DiskursGlossar

Erzählen

Kategorie: Grundbegriffe
Verwandte Ausdrücke: 
Geschichte, Erzähler, Ereignispräsentation, Narrativ
Siehe auch: Dramaturgie, Inszenierung, Propaganda
Autorin: Ulrike Ackermann
Version: 1.0 / 23.03.2021

Kurzzusammenfassung

Erzählen ist eine kommunikative Tätigkeit, in der für gewöhnlich eine vermittelnde Instanz ein Geschehen rückblickend darstellt. Die Darstellungsmöglichkeiten sind vielfältig (mündlich, schriftlich, filmisch). Erzählen zeichnet sich dadurch aus, dass Erzählende durch ihre Geschichte einen gemeinsamen Vorstellungsraum über ein erzählenswertes Ereignis aufbauen. Hierfür vermitteln sie ihre Sicht auf ein Geschehen und die damit verbundene Welt. Dazu wählen Erzählende in ihrer Geschehensdarstellung zum einen aus, über was sie in welcher Abfolge erzählen und wie sie es zum anderen erzählen. Charakteristischerweise stehen in Erzählungen subjektive Eindrücke, Emotionen wie auch das Erleben der Erzählenden im Vordergrund. Aufgrund dieser bezeichnenden Merkmale begegnet uns das Erzählen in verschiedenen Alltagsbereichen als Ressource. In der öffentlichen Kommunikation geschieht das beispielsweise unter strategischen Erwägungen. Das bedeutet, dass solche Erzählungen mehr oder weniger durchdacht und geplant sind sowie einer bestimmten Zielsetzung unterliegen (z.B. zur Beeinflussung von Handlungen oder Einstellungen, zur Selbstdarstellung oder dem Darlegen einer bestimmten Sicht auf die Welt, siehe die Bsp. am Ende des Artikels).

Als Minimalkonsens lässt sich grundsätzlich festhalten, dass Erzählen eine zusammenhängende Wiedergabe von einem oder mehreren Ereignissen ist, die sich durch eine spezifische Repräsentation der Geschehensdarstellung auszeichnen.

Erweiterte Begriffsklärung

Das Erzählen entwickelte sich aufgrund zunehmender Erkenntnisse über seine Funktionen in den 1970/80er-Jahren als sogenannter narrative turn zu einem interdisziplinären Forschungsfeld (Psychologie, Literaturwissenschaften, Linguistik, Soziologie, Psychologie, Wirtschaftswissenschaften u.a.). Solche Funktionen des Erzählens sind damit verbunden, dass Erzählende die Ereignisse in ihrer Geschichte in bestimmte Zusammenhänge bringen (Selektionsprozesse, kausale Verknüpfungen, Bewertungen u.a.). Darüber erzeugen sie Sinn und Bedeutung, stiften Identität und stellen eine bestimmte Wirklichkeit her.

Diese Entwicklung führte allerdings dazu, dass der Begriff Erzählen auch im fachlichen Diskurs mehrdeutig verwendet wird. Manche verwenden den Begriff für das Ergebnis des Erzählaktes (im Sinne der Erzählung), andere verwenden ihn als Gattungsbegriff und wieder andere beziehen sich damit auf den Akt des Erzählens (= Sprechhandlung). Während beispielsweise die Literaturwissenschaften sich auf das Erzählen im Sinne des Produkts oder der Gattung – also der literarischen Erzählung – spezialisiert haben, beschäftigt sich die Linguistik verstärkt mit dem Akt des Erzählens im Alltag in mündlicher wie auch in schriftlicher Form (z.B. in den digitalen Medien). Die Situation verdeutlicht, dass mit der Frage, wie man das Erzählen im Speziellen definiert, sowohl der Untersuchungsgegenstand als auch das Untersuchungsinteresse verknüpft sind. Der Untersuchungsgegenstand kann aus privaten bis zu institutionellen Kontexten gewählt werden, z.B. eine mündliche Alltagserzählung unter Freunden oder eine filmisch aufbereitete Mitarbeitererzählung auf den Internetplattformen Kununu oder Xing. Das Untersuchungsinteresse kann sich wiederum beispielsweise auf interaktive (z.B. Arzt-Patienten-Interaktion), anwendungsbezogene (z.B. Identitätskonstruktion) oder strukturelle Aspekte (z.B. Abfolge von Erzählelementen) des Erzählens richten.

Rund um das Erzählen sind bestimmte Begriffe omnipräsent, die es zu differenzieren gilt. Da wir in der Alltagskommunikation den Ausdruck Erzählen unspezifisch verwenden, z.B. auch um Erklärungen auszulösen (Kannst du mir mal erzählen, warum du den Müll nicht runtergebracht hast?), wird im Fachdiskurs in Anlehnung an das angloamerikanische narrativity von Narrativität gesprochen. Die Bedeutung des Terminus Narration ist dagegen von der englischen Bezeichnung narrative übernommen worden und bezeichnet das deutsche Pendant; nämlich Erzählung. Das dazugehörige Adjektiv narrativ bedeutet wiederum erzählerisch. Das Adjektiv ist jedoch nicht mit dem gleichlautenden Substantiv Narrativ zu verwechseln, das derzeit allgegenwärtig ist. Dabei handelt es sich um eine Entlehnung aus dem englischen in den deutschen Sprachgebrauch, die bisher noch nicht im Duden verzeichnet ist. Die Bedeutung des Ausdrucks variiert je nach Fachdisziplin: LiteraturwissenschaftlerInnen verwenden ihn in der Bedeutung Geschichte. Die Wirtschaftswissenschaften verstehen darunter im Bereich der Public Relations ein abstraktes, kulturell überliefertes Grundmuster, das die Rezipierenden themenunabhängig wiedererkennen, wie z.B. das Basis-Narrativ der Heldenreise. In der Linguistik spielt das Narrativ im Rahmen der Diskursanalyse eine Rolle, über das erzählerische Muster in Diskursen erfasst werden. Dabei handelt es sich um Interpretationsmuster, die es uns ermöglichen Zusammenhänge wahrzunehmen, darzustellen und zu begrenzen. In dieser Verwendung zeichnen sich Narrative in erster Linie durch Zugehörigkeitsattribute aus wie feministisches Narrativ, nationalsozialistisches Narrativ, biblisches Narrativ u.a. (Zifonun 2017).

Prägende traditionelle und neuere Erzählmodelle

In einer Erzählung wird mindestens ein Ereignis dargestellt. Dabei sind an dieses Ereignis unterschiedliche Kriterien geknüpft, die es als Erzählgegenstand qualifizieren wie beispielsweise Außergewöhnlichkeit, Erzählwürdigkeit, soziale Relevanz u.a. Neben den oben bereits benannten Merkmalen (Subjektivität, Emotionen, Erleben) existieren in der Narratologie (= Erzählforschung) weitere Spezifika des Erzählens, die bestimmte strukturelle oder pragmatische Phänomene betreffen. Sie stehen allerdings in direktem Zusammenhang mit dem Untersuchungsobjekt (z.B. mündliche Alltagserzählung, schriftliches Märchen, filmische Erzählung), wie die folgenden drei exemplarischen Erzählmodelle erkennen lassen.

Traditionell beschäftigt sich die Literaturwissenschaft mit dem Erzählen. Dadurch, dass sich die von den Literaturwissenschaften begründete traditionelle Erzählforschung auf epische Texte bezieht, sind die Beschreibungsmodelle vielschichtig. So kann beispielsweise das Erzählen des Gesamtwerks sowie die Erzählung einer Figur/mehrerer Figuren innerhalb eines Gesamtwerks (= metadiegetisch) untersucht werden. Prägend und bekannt für die Theoriebildung ist neben der Typologie von F. K. Stanzel das Beschreibungsmodell von Gérard Genette (1974). Er schlägt verschiedene Werkzeuge vor, mit deren Hilfe er epische Texte untersucht. Hierbei sind drei Aspekte des Erzählten grundlegend. Zum einen betrifft das die Unterscheidung, ob der Realitätscharakter des Erzählten fiktional oder faktual ist. Zum zweiten geht es darum, das Wie des Erzählten – also die Darstellung – und drittens das Was in Form der Handlung zu erfassen. Diesbezüglich unterscheidet Genette das Wie des Erzählten danach, wer das Geschehen wahrnimmt (= Modus) und wer spricht (= Stimme). So beschreibt er beispielsweis für den Modus drei sogenannte Fokalisierungen: (1) Nullfokalisiserung: Der/Die Erzählende weiß mehr als die Figuren im Gesamtwerk, (2) interne Fokalisierung: Der/Die Erzählende weiß exakt so viel wie die Figuren, (3) externe Fokalisierung: Der/Die Erzählende weiß weniger als die Figuren. Aufschluss darüber, wie der/die Erzählende das Geschehen wiedergibt, zeigt die Kategorie der Stimme. Da per Definition eine Erzählung von jemandem erzählt wird, sind neben Merkmalen wie dem Zeitpunkt oder Ort des Erzählens die Stellung des/der Erzählenden zum Geschehen von Interesse. Ist der/die Erzählende an der Geschichte als Figur beteiligt, handelt es sich um eine/n homodiegetisch Erzählenden. Dabei ist der/die autodiegetisch Erzählende ein Sonderfall, da er/sie seine/ihre eigene Geschichte erzählt (Ich-Erzählende). Ist er/sie nicht selbst eine Figur in der Erzählung handelt es sich um eine/n heterodiegetisch Erzählende (Er-ErzählerIn, vgl. Martínez/Scheffel 2020).

Zwischen der Literaturwissenschaft und der Linguistik hat sich eine Art Domänenteilung etabliert. Während die Literaturwissenschaft sich mit literarischen Erzähltexten befasst, wenden LinguistInnen ihre Aufmerksamkeit vornehmlich auf das mündliche Erzählen und Erzählen in nicht-literarischen Texten (= Gebrauchstexte). Hinsichtlich des mündlichen Erzählens hat das traditionelle Erzählmodell von Labov und Waletzky (1973) die Forschung geprägt. Ausgehend von der Analyse von Tonbandinterviews erschlossen die beiden Forscher eine Grundform des Erzählens. Diese Grundform zeichnet sich durch die lineare Abfolge spezifischer Erzählelemente aus. Das sind in dieser Reihenfolge: 1) Orientierung (Angaben zu Ort, Zeit, Person und Handlungssituation), 2) Komplikation (Ereignisabfolge mit einem außergewöhnlichen Ereignis), 3) Evaluation (Einstellung des/der ErzählerIn gegenüber seiner/ihrer Erzählung), 4) Auflösung der Komplikation und 5) ggf. die Coda (Rückbindung der Erzählung in das Hier und Jetzt der Erzählsituation). Die feste Verortung der Evaluation zwischen der Komplikation und der Auflösung revidierten die Forscher nachträglich aufgrund empirischer Befunde dahingehend, dass sie flexibel in der linearen Anordnung ist.

Durch das verstärkte interaktive Interesse an mündlichem Erzählen und dem Einfluss der digitalen Medien auf das Erzählen entwickelte die linguistische Forschung weitere Erzählmodelle, die hier neben den traditionellen als neuere Strömungen angerissen werden. So haben beispielsweise Hausendorf und Quasthoff (1996) ein Modell zur Beschreibung von Erzählinteraktion im Rahmen eines 15-jährigen, empirischen Forschungsprojekts herausgearbeitet. Das Modell basiert auf sogenannten Jobs. Dabei handelt es sich um bestimmte strukturelle Aufgaben während der erzählerischen Interaktion. Sie beinhalten: (a) Darstellen von Inhalts- und/oder Formrelevanz (Anbahnen der Erzählung), (b) Thematisieren (die Erzählung eröffnen), (c) Elaborieren/Dramatisieren (erzählspezifische Aufgaben), (d) Abschließen (hinleiten zum laufenden Gespräch) und (e) Überleiten (anschließen an das laufende Gespräch). Daneben rückte in den letzten Jahren das Erzählen in den digitalen Medien zunehmen in den Blick der Forschung. Da die digitalen Technologien die Realisierungsoptionen des Erzählens erweitern und verändern, sodass unspezifische und weniger typische Erzählungen im Sinne der traditionellen Erzählforschung entstehen, stehen die traditionellen Merkmale des Erzählens für diesen Bereich auf dem Prüfstand. Diesbezüglich sehen beispielsweise Ochs und Caps (2001) das Erzählen nicht mehr anhand von festgelegten Kriterien definiert, sondern vielmehr innerhalb von Merkmalsdimensionen, die sich jeweils in einem Kontinuum bewegen: (a) Erzählerschaft (ein/e ErzählerIn oder mehrere ErzählerInnen erzählen), (b) Erzählwürdigkeit (eine Erzählung ist offenkundig erzählenswert oder scheinbar irrelevant), (c) Einbettung (die Erzählung ist in ihren Kontext eingebettet oder von ihm gelöst), (d) Linearität (die Erzählung ist abgeschlossen oder multilinear), (e) moralische Haltung/Wertung (der/die ErzählerIn zeigt ihre Einstellung zur Erzählung deutlich oder verdeckt).

Strategische Aspekte des Erzählens

Beachtet man die Möglichkeiten durch das Erzählen, Bedeutung, Wirklichkeit und/oder Identität herzustellen, ist es naheliegend, dass das Erzählen insbesondere im institutionellen Kontext strategisch – also zielgerichtet meist vor dem Hintergrund einer bestimmten Einflussnahme – angewandt wird. Strategische Aspekte des Erzählens finden sich beispielsweise neben der Unternehmenskommunikation in der Werbung und der Politik. In diesen Kontexten erfreut sich das um die 1999er-Jahre aus den USA eingeführte Storytelling großer Beliebtheit. Dabei ist Storytelling weder ein wissenschaftlicher noch ein klar umrissener oder einheitlich definierter Begriff (Schach 2016: 11, Becker/Stude 2017: 1f.). Allen Definitionen ist aber gemein, dass sie auf ein strategisches Kalkül abheben. Entsprechend handelt es sich hierbei nicht mehr um natürliche Alltagserzählungen. Zur Veranschaulichung folgen nun zwei strategisch motivierte Erzählungen. Das erste Beispiel stammt aus der Produktwerbung und zielt auf eine Handlungsbeeinflussung im Sinne des Kaufverhaltens. Das zweite Beispiel geht auf politisch motiviertes Erzählen innerhalb der Sozialen Medien ein. Der strategische Aspekt hierbei ist, mithilfe der erzählten „Realität“ für die Akzeptanz von politischen Entscheidungen zu werben.

Beispiele

(1) Erzählen in der Produktwerbung: Mit Werbung sollen Menschen zwanglos dazu bewegt werden, sich für ein Produkt zu interessieren, sich daran zu erinnern und es zu konsumieren. Daher ist Werbung für gewöhnlich argumentativ aufgebaut. Sprachlich charakteristisch für Werbung sind das Bennen/Zeigen, Beschreiben und Bewerten (Adamzik 2012: 138). Dabei verspricht eine originelle Umsetzung der Werbung von den Konsumierenden länger erinnert und besser wiedererkannt zu werden. Der Vorteil an der Produktwerbung ist, dass den Rezipierenden in der Regel klar ist, dass es sich um gestellte, montierte Szenen oder auch fiktive Erzählungen handelt. So hat sich die Werbung im Laufe der Zeit zu einer Unterhaltungsform mit Kultstatus entwickelt. Fiktionalität wird hier gemeinhin toleriert, solang das Erzählte unmissverständlich als fiktional markiert ist. Diesen Trend hat sich das Telekommunikationsunternehmen Dt. Telekom AG angeeignet, als es die Werbeserie über die Familie Heins konzipierte. Dabei handelt es sich um filmisches Erzählen über eine erfundene (= fiktive) Familie, die in den Episoden ihre Welt rund um die Produkte von ,MagentaEINS‘ erlebt.

Abb 1: Vorstellung der Mitglieder der Familie Heins auf der Telekom-Website (Dt. Telekom, Webseite, 2016-01-10: http://www.t-online.de/telekom-familie-heins-magentaeins-bei-t-online-de/id_71680340/index).

Durch das filmische Erzählen über das Familienleben der Familie Heins werden die Produkte benannt, in ihrer Anwendung gezeigt, beschrieben und in der narrativen Pointe abschließend positiv humorvoll bewertet. Das Erzählen bietet hierfür einen legitimen Rahmen, da es die Erfüllung dieser Komponenten und deren Zusammenhang letztlich in der erzählerischen Geschehensdarstellung fordert. Dabei machen diese Spots eine Verschmelzung von der fiktiven Familie mit realen Situationen und Personen (Fictionality Ansatz) reizvoll. So spielt beispielsweise ein Spot unter Mitwirkung von Tochter Clara Heins am Set des realen Kinofilms Fack ju Göthe 2. Darin tritt neben der fiktiven Tochter auch der reale Schauspieler Elyas M’Barek in seiner realen Funktion als Schauspieler am Set auf. Dabei teilt Tochter Clara, die sich am Set befindet, das Erlebnis per Smartphone/Tablet mit ihrer Familie, die gerade im Ausland zum Sommerurlaub verweilt. Auf diese Weise bewirbt der narrative Spot die neue EU-Flat des Unternehmens. Das Produkt wird in der Anwendung und einer möglichen Funktion vorgeführt und emotional positiv besetzt. Inwieweit vor allem junge ZuschauerInnen bei dieser narrativen Werbeform unter dem Fictionality Ansatz den Unterschied zwischen Fiktion und Realität noch erkennen, ist mitunter fraglich, wenn man sich Fankommentare auf YouTube ansieht: Diese indizieren zumindest eine Verunsicherung.

(2) Politisch motiviertes Erzählen in den Sozialen Medien: Denkt man an Twitter, Facebook und Co, so gehören die Sozialen Medien mittlerweile zu dem kommunikativen Repertoire von PolitikerInnen. Aufgrund der Beliebtheit, der Erreichbarkeit von Zielgruppen und der hohen Verteilungsweite rücken die Sozialen Medien gerade in der heutigen Zeit – einer ausgerufenen Viruspandemie – auch für politische Institutionen wie das Bundesministerium für Gesundheit in den Blick. So finden sich seit geraumer Zeit Beiträge der Institution auf Facebook und auf YouTube, um eine breite Öffentlichkeit zu erreichen.

In dem Film erzählt ein älterer Herr (personalisiert als Anton Lehmann) fiktional rückblickend sein Erleben der derzeitigen Corona-Pandemie und erklärt den Zielgruppen so u.a. eine bestimmte Sicht auf das Geschehen in der Welt. Er eröffnet seine Erzählung mit einer Personen- und Situationsbeschreibung (= Orientierung) sowie Angaben über den Zeitpunkt des Ereignisses. Der Protagonist beschreibt sich im Jahre 2020 als zweiundzwanzigjährigen Maschinenbaustudenten in Chemnitz.

Dabei bestimmt nicht nur die Zielgruppe, sondern auch das Medium über die konkrete Umsetzung der Botschaft. Der folgende Beitrag bezieht sich auf einen YouTube-Film des Bundesministeriums für Gesundheit. YouTube erfreut sich großer Popularität und verspricht eine hohe Zielgruppenerreichbarkeit. Es handelt sich um eine audiovisuell ausgelegte Internetplattform. Daher bietet sie sich für filmisches Erzählen an.

Damals habe er voller Lebensfreude und Aktivitätsdrang gesteckt. Doch dann geschah – laut dem Erzähler – etwas schicksalhaftes, dass das ganze Land auf das Verhalten seiner Generation schauen ließ. Mit einer filmischen Rückblende in die Vergangenheit des „jungen“ Herrn Lehmann leitet der Erzähler die Komplikation ein: Eine unsichtbare Gefahr bedrohte alles, woran wir glaubten. Der Sprachgebrauch verweist auf die Dramatik mithilfe des Bildes eines unsichtbaren Feindes und der absoluten Gefahr (alles). Die Bewertung der Situation, dass das Schicksal in den Händen seiner Generation läge, steigert die Dramatisierung infolge der Verantwortung. Um der Katastrophe entgegenzuwirken, wären sie faul wie die Waschbären und blieben auf ihrem Arsch zuhause. Diese Selbstcharakterisierung als inaktive und abwartende Helden ist untypisch für das Storytelling. Daher bewertete der Protagonist das Verhalten: wir taten, was von uns erwartet wurde, das einzig Richtige. Mit der Kriegsmetapher gegen die Ausbreitung zu Kämpfen und der Couch als Front verleiht er dem Szenario zusätzlich Bedeutung. Seine Erzählung beendet der erdachte Herr Lehmann mit der impliziten Kontrastierung des Anfangs- und Endzustandes: Das war unser Schicksal, so wurden wir zu Helden, damals in diesem Coronawinter zwanzigzwanzig (= Auflösung). Das Resultat Heldentum verweist auf den Erfolg und die Bedeutung der beschriebenen Handlungsmaßnahmen. Abschließend wird ein appellativer Schrifttext eingeblendet, der auf die Funktion der fiktiven Erzählung verweist: Werde auch du zum Helden und bleibe Zuhause. Zusammen gegen Corona. Das sprachliche und visuelle Aufgreifen von angenommenen Emotionen der Zielgruppen (Frust, Einsamkeit, Langeweile u.a.) in Bezug auf den politischen Corona-Handlungserlass im Zusammenspiel mit der argumentativen Handlungskette sowie starken positiven Bewertungen des Verhaltens sollen die Zielgruppen davon überzeugen, die politischen Handlungsanweisungen a) gut zu heißen, b) anzunehmen und c) umzusetzen. Was vordergründig als Information erscheint, zielt hintergründig auf die Akzeptanz einer politischen Entscheidung und daraus resultierend auf eine Einstellungs- u. Verhaltensbeeinflussung.

Literatur

  • Becker, Tabea / Stude, Juliane (2017): Erzählen. Heidelberg: Universitätsverlag Winter.
  • Beyer, Martin (2018): StoryThinking. Durch die Kraft des Erzählens Mitarbeiter und Kunden gewinnen. München: Vahlen.
  • Klein, Christian / Martínez, Matías (Hrsg.): Wirklichkeitserzählungen. Felder, Formen und Funktionen nicht-literarischen Erzählens. Stuttgart, Weimar: J. B. Metzler.
  • Martínez, Matías (2017): Erzählen. Ein interdisziplinäres Handbuch. Stuttgart: Springer-Verlag GmbH.
  • Martínez, Matías / Scheffel, Michael (2020): Einführung in die Erzähltheorie. 11., überarbeitete und aktualisiert Auflage.
  • Schach, Annika (2016): Storytelling. Geschichten in Text, Bild und Film. Wiesbaden: Springer.
  • Schach, Annika (2017): Storytelling. Geschichten in Text, Bild und Film. Wiesbaden: Springer.
  • Zifonun, Gisela (2017): Ein Geisterschiff auf dem Meer der Sprache: das Narrativ. In Sprachreport. Informationen und Meinungen zur deutschen Sprache 33/3, 1–3.

Zitiervorschlag

Ackermann, Ulrike (2021): Artikel Erzählen. In: Diskursmonitor. Glossar zur strategischen Kommunikation in öffentlichen Diskursen. Hg. von der Forschungsgruppe Diskursmonitor und Diskursintervention. Veröffentlicht am 23.2.2021. Online unter: https://diskursmonitor.de/glossar/erzaehlen/.