DiskursGlossar

Versicherheitlichung

Kategorie: Verschiebungen
Verwandte Ausdrücke:
Sicherheit, Securitization, Safety, Security
Siehe auch: Macht, Mediale Kontrolle, Agenda Setting, Medien
Autor: Jens Hälterlein
Version: 1.0 / 15.07.2024

Kurzzusammenfassung

Versicherheitlichung bezeichnet die dynamisierte Form des Begriffs Sicherheit, welcher sich lateinisch von ‚securitas‘ ableitet, was sich mit ‚Abwesenheit von Sorge‘ übersetzen lässt. In akademischen Kontexten wird Versicherheitlichung in Abgrenzung zu einem naiv-realistischen Sicherheitsverständnis verwendet. Dieses betrachtet Sicherheit als einen universell erstrebenswerten und objektiv feststellbaren Zustand, dessen Abwesenheit auf das Handeln von Akteuren zurückzuführen ist, die feindselig, kriminell, unverantwortlich oder zumindest fahrlässig agieren. In den Critical Security Studies hingegen werden Sicherheit und Unsicherheit als Diskursphänomene analysiert. Sie sind keine objektiven Zustände, die außerhalb diskursiver Praktiken existieren und deren Analyse demnach immer auch ihren gesellschaftlichen Konstruktionsprozess und die durch diesen legitimierten Maßnahmen sowie deren Folgen kritisch in den Blick nehmen muss. Der Begriff Versicherheitlichung wurde in den 1990er Jahren geprägt und verbreitet sich seit den 2000er Jahren insbesondere in Reaktion auf die Terroranschläge vom 11. September 2001, die nicht zuletzt zu einem fundamentalen Wandel in der Wahrnehmung von Unsicherheit geführt haben. Versicherheitlichung als diskursive Strategie zehrt vom unhinterfragbaren Wert der Sicherheit und reproduziert diesen zugleich. Die Inhalte und Ziele von Versicherheitlichung sind dabei ebenso wenig feststehend wie die Akteure, die entsprechende Positionen im Diskurs einnehmen. Die Effekte von Versicherheitlichung schließlich können für die als Sicherheitsproblem bzw. als deren Ursache markierten Individuen und Gruppen gravierende Folgen haben. Indem Versicherheitlichung die eigentlichen Problemursachen ignoriert, kann sie gerade zu einem Mehr an Unsicherheit führen.  

Erweiterte Begriffsklärung

Für ein genaueres Verständnis des Begriffs Versicherheitlichung bietet es sich zunächst an, zu verdeutlichen, was dieser nicht umfasst. So geht bereits in der Übersetzung des englischen Begriffs Securitization ins Deutsche eine wichtige Differenzierung verloren. Während im Englischen zumeist zwischen Security und Safety unterschieden wird, umfasst das deutsche Wort beide Bedeutungsgehalte. Security bezeichnet den Schutz eines Objekts oder einer Person gegenüber nicht autorisierten Eingriffen oder Angriffen. Safety lässt sich mit ‚Betriebssicherheit‘ übersetzen und meint insofern reibungslose Abläufe in der industriellen Produktion sowie im Verkehr. Versicherheitlichung adressiert zunächst nur die dem Bereich Security zugeordneten Phänomene, Logiken und Akteure. Allerdings verschwimmen die Grenzen zwischen Safety und Security zuweilen bzw. werden diese gezielt verwischt. Das zeigt sich z. B. mit Blick auf das Sicherheitspersonal der Deutschen Bahn (DB Sicherheit), dessen Funktion für Außenstehende nicht klar ersichtlich ist.

Abzugrenzen ist Versicherheitlichung ebenso von den Konzepten subjektive Sicherheit und Sicherheitsgefühl, insbesondere da diese gerade nicht auf den diskursiven Konstruktionsprozess von Sicherheit bzw. Unsicherheit verweisen, sondern ein objektiv feststellbares Maß an Sicherheit unterstellen – in diesem Fall auf der Ebene des Bewusstseins bzw. der individuellen Vorstellung, was dann mittels Befragungen erhoben, gemessen und verglichen werden kann. Vor allem, wenn die Datenlage zu ‚objektiven Sicherheitsbedrohungen‘ nicht ausreichend oder nicht aussagekräftig ist bzw. diese Daten nicht die präferierten Schlüsse nahelegen, wird nur allzu gerne auf die ‚Sicherheitsgefühle‘ von (potenziell) Betroffenen verwiesen. Zuweilen werden ‚subjektive Sicherheit‘ und ,Sicherheitsgefühl‘ in sicherheitspolitischen Debatten sogar als zentrale Referenz für die Bewertung von Maßnahmen oder Strategien herangezogen, z. B. bei der Bewertung der polizeilichen Videoüberwachung öffentlicher Räume. Es geht in diesem Fall dann gar nicht mehr darum, wie sich eine ‚objektive Sicherheitslage‘ anhand von bestimmten Indikatoren (z. B. der polizeilichen Kriminalitätsstatistik) charakterisieren ließe, sondern nur noch darum, wie diese Sicherheitslage wahrgenommen wird. Was in empirischen Studien zur ,subjektiven Sicherheit‘ und zum ,Sicherheitsgefühl‘ gemessen wird, kann also als strategisches Element in Prozessen der Versicherheitlichung betrachtet werden, obwohl es de facto die Effekte von Versicherheitlichung sind, die hier zum Vorschein kommen.

Vor allem der Vorschlag der Copenhagen School, Sicherheit als Sprechakt zu diskutieren (Buzan et al. 1998; Wæver 1995), hat eine bedeutende Rolle dabei gespielt, Unsicherheit nicht als eine Umweltbedingung zu untersuchen, auf die reagiert wird, sondern als die diskursive Erzeugung von Unsicherheiten durch machtvolle Sicherheitsakteure. Das Hauptargument dieser Theorie der Versicherheitlichung ist, dass ein Problem nicht zu einem Sicherheitsproblem wird, weil etwas eine objektive Bedrohung für den Staat (oder ein anderes Referenzobjekt) darstellt, sondern weil ein Akteur etwas als existenzielle Bedrohung für das Überleben dieses Referenzobjekts definiert hat. Auf diese Weise hat der Akteur zugleich das Recht beansprucht, das Problem mit außergewöhnlichen Maßnahmen und Mitteln zu lösen, um das Überleben oder die Unversehrtheit des Referenzobjekts sicherzustellen und einen Zustand der Sicherheit wiederherzustellen.

In Folge der Terroranschläge vom 11. September 2001 hat sich in den USA und nahezu allen westlichen Staaten ein sicherheitspolitischer Diskurs etabliert, der darauf abzielt, ein Handeln unter Unsicherheit zu kultivieren (vgl. Furedi 2009). Dieses ist auf die Imagination und Antizipation sogenannten ,high impact / low probability‘ Ereignisse wie 9/11 ausgerichtet, deren Eintreten es zu verhindern gelte (vgl. Krasmann 2011: 55), oder den Umgang mit diesen einzuüben, um einen Zustand der „preparedness“ zu erreichen (Aradau 2010). Kennzeichnend für den ,war on terror‘ sind nicht nur evidenzbasierte präventive Maßnahmen, z. B. die Inhaftierung von Terrorverdächtigen auf Grundlage der Kenntnis von konkreten Anschlagsplänen. Hinzu kommen auch präemptive Maßnahmen, die unabhängig von empirischen Evidenzen für zukünftige Anschläge erfolgen können (z. B. der Irak-Krieg von 2003) (vgl. Aradau/van Munster 2011) sowie Katastrophenschutzübungen oder Planspiele, in denen Worst-Case-Szenarien terroristischer Angriff mit Chemiewaffen (vgl. Adey/Anderson 2012) oder Pockenerregern (vgl. Uncertain Commons 2013: 62 f.) simuliert werden. Des Weiteren ist Versicherheitlichung zu einem Kennzeichnen der Post-9/11-Medienlandschaft geworden. In einer als „premediation“ (Grusin 2004) bezeichneten Praxis besteht die Rolle der Medien nicht in der Darstellung dessen, was bereits geschehen ist, sondern darin, was (schlimmstenfalls) geschehen könnte. Dadurch werde das Publikum affektiv auf den Ernstfall vorbereitet, so dass sich die Sicherheitsakteure nach dem Eintreten des Ernstfalls an einem bereits bekannten Affekthaushalt der zivilen Bevölkerung orientieren können (vgl. Grusin 2004: 27).

Versicherheitlichung zehrt von der Unhinterfragbarkeit des Werts der Sicherheit und befördert diese zugleich. Gegenwärtig werden immer mehr Gebote und Verbote mit dem Verweis auf ‚Sicherheit‘ legitimiert, wobei die Motive für diesen Verweis vielfältig sein können (vgl. Wehrheim 2018): der Schutz kritischer Infrastrukturen (‚Versorgungssicherheit‘), Maßnahmen im Kontext der Pandemiebekämpfung (‚Biosicherheit‘), zum Schutz und des Erhalts der Umwelt im Zeichen der Nachhaltigkeit (‚sichere Zukunft‘) und die Regulierung und Überwachung des Internets (‚Cybersicherheit‘).

Der Wert der Sicherheit scheint so universell und so evident, dass er als Platzhalter für andere Werte (Profit, Gesundheit, Ordnung etc.) dienen kann. Auch das ist ein Aspekt von Versicherheitlichung, der sich als sekundärer Effekt aus den diskursiven Praktiken ergibt: nicht nur den im Namen der Sicherheit veranlassten Maßnahmen, sondern auch den der ‚Sicherheit‘ zugeschriebenen Bedeutungsgehalten scheinen kaum Grenzen gesetzt.

Beispiele

(1) Die historische Wandelbarkeit der Inhalte und Ziele von Versicherheitlichung zeigt sich am Beispiel der zivilen Nutzung von Atomkraft. Atomenergie wurde bereits in den 1950er Jahren im Zuge des steigenden Energiebedarfs in Folge des Wirtschaftswachstums angepriesen. Fürsprache erhält sie auch aktuell in Folge zeitweise stark steigender Energiepreise als Maßnahme zur Schaffung von (Energie-)Sicherheit. Auf der anderen Seite wurde Atomenergie mit Blick auf die Katastrophen von Tschernobyl und Fukushima als Unsicherheitsfaktor für Leib und Leben der Bevölkerung kritisiert (vgl. Hälterlein 2023).

(2) Wandelbar ist indes auch das Spektrum der treibenden Akteure in Diskursen der Versicherheitlichung. War die Problematisierung von Sicherheit (des Volkskörpers, der privaten Vermögen, der Verfassung oder des ganzen Landes) traditionell eine diskursive Strategie, die dezidiert konservative Parteien und Sicherheitsbehörden verfolgten, ist sie heute quer durch das politische Spektrum anzutreffen. Das zeigt insbesondere das Beispiel der sogenannten Flüchtlingskrise. Diese wird mittlerweile von Akteuren nahezu aller bürgerlichen Parteien als Sicherheitsproblem diskutiert. Insbesondere von ausländischen Straftätern und islamistischen Gefährdern würde ein hohes Sicherheitsrisiko für die deutsche Bevölkerung ausgehen.

(3) Im Hinblick auf die identifizierten Bedrohungen der Gesellschaft durch äußere, innere, eingewanderte und importierte Feinde ist das Vertreten eines Gegenstandpunkts – und sei es auch nur eine abwägende Haltung, die sich eindeutigen Positionierungen gegenüber verweigert – mit gewissen Risiken behaftet. Schnell droht hier ein diskursiver Ausschluss aus dem Kreis legitimer Positionen oder sogar ein Ausschluss von staatlichen bzw. öffentlichen Zuwendungen. Noch einschneidender sind die durch Versicherheitlichung legitimierten Maßnahmen gegen Terrorismus, organisierte Kriminalität und illegale Einwanderung, insbesondere im Hinblick auf Freiheits-, Bürger- und Menschenrechte, ohne jedoch den eigentlichen Ursachen der Phänomene, die als Sicherheitsprobleme definiert werden, auf den Grund zu gehen. Das zeigt sich gegenwärtig besonders mit Blick auf die sogenannte Flüchtlingskrise. Anstatt die eigentlichen Gründe der Flüchtlingskrise – Kriege, globale ökonomische Ausbeutungsverhältnisse, Auswirkungen des Klimawandels etc. – in den Blick zu nehmen und Lösungsansätze zu diskutieren, werden westliche Nationalstaaten und die Europäische Union zu Festungen ausgebaut. Das macht es für Menschen auf der Flucht nicht nur unmöglich, auf legalem Wege Zuflucht zu suchen, sondern schafft auch eine lebensbedrohliche Situation. Allein im Jahr 2023 starben oder verschwanden mindestens 3760 Menschen bei der Flucht über das Mittelmeer (vgl. UNO 2024). Daran zeigt sich zugleich, wie selektiv der Sicherheitsbegriff in all seiner Universalität ist: Die Sicherheit der Menschen auf der Flucht spielt in den Sicherheitserwägungen westlicher Politiker*innen die geringste Rolle. 

(4) Zuweilen kann Versicherheitlichung paradoxe Formen annehmen, etwa wenn in den USA das Schüren der Angst vor einer allgegenwärtigen Kriminalität der Verteidigung des Rechts auf privaten Waffenbesitz dient und dadurch gerade für eine Zunahme an nicht nur gefühlter Unsicherheit sorgt, wie insbesondere die regelmäßigen School-Shootings zeigen.

Literatur

Zum Weiterlesen

  • Balzacq, Thierry (2011): Securitization Theory: How Security Problems Emerge and Dissolve. London: Routledge.

Zitierte Literatur

  • Adey, Peter; Anderson, Ben (2012) Anticipating emergencies. Technologies of preparedness and the matter of security. In: Security Dialogue, Heft 2, Jg. 43, S. 99117.

  • Aradau, Claudia (2010) Security That Matters. Critical Infrastructure and Objects of Protection. In: Security Dialogue, Heft 5, Jg. 41, S. 491514.

  • Aradau, Claudia; van Munster, Rens (2011) Politics of catastrophe. Genealogies of the unknown. Abingdon, Oxon: Routledge.

  • Buzan, Barry; Waever, Ole; Wilde, Jaap de (1998): Security. A new framework for analysis. Boulder: Lynne Rienner.

  • Furedi, Frank (2009) Precautionary Culture and the Rise of Possibilistic Risk Assessment. In: Erasmus Law Review, Heft 2, Jg. 2, S. 197220.

  • Grusin, Robert (2004) Premediation. In: Criticism, Heft 1, Jg. 46, S. 1739.

  • Hälterlein, Jens (2023) Technological Expectations and the Making of Europe. In: Science & Technology Studies, Heft 2, Jg. 36, S. 26–46.

  • Krasmann, Susanne (2011): Der Präventionsstaat im Einvernehmen. Wie Sichtbarkeitsregime stillschweigend Akzeptanz produzieren. In: Hempel, Leon; Krasmann, Susanne; Bröckling, Ulrich (Hrsg.): Sichtbarkeitsregime. Überwachung, Sicherheit und Privatheit im 21. Jahrhundert. Wiesbaden: Springer VS.

  • Uncertain Commons (2013) Speculate this! Durham, London: Duke University Press.

  • UNO (2024): Flucht nach Europa. In: UNO-Flüchtlingshilfe. Online unter: https://www.uno-fluechtlingshilfe.de/hilfe-weltweit/mittelmeer ; Zugriff: 10.07.2024.

  • Waever, Ole (1995): Securitization and Desecurization. In: Lipschutz, Ronnie (Hrsg.): On Security. New York: Columbia University Press, S. 46–86.

  • Wehrheim, Jan (2018): Kritik der Versicherheitlichung. Thesen zur (sozialwissenschaftlichen) Sicherheitsforschung. In: Kriminologisches Journal, Heft 3, Jg. 50, S. 211–221.

Zitiervorschlag

Hälterlein, Jens (2024): Versicherheitlichung. In: Diskursmonitor. Glossar zur strategischen Kommunikation in öffentlichen Diskursen. Hg. von der Forschungsgruppe Diskursmonitor und Diskursintervention. Veröffentlicht am 15.07.2024. Online unter: https://diskursmonitor.de/glossar/versicherheitlichung.

 

Grundbegriffe

Akteur

Als Akteur oder Diskursakteur werden in der Diskursforschung meist Gruppen oder Grup-penstellvertreter verstanden, die mit kommunikativen Mitteln in der Öffentlichkeit versuchen, ihre Deutungen und Ressourcenansprüche gegen Rivalen durchzusetzen.

Diskursfigur

Diskursfiguren – wie der Held oder der Experte, das Genie, der Gefährder, Gutmensch, Nerd oder Psychopath – sind im medial-politischen Diskurs konstruierte und verbreitete Vorstellungen von Handlungsträgern, die stereotyp mit bestimmten Eigenschaften assoziiert werden. Sie erhalten durch musterhaften Sprachgebrauch, aber auch durch bildhafte Darstellungen eine kommunizierbare, wiedererkennbare Kontur.

Repräsentative Anekdote

Repräsentative Anekdote bezeichnet ein modellhaftes Kurznarrativ, das in Theorien, Weltanschauungen und komplexen Erklärungen selektiv reproduziert wird. So ist z.B. das „survival of the fittest“ (‚die Stärksten überleben‘) die repräsentative Anekdote, die in allen darwinistischen, sozialdarwinistischen und neodarwinistischen Theorien und Deutungsmustern als Modell dient und variabel ausgearbeitet wird.

Begriffsgeschichte

Die Begriffsgeschichte lässt sich allgemein als eine historische Methode beschreiben, die den zeitlichen Wandel der Bedeutungen von bestimmten Ausdrücken untersucht. Da einzelne Worte nie isoliert begegnen und ihre jeweiligen Bedeutungen erst im Kontext größerer sprachlicher Zusammenhänge oder semantischer Felder greifbar werden, verbindet sie sich flexibel mit anderen Methoden historischer Semantik, wie etwa der Diskursgeschichte, der Argumentationsgeschichte oder der Metaphernforschung (Metaphorologie).

Diskurssemantische Verschiebung

Mit dem Begriff der diskurssemantischen Verschiebung wird in der Diskursforschung ein Wandel in der öffentlichen Sprache und Kommunikation verstanden, der auf mittel- oder län-gerfristige Veränderung des Denkens, Handelns und/oder Fühlens größerer Gesellschafts-gruppen hinweist.

Domäne

Der Begriff der Domäne ist aus der soziologisch orientierten Sprachforschung in die Diskursforschung übernommen worden. Hier wird der Begriff dafür verwendet, um Muster im Sprachgebrauch und kollektiven Denken von sozialen Gruppen nach situationsübergreifenden Tätigkeitsbereichen zu sortieren.

Ideologie

Der Begriff Ideologie weist im Wesentlichen drei unterschiedliche Bedeutungen auf: Erstens kann er ein trügerisches, realitätsfernes oder dogmatisches Denken bezeichnen; so eignet er sich auch als Schlagwort bzw. politischer Kampfbegriff. Zweitens kann er auf eine sozial bedingte Weltanschauung oder ein umfassendes Ideen- und Wertesystem verweisen. Drittens kann mit Ideologie ein politisches Programm gemeint sein, welches Vorstellungen über gesellschaftliche Ordnung sowie Ziele für politisches Handeln beinhaltet.

Positionieren

Positionieren ist Grundbestandteil menschlicher Kommunikation. Wann immer wir miteinander interagieren und kommunizieren, bringen wir uns selbst, andere und die Objekte, über die wir sprechen, in bestimmte Relationen zueinander.

Deutungsmuster

Unter einem Deutungsmuster wird die problem- und lösungsbezogene Interpretation gesellschaftlicher und politischer Tatbestände verstanden, die Aussicht auf Akzeptanz in sozialen Gruppen hat. Der Begriff des Deutungsmusters hat Ähnlichkeit mit den Begriffen der Theorie und Ideologie. Meist werden gesellschaftlich verbreitete Leitdeutungen, die oft mit Schlagwörtern und Argumentationsmustern einhergehen (wie Globalisierung, Kapitalismus, Leistungsgesellschaft, Chancengleichheit etc.) als Beispiele für Deutungsmuster genannt.

Sinnformel

‚Wer sind wir? Woher kommen, wo stehen und wohin gehen wir? Wozu leben wir?‘ Auf diese und ähnliche existentielle Fragen geben Sinnformeln kondensierte Antworten, die in privaten wie sozialen Situationen Halt und Argumenten in politischen und medialen Debatten einen sicheren Unterbau geben können.

Techniken

Whataboutism

Whataboutism (auch Whataboutismus) bezeichnet zum einen eine rhetorische Praktik, zum anderen wird der Ausdruck als Schlagwort verwendet.
Als Praktik zielt Whataboutism darauf ab, von Kritik oder von einem unerwünschten Thema abzulenken – typischerweise durch einen Gegenverweis auf einen anderen Sachverhalt, einen anderen Akteur oder einen anderen Kontext. Dabei ist die Grenze zu legitimen Vergleichen und Rückfragen fließend und regelmäßig Gegenstand diskursiver Aushandlung.

Korruption

Korruption wird zum einen als Fachbegriff (Recht, Wissenschaft) verwendet und verweist auf ein Gebiet des Strafrechts und damit auf einen Teil des gesellschaftlichen Normensystems, das Delikte in Kontaktzonen von Politik und Ökonomie definiert.

Beschriftete Waffen

Das Betexten von Waffen, speziell Projektilen wie Schleuderbleien, Kanonenkugeln oder Bomben, mit an die Feindgruppe gerichteten Botschaften (Sarkasmus, Beleidigungen, Todeswünsche u. ä.) ist eine Praktik, die sich bis in die römische Antike zurückverfolgen lässt. Sie dient der Identifikation der Eigengruppe (Truppe oder Gefolgsleute) mit dem Ziel, die Moral vor einem Kampfansatz zu heben (emotional-psychologische Bewältigungsstrategie) sowie Gelassenheit und Siegesgewissheit propagandistisch gegenüber der Eigen- und Fremdgruppe zu inszenieren.

Zitieren

Zitieren bezeichnet die Wiedergabe ausgewählter Text(teil)e in unterschiedlichen Kommunikationskontexten wie Alltag, Wissenschaft, Journalismus und Politik. Grundsätzlich kann Zitieren der möglichst wertneutralen Wiedergabe bzw. Verweisung auf fremde Aussagen dienen, aber auch zur strategischen Positionierung eingesetzt werden. Auch in wissenschaftlichen Texten erfüllt das Zitieren neben der formal korrekten Bezugnahme auf fremde Aussagen u.a. argumentationsstützende Funktionen.

AI-Washing/KI-Washing

Unter AI-Washing ist die Praxis von Unternehmen oder Organisationen zu verstehen, Produkte, Dienstleistungen oder Geschäftsmodelle mit dem Etikett „Künstliche Intelligenz“ (KI bzw. „Artificial Intelligence“ (AI)) zu versehen, obwohl deren tatsächlicher Einsatz von KI-Technologien entweder stark übertrieben, nur marginal vorhanden oder überhaupt nicht gegeben ist.

Dogwhistle

Unter Dogwhistle wird in Teilen der Forschung eine doppeldeutige Äußerung verstanden, die eine offene und eine verdeckte Botschaft an jeweils eine Zuhörerschaft kommuniziert.

Demonstrieren

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Boykottaufruf

Der Boykottaufruf ist eine Maßnahme, die darauf abzielt, ein Ziel, also meist eine Verhaltensänderung des Boykottierten, hervorzurufen, indem zu einem Abbruch etwa der wirtschaftlichen oder sozialen Beziehungen zu diesem aufgefordert wird.

Tabuisieren

Das Wort Tabuisierung bezeichnet die Praxis, etwas Unerwünschtes, Anstößiges oder Peinliches unsichtbar zu machen oder als nicht akzeptabel zu markieren. Das Tabuisierte gilt dann moralisch als unsagbar, unzeigbar oder unmachbar.

Aus dem Zusammenhang reißen

Das Aus-dem-Zusammenhang-Reißen gehört in den Funktionskreis der Redewiedergabe bzw. der Wiedergabe kommunikativer Ereignisse. Es kann (1) als intentionale argumentativ-polemische Strategie für ganz unterschiedliche diskursive Zielsetzungen von Akteuren genutzt werden, oder (2) es kann SprecherInnen und SchreiberInnen in unbeabsichtigter, fehlerhafter Weise unterlaufen.

Schlagwörter

Meinungsfreiheit

Meinungsfreiheit ist ein positiv konnotiertes Schlagwort. Das im Schlagwort kondensierte Pro-gramm wird allgemein zustimmend propagiert oder eingefordert, ohne dass immer verdeutlicht wird, welche Ausgestaltung von Meinungsfreiheit zugrunde liegt. Aufgrund dieser allgemeinen Zu-stimmung kann Meinungsfreiheit als Hochwertwort kategorisiert werden: In der öffentlichen Debat-te gibt es keine wahrnehmbaren Stimmen, die sich gegen Meinungsfreiheit (in dieser unbestimm-ten Form) aussprechen.

Diversität / Vielfalt

Diversität/Vielfalt ist ein aus einschlägigen US-Diskursen der (frühen) 1980er und der 1990er Jahre importiertes Schlagwort und ein Topos, der ethnische, sexuelle und körperliche (Behinderung etc.) Verschiedenheit positiv und programmatisch als Ressourcen der Mehrheitsgesellschaft kodiert. Vielfalt als Chance dürfte der hierzulande häufigste Slogan des Diversitäts-Hypes sein. Qua Diversität werden identitätsrelevante Unterschiede zwischen gesellschaftlichen Gruppen von Stigmata für Minderheiten zu Ressourcen für die Allgemeinheit umgedeutet.

Brückentechnologie

Ganz allgemein wird unter dem Schlagwort der Brückentechnologie sowohl in den öffentlichen Medien als auch in technisch und wirtschaftlich dominierten Kontexten eine Technologie verstanden, die zeitlich befristet eingesetzt werden soll, bevor in Zukunft der Übergang zu einer als sinnvoller eingeschätzten anderen Technologie möglich ist.

Deindustrialisierung

Der Ausdruck Deindustrialisierung (auch De-Industrialisierung oder als Verb deindustrialisieren) beschreibt im öffentlichen Sprachgebrauch eine negativ bewertete Form des Strukturwandels durch Rückgang von produzierendem Gewerbe.

Nachhaltigkeit

Nachhaltigkeit als ein Schlagwort des öffentlichen Diskurses bezieht sich ganz allgemein auf einen ressourcenschonenderen Umgang mit dem, was uns Menschen der Planet Erde bietet, mit dem Ziel, dass auch nachfolgende Generationen noch die Möglichkeit haben, ähnlich gut zu leben wie wir heute (Generationengerechtigkeit).

Echokammer

Der Begriff der Echokammer steht in seiner heutigen Verwendung vor allem im Zusammenhang mit der Nutzung Sozialer Medien. Er verweist metaphorisch auf einen digitalen Kommunikations- und Resonanzraum, in dem Mediennutzer*innen lediglich Inhalten begegnen, die ihre eigenen, bereits bestehenden Ansichten bestätigen, während abweichende Perspektiven und Meinungen ausgeblendet bzw. abgelehnt werden.

Relativieren

Der Ausdruck relativieren besitzt zwei zentrale Bedeutungsvarianten: In bildungssprachlichen und wissenschaftlichen Kontexten bezeichnet er eine analytische Praxis, bei der Aussagen, Begriffe oder Phänomene durch Bezugnahme auf andere Sachverhalte eingeordnet, differen-ziert und in ihrer Geltung präzisiert werden.

Massendemokratie

Geprägt wurde der Begriff Massendemokratie im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts von völkisch-konservativen Akteuren (prominent darunter Carl Schmitt 1926). Der Ausdruck Masse hatte damals bei den bürgerlichen Eliten eine rundum bedrohliche Assoziation.

Social Bots

Als Social Bots werden Computerprogramme bezeichnet, die in der Lage sind, in sozialen Medien Kommunikation menschlicher Nutzer*innen (teilweise) automatisiert nachzuahmen.

Kriegsmüdigkeit

Der Ausdruck Kriegsmüdigkeit bezeichnet die emotionale und physische Erschöpfung von Menschen, die einen Krieg erleben, sowie die gesellschaftliche und politische Ermüdung angesichts langanhaltender Konflikte. Er beschreibt den sinkenden Kampfeswillen bei Kriegsparteien und heute wird er auch für das wachsende Desinteresse an Kriegsthemen in Medien und Öffentlichkeit genutzt.

Verschiebungen

Dehumanisierung

Mit Dehumanisierung bzw. Anthropomorphisierung werden solche kommunikativen Techniken und Praktiken bezeichnet, die Personen, Sachverhalten oder Gegenständen menschliche Eigenschaften ab- bzw. zusprechen. Dehumanisierung und Anthropomorphisierung können sowohl durch sprachliche Mittel als auch durch andere, z. B. bildliche, Zeichen vollzogen werden.

Kriminalisierung

Kriminalität meint ein Verhalten, das gegen ein Gesetz verstößt. Folglich bedeutet Kriminalisierung im engeren Sinne den Vorgang, durch den Verhalten ungesetzlich gemacht wird – indem Gesetze geschaffen werden.

Ökonomisierung

Ökonomisierung wird in gegenwärtigen Diskursen in der Regel zur Bezeichnung von Prozessen verwendet, in denen die spezifisch wirtschaftlichen Funktions-Elemente wie Markt, Wettbewerb/Konkurrenz, Kosten-Nutzen-Kalküle, Effizienz, Gewinnorientierung in Bereiche übertragen werden, die zuvor teilweise oder ganz nach anderen Leitkriterien ausgerichtet waren

Moralisierung

Moralisierung verlagert Macht- und Interessenkonflikte in die Sphäre der Kommunikation von Achtung / Missachtung. Sie reduziert Ambivalenz zugunsten einer Polarisierung von gut und böse.

Konstellationen

Krise

Krise ist vom Wort mit fachsprachlicher Bedeutung zur Zeitdiagnose und einem zentralen Begriff der öffentlich-politischen Kommunikation geworden. Der öffentlich-politische Krisenbegriff ist dabei – unabhängig vom Gegenstand der Krise – in eine krisendiskurstypische Konstellation zur Begründung von krisenüberwindenden Handlungen eingebettet.

Partizipatorischer Diskurs

Partizipation ist mittlerweile von der Forderung benachteiligter Personen und Gruppen nach mehr Beteiligung in der demokratischen Gesellschaft zu einem Begriff der Institutionen selbst geworden: Kein Programm, keine Bewilligung mehr, ohne dass bestimmte Gruppen oder Personen dazu aufgefordert werden, für (mehr) Partizipation zu sorgen.

Skandal

Die Diskurskonstellation des Skandals zeichnet sich durch eine in den Medien aufgegriffene (bzw. durch sie erst hervorgerufene) empörte Reaktion eines erheblichen Teils der Bevölkerung auf einen tatsächlichen oder vermeintlichen Missstand aus. Die schuldhafte Verursachung dieses Missstandes wird dabei einem gesellschaftlichen Akteur zugeschrieben, dessen Handeln als ‚unmoralisch‘ gedeutet wird.