DiskursGlossar

Sagbarkeit

Kategorie: Grundbegriffe
Verwandte Ausdrücke: Tabu, Sagbarkeitsgrenze
Siehe auch: Euphemismus, Cancel Culture, Meinungsfreiheit, Political Correctness, Sprachpolitik
Autor: Thomas Niehr
Version: 1.0 / Datum: 18.10.2022

Kurzzusammenfassung

Der Ausdruck Sagbarkeit lässt sich keiner wissenschaftlichen Disziplin eindeutig zuordnen. Zwar lassen sich Bezüge zur Diskurstheorie aufzeigen, doch wird der Ausdruck vor allem im öffentlichen Diskurs verwendet, allerdings meist in abgewandelter Form oder als Teil von Komposita (Wortzusammensetzungen). Wortbildungen mit -bar werden in der Bedeutung ,kann werden‘ verstanden: So kann etwas Denkbares gedacht, etwas Essbares gegessen, etwas Sagbares gesagt werden. Mit der verneinenden Vorsilbe un– in solchen Wortbildungen wird die Bedeutung ,kann nicht werden‘ ausgedrückt: Etwas Unzerstörbares kann nicht zerstört, etwas Unsichtbares nicht gesehen werden. Oft ist jedoch auch die Bedeutung ,darf/soll nicht werden‘ gemeint. Demnach ist etwas Unsagbares in erster Linie etwas, das nicht gesagt werden darf/soll (und weniger etwas, das nicht gesagt werden kann). Im öffentlichen Diskurs findet sich häufig die strategische Behauptung, dass bestimmte Fakten oder Meinungen unsagbar seien. Auf diese Weise wird zum Ausdruck gebracht, dass es Grenzen des Sagbaren gebe, die im öffentlichen Diskurs Geltung hätten. Typischerweise wird den jeweiligen politischen Gegner:innen vorgeworfen, diese Sagbarkeitsgrenzen errichtet zu haben bzw. zum eigenen Vorteil zu verteidigen. Sagbarkeitsgrenzen werden dann als Einschränkung der Meinungsfreiheit angesehen und somit als antidemokratisch gebrandmarkt, da sie relevante Gruppen von der öffentlichen Diskussion und damit von der politischen Gestaltung des Gemeinwesens ausschlössen.

Erweiterte Begriffsklärung

Das Konzept der Sagbarkeit spielt in der Diskurstheorie foucaultscher Prägung eine wichtige Rolle. Mit Diskursanalysen wird versucht, gesellschaftlich verbreitete Denk- und Handlungsmuster zu ergründen und in diesem Zusammenhang auch zu klären, inwieweit herrschende Diskurse Sagbarkeitsgrenzen errichten, den Akteuren also Beschränkungen auferlegen. Demnach wird nicht nur mittels, sondern auch von Diskursen Macht ausgeübt, indem diese vorgeben, was in einer Gesellschaft überhaupt (denk- und) sagbar ist. Diskurse regeln demzufolge das Sagbare, hegen es gleichsam ein. Dies geschieht nicht mittels expliziter Anweisungen, sondern in erster Linie implizit, so dass die Diskursakteur:innen die ihnen auferlegten Sagbarkeitsgrenzen meist gar nicht bemerken. Erst eine vertiefte Reflexion der gesellschaftlichen Konstruktion diskursiver Machtkonstellationen offenbart den großen Einfluss, den diskursive Konstellationen auf die kommunikativen Möglichkeiten der Diskursakteure ausüben (vgl. Niehr 2016: 118–122).

Eine analoge Vorstellung gründet auf Erkenntnissen der Textlinguistik. Hier geht man davon aus, dass die Produzent:innen mündlicher oder schriftlicher Texte sich üblicherweise an Mustern orientieren. Derartige Textmuster sind mehr oder minder etabliert, und die Orientierung an ihnen wird von Hörer:innen bzw. Leser:innen erwartet und als angemessen bewertet. Kompetente Textproduzent:innen wissen, dass zahlreiche Textsorten stark konventionalisiert sind. So ist es beispielsweise erwartbar, dass in einer Trauerrede in erster Linie auf die positiven Charaktereigenschaften und Verdienste der oder des Verstorbenen eingegangen wird und dass ihre oder seine weniger positiven Seiten nicht erwähnt werden. Das lateinische Sprichwort „de mortuis nil nisi bene“ (sinngemäß: „Über Verstorbene soll man nur Gutes reden“) bringt diese Konvention auf den Punkt. Derartige textuelle Erwartbarkeiten können nun im Hinblick auf Sagbarkeit negativ bewertet werden. Denn sie scheinen Textproduzent:innen die Möglichkeit zu nehmen, von Textmustern abzuweichen:

„Kommunikationsbereiche geben durch lokale Markierung und rituelle kommunikative Akte (z.B. Hörsaal, Schulzimmer, Gericht, Theater) Rahmenbedingungen für die Kommunikation vor. Werden diese Verhaltensmuster inkl. Textmuster nicht eingehalten, ist mit kommunikativen Störungen zu rechnen“ (Heinemann 2007: 165).

Um die im Zitat erwähnten kommunikativen Störungen und damit verbundene Nachteile zu vermeiden, sind Textproduzent:innen also gehalten, die Grenzen des Sagbaren nicht zu überschreiten.

Auch im öffentlichen Diskurs wird Sagbarkeit meist im Hinblick auf ihre Begrenzungen thematisiert. Es ist dann von Sagbarkeitsgrenzen die Rede, und zwar meist im Modus der Kritik. Es finden sich nur wenige Stimmen, die Sagbarkeitsgrenzen offensiv verteidigen. Dies dürfte damit zusammenhängen, dass Einschränkungen der Sagbarkeit – ähnlich wie Tabus – den Werten einer offenen, demokratisch verfassten Gesellschaft zu widersprechen scheinen. Sagbarkeitsgrenzen stehen damit auch scheinbar im Widerspruch zur grundgesetzlich garantierten Meinungsfreiheit. Wer mithin Sagbarkeitsgrenzen behauptet und kritisiert, scheint auf der ,richtigen‘ Seite zu stehen und die Werte einer demokratisch verfassten Gesellschaft zu verteidigen, die sich als offene Gesellschaft (Popper) versteht.

Ein differenzierteres Bild ergibt sich allerdings, wenn man Sagbarkeit und das ihr zugrunde liegende Konzept der Meinungsfreiheit genauer ergründet. Zu unterscheiden sind gesetzlich geregelte Bereiche mit Bezug zur Meinungsfreiheit und gesellschaftlich konventionalisierte Bereiche, die in erster Linie Sagbarkeiten betreffen.

  1. Meinungsfreiheit: Eine naive Interpretation von Meinungsfreiheit könnte das Konzept so auslegen, dass man – wie es der Wortlaut nahelegt – prinzipiell alles meinen dürfe und dass es darüber hinaus ein grundgesetzlich verankertes Recht gäbe, alle Meinungen öffentlich zu äußern. Denn im Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland (Art. 5, Abs. 1) heißt es bekanntlich:

    „Jeder hat das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und zu verbreiten und sich aus allgemein zugänglichen Quellen ungehindert zu unterrichten. Die Pressefreiheit und die Freiheit der Berichterstattung durch Rundfunk und Film werden gewährleistet. Eine Zensur findet nicht statt.“

    Aus dem Grundgesetz lässt sich allerdings keineswegs ableiten, dass man alles und jedes öffentlich frei äußern dürfe. Denn bereits im folgenden Absatz 2 des zitierten Grundgesetzartikels werden Einschränkungen geltend gemacht. Hier ist die Rede davon, dass die in Absatz 1 genannten Rechte beschränkt werden „in den Vorschriften der allgemeinen Gesetze, den gesetzlichen Bestimmungen zum Schutze der Jugend und in dem Recht der persönlichen Ehre“. Damit ist zumindest juristisch eindeutig geklärt, dass Sagbarkeit ihre Grenzen hat, dass es sehr wohl Unsagbares (im Sinne von ,nicht sagen dürfen‘) gibt. Dieses so verstandene Unsagbare ist tatsächlich etwas, das man bei Strafe nicht (öffentlich) sagen darf, wiewohl man es sagen könnte. Zu denken ist an Straftatbestände wie Beleidigung, Üble Nachrede oder die Leugnung des Holocausts. Letztere ist allerdings – das wird insbesondere von rechtsextremistischer Seite häufig ausgeblendet – keineswegs per se verboten. Vielmehr heißt es im Strafgesetzbuch § 130, Abs. 3, dass mit

    „Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren oder mit Geldstrafe […] bestraft [wird], wer eine unter der Herrschaft des Nationalsozialismus begangene Handlung der in § 6 Abs. 1 des Völkerstrafgesetzbuches bezeichneten Art [Völkermord, Th.N.] in einer Weise, die geeignet ist, den öffentlichen Frieden zu stören, öffentlich oder in einer Versammlung billigt, leugnet oder verharmlost“.

    Entscheidende Einschränkung ist hier also die Öffentlichkeit, in der die Leugnung, Billigung oder Verharmlosung vonstattengeht, und die mögliche Störung des öffentlichen Friedens. Anders ausgedrückt: Es ist keineswegs grundsätzlich verboten, nicht-öffentlich rassistisches und/oder rechtsextremistisches Gedankengut zu äußern oder den Holocaust zu leugnen.

     

  2. Sagbarkeit: Abgesehen von den skizzierten gesetzlichen Regelungen gibt es gesellschaftliche Konventionen, die die Grenzen des Sagbaren regeln. Auch umgangssprachlich ist dafür der Ausdruck Tabu etabliert. Tabus lassen sich grob in Kommunikationstabus (,Themen, über die man nicht sprechen darf‘) und Sprachtabus (,Themen, über die man nicht in einer bestimmten Weise sprechen darf‘) einteilen (vgl. Stefanowitsch 2021). Derartige Kommunikations- und Sprachtabus sind zwar größtenteils nicht strafbewehrt, aber mit ihnen werden ebenfalls Sagbarkeiten geregelt. Sie sind „kulturelle Sagbarkeitsgrenzen […] einer Gemeinschaft, die das soziale Zusammenleben ordnen und im Gegensatz zu Verboten internalisiert sind […]“ (Kuck 2021a: 150). Neben typischen zu meidenden Tabuthemen wie z.B. Sexualität oder Tod wird man also bestimmte Wörter oder Redeweisen je nach Kontext üblicherweise durch Euphemismen (vgl. Forster 2013) ersetzen (mit jemandem schlafen statt Sex haben oder gar ficken) (vgl. Keller 1987: 6); entschlafen statt sterben oder gar verrecken usw.). Schließlich gibt es auch Tabus, die eher in den Bereich der politischen Korrektheit fallen. So gilt es als unsagbar bzw. tabu, People of Color als Neger oder gar Nigger zu bezeichnen oder anzusprechen. Analog gilt inzwischen für einen großen Teil der Sprachgemeinschaft die Konvention, Sinti:zze und Roma:nja nicht als Zigeuner:innen zu bezeichnen. Ebenfalls ist es seit einigen Jahrzehnten üblich – ohne dass dies noch kontrovers diskutiert würde –, den Familienstand unverheirateter Frauen nicht sprachlich zu markieren und deshalb auf die Anrede Fräulein zu verzichten.

Gerade um diesen zweiten, gesellschaftlich konventionalisierten Bereich der Sagbarkeit werden z.T. erbitterte öffentliche Diskussionen geführt. Hier lassen sich – prototypisch vergröbernd – zwei Richtungen ausmachen. Vertreter:innen der ersten Richtung würdigen das Anliegen der Political Correctness positiv. Dabei wird betont, dass Sprachtabus – etwa zum Schutze von Minderheiten – durchaus ihre Berechtigung hätten. Eine antidiskriminierende Sprachkritik sei hilfreich dabei zu erkennen, „weshalb bestimmte Verwendungsweisen von Sprache als diskriminierend zu verstehen sind und wozu ihr Gebrauch aufseiten derjenigen, die sich als von ihm betroffen identifizieren, musterhaft führt“ (Klug 2020: 86). Von manchen Verfechter:innen einer so verstandenen Sprachkritik wird die Position vertreten, dass es diskriminierende Bezeichnungen gebe, die allein durch ihre Äußerung, unabhängig vom Kontext ein rassistisches Potenzial freisetzten. Selbst mit einer metakommunikativen Diskussion über derartige Ausdrücke würde Rassismus reproduziert. Deshalb seien Ausdrücke wie Neger oder Zigeuner unter allen Umständen zu vermeiden. Um eine Kommunikation über solche Ausdrücke dennoch zu ermöglichen, seien Umschreibungen wie N-Wort oder Z-Wort zu wählen. Auch Bezeichnungen wie Dschungel, Häuptling oder Indianer seien Ausdruck eines unseligen kolonialistischen Erbes und Indizien für eine rassistische Gesinnung. Aus diesem Grunde seien sie auch in der Kinderliteratur vollkommen fehl am Platz (vgl. Hahn/Laudenberg/Rösch 2015). Ebenfalls in diesem Zusammenhang ist die Forderung nach Umbenennung von Straßen oder Einrichtungen zu sehen (Lüderitzstraße, Ernst-Moritz-Arndt-Universität, Mohren-Apotheke).

Eine entgegengesetzte Sichtweise führt an, dass inzwischen ein beängstigendes und einschüchterndes Klima der Political Correctness herrsche, das es unmöglich mache, selbst banale Wahrheiten aussprechen, mithin die Dinge beim Namen zu nennen. Dieses Klima führe dazu, dass nicht nur bestimmte Ausdrücke tabuisiert worden seien. Vielmehr werde durch Political Correctness die grundgesetzlich garantierte Meinungsfreiheit eingeschränkt. Es würden Sagbarkeitsgrenzen errichtet und die Verwendung von Euphemismen eingefordert. Dies führe letztlich dazu, dass das Denken der Menschen in eine politisch erwünschte Richtung gelenkt werde und Sprache durch zahlreiche Umschreibungen (N-Wort, I-Wort, Hä-Wort etc.) unverständlich würde. Es herrsche inzwischen eine Cancel Culture, die in erster Linie dazu diene, missliebige Stimmen zum Schweigen zu bringen und abweichende Meinungen aus dem Diskurs auszuschließen.

Insbesondere auch die politische Rechte trägt in spezieller Weise zur Diskussion um Sagbarkeitsgrenzen bei. So hat sie sich die Ausweitung von Sagbarkeitsgrenzen auf die Fahne geschrieben und macht diese Ausweitung auch explizit immer wieder zum Thema (vgl. Niehr 2019). Dies geschieht u.a. dadurch, dass Vertreter:innen der politischen Rechten bewusst ambivalente Formulierungen gebrauchen (Höcke: Denkmal der Schande), scheinbar naiv die Verwendung historisch belasteter Vokabeln rechtfertigen (Petry: völkisch) und gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit sprachlichen Ausdruck verleihen (Weidel: Burkas, Kopftuchmädchen, alimentierte Messermänner und sonstige Taugenichtse).

Von Seiten einer linguistisch fundierten Sprachkritik wird die absolute Tabuisierung von Wörtern kritisiert. Diese Argumentation richtet sich allerdings nicht gegen das Anliegen antidiskriminierender Sprachkritik, den Gebrauch diskriminierender und rassistischer Ausdrücke zu vermeiden und sprachliche Alternativen aufzuzeigen. Vielmehr wird der Unterschied zwischen Gebrauch und Erwähnung von Wörtern betont und eingewendet, dass eine sprachreflexive Auseinandersetzung über kritikwürdige Ausdrücke unmöglich werde, wenn diese nicht einmal mehr metasprachlich zitierend verwendet werden können (vgl. Kuck 2021b). Deshalb seien absolute Wortverbote kontraproduktiv und führten zu der irrigen Vorstellung, dass mit Wortverboten das Problem diskriminierenden Sprachgebrauchs und rassistischer Einstellungen gelöst werden könnte (vgl. Smarzoch 2021; Niehr 2022: 162–165).

Beispiele

(1)

,Wer nicht lernt, bleibt unwissend. Wer zuviel isst, wird dick.‘ Solche Wahrheiten auszusprechen, gilt als politisch inkorrekt, ja als lieblos und eigentlich unmoralisch – zumindest aber ist es unklug, wenn man in politische Ämter gewählt werden möchte. […] Wie Mehltau hat sich politische Korrektheit über die Struktur- und Steuerungsfragen der Gesellschaft gelegt und erschwert sowohl die Analyse als auch die Therapie (Sarrazin 2010: 9–10).

Sarrazins überspitzte Darstellung, die er auf den ersten Seiten seines Buches präsentiert, dürfte in erster Linie der eigenen Viktimisierung dienen. Zwar beklagt er ein gesellschaftliches Klima, in dem es nicht möglich sei „solche Wahrheiten auszusprechen“. In seinem Buch geht er über derartige Trivialitäten aber weit hinaus, indem er früher gemachte abwertende Bezeichnungen für Migrantinnen (Kopftuchmädchen) rechtfertigt (vgl. ebd.: 437, Fußn. 103) und die gruppenbezogene Abwertung von Migrant:innen durch die Aneinanderreihung und eigenwillige Interpretation scheinbar objektiver Statistiken weitertreibt.

(2)

Wie hirnverbrannt muss eine gesamte Gesellschaft sein, wenn man Überlebenden und Angehörigen der in Auschwitz Ermordeten sagt, dass man den rassistisch-faschistischen Begriff des „Zigeuners“ nicht von der Speisekarte tilgen könne, weil das gottverdammte Paprikaschnitzel eine lange und nicht mehr zu ändernde Tradition darstelle. Alte weiße Männer, die in den vergangenen 1000 Jahren in keiner Epoche hätten leben können, in der nicht wiederum alte weiße Männer die Macht, den Wohlstand und das Sagen hatten, möchten nicht verstehen, dass Menschen, die sich tagtäglich als „Kümmeltürken“, „Ziegenficker“, „Kanaken“, „Zigeuner“ und „Neger“ bezeichnen lassen müssen, es nun endgültig satt sind ausgerechnet in einer Mohrenapotheke ihre Medikamente zu kaufen (Frankfurter Rundschau 2020).

In seinem Gastbeitrag für die Frankfurter Rundschau liefert der Journalist und Musiker Stephan Anpalagan starke Argumente für eine diskriminierungsarme Sprache. Sein Beitrag verdeutlicht gleichzeitig, dass die metasprachliche Verwendung von Wörtern, deren Gebrauch als problematisch angesehen werden muss, unverzichtbarer Bestandteil sprachreflexiver Überlegungen ist.

(3)

Im Namen von Gleichberechtigung und Antirassismus zwingen linke Aktivisten der Gesellschaft eine neue Ideologie auf. Wer sich verweigert, dem drohen Ächtung und Shitstorm. Das ist eine Gefahr für die Demokratie. […] Noch haben wir in Deutschland keine amerikanischen Verhältnisse. Dennoch: Die AfD ist in den neuen Bundesländern längst Volkspartei. Umfragen zeigen, dass sich Bürger sorgen, die Grenzen des Sagbaren würden sich verengen. Einige AfD-Wähler dürfte man kaum für die Demokratie zurückgewinnen, und es gibt Tabus, auch sprachliche, die zu Recht bestehen. Aber die Demokratie kann nicht dadurch geschützt werden, dass man den offenen Diskurs erstickt. Nicht jeder Maskengegner ist ein Wissenschaftsfeind. Nicht jeder ist transphob, der sagt, dass nur Frauen Kinder bekommen können. Nicht jeder ein Rassist, der an das Prinzip der Selbstverantwortung glaubt (Spiegel: 2022).

René Pfister warnt in seinem Beitrag u.a. vor allzu undifferenziertem Aktivismus, der von der festen Überzeugung getragen wird, in abweichenden Meinungen und Sprachgebräuchen immer gleich extreme, demokratiefeindliche oder gar rassistische Gesinnungen identifizieren zu können.

Literatur

Zum Weiterlesen

  • Dorenbeck, Nils (2020): Freiheit als Unfreiheit der Anderen. Anmerkungen zu einer totalitären Umdeutung von Meinungsfreiheit. In: Aptum. Zeitschrift für Sprachkritik und Sprachkultur. Themenheft: Corona. Essayistische Notizen zum Diskurs, S. 149–155.

  • Lobin, Henning (2021): Sprachkampf. Wie die Neue Rechte die Sprache instrumentalisiert. Berlin: Dudenverlag.

Zitierte Literatur

  • Forster, Iris (2013): Euphemismen im lebenslangen Lernen und politischen Handeln. In: Kilian, Jörg; Niehr, Thomas (Hg.): Politik als sprachlich gebundenes Wissen. Politische Sprache im lebenslangen Lernen und politischen Handeln. Bremen: Hempen, S. 107–118.
  • Frankfurter Rundschau (2022): Vom „Zigeunerschnitzel“ bis zur „Mohrenstraße“: Mit Rassismus muss gebrochen werden. Gastbeitrag von Stephan Anpalagan. Erschienen am 30.07.2020. Online unter: https://www.fr.de/meinung/gastbeitraege/rassismus-antisemitismus-zigeunerschnitzel-mohrenstrasse-mohrenapotheke-stephan-anpalagan-deutschland-90015380.html ; Zugriff 13.10.2022.
  • Hahn, Heidi; Laudenberg, Beate; Rösch, Heidi (Hg.)(2015): „Wörter raus!?“ Zur Debatte um eine diskriminierungsfreie Sprache im Kinderbuch. Weinheim: Beltz Juventa.
  • Heinemann, Margot (2007): Was ist ein guter Text? In: Burkhardt, Armin (Hg.)(2007): Was ist gutes Deutsch? Studien und Meinungen zum gepflegten Sprachgebrauch. Mannheim u.a.: Dudenverlag (Thema Deutsch, 8), S. 162–170.
  • Keller, Rudi (1987): Worttabu und Tabuwörter. In: Sprache und Literatur 18(2), S. 2–9. DOI: https://doi.org/10.30965/25890859-01802003.
  • Klug, Nina-Maria (2020): Wortkritik im Zeichen der Political Correctness und aktuelle Formen antidiskriminierender Wortkritik. In: Niehr, Thomas; Kilian, Jörg; Schiewe, Jürgen (Hg.): Handbuch Sprachkritik. Stuttgart: J.B. Metzler, S. 81–87.
  • Kuck, Kristin (2021a): Einleitung zu diesem Heft. In: Aptum. Zeitschrift für Sprachkritik und Sprachkultur 17(2) (Themenheft: Tabu-Diskurse), S. 147–154.
  • Kuck, Kristin (2021b): Warum uns ,das N-Wort‘ nicht weiterhilft. Unter: https://algf.ovgu.de/aktuell/newsleser/warum-uns-das-n-wort-nicht-weiterhilft.html ; Zugriff: 26.08.2022.
  • Niehr, Thomas (2016): Diskurs und Wissen. In: Schiewe, Jürgen (Hg.): Angemessenheit. Einsichten in Sprachgebräuche. Göttingen: Wallstein (Valerio, 18), S. 111–122.
  • Niehr, Thomas (2019): Sprache – Macht – Gewalt oder: Wie man die Grenzen des Sagbaren verschiebt. In: Sprachreport 3, S. 1–7. Online unter: https://pub.ids-mannheim.de/laufend/sprachreport/pdf/sr19-3.pdf. ; Zugriff 13.10.2022.
  • Niehr, Thomas (2022): Die Arbeitsgemeinschaft Sprache in der Politik – eine wissenschaftliche Instanz für die Öffentlichkeit? In: Roth, Kersten/Wengeler, Martin (Hg.): Diesseits und jenseits von Framing. Politikspracheforschung im medialen Diskurs. Hamburg: Buske (Sprache – Politik – Gesellschaft, 30), S. 157–171.
  • Sarrazin, Thilo (2010): Deutschland schafft sich ab. Wie wir unser Land aufs Spiel setzen. 2. Aufl. München: DVA, S.  9–10.
  • Smarzoch, Raphael (2021): Müssen bestimmte Wörter verboten werden? Christiane Kassama vs. Thomas Niehr (Streitgespräch im Deutschlandfunk). Online unter: https://www.deutschlandfunk.de/muessen-bestimmte-woerter-verboten-werden-christiane-kassama-vs-thomas-niehr-dlf-efcf9931-100.html ; Zugriff: 29.08.2022.
  • Spiegel (2022): Ein falsches Wort. Debattenbeitrag von René Pfister. Erschienen am 28.08.2022. Online unter: https://www.spiegel.de/ausland/debatte-ueber-woke-sprachregelungen-ein-falsches-wort-a-0bd6b7dd-c4e4-4ab7-a3d2-375ff673cfd0 ; Zugriff: 13.10.2022.
  • Stefanowitsch, Anatol (2021): „Politische Korrektheit“ und Tabu. In: Aptum. Zeitschrift für Sprachkritik und Sprachkultur 17(2) (Themenheft: Tabu-Diskurse), S. 192–211.

Zitiervorschlag

Niehr, Thomas (2022): Sagbarkeit. In: Diskursmonitor. Glossar zur strategischen Kommunikation in öffentlichen Diskursen. Hg. von der Forschungsgruppe Diskursmonitor und Diskursintervention. Veröffentlicht am 18.10.2022. Online unter: https://diskursmonitor.de/glossar/sagbarkeit.

DiskursGlossar

Grundbegriffe

Sprachpolitik / Sprachenpolitik

Sprachpolitik bezeichnet allgemein alle politischen Prozesse, die auf eine Beeinflussung der Sprachverwendung in einer Gesellschaft oder Sprachgemeinschaft abzielen. Unterschieden wird häufig zwischen Sprachenpolitik und Sprachpolitik im engeren Sinne.

Kulturelle Grammatik

Kulturelle Grammatik steht für ein System von Regeln und/oder etablierten Regelmäßigkeiten, die Formen richtiger und/oder normaler Kommunikation und Interaktion auszeichnen.

Epistemischer Status

Als epistemischen Status bezeichnet man die Wissensbestände und -zugänge zu Ereignissen, Sachverhalten und Personen, die Gesprächsteilnehmer*innen ihrem Gegenüber in der Interaktion zuschreiben.

Politische Kommunikation

Politische Kommunikation findet überall dort statt, wo Menschen als Teil von sozialen Gruppen mit unterschiedlichen Bedürfnissen und Interessen aufeinandertreffen und über das einzelne Individuum hinaus geltende Regeln des Zusammenlebens aushandeln.

Topos

Ein Topos (Plural: Topoi) ist als ein Argumentationsmuster ein allgemeines Formprinzip, nach dem Argumente gebildet werden können. Als allgemeiner, formaler bzw. kontextabstrakter Topos kann er für oder gegen jede in Frage stehende Position angeführt werden. Topoi gehören zum kollektiven Wissen aller, die sich argumentativ äußern.

Bedeutung

Der Ausdruck Bedeutung wird sowohl in der Alltagssprache als auch in der Fachsprache nicht einheitlich verwendet. Alltagssprachlich wird auf die Bedeutung von etwas – zum Beispiel einem Wort, Gegenstand oder Gesichtsausdruck – verwiesen, wenn dessen Status in der Welt unklar ist (‚was bedeutet es, dass X‘) oder seine Wichtigkeit hervorgehoben werden soll (‚X ist bedeutend‘).

Kollektivsymbol

Zur Kollektivsymbolik einer Kultur rechnet man den gesellschaftlich geteilten Vorrat an sprachlichen, bildlichen, schematischen und anderen Ressourcen, derer sich politische und mediale Akteure bedienen, um Ereignisse und Handlungen für die Allgemeinheit deutbar und verständlich zu machen.

Strategische Kommunikation

Der Ausdruck Strategische Kommunikation bezeichnet ein Bündel an zeichenbasierten und in der Regel mediengestützten Aktivitäten, mit denen Individuen, Gruppen oder Organisationen versuchen, die Akzeptanz für ihre politischen, ökonomischen, rechtlichen oder anderweitig motivierten Interessen bei ausgewählten Zielgruppen zu halten oder zu erhöhen.

Korpus

In den Sprach- als auch Literaturwissenschaften versteht man unter Korpora ganz allgemein Textsammlungen.

Techniken

Petition

Petitionen sind eine der am meisten genutzten Partizipationsformen nach Wahlen. Sie sind sowohl ein Mittel der politischen Beteiligung als auch ein Protestmittel und damit Zwitterwesen in der politischen Landschaft. Durch die Digitalisierung haben sich Petitionen zudem maßgeblich verändert, ihre Zahl hat zugenommen, ebenso wie die Zahl der Plattformen, auf denen sich Petitionen starten lassen.

Influencer / Influencerin

Influencer:innen sind Personen, die auf Social-Media-Plattformen regelmäßig selbst produzierte Inhalte publizieren und damit eine öffentliche Reichweite über ihre Follower:innen aufbauen. Influencer:innen haben das Potenzial, Rezipient:innen in ihrem Wissen, Einstellungen und Verhalten zu beeinflussen (engl. to influence).

Litigation PR

Der Begriff Litigation PR kombiniert das englische Wort litigation, das auf lat. ,lītigātiō‘ zurückgeht und für Rechtsstreitigkeit bzw. (Gerichts )Verfahren/Prozess steht, mit dem bekannten Begriff PR (Public Relations).

Memes

Der Begriff des Internet-Memes fasst eine relativ heterogene Gruppe digitaler – und zumeist multimodaler – Texte zusammen (zum Beispiel Videos, GIFs, Image Macros), die sich durch formale oder inhaltliche Gemeinsamkeiten auszeichnen und durch Imitations- und Aneignungsprozesse verbreiten.

Aufwertung/Meliorisierung

Von Aufwertung/Meliorisierung wird in der Linguistik dann gesprochen, wenn ein Wort, das ursprünglich als Fremdbezeichnung der Diffamierung einer bestimmten Volks- oder Personengruppe diente, von dieser selbst dann als positive Eigenbezeichnung verwendet wird.

Domain-Grabbing

In der Internetkommunikation finden sich verschiedene Praktiken, die aus Sicht von Dritten (v.a. Markenhaltern) als illegitime oder gar rechtswidrige Inanspruchnahme von Domain-Namen und damit verbundener Aufmerksamkeitssteuerung kritisiert werden.

Suchmaschinenoptimierung

Durch Suchmaschinenoptimierung (search engine optimization; SEO) wird versucht, Webseiten so zu verändern, dass sie von Suchmaschinen als besonders relevant betrachtet und entsprechend hoch in den Suchergebnissen gelistet werden.

Search Engine Advertising

Als Search Engine Advertising wird die Werbung auf den Ergebnisseiten von Suchmaschinen bezeichnet. Besondere Merkmale dieser Werbeform sind, dass die Anzeigen kontextbasiert sind und in Textform dargestellt werden.

Organizing

Unter Organizing versteht man ein Bündel von Praktiken, die zur gewerkschaftlichen oder politischen Organisierung bzw. Mobilisierung dienen. Beim methodisch reflektierten Organizing spielen Recherche, Strategieentwicklung, mehr oder minder standardisierte 1:1-Gespräche, Mapping (Erstellung einer Übersicht der Beteiligten im Betrieb oder sonstigen Aktionsfeld) und einiges mehr eine Rolle.

Affirmation

Im sprachwissenschaftlichen Sinne bezeichnet Affirmation die Behauptung oder Bejahung einer Aussage. Die affirmative Form eines Wortes oder Satzes ist das Gegenteil zur Verneinung (Negation).

Schlagwörter

Antisemitismus

Mit Antisemitismus werden gemeinhin alle jene Phänomene bezeichnet, die sich gegen das Judentum oder gegen Jüdinnen*Juden als Jüdinnen*Juden richten. Die entsprechenden Erscheinungen reichen von der bloßen Distanzierung und Behauptung jüdischer Andersartigkeit, über vollständig ausgearbeitete Weltbilder, die Jüdinnen*Juden für sämtliche Probleme verantwortlich machen, bis hin zu massiven Ausgrenzungs-, Verfolgungs- und Gewaltpraktiken.

Grammatiknazi / Grammar Nazi

Das überwiegend negativ konnotierte Schlagwort Grammatiknazi – als Übersetzung von engl. grammar nazi – wird zur Benennung von Personen verwendet, die meist in eher informellen Kontexten der öffentlichen Internetkommunikation (u. a. in Foren, Kommentarbereichen auf Nachrichtenportalen, sozialen Netzwerken) ungefragt Sprachkritik an den Äußerungen anderer (häufig fremder) Kommunikationsteilnehmer*innen üben.

Respekt

Respekt oder respektvolles Verhalten wird eingefordert für die Eigengruppe (bzw. von der Eigengruppe), für wirklich oder vermeintlich diskriminierte Gruppen, für abweichende Meinungen. Mitgemeint ist bei der Forderung nach Respekt meist eine positiv bewertete Szene der (sozialen, kulturellen, ethnischen, sexuellen etc.) Vielfalt/Diversität.

Geschlechtergerechte Sprache

Mit dem heute als Fahnenwort gebrauchten Ausdruck geschlechtergerechte Sprache ist die Forderung verbunden, bei Personenbezeichnungen die einseitige, für diskriminierend erklärte Bezugnahme auf einen bestimmten Sexus, konkret: auf das männliche Geschlecht, zu unterlassen.

Identitätspolitik

Der Ausdruck steht heute für eine politische Konstellation, in der konkurrierende Wir-Gemeinschaften mit einer Diskriminierungs- und Benachteiligungsgeschichte in der Öffentlichkeit um Anerkennung konkurrieren. An der Oberfläche geht es ‚identitären‘ Wir-Gemeinschaften darum, die eigene Diskriminierung als Ermächtigungsmotiv an die Öffentlichkeit zu tragen.

Cancel Culture

Cancel Culture ist ein Kampf- und Stigmawort, das sich in skandalisierender Absicht gegen die Praxis (und oft auch bereits gegen die Forderung) des Absagens, Ausladens, Boykottierens moralisch missliebiger und politisch bekämpfter Personen, Organisationen und Positionen in Wissenschaft, Kultur und Politik wendet.

Elite

Einmal wird unter Elite eine Auswahl der Besten und Leistungsfähigsten verstanden, einmal in distanzierender Weise eine abgehobene ‚Kaste‘ der Reichen und Mächtigen im Gegensatz zum Volk. Erstere Variante wird in der Regel zur Verteidigung der etablierten Ordnung verwendet, letztere vor allem von Rechtspopulisten.

Altpartei

Der Ausdruck Altpartei wird in jüngerer Zeit häufig im Kontext des Aufstiegs des Rechtspopulismus und der AfD gebraucht. Dabei lassen sich hauptsächlich zwei Gebrauchsvarianten beobachten: Einerseits richtet sich der Ausdruck in abwertender Weise gegen etablierte Parteien, andererseits taucht er oft in sprachkritischen Kontexten auf, wo seine Verwendung und seine Sprecher kritisiert oder diskreditiert werden.

Verschwörungstheorie

Der Ausdruck gibt sich in der medialen Öffentlichkeit als analytisches Konzept, ist aber zugleich performativ hoch wirksam als Ausschluss aller erfolgreich so benannten Konzepte aus der rationalen öffentlichen Kommunikation.

Inklusion

Inklusion hat sich, ausgehend von einem soziologischen Fachterminus gleichen Namens, in den zwei vergangenen Jahrzehnten zu einem interdiskursiven und allgemeinen Programmbegriff gewandelt.

Verschiebungen

Ökonomisierung

Ökonomisierung wird in gegenwärtigen Diskursen in der Regel zur Bezeichnung von Prozessen verwendet, in denen die spezifisch wirtschaftlichen Funktions-Elemente wie Markt, Wettbewerb/Konkurrenz, Kosten-Nutzen-Kalküle, Effizienz, Gewinnorientierung in Bereiche übertragen werden, die zuvor teilweise oder ganz nach anderen Leitkriterien ausgerichtet waren

Moralisierung

Moralisierung verlagert Macht- und Interessenkonflikte in die Sphäre der Kommunikation von Achtung / Missachtung. Sie reduziert Ambivalenz zugunsten einer Polarisierung von gut und böse.

Konstellationen

Skandal

Die Diskurskonstellation des Skandals zeichnet sich durch eine in den Medien aufgegriffene (bzw. durch sie erst hervorgerufene) empörte Reaktion eines erheblichen Teils der Bevölkerung auf einen tatsächlichen oder vermeintlichen Missstand aus. Die schuldhafte Verursachung dieses Missstandes wird dabei einem gesellschaftlichen Akteur zugeschrieben, dessen Handeln als ‚unmoralisch‘ gedeutet wird.

DiskursReview

Review-Artikel

Satzsemantik von Vorhersage und Nutzen-Risiko-Abwägung: Die STIKO-Impfempfehlung für 12- bis 17-Jährige vom 18. August 2021

“Die Forschung muss… sich in die Lage versetzen, die politischen Implikationen, die sie hat, anzunehmen und auszuforschen, um nicht beim ersten Knall der Peitsche durch alle ihr vorgehaltenen Reifen zu springen. Diese Integrität kann die Wissenschaft gerade dadurch unter Beweis stellen, dass sie dem herrschenden Druck, praktische Tabus in theoretische umzuwandeln, widersteht” (Beck 1986, 283)

Review-Rückblick

In dieser Rubrik veröffentlichen wir in unregelmäßigen Abständen kurze Notizen zu Ereignissen oder Phänomenen, die in den vergangenen Wochen in der strategischen und öffentlichen Kommunikation zu beobachten waren. Die Texte kommentieren subjektiv, unsystematisch, teils widersprüchlich und hoffentlich pointiert. Sie erheben keinen Anspruch auf Wissenschaftlichkeit, beobachten ihren Gegenstand aber von einer diskursanalytischen und -interventionistischen Position aus und sollen zum Widerspruch einladen. Sie repräsentieren nicht die Position der Redaktion des Diskursmonitors, sondern ihrer jeweiligen Autorinnen und Autoren.

Rasse, Rassismus

1) Zu Beginn drei exemplarische Medienereignisse aus der jüngsten Vergangenheit, in denen es um den Komplex Rasse, Rassismus ging…

Freund-Feind-Begriffe: Zum diskurssemantischen Feld soziopolitischer Kollektivierung

Mit jeder sprachlichen Äußerung (und das schließt das Nicht-Äußern mit ein) positioniert sich der Sprecher oder Schreiber sowohl innerhalb eines von ihm intersubjektiv (re)konstruierten als auch eines objektiven (d.h. objektivierbaren) diskursiven Raum sozialer Gruppen. Möglich ist dies nur aufgrund der sozialsymbolischen (indexikalischen) Bedeutung kommunikativer Zeichen im Bühlerschen Sinne…

PR, Punk oder Provinz: Wie Corona-Forschung die Öffentlichkeit (nicht) erregt.

Jeden Tag erreichen uns neue Nachrichten, neue Zahlen, neue Grafiken zur laufenden Corona-Pandemie. Wer erinnert sich da noch daran, was vor zwei oder drei Monaten oder vor einer Woche öffentlich diskutiert wurde? Vielleicht sind nur zwei Debatten wirklich in unserem öffentlichen Gedächtnis hängen geblieben, unter anderem, weil sie es zu eigenen Twitter-Hashtags gebracht haben: #HeinsbergProtokoll und #IchHabeBesseresZuTun…