
DiskursGlossar
Deutungsmuster
Kategorie: Grundbegriffe
Verwandte Ausdrücke: Account, Deutungsschema, Denkmuster
Siehe auch: Narrativ, Framing, Ideologie, Propaganda, Topos, Hermeneutik, Diskursfigur, Kollektivsymbol
Autor: Clemens Knobloch
Version: 1.0 / Datum: 07.10.2025
Kurzzusammenfassung
Unter einem Deutungsmuster wird die problem- und lösungsbezogene Interpretation gesellschaftlicher und politischer Tatbestände verstanden, die Aussicht auf Akzeptanz in sozialen Gruppen hat. Der Begriff des Deutungsmusters hat Ähnlichkeit mit den Begriffen der Theorie und Ideologie. Meist werden gesellschaftlich verbreitete Leitdeutungen, die oft mit Schlagwörtern und Argumentationsmustern einhergehen (wie Globalisierung, Kapitalismus, Leistungsgesellschaft, Chancengleichheit etc.) als Beispiele für Deutungsmuster genannt. Sie sind in der Regel umstritten und verändern sich über die Zeit. Im Allgemeinen stehen gesellschaftlich-politische Grund- und Leitbegriffe mit ihren jeweils akzeptierten politischen Schlussfolgerungen für Deutungsmuster.
Im Gebrauch schwankt der Begriff zwischen Spontan-Verwendungen ohne weitreichenden Theorieanspruch besonders im medialen und politischen Interdiskurs sowie soziologisch-terminologischen Verwendungen im Fachdiskurs. Wo der Begriff Deutungsmuster mit terminologischem Anspruch verwendet wird, geht er auf die Sozialphänomenologie von Alfred Schütz (vgl. 1932, 1971–72), deren Popularisierung durch Berger und Luckmann (vgl. 1970) und auf frühe Arbeiten von Ulrich Oevermann zurück. Deutungsmuster werden dabei als gesellschaftlich geteilte Wissensbestände verstanden, die das alltägliche Handeln von Menschen und ihre Wahrnehmung sozialer Wirklichkeit prägen.
Erweiterte Begriffsklärung
Deutungsmuster ist ein verstehenssoziologischer Reflexionsbegriff und als solcher definitorisch schwer zu fassen. Wie andere, ähnlich reflexive Begriffe (z. B. Narrativ oder Topos) fasst auch Deutungsmuster einen schwer zu begrenzenden Komplex diskursiver Praktiken zusammen. Man kann sich auf den Standpunkt stellen, dass Deutungsmuster an allen sozialen Handlungen und Ereignissen beteiligt sein müssen, die Anspruch auf Verständlichkeit, Sinn und soziale Resonanz erheben. In diesem Sinne spricht der Soziologe Erving Goffman (1974) von Framing– und Keying-Aktivitäten, mittels derer Teilnehmer sozialer Situationen einander signalisieren, mit welchen Deutungsmustern sie selbst gerade ‚unterwegs‘ sind, damit ihr Verhalten, Ihre Äußerungen etc. für andere Teilnehmer anschlussfähig und verständlich bleiben.
In der fachlichen Praxis sind es aber eher die großen, bewusstseinsnahen und strittigen, eher ideologischen Zusammenhänge, die als Deutungsmuster thematisiert werden. Die alltäglichen Deutungsmuster bleiben dagegen selbstverständlich und bewusstseinsfern, thematisiert werden sie nur dann, wenn Schwierigkeiten auftauchen und Erklärungen improvisiert werden müssen (‚accounts‘). Veranschaulichen kann man sich das an Konstellationen, in denen die Deutungsmuster der Teilnehmer nicht zueinander passen (vgl. Schütz 1972: 55–69). Die Erfahrung von ‚Fremdheit‘ entsteht, wenn die eigenen Auslegungsschemata keinen Bezug zu den Erwartungen der anderen haben. Das gilt für beide Seiten: Der ‚Fremde‘ kann die Reaktionen der anderen auf seine Handlungen und Äußerungen so wenig antizipieren wie umgekehrt.
In der massenmedialen Realität hingegen taucht der Begriff in der Regel ohne terminologischen Anspruch auf. Hier steht er als Schlagwort eher für gruppen- und schichtenspezifische Deutungs- und Denkgewohnheiten und wird meist kritisch-abwertend verwendet. Deutungsmuster stehen in diesem Sinne meist für Deutungen, die der Autor für problematisch oder falsch hält und zu relativieren versucht, kurz: für Deutungen, Ideologien, Gewohnheiten der Gegner- oder gar Feindgruppe (vgl. die Beispiele unten).
Politische Propaganda besteht in der Hauptsache in der Ausarbeitung, Etablierung und Pflege (anti-)hegemonialer Deutungsmuster. Von Ideologien werden Deutungsmuster bisweilen dadurch unterschieden, dass erstere weitgehend einwands- und zweifelsimmun seien und der Vergesellschaftung von Wissen dienen, während Deutungsmuster sich von Fall zu Fall in konkreten Handlungslagen bewähren müssen und eher vergemeinschaften (vgl. Zehentreiter 2001: 41). Eine solche Differenzierung dürfte aber im konkreten Fall nur schwer zu validieren sein. Nach Oevermann (1973) haben Deutungsmuster so etwas wie eine „generative Logik“. Sie müssen so flexibel sein, dass sie für neue Problemlagen transformiert und angepasst werden können.
Begriffsgeschichtlich führt der Ausdruck zurück auf Alfred Schütz‘ (1932) sozialphänomenologischen Klassiker „Der sinnhafte Aufbau der sozialen Welt“. Allerdings ist dort überwiegend von „Deutungsschemata“ die Rede. Die gemeinte Sache ist aber dieselbe. Auch in den späteren Exil- bzw. US-Texten von Alfred Schütz findet man immer wieder Versuche, den Begriff des Deutungsschemas zu präzisieren. Diese Versuche reichen wiederum von der Alltagssphäre, in der von überliefertem und fraglosem Rezeptwissen, von (für evident geltenden) Gebrauchsanweisungen für Situationen die Rede ist, die nicht genauer untersucht werden (können) – vgl. Schütz (1972: 57) – bis hin zu hoch theoretischen und im Detail modellierten „Appräsentationsbeziehungen“, die das Verhältnis zwischen verschiedenen sozialen Wirklichkeiten (Alltag – Wissenschaft, Wissenschaft – Alltag, Alltag – Kunst etc.) regeln. Für den Umgang der verstehenden Soziologie mit Deutungsmustern bedeutet das, dass die (rekonstruierten) Deutungsmuster der Teilnehmenden selbst den Ausgangspunkt bilden müssen, auf den sich die Deutungsmuster der verstehenden Soziologie reflexiv beziehen. Fachliche Deutungen sozialen Verhaltens, die ohne Rücksicht auf Teilnehmerperspektiven entworfen werden, sagen womöglich etwas über die sozial-kommunikative Realität des Faches Soziologie, aber nichts über die soziale Realität der untersuchten Gesellschaftsmitglieder.
In der fachlichen und publizistischen Praxis werden Deutungsmuster in der Regel aus (gesprochenen oder geschriebenen) Texten interpretativ extrahiert. Schon wegen dieser textuellen Grundlage ist der wissenssoziologische Begriff des Deutungsmusters auch für die Diskursanalyse relevant. In den zu Grunde gelegten Texten geht es in der Regel darum, explizit zu machen, was implizit in den geäußerten Sprachwerken an Deutungsaktivität – an impliziten Annahmen und Zuschreibungen usw. – steckt. Fachlich ist der Begriff ohne eine reflexive Hermeneutik nicht sinnvoll einsetzbar. Das freilich tangiert den publizistisch-medialen Einsatz des Begriffes nicht oder nur wenig, weil dort die angesetzten Deutungsmuster eher ad hoc angesetzt und behauptet als methodisch entwickelt und erschlossen werden.
In der Regel gilt für Deutungsmuster (ähnlich wie für Narrative), dass es zwar so etwas wie einen Haupt- und Grundbegriff gibt, der für das jeweilige Deutungsmuster steht, dass aber zugleich auch jedes zum Muster gehörige Fragment den gesamten Komplex aufrufen kann. In diesem Sinne haben Deutungsmuster eine ‚gestaltartige‘ Organisation. Sie integrieren eine Fülle von Phänomenen, Erfahrungen, Handlungsoptionen etc. zu einem handhabbaren Gefüge. Wenn z. B. alle Erscheinungsweisen des modernen Rechtspopulismus pauschal mit dem hoch kontaminativen Feindbegriff Nazi gedeutet werden, dann erleichtert und vereindeutigt das den diskursiven Umgang mit solchen Phänomenen. Analytisch wäre aber natürlich zu fragen, ob eine solche Kontinuitätssuggestion das Deutungsmuster nicht auch blind macht für das, was an modernen Rechtstrends neu und durch die gegenwärtige politische Konstellation bedingt ist (vgl. Kohlstruck 2021).
Fachlich implementiert findet man den Deutungsmuster-Begriff vor allem im Umkreis der phänomenologisch inspirierten Wissenssoziologie und im Umkreis von Ulrich Oevermanns objektiver Hermeneutik. Zeitweise gab es auch in den Erziehungswissenschaften zahlreiche Veröffentlichungen (einige Beispiele bei Honegger 2001: 113 f.). Der Anspruch des Deutungsmuster-Ansatzes in der Wissenssoziologie besteht darin, das weitgehend unvermittelte Nebeneinander von System- und Struktursoziologie auf der einen Seite sowie Sinn-, Einstellungs- und Handlungssoziologie auf der anderen Seite vermittelnd zu überbrücken. Deutungsmuster (so der Anspruch; vgl. Bögelein/Vetter 2019: 15) stehen für ‚Scharniere‘ zwischen den strukturellen Gegebenheiten einer Gesellschaft und den individuellen Orientierungen der Akteure. Deutungsmuster machen das Handeln der Individuen zugleich subjektiv sinnvoll und systemkompatibel. Im medial-polemischen Gebrauch des Ausdrucks liegt der Akzent freilich eher darauf, dass Deutungsmuster Orientierungen und Handlungen jeweils eigengruppenkompatibel ermöglichen. Was als Gefährdung des sozial-politischen ‚Zusammenhalts‘ einer Gesellschaft kodiert wird, kann auch als Gefüge zunehmend inkompatibler gruppen- und szenenspezifischer Deutungsmuster verstanden werden.
Häufig sind Deutungsmuster durch ein Mit- und Nebeneinander fachdiskursiver und interdiskursiver Implementierungen charakterisiert. Die fachliche Version versieht die medial-interdiskursive mit den Weihen der ‚Wissenschaftlichkeit‘. So zirkuliert die ‚Hufeisentheorie‘ des politischen Spektrums, die rechte und linke Seite des politischen Spektrums gleichsetzt und gegen die Mitte koordiniert vorgehen sieht, sowohl in Teilen der Politikwissenschaft als auch im medio-politischen Interdiskurs. Nicht zu übersehen ist gegenwärtig die Neigung der Mitte-Parteien und ihrer ‚Leitmedien‘, BSW und AfD im politischen Spektrum gleichzusetzen. Die Frankfurter Rundschau, eine ehedem seriöse Zeitung, titelt am 08.08.2024: Ukrainische Mütter in Thüringen haben Angst vor Höcke und Wagenknecht, mit einem Bild, auf dem Höcke und Wagenknecht zu sehen sind, und mit dem zitierenden Untertitel Ich fürchte um meine Kinder. Solchermaßen moralisierende Implementierungen des ‚Hufeisen‘-Deutungsmusters sind nicht selten. AfD-Akteure, die (womöglich zu Recht) vermuten, dass in der gegenwärtigen Konstellation die Gleichsetzung ihnen eher nutzt (und dem BSW eher schadet), laden laufend Frau Wagenknecht ein, doch selbst in die AfD einzutreten.
Globalisierung, um ein anderes polit-ökonomisches Mega-Deutungsmuster zu nennen, ist Gegenstand zahlreicher Fachtheorien, lebt aber auch in der interdiskursiven Alltagserfahrung breiter Schichten als weltweite Angleichung von Lebensweisen, dem einfacheren Zugang zu Konsumgütern, der Verbreitung von Massenkulturen etc. Derzeit kann man beobachten, wie dieses zunächst positiv konnotierende Deutungsmuster (mit all seinen für ein ‚mehr‘ an Globalisierung disziplinierenden Bestandteilen: Standortwettbewerb, Freihandel, Lieferketten, Subventionen, Sanktionen etc.) semantisch umgebaut wird für eine Zeit, in der es nicht mehr die Eigengruppe des ‚Westens‘ ist, die den Prozess kontrolliert und definiert. In diesem Sinne wird Deutschland einerseits als Exportweltmeister gefeiert, während China ob seiner Exportüberschüsse zugleich wettbewerbsverzerrende Subventionen vorgeworfen werden.
Beispiele
Die folgenden Beispiele stammen teils aus den ‚Qualitätszeitungen‘, teils aus Quellen mit wissenschaftlichem Anspruch. Recherchiert wurden sie im DWDS (2025). Die Belege zeigen, dass es zwischen fachlichen und massenmedialen Verwendungsweisen des Begriffs Deutungsmuster fließende Übergänge gibt.
(1) Im folgenden Beleg steht der Begriff eindeutig für stigmatisierte Interpretationsschemata ‚der anderen‘, die bekämpft werden müssen.
Gerade in Krisenzeiten zeigten sich Gesellschaften, genauer Teile von ihnen, anfälliger für die schlichten Deutungsmuster der Verschwörungstheoretiker. So kursierte mit der letzten Wirtschaftskrise erneut das Modell, dass einflussreiche jüdische Wirtschaftseliten ihre Position ausnutzen, um Staaten zu destabilisieren und um die Macht zu gewinnen. (Südkurier 2020)
(2) Das zweite Beispiel ist zwar wertneutraler als das erste. Es hat aber ebenfalls den belehrenden Tenor, der die Befangenheit der Individuen in ihren eigenen Bezugssystemen psychologisiert und kritisiert.
Menschen bauen jede Art von Information sofort in das eigene Deutungsmuster der Welt ein, und wenn wir dann sagen: »Moment, das stimmt nicht«, fühlen sich die Leute persönlich angegriffen. (Neue Zürcher Zeitung 2021)
(3) Das folgende Beispiel ist ebenso aus einem Zeitungstext, er ist aber im Duktus neutraler und fachlicher gehalten ist als die ersten beiden Beispiele (1) und (2).
Erinnerungen sind eine Voraussetzung für individuelle und gemeinschaftliche Identität, sie sind aber zugleich abhängig vom sozialen und kulturellen Umfeld, die den Erinnernden Begriffe und Deutungsmuster bereitstellen, um Bezüge zwischen Vergangenheit und Gegenwart herzustellen. (Steinmetz 2020)
(4) Die beiden folgenden Beispiele zeigen einen kritisch-historisierenden Gebrauch des Begriffs mit Bezug auf Weltbilder, die in der Gegenwart als überwunden gelten:
Jede Epoche hat ihre Antithesen und Leitbegriffe, zwischen die sie ihr Selbstverständnis spannt. Zu Melvilles Zeit hießen sie: Wildheit und Zivilisation. Sie boten Deutungsmuster für die amerikanische Expansion nach Westen und die ethnische Säuberung der Indianergebiete; sie legitimierten die Kolonisierung der Welt und die Sklaverei. (Schneider 2019)
[…] das Buch kommt nicht los von seinen letztlich theologischen Deutungsmustern, von Sündenfall und Apokalypse, den hocherregten aber gedanklich bequemen Modellen, die als punktuelle Katastrophe ausgeben, was in Wahrheit prozessualen Charakter trägt. (Müller 2019)
(5) Im folgenden Beleg wird der Begriff für die Beschreibung von ideologischen Auseinandersetzungen gebraucht, in denen die Deutungen ‚der anderen‘ als tendenziös entlarvt werden.
Der Generalverdacht gegen die USA, sie benutzten Menschenrechte nur als moralischen Vorwand für die Durchsetzung imperialistischer Ziele, und die Warnung vor einem neuen deutschen Militarismus im Windschatten der amerikanischen Führungsmacht sind traditionell Teil »linker« politischer Deutungsmuster. (Herzinger 1999)
(6) Im folgenden psychologischen Fachtext ist der Begriff recht terminologisch verwendet. Er setzt subjektive Sinngebung, historische Fundierung und sozial vorgegebene Muster als Deutungsmuster in Verbindung.
Eine neue Erfahrung erhält ihren subjektiven Sinn, indem sie aus gegenwärtiger Sicht in die Schemata der Erfahrung oder Deutungsmuster des Subjekts eingeordnet wird. (Legewie 2000)
Literatur
Zum Weiterlesen
- Honegger, Claudia (2001): Deutungsmusteranalyse reconsidered. In: Burkholz, Roland; Gärtner, Christel; Zehentreiter, Ferdinand (Hrsg.): Materialität des Geistes. Zur Sache Kultur – im Diskurs mit Ulrich Oevermann. Weilerswist: Velbrück, S. 107–136.
- Schütz, Alfred (1932): Der sinnhafte Aufbau der sozialen Welt. Wien: Julius Springer [Nachdruck Frankfurt a. M. 1974, Suhrkamp].
Zitierte Literatur und Belege
- Berger, Peter; Luckmann, Thomas (1970): Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit. Frankfurt a. M.: Suhrkamp.
- Bögelein, Nicole; Vetter, Nicole (Hrsg.) (2019): Der Deutungsmusteransatz. Weinheim, Basel: Beltz.
- Goffman, Erving (1974): Frame Analysis. London: Harper & Row.
- Herzinger, Richard (1999): Von rinks nach lechts. In: Die Zeit. Online unter: https://www.zeit.de/1999/45/199945.herzinger_.xml; Zugriff: 19.03.2026.
- Honegger, Claudia (2001): Deutungsmusteranalyse reconsidered. In: Burkholz, Roland; Christel Gärtner; Ferdinand Zehentreiter (Hrsg.): Materialität des Geistes. Zur Sache Kultur – im Diskurs mit Ulrich Oevermann. Weilerswist: Velbrück, S.. 107–136.
- Kohlstruck, Michael (2021): Nazi. In: Ranan, David (Hrsg.): Sprachgewalt. Bonn: Dietz, S. 223–232.
- Legewie, Heiner [1980] (2000): Alltagspsychologie. In: Asanger, Roland; Wenninger, Gerd (Hrsg.): Handwörterbuch Psychologie. Berlin: Directmedia.
- Müller, Burkhard (2019): Ohnmächtig die Hände ringen. In: Süddeutsche Zeitung. Online unter: https://www.sueddeutsche.de/kultur/nathaniel-rich-losing-earth-rezension-1.4498206; Zugriff: 19.03.2026.
- Neue Zürcher Zeitung (2021): Artikel vom 26.04.2021.
- Oevermann, Ulrich (1973): „Zur Analyse der Struktur von sozialen Deutungsmustern“. Unveröffentlichtes Manuskript (Berlin, MPI für Bildungsforschung).
- Schneider, Wolfgang (2019): Herman Melville zum 200. Geburtstag: Vom Walfänger zur Ikone der amerikanischen Literatur. In: Tagesspiegel. Online unter: https://www.tagesspiegel.de/kultur/vom-walfanger-zur-ikone-der-amerikanischen-literatur-4088065.html; Zugriff: 29.03.2026.
- Schütz, Alfred (1932): Der sinnhafte Aufbau der sozialen Welt. Wien: Julius Springer [Nachdruck Frankfurt a. M. 1974, Suhrkamp].
- Schütz, Alfred (1971, 1972): Gesammelte Aufsätze I: Das Problem der sozialen Wirklichkeit, II: Studien zur soziologischen Theorie. Den Haag: Niejhoff.
- Steinmetz, Jutta (2020): Gedenken an Luftangriffe auf Paderborn: „Erinnerung wird nie obsolet sein“. In: Neue Westfälische. Online unter: https://www.nw.de/lokal/kreis_paderborn/paderborn/22734690_Erinnerung-wird-nie-obsolet-sein.html; Zugriff: 19.03.2026.
- Südkurier (2020): Artikel vom 16.09.2021.
- Zehentreiter, Ferdinand (2001): Systematische Einführung. In: Burkholz, Roland; Christel Gärtner; Ferdinand Zehentreiter (Hrsg.): Materialität des Geistes. Zur Sache Kultur – im Diskurs mit Ulrich Oevermann. Weilerswist: Velbrück, S. 11–106.
Zitiervorschlag
Knobloch, Clemens (2025): Deutungsmuster. In: Diskursmonitor. Glossar zur strategischen Kommunikation in öffentlichen Diskursen. Hg. von der Forschungsgruppe Diskursmonitor und Diskursintervention. Veröffentlicht am 07.10.2025. Online unter: https://diskursmonitor.de/glossar/deutungsmuster/.
DiskursGlossar
Grundbegriffe
Begriffsgeschichte
Die Begriffsgeschichte lässt sich allgemein als eine historische Methode beschreiben, die den zeitlichen Wandel der Bedeutungen von bestimmten Ausdrücken untersucht. Da einzelne Worte nie isoliert begegnen und ihre jeweiligen Bedeutungen erst im Kontext größerer sprachlicher Zusammenhänge oder semantischer Felder greifbar werden, verbindet sie sich flexibel mit anderen Methoden historischer Semantik, wie etwa der Diskursgeschichte, der Argumentationsgeschichte oder der Metaphernforschung (Metaphorologie).
Diskurssemantische Verschiebung
Mit dem Begriff der diskurssemantischen Verschiebung wird in der Diskursforschung ein Wandel in der öffentlichen Sprache und Kommunikation verstanden, der auf mittel- oder län-gerfristige Veränderung des Denkens, Handelns und/oder Fühlens größerer Gesellschafts-gruppen hinweist.
Domäne
Der Begriff der Domäne ist aus der soziologisch orientierten Sprachforschung in die Diskursforschung übernommen worden. Hier wird der Begriff dafür verwendet, um Muster im Sprachgebrauch und kollektiven Denken von sozialen Gruppen nach situationsübergreifenden Tätigkeitsbereichen zu sortieren.
Positionieren
Positionieren ist Grundbestandteil menschlicher Kommunikation. Wann immer wir miteinander interagieren und kommunizieren, bringen wir uns selbst, andere und die Objekte, über die wir sprechen, in bestimmte Relationen zueinander.
Sinnformel
‚Wer sind wir? Woher kommen, wo stehen und wohin gehen wir? Wozu leben wir?‘ Auf diese und ähnliche existentielle Fragen geben Sinnformeln kondensierte Antworten, die in privaten wie sozialen Situationen Halt und Argumenten in politischen und medialen Debatten einen sicheren Unterbau geben können.
Praktik
Eine Praktik ist ein spezifisches, situativ vollzogenes und sinnhaftes Bündel von körperlichen Verhaltensweisen, an dem mehrere Menschen und Dinge beteiligt sein können (z. B. Seufzen, um Frust auszudrücken, oder einen Beschwerdebrief schreiben, Fußballspielen).
Kontextualisieren
Kontextualisieren wird im allgemeineren bildungssprachlichen Begriffsgebrauch verwendet, um das Einordnen von etwas oder jemandem in einen bestimmten Zusammenhang zu bezeichnen.
Narrativ
Mit der diskursanalytischen Kategorie des Narrativs werden Vorstellungen von komplexen Denk- und Handlungsstrukturen erfasst. Narrative in diesem Sinne gehören wie Schlagwörter, Metaphern und Topoi zu den Grundkategorien der Analyse von Diskursen.
Argumentation
Argumentation bezeichnet jene sprachliche Tätigkeit, in der man sich mithilfe von Gründen darum bemüht, die Richtigkeit einer Antwort auf eine bestimmte Frage zu erweisen. Das kann in ganz verschiedenen Situationen und Bereichen nötig sein, namentlich um eine poli-tische, wissenschaftliche, rechtliche, unternehmerische oder private Angelegenheit zu klären.
Hegemonie
Wie der britische Politikwissenschaftler Perry Anderson 2018 in einer umfassenden, historisch weit ausgreifenden Studie zum Gebrauch des Begriffs Hegemonie und seinen Konjunkturen beschreibt, liegen die historischen Wurzeln des Begriffs im Griechischen, als Bezeichnung für Führung (eines Staatswesens) mit Anteilen von Konsens.
Techniken
AI-Washing/KI-Washing
Unter AI-Washing ist die Praxis von Unternehmen oder Organisationen zu verstehen, Produkte, Dienstleistungen oder Geschäftsmodelle mit dem Etikett „Künstliche Intelligenz“ (KI bzw. „Artificial Intelligence“ (AI)) zu versehen, obwohl deren tatsächlicher Einsatz von KI-Technologien entweder stark übertrieben, nur marginal vorhanden oder überhaupt nicht gegeben ist.
Dogwhistle
Unter Dogwhistle wird in Teilen der Forschung eine doppeldeutige Äußerung verstanden, die eine offene und eine verdeckte Botschaft an jeweils eine Zuhörerschaft kommuniziert.
Demonstrieren
« Zurück zur ArtikelübersichtDemonstrieren Kategorie: TechnikenVerwandte Ausdrücke: Auf die Straße gehen, Straßenprotest, Kundgebung, öffentliche Versammlung, Mahnwache, Menschenkette, Marsch, SitzblockadenSiehe auch: Protest, Politische Aktion, Politische Bildung,...
Boykottaufruf
Der Boykottaufruf ist eine Maßnahme, die darauf abzielt, ein Ziel, also meist eine Verhaltensänderung des Boykottierten, hervorzurufen, indem zu einem Abbruch etwa der wirtschaftlichen oder sozialen Beziehungen zu diesem aufgefordert wird.
Tabuisieren
Das Wort Tabuisierung bezeichnet die Praxis, etwas Unerwünschtes, Anstößiges oder Peinliches unsichtbar zu machen oder als nicht akzeptabel zu markieren. Das Tabuisierte gilt dann moralisch als unsagbar, unzeigbar oder unmachbar.
Aus dem Zusammenhang reißen
Das Aus-dem-Zusammenhang-Reißen gehört in den Funktionskreis der Redewiedergabe bzw. der Wiedergabe kommunikativer Ereignisse. Es kann (1) als intentionale argumentativ-polemische Strategie für ganz unterschiedliche diskursive Zielsetzungen von Akteuren genutzt werden, oder (2) es kann SprecherInnen und SchreiberInnen in unbeabsichtigter, fehlerhafter Weise unterlaufen.
Lobbying
Lobbying ist eine Form strategischer Kommunikation, die sich primär an Akteure in der Politik richtet. Beim Lobbying wird ein Bündel von kommunikativen Tätigkeiten mit dem Ziel eingesetzt, die Entscheidungen von Personen mit politischem Mandat oder den Entstehungsprozess von neuen Gesetzestexten interessengeleitet zu beeinflussen.
Karten
Karten dienen dazu, Raumausschnitte im Hinblick auf ausgewählte Charakteristika so darzustellen, dass die Informationen unmittelbar in ihrem Zusammenhang erfasst und gut kommuniziert werden können. Dazu ist es notwendig, Daten und Darstellungsweisen auszuwählen und komplexe und oft umkämpfte Prozesse der Wirklichkeit in einfachen Darstellungen zu fixieren.
Pressemitteilung
Pressemitteilungen sind standardisierte Mitteilungen von Organisationen, die sich an Journalist:innen und andere Multiplikator:innen richten. Sie dienen der offiziellen und zitierfähigen Informationsweitergabe und übernehmen zugleich strategische Funktionen in der öffentlichen Kommunikation und Meinungssteuerung.
Shitstorm
Der Begriff Shitstorm beschreibt eine relativ junge Diskurskonstellation, die seit den 2010er Jahren an Bedeutung gewonnen hat und gemeinhin als Online-Wutausbruch bezeichnet wer-den kann.
Schlagwörter
Brückentechnologie
Ganz allgemein wird unter dem Schlagwort der Brückentechnologie sowohl in den öffentlichen Medien als auch in technisch und wirtschaftlich dominierten Kontexten eine Technologie verstanden, die zeitlich befristet eingesetzt werden soll, bevor in Zukunft der Übergang zu einer als sinnvoller eingeschätzten anderen Technologie möglich ist.
Deindustrialisierung
Der Ausdruck Deindustrialisierung (auch De-Industrialisierung oder als Verb deindustrialisieren) beschreibt im öffentlichen Sprachgebrauch eine negativ bewertete Form des Strukturwandels durch Rückgang von produzierendem Gewerbe.
Nachhaltigkeit
Nachhaltigkeit als ein Schlagwort des öffentlichen Diskurses bezieht sich ganz allgemein auf einen ressourcenschonenderen Umgang mit dem, was uns Menschen der Planet Erde bietet, mit dem Ziel, dass auch nachfolgende Generationen noch die Möglichkeit haben, ähnlich gut zu leben wie wir heute (Generationengerechtigkeit).
Echokammer
Der Begriff der Echokammer steht in seiner heutigen Verwendung vor allem im Zusammenhang mit der Nutzung Sozialer Medien. Er verweist metaphorisch auf einen digitalen Kommunikations- und Resonanzraum, in dem Mediennutzer*innen lediglich Inhalten begegnen, die ihre eigenen, bereits bestehenden Ansichten bestätigen, während abweichende Perspektiven und Meinungen ausgeblendet bzw. abgelehnt werden.
Relativieren
Der Ausdruck relativieren besitzt zwei zentrale Bedeutungsvarianten: In bildungssprachlichen und wissenschaftlichen Kontexten bezeichnet er eine analytische Praxis, bei der Aussagen, Begriffe oder Phänomene durch Bezugnahme auf andere Sachverhalte eingeordnet, differen-ziert und in ihrer Geltung präzisiert werden.
Massendemokratie
Geprägt wurde der Begriff Massendemokratie im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts von völkisch-konservativen Akteuren (prominent darunter Carl Schmitt 1926). Der Ausdruck Masse hatte damals bei den bürgerlichen Eliten eine rundum bedrohliche Assoziation.
Social Bots
Als Social Bots werden Computerprogramme bezeichnet, die in der Lage sind, in sozialen Medien Kommunikation menschlicher Nutzer*innen (teilweise) automatisiert nachzuahmen.
Kriegsmüdigkeit
Der Ausdruck Kriegsmüdigkeit bezeichnet die emotionale und physische Erschöpfung von Menschen, die einen Krieg erleben, sowie die gesellschaftliche und politische Ermüdung angesichts langanhaltender Konflikte. Er beschreibt den sinkenden Kampfeswillen bei Kriegsparteien und heute wird er auch für das wachsende Desinteresse an Kriegsthemen in Medien und Öffentlichkeit genutzt.
Woke
Der Ausdruck woke stammt aus dem afroamerikanischen Englisch und bezeichnete dort zunächst den Bewusstseinszustand der Aufgeklärtheit über die Verbreitung von rassistischen Vorurteilen und Diskriminierung unter Angehörigen ethnischer Minderheiten.
Identität
Unter Identität versteht man allgemein die Summe von Merkmalen, die Individuen oder sozialen Kollektiven – etwa Nationen, Organisationen oder sozialen Gruppen – als charakteristisch oder gar als angeboren zugeordnet werden.
Verschiebungen
Dehumanisierung
Mit Dehumanisierung bzw. Anthropomorphisierung werden solche kommunikativen Techniken und Praktiken bezeichnet, die Personen, Sachverhalten oder Gegenständen menschliche Eigenschaften ab- bzw. zusprechen. Dehumanisierung und Anthropomorphisierung können sowohl durch sprachliche Mittel als auch durch andere, z. B. bildliche, Zeichen vollzogen werden.
Kriminalisierung
Kriminalität meint ein Verhalten, das gegen ein Gesetz verstößt. Folglich bedeutet Kriminalisierung im engeren Sinne den Vorgang, durch den Verhalten ungesetzlich gemacht wird – indem Gesetze geschaffen werden.
Versicherheitlichung
In akademischen Kontexten wird Versicherheitlichung in Abgrenzung zu einem naiv-realistischen Sicherheitsverständnis verwendet. Dieses betrachtet Sicherheit als einen universell erstrebenswerten und objektiv feststellbaren Zustand, dessen Abwesenheit auf das Handeln von Akteuren zurückzuführen ist, die feindselig, kriminell, unverantwortlich oder zumindest fahrlässig agieren.
Ökonomisierung
Ökonomisierung wird in gegenwärtigen Diskursen in der Regel zur Bezeichnung von Prozessen verwendet, in denen die spezifisch wirtschaftlichen Funktions-Elemente wie Markt, Wettbewerb/Konkurrenz, Kosten-Nutzen-Kalküle, Effizienz, Gewinnorientierung in Bereiche übertragen werden, die zuvor teilweise oder ganz nach anderen Leitkriterien ausgerichtet waren
Moralisierung
Moralisierung verlagert Macht- und Interessenkonflikte in die Sphäre der Kommunikation von Achtung / Missachtung. Sie reduziert Ambivalenz zugunsten einer Polarisierung von gut und böse.
Konstellationen
Krise
Krise ist vom Wort mit fachsprachlicher Bedeutung zur Zeitdiagnose und einem zentralen Begriff der öffentlich-politischen Kommunikation geworden. Der öffentlich-politische Krisenbegriff ist dabei – unabhängig vom Gegenstand der Krise – in eine krisendiskurstypische Konstellation zur Begründung von krisenüberwindenden Handlungen eingebettet.
Partizipatorischer Diskurs
Partizipation ist mittlerweile von der Forderung benachteiligter Personen und Gruppen nach mehr Beteiligung in der demokratischen Gesellschaft zu einem Begriff der Institutionen selbst geworden: Kein Programm, keine Bewilligung mehr, ohne dass bestimmte Gruppen oder Personen dazu aufgefordert werden, für (mehr) Partizipation zu sorgen.
Skandal
Die Diskurskonstellation des Skandals zeichnet sich durch eine in den Medien aufgegriffene (bzw. durch sie erst hervorgerufene) empörte Reaktion eines erheblichen Teils der Bevölkerung auf einen tatsächlichen oder vermeintlichen Missstand aus. Die schuldhafte Verursachung dieses Missstandes wird dabei einem gesellschaftlichen Akteur zugeschrieben, dessen Handeln als ‚unmoralisch‘ gedeutet wird.
DiskursReview
Review-Artikel
Memes als moderne Propaganda – Eine sprach- und medienkritische Untersuchung
Digitale Kommunikationsformen prägen heutige gesellschaftliche Debatten weitaus stärker als die klassischen Medien. Ihr Einfluss auf die politische Meinungsbildung und die Ausbildung ideologischer Positionen ist inzwischen unverkennbar und zählt zu den markantesten Entwicklungen der digitalen Gegenwart. Besonders hervorzuheben sind Memes: Sie verbreiten sich schnell, arbeiten mit humoristischen Mitteln und verdichten komplexe Inhalte auf ein Minimum an Zeichen. In öffentlichen Diskursen werden sie daher nicht mehr als spielerisches Internetphänomen betrachtet, sondern als ernstzunehmendes Instrument politischer Kommunikation und den damit einhergehenden propagandistischen Strategien.
Zeitalter der Polykrisen – Was sagt die Polykrise über die Gegenwart und Zukunft?
Beim Durchscrollen der Tagesschlagzeilen ist einem in den letzten Jahr wahrscheinlich der Ausdruck Polykrise ins Blickfeld geraten. Solche Schlagzeilen in deutschsprachigen Medien lauten beispielsweise (1) „Klimawandel, Krieg in der Ukraine, Abstiegsängste – die Welt ist aus den Fugen geraten: Drei Bücher zeigen Wege aus der Polykrise“ (Friedl 2026); (2) „Kritische Psychotherapie: Psychotherapie in der Polykrise“ (Dicks 2026); (3) „Optimismus in der Polykrise“ (Kolev 2025); (4) „Was tun gegen die …
„Genderwahn“ als sprachkritische Abwertung: Eine kritische Betrachtung
„Die Debatte über Gendern und Nicht-Gendern kann ich schon nicht mehr hören. Soll es doch jeder machen, wie er es selbst will.“ Dieses Zitat äußert der ehemalige Bundeskanzler Olaf Scholz im Rahmen der Feier zugunsten des Grundgesetzes, welches im Jahre 2024 den 75. Geburtstag feierte (vgl. Steinkohl et al. 2024). Deutlich wird hierbei, dass die Thematik rund um das Gendern in der Politik aufgefasst wird. Allerdings wird gleichzeitig deutlich, dass die Debatte in der Öffentlichkeit stark kritisiert …
Klimaterroristen: Wie Sprache politische Fronten schafft
Der öffentliche Diskurs über Klimaaktivismus ist in den vergangenen Jahren zunehmend polarisiert. Vor diesem Hintergrund hat sich der Ausdruck Klimaterrorist zu einem politisch und gesellschaftlich stark aufgeladenen Schlagwort entwickelt, das im Jahr 2022 als „Unwort des Jahres“ gewählt wurde (vgl. 2020ff. – Unwort des Jahres). Seine Verwendung verweist auf Konflikte über Legitimität, Moral und Rechtmäßigkeit verschiedener Formen des Protests. Gleichzeitig fungiert der Begriff als sprachliches …
Negativ konnotierte Fremdzuschreibung durch diskriminierende Begriffe – Ein sprachkritischer Beitrag zur Bezeichnung „Kanake“ und dem Zukunftswort „Talahon“
„Gerade diese scheinbar ›milden‹ Formen des Rassismus, die über die Sprache transportiert werden, sind schwer zu bekämpfen, da vielen Menschen nicht klar zu sein scheint, welche Macht Sprache besitzt.“ (Kunz, 2021, S. 58).
Der Begriff „Kanake“ (teilweise auch „Kanacke“) bedeutet in seiner ursprünglichen Bedeutung Mensch und bezeichnete Bewohner*innen der Inselgruppe Neukaledoniens im südlichen Pazifik (vgl. Trost, 2002). Dem Gebrauch lag dabei die Charakterisierung einer spezifischen Gesellschaft …
Wenn aus Vielen Einer wird – Warum pauschale Nationsbezeichnungen sprachlich gefährlich sind
„In dieser Situation sind die Deutschen sehr unzufrieden mit der Arbeit der Politik.“ (Kinkartz, 2025), schreibt die Deutsche Welle im November 2025. Gemeint ist dabei keine einzelne Person oder klar definierte Gruppe, sondern eine ganze Nation, welche mit einem einzigen Artikel zu einem scheinbar einheitlichen Kollektiv zusammengefasst wurde. Solche Formulierungen sind kein Einzelfall. Ähnliche Beispiele, wie „Die Russen greifen an vielen Stellen an“ (Die Welt am Morgen, 2024), „Die Ukrainer …
Das Crazy, wenn Worte Brücken zwischen Generationen sprengen! – Eine sprachkritische Betrachtung von Jugendsprache: Mediale Darstellung, Generationenkonflikt und Pädagogische Einschätzung
Das Jugendwort des Jahres 2025 lautet „das Crazy“. Es meint: „Es gibt keine wirklich passende Antwort. Oder keine wirklich höfliche. Oder eine zu ausführliche, auf die der Antwortende aber gerade keine Lust hat. Oder einfach nur okay“ (Tagesschau, 2025). Torsten Sträter, Kabarettist und Vertreter der Generation X, hört es und stockt: „…das sind zwei Worte… [außerdem] fehlt eins… Vielleicht bin ich ein zu verknöcherter alter Mann geworden, dass ich mich über so eine Kacke… Wer es sagt – Ohrfeige“ …
„Stadtbild“ als politisches Schlagwort – Ein sprach- und medienkritischer Beitrag zur migrationspolitischen Äußerung von Friedrich Merz
Im Rahmen einer Pressekonferenz äußerte sich Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) am 14. Oktober 2025 bei einem Besuch in Brandenburg zur Migrationspolitik. Er verwies dabei auf sinkende Migrationszahlen sowie auf bereits geplante und umgesetzte Maßnahmen, insbesondere Rückführungen. Merz verwendete dabei den Ausdruck „Stadtbild“, der im gegebenen Kontext negativ konnotiert wurde und sich daraufhin innerhalb kurzer Zeit zu einem politischen Schlagwort entwickelte.
Ausgangspunkt war eine journalistische …
Sprache im Scroll-Modus – Brainrot, Memes und medienkritische Deutungen der kindlichen Kommunikation
Laut der KIM-Studie im Jahr 2024 nutzten 54 Prozent der 6- bis 13-Jährigen täglich das Internet (mpfs, 2024). Das sind 7 Prozent mehr als im Jahr 2022 (mpfs, 2024). Besonders auffällig ist, dass 23 Prozent dieser Altersgruppe täglich oder fast täglich TikTok verwenden, während Instagram nur von 11 Prozent genutzt wird (mpfs, 2024). Mit der intensiveren Nutzung der sozialen Medien gewinnen auch Memes an Bedeutung: Dabei handelt es sich um multimodale Inhalte aus Texten, Bildern, Videos, GIFs, Sounds …
Wenn ein Wort mehr sagt als ein Satz: Der Begriff „Klimakleber“ als Beispiel sprachlicher Rahmung
In einem Kommentar der Süddeutschen Zeitung erwähnt Mareen Linnarzt den Gedanken, dass Sprache lenkt, wie man denkt (vgl. Linnarzt und Steinke 2023). Diese Aussage verweist auf eine grundlegende Eigenschaft von Sprache, die im alltäglichen Mediengebrauch häufig wenig reflektiert wird. Medien verfügen über die Möglichkeit, einzelne Teilaspekte eines Themas hervorzuheben und andere in den Hintergrund zu rücken (vgl. Hasebrink). Auf diese Weise entstehen Deutungsrahmen, innerhalb derer Ereignisse …