DiskursGlossar

Brückentechnologie

Kategorie: Schlagwörter
Siehe auch: Diskurs, Narrativ, Erzählen, Metapher, Schlagwort, Greenwashing
Autorin: Dorothee Meer
Version: 1.0 / Datum: 03.01.2026

Kurzzusammenfassung

Ganz allgemein wird unter dem Schlagwort der Brückentechnologie sowohl in den öffentlichen Medien als auch in technisch und wirtschaftlich dominierten Kontexten eine Technologie verstanden, die zeitlich befristet eingesetzt werden soll, bevor in Zukunft der Übergang zu einer als sinnvoller eingeschätzten anderen Technologie möglich ist. In der jüngeren Vergangenheit und Gegenwart wird das Schlagwort vor allem genutzt, um den Einsatz bzw. die Nutzung fossiler und atomarer Energiequellen für eine ‚Übergangszeit‘ (als eine metaphorische ‚Brücke‘ in eine bessere Zukunft) zu akzeptieren, bevor ‚hinreichend ausgereifte‘ bezogen auf die Folgelasten ungefährlichere Technologien oder Praktiken zur Verfügung stehen.

Auch wenn das Schlagwort vor allem in gesellschaftlichen Teilbereichen genutzt wird, in denen es um technologische Veränderungen geht, so kommt ihm in den letzten Jahren in den Nachrichtenmedien vor allem im Bereich der Transformation der Energiepolitik eine besondere Bedeutung hinsichtlich des Übergangs von fossilen zu klimaneutralen Praktiken zu. Aus diskursanalytischer Sicht ist dabei zu beachten, dass mit diesem Schlagwort auf ein Narrativ Bezug genommen wird, dessen bildlich leicht nachvollziehbarer Kern die Metapher der Brücke bildet. So wird mit dem Narrativ der Brückentechnologie die Annahme in den Mittelpunkt gestellt, dass es sich bei der geplanten ‚Brücke‘ um eine ‚Übergangslösung‘ handelt. Aus kritischer Sicht ist an dieser Stelle mehrfach betont worden, dass die Gefahr besteht, dass der behauptete Übergangs- oder Brückenzustand ‚auf Dauer gestellt‘ wird. Wirtschaftswissenschaftler*innen und Techniker*innen sprechen in solchen Fällen von Lock-In-Effekten, die sich daraus ergeben, dass eine bestehende industrielle Infrastruktur, die materiell, gedanklich und diskursiv mit (teils erheblichen) finanziellem Aufwand eingeführt worden ist, in der Regel nicht zeitnah wieder abgebaut wird (vgl. dazu die Diskussionen um den Braun-/Kohleausstieg).

Die sich damit andeutende Ambivalenz hinsichtlich der Bewertung des Narrativs der Brückentechnologie hat dazu geführt, dass das Schlagwort der Brückentechnologie je nach Position des jeweiligen Akteurs bzw. der jeweiligen Akteurin positiv oder negativ bewertet werden kann.

Erweiterte Begriffsklärung

Das Konzept der Brückentechnologie wird in Deutschland seit mehreren Jahrzehnten vor allem im Zusammenhang mit Fragen des Übergangs von fossilen, teils auch von atomaren Formen der Energieerzeugung zu ökologisch nachhaltigeren bzw. klimaneutralen Technologien genutzt. Es verspricht in solchen Zusammenhängen in seiner positiv bewerteten Version, dass es sich um eine Technologie handelt, die eine Übergangsphase erleichtern bzw. ‚überbrücken‘ soll, indem sie bestehende industriell-fossile Systeme noch eine Weile unterstützt, während gleichzeitig an besseren, nicht fossilen bzw. nicht atomaren Alternativen gearbeitet wird. Diese Vorstellung findet sich in Deutschland vereinzelt seit den 1970er Jahren im Zusammenhang mit politischen Entscheidungsprozessen im Energiesektor (vgl. Kemfert et al. 2022). Aller Wahrscheinlichkeit nach erlangte das Konzept seine erste gesellschaftliche Verbreitung in der Zeit der Ölkrise 1973, während der unter anderem die Atomkraft als Brückentechnologie begriffen wurde. Die Bindung an den Energiesektor blieb auch in den 2010er Jahren im Zusammenhang mit der Zurückweisung des Ausbaus der erneuerbaren Energiequellen und der Rolle der Atomkraft erhalten. Ebenfalls spielte das Schlagwort im Zusammenhang mit Diskussionen um die Wasserstoffmobilität (siehe Kaiser/Zimmer 2013) und die Nutzung von Biokraftstoffen im Verkehr eine Rolle. Gegenwärtig wird das Narrativ der Brückentechnologie allerdings vorrangig im Zusammenhang mit Fragen der Transformation der Energiepolitik beim Übergang von fossilen zu klimaneutralen Energieträgern genutzt. Diese Annahmen werden hinsichtlich der Nutzung des Schlagworts der Brückentechnologie auch durch die DWDS-Häufigkeitskurve in Abbildung 1 unterstrichen:

Abb. 1: DWDS-Verlaufskurve für Brückentechnologie.

Aus diskursanalytischer Perspektive besitzt die Metapher der Brücke als Kern des entsprechenden ‚Narrativs der Brückentechnologie‘ aufgrund seiner einfach nachvollziehbaren und im Kern positiv bewerteten Bildlichkeit alle Voraussetzungen, um ins kollektive Gedächtnis übernommen zu werden. Über den metaphorischen Gebrauch des Lexems ‚Brücke‘, die zwei unterschiedliche Bereiche (‚Ufer‘, ‚Tal- oder Flussseiten‘, ‚Küsten‘) verbindet, ist es leicht möglich, technisch und energiepolitisch hoch komplexe Transformationsprozesse als beherrschbar darzustellen und sie argumentativ zu plausibilisieren. So legte das Narrativ der Brückentechnologie bspw. in den Jahren 2022 und 2023 der deutschen Öffentlichkeit im Zusammenhang mit dem Bau von Flüssiggasterminals für die Anlandung und Nutzung von LNG (Liquified Natural Gas, auf -164 Grad heruntergekühltes fossiles Gas) an den deutschen Nord- und Ostseeküsten nahe, dass der Ausbau einer LNG-Infrastruktur in Deutschland sowohl eine ‚Brücke‘ zur Überwindung der durch den russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine entstandenen energiepolitischen Probleme darstelle, als auch gleichzeitig ‚nur‘ ein Übergangszustand (metaphorisch: eine Brücke) auf dem Weg zu einer klimaneutralen Wasserstoffwirtschaft sei. Diese Argumentation war strukturell nicht neu, da es bereits in den 2010er Jahren eine strategisch ähnliche Argumentationsrichtung gab, mit der Erdgas als vergleichsweise ‚sauberer‘ Energieträger und „bridge fuel“ ein Gegenkonzept zu ‚schmutziger‘ Kohle bildete (siehe Brown et al. 2009; Podesta/Wirth 2009).

Diese Lesart der Brückenmetapher bildete die Grundlage dafür, dass die Metapher zu einem Narrativ weiterentwickelt werden konnte. So verspricht das Narrativ der Brückentechnologie im aktuellen Gebrauch, dass vor dem Hintergrund einer fossilen Vergangenheit durch den Einsatz von Flüssiggas (LNG) in der Gegenwart eine klimaneutrale Zukunft erreicht werden wird. Die Glaubwürdigkeit einer so konzipierten Handlungsentwicklung wird dabei dadurch zu erreichen versucht, dass die Metapher der Brücke die Gegensatzpaare ‚russisch-autokratische Werte‘ versus ‚westlich demokratische Werte‘ ebenso wie das Gegensatzpaar ‚fossil‘ versus ‚klimaneutral‘ zu ‚überwinden‘ (zu ‚überbrücken‘) verspricht. Das Narrativ erfüllt alle Merkmale eines Narrativs (vgl. Meer 2025) und ist im medialen Diskurs inzwischen so verfestigt, dass es auch unabhängig von der expliziten Erwähnung des Schlagworts der Brückentechnologie konzeptionell genutzt wird.

Allerdings fällt die diskursive Wertung, die mit diesem Narrativ verknüpft wird, je nach der Gruppe der Akteur*innen, die sich darauf bezieht, konträr aus: Während Vertreter*innen der Gas-Lobby die Tragfähigkeit des Narrativs in seiner zukunftsweisenden Interpretation sowohl für alternativlos als auch für in der Sache abgesichert halten (siehe dazu exemplarisch die Schlagwortsuche Brückentechnologie auf den Seiten des Deutschen Vereins des Gas- und Wasserfaches e.V. (DVGW) oder des Bundesverbands der Energie- und Wasserwirtschaft e. V. (BDEW)), widersprechen Sprecher*innen(-Gruppen) aus dem Nachhaltigkeitsbereich diesen Annahmen vehement (vgl. Hischhausen et al. 2020; Scientists for Future 2021). Damit wird einerseits deutlich, dass das Schlagwort der Brückentechnologie diskursiv und politisch stark umkämpft ist, zum anderen lässt sich aber auch feststellen, dass Gegner*innen des Narrativs es nur benutzen, um es in der lexikalischen (z. B. über das Kompositum Risiko-Brückentechnologie) oder inhaltlichen Kommentierung zurückzuweisen.

Die diskursanalytische Relevanz dieser Überlegungen stellen Coro Blauert et al. (2025) in einer Studie zum Wasserstoffnarrativ heraus, in der sie zu dem Ergebnis kommen, dass das seit dem Beginn der Europäischen Wasserstoffwirtschaft ökonomisch, politisch und medial massiv genutzte Wasserstoffnarrativ eng mit dem Narrativ von LNG als Brückentechnologie verknüpft worden ist. Dabei bestehe die diskursiv nachweisbare Gefahr der Aufgabenteilung zwischen diesen beiden Narrativen darin, dass mittels der Idee von LNG als Brückentechnologie diskursiv eine Bifurkation (Zweiteilung, Gabelung) des Energiediskurses vorgenommen wurde, mit der politisch offenbleibt, wie lange die Übergangszeit der Nutzung von LNG als Brückentechnologie sein wird. In diesem Zusammenhang deute eine Vielzahl von konkreten politischen Äußerungen (neben abgeschlossenen Verträgen über Gaslieferungen) auf die Gefahr hin, dass es auf Dauer zu einer parallelen Existenz fossiler und klimaneutraler Praktiken kommen könnte. Sollte dies geschehen, so käme sowohl dem Wasserstoffnarrativ als auch dem Narrativ der Brückentechnologie in Anbetracht der auf Geschwindigkeit angewiesenen Maßnahmen gegen einen weiteren Anstieg von CO2-Werten (vgl. Burke et al. 2018) eine reine Legitimationsfunktion für die Beibehaltung der Nutzung fossiler Ressourcen und Produktionsmethoden zu.

Beispiele

Aufbauend auf das zum Narrativ von LNG als Brückentechnologie Gesagte soll zunächst ein Zitat aus der FAZ betrachtet werden. Das Zitat referiert auf eine Auseinandersetzung zwischen der Bundesregierung mit der EU-Kommission in den Jahren 2021/2022. Dabei ging es um eine von der EU angestrebte Taxonomie, in deren Rahmen Investitionen in Finanzprodukte im Bereich von Atomkraft und Gas als nachhaltig gelten sollten. Im Rahmen des Aushandlungsprozesses um diese Taxonomie kam es zu Auseinandersetzungen mit der Bundesregierung. Dazu heißt es in der FAZ vom 4. Januar 2022 unter der Überschrift Berlin will Konflikt mit Brüssel vermeiden:

Dem Vernehmen nach hatten sich Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD), Finanzminister Christian Lindner (FDP) und Wirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) schon auf die gemeinsame Linie geeinigt, nachdem sich abgezeichnet hatte, dass die EU-Kommission Investitionen in Atom- und in Gaskraftwerke unter bestimmten Voraussetzungen als nachhaltig einstufen will. Zwar ist die Ampelkoalition strikt gegen die Kernkraftnutzung, sieht allerdings in Gaskraftwerken eine Brückentechnologie. Auch aus Rücksicht auf den Wahlkampf in Frankreich und den auf Europa setzenden Präsidenten Emmanuel Macron will Berlin den Vorschlag nicht ablehnen.

Zum einen wird im vorhergehenden Zitat die diskursive Konstruktionsleistung und der Verhandlungscharakter des Narrativs und seine strategische Funktion in politischen Zusammenhängen deutlich. Die Idee, es handele sich bei Gaskraftwerken um eine Brückentechnologie, wird nicht etwa technisch begründet, sondern als das Ergebnis konsensueller Absprachen innerhalb der bundesdeutschen Regierung und Europa dargestellt. Gleichzeitig wird der behauptete Charakter von Flüssiggas (LNG) als Brückentechnologie auf dem Weg zur Klimaneutralität dadurch unterstrichen, dass es mit der zur Diskussion stehenden Taxonomie um Investitionen geht, die als nachhaltig eingestuft werden sollen. 

Ein ebenfalls auf Fragen der Nachhaltigkeit bezogenes Zitat findet sich in der WAZ vom 06. Oktober 2022, in der die Energiestrategie der Bundesregierung im Jahr 2022 wie folgt kommentiert wird:

Zwischen der immer noch sehr fossilen Gegenwart und der klimaneutralen Zukunft im Stromsystem klafft ein großer Graben. Erdgas sollte über den eine Brücke schlagen. Denn anders als Energie aus Sonne und Wind lässt sich die Produktion von Strom aus Gas beliebig steuern und kann auch in Dunkelflauten zuverlässig Energie liefern. Neue Gaskraftwerke sollten deshalb in den kommenden Jahren vermehrt Kohlekraftwerke ersetzen. `Unverzichtbar´ sei Gas für eine Übergangszeit, hielt die Ampel in ihrem Koalitionsvertrag fest. (Martus/Rothe 2022)

Hier fällt zwar der Ausdruck Brückentechnologie nicht explizit, aber mit der Formulierung eine Brücke schlagen wird narrativ dennoch auf das Konzept der Brückentechnologie Bezug genommen. So wird argumentiert, dass die fossile Ressource Erdgas in der Lage sei, eine drohende Versorgungslücke (den Graben zwischen der fossilen Gegenwart und einer klimaneutralen Zukunft) im Bereich der Stromversorgung zu überwinden. Diese behauptete Handlungsentwicklung erlaubt es, durch die Nutzung der Metapher der Brücke den handlungsauslösenden Gegensatz zwischen den offensichtlichen Problemen fossiler Energieträger und den noch nicht gelösten (Speicher-)Problemen klimaneutraler Energieträger metaphorisch zu überwinden. Argumentativ implizit reagiert dieses Narrativ dabei auf die durchaus strittige Annahme, dass fossiles Gas verglichen mit fossiler Kohle der ‚bessere‘ Rohstoff sei (vgl. im Gegensatz dazu die Einschätzungen von Brown et al. 2009, Hirschhausen et al. 2020; Kemfert et al. 2022; Podesta/Wirth 2009).

Insgesamt seltener als der positive Gebrauch des Schlagworts finden sich in den hegemonialen Medien Hinweise auf Gegenpositionen zum Narrativ der Brückentechnologie, wie etwa in der TAZ vom 10. Januar 2022 unter der Überschrift Eine komplizierte toxische Beziehung. Dort heißt es unmittelbar zu Beginn des Beitrags:

Energiewende und Erdgas führen eine toxische Beziehung, die enden muss – obwohl der fossile Energieträger oft als Brückentechnologie bezeichnet wird. Schließlich verursacht er Treibhausgas-Emissionen. Es ist faktisch falsch zu behaupten, dass Gas nachhaltig sei. Trotzdem wird die EU wohl bald genau das offiziell tun. Geld für Gaskraftwerke – und für Atomanlagen – sollen unter Auflagen übergangsweise als grüne Investition gelten. Das sehen die Pläne der EU für die sogenannte Taxonomie vor. Damit soll ein europäisches Ökosiegel für grüne Finanzinvestments geschaffen werden.

Der Vergleich der bisherigen Zitate unterstreicht die Tatsache, dass das Narrativ der Brückentechnologie offensichtlich in der Wertung ambivalent ist, das heißt sowohl positiv wie auch negativ bewertet werden kann. Kern der jeweiligen diskursiven Wertung ist hierbei kontinuierlich die Frage, ob fossile Techniken als ‚Brücke‘, als ‚Übergang‘ oder für eine ‚Übergangszeit‘ geeignet sind, das Oppositionspaar ‚fossil‘ versus ‚klimaneutral‘ zugunsten der Klimaneutralität metaphorisch aufzulösen. Dabei geht es an der Oberfläche zwar um Fragen der diskursiven Wertung, im Kern verweist die diskursive Positionierung aber auf materielle Praktiken und deren Konsequenzen. 

Auf diesen Zusammenhang bezieht sich die Äußerung des Klimatologen und Wetterexperten, Sven Plöger, im folgenden Auszug aus einem Interview hin. So formuliert Plöger im Zusammenhang mit der geplanten Umstellung der Energieversorgung auf Gas(kraftwerke) am 14.12.2022 unter dem Titel Brückentechnologie ist für mich ein gefährliches Wort die folgende Einschätzung:

Brückentechnologie ist für mich ein gefährliches Wort. Damit kann man das Gegenteil von dem tun, was man vorgibt. Seit zig Jahren spricht die Politik zu Recht von der Bedeutung der Erneuerbaren. Aber gleichzeitig wurde vor dem schrecklichen Krieg gegen die Ukraine Nord Stream 2 als wesentlicher Pfeiler unserer Energieversorgung gebaut – ein teures technisches Bauwerk, dessen Bau Jahre gedauert hat und das man daher sicher nicht nur für ein paar Wochen verwenden wollte. Meine Frage war immer: Wie lang, also zeitlich gesehen, soll diese Brücke denn sein? Vermeintlich billiges russisches Gas, das sich nun als teurer Irrweg erweist, hat uns alle Risiken ausblenden lassen. Wir müssen konstatieren: A sagen, B machen und am Ende über die Situation staunen, in der man steckt, ist kein sinnvoller Weg. (KÖLNALUMNI 2022)

 

Literatur

Zum Weiterlesen

  • Coro Blauert, Laura et al. (2025): „Besser Gas aus dem Westen als aus dem Osten. Kanada ist ein sympathischer Lieferant“ – Zur Verknüpfung des Topos der geteilten Werte mit aktuellen Narrativen des Energiedispositivs. Eine kleine empirische Studie. In: Zeitschrift für Angewandte Linguistik (ZfAL), Jg. 2025, Heft 82, S. 1–29.
  • Meer, Dorothee; Wessel, Barbara (2024): WASSERSTOFF ist der neue Aluhut – Ansatzpunkte für Gegenentwürfe zur hegemonialen Wasserstoffstrategie auf Twitter. In: Aptum, Jg. 2024, Heft 3, S. 313–330.

Zitierte Literatur und Belege

Abbildungsverzeichnis

Zitiervorschlag

Meer, Dorothee (2025): Brückentechnologie. In: Diskursmonitor. Glossar zur strategischen Kommunikation in öffentlichen Diskursen. Hg. von der Forschungsgruppe Diskursmonitor und Diskursintervention. Veröffentlicht am 03.01.2026. Online unter: https://diskursmonitor.de/glossar/brueckentechnologie.

DiskursGlossar

Grundbegriffe

Diskurssemantische Verschiebung

Mit dem Begriff der diskurssemantischen Verschiebung wird in der Diskursforschung ein Wandel in der öffentlichen Sprache und Kommunikation verstanden, der auf mittel- oder län-gerfristige Veränderung des Denkens, Handelns und/oder Fühlens größerer Gesellschafts-gruppen hinweist.

Domäne

Der Begriff der Domäne ist aus der soziologisch orientierten Sprachforschung in die Diskursforschung übernommen worden. Hier wird der Begriff dafür verwendet, um Muster im Sprachgebrauch und kollektiven Denken von sozialen Gruppen nach situationsübergreifenden Tätigkeitsbereichen zu sortieren.

Positionieren

Positionieren ist Grundbestandteil menschlicher Kommunikation. Wann immer wir miteinander interagieren und kommunizieren, bringen wir uns selbst, andere und die Objekte, über die wir sprechen, in bestimmte Relationen zueinander.

Deutungsmuster

Unter einem Deutungsmuster wird die problem- und lösungsbezogene Interpretation gesellschaftlicher und politischer Tatbestände verstanden, die Aussicht auf Akzeptanz in sozialen Gruppen hat. Der Begriff des Deutungsmusters hat Ähnlichkeit mit den Begriffen der Theorie und Ideologie. Meist werden gesellschaftlich verbreitete Leitdeutungen, die oft mit Schlagwörtern und Argumentationsmustern einhergehen (wie Globalisierung, Kapitalismus, Leistungsgesellschaft, Chancengleichheit etc.) als Beispiele für Deutungsmuster genannt.

Sinnformel

‚Wer sind wir? Woher kommen, wo stehen und wohin gehen wir? Wozu leben wir?‘ Auf diese und ähnliche existentielle Fragen geben Sinnformeln kondensierte Antworten, die in privaten wie sozialen Situationen Halt und Argumenten in politischen und medialen Debatten einen sicheren Unterbau geben können.

Praktik

Eine Praktik ist ein spezifisches, situativ vollzogenes und sinnhaftes Bündel von körperlichen Verhaltensweisen, an dem mehrere Menschen und Dinge beteiligt sein können (z. B. Seufzen, um Frust auszudrücken, oder einen Beschwerdebrief schreiben, Fußballspielen).

Kontextualisieren

Kontextualisieren wird im allgemeineren bildungssprachlichen Begriffsgebrauch verwendet, um das Einordnen von etwas oder jemandem in einen bestimmten Zusammenhang zu bezeichnen.

Narrativ

Mit der diskursanalytischen Kategorie des Narrativs werden Vorstellungen von komplexen Denk- und Handlungsstrukturen erfasst. Narrative in diesem Sinne gehören wie Schlagwörter, Metaphern und Topoi zu den Grundkategorien der Analyse von Diskursen.

Argumentation

Argumentation bezeichnet jene sprachliche Tätigkeit, in der man sich mithilfe von Gründen darum bemüht, die Richtigkeit einer Antwort auf eine bestimmte Frage zu erweisen. Das kann in ganz verschiedenen Situationen und Bereichen nötig sein, namentlich um eine poli-tische, wissenschaftliche, rechtliche, unternehmerische oder private Angelegenheit zu klären.

Hegemonie

Wie der britische Politikwissenschaftler Perry Anderson 2018 in einer umfassenden, historisch weit ausgreifenden Studie zum Gebrauch des Begriffs Hegemonie und seinen Konjunkturen beschreibt, liegen die historischen Wurzeln des Begriffs im Griechischen, als Bezeichnung für Führung (eines Staatswesens) mit Anteilen von Konsens.

Techniken

Dogwhistle

Unter Dogwhistle wird in Teilen der Forschung eine doppeldeutige Äußerung verstanden, die eine offene und eine verdeckte Botschaft an jeweils eine Zuhörerschaft kommuniziert.

Boykottaufruf

Der Boykottaufruf ist eine Maßnahme, die darauf abzielt, ein Ziel, also meist eine Verhaltensänderung des Boykottierten, hervorzurufen, indem zu einem Abbruch etwa der wirtschaftlichen oder sozialen Beziehungen zu diesem aufgefordert wird.

Tabuisieren

Das Wort Tabuisierung bezeichnet die Praxis, etwas Unerwünschtes, Anstößiges oder Peinliches unsichtbar zu machen oder als nicht akzeptabel zu markieren. Das Tabuisierte gilt dann moralisch als unsagbar, unzeigbar oder unmachbar.

Aus dem Zusammenhang reißen

Das Aus-dem-Zusammenhang-Reißen gehört in den Funktionskreis der Redewiedergabe bzw. der Wiedergabe kommunikativer Ereignisse. Es kann (1) als intentionale argumentativ-polemische Strategie für ganz unterschiedliche diskursive Zielsetzungen von Akteuren genutzt werden, oder (2) es kann SprecherInnen und SchreiberInnen in unbeabsichtigter, fehlerhafter Weise unterlaufen.

Lobbying

Lobbying ist eine Form strategischer Kommunikation, die sich primär an Akteure in der Politik richtet. Beim Lobbying wird ein Bündel von kommunikativen Tätigkeiten mit dem Ziel eingesetzt, die Entscheidungen von Personen mit politischem Mandat oder den Entstehungsprozess von neuen Gesetzestexten interessengeleitet zu beeinflussen.

Karten

Karten dienen dazu, Raumausschnitte im Hinblick auf ausgewählte Charakteristika so darzustellen, dass die Informationen unmittelbar in ihrem Zusammenhang erfasst und gut kommuniziert werden können. Dazu ist es notwendig, Daten und Darstellungsweisen auszuwählen und komplexe und oft umkämpfte Prozesse der Wirklichkeit in einfachen Darstellungen zu fixieren.

Pressemitteilung

Pressemitteilungen sind standardisierte Mitteilungen von Organisationen, die sich an Journalist:innen und andere Multiplikator:innen richten. Sie dienen der offiziellen und zitierfähigen Informationsweitergabe und übernehmen zugleich strategische Funktionen in der öffentlichen Kommunikation und Meinungssteuerung.

Shitstorm

Der Begriff Shitstorm beschreibt eine relativ junge Diskurskonstellation, die seit den 2010er Jahren an Bedeutung gewonnen hat und gemeinhin als Online-Wutausbruch bezeichnet wer-den kann.

Tarnschrift

Als Tarnschrift bezeichnet man unter den Bedingungen von Zensur und Verfolgungsrisiko veröffentliche Texte, die insbesondere in der strategischen Kommunikation des NS-Widerstands eine zentrale Rolle spielten.

Ortsbenennung

Die Benennung von Orten dient in erster Linie dazu, den jeweiligen geografischen Ort zu lokalisieren und ihn zu identifizieren. Doch Ortsnamen besitzen eine soziale Dimension und spielen eine entscheidende Rolle bei der sprachlich-kulturellen Identitätskonstruktion.

Schlagwörter

Echokammer

Der Begriff der Echokammer steht in seiner heutigen Verwendung vor allem im Zusammenhang mit der Nutzung Sozialer Medien. Er verweist metaphorisch auf einen digitalen Kommunikations- und Resonanzraum, in dem Mediennutzer*innen lediglich Inhalten begegnen, die ihre eigenen, bereits bestehenden Ansichten bestätigen, während abweichende Perspektiven und Meinungen ausgeblendet bzw. abgelehnt werden.

Relativieren

Der Ausdruck relativieren besitzt zwei zentrale Bedeutungsvarianten: In bildungssprachlichen und wissenschaftlichen Kontexten bezeichnet er eine analytische Praxis, bei der Aussagen, Begriffe oder Phänomene durch Bezugnahme auf andere Sachverhalte eingeordnet, differen-ziert und in ihrer Geltung präzisiert werden.

Massendemokratie

Geprägt wurde der Begriff Massendemokratie im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts von völkisch-konservativen Akteuren (prominent darunter Carl Schmitt 1926). Der Ausdruck Masse hatte damals bei den bürgerlichen Eliten eine rundum bedrohliche Assoziation.

Social Bots

Als Social Bots werden Computerprogramme bezeichnet, die in der Lage sind, in sozialen Medien Kommunikation menschlicher Nutzer*innen (teilweise) automatisiert nachzuahmen.

Kriegsmüdigkeit

Der Ausdruck Kriegsmüdigkeit bezeichnet die emotionale und physische Erschöpfung von Menschen, die einen Krieg erleben, sowie die gesellschaftliche und politische Ermüdung angesichts langanhaltender Konflikte. Er beschreibt den sinkenden Kampfeswillen bei Kriegsparteien und heute wird er auch für das wachsende Desinteresse an Kriegsthemen in Medien und Öffentlichkeit genutzt.

Woke

Der Ausdruck woke stammt aus dem afroamerikanischen Englisch und bezeichnete dort zunächst den Bewusstseinszustand der Aufgeklärtheit über die Verbreitung von rassistischen Vorurteilen und Diskriminierung unter Angehörigen ethnischer Minderheiten.

Identität

Unter Identität versteht man allgemein die Summe von Merkmalen, die Individuen oder sozialen Kollektiven – etwa Nationen, Organisationen oder sozialen Gruppen – als charakteristisch oder gar als angeboren zugeordnet werden.

Wohlstand

Unter Wohlstand sind verschiedene Leitbilder (regulative Ideen) zu verstehen, die allgemein den Menschen, vor allem aber den Beteiligten an politischen und wissenschaftlichen Diskursen (politisch Verantwortliche, Forschende unterschiedlicher Disziplinen usw.) eine Orientierung darüber geben sollen, was ein ‚gutes Leben‘ ausmacht.

Remigration

Der Begriff Remigration hat zwei Verwendungsweisen. Zum einen wird er politisch neutral verwendet, um die Rückkehrwanderung von Emigrant:innen in ihr Herkunftsland zu bezeichnen; die meisten Verwendungen beziehen sich heute jedoch auf Rechtsaußendiskurse, wo das Wort der euphemistischen Umschreibung einer aggressiven Politik dient, mit der nicht ethnisch deutsche Immigrant:innen und ihren Nachfahr:innen zur Ausreise bewegt oder gezwungen werden sollen.

Radikalisierung

Das Adjektiv radikal ist ein mehrdeutiges Wort, das ohne spezifischen Kontext wertneutral gebraucht wird. Sprachhistorisch bezeichnete es etwas ‚tief Verwurzeltes‘ oder ‚Grundlegendes‘. Dementsprechend ist radikales Handeln auf die Ursache von etwas gerichtet, indem es beispielsweise zugrundeliegende Systeme, Strukturen oder Einstellungen infrage stellt und zu ändern sucht.

Verschiebungen

Dehumanisierung

Mit Dehumanisierung bzw. Anthropomorphisierung werden solche kommunikativen Techniken und Praktiken bezeichnet, die Personen, Sachverhalten oder Gegenständen menschliche Eigenschaften ab- bzw. zusprechen. Dehumanisierung und Anthropomorphisierung können sowohl durch sprachliche Mittel als auch durch andere, z. B. bildliche, Zeichen vollzogen werden.

Kriminalisierung

Kriminalität meint ein Verhalten, das gegen ein Gesetz verstößt. Folglich bedeutet Kriminalisierung im engeren Sinne den Vorgang, durch den Verhalten ungesetzlich gemacht wird – indem Gesetze geschaffen werden.

Versicherheitlichung

In akademischen Kontexten wird Versicherheitlichung in Abgrenzung zu einem naiv-realistischen Sicherheitsverständnis verwendet. Dieses betrachtet Sicherheit als einen universell erstrebenswerten und objektiv feststellbaren Zustand, dessen Abwesenheit auf das Handeln von Akteuren zurückzuführen ist, die feindselig, kriminell, unverantwortlich oder zumindest fahrlässig agieren.

Ökonomisierung

Ökonomisierung wird in gegenwärtigen Diskursen in der Regel zur Bezeichnung von Prozessen verwendet, in denen die spezifisch wirtschaftlichen Funktions-Elemente wie Markt, Wettbewerb/Konkurrenz, Kosten-Nutzen-Kalküle, Effizienz, Gewinnorientierung in Bereiche übertragen werden, die zuvor teilweise oder ganz nach anderen Leitkriterien ausgerichtet waren

Moralisierung

Moralisierung verlagert Macht- und Interessenkonflikte in die Sphäre der Kommunikation von Achtung / Missachtung. Sie reduziert Ambivalenz zugunsten einer Polarisierung von gut und böse.

Konstellationen

Krise

Krise ist vom Wort mit fachsprachlicher Bedeutung zur Zeitdiagnose und einem zentralen Begriff der öffentlich-politischen Kommunikation geworden. Der öffentlich-politische Krisenbegriff ist dabei – unabhängig vom Gegenstand der Krise – in eine krisendiskurstypische Konstellation zur Begründung von krisenüberwindenden Handlungen eingebettet.

Partizipatorischer Diskurs

Partizipation ist mittlerweile von der Forderung benachteiligter Personen und Gruppen nach mehr Beteiligung in der demokratischen Gesellschaft zu einem Begriff der Institutionen selbst geworden: Kein Programm, keine Bewilligung mehr, ohne dass bestimmte Gruppen oder Personen dazu aufgefordert werden, für (mehr) Partizipation zu sorgen.

Skandal

Die Diskurskonstellation des Skandals zeichnet sich durch eine in den Medien aufgegriffene (bzw. durch sie erst hervorgerufene) empörte Reaktion eines erheblichen Teils der Bevölkerung auf einen tatsächlichen oder vermeintlichen Missstand aus. Die schuldhafte Verursachung dieses Missstandes wird dabei einem gesellschaftlichen Akteur zugeschrieben, dessen Handeln als ‚unmoralisch‘ gedeutet wird.

DiskursReview

Review-Artikel

Beobachtung zum Begriff „Diplomatie“ beim Thema Ukraine im Europäischen Parlament

Von EU-Vertretern waren zur Ukraine seit 2022 vor allem Aussagen zu hören, die sich unter dem Motto „as long as it takes“ beziehungsweise „so lange wie nötig“ für die Erweiterung der militärischen Ausstattung und der Verlängerung des Krieges aussprachen. Vorschläge oder Vorstöße auf dem Gebiet der „Diplomatie“ im Sinne von ‚Verhandeln (mit Worten) zwischen Konfliktparteien‘ gab es dagegen wenige, obwohl die klare Mehrheit von Kriegen mit Diplomatie beendet wurden (vgl. z.B. Wallensteen 2015: 142)

Die Macht der Worte 4/4: So geht kultivierter Streit

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Die Macht der Worte 3/4: Sprachliche Denkschablonen

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Die Macht der Worte 2/4: Freund-Feind-Begriffe

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Die Macht der Worte 1/4: Wörter als Waffen

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Relativieren – kontextualisieren – differenzieren

Die drei Handlungsverben relativieren, kontextualisieren, differenzieren haben gemein, dass sie sowohl in Fachdiskursen als auch im mediopolitischen Interdiskurs gebraucht werden. In Fachdiskursen stehen sie unter anderem für Praktiken, die das Kerngeschäft wissenschaftlichen Arbeitens ausmachen: analytische Gegenstände miteinander in Beziehung zu setzen, einzuordnen, zu typisieren und zugleich Unterschiede zu erkennen und zu benennen.