DiskursGlossar

Antisemitismus

Kategorie: Schlagwörter
Verwandte Ausdrücke: Judenfeindschaft, Antijudaismus, Judenhass, Antizionismus, Philosemitismus
Siehe auch: Freund-Feind-Begriffe
Autor: Peter Ullrich
Version: 1.0 / Datum: 21.11.2022

Kurzzusammenfassung

Mit Antisemitismus werden gemeinhin alle jene Phänomene bezeichnet, die sich gegen das Judentum oder gegen Jüdinnen*Juden als Jüdinnen*Juden richten. Die entsprechenden Erscheinungen reichen von der bloßen Distanzierung und Behauptung jüdischer Andersartigkeit, über vollständig ausgearbeitete Weltbilder, die Jüdinnen*Juden für sämtliche Probleme verantwortlich machen, bis hin zu massiven Ausgrenzungs-, Verfolgungs- und Gewaltpraktiken. Je nach Begriffsverständnis sind diese Phänomene historisch bis in die Antike oder zumindest das christliche Mittelalter zurück nachweisbar, sind aber von besonderer Bedeutung im Prozess der kapitalistischen Modernisierung und Nationalstaatsbildung im postaufklärerischen Europa.

Diese Breite der angesprochenen Erscheinungen verdeutlicht, dass der Begriff Antisemitismus als Konzept von hohem Abstraktionsgrad notwendig Unschärfen aufweist und wie die mit ihm bezeichneten Gegenstände geschichtlichen Wandlungen unterliegt. Damit sperrt er sich gegen eine bündige, abgeschlossene Definition. Um das oben skizzierte ,Basiskonzept‘ (Michael Kohlstruck) gruppiert sich entsprechend eine Vielzahl von teils stark divergierenden Antisemitismusverständnissen. Dies hängt neben der Geschichtlichkeit des Themas auch mit disziplinären Differenzierungen der damit befassten Wissenschaften zusammen (Geschichtswissenschaft, Soziologie, Sozialpsychologie, Politikwissenschaft u.a.) sowie mit der diskursiven Überlagerung und Verknüpfung des Themas Antisemitismus mit anderen Diskursen: mit der Erinnerung an den Nationalsozialismus und den Holocaust, mit dem israelisch-palästinensischen Konflikt, mit Debatten um Migration, ‚Integration‘ und (Post-)Kolonialismus. Alle diese Themen sind Gegenstand heftiger diskursiver Kämpfe. Deshalb ist Antisemitismus nur in seinem Doppelcharakter als Problem und Symbol zu behandeln.

Erweiterte Begriffsklärung

Das Wort Antisemitismus entstand als Selbstbezeichnung einer Bewegung, die sich gegen die rechtliche Emanzipation der Jüdinnen*Juden bildete. Die der Sprachwissenschaft entlehnte Bezeichnung (als ‚semitisch‘ wird eine Gruppe von Sprachen bezeichnet, zu der auch Hebräisch gehört) sollte Modernität und Wissenschaftlichkeit signalisieren und sich vom mittelalterlich-religiösen Antijudaismus absetzen. Stattdessen gewannen moderne – nationalistische und rassistische – Begründungen dafür an Bedeutung, warum Jüdinnen*Juden ‚nicht zu uns passen‘ oder ‚uns‘ schaden würden. Daraus wurden unterschiedliche Forderungen – von Absonderung über ökonomische Beschränkungen bis zu rechtlicher Ausgrenzung und Vertreibung – abgeleitet und in der Folge teilweise auch umgesetzt.

Die Termini Antisemitismus/Antisemit wandelten sich von dieser Selbstbezeichnung, die noch bis in die Weimarer Republik einen akzeptierten und einigenden kulturellen Code des rechten Lagers darstellte (vgl. Volkov 2000), zur analytischen oder politisch-moralischen Fremdbezeichnung. Angesichts des Holocaust und der damit einhergehenden Desavouierung des Antisemitismus in der Öffentlichkeit gibt es heute jedoch nur in der extremen, völkischen Rechten eine affirmative Verwendung des Wortes. Angesichts des negativen Signalcharakters von Antisemitismus, der sich in den Nachkriegsjahrzehnten herausgebildet hat, weisen viele antisemitisch argumentierende Positionen eine solche Einordnung von außen strikt von sich.

In Wissenschaft wie Öffentlichkeit ist heute ein Sprachgebrauch weit verbreitet, der alle Formen spezifisch antijüdischer Vorurteile, Feindschaft, Diskriminierung und Gewalt über alle Zeiten hinweg unter Antisemitismus als Oberbegriff fasst (vgl. Bergmann 2006), während im engeren Sinne darunter nur der ‚klassische‘ oder ‚moderne‘, postaufklärerische Antisemitismus verstanden wird. In dieser Phase, ab dem 18. Jahrhundert (vgl. Weyand 2016) gewinnen antisemitische Phänomene auch ihre umfassende weltanschauliche Qualität: das Judentum und die Jüdinnen*Juden werden in antisemitischer Perspektive zur Verkörperung, ja zu den Urheber*innen der Verwerfungen der Modernisierung. Dieser Vorgang ist besonders eng verbunden mit der Herausbildung des modernen Nationalismus, aus dessen Perspektive Jüdinnen*Juden nicht nur Andere sind (wie die anderen ‚normalen‘ Nationen). Vielmehr verkörpern sie für den Antisemitismus die Ambivalenzen der modernen Gesellschaft und somit eine Art Anti-Prinzip. Sie gelten in der als natürlich vorgestellten nationalen Ordnung der Welt als nicht-identische Gruppe, die die dominanten Zugehörigkeitsregeln unterläuft und deshalb bekämpft wird (vgl. Holz 2001; vgl. auch Freund-Feind-Begriff).

Angesichts der verbreiteten historisch-weiten Begriffsverwendung werden üblicherweise Hauptformen unterschieden, die im Kern auch für eine zeitliche Abfolge stehen: antike Judenfeindschaft, christlicher Antijudaismus, moderner Antisemitismus, postnazistischer oder sekundärer Antisemitismus (der sich insbesondere mit der antisemitischen Umdeutung des Völkermords an den Jüdinnen*Juden befasst), neuer Antisemitismus (der sich am Thema Nahostkonflikt abarbeite). Ein großer Teil der Debatten der Antisemitismusforschung lässt sich als Ringen um diese Ab-/Eingrenzungsfragen deuten, die um zwei Komplexe kreisen:

  • Wo und wann bildet sich der Antisemitismus als eine spezifische Form von Feindschaft heraus, die sich von anderen Konflikt- und Feindschaftskonstellationen, die verschiedene Gruppen, auch Jüdinnen*Juden, betreffen können, unterscheidet, u.a. weil sich kein ‚rationaler‘ oder ‚realistischer‘ Konfliktkern finden lässt (Spezifitätsproblem)? Gavin Langmuir (1990) sieht dies im Spätmittelalter mit der Herausbildung der antijüdischen Mythen von Hostienfrevel, Kindsmord oder Brunnenvergiftungen gegeben, andere Autor*innen erst in der Moderne mit dem Aufkommen der Verschwörungstheorien über geheime, weltumspannende jüdische Macht.
  • In welchem Verhältnis stehen Kontinuität und Bruch in der Geschichte der Judenfeindschaft(en)? Kaum mehr bestritten wird heute die Verflechtung und Kopräsenz zunächst unterschiedlich gedachter Phänomene: ‚Moderne‘ proto-rassistische Formen des Antisemitismus bilden sich beispielsweise schon im christlich-antijudaistischen Spanien der Reconquista. Im Rahmen der Politik der ‚Blutreinheit‘ entfiel die Konversion zum Christentum als Mittel, der Verfolgung zu entgehen. Abstammung wurde schon hier zum Merkmal, das Verfolgung, Tötung oder Ausweisung nach sich zog. Gleichzeitig ist auch in der Gegenwart Antisemitismus vor dem Hintergrund primär christlicher Selbstbilder nicht verschwunden. Denn das fortbestehende Judentum ist weiterhin eine Herausforderung für die christliche Theologie, die sich ja gerade als Überwinderin desselben sieht und sehen muss.

Die reichhaltige empirische Forschung zu gegenwärtigem Antisemitismus und das Monitoring staatlicher und zivilgesellschaftlicher Stellen erfasst eine Vielzahl von aktuellen Erscheinungsformen (im Überblick bspw. Unabhängiger Expertenkreis Antisemitismus (UEA) 2017; vgl. auch Kleinmann und Goldenbogen 2021). Dokumentiert werden regelmäßig relevante Anteile antisemitisch eingestellter Personen in der Bevölkerung (über alle Schichten und politischen Spektren hinweg), Beleidigungen und verbale Attacken sowie Gewaltvorfällen bis hin zu Anschlägen wie auf die Hallenser Synagoge im Jahr 2019. Besonders in der Neuen Rechten scheint die Bedeutung des Antisemitismus als Kitt des vordergründig meist islamfeindlichen Weltbildes zudem zuzunehmen.

Aktuelle Herausforderungen und Entwicklungslinien

Viele der gegenwärtigen Debatten um Antisemitismus hängen mit den Bedingungen der Kommunikation über Antisemitismus zusammen. Der öffentliche anti-antisemitische Meinungsdruck nach dem Ende des Nationalsozialismus sorgte, neben dem weitgehenden Verschwinden der Selbstidentifikation als antisemitisch, dafür, dass antisemitische Einstellungen weniger offen kommuniziert werden („Kommunikationslatenz“, Bergmann und Erb 1986) und entsprechend weniger leicht nachweisbar sind. Zugleich gab es aber auch nachhaltige Erfolge des Zurückdrängens antisemitischer Einstellungen (vgl. Bergmann 2004), die zu einer teilweisen Fragmentierung des Weltbildes führten, das oft nur noch in einzelnen Elementen Zustimmung findet (Ullrich 2013: 51 ff.), allerdings in teils erheblichem Ausmaß. Dieser Umstand wird wiederum wenig erfasst von einer öffentlichen Debatte, die stark zu Personalisierung neigt, also Antisemitismus nicht als soziale und kulturelle, mithin überindividuelle Tatsache fasst, sondern als personale Pathologie. Oder: die nicht Antisemitismus, sondern vor allem Antisemit*innen sieht.

Ein Aspekt der Kommunikationslatenz ist die sogenannte Umwegkommunikation, also das Ausweichen auf Themenfelder, bei denen das antisemitische Ressentiment ‚gefahrloser‘ artikuliert werden kann. Insbesondere Israel als jüdischer Staat spielt hier eine große Rolle als Thema antisemitischer Kommunikation (vgl. Holz und Haury 2021). Zugleich ist zu konstatieren, dass sich mit der gestiegenen Aufmerksamkeit für israelbezogenen Antisemitismus wiederum das Antisemitismusverständnis verschiebt: während Antisemitismus ursprünglich eine Mehrheits-Minderheits-Konstellation beschrieb, steht nun mit Israel eine regionale Staatsmacht mit atomarer Bewaffnung, die seit Jahrzehnten Besatzungsmacht palästinensischer Gebiete und Bevölkerung ist, im Fokus. Der gegenwärtig verbreitete Reduktionismus, Feindschaft gegen Israel einfach definitorisch dem Antisemitismus zuzuschlagen, wird der Ambivalenz nicht gerecht, die schon von Anfang an dem Zionismus innewohnt. Dieser war ebenso Befreiungsbewegung für vom Antisemitismus Verfolgte wie geprägt vom europäisch-kolonialistischen und nationalistischen Geist, dessen Leidtragende auch die einheimische Bevölkerung im Mandatsgebiet Palästina wurde (vgl. Vogt 2016). Israel ist (und war) in diesem Sinne sowohl Ziel antisemitischer Propaganda wie es auch Kritik an seiner Politik gab und gibt, die menschen- wie völkerrechtlich oder antirassistisch motiviert ist oder schlicht aus Erfahrungen Leidtragender im Nahostkonflikt schöpft.

Diese angesprochene reduktionistische Tendenz, die auch zu falschen Antisemitismusvorwürfen führt, schöpft aus verschiedenen Quellen, darunter die israelische Politik, die sich des Antisemitismusvorwurfs zur Kritikabwehr bedient und die deutsche Politik, in der das Bekenntnis zu Israel mittlerweile den Status der ,Staatsräson (so unter anderem die damalige Kanzlerin Angela Merkel) erhalten hat. Hinter dieser deutschen Positionierung stehen widersprüchliche Motive von einerseits historischer Sensibilität und Empathie mit den Opfern des Nationalsozialismus bis andererseits hin zu instrumentellen Momenten der Legitimation deutscher Geltung und Großmachtansprüche unter Anerkennung von Auschwitz und in der Selbststilisierung als ,Erinnerungsweltmeister. Diese instrumentelle Funktion der Antisemitismuskritik in ihrer inneren Widersprüchlichkeit, also die Symbolbedeutung von Anti-Antisemitismus für politische Legitimität deutscher Politik, trägt dazu bei, dass der Diskurs über Antisemitismus Aspekte von Ritualisierung und Floskelhaftigkeit aufweist. Er wird genutzt, um das Problem der Mehrheitsgesellschaft mit Antisemitismus als übergreifendes kulturelles Muster zu externalisieren (insbesondere an die klassischen Beobachtungsfelder des Verfassungsschutzes: rechter, linker und ,ausländischer ,Extremismus, wobei besonders stark Muslime als Täter*innen in den Blick genommen werden). Antisemitismus als Vorwurf bekommt dann einen politischen Zusatznutzen als wirksame diskursive Waffe gegen unliebsame Positionen.

Beispiele

Die beiden folgenden Beispiele sollen die mit dem Spannungsfeld von „Antisemitismus als Problem und Symbol“ (Kohlstruck und Ullrich 2015) aufgemachte Breite des Themas verdeutlichen. Es geht einerseits um seine Virulenz als Problem für Jüdinnen*Juden im Besonderen und Demokratie und Menschenrechte im Allgemeinen. Es geht aber auch um die Gefahr vorschneller Urteile und reflexhafter Vorwürfe, die Grauzonen negieren oder gar gänzlich anders gelagerte Fälle fälschlich als Ausdruck von Judenfeindschaft deuten.

(1) NS-Erinnerung und postnazistischer Antisemitismus

Am 9. November 2013, dem Jahrestag der Reichspogromnacht, veröffentlichte der Linken-Politiker Gregor Gysi auf der Social-Media-Plattform Facebook ein Statement in Erinnerung an dieses Verbrechen und als Aufruf zum Kampf gegen Antisemitismus. Eine Vielzahl von Kommentator*innen reagierte auf den Post mit massiven antisemitischen Anwürfen. Menschen mit Namen, die neben Deutschland auf unterschiedlichste nationale Herkünfte schließen lassen, leugneten oder bagatellisierten den Holocaust, beschuldigten Jüdinnen*Juden als Kollektiv von Unterdrückten zu Unterdrückern geworden zu sein, deren ,Schaltzentrale Israel die Welt beherrsche. Jüdinnen*Juden und Israel werden Taten vorgeworfen, die denen der Nationalsozialisten in nichts nachstünden (Täter-Opfer-Umkehr), während die Deutschen als zu Unrecht beschimpft stilisiert und von historischer Schuld entlastet werden. Das Beispiel verdeutlicht diverse Tendenzen: Die sozialen Medien werden zum Schauplatz offenen Antisemitismus, der sich dort auch wieder weniger in die Anonymität zurückzuziehen genötigt sieht. Die Vorurteile werden vor dem Hintergrund nicht nur deutsch-nationaler, sondern auch islamistischer, christlicher, türkischer oder arabischer Selbstbilder formuliert. Es wird Gewalt gegen Jüdinnen*Juden als ‚Reaktion‘ legitimiert. Der Holocaust bleibt für jeden Antisemitismus ein Legitimationsproblem, weshalb seine Negierung im Zentrum antisemitischer Diskurse steht. Die Gleichsetzung Israels mit allen Jüdinnen*Juden ist weit verbreitet. Motive des klassischen und des postnazistischen Antisemitismus treten gemeinsam, vermischt auf. Und viele der nämlichen Beiträge weisen den (nicht getätigten) Antisemitismusvorwurf gegen sich strikt zurück.

(2) Antisemitismus und Antisemitismusvorwürfe: #documenta15, BDS und Provinzialismus

Die bedeutende Kasseler Kunstausstellung Documenta, die diesmal von einem indonesischen Künstler*innenkollektiv kuratiert wurde, wurde im Jahr 2022 Schauplatz von Antisemitismusdebatten, die die Widersprüchlichkeit des ritualisierten Antisemitismusdiskurses verdeutlichten. Zum einen wurden klar antisemitische Motive in einem ausgestellten Großwerk gefunden und zu Recht skandalisiert. Es handelt sich um eine stereotype, abwertende und dämonisierende Darstellung einer jüdischen Figur: grotesk verzerrt, mit SS-Insignien und typischen antisemitischen Motiven versehen. Die Kritik wurde aber zum Ausgangspunkt einer regelrechten Suche nach weiterem Antisemitismus, in deren Verlauf eine Vielzahl von Funden überwiegend vorschnell und ohne Kontextualisierung präsentiert und oft unzulässig vereindeutigend dargestellt wurde. So wurde eine indonesische Kopfbedeckung als (jüdische) Kippa fehlidentifiziert. Abwertende Darstellungen von westlichen Geheimdienstlern, darunter der israelische Mossad, die in die indonesische Militärdiktatur Suhartos involviert waren, als Schweine wurden als spezifisch antijüdisch interpretiert, ohne die allgemeine Ikonographie der Urheber*innen und ihres politischen Kampfes zu reflektieren. Eine Parallelisierung der Situation im palästinensischen Gaza-Streifen mit Picassos Guernica-Motiv wurde als unangemessen und unsensibel kritisiert, obwohl eine lange Geschichte der Verwendung dieses Anti-Kriegs-Motivs in vielerlei Kontexten bisher zu keinerlei Debatten Anlass bot. So konnte der Eindruck einer stark antisemitischen Kunstschau entstehen, während eine Auseinandersetzung mit dem Sprechort, den Anliegen und Hintergründen der Künstler*innen, überwiegend aus dem globalen Süden, in der rein auf den deutschen Diskursrahmen bezogenen, damit ,provinziellen‘ Debatte weitgehend ausblieb und von diesen mit Rassismusvorwürfen gekontert wurde. Diese Debattenstruktur steht auch im Einklang mit der sich immer mehr verfestigenden antagonistischen Konfrontation von Antisemitismuskritik und (postkolonialer) Rassismuskritik, die teilweise für genuin antisemitisch erklärt wird (vgl. dazu Biskamp 2021; Mendel, Cheema, Arnold 2022). Der reduktionistische Documenta-Diskurs erinnert wiederum stark an die seit Jahren andauernde deutsche Debatte um die israelkritische bis israelfeindliche BDS-Bewegung. Diese wird von (pro-)palästinensischer Seite nachdrücklich als antirassistische Menschenrechtsbewegung gutgeheißen und von relevanten Teilen der Antisemitismuskritik rundheraus als antisemitisch interpretiert. Dabei wird vor allem auf die Assoziation zum nationalsozialistischen Judenboykott (nicht aber zu anderen Boykotten) hingewiesen und die Bewegung nicht selten gar als NS-affin interpretiert (Ullrich 2020). Diese Struktur, Antisemitismus- und Rassismuskritik nicht zusammen, sondern fast nur gegeneinander denken zu können, wurde entsprechend als das „unglückliche Bewusstsein“ der Linken unserer Zeit kritisiert (Holz und Haury 2021).

Literatur

Zum Weiterlesen

Zitierte Literatur

Zitiervorschlag

Ullrich, Peter (2022): Antisemitismus. In: Diskursmonitor. Glossar zur strategischen Kommunikation in öffentlichen Diskursen. Hg. von der Forschungsgruppe Diskursmonitor und Diskursintervention. Veröffentlicht am 21.11.2022. Online unter: https://diskursmonitor.de/glossar/antisemitismus.  

DiskursGlossar

Grundbegriffe

Sprachpolitik / Sprachenpolitik

Sprachpolitik bezeichnet allgemein alle politischen Prozesse, die auf eine Beeinflussung der Sprachverwendung in einer Gesellschaft oder Sprachgemeinschaft abzielen. Unterschieden wird häufig zwischen Sprachenpolitik und Sprachpolitik im engeren Sinne.

Sagbarkeit

Im öffentlichen Diskurs findet sich häufig die strategische Behauptung, dass bestimmte Fakten oder Meinungen unsagbar seien. Auf diese Weise wird zum Ausdruck gebracht, dass es Grenzen des Sagbaren gebe, die im öffentlichen Diskurs Geltung hätten.

Kulturelle Grammatik

Kulturelle Grammatik steht für ein System von Regeln und/oder etablierten Regelmäßigkeiten, die Formen richtiger und/oder normaler Kommunikation und Interaktion auszeichnen.

Epistemischer Status

Als epistemischen Status bezeichnet man die Wissensbestände und -zugänge zu Ereignissen, Sachverhalten und Personen, die Gesprächsteilnehmer*innen ihrem Gegenüber in der Interaktion zuschreiben.

Politische Kommunikation

Politische Kommunikation findet überall dort statt, wo Menschen als Teil von sozialen Gruppen mit unterschiedlichen Bedürfnissen und Interessen aufeinandertreffen und über das einzelne Individuum hinaus geltende Regeln des Zusammenlebens aushandeln.

Topos

Ein Topos (Plural: Topoi) ist als ein Argumentationsmuster ein allgemeines Formprinzip, nach dem Argumente gebildet werden können. Als allgemeiner, formaler bzw. kontextabstrakter Topos kann er für oder gegen jede in Frage stehende Position angeführt werden. Topoi gehören zum kollektiven Wissen aller, die sich argumentativ äußern.

Bedeutung

Der Ausdruck Bedeutung wird sowohl in der Alltagssprache als auch in der Fachsprache nicht einheitlich verwendet. Alltagssprachlich wird auf die Bedeutung von etwas – zum Beispiel einem Wort, Gegenstand oder Gesichtsausdruck – verwiesen, wenn dessen Status in der Welt unklar ist (‚was bedeutet es, dass X‘) oder seine Wichtigkeit hervorgehoben werden soll (‚X ist bedeutend‘).

Kollektivsymbol

Zur Kollektivsymbolik einer Kultur rechnet man den gesellschaftlich geteilten Vorrat an sprachlichen, bildlichen, schematischen und anderen Ressourcen, derer sich politische und mediale Akteure bedienen, um Ereignisse und Handlungen für die Allgemeinheit deutbar und verständlich zu machen.

Strategische Kommunikation

Der Ausdruck Strategische Kommunikation bezeichnet ein Bündel an zeichenbasierten und in der Regel mediengestützten Aktivitäten, mit denen Individuen, Gruppen oder Organisationen versuchen, die Akzeptanz für ihre politischen, ökonomischen, rechtlichen oder anderweitig motivierten Interessen bei ausgewählten Zielgruppen zu halten oder zu erhöhen.

Techniken

Petition

Petitionen sind eine der am meisten genutzten Partizipationsformen nach Wahlen. Sie sind sowohl ein Mittel der politischen Beteiligung als auch ein Protestmittel und damit Zwitterwesen in der politischen Landschaft. Durch die Digitalisierung haben sich Petitionen zudem maßgeblich verändert, ihre Zahl hat zugenommen, ebenso wie die Zahl der Plattformen, auf denen sich Petitionen starten lassen.

Influencer / Influencerin

Influencer:innen sind Personen, die auf Social-Media-Plattformen regelmäßig selbst produzierte Inhalte publizieren und damit eine öffentliche Reichweite über ihre Follower:innen aufbauen. Influencer:innen haben das Potenzial, Rezipient:innen in ihrem Wissen, Einstellungen und Verhalten zu beeinflussen (engl. to influence).

Litigation PR

Der Begriff Litigation PR kombiniert das englische Wort litigation, das auf lat. ,lītigātiō‘ zurückgeht und für Rechtsstreitigkeit bzw. (Gerichts )Verfahren/Prozess steht, mit dem bekannten Begriff PR (Public Relations).

Memes

Der Begriff des Internet-Memes fasst eine relativ heterogene Gruppe digitaler – und zumeist multimodaler – Texte zusammen (zum Beispiel Videos, GIFs, Image Macros), die sich durch formale oder inhaltliche Gemeinsamkeiten auszeichnen und durch Imitations- und Aneignungsprozesse verbreiten.

Aufwertung/Meliorisierung

Von Aufwertung/Meliorisierung wird in der Linguistik dann gesprochen, wenn ein Wort, das ursprünglich als Fremdbezeichnung der Diffamierung einer bestimmten Volks- oder Personengruppe diente, von dieser selbst dann als positive Eigenbezeichnung verwendet wird.

Domain-Grabbing

In der Internetkommunikation finden sich verschiedene Praktiken, die aus Sicht von Dritten (v.a. Markenhaltern) als illegitime oder gar rechtswidrige Inanspruchnahme von Domain-Namen und damit verbundener Aufmerksamkeitssteuerung kritisiert werden.

Suchmaschinenoptimierung

Durch Suchmaschinenoptimierung (search engine optimization; SEO) wird versucht, Webseiten so zu verändern, dass sie von Suchmaschinen als besonders relevant betrachtet und entsprechend hoch in den Suchergebnissen gelistet werden.

Search Engine Advertising

Als Search Engine Advertising wird die Werbung auf den Ergebnisseiten von Suchmaschinen bezeichnet. Besondere Merkmale dieser Werbeform sind, dass die Anzeigen kontextbasiert sind und in Textform dargestellt werden.

Organizing

Unter Organizing versteht man ein Bündel von Praktiken, die zur gewerkschaftlichen oder politischen Organisierung bzw. Mobilisierung dienen. Beim methodisch reflektierten Organizing spielen Recherche, Strategieentwicklung, mehr oder minder standardisierte 1:1-Gespräche, Mapping (Erstellung einer Übersicht der Beteiligten im Betrieb oder sonstigen Aktionsfeld) und einiges mehr eine Rolle.

Affirmation

Im sprachwissenschaftlichen Sinne bezeichnet Affirmation die Behauptung oder Bejahung einer Aussage. Die affirmative Form eines Wortes oder Satzes ist das Gegenteil zur Verneinung (Negation).

Schlagwörter

Grammatiknazi / Grammar Nazi

Das überwiegend negativ konnotierte Schlagwort Grammatiknazi – als Übersetzung von engl. grammar nazi – wird zur Benennung von Personen verwendet, die meist in eher informellen Kontexten der öffentlichen Internetkommunikation (u. a. in Foren, Kommentarbereichen auf Nachrichtenportalen, sozialen Netzwerken) ungefragt Sprachkritik an den Äußerungen anderer (häufig fremder) Kommunikationsteilnehmer*innen üben.

Respekt

Respekt oder respektvolles Verhalten wird eingefordert für die Eigengruppe (bzw. von der Eigengruppe), für wirklich oder vermeintlich diskriminierte Gruppen, für abweichende Meinungen. Mitgemeint ist bei der Forderung nach Respekt meist eine positiv bewertete Szene der (sozialen, kulturellen, ethnischen, sexuellen etc.) Vielfalt/Diversität.

Geschlechtergerechte Sprache

Mit dem heute als Fahnenwort gebrauchten Ausdruck geschlechtergerechte Sprache ist die Forderung verbunden, bei Personenbezeichnungen die einseitige, für diskriminierend erklärte Bezugnahme auf einen bestimmten Sexus, konkret: auf das männliche Geschlecht, zu unterlassen.

Identitätspolitik

Der Ausdruck steht heute für eine politische Konstellation, in der konkurrierende Wir-Gemeinschaften mit einer Diskriminierungs- und Benachteiligungsgeschichte in der Öffentlichkeit um Anerkennung konkurrieren. An der Oberfläche geht es ‚identitären‘ Wir-Gemeinschaften darum, die eigene Diskriminierung als Ermächtigungsmotiv an die Öffentlichkeit zu tragen.

Cancel Culture

Cancel Culture ist ein Kampf- und Stigmawort, das sich in skandalisierender Absicht gegen die Praxis (und oft auch bereits gegen die Forderung) des Absagens, Ausladens, Boykottierens moralisch missliebiger und politisch bekämpfter Personen, Organisationen und Positionen in Wissenschaft, Kultur und Politik wendet.

Elite

Einmal wird unter Elite eine Auswahl der Besten und Leistungsfähigsten verstanden, einmal in distanzierender Weise eine abgehobene ‚Kaste‘ der Reichen und Mächtigen im Gegensatz zum Volk. Erstere Variante wird in der Regel zur Verteidigung der etablierten Ordnung verwendet, letztere vor allem von Rechtspopulisten.

Altpartei

Der Ausdruck Altpartei wird in jüngerer Zeit häufig im Kontext des Aufstiegs des Rechtspopulismus und der AfD gebraucht. Dabei lassen sich hauptsächlich zwei Gebrauchsvarianten beobachten: Einerseits richtet sich der Ausdruck in abwertender Weise gegen etablierte Parteien, andererseits taucht er oft in sprachkritischen Kontexten auf, wo seine Verwendung und seine Sprecher kritisiert oder diskreditiert werden.

Verschwörungstheorie

Der Ausdruck gibt sich in der medialen Öffentlichkeit als analytisches Konzept, ist aber zugleich performativ hoch wirksam als Ausschluss aller erfolgreich so benannten Konzepte aus der rationalen öffentlichen Kommunikation.

Inklusion

Inklusion hat sich, ausgehend von einem soziologischen Fachterminus gleichen Namens, in den zwei vergangenen Jahrzehnten zu einem interdiskursiven und allgemeinen Programmbegriff gewandelt.

Innovation

Innovation gehört seit den 60er Jahren zu den häufig verwendeten Schlag– bzw. Fahnenwörtern, vor allem in den Feldern von Ökonomie und Politik. Konzepte und Vorhaben mit der Überschrift Innovation werden oft als Sachzwänge dargestellt, gegen die Einwände als nicht legitim erscheinen.

Verschiebungen

Ökonomisierung

Ökonomisierung wird in gegenwärtigen Diskursen in der Regel zur Bezeichnung von Prozessen verwendet, in denen die spezifisch wirtschaftlichen Funktions-Elemente wie Markt, Wettbewerb/Konkurrenz, Kosten-Nutzen-Kalküle, Effizienz, Gewinnorientierung in Bereiche übertragen werden, die zuvor teilweise oder ganz nach anderen Leitkriterien ausgerichtet waren

Moralisierung

Moralisierung verlagert Macht- und Interessenkonflikte in die Sphäre der Kommunikation von Achtung / Missachtung. Sie reduziert Ambivalenz zugunsten einer Polarisierung von gut und böse.

Konstellationen

Skandal

Die Diskurskonstellation des Skandals zeichnet sich durch eine in den Medien aufgegriffene (bzw. durch sie erst hervorgerufene) empörte Reaktion eines erheblichen Teils der Bevölkerung auf einen tatsächlichen oder vermeintlichen Missstand aus. Die schuldhafte Verursachung dieses Missstandes wird dabei einem gesellschaftlichen Akteur zugeschrieben, dessen Handeln als ‚unmoralisch‘ gedeutet wird.

DiskursReview

Review-Artikel

Satzsemantik von Vorhersage und Nutzen-Risiko-Abwägung: Die STIKO-Impfempfehlung für 12- bis 17-Jährige vom 18. August 2021

“Die Forschung muss… sich in die Lage versetzen, die politischen Implikationen, die sie hat, anzunehmen und auszuforschen, um nicht beim ersten Knall der Peitsche durch alle ihr vorgehaltenen Reifen zu springen. Diese Integrität kann die Wissenschaft gerade dadurch unter Beweis stellen, dass sie dem herrschenden Druck, praktische Tabus in theoretische umzuwandeln, widersteht” (Beck 1986, 283)

Review-Rückblick

In dieser Rubrik veröffentlichen wir in unregelmäßigen Abständen kurze Notizen zu Ereignissen oder Phänomenen, die in den vergangenen Wochen in der strategischen und öffentlichen Kommunikation zu beobachten waren. Die Texte kommentieren subjektiv, unsystematisch, teils widersprüchlich und hoffentlich pointiert. Sie erheben keinen Anspruch auf Wissenschaftlichkeit, beobachten ihren Gegenstand aber von einer diskursanalytischen und -interventionistischen Position aus und sollen zum Widerspruch einladen. Sie repräsentieren nicht die Position der Redaktion des Diskursmonitors, sondern ihrer jeweiligen Autorinnen und Autoren.

Rasse, Rassismus

1) Zu Beginn drei exemplarische Medienereignisse aus der jüngsten Vergangenheit, in denen es um den Komplex Rasse, Rassismus ging…

Freund-Feind-Begriffe: Zum diskurssemantischen Feld soziopolitischer Kollektivierung

Mit jeder sprachlichen Äußerung (und das schließt das Nicht-Äußern mit ein) positioniert sich der Sprecher oder Schreiber sowohl innerhalb eines von ihm intersubjektiv (re)konstruierten als auch eines objektiven (d.h. objektivierbaren) diskursiven Raum sozialer Gruppen. Möglich ist dies nur aufgrund der sozialsymbolischen (indexikalischen) Bedeutung kommunikativer Zeichen im Bühlerschen Sinne…

PR, Punk oder Provinz: Wie Corona-Forschung die Öffentlichkeit (nicht) erregt.

Jeden Tag erreichen uns neue Nachrichten, neue Zahlen, neue Grafiken zur laufenden Corona-Pandemie. Wer erinnert sich da noch daran, was vor zwei oder drei Monaten oder vor einer Woche öffentlich diskutiert wurde? Vielleicht sind nur zwei Debatten wirklich in unserem öffentlichen Gedächtnis hängen geblieben, unter anderem, weil sie es zu eigenen Twitter-Hashtags gebracht haben: #HeinsbergProtokoll und #IchHabeBesseresZuTun…