DiskursGlossar

Beschriftete Waffen

Kategorie: Techniken
Verwandte Ausdrücke: Sprechende Waffen
Siehe auch: Militainment, Parole, Krieg und Kriegsvorbereitung, Propaganda, Gewaltaufruf, Hatespeech, Invektivität, Moralisierung
Von: Ulrike Ehmig und Friedemann Vogel
Version: 1.0 / Datum: 30.07.2026

Kurzzusammenfassung

Das Betexten von Waffen, speziell Projektilen wie Schleuderbleien, Kanonenkugeln oder Bomben, mit an die Feindgruppe gerichteten Botschaften (Sarkasmus, Beleidigungen, Todeswünsche u. ä.) ist eine Praktik, die sich bis in die römische Antike zurückverfolgen lässt. Sie dient der Identifikation der Eigengruppe (Truppe oder Gefolgsleute) mit dem Ziel, die Moral vor einem Kampfeinsatz zu heben (emotional-psychologische Bewältigungsstrategie) sowie Gelassenheit und Siegesgewissheit propagandistisch gegenüber der Eigen- und Fremdgruppe zu inszenieren. Letzteres liegt in der Moderne vor allem dann nahe, wenn die Praktik durch prominente Akteure und/oder Nicht-Kombattanten aus Politik oder militärischer Führungsebene sowie in Begleitung von Massenmedien erfolgt.

Beobachtungen oder öffentliche Berichte entsprechender Waffenbeschriftungen geben oftmals Anlass für Skandalisierungen und eine moralische Diskussion über Kulturverfall sowie Verrohung der Militärethik im Kriegskontext.

Erweiterte Begriffsklärung

Die Beschriftung von Waffen, insbesondere Projektilen, mit Botschaften an Dritte (Angehörige der Eigengruppe oder den Feind) ist nicht erst in Kriegen des 20. und 21. Jahrhunderts zu beobachten. Die Praktik findet sich vielmehr in militärischen Kontexten bis in die römische Antike (1. Jh. vor Christus). Beschriftet werden Projektile und Kriegsgerät unterschiedlicher Art und Größe: von Schleuderbleien über Kanonenrohre bis hin zu Granaten, Kampfflugzeugen oder Panzern. Die Praktik ist bislang kaum Forschungsgegenstand gewesen.

Als Botschaften lassen sich verschiedene Äußerungstypen klassifizieren:

  • Feind-Verspottungen, ironisch-sarkastische Botschaften und Adressierungen (Ein Nachtigal bin ich genant liplich und schon ist mein Gesang; Asculanis dono; Nimm das; das ist für dich; Boosh sends his regards; Happy Father’s Day, Tomas; Tirpitz its yours) sowie invektive Äußerungen (Beleidigungen, Schmähungen u. ä. nicht selten in Form von Vulgarismen), die sich an das Ziel der Waffe richten (fag u. ä.)
  • Sexualisierte Erniedrigungen des Gegners (peto Octaviani culum = ich ziele auf das Arschloch des Octavian; Fulviae landicam peto = ich ziele auf die Klitoris der Fulvia)
  • Verbalisierung von Folgen für den Gegner (Pain; Your ticket to hell has arrived; Poilus, Auf Wiedersehen beim Teufel!).
  • Euphemisierende Äußerungen zur Bezeichnung von Kriegshandlungen (Granaten als Osterei: Happy Easter Adolph; das Abwerfen von Bomben als War Party)
  • Solidaritätsformeln, die sich an die Eigengruppe richten (God Bless the USA; Glory to Ukraine!!; „komm zurück“)

Welche Äußerungen und in welcher Form auf Waffen und Projektilen formuliert werden können, unterliegt zum einen medialen Rahmenbedingungen (Affordanzen) des Trägerobjekts. So passen sich Größe, Gestaltung und Herstellung der Texte an die materialen Gegebenheiten des Projektils an. Zum anderen sind moraldiskursive Sagbarkeitsgrenzen relevant. Letzteres zeigt sich vor allem in kritischen und skandalisierenden öffentlichen Reaktionen aus der Eigengruppe (siehe dazu Beispiel 1). Die Beschriftungen können in unterschiedlicher Weise realisiert werden, zum Beispiel mit Kreide per Hand geschrieben, gepinselt mit permanenten Farben oder gegossen im Zuge der Fertigung der Waffe. Kreide kann auf einen spontanen, zugleich auch umkehrbaren (reversiblen) Akt hinweisen. Sie kann in einem geplanten, propagandistisch inszenierten, jedenfalls situativ gebundenen Bedeutungskontext stehen. Serielle Betextungen als Teil der Fertigung antiker Projektile deuten auf einen über die Situation hinausreichenden Bedeutungskontext hin, z. B. kriegsstrategische Erwägungen.

Zu den Akteuren, die Waffen und insbesondere Projektile aktiv beschriften, zählen einerseits Angehörige kämpfender Truppen, andererseits nicht unmittelbar am Krieg Beteiligte, darunter militärische Führungskräfte, sowie Angehörige aus der Politik. Als Auftraggeber der Betextungen kommen die in eine militärische Auseinandersetzung involvierten Gemeinwesen, militärischen Führer, Truppenabteilungen oder einzelne, am Kampfgeschehen Beteiligte in Betracht. In neueren Varianten der Praktik kommen an Kampfhandlungen nicht beteiligte Privatpersonen und Institutionen hinzu, nämlich als zahlende Auftraggeber und Unterstützer der jeweiligen militärischen Seite.

Die Projektile können nach dem Abschuss in der Regel nicht mehr gelesen werden. Entweder sie treffen den ,Empfänger‘ und setzen diesen außer Gefecht oder zerbersten beim Auftreffen. Auch römische Schleuderbleie wurden auf dem Schlachtfeld von der Feindgruppe nicht aufgehoben und gelesen. Eine Rezeption der Texte durch den genannten Adressaten fand mutmaßlich nur im Falle von bei Belagerungen zum Einsatz kommenden Schleuderbleien statt: Das Phänomen von Texten mit Beleidigungen und Invektiven tritt bei Exemplaren aus den Belagerungen von Asculum im Bundesgenossenkrieg 90/89 und Perusia im Perusinischen Krieg 42/41 auf.

Derartige Projektil-Beschriftungen sind damit weniger Teil einer Kommunikation zwischen Kontrahenten, sondern verfolgen in aller Regel andere kommunikative Zwecke. Sie richten sich an die Eigengruppe und haben verschiedene Ziele:

  • Zeitvertreib, Belustigung und Abbau von Emotionen;
  • Inszenierung der eigenen Stärke;
  • Emotionalisierende Identifikation der Truppe bzw. von Truppenangehörigen mit Kriegsinstrumenten und Kriegszielen;
  • Individuelle und kollektive Coping-Strategie für Truppenangehörige im Vorfeld des Kampfeinsatzes;
  • Bei Signierung durch Prominente, politische Führer und/oder anderen nicht unmittelbar an Kampfhandlungen Beteiligten: Ausdruck emotionaler Anteilnahme und Solidarität zur Förderung der Kampfmoral;
  • Stärkung der Gruppenidentität (des Kollektivs), des Zusammenhalts unmittelbar vor Ort;
  • Im Zeitalter von Massenmedien: Propagandistische Mobilisierung der Eigengruppe (sowohl der kämpfenden als auch nicht-kämpfenden Teilgruppen) sowie Inszenierung von Gelassenheit und Siegesgewissheit gegenüber der Feindgruppe.

Der Feindgruppe in die Hände gefallene Waffen werden im Sinne von Trophäen behandelt. Blindgänger oder erbeutete Waffen werden mit entsprechenden Texten versehen und dienen umgekehrt der Verspottung und Degradierung der militärischen Leistung der Gegenseite.

Waffen und Kriegsgerät mit einem Namen zu versehen, steht auch in einer langen historischen Tradition von Texten auf bzw. der Benennung und Personifizierung von Waffen, seien es karolingische Schwerter oder spätmittelalterlich-frühneuzeitliche Kanonen. Die identifizierbaren Namen verweisen einerseits auf die Hersteller, Schmiede, Gießer (z. B. Ulfberht-Schwerter, Endorfferin-Geschütz), andererseits auf die der Waffe zugeschriebenen Eigenschaften (z. B. Lobera-Schwert). Mit letztgenanntem Aspekt verbundene Praktiken sind auch Gegenstand fiktionaler Texte (z. B. Excalibur – Schwert König Arthurs) und popkultureller Blockbuster (vgl. etwa die an Rifleman’s Creed anknüpfende Szene in „Full Metal Jacket“: This is my rifle. There are many like it, but this one is mine. My rifle is my best friend usw.)

Beispiele

(1) Im Kontext des amerikanischen Militäreinsatzes gegen die Taliban in Afghanistan kursierte im Oktober 2001 kurzzeitig ein Foto von Associated Press (AP). Das Foto zeigt eine an einem Kampfflugzeug F/A-18 Hornet montierte Bombe, die handschriftlich mit Kreide ausgeführt den Text High jack this Fags trägt. In der Presse wurde die Aufschrift als Botschaft an die Feindgruppe interpretiert: „Versucht doch, das hier [gemeint ist das Flugzeug samt Projektil] zu entführen, ihr Schwuchteln“ in Anspielung an die Flugzeugentführungen durch die Taliban während des Terrorangriffs vom 11. September 2001 (dazu Steuver 2001).

Die Äußerung ist zum einen zynisch – die Aufnahme entstand einen Monat nach den Anschlägen in den USA. Zum anderen bedient sie sich des verbreiteten Schimpfworts fag/Schwuchtel zur abwertenden Bezeichnung des Feindes. Der Gegner kann die Botschaft nicht lesen, sie wird (mit oder ohne ihn) beim Auftreffen der Bombe zerstört. Die Äußerung hat mit Vulgarismus und Imperativ die Form sprachlicher Aggression. Sie zielt auf die Verunglimpfung der Feindgruppe, inszeniert die eigene Macht und fördert so emotional die Kampfmoral der Eigentruppe und ihren Zusammenhalt.

Sofern das Aufschreiben einer Botschaft nicht allein bzw. in kleinem Kreis, sondern in Anwesenheit von weiteren Militärangehörigen oder, wie hier, fotografisch dokumentiert und verbreitet über Presse und soziale Medien erfolgt, ist insbesondere auch die Zurschaustellung des Gegners beabsichtigt. Im Blick auf die Eigengruppe stärkt dies das Identitätsempfinden sowie die persönliche Profilierung des Schreibers oder Auftraggebers des Textes.

Mit Veröffentlichung des zweifellos zunächst vom Militärkommando freigegebenen Fotos wurde nicht die Praktik als solche, sondern die Verwendung der Stigmavokabel Schwuchtel (fag) skandalisiert: Die Abwertung von Homosexuellen – bezogen vor allem auf die Eigen-, nicht die Feindgruppe – belaste die Kampfmoral. Nach Protest von „Gay & Lesbian Alliance Against Defamation“ und „Human Rights Campaign“ löschte AP das Foto als Auslöser der Empörung am nächsten Tag und entschuldigte sich ebenso wie die US-Marine (siehe Harnden 2001).

Abbildung 1: Skandalisiertes Foto von einer mit Schmähbotschaft beschrifteten Bombe („fag bomb“), aufgenommen am 11.10.2001 an Bord einer F/A-18 Hornet auf dem Flugzeugträger U.S.S. Enterprise während des amerikanischen Militäreinsatzes gegen Afghanistan (Quelle: Associated Press/Wikipedia, https://en.wikipedia.org/wiki/File:Fag_bomb.jpg)
Abb. 1: Skandalisiertes Foto von einer mit Schmähbotschaft beschrifteten Bombe („fag bomb“), aufgenommen am 11.10.2001 an Bord einer F/A-18 Hornet auf dem Flugzeugträger U.S.S. Enterprise während des amerikanischen Militäreinsatzes gegen Afghanistan.

(2) Im Kontext des Russland-Ukraine-Krieges wurde die sprach-aggressive Beschriftung von Waffen – vor allem Bomben verschiedener Typen – wiederholt propagandistisch inszeniert. Als der ukrainische Eurovision-Gewinner Oleh Psiu öffentlich um Hilfe für Ukraine und Mariupol bat, „antworteten“ russische Soldaten mit zynischen Texten auf Bomben wie Kalush [Name der Band], wie ihr gebeten habt und stellten Fotos der beschrifteten Waffen in soziale Medien. Die Äußerungen verspotten den Feind und bringen militärische Überlegenheit gegenüber Gegnern und Beobachtern zum Ausdruck. Von ukrainischen und mit diesen verbündeten Akteuren wurde die Praktik als „inhuman“ und Ausdruck von Menschenverachtung kritisiert (siehe Hinton 2022).

Auch die Ukraine bzw. Ukraine-Unterstützer nutzten die massenhafte, organisiert angebotene Beschriftung von Bomben, Raketen, Kampfjets oder Panzern. Auf einer eigens dafür eingerichteten Website (https://signmyrocket.com) können gegen Bezahlung einer „Spende“ individuelle Texte und auch Grafiken auf den Waffen angebracht werden. Erklärtes Ziel der Kampagne ist die Akquise von Geldern für ukrainische Armeeangehörige. Auftraggeber – Privatpersonen wie Kollektive – können auf diese Weise ihre Solidarität mit der Ukraine zum Ausdruck bringen. Nach eigenen Angaben wurden mit 5703 Beschriftungen rund 1,9 Mio. USD erwirtschaftet (Stand: 21.08.2025).

Abbildung 2: Beschriftung von Projektilen gegen Bezahlung als Solidaritäts- und Finanzierungskampag-ne im Ukraine-Abwehrkrieg (Screenshot der Seite https://signmyrocket.com vom 21.08.2025)
Abb. 2: Beschriftung von Projektilen gegen Bezahlung als Solidaritäts- und Finanzierungskampagne im Ukraine-Abwehrkrieg.

(3) Insbesondere aus den beiden Weltkriegen, jedoch auch schon aus dem ausgehenden 19. Jahrhundert liegen in großen, ungesichteten Mengen Fotos der Praktik, Projektile mit Kreide in sprachlich-aggressiver Feind-Adressierung zu betexten, vor.

Ein Argument für die Verwendung von Kreide lag vermutlich weniger darin begründet, dass sie leicht und günstig zu beschaffen, einfach zu transportieren und einzusetzen war, sondern insbesondere wieder einfach entfernt werden konnte, wenn entsprechende Aufschriften Vorgesetzten missfielen oder sie dem Einsatz der Waffe entgegenzustehen drohten (siehe Haensch 2026).

Das deutsche Schlachtschiff Tirpitz war im Zweiten Weltkrieg als Kern der dortigen Präsenzflotte in Norwegen stationiert. Weniger an aktiven Kampfhandlungen beteiligt, bedrohte und störte sie durch ihre Präsenz v. a. die Nordmeergeleitzüge von Großbritannien und den USA in die Sowjetunion. In Vorbereitung der alliierten Invasion in der Normandie verstärkten die britischen Truppen ihre Bemühungen, die Tirpitz im Kåfjord zu versenken. In der Operation Tungsten, deren Hauptangriff am 3. April 1944 erfolgte, wurde die Tirpitz von 40 Bombern angegriffen und erhielt 15 Treffer, von denen jedoch keiner die Panzerung des Schiffs durchschlug.

Abbildung 3: Beschriftung einer Bombe auf dem britischen Flugzeugträger HMS Furious am 3.4.1944 in Vorbereitung des Angriffs auf das deutsche Schlachtschiff Tirpitz (Quelle: F.A. Hudson, Royal Navy officialphotographer/Wikmedia, https://commons.wikimedia.org/wiki/File:HMS_Furious_armourer_with_bomb_message_April_1944_IWM_A_22640.jpg)
Abb. 3: Beschriftung einer Bombe auf dem britischen Flugzeugträger HMS Furious am 3.4.1944 in Vorbereitung des Angriffs auf das deutsche Schlachtschiff Tirpitz.

(4) Im Kontext der Belagerungen von Asculum im Bundesgenossenkrieg 90/89 und Perusia im Perusinischen Krieg 42/41 treten sprachlich aggressive Texte auf römischen Schleuderbleien auf. – Der Perusinische Krieg zwischen Octavian und Marcus Antonius, vertreten durch seinen Bruder Lucius und seine Ehefrau Fulvia, entzündete sich an der Entschädigung der Veteranen nach dem endgültigen Sieg über die Caesarmörder. Die bei der Belagerung von Perusia eingesetzten Schleuderbleie überliefern wechselseitige Beleidigungen der Akteure.

Der mitgegossene Text und das Bild auf einem an Octavian, den späteren Kaiser Augustus, adressierten Schleuderblei unterstellen diesem eine in der römischen Frühzeit verpönte Homosexualität. Es zeigt einen Phallus und den Text sede laxe Octavi, zu verstehen im Sinne „Setz‘ Dich auf Deinen Schwanz, Schwuchtel Octavius“.

Der bisher ausschließlich aus Belagerungen bekannte Einsatz sprachlich aggressiv betexteter Schleuderbleie impliziert, dass diese Äußerungstypen in römischen Kontexten aus den konkreten Situationen resultierten: Belagerungen boten beiden Feindgruppen Zeit, die im Feld herstellbaren Bleie bzw. ihre Gussformen mit entsprechenden Texten und Bildern zu versehen. Denkbar ist zudem die ansonsten nicht mögliche Rezeption durch den genannten Adressaten bzw. die jeweilige Feindgruppe.

DiskursGlossar

Grundbegriffe

Begriffsgeschichte

Die Begriffsgeschichte lässt sich allgemein als eine historische Methode beschreiben, die den zeitlichen Wandel der Bedeutungen von bestimmten Ausdrücken untersucht. Da einzelne Worte nie isoliert begegnen und ihre jeweiligen Bedeutungen erst im Kontext größerer sprachlicher Zusammenhänge oder semantischer Felder greifbar werden, verbindet sie sich flexibel mit anderen Methoden historischer Semantik, wie etwa der Diskursgeschichte, der Argumentationsgeschichte oder der Metaphernforschung (Metaphorologie).

Diskurssemantische Verschiebung

Mit dem Begriff der diskurssemantischen Verschiebung wird in der Diskursforschung ein Wandel in der öffentlichen Sprache und Kommunikation verstanden, der auf mittel- oder län-gerfristige Veränderung des Denkens, Handelns und/oder Fühlens größerer Gesellschafts-gruppen hinweist.

Domäne

Der Begriff der Domäne ist aus der soziologisch orientierten Sprachforschung in die Diskursforschung übernommen worden. Hier wird der Begriff dafür verwendet, um Muster im Sprachgebrauch und kollektiven Denken von sozialen Gruppen nach situationsübergreifenden Tätigkeitsbereichen zu sortieren.

Positionieren

Positionieren ist Grundbestandteil menschlicher Kommunikation. Wann immer wir miteinander interagieren und kommunizieren, bringen wir uns selbst, andere und die Objekte, über die wir sprechen, in bestimmte Relationen zueinander.

Deutungsmuster

Unter einem Deutungsmuster wird die problem- und lösungsbezogene Interpretation gesellschaftlicher und politischer Tatbestände verstanden, die Aussicht auf Akzeptanz in sozialen Gruppen hat. Der Begriff des Deutungsmusters hat Ähnlichkeit mit den Begriffen der Theorie und Ideologie. Meist werden gesellschaftlich verbreitete Leitdeutungen, die oft mit Schlagwörtern und Argumentationsmustern einhergehen (wie Globalisierung, Kapitalismus, Leistungsgesellschaft, Chancengleichheit etc.) als Beispiele für Deutungsmuster genannt.

Sinnformel

‚Wer sind wir? Woher kommen, wo stehen und wohin gehen wir? Wozu leben wir?‘ Auf diese und ähnliche existentielle Fragen geben Sinnformeln kondensierte Antworten, die in privaten wie sozialen Situationen Halt und Argumenten in politischen und medialen Debatten einen sicheren Unterbau geben können.

Praktik

Eine Praktik ist ein spezifisches, situativ vollzogenes und sinnhaftes Bündel von körperlichen Verhaltensweisen, an dem mehrere Menschen und Dinge beteiligt sein können (z. B. Seufzen, um Frust auszudrücken, oder einen Beschwerdebrief schreiben, Fußballspielen).

Kontextualisieren

Kontextualisieren wird im allgemeineren bildungssprachlichen Begriffsgebrauch verwendet, um das Einordnen von etwas oder jemandem in einen bestimmten Zusammenhang zu bezeichnen.

Narrativ

Mit der diskursanalytischen Kategorie des Narrativs werden Vorstellungen von komplexen Denk- und Handlungsstrukturen erfasst. Narrative in diesem Sinne gehören wie Schlagwörter, Metaphern und Topoi zu den Grundkategorien der Analyse von Diskursen.

Argumentation

Argumentation bezeichnet jene sprachliche Tätigkeit, in der man sich mithilfe von Gründen darum bemüht, die Richtigkeit einer Antwort auf eine bestimmte Frage zu erweisen. Das kann in ganz verschiedenen Situationen und Bereichen nötig sein, namentlich um eine poli-tische, wissenschaftliche, rechtliche, unternehmerische oder private Angelegenheit zu klären.

Techniken

AI-Washing/KI-Washing

Unter AI-Washing ist die Praxis von Unternehmen oder Organisationen zu verstehen, Produkte, Dienstleistungen oder Geschäftsmodelle mit dem Etikett „Künstliche Intelligenz“ (KI bzw. „Artificial Intelligence“ (AI)) zu versehen, obwohl deren tatsächlicher Einsatz von KI-Technologien entweder stark übertrieben, nur marginal vorhanden oder überhaupt nicht gegeben ist.

Dogwhistle

Unter Dogwhistle wird in Teilen der Forschung eine doppeldeutige Äußerung verstanden, die eine offene und eine verdeckte Botschaft an jeweils eine Zuhörerschaft kommuniziert.

Demonstrieren

« Zurück zur ArtikelübersichtDemonstrieren Kategorie: TechnikenVerwandte Ausdrücke: Auf die Straße gehen, Straßenprotest, Kundgebung, öffentliche Versammlung, Mahnwache, Menschenkette, Marsch, SitzblockadenSiehe auch: Protest, Politische Aktion, Politische Bildung,...

Boykottaufruf

Der Boykottaufruf ist eine Maßnahme, die darauf abzielt, ein Ziel, also meist eine Verhaltensänderung des Boykottierten, hervorzurufen, indem zu einem Abbruch etwa der wirtschaftlichen oder sozialen Beziehungen zu diesem aufgefordert wird.

Tabuisieren

Das Wort Tabuisierung bezeichnet die Praxis, etwas Unerwünschtes, Anstößiges oder Peinliches unsichtbar zu machen oder als nicht akzeptabel zu markieren. Das Tabuisierte gilt dann moralisch als unsagbar, unzeigbar oder unmachbar.

Aus dem Zusammenhang reißen

Das Aus-dem-Zusammenhang-Reißen gehört in den Funktionskreis der Redewiedergabe bzw. der Wiedergabe kommunikativer Ereignisse. Es kann (1) als intentionale argumentativ-polemische Strategie für ganz unterschiedliche diskursive Zielsetzungen von Akteuren genutzt werden, oder (2) es kann SprecherInnen und SchreiberInnen in unbeabsichtigter, fehlerhafter Weise unterlaufen.

Lobbying

Lobbying ist eine Form strategischer Kommunikation, die sich primär an Akteure in der Politik richtet. Beim Lobbying wird ein Bündel von kommunikativen Tätigkeiten mit dem Ziel eingesetzt, die Entscheidungen von Personen mit politischem Mandat oder den Entstehungsprozess von neuen Gesetzestexten interessengeleitet zu beeinflussen.

Karten

Karten dienen dazu, Raumausschnitte im Hinblick auf ausgewählte Charakteristika so darzustellen, dass die Informationen unmittelbar in ihrem Zusammenhang erfasst und gut kommuniziert werden können. Dazu ist es notwendig, Daten und Darstellungsweisen auszuwählen und komplexe und oft umkämpfte Prozesse der Wirklichkeit in einfachen Darstellungen zu fixieren.

Pressemitteilung

Pressemitteilungen sind standardisierte Mitteilungen von Organisationen, die sich an Journalist:innen und andere Multiplikator:innen richten. Sie dienen der offiziellen und zitierfähigen Informationsweitergabe und übernehmen zugleich strategische Funktionen in der öffentlichen Kommunikation und Meinungssteuerung.

Shitstorm

Der Begriff Shitstorm beschreibt eine relativ junge Diskurskonstellation, die seit den 2010er Jahren an Bedeutung gewonnen hat und gemeinhin als Online-Wutausbruch bezeichnet wer-den kann.

Schlagwörter

Brückentechnologie

Ganz allgemein wird unter dem Schlagwort der Brückentechnologie sowohl in den öffentlichen Medien als auch in technisch und wirtschaftlich dominierten Kontexten eine Technologie verstanden, die zeitlich befristet eingesetzt werden soll, bevor in Zukunft der Übergang zu einer als sinnvoller eingeschätzten anderen Technologie möglich ist.

Deindustrialisierung

Der Ausdruck Deindustrialisierung (auch De-Industrialisierung oder als Verb deindustrialisieren) beschreibt im öffentlichen Sprachgebrauch eine negativ bewertete Form des Strukturwandels durch Rückgang von produzierendem Gewerbe.

Nachhaltigkeit

Nachhaltigkeit als ein Schlagwort des öffentlichen Diskurses bezieht sich ganz allgemein auf einen ressourcenschonenderen Umgang mit dem, was uns Menschen der Planet Erde bietet, mit dem Ziel, dass auch nachfolgende Generationen noch die Möglichkeit haben, ähnlich gut zu leben wie wir heute (Generationengerechtigkeit).

Echokammer

Der Begriff der Echokammer steht in seiner heutigen Verwendung vor allem im Zusammenhang mit der Nutzung Sozialer Medien. Er verweist metaphorisch auf einen digitalen Kommunikations- und Resonanzraum, in dem Mediennutzer*innen lediglich Inhalten begegnen, die ihre eigenen, bereits bestehenden Ansichten bestätigen, während abweichende Perspektiven und Meinungen ausgeblendet bzw. abgelehnt werden.

Relativieren

Der Ausdruck relativieren besitzt zwei zentrale Bedeutungsvarianten: In bildungssprachlichen und wissenschaftlichen Kontexten bezeichnet er eine analytische Praxis, bei der Aussagen, Begriffe oder Phänomene durch Bezugnahme auf andere Sachverhalte eingeordnet, differen-ziert und in ihrer Geltung präzisiert werden.

Massendemokratie

Geprägt wurde der Begriff Massendemokratie im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts von völkisch-konservativen Akteuren (prominent darunter Carl Schmitt 1926). Der Ausdruck Masse hatte damals bei den bürgerlichen Eliten eine rundum bedrohliche Assoziation.

Social Bots

Als Social Bots werden Computerprogramme bezeichnet, die in der Lage sind, in sozialen Medien Kommunikation menschlicher Nutzer*innen (teilweise) automatisiert nachzuahmen.

Kriegsmüdigkeit

Der Ausdruck Kriegsmüdigkeit bezeichnet die emotionale und physische Erschöpfung von Menschen, die einen Krieg erleben, sowie die gesellschaftliche und politische Ermüdung angesichts langanhaltender Konflikte. Er beschreibt den sinkenden Kampfeswillen bei Kriegsparteien und heute wird er auch für das wachsende Desinteresse an Kriegsthemen in Medien und Öffentlichkeit genutzt.

Woke

Der Ausdruck woke stammt aus dem afroamerikanischen Englisch und bezeichnete dort zunächst den Bewusstseinszustand der Aufgeklärtheit über die Verbreitung von rassistischen Vorurteilen und Diskriminierung unter Angehörigen ethnischer Minderheiten.

Identität

Unter Identität versteht man allgemein die Summe von Merkmalen, die Individuen oder sozialen Kollektiven – etwa Nationen, Organisationen oder sozialen Gruppen – als charakteristisch oder gar als angeboren zugeordnet werden.

Verschiebungen

Dehumanisierung

Mit Dehumanisierung bzw. Anthropomorphisierung werden solche kommunikativen Techniken und Praktiken bezeichnet, die Personen, Sachverhalten oder Gegenständen menschliche Eigenschaften ab- bzw. zusprechen. Dehumanisierung und Anthropomorphisierung können sowohl durch sprachliche Mittel als auch durch andere, z. B. bildliche, Zeichen vollzogen werden.

Kriminalisierung

Kriminalität meint ein Verhalten, das gegen ein Gesetz verstößt. Folglich bedeutet Kriminalisierung im engeren Sinne den Vorgang, durch den Verhalten ungesetzlich gemacht wird – indem Gesetze geschaffen werden.

Versicherheitlichung

In akademischen Kontexten wird Versicherheitlichung in Abgrenzung zu einem naiv-realistischen Sicherheitsverständnis verwendet. Dieses betrachtet Sicherheit als einen universell erstrebenswerten und objektiv feststellbaren Zustand, dessen Abwesenheit auf das Handeln von Akteuren zurückzuführen ist, die feindselig, kriminell, unverantwortlich oder zumindest fahrlässig agieren.

Ökonomisierung

Ökonomisierung wird in gegenwärtigen Diskursen in der Regel zur Bezeichnung von Prozessen verwendet, in denen die spezifisch wirtschaftlichen Funktions-Elemente wie Markt, Wettbewerb/Konkurrenz, Kosten-Nutzen-Kalküle, Effizienz, Gewinnorientierung in Bereiche übertragen werden, die zuvor teilweise oder ganz nach anderen Leitkriterien ausgerichtet waren

Moralisierung

Moralisierung verlagert Macht- und Interessenkonflikte in die Sphäre der Kommunikation von Achtung / Missachtung. Sie reduziert Ambivalenz zugunsten einer Polarisierung von gut und böse.

Konstellationen

Krise

Krise ist vom Wort mit fachsprachlicher Bedeutung zur Zeitdiagnose und einem zentralen Begriff der öffentlich-politischen Kommunikation geworden. Der öffentlich-politische Krisenbegriff ist dabei – unabhängig vom Gegenstand der Krise – in eine krisendiskurstypische Konstellation zur Begründung von krisenüberwindenden Handlungen eingebettet.

Partizipatorischer Diskurs

Partizipation ist mittlerweile von der Forderung benachteiligter Personen und Gruppen nach mehr Beteiligung in der demokratischen Gesellschaft zu einem Begriff der Institutionen selbst geworden: Kein Programm, keine Bewilligung mehr, ohne dass bestimmte Gruppen oder Personen dazu aufgefordert werden, für (mehr) Partizipation zu sorgen.

Skandal

Die Diskurskonstellation des Skandals zeichnet sich durch eine in den Medien aufgegriffene (bzw. durch sie erst hervorgerufene) empörte Reaktion eines erheblichen Teils der Bevölkerung auf einen tatsächlichen oder vermeintlichen Missstand aus. Die schuldhafte Verursachung dieses Missstandes wird dabei einem gesellschaftlichen Akteur zugeschrieben, dessen Handeln als ‚unmoralisch‘ gedeutet wird.

Abbildung 4: Schleuderblei mit Text und Bild aus der Belagerung von Perusia 42/41 mit sexualisierter Beleidigung des Octavian (Quelle: Zangemeister 1885, 58 Nr. 62 und Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, Corpus Inscriptionum Latinarum, glans 521, https://nat.museum-digital.de/object/1802240)
Abbildung 4: Schleuderblei mit Text und Bild aus der Belagerung von Perusia 42/41 mit sexualisierter Beleidigung des Octavian (Quelle: Zangemeister 1885, 58 Nr. 62 und Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, Corpus Inscriptionum Latinarum, glans 521, https://nat.museum-digital.de/object/1802240)
Abb. 4: Schleuderblei mit Text und Bild aus der Belagerung von Perusia 42/41 mit sexualisierter Beleidigung des Octavian.

Literatur

Zum Weiterlesen

  • Ehmig, Ulrike (Hrsg.) (2026): Wenn Waffen sprechen. Texte und Zeichen der Verunglimpfung und Unheilabwehr auf Waffen zwischen Antike und Moderne. Beiträge zum Workshop im Rahmen des Jahresthemas 2024 des Berliner Antike-Kollegs „[Mit] Konflikte[n] umgehen“, Berlin 27.–28. Februar 2004. In: Archiv für Epigraphik, Jg. 6, Heft 1.

Zitierte Literatur und Belege

    Abbildungsverzeichnis

    • Abb. 1: Skandalisiertes Foto von einer mit Schmähbotschaft beschrifteten Bombe („fag bomb“), aufgenommen am 11.10.2001 an Bord einer F/A-18 Hornet auf dem Flugzeugträger U.S.S. Enterprise während des amerikanischen Militäreinsatzes gegen Afghanistan. In: Associated Press/Wikipedia. Online unter: https://en.wikipedia.org/wiki/File:Fag_bomb.jpg ; Zugriff: 07.05.2026.
    • Abb. 2: Beschriftung von Projektilen gegen Bezahlung als Solidaritäts- und Finanzierungskampagne im Ukraine-Abwehrkrieg. Screenshot der Seite. Online unter: https://signmyrocket.com ; Zugriff: 21.08.2025.
    • Abb. 3: Beschriftung einer Bombe auf dem britischen Flugzeugträger HMS Furious am 3.4.1944 in Vorbereitung des Angriffs auf das deutsche Schlachtschiff Tirpitz. In: F. A. Hudson, Royal Navy officialphotographer/Wikmedia. Online unter: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:HMS_Furious_armourer_with_bomb_message_April_1944_IWM_A_22640.jpg ; Zugriff: 07.05.2026.
    • Abb. 4: Schleuderblei mit Text und Bild aus der Belagerung von Perusia 42/41 mit sexualisierter Beleidigung des Octavian. In: Zangemeister 1885, 58 Nr. 62 und Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, Corpus Inscriptionum Latinarum, glans 521. Online unter: https://nat.museum-digital.de/object/1802240 ; Zugriff: 07.05.2026.

    Zitiervorschlag

    Ulrike Ehmig und Friedemann Vogel (2026): Beschriftete Waffen. In: Diskursmonitor. Glossar zur strategischen Kommunikation in öffentlichen Diskursen. Hg. von der Forschungsgruppe Diskursmonitor und Diskursintervention. Veröffentlicht am 30.07.2026. Online unter: https://diskursmonitor.de/glossar/beschriftete-waffen.