
DiskursGlossar
Aufwertung / Meliorisierung
Kategorie: Techniken
Verwandte Ausdrücke: Geusenwort, Trotzwort, Melioration, identitätsstiftendender sprachlicher Ausdruck
Siehe auch: Affirmation, Überaffirmation
Autorin: Ruth M. Mell
Version: 1.2 / Datum: 07.02.2022
Kurzzusammenfassung
Von Aufwertung/Meliorisierung wird in der Linguistik dann gesprochen, wenn ein Wort, das ursprünglich als Fremdbezeichnung der Diffamierung einer bestimmten Volks- oder Personengruppe diente, von dieser selbst dann als positive Eigenbezeichnung verwendet wird.
Aufwertungen/Meliorisierungen bzw. Meliorationen von Stigmawörtern bzw. diffamierenden Wörtern können in dieser Weise zum Zwecke der Selbst- und Gruppenpositionierung im öffentlichen Diskurs verwendet werden. Häufig werden hier Wörter zur Selbstbezeichnung verwendet, welche genau dasjenige beschreiben, wofür die Gruppe oder der einzelne diskriminiert wird. Diese Wörter werden auch als Geusen- oder Trotzwort bezeichnet. Strategisches Ziel dieser Technik ist es einerseits, dem kommunikativen Angreifer/Gegner seine diskreditierende sprachliche Waffe abzunehmen, d.h. seine kommunikativen Möglichkeiten durch ,Wortentzug‘ zu schmälern und sich andererseits damit selbst als stigmatisierte Gruppe aus der Opferrolle heraus zu ermächtigen.
Erweiterte Begriffsklärung
Aufwertung/Meliorisierung (von lat. melior ,besser‘) bezeichnet in der Linguistik allgemein den Bedeutungswandel eines Wortes von einer eher negativen zu einer positiven Bedeutung. Das Gegenteil von Melioration ist die Pejoration.
Als Technik wird Aufwertung/Meliorisierung (besonders eines Stigmawortes) dazu verwendet, innerhalb einer (politischen oder sozialen) Gruppe oder Gemeinschaft die beteiligten Personen durch die Verwendung eines gemeinsamen Ausdrucks noch enger aneinander zu binden und dabei die Gruppenzugehörigkeit zu stärken. Dies geschieht in solchen Fällen durch die Verwendung eines Begriffs für die Gruppe, der in der Kommunikation von ,außen‘ mit der Gruppe tabuisiert ist, etwa, weil er allgemein in der öffentlichen Kommunikation bereits als Stigmawort gilt. Erreicht wird damit eine Verschiebung bestehender Machtverhältnisse innerhalb und außerhalb öffentlicher Kommunikationsräume und Diskurse. So erhalten etwa dadurch diskriminierte Minderheiten, wie zum Beispiel Personen mit besonderen Bedürfnissen, LGBTQ*-Personen oder Personen, die aufgrund ihrer Hautfarbe diskriminiert werden, mehr kommunikative Macht im gesellschaftlichen Diskus: Indem sie Wörter benutzen können, welche der Allgemeinheit vorenthalten sind und diese sogar noch zur Stärkung der eigenen Gruppe verwenden, entziehen sie ihren sprachlichen und diskursiven Gegnern nicht nur die Möglichkeit der negativen Anrede, sondern schützen sich darüber hinaus vor sprachlicher Diffamierung. Durch Modifikation der ursprünglichen negativen Bedeutungszuschreibung in der Alltagssprache hin zu einer positiven Identitätszuschreibung innerhalb der Sprecher:innengruppe verändern sich also die kommunikativen Machtverhältnisse der diskriminierten Gruppe zu ihren Gunsten. Indem sie nämlich das im öffentlichen Sprachgebrauch tabuisierte Wort enttabuisieren und überdies häufig zur Bezeichnung der eigenen Personengruppe resp. zur Selbstpositionierung innerhalb des öffentlichen Diskurses nutzen, entziehen sie denjenigen, die nicht zu ihrer Statusgruppe gehören, die Bezeichnungsmacht. Dies führt zu einer Machtverschiebung innerhalb der Kommunikationssituation, welche durch Entzug des diffamierenden Vokabulars hervorgerufen wird.
Beispiele
Eine Aufwertung/Meliorisierung erfolgt häufig dann, wenn mit diffamierenden Wörtern oder Stigmawörtern Personen oder Personengruppen als Teil der Gesellschaft ausgeschlossen werden sollen.
(1) Lexikalische Aufwertung von Wörtern zur Selbst- bzw. Gruppenpositionierung I: Rolli / Krüppel
Die Verwendung der Bezeichnung Rolli oder Krüppel für eine Person, die im Alltag auf einen Rollstuhl angewiesen ist, ist dann diffamierend, wenn diese Bezeichnungen von jemandem verwendet wird, der oder die nicht motorisch eingeschränkt ist; nicht zuletzt deswegen, da mit dieser Bezeichnung nur eine einzige Eigenschaft einer Person fokussiert wird, nämlich diejenige, die Personen aus der Gruppe der als ,normal‘ empfundenen Menschen (nicht behindert, weiß, heterosexuell) ausschließt.
Wird eine derartige negative Bezeichnung innerhalb der eigenen betroffenen Gruppe aufwertend verwendet, dient dies als Technik der Festigung der Gruppenbindung sowie der eigenen Gruppenzugehörigkeit, da sie nur innerhalb der Gruppe als erlaubtes Vokabular gelten.
(2) Lexikalische Aufwertung zur Selbst- bzw. Gruppenpositionierung II: Hure
Auch Hure ist ein Wort, bei dessen Verwendung die Technik der Aufwertung/Meliorisierung zu beobachten ist (vgl. Der Spiegel 2016). Der in der Gesellschaft abwertend gebrauchte Begriff zur Bezeichnung von Prostituierten wurde von jenen als Selbstbezeichnung etabliert. Die Bezeichnung dient innerhalb dieser Diskursgruppe nun ausschließlich der Bezeichnung des Berufsstandes und bezieht sich inhaltlich nicht mehr auf eine vermeintlich unmoralische Art und Weise, Liebesdienste gegen Geld anzubieten.
(3) Lexikalische Aufwertung zur Selbst- bzw. Gruppenpositionierung III: Nigger
Ein weiteres Beispiel findet sich in der stark rassistischen und in höchstem Maße abwertenden Bezeichnung Nigger für Menschen mit dunkler Hautfärbung, welche aber zwischen zwei gleichsam Dunkelhäutigen durchaus freundschaftlich verwendet wird. Bereits 1967 findet sich diese Feststellung in Wentworth/Flexner:
Nigger is a common expression among the ordinary Negroes and is used frequently in conversations between them. It carries no sting when used by themselves, but the object keenly to whites using it, because it conserves the spirit of hate. (Wentworth/Flexner 1967: 354)
Anders als in den Beispielen 1) und 2), in denen Wörter wie Hure oder Krüppel ursprünglich als Stigmawörter im allgemeinen Sprachgebrauch verwendet wurden und dann eine Aufwertung erfahren haben, war Nigger ursprünglich bereits ein Begriff, welcher innerhalb der Diskursgruppe positiv verwendet wurde, und erst in einem zweiten Schritt eine negative Konnotation im öffentlichen Sprachgebrauch erhalten hat. Der Begriff musste hier gewissermaßen re-meliorisiert werden.
Literatur
Zitierte Literatur und Belege
- Der Spiegel (2016): Aus der Gosse auf die Straße (=Serie „Das Wort“). Der Spiegel. Online unter: https://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/queer-eine-begriffserklaerung-a-1105388.html ; Zugriff: 28.01.2022.
- Melioration (Artikel) In: https://www.dwds.de/wb/Melioration ; Zugriff: 28.01.2022.
- Wentworth, Harold; Stuart Berg, Flexner (1967): Dictionary of American Slang. New York: Crowell.
Zitiervorschlag
Mell, Ruth M. (2022): Aufwertung/Meliorisierung. In: Diskursmonitor. Glossar zur strategischen Kommunikation in öffentlichen Diskursen. Hg. von der Forschungsgruppe Diskursmonitor und Diskursintervention. Veröffentlicht am 04.02.2022. Online unter: https://diskursmonitor.de/glossar/aufwertung-meliorisierung.
DiskursGlossar
Grundbegriffe
Akteur
Als Akteur oder Diskursakteur werden in der Diskursforschung meist Gruppen oder Grup-penstellvertreter verstanden, die mit kommunikativen Mitteln in der Öffentlichkeit versuchen, ihre Deutungen und Ressourcenansprüche gegen Rivalen durchzusetzen.
Diskursfigur
Diskursfiguren – wie der Held oder der Experte, das Genie, der Gefährder, Gutmensch, Nerd oder Psychopath – sind im medial-politischen Diskurs konstruierte und verbreitete Vorstellungen von Handlungsträgern, die stereotyp mit bestimmten Eigenschaften assoziiert werden. Sie erhalten durch musterhaften Sprachgebrauch, aber auch durch bildhafte Darstellungen eine kommunizierbare, wiedererkennbare Kontur.
Repräsentative Anekdote
Repräsentative Anekdote bezeichnet ein modellhaftes Kurznarrativ, das in Theorien, Weltanschauungen und komplexen Erklärungen selektiv reproduziert wird. So ist z.B. das „survival of the fittest“ (‚die Stärksten überleben‘) die repräsentative Anekdote, die in allen darwinistischen, sozialdarwinistischen und neodarwinistischen Theorien und Deutungsmustern als Modell dient und variabel ausgearbeitet wird.
Begriffsgeschichte
Die Begriffsgeschichte lässt sich allgemein als eine historische Methode beschreiben, die den zeitlichen Wandel der Bedeutungen von bestimmten Ausdrücken untersucht. Da einzelne Worte nie isoliert begegnen und ihre jeweiligen Bedeutungen erst im Kontext größerer sprachlicher Zusammenhänge oder semantischer Felder greifbar werden, verbindet sie sich flexibel mit anderen Methoden historischer Semantik, wie etwa der Diskursgeschichte, der Argumentationsgeschichte oder der Metaphernforschung (Metaphorologie).
Diskurssemantische Verschiebung
Mit dem Begriff der diskurssemantischen Verschiebung wird in der Diskursforschung ein Wandel in der öffentlichen Sprache und Kommunikation verstanden, der auf mittel- oder län-gerfristige Veränderung des Denkens, Handelns und/oder Fühlens größerer Gesellschafts-gruppen hinweist.
Domäne
Der Begriff der Domäne ist aus der soziologisch orientierten Sprachforschung in die Diskursforschung übernommen worden. Hier wird der Begriff dafür verwendet, um Muster im Sprachgebrauch und kollektiven Denken von sozialen Gruppen nach situationsübergreifenden Tätigkeitsbereichen zu sortieren.
Ideologie
Der Begriff Ideologie weist im Wesentlichen drei unterschiedliche Bedeutungen auf: Erstens kann er ein trügerisches, realitätsfernes oder dogmatisches Denken bezeichnen; so eignet er sich auch als Schlagwort bzw. politischer Kampfbegriff. Zweitens kann er auf eine sozial bedingte Weltanschauung oder ein umfassendes Ideen- und Wertesystem verweisen. Drittens kann mit Ideologie ein politisches Programm gemeint sein, welches Vorstellungen über gesellschaftliche Ordnung sowie Ziele für politisches Handeln beinhaltet.
Positionieren
Positionieren ist Grundbestandteil menschlicher Kommunikation. Wann immer wir miteinander interagieren und kommunizieren, bringen wir uns selbst, andere und die Objekte, über die wir sprechen, in bestimmte Relationen zueinander.
Deutungsmuster
Unter einem Deutungsmuster wird die problem- und lösungsbezogene Interpretation gesellschaftlicher und politischer Tatbestände verstanden, die Aussicht auf Akzeptanz in sozialen Gruppen hat. Der Begriff des Deutungsmusters hat Ähnlichkeit mit den Begriffen der Theorie und Ideologie. Meist werden gesellschaftlich verbreitete Leitdeutungen, die oft mit Schlagwörtern und Argumentationsmustern einhergehen (wie Globalisierung, Kapitalismus, Leistungsgesellschaft, Chancengleichheit etc.) als Beispiele für Deutungsmuster genannt.
Sinnformel
‚Wer sind wir? Woher kommen, wo stehen und wohin gehen wir? Wozu leben wir?‘ Auf diese und ähnliche existentielle Fragen geben Sinnformeln kondensierte Antworten, die in privaten wie sozialen Situationen Halt und Argumenten in politischen und medialen Debatten einen sicheren Unterbau geben können.
Techniken
Whataboutism
Whataboutism (auch Whataboutismus) bezeichnet zum einen eine rhetorische Praktik, zum anderen wird der Ausdruck als Schlagwort verwendet.
Als Praktik zielt Whataboutism darauf ab, von Kritik oder von einem unerwünschten Thema abzulenken – typischerweise durch einen Gegenverweis auf einen anderen Sachverhalt, einen anderen Akteur oder einen anderen Kontext. Dabei ist die Grenze zu legitimen Vergleichen und Rückfragen fließend und regelmäßig Gegenstand diskursiver Aushandlung.
Politische Rede
Politische Reden sind schriftlich konzipierte oder verfasste, mündlich und monologisch vorgetragene Texte mittlerer Länge von einigen Minuten bis zu mehr als einer Stunde. Der Vortrag muss durch eine Person erfolgen, die erkennbar in politisches Handeln eingebunden ist. Politische Rede soll sowohl informieren als auch die Meinungsbildung beeinflussen.
Korruption
Korruption wird zum einen als Fachbegriff (Recht, Wissenschaft) verwendet und verweist auf ein Gebiet des Strafrechts und damit auf einen Teil des gesellschaftlichen Normensystems, das Delikte in Kontaktzonen von Politik und Ökonomie definiert.
Beschriftete Waffen
Das Betexten von Waffen, speziell Projektilen wie Schleuderbleien, Kanonenkugeln oder Bomben, mit an die Feindgruppe gerichteten Botschaften (Sarkasmus, Beleidigungen, Todeswünsche u. ä.) ist eine Praktik, die sich bis in die römische Antike zurückverfolgen lässt. Sie dient der Identifikation der Eigengruppe (Truppe oder Gefolgsleute) mit dem Ziel, die Moral vor einem Kampfansatz zu heben (emotional-psychologische Bewältigungsstrategie) sowie Gelassenheit und Siegesgewissheit propagandistisch gegenüber der Eigen- und Fremdgruppe zu inszenieren.
Zitieren
Zitieren bezeichnet die Wiedergabe ausgewählter Text(teil)e in unterschiedlichen Kommunikationskontexten wie Alltag, Wissenschaft, Journalismus und Politik. Grundsätzlich kann Zitieren der möglichst wertneutralen Wiedergabe bzw. Verweisung auf fremde Aussagen dienen, aber auch zur strategischen Positionierung eingesetzt werden. Auch in wissenschaftlichen Texten erfüllt das Zitieren neben der formal korrekten Bezugnahme auf fremde Aussagen u.a. argumentationsstützende Funktionen.
AI-Washing/KI-Washing
Unter AI-Washing ist die Praxis von Unternehmen oder Organisationen zu verstehen, Produkte, Dienstleistungen oder Geschäftsmodelle mit dem Etikett „Künstliche Intelligenz“ (KI bzw. „Artificial Intelligence“ (AI)) zu versehen, obwohl deren tatsächlicher Einsatz von KI-Technologien entweder stark übertrieben, nur marginal vorhanden oder überhaupt nicht gegeben ist.
Dogwhistle
Unter Dogwhistle wird in Teilen der Forschung eine doppeldeutige Äußerung verstanden, die eine offene und eine verdeckte Botschaft an jeweils eine Zuhörerschaft kommuniziert.
Demonstrieren
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Boykottaufruf
Der Boykottaufruf ist eine Maßnahme, die darauf abzielt, ein Ziel, also meist eine Verhaltensänderung des Boykottierten, hervorzurufen, indem zu einem Abbruch etwa der wirtschaftlichen oder sozialen Beziehungen zu diesem aufgefordert wird.
Tabuisieren
Das Wort Tabuisierung bezeichnet die Praxis, etwas Unerwünschtes, Anstößiges oder Peinliches unsichtbar zu machen oder als nicht akzeptabel zu markieren. Das Tabuisierte gilt dann moralisch als unsagbar, unzeigbar oder unmachbar.
Schlagwörter
Meinungsfreiheit
Meinungsfreiheit ist ein positiv konnotiertes Schlagwort. Das im Schlagwort kondensierte Pro-gramm wird allgemein zustimmend propagiert oder eingefordert, ohne dass immer verdeutlicht wird, welche Ausgestaltung von Meinungsfreiheit zugrunde liegt. Aufgrund dieser allgemeinen Zu-stimmung kann Meinungsfreiheit als Hochwertwort kategorisiert werden: In der öffentlichen Debat-te gibt es keine wahrnehmbaren Stimmen, die sich gegen Meinungsfreiheit (in dieser unbestimm-ten Form) aussprechen.
Diversität / Vielfalt
Diversität/Vielfalt ist ein aus einschlägigen US-Diskursen der (frühen) 1980er und der 1990er Jahre importiertes Schlagwort und ein Topos, der ethnische, sexuelle und körperliche (Behinderung etc.) Verschiedenheit positiv und programmatisch als Ressourcen der Mehrheitsgesellschaft kodiert. Vielfalt als Chance dürfte der hierzulande häufigste Slogan des Diversitäts-Hypes sein. Qua Diversität werden identitätsrelevante Unterschiede zwischen gesellschaftlichen Gruppen von Stigmata für Minderheiten zu Ressourcen für die Allgemeinheit umgedeutet.
Brückentechnologie
Ganz allgemein wird unter dem Schlagwort der Brückentechnologie sowohl in den öffentlichen Medien als auch in technisch und wirtschaftlich dominierten Kontexten eine Technologie verstanden, die zeitlich befristet eingesetzt werden soll, bevor in Zukunft der Übergang zu einer als sinnvoller eingeschätzten anderen Technologie möglich ist.
Deindustrialisierung
Der Ausdruck Deindustrialisierung (auch De-Industrialisierung oder als Verb deindustrialisieren) beschreibt im öffentlichen Sprachgebrauch eine negativ bewertete Form des Strukturwandels durch Rückgang von produzierendem Gewerbe.
Nachhaltigkeit
Nachhaltigkeit als ein Schlagwort des öffentlichen Diskurses bezieht sich ganz allgemein auf einen ressourcenschonenderen Umgang mit dem, was uns Menschen der Planet Erde bietet, mit dem Ziel, dass auch nachfolgende Generationen noch die Möglichkeit haben, ähnlich gut zu leben wie wir heute (Generationengerechtigkeit).
Echokammer
Der Begriff der Echokammer steht in seiner heutigen Verwendung vor allem im Zusammenhang mit der Nutzung Sozialer Medien. Er verweist metaphorisch auf einen digitalen Kommunikations- und Resonanzraum, in dem Mediennutzer*innen lediglich Inhalten begegnen, die ihre eigenen, bereits bestehenden Ansichten bestätigen, während abweichende Perspektiven und Meinungen ausgeblendet bzw. abgelehnt werden.
Relativieren
Der Ausdruck relativieren besitzt zwei zentrale Bedeutungsvarianten: In bildungssprachlichen und wissenschaftlichen Kontexten bezeichnet er eine analytische Praxis, bei der Aussagen, Begriffe oder Phänomene durch Bezugnahme auf andere Sachverhalte eingeordnet, differen-ziert und in ihrer Geltung präzisiert werden.
Massendemokratie
Geprägt wurde der Begriff Massendemokratie im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts von völkisch-konservativen Akteuren (prominent darunter Carl Schmitt 1926). Der Ausdruck Masse hatte damals bei den bürgerlichen Eliten eine rundum bedrohliche Assoziation.
Social Bots
Als Social Bots werden Computerprogramme bezeichnet, die in der Lage sind, in sozialen Medien Kommunikation menschlicher Nutzer*innen (teilweise) automatisiert nachzuahmen.
Kriegsmüdigkeit
Der Ausdruck Kriegsmüdigkeit bezeichnet die emotionale und physische Erschöpfung von Menschen, die einen Krieg erleben, sowie die gesellschaftliche und politische Ermüdung angesichts langanhaltender Konflikte. Er beschreibt den sinkenden Kampfeswillen bei Kriegsparteien und heute wird er auch für das wachsende Desinteresse an Kriegsthemen in Medien und Öffentlichkeit genutzt.
Verschiebungen
Dehumanisierung
Mit Dehumanisierung bzw. Anthropomorphisierung werden solche kommunikativen Techniken und Praktiken bezeichnet, die Personen, Sachverhalten oder Gegenständen menschliche Eigenschaften ab- bzw. zusprechen. Dehumanisierung und Anthropomorphisierung können sowohl durch sprachliche Mittel als auch durch andere, z. B. bildliche, Zeichen vollzogen werden.
Kriminalisierung
Kriminalität meint ein Verhalten, das gegen ein Gesetz verstößt. Folglich bedeutet Kriminalisierung im engeren Sinne den Vorgang, durch den Verhalten ungesetzlich gemacht wird – indem Gesetze geschaffen werden.
Versicherheitlichung
In akademischen Kontexten wird Versicherheitlichung in Abgrenzung zu einem naiv-realistischen Sicherheitsverständnis verwendet. Dieses betrachtet Sicherheit als einen universell erstrebenswerten und objektiv feststellbaren Zustand, dessen Abwesenheit auf das Handeln von Akteuren zurückzuführen ist, die feindselig, kriminell, unverantwortlich oder zumindest fahrlässig agieren.
Ökonomisierung
Ökonomisierung wird in gegenwärtigen Diskursen in der Regel zur Bezeichnung von Prozessen verwendet, in denen die spezifisch wirtschaftlichen Funktions-Elemente wie Markt, Wettbewerb/Konkurrenz, Kosten-Nutzen-Kalküle, Effizienz, Gewinnorientierung in Bereiche übertragen werden, die zuvor teilweise oder ganz nach anderen Leitkriterien ausgerichtet waren
Moralisierung
Moralisierung verlagert Macht- und Interessenkonflikte in die Sphäre der Kommunikation von Achtung / Missachtung. Sie reduziert Ambivalenz zugunsten einer Polarisierung von gut und böse.
Konstellationen
Krise
Krise ist vom Wort mit fachsprachlicher Bedeutung zur Zeitdiagnose und einem zentralen Begriff der öffentlich-politischen Kommunikation geworden. Der öffentlich-politische Krisenbegriff ist dabei – unabhängig vom Gegenstand der Krise – in eine krisendiskurstypische Konstellation zur Begründung von krisenüberwindenden Handlungen eingebettet.
Partizipatorischer Diskurs
Partizipation ist mittlerweile von der Forderung benachteiligter Personen und Gruppen nach mehr Beteiligung in der demokratischen Gesellschaft zu einem Begriff der Institutionen selbst geworden: Kein Programm, keine Bewilligung mehr, ohne dass bestimmte Gruppen oder Personen dazu aufgefordert werden, für (mehr) Partizipation zu sorgen.
Skandal
Die Diskurskonstellation des Skandals zeichnet sich durch eine in den Medien aufgegriffene (bzw. durch sie erst hervorgerufene) empörte Reaktion eines erheblichen Teils der Bevölkerung auf einen tatsächlichen oder vermeintlichen Missstand aus. Die schuldhafte Verursachung dieses Missstandes wird dabei einem gesellschaftlichen Akteur zugeschrieben, dessen Handeln als ‚unmoralisch‘ gedeutet wird.
DiskursReview
Review-Artikel
„Künstliche Intelligenz“: Notbremse, Trump, Bundestag
„Notbremse“ bei KI-Gefahr? Keine „Künstliche Intelligenz“ in Bundestagsreden? Und Trump benennt „KI“ in „Superintelligenz“ um.
„Hybrid“ – Diffuse Gefahr im Anstrich fachsprachlicher Präzision
Vor allem in den letzten Monaten und im Kontext des Russland-Ukraine-Krieges steht in der öffentlichen Debatte die „hybride Bedrohung“ im Fokus.
„Clan“
Versuche, politische Gegner durch Behauptung von „Nähe zu“ Kriminellen in Misskredit zu bringen, haben eine lange Tradition.
„Antisemitismus“ / „Antisemit“
Die öffentliche Auseinandersetzung mit dem Nahost-Konflikt hat den Ausdruck „Antisemitismus“ (bzw. „antisemitisch“ und „Antisemit“) zum Gegenstand von Deutungskämpfen gemacht. Dabei konkurrieren Versuche, den Ausdruck fachlich zu definieren, mit Versuchen politischer Instrumentalisierung.
„kapitalgedeckt“ – Eine Perle der Finanz-Propaganda
Ungeachtet der Finanzkrise 2008 und regelmäßiger „Finanzskandale“ wie „Cum-Ex“, Wirecard und ähnlichen, wird im politischen Raum, angeblich wegen, tatsächlich aber z u r Schwächung der staatlichen Sicherungssysteme verstärkt auf private Vorsorge gesetzt.
Tagung 2027: Politisches Lobbying
Sprache und Lobbyismus- Strategische Kommunikation in Politik und Medien Tagung der Forschungsgruppe Diskursmonitor Tagung: 10. und 11. Juni 2027 | Ort: Universität Siegen [Map]Kontakt: Prof. Dr. Friedemann Vogel, Joline Schmallenbach Call for Papers: 31.10.2026...
Der Totalverweigerer – Anmerkungen zu einer Diskursfigur der Feindbildproduktion im Sicherheits- und Sozialdiskurs
Die Bezeichnung Totalverweigerer wurde ursprünglich in den späten 70er Jahren im Rahmen der Auseinandersetzungen um die Inanspruchnahme des Rechtes auf Kriegsdienstverweigerung nach § 4.3 GG verwendet. Mit diesem Ausdruck wurden junge Männer stigmatisiert, die nicht nur den Wehrdienst, sondern auch den (längeren) zivilen „Ersatzdienst“ (später „Zivildienst“) verweigerten und damit, wie auch nicht-anerkannte Kriegsdienstverweigerer, Haftstrafen riskierten…
Memes als moderne Propaganda – Eine sprach- und medienkritische Untersuchung
Digitale Kommunikationsformen prägen heutige gesellschaftliche Debatten weitaus stärker als die klassischen Medien. Ihr Einfluss auf die politische Meinungsbildung und die Ausbildung ideologischer Positionen ist inzwischen unverkennbar und zählt zu den markantesten Entwicklungen der digitalen Gegenwart. Besonders hervorzuheben sind Memes: Sie verbreiten sich schnell, arbeiten mit humoristischen Mitteln und verdichten komplexe Inhalte auf ein Minimum an Zeichen. In öffentlichen Diskursen werden sie daher nicht mehr als spielerisches Internetphänomen betrachtet, sondern als ernstzunehmendes Instrument politischer Kommunikation und den damit einhergehenden propagandistischen Strategien.
Zeitalter der Polykrisen – Was sagt die Polykrise über die Gegenwart und Zukunft?
Beim Durchscrollen der Tagesschlagzeilen ist einem in den letzten Jahr wahrscheinlich der Ausdruck Polykrise ins Blickfeld geraten. Solche Schlagzeilen in deutschsprachigen Medien lauten beispielsweise (1) „Klimawandel, Krieg in der Ukraine, Abstiegsängste – die Welt ist aus den Fugen geraten: Drei Bücher zeigen Wege aus der Polykrise“ (Friedl 2026); (2) „Kritische Psychotherapie: Psychotherapie in der Polykrise“ (Dicks 2026); (3) „Optimismus in der Polykrise“ (Kolev 2025); (4) „Was tun gegen die …
„Genderwahn“ als sprachkritische Abwertung: Eine kritische Betrachtung
„Die Debatte über Gendern und Nicht-Gendern kann ich schon nicht mehr hören. Soll es doch jeder machen, wie er es selbst will.“ Dieses Zitat äußert der ehemalige Bundeskanzler Olaf Scholz im Rahmen der Feier zugunsten des Grundgesetzes, welches im Jahre 2024 den 75. Geburtstag feierte (vgl. Steinkohl et al. 2024). Deutlich wird hierbei, dass die Thematik rund um das Gendern in der Politik aufgefasst wird. Allerdings wird gleichzeitig deutlich, dass die Debatte in der Öffentlichkeit stark kritisiert …