DiskursGlossar

Komposita

Kategorie: Techniken
Verwandte Ausdrücke: Komposition, Wortzusammensetzung, Wortbildung, Neologismen, Okkasionalismen
Siehe auch: Schlagwort, Hashtag, Bedeutung, Passivierung, Begriffe besetzen, Lexikalisches Diffundieren
Autorin: Verena Plath
Version: 1.0 / Datum: 23.01.2025

Kurzzusammenfassung

Die Bildung und Nutzung von Komposita ist eine etablierte Praxis – ganz besonders in der deutschen Sprache, die das Zusammensetzen von Wörtern stark begünstigt. In der politischen Rhetorik tragen Komposita zur Prägnanz und Emotionalität von Botschaften bei, indem sie komplexe Sachverhalte und politische Themen in zentralen Begriffen bündeln, in griffige Schlagworte packen und diese für den gesellschaftlichen Diskurs zur Verfügung stellen (zum Beispiel Krisenmodus, Zeitenwende oder Rückführungspatenschaften). In der politischen Kommunikation sind Komposita nicht nur eine alltägliche sprachliche Praxis, sondern auch eine gezielt eingesetzte Technik, um die öffentliche Meinung zu prägen und zu beeinflussen. Sie sind oft tief in der kulturellen und politischen Diskussion verwurzelt und spiegeln gesellschaftliche Strömungen wider.

Erweiterte Begriffsklärung

Komplexe Sachverhalte lassen sich am besten durch komplexe Wörter ausdrücken. Die Verwendung von Komposita, also zusammengesetzten Wörtern, spielt eine bedeutende Rolle in der politischen Kommunikation. Der Zeitpunkt ihrer Prägung kann Hinweise darauf geben, welche Ereignisse zu einer bestimmten Zeit relevant waren (Re-Migration, Finanzkrise, Jamaika-Aus, Klimakatastrophe, Schwarzgeldaffäre), welche Themen den politischen Diskurs bestimmt haben (Volksverräter, Lügenpresse, Corona-Diktatur etc.) oder welche Stimmung in der Gesellschaft geherrscht hat (alternativlos, betriebsratsverseucht). Als solche Themenanzeiger wurden Komposita wie die hier genannten Beispiele in den vergangenen Jahren auch zu (Un-)Wörtern des Jahres gewählt. Das Wort des Jahres wird seit 1977 regelmäßig von der Gesellschaft für deutsche Sprache (GfdS) gekürt. Seit 1991 wird zudem das Unwort des Jahres gewählt, um damit Wortschatzeinheiten als euphemistisch, diskriminierend oder irreführend zu problematisieren.

Die Komposition, also Wortzusammensetzung, ist ein besonders produktives Wortbildungsverfahren des Deutschen und gilt auch in vielen anderen Sprachen als „the easiest and most effective way to create and transfer new meanings“ (Libben 2006: 2). Komposita werden gebildet, indem mindestens zwei eigenständige Wörter miteinander kombiniert werden, um ein neues Wort zu schaffen. Möglich sind dabei Zusammensetzungen so gut wie aller Wortarten. Von besonderem Interesse innerhalb der öffentlichen Kommunikation sind Komposita mit nominalem Zweitglied, die der Begriffsbildung dienen und Spezifizierungen, Modifizierungen, Kategorisierungen und Typisierungen ermöglichen. Besonders häufig finden sich Benennungseinheiten des Typs Nomen + Nomen (Lumpenpazifist), Verb + Nomen (Sparmaßnahmen) oder Adjektiv + Nomen (Sozialstaat).

Als prototypisch gelten die sogenannten Determinativkomposita (als Subtypen der Kategorie Determinativkompositum gelten Rektionskomposita, Kopulativkomposita und Possessivkomposita), bei denen das Erstglied (= Bestimmungswort, Determinans) die Extension des Zweitglieds (= Grundwort, Determinatum) einschränkt und dieses semantisch modifiziert (vgl. Eisenberg 2020: 237). Aufgrund der durch das Bestimmungswort hervorgerufenen semantischen Einschränkung referiert ein Kompositum immer auf „eine Untermenge der durch das Zweitglied bezeichneten Entitäten“ (Günther 1979: 277): Bei der Flüchtlingskrise handelt es sich um eine andere Art von Krise als bei der Klimakrise oder der Coronakrise. In allen drei Fällen legt das Zweitglied sowohl die Wortart als auch die Flexionsklasse des Kompositums fest und gilt somit als semantischer Kern des komplexen Wortes.

Die deutsche Sprache verfügt über eine sehr große Anzahl lexikalisierter Komposita, ermöglicht aber aufgrund der simplen Bildungsregularitäten auch eine stetige Wortschatzerweiterung durch das Wortbildungsverfahren der Komposition. In diesem Zusammenhang unterscheidet man zwischen Okkasionalismen und Neologismen. Der Unterschied liegt in der Dauer und Reichweite ihrer Verwendung: Bei Okkasionalismen handelt es sich um spontane und anlassbezogene Wortneuschöpfungen, wie sie tagtäglich in der schriftlichen und mündlichen Kommunikation in bestimmten Kontexten gebildet werden. Viele von ihnen haben nur eine sehr kurze Lebensdauer. Sofern sich ein solcher Okkasionalismus dauerhaft in der Sprache etabliert, beispielsweise weil er eine sprachliche Lücke schließt und gesellschaftliche Entwicklungen widerspiegelt, geht er gegebenenfalls als sogenannter Neologismus in Wörterbücher ein und steht der Sprachgemeinschaft auch langfristig zur Verfügung.

Anders als primäre Wörter (sogenannte Simplizia), sind sekundäre (d. h. komplexe) Wörter morphologisch segmentierbar, d.h. sie können in ihre einzelnen Komponenten (Morpheme) aufgelöst werden. Komposita gelten daher als morphologisch und semantisch motiviert, da sich die Gesamtbedeutung des sprachlichen Ausdrucks – zumindest theoretisch – aus den einzelnen Komponenten erschließen lässt. Diese Annahme wird durch das sogenannte Kompositionalitätsprinzip gestützt. Dabei handelt es sich um ein grundlegendes Konzept aus der Semantik, das auf den deutschen Mathematiker, Logiker und Philosophen Gottlob Frege (1848–1925) zurückgeht. Es besagt, dass sich „[d]ie Bedeutung eines komplexen Ausdrucks […] eindeutig aus der lexikalischen Bedeutung seiner Komponenten, aus deren grammatischer Bedeutung und aus seiner syntaktischen Struktur“ (Löbner 2015: 14) ergibt. Für die meisten Sätze, bei denen es sich um komplexe Ausdrücke handelt, mag dieses Prinzip gelten, im Falle von Komposita zeigt sich aber recht schnell, dass durch die Zusammensetzung von zwei Wörtern oft etwas ganz Neues entsteht. Es kommt zu einer Art Bedeutungsverschmelzung, sodass das Kompositum eine spezifische Bedeutung erhält, die über die Summe der Bestandteile hinausgeht. Dies soll am Beispiel eines (mittlerweile lexikalisierten) Kompositums gezeigt werden: Wer erstmals mit dem Wort Jamaika-Koalition konfrontiert wurde (COSMAS II datiert erste Belege auf das Jahr 2005), wird möglicherweise nicht genau gewusst haben, was dadurch bezeichnet werden sollte. Jedoch werden einerseits die Semantik der unmittelbaren Konstituenten Jamaika und Koalition, andererseits der Verwendungskontext dabei geholfen haben, zu verstehen, dass die Benennungseinheit eine ‚Koalition zwischen Christdemokraten, Liberalen und Grünen‘ bezeichnen soll. Die Parteifarben Schwarz, Gelb und Grün entsprechen dabei den Farben der Flagge des Karibikstaates Jamaika. Wer das weiß, betrachtet das Kompositum als motiviert, wem dieses Hintergrundwissen fehlt, der wird Probleme mit der Dekodierung gehabt haben. In Analogie dazu hätte eine Ampelkoalition auch als Guinea-Koalition bezeichnet werden können, doch dieses Kompositum hat sich innerhalb der Sprachgemeinschaft bekanntlich nicht durchgesetzt.

Unabhängig davon, ob die Dekodierung erfolgreich verläuft oder nicht, erwecken Komposita also zumindest eine Illusion der Durchsichtigkeit: Wenn ein Wort dadurch zustande kommt, dass zwei andere Wörter miteinander kombiniert werden, muss es einen Grund dafür geben, dass gerade diese Wörter ausgewählt wurden, um ein neues zu konstituieren. Die morphologische Transparenz geht jedoch keineswegs mit einer „semantische[n] Auflösbarkeit“ (Pavlov 1972: 64) einher, was darauf zurückzuführen ist, dass die semantische Relation, die zwischen Grund- und Bestimmungswort herrscht, nicht expliziert wird. Die Bedeutung eines komplexen Ausdrucks kann also nicht, wie von Frege behauptet, eindeutig berechnet werden. Die Oberfläche des Kompositums stellt gerade bei komplexen Wortbildungen nur ein Konturenwissen bereit, das auf ein mögliches Denotat schließen lässt (‚ein X, das mit Y zu tun hat‘). Die konkrete Bedeutungsbestimmung hängt also ganz offensichtlich auch von anderen Faktoren ab, die man dem Kompositum nicht ansehen kann. Bezogen auf Substantivkomposita aus zwei nominalen Elementen (Nomen/N + Nomen/N) müsste das Kompositionalitätsprinzip demnach folgendermaßen reformuliert werden: Hinweise auf die mögliche Bedeutung eines unbekannten Kompositums des Typs N+N liefern einerseits die lexikalischen Bedeutungen seiner Komponenten, andererseits eine sie verbindende Relation, die zwar nicht expliziert wird, jedoch auf Basis von Wissenskomponenten, die die Wortstrukturregeln von N+N und/oder die Gebrauchsspuren der unmittelbaren Konstituenten und/oder das Ko(n)text- und Diskurswissen betreffen, erschlossen werden kann (vgl. Klos 2011: 269). Es geht, um mit Löbner zu sprechen, bei einem zusammengesetzten Ausdruck immer um das Finden einer konsistenten Interpretation, so dass „seine Teile zueinander und er selbst in den Kontext passt“ (Löbner 2015: 65).

Wie gezeigt werden konnte, ist die Bildung von Komposita innerhalb der deutschen Sprache überaus simpel, da sich bereits vorhandene Wortschatzeinheiten beliebig mit anderen kombinieren lassen, um daraus etwas Neues zu schaffen. Dies macht das Wortbildungsverfahren der Komposition auch für politische Akteure so attraktiv: Komposita können gezielt eingesetzt werden, um Meinungen zu prägen oder Assoziationen hervorzurufen – in diesem Zusammenhang bieten sich Komposita für wertende Perspektivierungen an, wobei Wertungsfreiheit und Objektivität mitunter nur eine untergeordnete Rolle spielen. Mithilfe von Komposita können bestimmte Eigenschaften von bezeichneten Objekten oder Ideen besonders hervorgehoben werden, was Girnth (2015: 68) als „Grundlage für einen möglichen Persuasionserfolg [sieht], der darin besteht, die Einstellungen des Adressaten je nach Intention entweder zu modifizieren, zu affirmieren oder zu polarisieren.“ Komposita fungieren als „Frames“ (Löbner 2015: 387), also kognitive Rahmen, die die Art und Weise beeinflussen, wie ein Thema wahrgenommen wird. Sie können manipulativ wirken, indem sie komplexe Zusammenhänge verkürzen, bestimmte Deutungen nahelegen und beabsichtigte emotionale Reaktionen auslösen können. Dies verstärkt die Polarisierung von gesellschaftspolitisch relevanten Themen, da Ausdrücke wie Steuerflucht oder Lügenpresse eine klare ideologische Richtung haben. Wie an einigen der oben genannten Beispiele deutlich wird, scheint es eine spezifisch politisch-rhetorische Kompositionstechnik zu sein, gerade solche Lexeme miteinander zu kombinieren, die unterschiedliche (zum Teil auch gegensätzliche) konnotative Wertungen haben (vgl. auch Zusammensetzungen wie Friedensschwurbler, Sozialabbau oder Steueroase). Sie sind rhetorisch wirksam, weil sie Widersprüche oder Spannungen betonen, Gegensätze hervorheben, Debatten schärfen, emotionale Reaktionen verstärken oder Kritik subtil ausdrücken können. Gleichzeitig bergen sie das Risiko und auch das Potenzial, Diskussionen zu verzerren.

Um durch Kompositumbildung geprägte Deutungsrahmen zu kritisieren oder zu bekämpfen, bietet sich als Gegenstrategie an, die problematischen Begriffe neu zu besetzen oder lexikalisch zu diffundieren. Im Kontext von Sprachkritik lassen sich Komposita und die deutschen Wortbildungsmöglichkeiten auch humorvoll oder ironisch problematisieren, indem sie zwar in normkonformer, aber übertriebener Art und Weise erweitert werden (z. B. zur Kritik an geschlechtergerechter Sprache: Gender*_Innengaga oder zur Problematisierung deutscher Komposita: Wortungetümsgesetzesverhunzerei).

Beispiele

(1) Klimakleber

Bei dem Determinativkompositum Klimakleber handelt es sich um eine Zusammensetzung aus den Substantiven Klima und Kleber. Unter Klimaklebern versteht man Aktivist*innen aus der Umweltschutzbewegung (u. a. der Letzten Generation), die durch zivilen Ungehorsam (siehe Protest), vornehmlich durch das Festkleben auf Asphalt oder an Gegenständen, Politiker*innen dazu bewegen möchten, Maßnahmen gegen die Klimakrise zu beschließen und umzusetzen. Das Festkleben am Asphalt als Form des Protests sorgt für eine starke öffentliche Wahrnehmung und verleiht den Forderungen der Aktivist*innen deutlich mehr Nachdruck als Demonstrationen o. Ä. Sowohl der Straßenverkehr als auch der Flugbetrieb sind während der Aktionen stark eingeschränkt und die Bilder von Ordnungskräften, die mit Sekundenkleber oder Bauschaum festgeklebte Hand- und Fußflächen von Straßen und Landebahnen ablösen, erregen hohe öffentliche und politische Aufmerksamkeit. Der Ausdruck Klimakleber, der eine scherzhafte, sicherlich auch abwertende Konnotation hat, tauchte erstmals im Oktober 2019 in der schweizerischen Presse auf (vgl. St. Galler Tagblatt 2019), zwei Jahre später finden sich in der großen Textsammlung COSMAS II bereits 139 Erwähnungen des Begriffs. Was zunächst als einmalige und spontane Wortneubildung (man spricht hier von okkasionell) gegolten hat, muss spätestens seit 2023 als Neologismus, d. h. als Neuprägung, geführt werden, denn insgesamt 1234 Treffer in Pressetexten machen deutlich, dass das Kompositum Einzug in den allgemeinen Sprachgebrauch gehalten hat und eine sprachliche Lücke in der medialen Öffentlichkeit zu schließen vermag. Interessanterweise gibt es für das Kompositum Klimakleber einen einzigen Treffer aus dem Jahr 2012 (TAZ 2012): Dort wird von einer Auszeichnung für den Baustoff Celitement berichtet, der aufgrund seiner Ressourcenfreundlichkeit im Text als Klimakleber bezeichnet wird. Eine solche Lesart i. S. v. ‚Klebstoff, der gut für unser Klima ist‘ erscheint heute äußerst unwahrscheinlich und wurde durch die mittlerweile erfolgte Lexikalisierung des Kompositums verdrängt.

Ist der Verwendungskontext des Kompositums bekannt, kann die Bedeutungserschließung ohne größere Probleme erfolgen. Die oben genannte allgemeine Formel ‚ein Kleber, der etwas mit Klima zu tun hat‘ führt jedoch keineswegs zur intendierten Bedeutung. Betrachtet man andere Komposita mit dem Grundwort Kleber (Tapetenkleber, Fliesenkleber, Holzkleber), ist die Beziehung zwischen Grund- und Bestimmungswort durch eine einfache für-Relation bestimmbar. Bei Komposita wie Sekundenkleber oder Superkleber herrscht bereits eine andere Relation zwischen den Konstituenten (Wortbestandteilen), das Wort Klimakleber erfordert jedoch die Annahme einer noch viel komplexeren syntaktischen Beziehung. Tatsächlich handelt es sich dabei um ein sogenanntes ,exozentrisches Kompositum‘, d. h. um ein Determinativkompositum, bei dem die zweite Einheit Kleber nicht anzeigt, was durch das ganze Kompositum bezeichnet wird (nämlich eine ‚Person, die sich festklebt‘). Die Bedeutung liegt also außerhalb des Kompositums und ihre Ermittlung setzt diskursives Weltwissen voraus.

(2) Angriffskrieg

Ein Angriffskrieg ist eine völkerrechtswidrige militärische Aggression, die von einem Staat oder einer Gruppe aus eigenem Antrieb begonnen wird, um einen anderen Staat anzugreifen und dessen Territorium, Souveränität und/oder Ressourcen zu erobern. Die Art der militärischen Aggression ist dabei nicht durch eine Notwehrsituation oder eine rechtmäßige Verteidigung legitimierbar. Ein Angriffskrieg ist nach internationalem Recht, insbesondere nach der Charta der Vereinten Nationen (Artikel 2, Absatz 4; s. UNRIC o. J.), verboten. Seit dem Zweiten Weltkrieg wird der Angriffskrieg in internationalen Abkommen, wie den Genfer Konventionen und durch das Römische Statut des Internationalen Strafgerichtshofs, als schwerwiegendes Verbrechen behandelt. Personen, die einen Angriffskrieg planen, vorbereiten oder durchführen, können nach internationalem Strafrecht belangt werden.
Besonders interessant an diesem Kompositum ist die Tatsache, dass es sich keineswegs um eine neue Wortbildungseinheit handelt. In den großen Textsammlungen des COSMAS II finden sich erste Belege in den 1940er Jahren. Die Trefferquote liegt zunächst im niedrigen ein- bis zweistelligen Bereich, einen ersten ‚Peak‘ gibt es mit 382 Treffern im Jahre 1999, als eine Bundeswehrbeteiligung im Balkankrieg politisch und medial diskutiert wurde. In den darauffolgenden Jahren, v. a. 2003 und 2011, spielte das Kompositum erneut eine größere Rolle in der öffentlichen Kommunikation, doch erst mit dem Angriffskrieg auf die Ukraine schnellte die Trefferquote deutlich in die Höhe (8950 Belege im Jahr 2022 und 6077 Belege im Jahr 2023). Semantisch interessant ist an diesem Kompositum, dass ein Krieg, der als Angriffskrieg kategorisiert wird, bereits aufgrund der beiden negativ konnotierten Bestandteile (Angriff und Krieg) zeigt, dass ein solcher Krieg abzulehnen ist. Während Verteidigungskriege, Unabhängigkeits– oder Befreiungskriege die jeweiligen Ziele legitimieren, ist ein Angriffskrieg per se negativ konnotiert und die zugrunde liegenden Ziele, Methoden und Umstände werden verurteilt.

(3) Putinversteher

Als Subtyp der Kategorie Determinativkompositum gilt unter anderem das Rektionskompositum, zu dem auch die Wortzusammensetzung Putinversteher gezählt werden kann. Rektionskomposita verfügen über Zweitkonstituenten, bei denen es sich – fachlich formuliert – um deverbale Derivate handelt (Versteher aus verstehen), die eine Leerstelle eröffnen. Das Verb verstehen erfordert meistens ein Akkusativobjekt und steuert im Falle des Kompositums Putinversteher die Lesart ‚Versteher von Putin‘ bzw. ‚Person, die sich verständnisvoll und/oder aufgeschlossen gegenüber Putin und seinen Überzeugungen zeigt‘. Die Leerstelle, die vom Grundwort eröffnet wird, kann durch das Bestimmungswort gefüllt werden (vgl. auch Frauenversteher).
Zunächst galt Altkanzler Gerhard Schröder als Inbegriff des Putinverstehers. Am 28.12.2006 berichtete die Berliner Morgenpost (2006) vom deutsch-russischen Bauprojekt der Ostsee-Pipeline und sieht Schröder in der Dauer-Rolle als deutscher Putinversteher. Für das Jahr 2022 ergibt die Korpusrecherche bereits 63 Treffer. Die nähere Betrachtung der Belege zeigt, dass Schröder nach wie vor als Putinversteher par excellence gilt, dass das Kompositum aber nun auch auf andere politische Akteure oder Bundesbürger*innen referiert.

Literatur

Zum Weiterlesen

  • Donalies, Elke (2021): Wortbildung – Prinzipien und Problematik: ein Handbuch. Heidelberg: Universitätsverlag Winter.

Zitierte Literatur und Belege

 

  • Berliner Morgenpost (2006): Ausgabe vom 28.12.2006. In: Berliner Morgenpost.
  • Eisenberg, Peter (2020): Grundriss der deutschen Grammatik. Band 1: Das Wort. Berlin: Metzler.
  • Girnth, Heiko (2015): Sprache und Sprachverwendung in der Politik. Eine Einführung in die linguistische Analyse öffentlich-politischer Kommunikation. Berlin, Boston: de Gruyter.
  • Günther, Hartmut (1979): N+N: Untersuchungen zur Produktivität eines deutschen Wortbildungstyps. In: Lipka, Leonhard; Günther, Hartmut (Hrsg.): Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft, S. 258–280.
  • Klos, Verena (2011): Komposition und Kompositionalität. Berlin: de Gruyter.
  • Libben, Gary (2006): Why Study Compound Processing? An Overview of the Issue. In: Libben, Gary; Jarema, Gonia (Hrsg.): The Representation and Processing of Compound Words. Oxford: Oxford University Press, S. 1–22.
  • Löbner, Sebastian (2015): Semantik. Eine Einführung. 2. Aufl., Berlin: de Gruyter.
  • Pavlov, Vladimir M. (1972): Die substantivische Zusammensetzung im Deutschen als syntaktisches Problem. München: Hueber.
  • St. Galler Tagblatt (2019): Anonyme «Klima-Kleber» auf St. Galler Wahlplakaten: FDP prüft rechtliche Schritte – und wird von den Grünen kritisiert. In: tagblatt.ch. Online unter: https://www.tagblatt.ch/ostschweiz/anonyme-klima-kleber-auf-wahlplakaten-ld.1156881 ; Zugriff: 21.01.2025.
  • TAZ (2012): Energiespar-Zement und Biogasanlagen. In: taz.de. Online unter: https://taz.de/Innovationspreise-fuer-Klima-und-Umwelt/!5102962/ ; Zugriff: 21.01.2025.
  • UNRIC (o. J.): Die Charta der Vereinten Nationen. In: unric.org. Online unter: https://unric.org/de/charta/ ; Zugriff: 23.01.2025.

Zitiervorschlag

Plath, Verena (2025): Komposita. In: Diskursmonitor. Glossar zur strategischen Kommunikation in öffentlichen Diskursen. Hg. von der Forschungsgruppe Diskursmonitor und Diskursintervention. Veröffentlicht am 23.01.2025. Online unter: https://diskursmonitor.de/glossar/komposita.

DiskursGlossar

Grundbegriffe

Begriffsgeschichte

Die Begriffsgeschichte lässt sich allgemein als eine historische Methode beschreiben, die den zeitlichen Wandel der Bedeutungen von bestimmten Ausdrücken untersucht. Da einzelne Worte nie isoliert begegnen und ihre jeweiligen Bedeutungen erst im Kontext größerer sprachlicher Zusammenhänge oder semantischer Felder greifbar werden, verbindet sie sich flexibel mit anderen Methoden historischer Semantik, wie etwa der Diskursgeschichte, der Argumentationsgeschichte oder der Metaphernforschung (Metaphorologie).

Diskurssemantische Verschiebung

Mit dem Begriff der diskurssemantischen Verschiebung wird in der Diskursforschung ein Wandel in der öffentlichen Sprache und Kommunikation verstanden, der auf mittel- oder län-gerfristige Veränderung des Denkens, Handelns und/oder Fühlens größerer Gesellschafts-gruppen hinweist.

Domäne

Der Begriff der Domäne ist aus der soziologisch orientierten Sprachforschung in die Diskursforschung übernommen worden. Hier wird der Begriff dafür verwendet, um Muster im Sprachgebrauch und kollektiven Denken von sozialen Gruppen nach situationsübergreifenden Tätigkeitsbereichen zu sortieren.

Positionieren

Positionieren ist Grundbestandteil menschlicher Kommunikation. Wann immer wir miteinander interagieren und kommunizieren, bringen wir uns selbst, andere und die Objekte, über die wir sprechen, in bestimmte Relationen zueinander.

Deutungsmuster

Unter einem Deutungsmuster wird die problem- und lösungsbezogene Interpretation gesellschaftlicher und politischer Tatbestände verstanden, die Aussicht auf Akzeptanz in sozialen Gruppen hat. Der Begriff des Deutungsmusters hat Ähnlichkeit mit den Begriffen der Theorie und Ideologie. Meist werden gesellschaftlich verbreitete Leitdeutungen, die oft mit Schlagwörtern und Argumentationsmustern einhergehen (wie Globalisierung, Kapitalismus, Leistungsgesellschaft, Chancengleichheit etc.) als Beispiele für Deutungsmuster genannt.

Sinnformel

‚Wer sind wir? Woher kommen, wo stehen und wohin gehen wir? Wozu leben wir?‘ Auf diese und ähnliche existentielle Fragen geben Sinnformeln kondensierte Antworten, die in privaten wie sozialen Situationen Halt und Argumenten in politischen und medialen Debatten einen sicheren Unterbau geben können.

Praktik

Eine Praktik ist ein spezifisches, situativ vollzogenes und sinnhaftes Bündel von körperlichen Verhaltensweisen, an dem mehrere Menschen und Dinge beteiligt sein können (z. B. Seufzen, um Frust auszudrücken, oder einen Beschwerdebrief schreiben, Fußballspielen).

Kontextualisieren

Kontextualisieren wird im allgemeineren bildungssprachlichen Begriffsgebrauch verwendet, um das Einordnen von etwas oder jemandem in einen bestimmten Zusammenhang zu bezeichnen.

Narrativ

Mit der diskursanalytischen Kategorie des Narrativs werden Vorstellungen von komplexen Denk- und Handlungsstrukturen erfasst. Narrative in diesem Sinne gehören wie Schlagwörter, Metaphern und Topoi zu den Grundkategorien der Analyse von Diskursen.

Argumentation

Argumentation bezeichnet jene sprachliche Tätigkeit, in der man sich mithilfe von Gründen darum bemüht, die Richtigkeit einer Antwort auf eine bestimmte Frage zu erweisen. Das kann in ganz verschiedenen Situationen und Bereichen nötig sein, namentlich um eine poli-tische, wissenschaftliche, rechtliche, unternehmerische oder private Angelegenheit zu klären.

Techniken

AI-Washing/KI-Washing

Unter AI-Washing ist die Praxis von Unternehmen oder Organisationen zu verstehen, Produkte, Dienstleistungen oder Geschäftsmodelle mit dem Etikett „Künstliche Intelligenz“ (KI bzw. „Artificial Intelligence“ (AI)) zu versehen, obwohl deren tatsächlicher Einsatz von KI-Technologien entweder stark übertrieben, nur marginal vorhanden oder überhaupt nicht gegeben ist.

Dogwhistle

Unter Dogwhistle wird in Teilen der Forschung eine doppeldeutige Äußerung verstanden, die eine offene und eine verdeckte Botschaft an jeweils eine Zuhörerschaft kommuniziert.

Boykottaufruf

Der Boykottaufruf ist eine Maßnahme, die darauf abzielt, ein Ziel, also meist eine Verhaltensänderung des Boykottierten, hervorzurufen, indem zu einem Abbruch etwa der wirtschaftlichen oder sozialen Beziehungen zu diesem aufgefordert wird.

Tabuisieren

Das Wort Tabuisierung bezeichnet die Praxis, etwas Unerwünschtes, Anstößiges oder Peinliches unsichtbar zu machen oder als nicht akzeptabel zu markieren. Das Tabuisierte gilt dann moralisch als unsagbar, unzeigbar oder unmachbar.

Aus dem Zusammenhang reißen

Das Aus-dem-Zusammenhang-Reißen gehört in den Funktionskreis der Redewiedergabe bzw. der Wiedergabe kommunikativer Ereignisse. Es kann (1) als intentionale argumentativ-polemische Strategie für ganz unterschiedliche diskursive Zielsetzungen von Akteuren genutzt werden, oder (2) es kann SprecherInnen und SchreiberInnen in unbeabsichtigter, fehlerhafter Weise unterlaufen.

Lobbying

Lobbying ist eine Form strategischer Kommunikation, die sich primär an Akteure in der Politik richtet. Beim Lobbying wird ein Bündel von kommunikativen Tätigkeiten mit dem Ziel eingesetzt, die Entscheidungen von Personen mit politischem Mandat oder den Entstehungsprozess von neuen Gesetzestexten interessengeleitet zu beeinflussen.

Karten

Karten dienen dazu, Raumausschnitte im Hinblick auf ausgewählte Charakteristika so darzustellen, dass die Informationen unmittelbar in ihrem Zusammenhang erfasst und gut kommuniziert werden können. Dazu ist es notwendig, Daten und Darstellungsweisen auszuwählen und komplexe und oft umkämpfte Prozesse der Wirklichkeit in einfachen Darstellungen zu fixieren.

Pressemitteilung

Pressemitteilungen sind standardisierte Mitteilungen von Organisationen, die sich an Journalist:innen und andere Multiplikator:innen richten. Sie dienen der offiziellen und zitierfähigen Informationsweitergabe und übernehmen zugleich strategische Funktionen in der öffentlichen Kommunikation und Meinungssteuerung.

Shitstorm

Der Begriff Shitstorm beschreibt eine relativ junge Diskurskonstellation, die seit den 2010er Jahren an Bedeutung gewonnen hat und gemeinhin als Online-Wutausbruch bezeichnet wer-den kann.

Tarnschrift

Als Tarnschrift bezeichnet man unter den Bedingungen von Zensur und Verfolgungsrisiko veröffentliche Texte, die insbesondere in der strategischen Kommunikation des NS-Widerstands eine zentrale Rolle spielten.

Schlagwörter

Brückentechnologie

Ganz allgemein wird unter dem Schlagwort der Brückentechnologie sowohl in den öffentlichen Medien als auch in technisch und wirtschaftlich dominierten Kontexten eine Technologie verstanden, die zeitlich befristet eingesetzt werden soll, bevor in Zukunft der Übergang zu einer als sinnvoller eingeschätzten anderen Technologie möglich ist.

Deindustrialisierung

Der Ausdruck Deindustrialisierung (auch De-Industrialisierung oder als Verb deindustrialisieren) beschreibt im öffentlichen Sprachgebrauch eine negativ bewertete Form des Strukturwandels durch Rückgang von produzierendem Gewerbe.

Nachhaltigkeit

Nachhaltigkeit als ein Schlagwort des öffentlichen Diskurses bezieht sich ganz allgemein auf einen ressourcenschonenderen Umgang mit dem, was uns Menschen der Planet Erde bietet, mit dem Ziel, dass auch nachfolgende Generationen noch die Möglichkeit haben, ähnlich gut zu leben wie wir heute (Generationengerechtigkeit).

Echokammer

Der Begriff der Echokammer steht in seiner heutigen Verwendung vor allem im Zusammenhang mit der Nutzung Sozialer Medien. Er verweist metaphorisch auf einen digitalen Kommunikations- und Resonanzraum, in dem Mediennutzer*innen lediglich Inhalten begegnen, die ihre eigenen, bereits bestehenden Ansichten bestätigen, während abweichende Perspektiven und Meinungen ausgeblendet bzw. abgelehnt werden.

Relativieren

Der Ausdruck relativieren besitzt zwei zentrale Bedeutungsvarianten: In bildungssprachlichen und wissenschaftlichen Kontexten bezeichnet er eine analytische Praxis, bei der Aussagen, Begriffe oder Phänomene durch Bezugnahme auf andere Sachverhalte eingeordnet, differen-ziert und in ihrer Geltung präzisiert werden.

Massendemokratie

Geprägt wurde der Begriff Massendemokratie im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts von völkisch-konservativen Akteuren (prominent darunter Carl Schmitt 1926). Der Ausdruck Masse hatte damals bei den bürgerlichen Eliten eine rundum bedrohliche Assoziation.

Social Bots

Als Social Bots werden Computerprogramme bezeichnet, die in der Lage sind, in sozialen Medien Kommunikation menschlicher Nutzer*innen (teilweise) automatisiert nachzuahmen.

Kriegsmüdigkeit

Der Ausdruck Kriegsmüdigkeit bezeichnet die emotionale und physische Erschöpfung von Menschen, die einen Krieg erleben, sowie die gesellschaftliche und politische Ermüdung angesichts langanhaltender Konflikte. Er beschreibt den sinkenden Kampfeswillen bei Kriegsparteien und heute wird er auch für das wachsende Desinteresse an Kriegsthemen in Medien und Öffentlichkeit genutzt.

Woke

Der Ausdruck woke stammt aus dem afroamerikanischen Englisch und bezeichnete dort zunächst den Bewusstseinszustand der Aufgeklärtheit über die Verbreitung von rassistischen Vorurteilen und Diskriminierung unter Angehörigen ethnischer Minderheiten.

Identität

Unter Identität versteht man allgemein die Summe von Merkmalen, die Individuen oder sozialen Kollektiven – etwa Nationen, Organisationen oder sozialen Gruppen – als charakteristisch oder gar als angeboren zugeordnet werden.

Verschiebungen

Dehumanisierung

Mit Dehumanisierung bzw. Anthropomorphisierung werden solche kommunikativen Techniken und Praktiken bezeichnet, die Personen, Sachverhalten oder Gegenständen menschliche Eigenschaften ab- bzw. zusprechen. Dehumanisierung und Anthropomorphisierung können sowohl durch sprachliche Mittel als auch durch andere, z. B. bildliche, Zeichen vollzogen werden.

Kriminalisierung

Kriminalität meint ein Verhalten, das gegen ein Gesetz verstößt. Folglich bedeutet Kriminalisierung im engeren Sinne den Vorgang, durch den Verhalten ungesetzlich gemacht wird – indem Gesetze geschaffen werden.

Versicherheitlichung

In akademischen Kontexten wird Versicherheitlichung in Abgrenzung zu einem naiv-realistischen Sicherheitsverständnis verwendet. Dieses betrachtet Sicherheit als einen universell erstrebenswerten und objektiv feststellbaren Zustand, dessen Abwesenheit auf das Handeln von Akteuren zurückzuführen ist, die feindselig, kriminell, unverantwortlich oder zumindest fahrlässig agieren.

Ökonomisierung

Ökonomisierung wird in gegenwärtigen Diskursen in der Regel zur Bezeichnung von Prozessen verwendet, in denen die spezifisch wirtschaftlichen Funktions-Elemente wie Markt, Wettbewerb/Konkurrenz, Kosten-Nutzen-Kalküle, Effizienz, Gewinnorientierung in Bereiche übertragen werden, die zuvor teilweise oder ganz nach anderen Leitkriterien ausgerichtet waren

Moralisierung

Moralisierung verlagert Macht- und Interessenkonflikte in die Sphäre der Kommunikation von Achtung / Missachtung. Sie reduziert Ambivalenz zugunsten einer Polarisierung von gut und böse.

Konstellationen

Krise

Krise ist vom Wort mit fachsprachlicher Bedeutung zur Zeitdiagnose und einem zentralen Begriff der öffentlich-politischen Kommunikation geworden. Der öffentlich-politische Krisenbegriff ist dabei – unabhängig vom Gegenstand der Krise – in eine krisendiskurstypische Konstellation zur Begründung von krisenüberwindenden Handlungen eingebettet.

Partizipatorischer Diskurs

Partizipation ist mittlerweile von der Forderung benachteiligter Personen und Gruppen nach mehr Beteiligung in der demokratischen Gesellschaft zu einem Begriff der Institutionen selbst geworden: Kein Programm, keine Bewilligung mehr, ohne dass bestimmte Gruppen oder Personen dazu aufgefordert werden, für (mehr) Partizipation zu sorgen.

Skandal

Die Diskurskonstellation des Skandals zeichnet sich durch eine in den Medien aufgegriffene (bzw. durch sie erst hervorgerufene) empörte Reaktion eines erheblichen Teils der Bevölkerung auf einen tatsächlichen oder vermeintlichen Missstand aus. Die schuldhafte Verursachung dieses Missstandes wird dabei einem gesellschaftlichen Akteur zugeschrieben, dessen Handeln als ‚unmoralisch‘ gedeutet wird.

DiskursReview

Review-Artikel

Jugendwörter – Der Ruin der deutschen Sprache?

Bereits seit 2008 kürt der Langenscheidt-Verlag jedes Jahr das sogenannte Jugendwort des Jahres. Hierbei handelt es sich um ein Wort, welches angeblich der in dem jeweiligen Jahr am stärksten in der Jugendsprache verwendete Ausdruck war (vgl. Langenscheidt, 2025). Die jährliche Auswahl eines Jugendwortes geschieht hierbei aus der Begründung heraus, dass genau solche Wörter zeigen würden, wie jüngere Generationen sich fühlen und denken. Ein weiterer Grund ist zudem, dass Jugendsprache von manchen …

Wenn ein Wort Geschichte macht: Die ‚Zeitenwende‘ im politischen und medialen Diskurs

Manche Worte bleiben haften. Kaum ein politisches Wort hat die deutschsprachige Öffentlichkeit seit 2022 so geprägt wie der Begriff „Zeitenwende“. Bundeskanzler Olaf Scholz verwendete ihn in seiner Regierungserklärung am 27. Februar 2022 unmittelbar nach dem Angriff Russlands auf die Ukraine und erklärte: „Wir erleben eine Zeitenwende. Und das bedeutet: Die Welt danach ist nicht mehr dieselbe wie die Welt davor.“ (Scholz, Regierungserklärung). Dieser Begriff löste ein bemerkenswertes Echo aus, er …

Wenn aus Vielen Einer wird – Warum pauschale Nationsbezeichnungen sprachlich gefährlich sind

„In dieser Situation sind die Deutschen sehr unzufrieden mit der Arbeit der Politik.“ (Kinkartz, 2025), schreibt die Deutsche Welle im November 2025. Gemeint ist dabei keine einzelne Person oder klar definierte Gruppe, sondern eine ganze Nation, welche mit einem einzigen Artikel zu einem scheinbar einheitlichen Kollektiv zusammengefasst wurde. Solche Formulierungen sind kein Einzelfall. Ähnliche Beispiele, wie „Die Russen greifen an vielen Stellen an“ (Die Welt am Morgen, 2024), „Die Ukrainer …

Sprachkritische Auseinandersetzung im Streit um pflanzliche Ersatzprodukte

“Die Wurst als Waffe” mit solchen oder ähnlichen polarisierenden Schlagzeilen berichten die ZEIT und andere Zeitungen über den Beschluss des Europaparlaments zur Verwendung der Namen veganer Fleischersatzprodukte.1 Begriffe wie “Wurst”, “Schnitzel” oder ”Milch” sollen künftig nur Lebensmittel tragen dürfen, welche tierische Inhaltsstoffe enthalten. In der Abstimmung vom achten Oktober 2025 stimmten 355 der 602 Mitglieder des Parlaments dem Vorschlag zu.2 Auch wenn die Abstimmung nicht automatisch …

Ästhetik als Politisches Argument

Der Begriff Stadtbild erscheint im öffentlichen Diskurs häufig als scheinbar neutrale Beschreibung eines räumlichen Zustands. Ursprünglich bezeichnete er das äußere Erscheinungsbild von Architektur, Straßenräumen und historischen Bereichen (Wikipedia 2025). In letzter Zeit taucht der Begriff zunehmend in Diskussionen auf, die soziale und kulturelle Themen betreffen. Diese Verschiebung zeigt sich deutlich in der jüngsten politischen Debatte um Friedrich Merz, der erklärte: „Wir haben natürlich immer …

„Fake news“- ein Etikett statt eines Arguments?

In den letzten Jahren haben „Fake News“ enorme Auswirkungen auf den politischen Dialog gehabt. Sie werden überall in Wahlkämpfen, Medien und alltäglichen Kommunikationen verwendet, um Informationen zu diskreditieren, sei es journalistisches Material, wissenschaftliche Fakten oder politische Ansichten. Trotz der scheinbaren Neutralität ist dieser Ausdruck tatsächlich ein Werkzeug, um einer Diskussion auszuweichen, damit der Sprecher vermeiden kann, dass er das Wesen der Nachricht verstehen müsste, …

Memes als moderne Propaganda – Eine sprach- und medienkritische Untersuchung

Digitale Kommunikationsformen prägen heutige gesellschaftliche Debatten weitaus stärker als die klassischen Medien. Ihr Einfluss auf die politische Meinungsbildung und die Ausbildung ideologischer Positionen ist inzwischen unverkennbar und zählt zu den markantesten Entwicklungen der digitalen Gegenwart. Besonders hervorzuheben sind Memes: Sie verbreiten sich schnell, arbeiten mit humoristischen Mitteln und verdichten komplexe Inhalte auf ein Minimum an Zeichen. In öffentlichen Diskursen werden sie daher nicht mehr als spielerisches Internetphänomen betrachtet, sondern als ernstzunehmendes Instrument politischer Kommunikation und den damit einhergehenden propagandistischen Strategien.

Beobachtung zum Begriff „Diplomatie“ beim Thema Ukraine im Europäischen Parlament

Von EU-Vertretern waren zur Ukraine seit 2022 vor allem Aussagen zu hören, die sich unter dem Motto „as long as it takes“ beziehungsweise „so lange wie nötig“ für die Erweiterung der militärischen Ausstattung und der Verlängerung des Krieges aussprachen. Vorschläge oder Vorstöße auf dem Gebiet der „Diplomatie“ im Sinne von ‚Verhandeln (mit Worten) zwischen Konfliktparteien‘ gab es dagegen wenige, obwohl die klare Mehrheit von Kriegen mit Diplomatie beendet wurden (vgl. z.B. Wallensteen 2015: 142)