DiskursGlossar

Fake News

Kategorie: Schlagwörter
Verwandte Ausdrücke: Falschmeldung, Desinformation, Fälschung, Lüge, Manipulation
Siehe auch: Medien, Lügenpresse, Guerillakommunikation, Verschwörungstheorie, Berichterstattungsmuster, Wahlkampf
Autorin: Saskia Sell
Version: 1.0 / Datum: 30.03.2023

Kurzzusammenfassung

Fake News wird als Schlagwort im Kampf um Macht und Deutungshoheit in politischen Auseinandersetzungen verwendet, in denen sich die jeweiligen politischen Gegenspieler und ihre Anhänger wechselseitig der Lüge und der Verbreitung von Falschnachrichten zum Zweck der Manipulation der öffentlichen Meinung und der Bevölkerung bezichtigen. Auf der Ebene des Diskurses geschieht das unabhängig davon, ob tatsächlich und nachweislich gelogen wurde oder nicht – sprich auch wahrheitsgemäße Äußerungen können als Fake News diskreditiert werden. Sowohl das gezielte Streuen und Verbreiten von Fake News im oben genannten Sinne als auch der Vorwurf, eine Nachricht oder Äußerung der Gegenseite, die nicht zur eigenen politischen Agenda passt, sei Fake News, werden als Propagandastrategien eingesetzt. In manipulativer Weise wird der Vorwurf, eine Information sei ,Fake News‘, genutzt, um Deutungshoheit im Diskurs zu erlangen. Das Schlagwort selbst wird wiederholt gezielt eingesetzt, um Verwirrung zu stiften, Gegner als Lügner zu diffamieren und öffentliche (politische) Auseinandersetzungen von der Ebene der Sach- und Tatsachenbewertung auf die Ebene der strategisch-diskursiven Machtspiele zu heben.

Als Beschreibungsbegriff aus journalistischer wie kommunikationswissenschaftlicher Perspektive ist Fake News ein Anglizismus für in manipulativer Absicht verbreitete Falschnachrichten. Der Begriff wird beispielsweise im Kontext gezielter Desinformation über soziale Netzwerke bzw. Social Media verwendet. Neben der geäußerten Lüge – im Sinne von Täuschung, Irreführung, Fälschung – wird auch das ungeprüfte Weiterverbreiten von Gerüchten oder Halbwahrheiten unter dem oft weit gefassten und zum Teil schwammig verwendeten Begriff subsumiert. Ebenso werden Übertreibungen, unangemessene Skandalisierungen, Fehler oder Lücken in der medialen Berichterstattung als Fake News bezeichnet (vgl. Sell et al. 2021). Die Verbreitung von Fake News wird auch zur medialen Kriegsführung genutzt, um Gegner zu demoralisieren oder zu diskreditieren, oder um politische Partner, die eigene Bevölkerung und die eigenen Truppen davon zu überzeugen, auf der ‚richtigen‘ Seite kriegerischer Gewaltausübung zu stehen. Durch strategisches Fluten des öffentlichen Raums mit Fake News kann auch darauf hingewirkt werden, dass eine Unterscheidung von Wahrheit und Falschmeldungen nahezu unmöglich erscheint.

Erweiterte Begriffsklärung

Fake News ist ein Schlagwort im politischen Diskurs, andererseits wird der Begriff auch fachsprachlich verwendet, als Textklasse bzw. zur Bezeichnung der Praktik des Verbreitens von Desinformation, Lügen und Falschnachrichten im medienöffentlichen Raum. Beide Ebenen sind für die Diskursforschung relevant.

Forschung zur politischen Rede konnte zeigen, wie die Beschuldigung, Äußerungen seien Fake News, gezielt als rhetorische Strategie eingesetzt wird. Zum Teil als humoristisches Zwischenspiel, andererseits aber auch, um die eigene Position als die richtige und die der Gegenspieler – und dazu zählen auch kritische Journalistinnen und Journalisten – als falsch zu positionieren (vgl. u.a. Shrikant/Sierra 2022 in Auseinandersetzung mit den Pressekonferenzen des ehemaligen US-amerikanischen Präsidenten Donald Trump). Auch in Deutschland finden sich ähnliche Diskursmuster wie hier im Lager der Republikaner – vor allem in rechten oder rechtsextremen politischen Kontexten. Das Schlagwort Lügenpresse hat hier seit den 2000ern wieder verstärkt Einzug in den politischen Diskurs genommen (vgl. Probst 2018). Ob und inwieweit andere politische Lager sich diese Strategie ebenfalls zu eigen machen, wurde bisher nicht erforscht.

Neben dem politischen Schlagwort ist die tatsächliche Verbreitung von Fake News (Falschnachrichten, Desinformation, Lügen etc.) auch ein Thema für die Kommunikationswissenschaft. Digitale Medien, soziale Netzwerke oder auch Messenger-Dienste gelten aufgrund ihrer positiven Eigenschaften wie niederschwelliger Zugänglichkeit, hoher Übertragungsgeschwindigkeit und der Einfachheit, mit der von jedem Nutzer oder jeder Nutzerin Informationen veröffentlicht und breit geteilt werden können, als besonders anfällig. Diskursive Verzerrungseffekte, die unsere Wahrnehmung des Weltgeschehens mitprägen, werden begünstigt durch die gängigen Formate, mit denen hier kommuniziert wird. Verkürzte Darstellungen in Text, Bild und Ton, aus dem Kontext gerissene Zitate, eingängige Sharepics oder entsprechend der gewollten Aussage geschnittene Kurzclips können schnell verbreitet werden und, unterstützt durch in soziale Medien eingebundene Übersetzungstools, sprachraumübergreifend im Netz zirkulieren.

Falschmeldungen, die einmal in der Welt sind, sind trotz Einordnungs- und Korrekturversuchen von Akteuren, die sich auf Faktenprüfung spezialisiert haben, nur schwer wieder einzufangen. Auf den Faktencheck spezialisierte journalistische Redaktionen oder Experten im Bereich der digitalen Forensik können aus der Masse an Diskursfragmenten nur eine mehr oder weniger transparent getroffene Auswahl an Informationen prüfen. An eine ursprünglich geteilte, einfach dargestellte Information erinnert man sich eher als an ihre Korrektur und damit verbunden oft komplexere Einordnung, die meist über geringere Reichweite verfügt als das Original (vgl. Sängerlaub 2018). Auch können sich die sachlich formulierten Informationen einer Richtigstellung gegen die oft stark (negativ) emotionsgeladenen Fake News schlechter durchsetzen (vgl. Jaster/Lanius 2019). Für die Akzeptanz von Fake News seitens der Mediennutzer spielt auch der sogenannte ,Confirmation Bias‘ oder Bestätigungsfehler eine Rolle. In der Kognitionsforschung bezeichnet dieser die Tendenz zur Bestätigung der eigenen Erwartungen. Dazu passende Informationen werden höher gewertet und bleiben eher in Erinnerung als die den eigenen Erwartungen, Vorerfahrungen oder der eigenen bereits festgefügten Meinung widersprechenden Informationen. Ebenso werden Quellen für passende Informationen tendenziell bevorzugt und Quellen für als unpassend empfundene Informationen eher gemieden (vgl. Mercier 2017).

Auch wenn Fake News sich durch die heutigen Möglichkeiten der digital-vernetzten Kommunikation einfacher und schneller verbreiten lassen, ist das Phänomen an sich, bzw. sind die einzelnen Dimensionen dahinter – öffentliche Lügen, gestreute Gerüchte, manipulative Falschaussagen im Diskurs etc. – nicht neu. Sie lassen sich durch historische Quellenarbeit bis in die Politik der Antike zurückverfolgen, ins alte Ägypten oder zu den Intrigen und Rufmordkampagnen in Byzanz oder im Römischen Reich. Die Erfindung der Gutenberg-Druckerpresse als kommunikationstechnologische Innovation und zugleich Akteurin eines kommunikativen und kulturellen Wandels (vgl. Eisenstein 2013) ermöglichte, in Verbindung mit verbesserten Transportmöglichkeiten für Gedrucktes, bereits die Ausweitung und Beschleunigung der Verbreitung von Fake News. In der Frühen Neuzeit hat sich zudem erneut gezeigt, dass auch als Autoritäten geltende Akteure wie Priester oder Augenzeugen von Geschehnissen ihre zugeschriebene Glaubwürdigkeit und Authentizität strategisch genutzt haben, um Falschinformationen zu verbreiten. Kriege und Konflikte der Neuzeit, die beiden Weltkriege im 20. Jahrhundert oder auch der „Kalte Krieg“ (ein Begriff, der auf den US-amerikanischen Politikkommentator Walter Lippmann zurückzuführen ist) zeigten vielfach, wie Propagandisten sich Fake News-Strategien zunutze machten. Bei aller historischen Kontinuität haben wir es heute durch die Digitalisierung und mobile sowie soziale Medien, die potentiell globale Kommunikation in Echtzeit ermöglichen, mit einem erneuten Schub von Beschleunigung und Verdichtung von Kommunikation zu tun. Dieser bedingt die Verbreitung von Fake News zwar nicht, begünstigt ihre Zirkulation aber ebenso wie die Verbreitung verschiedener politischer Meinungen und wahrheitsgemäßer Informationen im öffentlichen Raum (vgl. Hanley/Munoriyarwa 2021).

Den Umgang mit all dem lernen wir, wenn überhaupt, derzeit nur langsam. Oft gehörte, an sich gut gemeinte und auch richtige Appelle wie prüfe Informationen, bevor du sie teilst, oder überprüfe deine Quellen und verlasse dich eher auf professionellen Journalismus und Faktenprüfer-Autoritäten als auf das, was in sozialen Netzwerken kursiert, kratzen im Grunde nur an der Oberfläche auf dem Weg zur Erweiterung unserer Sprach-, Informations- und Medienkompetenz. Die Nutzung von konkreten Tools zur Überprüfung von digitalen Informationen in Wort, Bild und Ton auch im Laiengebrauch kann uns da noch einen Schritt weiterhelfen (u.a. die KID-Toolbox der Deutschen Welle). Der Blick in die Geschichte zeigt aber, dass wir nie ohne Fake News leben werden. Wir können nur versuchen, uns allen Fälschungen, Manipulationen, Lügen und Gerüchten zum Trotz in der (mediatisierten) Welt so gut wie möglich zu orientieren und daran zu arbeiten, unsere Kommunikationskompetenzen zu verbessern. Auf der anderen Seite müssen Lügen, Manipulation und gezielte Desinformation als Formen von Fake News öffentlich enttarnt werden und es sollte ein Bewusstsein dafür geschaffen werden, dass diese auch im Kontext von politischen Auseinandersetzungen eingesetzt werden – ebenso wie der reflexhafte Vorwurf und die inflationäre Verwendung des Schlagworts Fake News im politischen und medialen Diskurs.

Beispiele

(1) Als ,Meister‘ der Fake News – sowohl im Sinne des Beschreibungsbegriffs als auch im Gebrauch des Schlagwortes selbst – gilt in der aktuellen US-amerikanischen Politik der ehemalige Präsident der Vereinigten Staaten Donald Trump. Die Washington Post hat seine öffentlichen Äußerungen dahingehend ausgewertet und kam zu dem Ergebnis, dass Trump selbst insgesamt 30.573 falsche oder irreführende Aussagen getätigt hat. Besonders umkämpfte Themen waren dabei Einwanderung, Außenpolitik, die Wahlen selbst, sowie das Coronavirus, der Außenhandel und die Wirtschaft (aufgearbeitet von Mathias Brandt für STATISTA [2021]). Auf der anderen Seite hat Trump laut Twitter Trump Archive in fast 900 Tweets missliebige Medien (u.a. Washington Post, CNN) als Fake News verunglimpft. Eine Strategie, die er auch bei Pressekonferenzen verfolgte (s.o.). 

(2) Zu im Nachhinein bestätigten Fake News im Bereich von Politik und Kriegspropaganda fallen beispielsweise die Nachrichten, die von Politik und Medien im Vorfeld des Irakkriegs 2003 verbreitet wurden – hier insbesondere die Behauptung, Saddam Hussein verfüge über biologische und chemische Massenvernichtungswaffen, die auf gefälschten Geheimdienstinformationen basierte (aufgearbeitet u.a. von Matthias von Hein 2018 für die Deutsche Welle).

(3) Die Fake News-Zirkulation durch soziale Medien und Messenger-Dienste zeigt ein breites Spektrum an Falschinformationen. Neben gezielt manipulativen politischen Propagandainhalten oder einzelnen Behauptungen, aus denen sich Verschwörungstheorien speisen lassen, können darunter auch für wahr genommene und als ernsthafte Nachricht weiterverbreitete Satiremeldungen fallen, wie die, dass Facebook zur Qualitätssicherung Konten mit zu vielen Rechtschreibfehlern löschen würde (vgl. Der Postillion 2015). Wieder andere Fälle sind beispielsweise reißerische Falschmeldungen aus dem Gesundheitsbereich, wie die, dass Kokain gegen Corona helfen soll (vgl. FAZ 2020). Die bisherige Forschung und journalistische Auseinandersetzung mit dem Thema legt nahe, dass es aus jedem denkbaren Feld und zu jedem politischen Konfliktthema neben einer Vielzahl von relevanten und wahrheitsgemäßen Informationen im Netz auch Fake News, also Falschmeldungen, Lügen, Gerüchte, Halbwahrheiten und gezielt manipulative Desinformation gibt.

Literatur

Zum Weiterlesen

  • Schicha, Christian; Stapf, Ingrid; Sell, Saskia (Hrsg.) (2021): Medien und Wahrheit. Medienethische Perspektiven auf Desinformation, Lügen und „Fake News“. Baden-Baden: Nomos.
  • Zimdars, Melissa; McLeod, Kembrew (Hrsg.) (2020): Fake News: Understanding media and misinformation in the digital age. Cambridge: MIT Press.

Zitierte Literatur und Belege

Zitiervorschlag

Sell, Saskia (2023): Fake News. In: Diskursmonitor. Glossar zur strategischen Kommunikation in öffentlichen Diskursen. Hg. von der Forschungsgruppe Diskursmonitor und Diskursintervention. Veröffentlicht am 30.03.2023. Online unter: https://diskursmonitor.de/glossar/fake-news.

DiskursGlossar

Grundbegriffe

Begriffsgeschichte

Die Begriffsgeschichte lässt sich allgemein als eine historische Methode beschreiben, die den zeitlichen Wandel der Bedeutungen von bestimmten Ausdrücken untersucht. Da einzelne Worte nie isoliert begegnen und ihre jeweiligen Bedeutungen erst im Kontext größerer sprachlicher Zusammenhänge oder semantischer Felder greifbar werden, verbindet sie sich flexibel mit anderen Methoden historischer Semantik, wie etwa der Diskursgeschichte, der Argumentationsgeschichte oder der Metaphernforschung (Metaphorologie).

Diskurssemantische Verschiebung

Mit dem Begriff der diskurssemantischen Verschiebung wird in der Diskursforschung ein Wandel in der öffentlichen Sprache und Kommunikation verstanden, der auf mittel- oder län-gerfristige Veränderung des Denkens, Handelns und/oder Fühlens größerer Gesellschafts-gruppen hinweist.

Domäne

Der Begriff der Domäne ist aus der soziologisch orientierten Sprachforschung in die Diskursforschung übernommen worden. Hier wird der Begriff dafür verwendet, um Muster im Sprachgebrauch und kollektiven Denken von sozialen Gruppen nach situationsübergreifenden Tätigkeitsbereichen zu sortieren.

Positionieren

Positionieren ist Grundbestandteil menschlicher Kommunikation. Wann immer wir miteinander interagieren und kommunizieren, bringen wir uns selbst, andere und die Objekte, über die wir sprechen, in bestimmte Relationen zueinander.

Deutungsmuster

Unter einem Deutungsmuster wird die problem- und lösungsbezogene Interpretation gesellschaftlicher und politischer Tatbestände verstanden, die Aussicht auf Akzeptanz in sozialen Gruppen hat. Der Begriff des Deutungsmusters hat Ähnlichkeit mit den Begriffen der Theorie und Ideologie. Meist werden gesellschaftlich verbreitete Leitdeutungen, die oft mit Schlagwörtern und Argumentationsmustern einhergehen (wie Globalisierung, Kapitalismus, Leistungsgesellschaft, Chancengleichheit etc.) als Beispiele für Deutungsmuster genannt.

Sinnformel

‚Wer sind wir? Woher kommen, wo stehen und wohin gehen wir? Wozu leben wir?‘ Auf diese und ähnliche existentielle Fragen geben Sinnformeln kondensierte Antworten, die in privaten wie sozialen Situationen Halt und Argumenten in politischen und medialen Debatten einen sicheren Unterbau geben können.

Praktik

Eine Praktik ist ein spezifisches, situativ vollzogenes und sinnhaftes Bündel von körperlichen Verhaltensweisen, an dem mehrere Menschen und Dinge beteiligt sein können (z. B. Seufzen, um Frust auszudrücken, oder einen Beschwerdebrief schreiben, Fußballspielen).

Kontextualisieren

Kontextualisieren wird im allgemeineren bildungssprachlichen Begriffsgebrauch verwendet, um das Einordnen von etwas oder jemandem in einen bestimmten Zusammenhang zu bezeichnen.

Narrativ

Mit der diskursanalytischen Kategorie des Narrativs werden Vorstellungen von komplexen Denk- und Handlungsstrukturen erfasst. Narrative in diesem Sinne gehören wie Schlagwörter, Metaphern und Topoi zu den Grundkategorien der Analyse von Diskursen.

Argumentation

Argumentation bezeichnet jene sprachliche Tätigkeit, in der man sich mithilfe von Gründen darum bemüht, die Richtigkeit einer Antwort auf eine bestimmte Frage zu erweisen. Das kann in ganz verschiedenen Situationen und Bereichen nötig sein, namentlich um eine poli-tische, wissenschaftliche, rechtliche, unternehmerische oder private Angelegenheit zu klären.

Techniken

AI-Washing/KI-Washing

Unter AI-Washing ist die Praxis von Unternehmen oder Organisationen zu verstehen, Produkte, Dienstleistungen oder Geschäftsmodelle mit dem Etikett „Künstliche Intelligenz“ (KI bzw. „Artificial Intelligence“ (AI)) zu versehen, obwohl deren tatsächlicher Einsatz von KI-Technologien entweder stark übertrieben, nur marginal vorhanden oder überhaupt nicht gegeben ist.

Dogwhistle

Unter Dogwhistle wird in Teilen der Forschung eine doppeldeutige Äußerung verstanden, die eine offene und eine verdeckte Botschaft an jeweils eine Zuhörerschaft kommuniziert.

Demonstrieren

« Zurück zur ArtikelübersichtDemonstrieren Kategorie: TechnikenVerwandte Ausdrücke: Auf die Straße gehen, Straßenprotest, Kundgebung, öffentliche Versammlung, Mahnwache, Menschenkette, Marsch, SitzblockadenSiehe auch: Protest, Politische Aktion, Politische Bildung,...

Boykottaufruf

Der Boykottaufruf ist eine Maßnahme, die darauf abzielt, ein Ziel, also meist eine Verhaltensänderung des Boykottierten, hervorzurufen, indem zu einem Abbruch etwa der wirtschaftlichen oder sozialen Beziehungen zu diesem aufgefordert wird.

Tabuisieren

Das Wort Tabuisierung bezeichnet die Praxis, etwas Unerwünschtes, Anstößiges oder Peinliches unsichtbar zu machen oder als nicht akzeptabel zu markieren. Das Tabuisierte gilt dann moralisch als unsagbar, unzeigbar oder unmachbar.

Aus dem Zusammenhang reißen

Das Aus-dem-Zusammenhang-Reißen gehört in den Funktionskreis der Redewiedergabe bzw. der Wiedergabe kommunikativer Ereignisse. Es kann (1) als intentionale argumentativ-polemische Strategie für ganz unterschiedliche diskursive Zielsetzungen von Akteuren genutzt werden, oder (2) es kann SprecherInnen und SchreiberInnen in unbeabsichtigter, fehlerhafter Weise unterlaufen.

Lobbying

Lobbying ist eine Form strategischer Kommunikation, die sich primär an Akteure in der Politik richtet. Beim Lobbying wird ein Bündel von kommunikativen Tätigkeiten mit dem Ziel eingesetzt, die Entscheidungen von Personen mit politischem Mandat oder den Entstehungsprozess von neuen Gesetzestexten interessengeleitet zu beeinflussen.

Karten

Karten dienen dazu, Raumausschnitte im Hinblick auf ausgewählte Charakteristika so darzustellen, dass die Informationen unmittelbar in ihrem Zusammenhang erfasst und gut kommuniziert werden können. Dazu ist es notwendig, Daten und Darstellungsweisen auszuwählen und komplexe und oft umkämpfte Prozesse der Wirklichkeit in einfachen Darstellungen zu fixieren.

Pressemitteilung

Pressemitteilungen sind standardisierte Mitteilungen von Organisationen, die sich an Journalist:innen und andere Multiplikator:innen richten. Sie dienen der offiziellen und zitierfähigen Informationsweitergabe und übernehmen zugleich strategische Funktionen in der öffentlichen Kommunikation und Meinungssteuerung.

Shitstorm

Der Begriff Shitstorm beschreibt eine relativ junge Diskurskonstellation, die seit den 2010er Jahren an Bedeutung gewonnen hat und gemeinhin als Online-Wutausbruch bezeichnet wer-den kann.

Schlagwörter

Brückentechnologie

Ganz allgemein wird unter dem Schlagwort der Brückentechnologie sowohl in den öffentlichen Medien als auch in technisch und wirtschaftlich dominierten Kontexten eine Technologie verstanden, die zeitlich befristet eingesetzt werden soll, bevor in Zukunft der Übergang zu einer als sinnvoller eingeschätzten anderen Technologie möglich ist.

Deindustrialisierung

Der Ausdruck Deindustrialisierung (auch De-Industrialisierung oder als Verb deindustrialisieren) beschreibt im öffentlichen Sprachgebrauch eine negativ bewertete Form des Strukturwandels durch Rückgang von produzierendem Gewerbe.

Nachhaltigkeit

Nachhaltigkeit als ein Schlagwort des öffentlichen Diskurses bezieht sich ganz allgemein auf einen ressourcenschonenderen Umgang mit dem, was uns Menschen der Planet Erde bietet, mit dem Ziel, dass auch nachfolgende Generationen noch die Möglichkeit haben, ähnlich gut zu leben wie wir heute (Generationengerechtigkeit).

Echokammer

Der Begriff der Echokammer steht in seiner heutigen Verwendung vor allem im Zusammenhang mit der Nutzung Sozialer Medien. Er verweist metaphorisch auf einen digitalen Kommunikations- und Resonanzraum, in dem Mediennutzer*innen lediglich Inhalten begegnen, die ihre eigenen, bereits bestehenden Ansichten bestätigen, während abweichende Perspektiven und Meinungen ausgeblendet bzw. abgelehnt werden.

Relativieren

Der Ausdruck relativieren besitzt zwei zentrale Bedeutungsvarianten: In bildungssprachlichen und wissenschaftlichen Kontexten bezeichnet er eine analytische Praxis, bei der Aussagen, Begriffe oder Phänomene durch Bezugnahme auf andere Sachverhalte eingeordnet, differen-ziert und in ihrer Geltung präzisiert werden.

Massendemokratie

Geprägt wurde der Begriff Massendemokratie im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts von völkisch-konservativen Akteuren (prominent darunter Carl Schmitt 1926). Der Ausdruck Masse hatte damals bei den bürgerlichen Eliten eine rundum bedrohliche Assoziation.

Social Bots

Als Social Bots werden Computerprogramme bezeichnet, die in der Lage sind, in sozialen Medien Kommunikation menschlicher Nutzer*innen (teilweise) automatisiert nachzuahmen.

Kriegsmüdigkeit

Der Ausdruck Kriegsmüdigkeit bezeichnet die emotionale und physische Erschöpfung von Menschen, die einen Krieg erleben, sowie die gesellschaftliche und politische Ermüdung angesichts langanhaltender Konflikte. Er beschreibt den sinkenden Kampfeswillen bei Kriegsparteien und heute wird er auch für das wachsende Desinteresse an Kriegsthemen in Medien und Öffentlichkeit genutzt.

Woke

Der Ausdruck woke stammt aus dem afroamerikanischen Englisch und bezeichnete dort zunächst den Bewusstseinszustand der Aufgeklärtheit über die Verbreitung von rassistischen Vorurteilen und Diskriminierung unter Angehörigen ethnischer Minderheiten.

Identität

Unter Identität versteht man allgemein die Summe von Merkmalen, die Individuen oder sozialen Kollektiven – etwa Nationen, Organisationen oder sozialen Gruppen – als charakteristisch oder gar als angeboren zugeordnet werden.

Verschiebungen

Dehumanisierung

Mit Dehumanisierung bzw. Anthropomorphisierung werden solche kommunikativen Techniken und Praktiken bezeichnet, die Personen, Sachverhalten oder Gegenständen menschliche Eigenschaften ab- bzw. zusprechen. Dehumanisierung und Anthropomorphisierung können sowohl durch sprachliche Mittel als auch durch andere, z. B. bildliche, Zeichen vollzogen werden.

Kriminalisierung

Kriminalität meint ein Verhalten, das gegen ein Gesetz verstößt. Folglich bedeutet Kriminalisierung im engeren Sinne den Vorgang, durch den Verhalten ungesetzlich gemacht wird – indem Gesetze geschaffen werden.

Versicherheitlichung

In akademischen Kontexten wird Versicherheitlichung in Abgrenzung zu einem naiv-realistischen Sicherheitsverständnis verwendet. Dieses betrachtet Sicherheit als einen universell erstrebenswerten und objektiv feststellbaren Zustand, dessen Abwesenheit auf das Handeln von Akteuren zurückzuführen ist, die feindselig, kriminell, unverantwortlich oder zumindest fahrlässig agieren.

Ökonomisierung

Ökonomisierung wird in gegenwärtigen Diskursen in der Regel zur Bezeichnung von Prozessen verwendet, in denen die spezifisch wirtschaftlichen Funktions-Elemente wie Markt, Wettbewerb/Konkurrenz, Kosten-Nutzen-Kalküle, Effizienz, Gewinnorientierung in Bereiche übertragen werden, die zuvor teilweise oder ganz nach anderen Leitkriterien ausgerichtet waren

Moralisierung

Moralisierung verlagert Macht- und Interessenkonflikte in die Sphäre der Kommunikation von Achtung / Missachtung. Sie reduziert Ambivalenz zugunsten einer Polarisierung von gut und böse.

Konstellationen

Krise

Krise ist vom Wort mit fachsprachlicher Bedeutung zur Zeitdiagnose und einem zentralen Begriff der öffentlich-politischen Kommunikation geworden. Der öffentlich-politische Krisenbegriff ist dabei – unabhängig vom Gegenstand der Krise – in eine krisendiskurstypische Konstellation zur Begründung von krisenüberwindenden Handlungen eingebettet.

Partizipatorischer Diskurs

Partizipation ist mittlerweile von der Forderung benachteiligter Personen und Gruppen nach mehr Beteiligung in der demokratischen Gesellschaft zu einem Begriff der Institutionen selbst geworden: Kein Programm, keine Bewilligung mehr, ohne dass bestimmte Gruppen oder Personen dazu aufgefordert werden, für (mehr) Partizipation zu sorgen.

Skandal

Die Diskurskonstellation des Skandals zeichnet sich durch eine in den Medien aufgegriffene (bzw. durch sie erst hervorgerufene) empörte Reaktion eines erheblichen Teils der Bevölkerung auf einen tatsächlichen oder vermeintlichen Missstand aus. Die schuldhafte Verursachung dieses Missstandes wird dabei einem gesellschaftlichen Akteur zugeschrieben, dessen Handeln als ‚unmoralisch‘ gedeutet wird.

DiskursReview

Review-Artikel

Memes als moderne Propaganda – Eine sprach- und medienkritische Untersuchung

Digitale Kommunikationsformen prägen heutige gesellschaftliche Debatten weitaus stärker als die klassischen Medien. Ihr Einfluss auf die politische Meinungsbildung und die Ausbildung ideologischer Positionen ist inzwischen unverkennbar und zählt zu den markantesten Entwicklungen der digitalen Gegenwart. Besonders hervorzuheben sind Memes: Sie verbreiten sich schnell, arbeiten mit humoristischen Mitteln und verdichten komplexe Inhalte auf ein Minimum an Zeichen. In öffentlichen Diskursen werden sie daher nicht mehr als spielerisches Internetphänomen betrachtet, sondern als ernstzunehmendes Instrument politischer Kommunikation und den damit einhergehenden propagandistischen Strategien.

Zeitalter der Polykrisen – Was sagt die Polykrise über die Gegenwart und Zukunft?

Beim Durchscrollen der Tagesschlagzeilen ist einem in den letzten Jahr wahrscheinlich der Ausdruck Polykrise ins Blickfeld geraten. Solche Schlagzeilen in deutschsprachigen Medien lauten beispielsweise (1) „Klimawandel, Krieg in der Ukraine, Abstiegsängste – die Welt ist aus den Fugen geraten: Drei Bücher zeigen Wege aus der Polykrise“ (Friedl 2026); (2) „Kritische Psychotherapie: Psychotherapie in der Polykrise“ (Dicks 2026); (3) „Optimismus in der Polykrise“ (Kolev 2025); (4) „Was tun gegen die …

„Genderwahn“ als sprachkritische Abwertung: Eine kritische Betrachtung

„Die Debatte über Gendern und Nicht-Gendern kann ich schon nicht mehr hören. Soll es doch jeder machen, wie er es selbst will.“ Dieses Zitat äußert der ehemalige Bundeskanzler Olaf Scholz im Rahmen der Feier zugunsten des Grundgesetzes, welches im Jahre 2024 den 75. Geburtstag feierte (vgl. Steinkohl et al. 2024). Deutlich wird hierbei, dass die Thematik rund um das Gendern in der Politik aufgefasst wird. Allerdings wird gleichzeitig deutlich, dass die Debatte in der Öffentlichkeit stark kritisiert …

Klimaterroristen: Wie Sprache politische Fronten schafft

Der öffentliche Diskurs über Klimaaktivismus ist in den vergangenen Jahren zunehmend polarisiert. Vor diesem Hintergrund hat sich der Ausdruck Klimaterrorist zu einem politisch und gesellschaftlich stark aufgeladenen Schlagwort entwickelt, das im Jahr 2022 als „Unwort des Jahres“ gewählt wurde (vgl. 2020ff. – Unwort des Jahres). Seine Verwendung verweist auf Konflikte über Legitimität, Moral und Rechtmäßigkeit verschiedener Formen des Protests. Gleichzeitig fungiert der Begriff als sprachliches …

Negativ konnotierte Fremdzuschreibung durch diskriminierende Begriffe – Ein sprachkritischer Beitrag zur Bezeichnung „Kanake“ und dem Zukunftswort „Talahon“

„Gerade diese scheinbar ›milden‹ Formen des Rassismus, die über die Sprache transportiert werden, sind schwer zu bekämpfen, da vielen Menschen nicht klar zu sein scheint, welche Macht Sprache besitzt.“ (Kunz, 2021, S. 58).

Der Begriff „Kanake“ (teilweise auch „Kanacke“) bedeutet in seiner ursprünglichen Bedeutung Mensch und bezeichnete Bewohner*innen der Inselgruppe Neukaledoniens im südlichen Pazifik (vgl. Trost, 2002). Dem Gebrauch lag dabei die Charakterisierung einer spezifischen Gesellschaft …

Wenn aus Vielen Einer wird – Warum pauschale Nationsbezeichnungen sprachlich gefährlich sind

„In dieser Situation sind die Deutschen sehr unzufrieden mit der Arbeit der Politik.“ (Kinkartz, 2025), schreibt die Deutsche Welle im November 2025. Gemeint ist dabei keine einzelne Person oder klar definierte Gruppe, sondern eine ganze Nation, welche mit einem einzigen Artikel zu einem scheinbar einheitlichen Kollektiv zusammengefasst wurde. Solche Formulierungen sind kein Einzelfall. Ähnliche Beispiele, wie „Die Russen greifen an vielen Stellen an“ (Die Welt am Morgen, 2024), „Die Ukrainer …

Das Crazy, wenn Worte Brücken zwischen Generationen sprengen! – Eine sprachkritische Betrachtung von Jugendsprache: Mediale Darstellung, Generationenkonflikt und Pädagogische Einschätzung

Das Jugendwort des Jahres 2025 lautet „das Crazy“. Es meint: „Es gibt keine wirklich passende Antwort. Oder keine wirklich höfliche. Oder eine zu ausführliche, auf die der Antwortende aber gerade keine Lust hat. Oder einfach nur okay“ (Tagesschau, 2025). Torsten Sträter, Kabarettist und Vertreter der Generation X, hört es und stockt: „…das sind zwei Worte… [außerdem] fehlt eins… Vielleicht bin ich ein zu verknöcherter alter Mann geworden, dass ich mich über so eine Ka­cke… Wer es sagt – Ohrfeige“ …

„Stadtbild“ als politisches Schlagwort – Ein sprach- und medienkritischer Beitrag zur migrationspolitischen Äußerung von Friedrich Merz

Im Rahmen einer Pressekonferenz äußerte sich Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) am 14. Oktober 2025 bei einem Besuch in Brandenburg zur Migrationspolitik. Er verwies dabei auf sinkende Migrationszahlen sowie auf bereits geplante und umgesetzte Maßnahmen, insbesondere Rückführungen. Merz verwendete dabei den Ausdruck „Stadtbild“, der im gegebenen Kontext negativ konnotiert wurde und sich daraufhin innerhalb kurzer Zeit zu einem politischen Schlagwort entwickelte.
Ausgangspunkt war eine journalistische …

Sprache im Scroll-Modus – Brainrot, Memes und medienkritische Deutungen der kindlichen Kommunikation

Laut der KIM-Studie im Jahr 2024 nutzten 54 Prozent der 6- bis 13-Jährigen täglich das Internet (mpfs, 2024). Das sind 7 Prozent mehr als im Jahr 2022 (mpfs, 2024). Besonders auffällig ist, dass 23 Prozent dieser Altersgruppe täglich oder fast täglich TikTok verwenden, während Instagram nur von 11 Prozent genutzt wird (mpfs, 2024). Mit der intensiveren Nutzung der sozialen Medien gewinnen auch Memes an Bedeutung: Dabei handelt es sich um multimodale Inhalte aus Texten, Bildern, Videos, GIFs, Sounds …

Wenn ein Wort mehr sagt als ein Satz: Der Begriff „Klimakleber“ als Beispiel sprachlicher Rahmung

In einem Kommentar der Süddeutschen Zeitung erwähnt Mareen Linnarzt den Gedanken, dass Sprache lenkt, wie man denkt (vgl. Linnarzt und Steinke 2023). Diese Aussage verweist auf eine grundlegende Eigenschaft von Sprache, die im alltäglichen Mediengebrauch häufig wenig reflektiert wird. Medien verfügen über die Möglichkeit, einzelne Teilaspekte eines Themas hervorzuheben und andere in den Hintergrund zu rücken (vgl. Hasebrink). Auf diese Weise entstehen Deutungsrahmen, innerhalb derer Ereignisse …