DiskursGlossar

Zitieren

Kategorie: Techniken
Verwandte Ausdrücke: Redewiedergabe, Paraphrasieren, Bezugnahme
Siehe auch: Wiederholen, Perspektive, Kontextualisieren, Aus dem Zusammenhang reißen, Positionieren
Autorin: Hanna Völker
Version: 1.0 / Datum: 18.08.2026

Kurzzusammenfassung

Zitieren bezeichnet die Wiedergabe ausgewählter Text(teil)e in unterschiedlichen Kommunikationskontexten wie Alltag, Wissenschaft, Journalismus und Politik. Grundsätzlich kann Zitieren der möglichst wertneutralen Wiedergabe bzw. Verweisung auf fremde Aussagen dienen, aber auch zur strategischen Positionierung eingesetzt werden. Auch in wissenschaftlichen Texten erfüllt das Zitieren neben der formal korrekten Bezugnahme auf fremde Aussagen u. a. argumentationsstützende Funktionen. In der öffentlich-politischen Kommunikation tritt die strategisch-persuasive Funktion jedoch besonders deutlich hervor: Politische Akteure wählen Textausschnitte aus, binden sie durch die Wiedergabe in neue Kontexte ein und verknüpfen sie mit eigenen Meinungskundgaben, um bestimmte Perspektiven hervorzuheben und die Adressierten zu überzeugen. Zitieren in öffentlich-politischen Diskursen kann daher als funktional eingesetzte kommunikative Praktik der Perspektivierung und strategischen Positionierung gelten.

Erweiterte Begriffsklärung

Das Zitieren ist eine grundlegende sprachliche Praktik der Wiedergabe von Text(teil)en in Alltags-, Fach-, journalistischer und politischer Sprachverwendung. Je nach Kommunikationskontext und kommunikativen Zielen kann es dabei unterschiedliche Funktionen erfüllen: Zitieren kann der Bezugnahme auf fremde Aussagen, der Anerkennung geistigen Eigentums, der eigenen Positionierung sowie der argumentativen und persuasiven Unterstützung von Aussagen dienen. In öffentlichen politischen Diskursen tritt insbesondere die strategisch-persuasive und rekontextualisierende Funktion hervor: Zitate werden von den sprachhandelnden Akteuren selektiert und gerahmt und dadurch in neue kommunikative Zusammenhänge eingebunden. Die Auswahl und Einbettung von Textausschnitten unterliegen dabei den jeweiligen kommunikativen Zielen der Akteure. Die Akteure wählen Text(ausschnitt)e zur Wiedergabe aus, setzen diese(n) in Bezug zu ihren eigenen Positionen und nehmen damit ebenso Bezug auf die zitierten Akteure und deren Standpunkte und Meinungen. Zudem haben Diskurstheorien (vgl. etwa Foucault 1974, 1981 [1973]; Berger/Luckmann 2018 [1969]) darauf hingewiesen, dass Sachverhalte und Ideen durch Sprachgebrauchsweisen nie neutral abgebildet, sondern stets perspektiviert dargestellt und sprachlich-kommunikativ ko-konstruiert werden. Die subjektiven oder gruppenspezifischen (etwa parteipolitischen) Perspektiven der Akteure gehen in die Art und Weise der Darstellung von Personen, Gegenständen und Sachverhalten ein und bilden sich in ihnen ab.

Die wissenschaftlichen Disziplinen der Sprachphilosophie und der Linguistik haben sich mit dem Zitieren aus unterschiedlichen Perspektiven gewidmet. In der Sprachphilosophie wurde mit den Unterscheidungen zwischen „Objektsprache“ und „Metasprache“ (Tarski 1956; Carnap 1958) bzw. „Gebrauch“ und „Erwähnung“ (Quine 1985) darauf verwiesen, dass es sich bei der Redewiedergabe um eine metasprachliche, lediglich wiederholende bzw. ‚erwähnende‘ Form der Sprachverwendung handele. Demgegenüber betont Derrida (2001) die Iterabilität als allgemeines Merkmal von Sprachgebrauch im diachronen Zeitverlauf: sprachliche Zeichen seien immer zitathaft. Iterabilität basiert darauf, dass Texte stets ineinander eingehen und aufeinander Bezug nehmen. Auch die Dialogizitätstheorie nach Bachtin (1985) betont, dass jede Äußerung auf andere Äußerungen – „Stimmen“ – antwortet oder sie antizipiert. Diese Vielstimmigkeit eigener und fremder Worte wird im Zitieren explizit gekennzeichnet und sichtbar. In der Linguistik ist das Zitieren als eine Form der Redewiedergabe in formaler und funktionaler Hinsicht untersucht worden (vgl. Arendholz et al. 2015; Brendel et al. 2011).

Das Zitieren als Praktik und Zitate als ihr Produkt können in Metakommunikation eingebunden sein, innerhalb derer sie die sprachliche Einheit, auf die kommentierend und evaluierend Bezug genommen wird, identifizieren. Das Zitieren kann aber auch selbst schon als metakommunikativer Akt verstanden werden (vgl. Bublitz/Hoffmann 2011; Busch et al. 2022). Zitate sind nicht lediglich Wiederholungen, sondern Reflexionen des zitierten Textes, bei denen dieser in einen neuen Kontext gestellt wird. Die mit Zitaten einhergehenden Änderungen bzw. Aktualisierungen des Bezugstextes können auf mindestens zwei verschiedene Weisen erfolgen (vgl. Bublitz/Hoffmann 2011: 434):

  • Änderungen des Kontexts: Der Bezugstext wird aus dem ursprünglichen Kontext seiner Produktion in einen neuen, den aktuellen, (Äußerungs-)Kontext versetzt. Für das vollständige Verständnis müssen der zitierende Akteur und der*die Rezipient*in Wissen um beide Kontexte (Autor*in des Bezugstextes, Funktion usw.) aufweisen.
  • Änderungen des thematischen Fokus: Mit Zitaten geht eine Aufmerksamkeitsfokussierung einher, bei denen sich die Rezipient*innen auf den Text der Zitathandlung fokussieren.

Das Zitieren ist gemäß Bublitz (2015) und Bublitz/Hoffmann (2011) durch eine musterhafte Handlungsstruktur gekennzeichnet: Ein*e Zitierer*in

  1. greift einen fremden (oder eigenen) Ausgangstext (T1) auf und verschiebt ihn aus seinem ursprünglichen, vorherigen Kontext (C1) in den aktuellen Kontext (C2) als Zieltext (T2), und dabei
  2. lenkt er*sie die Aufmerksamkeit des*r Rezipienten*in auf T2 und unterbricht damit die Themenprogression der laufenden Interaktion,
  3. und stellt T2 entweder explizit (verbal) oder implizit (prosodisch oder kinesisch) in eine neue (evaluative) Perspektive.
  4. Sowohl T1 als auch C1 werden als gemeinsames Wissen (unterstellt bzw.) ausgewiesen.
    (vgl. Bublitz und Hoffmann 2011: 434; Bublitz 2015: 4; eigene Übers. HV)

Der pragmatische ‚Mehrwert‘ von Zitaten ist es, dass damit nicht nur der Bezugstext, sondern auch sein*e Autor*in bewertet werden kann (vgl. Bublitz/Hoffmann 2011: 443; siehe auch Positionierung). Durch die Rekontextualisierung von Texten durch ihre Eingliederung in neue (Äußerungs-)Kontexte wird die Funktion der Bezugstexte gemäß der aktuellen Kommunikationszwecke aktualisiert, indem die Zitierenden ihre Interpretation und Bewertung mit ihnen verknüpfen.

Das Zitieren unterscheidet sich in seiner Form und Funktion vom Paraphrasieren, einer weiteren Ausprägung der Wiederaufnahme von Text. Im Falle des Zitierens werden Ausdrücke und Äußerungen wiedergegeben, während beim Paraphrasieren der Fokus auf der Wiederaufnahme von Inhalten liegt. Formal initiiert und angezeigt werden die sprachlichen Handlungen durch Zitationsindikatoren wie beispielsweise ich zitiere oder x hat gesagt bzw. „Paraphrasen-Indikatoren“ (Gülich/Kotschi 1987: 227) wie mit anderen Worten oder anders gesagt. Unterschieden werden kann somit zwischen einem ausdrucksbezogenen und inhaltsbezogenen Wiedergabeinteresse (Wiedergabe „de dicto“ bzw. „de re“). Bei der Wiedergabe de dicto besteht ein Interesse an der Übermittlung geäußerter Worte und damit der Ausdrucksseite des zitierten/wiedergegebenen Bezugstextes; bei einer Wiedergabe de re liegt das Interesse in der Übermittlung der inhaltsseitigen Bedeutung (vgl. Lucy 1993: 14).

In der öffentlich-politischen Kommunikation stellt Zitieren eine mehrfunktionale kommunikative Praktik dar. Zitierhandlungen sind pragmatisch komplex, da sich mit dem Zitieren weitere, übergeordnete Handlungen in instrumental-finaler Weise verbinden (vgl. Polenz 1989): Akteure zitieren, um einen Standpunkt zu begründen, zu bewerten, zu widerlegen oder einen Sachverhalt zu erläutern (usw.). Zitate können etwa als Belege zur argumentativen Stützung einer Evaluation/Kritik des/am Text bzw. seinem*r Emittenten*in angeführt werden.

Mit dem Zitieren verbunden sind Bewertungen, die sich beziehen können

  • auf die sprachliche Form des zitierten Textes (etwa in Bezug auf Fragen der political correctness oder der Verhandlung von (Un-)Sagbarkeiten im Kontext von Tabuisierungen)
  • auf die Inhalte und Forderungen und/oder
  • auf die zitierten Akteure – als so-Sprechende – selbst (bzw. auf ihre Funktion als Repräsentant*innen einer Partei bzw. sozialen oder politischen Gruppe).

Es ist diese evaluative Funktion des Zitierens, die in kontrovers geführten öffentlichen Debatten das zentrale Motiv für das Anführen eines Zitats darstellt. Die Akteure verbinden mit der Redewiedergabe ein stancetaking (vgl. Du Bois 2007): Sie nehmen eine eigene Haltung (stance) gegenüber dem zitierten Text ein, indem sie ihn evaluieren und schließen sich so dem Standpunkt des*r Emittenten*in des Bezugstextes an oder grenzen sich davon ab („Alignment“) (vgl. Völker im Druck/2026; Gruber 2015). In öffentlich-politischer Streitinteraktion und Machtkämpfen dienen Zitierhandlungen den Akteuren zudem dazu, die eigene Glaubwürdigkeit und Autorität zu erhöhen, indem Expertenstimmen zitiert werden, sowie zur Herstellung oder Verstärkung von Gruppenidentitäten, indem die Akteure sich gemeinsam affirmativ zu den zitierten Aussagen der Eigengruppe oder abgrenzend zu den zitierten Aussagen einer Fremdgruppe ausrichten (vgl. Bublitz 2015).

Zitate fungieren zudem als Anker, die den Bezug zu vorgängigen Texten formal und inhaltlich herstellen und anzeigen sowie Textkohärenz herstellen. Übernahmestrukturen bzw. Wiedergaben von textuellen Elementen vorangegangener Äußerungen sind darüber hinaus ein zentrales Mittel der Herstellung von Dialogizität etwa in Parlamentsdebatten oder politischen Talkshowdiskussionen. Im diachronen Zeitverlauf sind Zitate damit an der Herausbildung von Intertextualität beteiligt, indem stets Sprachgebrauch wiedergegeben, miteinander verknüpft, aktualisiert und rekontextualisiert wird.

Falschzitate, bei denen Akteuren wörtliche Äußerungen zugeschrieben werden, die sie nicht oder nicht in dieser Form getätigt haben, können zum Gegenstand öffentlicher Auseinandersetzung, Problematisierung und ggfs. auch Skandalisierung werden. Dabei stehen insbesondere die Urheberschaft (Wer hat die Äußerung getätigt?), ihre sprachliche Form (Wie lautet die Äußerung im Original?) sowie ihr Inhalt bzw. Kontext im Zentrum der Auseinandersetzung: Was war mit der Äußerung eigentlich gemeint und wie verändert sich ihre Bedeutung und Funktion durch die Rekontextualisierung? Falschzitate können darüber hinaus rechtliche Fragen aufwerfen, etwa wenn durch die falsche Zuschreibung der Ruf einer Person geschädigt wird. Zu den Gegenstrategien zählen öffentliche Korrekturen, Zurückweisungen oder Skandalisierungen eines Falschzitates, wie das nachfolgende Beispiel (1) zeigt. Zitationen werden damit nicht nur zur strategischen Perspektivierung und Positionierung eingesetzt, sondern auch selbst zum Gegenstand von Aushandlungen über Urheberschaft und angemessene Interpretation.

Beispiele

(1) Ein aktuelles Falschzitat aus dem journalistischen Bereich liegt mit dem Fall der Berliner Zeitung vor, die eine Äußerung aus dem Podcast „Fest und Flauschig“ von Jan Böhmermann und Olli Schulz in einem Artikel zitierte. Im Artikel vom 13.10.2025 hieß es, Jan Böhmermann habe den Journalisten Ulf Poschardt eine saure Froschfresse genannt. Ein gerichtliches Urteil verpflichtete die Zeitung zur Korrektur des Berichts sowie einer Geldstrafe (vgl. DER SPIEGEL 08.07.2026).

Bezugsäußerung: Also an Poschardts Stelle hätte ich dieses Interview nicht, hätte ich gesagt, sorry, Leute, das machen wir noch mal in ein paar Wochen, wenn es mir, wenn ich wieder geistig auf der Höhe bin. Weil ähm man kann es wirklich sagen, Melanie Amann hat den Typen komplett auseinandergenommen, und das, was mich am meisten gewundert hat, ist, wie kann man so substanzlos und ohne jedes Gegenargument sich so brechen lassen vor der Kamera und dann einfach mit so ner sauren Froschfresse sich das alles gefallen lassen und nicht ein einziges gutes Gegenargument […]. (Schulz, Olli; Folge 11.10.2025, Minute 27:41-28:10; Herv. HV)

Die nachträgliche Korrektur des Zitates durch die Berliner Zeitung wird von DER SPIEGEL wie folgt dokumentiert:

Die »Berliner Zeitung« musste den Text »Grenzen der Satire? Böhmermann und Schulz im Streit um Ton und Verantwortung« um eine Richtigstellung ergänzen: »Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Fassung des Artikels hieß es, Jan Böhmermann habe Ulf Poschardt als ›Saure Froschfresse‹ bezeichnet. Diese Aussage war unzutreffend und wurde korrigiert.« In den Text ist jetzt das korrekte Zitat von Schulz eingebunden. (DER SPIEGEL 08.07.2026)

In der Gegenüberstellung von Bezugsäußerung und Zitat wird deutlich, dass hierbei ein Falschzitat vorliegt, welches sich sowohl auf die fehlerhafte Zuschreibung zum Produzenten der Äußerung begründet (worauf sich das Gerichtsurteil bezieht), als auch auf die rekontextualisierende und verkürzende Wiedergabe selbst, insofern aus der Beschreibung der Mimik und Haltung – ‚sich eine einseitige Argumentation mit einer so sauren Froschfresse gefallen lassen‘ – im Zitat eine beleidigende Personenbezeichnung – ‚Person xy ist eine saure Froschfresse‘ – wurde.

(2) Mit Blick auf die Funktionalität des Zitierens als kommunikative Praktik in strategisch geprägten Kommunikationskontexten werden im weiteren Verlauf Auszüge aus Plenarprotokollen des Deutschen Bundestags vorgestellt. Die Belege entstammen Debatten aus dem Diskurs um Ein- und Zuwanderung nach Deutschland. Sie veranschaulichen, wie durch zitierende Bezugnahmen auf fremde Rede Bewertungen (Evaluationen) und Positionierungen vorgenommen sowie Sachverhalte und Personen/Sprecher*innen perspektiviert werden (s. Völker 2026, im Druck).

Ich möchte noch einmal die Bundeskanzlerin ansprechen. Ich danke ihr ausdrücklich für ihre Entscheidung, die Menschen, die in Ungarn festgesessen haben, ins Land zu lassen. [Beifall] Lassen Sie mich folgenden Satz zitieren: „Wenn wir uns jetzt noch entschuldigen müssen dafür, dass wir in Notsituationen ein freundliches Gesicht zeigen, dann ist das nicht mein Land.“ Ich halte diesen Satz schon heute für einen der wichtigsten Sätze ihrer Kanzlerschaft. (Dr. Lars Castellucci, SPD, DB 18124, S. 30: 1211)

Der parlamentarische Redner verbindet mit dem Zitieren einer Äußerung eine explizite inhaltsseitige Bewertung dieser wiedergegebenen Äußerung – Ich halte diesen Satz schon heute für einen der wichtigsten Sätze ihrer Kanzlerschaft – sowie seiner Produzentin. Formal angezeigt wird das Zitat durch den Redner mittels Verwendung des Sprechverbs (Verbum dicendi) zitieren, und im stenografischen Protokoll typografisch durch den Doppelpunkt vor dem Zitat und die rahmenden Anführungszeichen. Mit der Kommentierung des Zitates durch den Redner im Anschluss an die Redewiedergabe bewertet der Redner die Aussage und positioniert sich damit selbst (ich halte [Zitat/sprachliche Bezugseinheit] für [Evaluation]). Die Produzentin des Bezugstextes – die damalige Bundeskanzlerin Angela Merkel – ist aus der textuellen Umgebung unmittelbar vor dem Zitat erschließbar, anderes kontextuelles Wissen wird vorausgesetzt: Das Wissen darüber, dass mit dem Ausdruck Notsituationen auf gesellschaftliche Situationen zu Beginn der sogenannten Flüchtlingskrise im Sommer 2015 referiert wird, und dass die damalige Bundeskanzlerin diese Äußerung im September 2015 zur Rechtfertigung ihrer Migrationspolitik tätigte, wird innerhalb der Zitathandlung als geteiltes Wissen vorausgesetzt und etabliert.

(3) Im folgenden Beispiel zitiert der Redner eine von seinem Vorredner gebrauchte Formulierung, um an ihr Kritik zu üben: 

Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Ich wiederhole, was Herr Dr. Wirth gesagt hat – ich habe es richtig verstanden –: Er nannte Seenotrettung „Abholservice im Mittelmeer“. Das ist wieder mal ein Klassiker aus dem Wörterbuch des Unmenschen. Sie müssen mir mal erklären, wie Sie das begründen können, wo Sie doch touristische Reisen nach Syrien unternehmen, sich gerne mit Diktatoren treffen und dann noch für Fluchtursachen sorgen und die bestärken. Deshalb seien Sie mal ganz ruhig, wenn Sie solche Wörter verwenden! Es ist beschämend, so was in unserem Parlament hören zu müssen. (Helge Lindh, SPD, DB 19221, S. 172: 20)

Die hier zitierte Äußerung Abholservice im Mittelmeer dient der Sprachkritik an der strategisch perspektivierenden Bezeichnung Abholservice, welcher der Redner das Wort Seenotrettung gegenüberstellt. Die Bezeichnungskonkurrenz (vgl. Hermanns 1994) verdeutlicht auf der sprachlichen Ebene, welche konkurrierenden politischen Positionen die Sprecher vertreten. Dabei wird die Sachverhaltsperspektivierung durch das zitierte und kritisierte Wort Abholservice im Kommentar des Redners explizit hervorgehoben, wenn dieser von touristische[n] Reisen nach Syrien spricht und dabei das Bedeutungsmerkmal eines ‚Services‘ bzw. ‚Beförderungsangebotes‘ herausstellt (vgl. Duden 2026). Damit vollzieht sich mit dem Zitat und seiner kritischen Kommentierung auch eine Distanzierung der Akteure, die sich unterschiedlich politisch positionieren.

(4) Das abschließende Beispiel veranschaulicht eine spezifische Form der Redewiedergabe, bei der mit dem Verbum dicendi sagen keine vergangenen Äußerungen zitiert oder anderweitig wiedergegeben werden. Der parlamentarische Redner inszeniert im Beispiel vielmehr einen Dialog, indem er fremde – bzw. potenziell zukünftige – Äußerungen imaginiert (vgl. Günthner 1997).

Jetzt kommt noch ein weiteres schwieriges Thema. Es wird im Zweifel nicht allein aus der Luft möglich sein, sondern es muss am Boden einiges getan werden. Jetzt fragt mich Frau Göring-Eckardt sicher: Wollen Sie auf einmal Bodentruppen entsenden, obwohl Sie doch etwas ganz anderes gesagt haben? Ich sage: Nein, das will ich nicht. Das machen wir auch nicht. – Bei der Klausurtagung des Fraktionsvorstandes hatten wir den jordanischen Außenminister zu Gast. Bei der Tagung in New York, bei der es um Religionsfreiheit weltweit ging, haben sich dazu christliche und auch muslimische Theologen aus dieser Region geäußert. Sie sagen: Das ist nicht eure Aufgabe, sondern es ist unsere Aufgabe. Die müssen wir machen, nicht ihr im Westen müsst den IS in die Schranken weisen. Das ist unsere Aufgabe. Die müssen wir als Muslime annehmen. Wenn Länder wie Jordanien sagen, dass sie das tun müssen, dann müssen wir sie bei dieser Aufgabe unterstützen und ihnen helfen, dass sie diese Aufgabe bewältigen können. Hier müssen wir auch sagen – ich will jetzt niemanden von meinen Kollegen aus anderen Fraktionen des Deutschen Bundestages zitieren –: Es gibt Situationen, wo ISIS allein mit Worten nicht daran gehindert werden kann, den Menschen die Köpfe abzuschneiden. Das gehört auch zur ganzen Wahrheit, meine sehr verehrten Damen und Herren. (Volker Kauder, CDU, DB 18124, S. 28: 1760)

Diese Form des Zitierens ist in ein storytelling eingebunden: Die Inszenierung eines Dialoges erlaubt es dem Redner, in einer argumentativen narrativen Sequenz auf die zugewiesenen imaginierten Reaktionen einer anderen Politikerin zu reagieren, um mögliche Kritikpunkte der politischen Gegenseite an seinem Standpunkt bereits vorwegzunehmen.

Literatur

Zum Weiterlesen

  • Butterworth, Judith (2015): Redewiedergabeverfahren in der Interaktion. Individuelle Variation bei der Verwendung einer kommunikativen Ressource. Heidelberg: Universitätsverlag.
  • Freudenberg-Findeisen, Renate (2025): „Redewiedergabe“. In: Schierholz, Stefan J.; Giacomini, Laura (Hrsg.): Wörterbücher zur Sprach- und Kommunikationswissenschaft (WSK) Online. Berlin; Boston: De Gruyter.

Zitierte Literatur und Belege

  • Arendholz, Jenny; Bublitz, Wolfram; Kirner-Ludwig, Monika (Hrsg.) (2015): The Pragmatics of Quoting Now and Then. Berlin; Boston: De Gruyter.
  • Bachtin, Michail (1985): Probleme der Poetik Dostoevskijs. Frankfurt a. M. u. a.: Ullstein.
  • Berger, Peter L.; Luckmann, Thomas [1969] (2018): Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit. Eine Theorie der Wissenssoziologie. 27. Aufl. Frankfurt a. M.: Fischer.
  • Brendel, Elke; Meibauer, Jörg; Steinbach, Markus (Hrsg.) (2011): Understanding Quotation. Berlin, New York: De Gruyter.
  • Bublitz, Wolfram (2015): Introducing Quoting as a Ubiquitous Meta-communicative Act. In: Arendholz, Jenny; Bublitz, Wolfram; Kirner-Ludwig, Monika (Hrsg.): The Pragmatics of Quoting Now and Then. Berlin; Boston: De Gruyter, S. 1–26.
  • Bublitz, Wolfram; Hoffmann, Christian R. (2011): „Three men using our toilet all day without flushing – This may be one of the worst sentences I’ve ever read“: quoting in CMC. In: Frenk, Joachim; Steveker, Lena (Hrsg.): Proceedings: Anglistentag 2010 Saarbrücken. Trier: WVT Wissenschaftlicher Verlag Trier, S. 433–447.
  • Busch, Florian; Droste, Pepe; Wessels, Elisa (Hrsg.) (2022): Sprachreflexive Praktiken. Empirische Perspektiven auf Metakommunikation. Berlin; Heidelberg: Metzler.
  • Carnap, Rudolf (1958): Introduction to Symbolic Logic and its Applications. New York: Dover Publications.
  • Derrida, Jacques (2001): Signatur Ereignis Kontext. In: Derrida, Jacques: Limited Inc. Aus dem Französischen von Werner Rappl unter Mitarbeit von Dagmar Travner. Dt. Erstausg. Hrsg. v. Peter Engelmann. Wien: Passagen Verlag, S. 15–45.
  • DER SPIEGEL (08.07.2026): Falschdarstellung in Medienbericht. Berliner Zeitung verliert gegen Böhmermann im Streit über „saure Froschfresse“. Online unter: https://www.spiegel.de/kultur/jan-boehmermann-vs-berliner-zeitung-gericht-ruegt-bericht-ueber-saure-froschfresse-a-5cdd2f14-937f-4b41-bee6-5f6700b975f4?sara_ref=re-xx-cp-sh ; Zugriff: 19.07.2026.
  • Du Bois, John W. (2007): The stance triangle. In: Englebretson, Robert (Hrsg.): Stancetaking in Discourse. Subjectivity, Evaluation, Interaction. Amsterdam; Philadelphia: Benjamins, S. 139–182.
  • Duden-Onlinewörterbuch (2026): „Abholservice“. Online unter: https://www.duden.de/rechtschreibung/Abholservice ; Zugriff: 25.02.2026.
  • Ekström, Mats (2001): Politicians Interviewed on Television News. In: Discourse & Society, Jg. 12, Heft 5, S. 563–584.
  • Foucault, Michel (1974): Die Ordnung des Diskurses. Inauguralvorlesung am Collège de France, 2. Dezember 1970. Übers. von Walter Seitter. München: Hanser.
  • Foucault, Michel [1973] (1981): Archäologie des Wissens. Übers. von Ulrich Köppen. Frankfurt a. M.: Suhrkamp.
  • Gülich, Elisabeth; Kotschi, Thomas (1987): Reformulierungshandlungen als Mittel der Textkonstitution. Untersuchungen zu französischen Texten aus mündlicher Kommunikation. In: Motsch, Wolfgang (Hrsg.): Satz, Text, sprachliche Handlung. Berlin: Akademie Verlag, S. 199–261.
  • Günthner, Susanne (1997): Direkte und indirekte Rede in Alltagsgesprächen. Zur Interaktion von Syntax und Prosodie in der Redewiedergabe. In: Schlobinski, Peter (Hrsg.): Syntax des gesprochenen Deutsch. Opladen: Westdeutscher Verlag, S. 227–262.
  • Gruber, Helmut (2015): Policy-oriented argumentation or ironic evaluation. A study of verbal quoting and positioning in Austrian politicians’ parliamentary debate contributions. In: Discourse Studies, Jg. 17, Heft 6, S. 682–702.
  • Hermanns, Fritz (1994): Schlüssel-, Schlag- und Fahnenwörter. Zu Begrifflichkeit und Theorie der lexikalischen „politischen Semantik“. Heidelberg; Mannheim: Univ. Mannheim.
  • Lucy, John Arthur (Hrsg.) (1993): Reflexive language. Reported Speech and Metapragmatics. Cambridge u.a.: Cambridge University Press.
  • Pascual Olivé, Esther (2014): Fictive Interaction. The conversation frame in thought, language, and discourse. Amsterdam; Philadelphia: Benjamins.
  • Polenz, Peter von (1989): Verdünnte Sprachkultur. Das Jenninger-Syndrom in sprachkritischer Sicht. In: Deutsche Sprache. Zeitschrift für Theorie, Praxis, Dokumentation, Heft 17, S. 289–307.
  • Schulz, Olli (11.10.2025): Folge „Die Spinne hat kein Netz“, Spotify-Podcast „Fest und Flauschig“ von Olli Schulz und Jan Böhmermann. Online unter: https://open.spotify.com/episode/4xio0uBb7zxJRmQVic8hZh?si=b30b7930b0ca4664 ; Zugriff: 19.07.2026.
  • Stalnaker, Robert (2002): Common Ground. In: Linguistics and Philosophy, Jg. 25, Heft 5, S. 701–721.
  • Tarski, Alfred (1956): The Concept of Truth in Formalized Languages. In: Tarski, Alfred: Logic, Semantics, Mathematics. Oxford: Clarendon Press, S. 152–278.
  • Völker, Hanna (im Druck/2026): Metakommunikation. Interaktional-diskurslinguistische Analyse des Zu- und Einwanderungsdiskurses. Berlin; Boston: De Gruyter.
  • Quine, W. V. O. [1940] (1985): Grundzüge der Logik. Frankfurt a. M.: Suhrkamp.
  • Deutscher Bundestag, Plenarprotokoll 18/124 vom 24.09.2015 und 19/221 vom 15.04.2021. Online unter: https://dserver.bundestag.de/btp/18/18124.pdf und https://dserver.bundestag.de/btp/19/19221.pdf ; Zugriff: 25.02.2026.

Zitiervorschlag

Völker, Hanna (2026): Zitieren. In: Diskursmonitor. Glossar zur strategischen Kommunikation in öffentlichen Diskursen. Hg. von der Forschungsgruppe Diskursmonitor und Diskursintervention. Veröffentlicht am 18.08.2026. Online unter: https://diskursmonitor.de/glossar/zitieren.

DiskursGlossar

Grundbegriffe

Akteur

Als Akteur oder Diskursakteur werden in der Diskursforschung meist Gruppen oder Grup-penstellvertreter verstanden, die mit kommunikativen Mitteln in der Öffentlichkeit versuchen, ihre Deutungen und Ressourcenansprüche gegen Rivalen durchzusetzen.

Diskursfigur

Diskursfiguren – wie der Held oder der Experte, das Genie, der Gefährder, Gutmensch, Nerd oder Psychopath – sind im medial-politischen Diskurs konstruierte und verbreitete Vorstellungen von Handlungsträgern, die stereotyp mit bestimmten Eigenschaften assoziiert werden. Sie erhalten durch musterhaften Sprachgebrauch, aber auch durch bildhafte Darstellungen eine kommunizierbare, wiedererkennbare Kontur.

Repräsentative Anekdote

Repräsentative Anekdote bezeichnet ein modellhaftes Kurznarrativ, das in Theorien, Weltanschauungen und komplexen Erklärungen selektiv reproduziert wird. So ist z.B. das „survival of the fittest“ (‚die Stärksten überleben‘) die repräsentative Anekdote, die in allen darwinistischen, sozialdarwinistischen und neodarwinistischen Theorien und Deutungsmustern als Modell dient und variabel ausgearbeitet wird.

Begriffsgeschichte

Die Begriffsgeschichte lässt sich allgemein als eine historische Methode beschreiben, die den zeitlichen Wandel der Bedeutungen von bestimmten Ausdrücken untersucht. Da einzelne Worte nie isoliert begegnen und ihre jeweiligen Bedeutungen erst im Kontext größerer sprachlicher Zusammenhänge oder semantischer Felder greifbar werden, verbindet sie sich flexibel mit anderen Methoden historischer Semantik, wie etwa der Diskursgeschichte, der Argumentationsgeschichte oder der Metaphernforschung (Metaphorologie).

Diskurssemantische Verschiebung

Mit dem Begriff der diskurssemantischen Verschiebung wird in der Diskursforschung ein Wandel in der öffentlichen Sprache und Kommunikation verstanden, der auf mittel- oder län-gerfristige Veränderung des Denkens, Handelns und/oder Fühlens größerer Gesellschafts-gruppen hinweist.

Domäne

Der Begriff der Domäne ist aus der soziologisch orientierten Sprachforschung in die Diskursforschung übernommen worden. Hier wird der Begriff dafür verwendet, um Muster im Sprachgebrauch und kollektiven Denken von sozialen Gruppen nach situationsübergreifenden Tätigkeitsbereichen zu sortieren.

Ideologie

Der Begriff Ideologie weist im Wesentlichen drei unterschiedliche Bedeutungen auf: Erstens kann er ein trügerisches, realitätsfernes oder dogmatisches Denken bezeichnen; so eignet er sich auch als Schlagwort bzw. politischer Kampfbegriff. Zweitens kann er auf eine sozial bedingte Weltanschauung oder ein umfassendes Ideen- und Wertesystem verweisen. Drittens kann mit Ideologie ein politisches Programm gemeint sein, welches Vorstellungen über gesellschaftliche Ordnung sowie Ziele für politisches Handeln beinhaltet.

Positionieren

Positionieren ist Grundbestandteil menschlicher Kommunikation. Wann immer wir miteinander interagieren und kommunizieren, bringen wir uns selbst, andere und die Objekte, über die wir sprechen, in bestimmte Relationen zueinander.

Deutungsmuster

Unter einem Deutungsmuster wird die problem- und lösungsbezogene Interpretation gesellschaftlicher und politischer Tatbestände verstanden, die Aussicht auf Akzeptanz in sozialen Gruppen hat. Der Begriff des Deutungsmusters hat Ähnlichkeit mit den Begriffen der Theorie und Ideologie. Meist werden gesellschaftlich verbreitete Leitdeutungen, die oft mit Schlagwörtern und Argumentationsmustern einhergehen (wie Globalisierung, Kapitalismus, Leistungsgesellschaft, Chancengleichheit etc.) als Beispiele für Deutungsmuster genannt.

Sinnformel

‚Wer sind wir? Woher kommen, wo stehen und wohin gehen wir? Wozu leben wir?‘ Auf diese und ähnliche existentielle Fragen geben Sinnformeln kondensierte Antworten, die in privaten wie sozialen Situationen Halt und Argumenten in politischen und medialen Debatten einen sicheren Unterbau geben können.

Techniken

Whataboutism

Whataboutism (auch Whataboutismus) bezeichnet zum einen eine rhetorische Praktik, zum anderen wird der Ausdruck als Schlagwort verwendet.
Als Praktik zielt Whataboutism darauf ab, von Kritik oder von einem unerwünschten Thema abzulenken – typischerweise durch einen Gegenverweis auf einen anderen Sachverhalt, einen anderen Akteur oder einen anderen Kontext. Dabei ist die Grenze zu legitimen Vergleichen und Rückfragen fließend und regelmäßig Gegenstand diskursiver Aushandlung.

Politische Rede

Politische Reden sind schriftlich konzipierte oder verfasste, mündlich und monologisch vorgetragene Texte mittlerer Länge von einigen Minuten bis zu mehr als einer Stunde. Der Vortrag muss durch eine Person erfolgen, die erkennbar in politisches Handeln eingebunden ist. Politische Rede soll sowohl informieren als auch die Meinungsbildung beeinflussen.

Korruption

Korruption wird zum einen als Fachbegriff (Recht, Wissenschaft) verwendet und verweist auf ein Gebiet des Strafrechts und damit auf einen Teil des gesellschaftlichen Normensystems, das Delikte in Kontaktzonen von Politik und Ökonomie definiert.

Beschriftete Waffen

Das Betexten von Waffen, speziell Projektilen wie Schleuderbleien, Kanonenkugeln oder Bomben, mit an die Feindgruppe gerichteten Botschaften (Sarkasmus, Beleidigungen, Todeswünsche u. ä.) ist eine Praktik, die sich bis in die römische Antike zurückverfolgen lässt. Sie dient der Identifikation der Eigengruppe (Truppe oder Gefolgsleute) mit dem Ziel, die Moral vor einem Kampfansatz zu heben (emotional-psychologische Bewältigungsstrategie) sowie Gelassenheit und Siegesgewissheit propagandistisch gegenüber der Eigen- und Fremdgruppe zu inszenieren.

AI-Washing/KI-Washing

Unter AI-Washing ist die Praxis von Unternehmen oder Organisationen zu verstehen, Produkte, Dienstleistungen oder Geschäftsmodelle mit dem Etikett „Künstliche Intelligenz“ (KI bzw. „Artificial Intelligence“ (AI)) zu versehen, obwohl deren tatsächlicher Einsatz von KI-Technologien entweder stark übertrieben, nur marginal vorhanden oder überhaupt nicht gegeben ist.

Dogwhistle

Unter Dogwhistle wird in Teilen der Forschung eine doppeldeutige Äußerung verstanden, die eine offene und eine verdeckte Botschaft an jeweils eine Zuhörerschaft kommuniziert.

Demonstrieren

« Zurück zur ArtikelübersichtDemonstrieren Kategorie: TechnikenVerwandte Ausdrücke: Auf die Straße gehen, Straßenprotest, Kundgebung, öffentliche Versammlung, Mahnwache, Menschenkette, Marsch, SitzblockadenSiehe auch: Protest, Politische Aktion, Politische Bildung,...

Boykottaufruf

Der Boykottaufruf ist eine Maßnahme, die darauf abzielt, ein Ziel, also meist eine Verhaltensänderung des Boykottierten, hervorzurufen, indem zu einem Abbruch etwa der wirtschaftlichen oder sozialen Beziehungen zu diesem aufgefordert wird.

Tabuisieren

Das Wort Tabuisierung bezeichnet die Praxis, etwas Unerwünschtes, Anstößiges oder Peinliches unsichtbar zu machen oder als nicht akzeptabel zu markieren. Das Tabuisierte gilt dann moralisch als unsagbar, unzeigbar oder unmachbar.

Aus dem Zusammenhang reißen

Das Aus-dem-Zusammenhang-Reißen gehört in den Funktionskreis der Redewiedergabe bzw. der Wiedergabe kommunikativer Ereignisse. Es kann (1) als intentionale argumentativ-polemische Strategie für ganz unterschiedliche diskursive Zielsetzungen von Akteuren genutzt werden, oder (2) es kann SprecherInnen und SchreiberInnen in unbeabsichtigter, fehlerhafter Weise unterlaufen.

Schlagwörter

Meinungsfreiheit

Meinungsfreiheit ist ein positiv konnotiertes Schlagwort. Das im Schlagwort kondensierte Pro-gramm wird allgemein zustimmend propagiert oder eingefordert, ohne dass immer verdeutlicht wird, welche Ausgestaltung von Meinungsfreiheit zugrunde liegt. Aufgrund dieser allgemeinen Zu-stimmung kann Meinungsfreiheit als Hochwertwort kategorisiert werden: In der öffentlichen Debat-te gibt es keine wahrnehmbaren Stimmen, die sich gegen Meinungsfreiheit (in dieser unbestimm-ten Form) aussprechen.

Diversität / Vielfalt

Diversität/Vielfalt ist ein aus einschlägigen US-Diskursen der (frühen) 1980er und der 1990er Jahre importiertes Schlagwort und ein Topos, der ethnische, sexuelle und körperliche (Behinderung etc.) Verschiedenheit positiv und programmatisch als Ressourcen der Mehrheitsgesellschaft kodiert. Vielfalt als Chance dürfte der hierzulande häufigste Slogan des Diversitäts-Hypes sein. Qua Diversität werden identitätsrelevante Unterschiede zwischen gesellschaftlichen Gruppen von Stigmata für Minderheiten zu Ressourcen für die Allgemeinheit umgedeutet.

Brückentechnologie

Ganz allgemein wird unter dem Schlagwort der Brückentechnologie sowohl in den öffentlichen Medien als auch in technisch und wirtschaftlich dominierten Kontexten eine Technologie verstanden, die zeitlich befristet eingesetzt werden soll, bevor in Zukunft der Übergang zu einer als sinnvoller eingeschätzten anderen Technologie möglich ist.

Deindustrialisierung

Der Ausdruck Deindustrialisierung (auch De-Industrialisierung oder als Verb deindustrialisieren) beschreibt im öffentlichen Sprachgebrauch eine negativ bewertete Form des Strukturwandels durch Rückgang von produzierendem Gewerbe.

Nachhaltigkeit

Nachhaltigkeit als ein Schlagwort des öffentlichen Diskurses bezieht sich ganz allgemein auf einen ressourcenschonenderen Umgang mit dem, was uns Menschen der Planet Erde bietet, mit dem Ziel, dass auch nachfolgende Generationen noch die Möglichkeit haben, ähnlich gut zu leben wie wir heute (Generationengerechtigkeit).

Echokammer

Der Begriff der Echokammer steht in seiner heutigen Verwendung vor allem im Zusammenhang mit der Nutzung Sozialer Medien. Er verweist metaphorisch auf einen digitalen Kommunikations- und Resonanzraum, in dem Mediennutzer*innen lediglich Inhalten begegnen, die ihre eigenen, bereits bestehenden Ansichten bestätigen, während abweichende Perspektiven und Meinungen ausgeblendet bzw. abgelehnt werden.

Relativieren

Der Ausdruck relativieren besitzt zwei zentrale Bedeutungsvarianten: In bildungssprachlichen und wissenschaftlichen Kontexten bezeichnet er eine analytische Praxis, bei der Aussagen, Begriffe oder Phänomene durch Bezugnahme auf andere Sachverhalte eingeordnet, differen-ziert und in ihrer Geltung präzisiert werden.

Massendemokratie

Geprägt wurde der Begriff Massendemokratie im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts von völkisch-konservativen Akteuren (prominent darunter Carl Schmitt 1926). Der Ausdruck Masse hatte damals bei den bürgerlichen Eliten eine rundum bedrohliche Assoziation.

Social Bots

Als Social Bots werden Computerprogramme bezeichnet, die in der Lage sind, in sozialen Medien Kommunikation menschlicher Nutzer*innen (teilweise) automatisiert nachzuahmen.

Kriegsmüdigkeit

Der Ausdruck Kriegsmüdigkeit bezeichnet die emotionale und physische Erschöpfung von Menschen, die einen Krieg erleben, sowie die gesellschaftliche und politische Ermüdung angesichts langanhaltender Konflikte. Er beschreibt den sinkenden Kampfeswillen bei Kriegsparteien und heute wird er auch für das wachsende Desinteresse an Kriegsthemen in Medien und Öffentlichkeit genutzt.

Verschiebungen

Dehumanisierung

Mit Dehumanisierung bzw. Anthropomorphisierung werden solche kommunikativen Techniken und Praktiken bezeichnet, die Personen, Sachverhalten oder Gegenständen menschliche Eigenschaften ab- bzw. zusprechen. Dehumanisierung und Anthropomorphisierung können sowohl durch sprachliche Mittel als auch durch andere, z. B. bildliche, Zeichen vollzogen werden.

Kriminalisierung

Kriminalität meint ein Verhalten, das gegen ein Gesetz verstößt. Folglich bedeutet Kriminalisierung im engeren Sinne den Vorgang, durch den Verhalten ungesetzlich gemacht wird – indem Gesetze geschaffen werden.

Versicherheitlichung

In akademischen Kontexten wird Versicherheitlichung in Abgrenzung zu einem naiv-realistischen Sicherheitsverständnis verwendet. Dieses betrachtet Sicherheit als einen universell erstrebenswerten und objektiv feststellbaren Zustand, dessen Abwesenheit auf das Handeln von Akteuren zurückzuführen ist, die feindselig, kriminell, unverantwortlich oder zumindest fahrlässig agieren.

Ökonomisierung

Ökonomisierung wird in gegenwärtigen Diskursen in der Regel zur Bezeichnung von Prozessen verwendet, in denen die spezifisch wirtschaftlichen Funktions-Elemente wie Markt, Wettbewerb/Konkurrenz, Kosten-Nutzen-Kalküle, Effizienz, Gewinnorientierung in Bereiche übertragen werden, die zuvor teilweise oder ganz nach anderen Leitkriterien ausgerichtet waren

Moralisierung

Moralisierung verlagert Macht- und Interessenkonflikte in die Sphäre der Kommunikation von Achtung / Missachtung. Sie reduziert Ambivalenz zugunsten einer Polarisierung von gut und böse.

Konstellationen

Krise

Krise ist vom Wort mit fachsprachlicher Bedeutung zur Zeitdiagnose und einem zentralen Begriff der öffentlich-politischen Kommunikation geworden. Der öffentlich-politische Krisenbegriff ist dabei – unabhängig vom Gegenstand der Krise – in eine krisendiskurstypische Konstellation zur Begründung von krisenüberwindenden Handlungen eingebettet.

Partizipatorischer Diskurs

Partizipation ist mittlerweile von der Forderung benachteiligter Personen und Gruppen nach mehr Beteiligung in der demokratischen Gesellschaft zu einem Begriff der Institutionen selbst geworden: Kein Programm, keine Bewilligung mehr, ohne dass bestimmte Gruppen oder Personen dazu aufgefordert werden, für (mehr) Partizipation zu sorgen.

Skandal

Die Diskurskonstellation des Skandals zeichnet sich durch eine in den Medien aufgegriffene (bzw. durch sie erst hervorgerufene) empörte Reaktion eines erheblichen Teils der Bevölkerung auf einen tatsächlichen oder vermeintlichen Missstand aus. Die schuldhafte Verursachung dieses Missstandes wird dabei einem gesellschaftlichen Akteur zugeschrieben, dessen Handeln als ‚unmoralisch‘ gedeutet wird.

DiskursReview

Review-Artikel

„Clan“

Versuche, politische Gegner durch Behauptung von „Nähe zu“ Kriminellen in Misskredit zu bringen, haben eine lange Tradition.

„Antisemitismus“ / „Antisemit“

Die öffentliche Auseinandersetzung mit dem Nahost-Konflikt hat den Ausdruck „Antisemitismus“ (bzw. „antisemitisch“ und „Antisemit“) zum Gegenstand von Deutungskämpfen gemacht. Dabei konkurrieren Versuche, den Ausdruck fachlich zu definieren, mit Versuchen politischer Instrumentalisierung.

„kapitalgedeckt“ – Eine Perle der Finanz-Propaganda

Ungeachtet der Finanzkrise 2008 und regelmäßiger „Finanzskandale“ wie „Cum-Ex“, Wirecard und ähnlichen, wird im politischen Raum, angeblich wegen, tatsächlich aber z u r Schwächung der staatlichen Sicherungssysteme verstärkt auf private Vorsorge gesetzt.

Tagung 2027: Politisches Lobbying

Sprache und Lobbyismus- Strategische Kommunikation in Politik und Medien Tagung der Forschungsgruppe Diskursmonitor Tagung: 10. und 11. Juni 2027  |  Ort: Universität Siegen [Map]Kontakt: Prof. Dr. Friedemann Vogel, Joline Schmallenbach Call for Papers: 31.10.2026...

Der Totalverweigerer – Anmerkungen zu einer Diskursfigur der Feindbildproduktion im Sicherheits- und Sozialdiskurs

Die Bezeichnung Totalverweigerer wurde ursprünglich in den späten 70er Jahren im Rahmen der Auseinandersetzungen um die Inanspruchnahme des Rechtes auf Kriegsdienstverweigerung nach § 4.3 GG verwendet. Mit diesem Ausdruck wurden junge Männer stigmatisiert, die nicht nur den Wehrdienst, sondern auch den (längeren) zivilen „Ersatzdienst“ (später „Zivildienst“) verweigerten und damit, wie auch nicht-anerkannte Kriegsdienstverweigerer, Haftstrafen riskierten…

Memes als moderne Propaganda – Eine sprach- und medienkritische Untersuchung

Digitale Kommunikationsformen prägen heutige gesellschaftliche Debatten weitaus stärker als die klassischen Medien. Ihr Einfluss auf die politische Meinungsbildung und die Ausbildung ideologischer Positionen ist inzwischen unverkennbar und zählt zu den markantesten Entwicklungen der digitalen Gegenwart. Besonders hervorzuheben sind Memes: Sie verbreiten sich schnell, arbeiten mit humoristischen Mitteln und verdichten komplexe Inhalte auf ein Minimum an Zeichen. In öffentlichen Diskursen werden sie daher nicht mehr als spielerisches Internetphänomen betrachtet, sondern als ernstzunehmendes Instrument politischer Kommunikation und den damit einhergehenden propagandistischen Strategien.

Zeitalter der Polykrisen – Was sagt die Polykrise über die Gegenwart und Zukunft?

Beim Durchscrollen der Tagesschlagzeilen ist einem in den letzten Jahr wahrscheinlich der Ausdruck Polykrise ins Blickfeld geraten. Solche Schlagzeilen in deutschsprachigen Medien lauten beispielsweise (1) „Klimawandel, Krieg in der Ukraine, Abstiegsängste – die Welt ist aus den Fugen geraten: Drei Bücher zeigen Wege aus der Polykrise“ (Friedl 2026); (2) „Kritische Psychotherapie: Psychotherapie in der Polykrise“ (Dicks 2026); (3) „Optimismus in der Polykrise“ (Kolev 2025); (4) „Was tun gegen die …

„Genderwahn“ als sprachkritische Abwertung: Eine kritische Betrachtung

„Die Debatte über Gendern und Nicht-Gendern kann ich schon nicht mehr hören. Soll es doch jeder machen, wie er es selbst will.“ Dieses Zitat äußert der ehemalige Bundeskanzler Olaf Scholz im Rahmen der Feier zugunsten des Grundgesetzes, welches im Jahre 2024 den 75. Geburtstag feierte (vgl. Steinkohl et al. 2024). Deutlich wird hierbei, dass die Thematik rund um das Gendern in der Politik aufgefasst wird. Allerdings wird gleichzeitig deutlich, dass die Debatte in der Öffentlichkeit stark kritisiert …