationen oder sozialen Gruppen – als charakteristisch oder gar als angeboren zugeordnet werden.
Verschiebungen
Dehumanisierung
Mit Dehumanisierung bzw. Anthropomorphisierung werden solche kommunikativen Techniken und Praktiken bezeichnet, die Personen, Sachverhalten oder Gegenständen menschliche Eigenschaften ab- bzw. zusprechen. Dehumanisierung und Anthropomorphisierung können sowohl durch sprachliche Mittel als auch durch andere, z. B. bildliche, Zeichen vollzogen werden.
Kriminalisierung
Kriminalität meint ein Verhalten, das gegen ein Gesetz verstößt. Folglich bedeutet Kriminalisierung im engeren Sinne den Vorgang, durch den Verhalten ungesetzlich gemacht wird – indem Gesetze geschaffen werden.
Versicherheitlichung
In akademischen Kontexten wird Versicherheitlichung in Abgrenzung zu einem naiv-realistischen Sicherheitsverständnis verwendet. Dieses betrachtet Sicherheit als einen universell erstrebenswerten und objektiv feststellbaren Zustand, dessen Abwesenheit auf das Handeln von Akteuren zurückzuführen ist, die feindselig, kriminell, unverantwortlich oder zumindest fahrlässig agieren.
Ökonomisierung
Ökonomisierung wird in gegenwärtigen Diskursen in der Regel zur Bezeichnung von Prozessen verwendet, in denen die spezifisch wirtschaftlichen Funktions-Elemente wie Markt, Wettbewerb/Konkurrenz, Kosten-Nutzen-Kalküle, Effizienz, Gewinnorientierung in Bereiche übertragen werden, die zuvor teilweise oder ganz nach anderen Leitkriterien ausgerichtet waren
Moralisierung
Moralisierung verlagert Macht- und Interessenkonflikte in die Sphäre der Kommunikation von Achtung / Missachtung. Sie reduziert Ambivalenz zugunsten einer Polarisierung von gut und böse.
Konstellationen
Krise
Krise ist vom Wort mit fachsprachlicher Bedeutung zur Zeitdiagnose und einem zentralen Begriff der öffentlich-politischen Kommunikation geworden. Der öffentlich-politische Krisenbegriff ist dabei – unabhängig vom Gegenstand der Krise – in eine krisendiskurstypische Konstellation zur Begründung von krisenüberwindenden Handlungen eingebettet.
Partizipatorischer Diskurs
Partizipation ist mittlerweile von der Forderung benachteiligter Personen und Gruppen nach mehr Beteiligung in der demokratischen Gesellschaft zu einem Begriff der Institutionen selbst geworden: Kein Programm, keine Bewilligung mehr, ohne dass bestimmte Gruppen oder Personen dazu aufgefordert werden, für (mehr) Partizipation zu sorgen.
Skandal
Die Diskurskonstellation des Skandals zeichnet sich durch eine in den Medien aufgegriffene (bzw. durch sie erst hervorgerufene) empörte Reaktion eines erheblichen Teils der Bevölkerung auf einen tatsächlichen oder vermeintlichen Missstand aus. Die schuldhafte Verursachung dieses Missstandes wird dabei einem gesellschaftlichen Akteur zugeschrieben, dessen Handeln als ‚unmoralisch‘ gedeutet wird.
DiskursReview
Review-Artikel
Memes als moderne Propaganda – Eine sprach- und medienkritische Untersuchung
Digitale Kommunikationsformen prägen heutige gesellschaftliche Debatten weitaus stärker als die klassischen Medien. Ihr Einfluss auf die politische Meinungsbildung und die Ausbildung ideologischer Positionen ist inzwischen unverkennbar und zählt zu den markantesten Entwicklungen der digitalen Gegenwart. Besonders hervorzuheben sind Memes: Sie verbreiten sich schnell, arbeiten mit humoristischen Mitteln und verdichten komplexe Inhalte auf ein Minimum an Zeichen. In öffentlichen Diskursen werden sie daher nicht mehr als spielerisches Internetphänomen betrachtet, sondern als ernstzunehmendes Instrument politischer Kommunikation und den damit einhergehenden propagandistischen Strategien.
Zeitalter der Polykrisen – Was sagt die Polykrise über die Gegenwart und Zukunft?
Beim Durchscrollen der Tagesschlagzeilen ist einem in den letzten Jahr wahrscheinlich der Ausdruck Polykrise ins Blickfeld geraten. Solche Schlagzeilen in deutschsprachigen Medien lauten beispielsweise (1) „Klimawandel, Krieg in der Ukraine, Abstiegsängste – die Welt ist aus den Fugen geraten: Drei Bücher zeigen Wege aus der Polykrise“ (Friedl 2026); (2) „Kritische Psychotherapie: Psychotherapie in der Polykrise“ (Dicks 2026); (3) „Optimismus in der Polykrise“ (Kolev 2025); (4) „Was tun gegen die …
„Genderwahn“ als sprachkritische Abwertung: Eine kritische Betrachtung
„Die Debatte über Gendern und Nicht-Gendern kann ich schon nicht mehr hören. Soll es doch jeder machen, wie er es selbst will.“ Dieses Zitat äußert der ehemalige Bundeskanzler Olaf Scholz im Rahmen der Feier zugunsten des Grundgesetzes, welches im Jahre 2024 den 75. Geburtstag feierte (vgl. Steinkohl et al. 2024). Deutlich wird hierbei, dass die Thematik rund um das Gendern in der Politik aufgefasst wird. Allerdings wird gleichzeitig deutlich, dass die Debatte in der Öffentlichkeit stark kritisiert …
Klimaterroristen: Wie Sprache politische Fronten schafft
Der öffentliche Diskurs über Klimaaktivismus ist in den vergangenen Jahren zunehmend polarisiert. Vor diesem Hintergrund hat sich der Ausdruck Klimaterrorist zu einem politisch und gesellschaftlich stark aufgeladenen Schlagwort entwickelt, das im Jahr 2022 als „Unwort des Jahres“ gewählt wurde (vgl. 2020ff. – Unwort des Jahres). Seine Verwendung verweist auf Konflikte über Legitimität, Moral und Rechtmäßigkeit verschiedener Formen des Protests. Gleichzeitig fungiert der Begriff als sprachliches …
Negativ konnotierte Fremdzuschreibung durch diskriminierende Begriffe – Ein sprachkritischer Beitrag zur Bezeichnung „Kanake“ und dem Zukunftswort „Talahon“
„Gerade diese scheinbar ›milden‹ Formen des Rassismus, die über die Sprache transportiert werden, sind schwer zu bekämpfen, da vielen Menschen nicht klar zu sein scheint, welche Macht Sprache besitzt.“ (Kunz, 2021, S. 58).
Der Begriff „Kanake“ (teilweise auch „Kanacke“) bedeutet in seiner ursprünglichen Bedeutung Mensch und bezeichnete Bewohner*innen der Inselgruppe Neukaledoniens im südlichen Pazifik (vgl. Trost, 2002). Dem Gebrauch lag dabei die Charakterisierung einer spezifischen Gesellschaft …
Wenn aus Vielen Einer wird – Warum pauschale Nationsbezeichnungen sprachlich gefährlich sind
„In dieser Situation sind die Deutschen sehr unzufrieden mit der Arbeit der Politik.“ (Kinkartz, 2025), schreibt die Deutsche Welle im November 2025. Gemeint ist dabei keine einzelne Person oder klar definierte Gruppe, sondern eine ganze Nation, welche mit einem einzigen Artikel zu einem scheinbar einheitlichen Kollektiv zusammengefasst wurde. Solche Formulierungen sind kein Einzelfall. Ähnliche Beispiele, wie „Die Russen greifen an vielen Stellen an“ (Die Welt am Morgen, 2024), „Die Ukrainer …
Das Crazy, wenn Worte Brücken zwischen Generationen sprengen! – Eine sprachkritische Betrachtung von Jugendsprache: Mediale Darstellung, Generationenkonflikt und Pädagogische Einschätzung
Das Jugendwort des Jahres 2025 lautet „das Crazy“. Es meint: „Es gibt keine wirklich passende Antwort. Oder keine wirklich höfliche. Oder eine zu ausführliche, auf die der Antwortende aber gerade keine Lust hat. Oder einfach nur okay“ (Tagesschau, 2025). Torsten Sträter, Kabarettist und Vertreter der Generation X, hört es und stockt: „…das sind zwei Worte… [außerdem] fehlt eins… Vielleicht bin ich ein zu verknöcherter alter Mann geworden, dass ich mich über so eine Kacke… Wer es sagt – Ohrfeige“ …
„Stadtbild“ als politisches Schlagwort – Ein sprach- und medienkritischer Beitrag zur migrationspolitischen Äußerung von Friedrich Merz
Im Rahmen einer Pressekonferenz äußerte sich Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) am 14. Oktober 2025 bei einem Besuch in Brandenburg zur Migrationspolitik. Er verwies dabei auf sinkende Migrationszahlen sowie auf bereits geplante und umgesetzte Maßnahmen, insbesondere Rückführungen. Merz verwendete dabei den Ausdruck „Stadtbild“, der im gegebenen Kontext negativ konnotiert wurde und sich daraufhin innerhalb kurzer Zeit zu einem politischen Schlagwort entwickelte.
Ausgangspunkt war eine journalistische …
Sprache im Scroll-Modus – Brainrot, Memes und medienkritische Deutungen der kindlichen Kommunikation
Laut der KIM-Studie im Jahr 2024 nutzten 54 Prozent der 6- bis 13-Jährigen täglich das Internet (mpfs, 2024). Das sind 7 Prozent mehr als im Jahr 2022 (mpfs, 2024). Besonders auffällig ist, dass 23 Prozent dieser Altersgruppe täglich oder fast täglich TikTok verwenden, während Instagram nur von 11 Prozent genutzt wird (mpfs, 2024). Mit der intensiveren Nutzung der sozialen Medien gewinnen auch Memes an Bedeutung: Dabei handelt es sich um multimodale Inhalte aus Texten, Bildern, Videos, GIFs, Sounds …
Wenn ein Wort mehr sagt als ein Satz: Der Begriff „Klimakleber“ als Beispiel sprachlicher Rahmung
In einem Kommentar der Süddeutschen Zeitung erwähnt Mareen Linnarzt den Gedanken, dass Sprache lenkt, wie man denkt (vgl. Linnarzt und Steinke 2023). Diese Aussage verweist auf eine grundlegende Eigenschaft von Sprache, die im alltäglichen Mediengebrauch häufig wenig reflektiert wird. Medien verfügen über die Möglichkeit, einzelne Teilaspekte eines Themas hervorzuheben und andere in den Hintergrund zu rücken (vgl. Hasebrink). Auf diese Weise entstehen Deutungsrahmen, innerhalb derer Ereignisse …