DiskursGlossar

Diskurssemantische Verschiebung

Kategorie: Grundbegriffe
Verwandte Ausdrücke: Diskursverschiebung
Siehe auch: Kriminalisierung
Autor: Friedemann Vogel
Version: 1.0 / Datum: 01.11.2025

Kurzzusammenfassung

Mit dem Begriff der diskurssemantischen Verschiebung wird in der Diskursforschung ein Wandel in der öffentlichen Sprache und Kommunikation verstanden, der auf mittel- oder längerfristige Veränderung des Denkens, Handelns und/oder Fühlens größerer Gesellschaftsgruppen hinweist. Verschiebungen in diesem Sinne lassen sich daran erkennen, dass Sachverhalte, Gegenstände oder Akteure in einem bestimmten Zeitintervall anders wahrgenommen, in anderen Kategorien gedacht und infolge auch anders (diskursiv) behandelt werden als in einem anderen historischen Abschnitt, zum Beispiel als ‚(un)normaler/(un)alltäglicher‘, ‚(a)sexueller‘, ‚(un)menschlicher‘, ‚(ent)tabuisierter‘ oder ‚(il)legaler‘. Solche musterhaften Verschiebungen können gezielte Folge von strategischen Kommunikationspraktiken sein (z. B. langfristiges Agenda Setting mithilfe wiederholter Werbekampagnen oder Großdemonstrationen), sie können sich aber auch ‚ungeplant‘ als Effekt einer mitunter unvorhersehbaren diskursiven Gemengelage einstellen.

Seit etwa 2019 findet sich in öffentlichen bzw. feuilletonistischen Debatten der Ausdruck Diskursverschiebung, der dem hier beschriebenen Terminus zwar ähnelt, aber tendenziell eher als wenig theoretisierter Diagnose- und Warnbegriff (Schlagwort) gebraucht wird.

Erweiterte Begriffsklärung

Als diskurssemantische Verschiebungen bezeichnet die Forschungsgruppe Diskursmonitor

Rekonfigurationen (Umstrukturierungen) von Diskursen, das heißt […] musterhafte Änderungen in Wissens- und Handlungsschemata größerer Bevölkerungsgruppen als Ziel oder auch unbeabsichtigter Effekt von strategisch eingesetzten Techniken und Praktiken […]. Hierzu gehören etwa diskurssemantische Verschiebungen wie die Moralisierung oder Banalisierung des Sprechens über einen Sachverhalt, die Konsensualisierung eines sonst umstrittenen Themas, die Infantilisierung, Kriminalisierung oder Sexualisierung einer Personengruppe. (Vogel et al. 2019: 209)

Das Konzept befindet sich im heuristischen Diskursmodell der Forschungsgruppe auf einer mittleren Abstraktionsebene. Im Mittelpunkt stehen epistemische Wandelprozesse in der kommunikativen Perspektivierung von Sachverhalten in der Welt und damit verbundene Wahrheitsannahmen und Handlungsoptionen. Dass und wie ein Sachverhalt – sei es eine soziale Gruppe (z. B. eine Partei oder Protestgruppe), eine Praktik (z. B. Straßenblockierung als Protestform) oder eine politische Beziehung (wie stehen etwa AfD und CDU oder Deutschland und die USA, Russland und die Ukraine zueinander) – von größeren Teilen einer Gesellschaft wahrgenommen und gedeutet wird, wird heute vor allem über massenmediale Muster der sprachlichen Zubereitung reproduziert, sichtbar und analysierbar.

Folgende Indizien können auf diskurssemantische Verschiebungen hinweisen:

  • Leit- und Ordnungsbegriffe (Schlagwörter), die im kulturellen Gedächtnis einer Gesellschaft eine zentrale Rolle spielen (z. B. Sicherheit, Freiheit, Pazifismus, Wohlstand, Wachstum, Nachhaltigkeit, Antisemitismus), werden in medialen und politischen Arenen semantisch umkämpft und/oder verändern dort vorübergehend oder dauerhaft ihre prototypische (deontische) Bedeutung.
  • Neue Leit- und Ordnungsbegriffe entstehen (wie kriegstüchtig) oder werden aus früheren Diskursgenerationen aufgegriffen und aktualisiert (wie Zeitenwende).
  • Sagbarkeitsgrenzen verändern sich: Themen, Positionen, Argumente und ihre Sprecher*innen, die zuvor in der öffentlichen Diskussion – sei sie global oder lediglich in größeren Kollektiven wie Parteien geführt – tabuisiert waren, rücken ins legitime, sprechfähige Diskursfeld – oder umgekehrt (z. B. waren in der Partei der Grünen der 1980er Jahre militärische Auslandseinsätze kaum denkbar, heute sind sie politischer Alltag).
  • Sprach- und diskurskritische Metadiskurse konstatieren oder beklagen Veränderungen im Akzeptanz- und Normalitätsspektrum öffentlicher Sprache und Konzepte (siehe unten Beispiel 4).

Zur zeitlichen Ausdehnung diskurssemantischer Verschiebungen lassen sich kaum pauschale Angaben machen, sie können sich je nach Diskurskonstellation (Art und Anzahl involvierter Akteure, Domäne, Diskussionsgegenstand, moralisch-rechtliche Facetten usw.) über Wochen, Monate oder viele Jahre erstrecken. Dagegen können Verschiebungen wohl durch besonders diskursprägende Ereignisse ausgelöst oder ihr Hervortreten begünstigt werden. So hatten die Terrorangriffe auf die USA am 11. September 2001 und deren mediale Wahrnehmung (nahezu in Echtzeit und weltweit) zahlreiche Veränderungen in Diskursen um innere und äußere Sicherheit sowie in der Wahrnehmung und Behandlung von Bevölkerungsgruppen muslimischen Glaubens zur Folge.

Um diskurssemantische Verschiebungen besser unterscheiden und erkennen zu können, bemüht sich die Forschungsgruppe Diskursmonitor im Rahmen ihres Diskursglossars zur Strategischen Kommunikation um eine Typisierung. Während sich manche dieser Typen relativ deutlich abgrenzen lassen (etwa die ‚Verrechtlichung‘ oder ‚Sexualisierung von Sachverhalten‘), fällt dies bei anderen Typen deutlich schwerer (etwa bei Dehumanisierung). Auch gibt es zwischen vielen Typen fließende Übergänge: so gehen (Ent-)Kriminalisierung oder (Ent-)Sexualisierung oftmals mit Moralisierung einher; (De-)Normalisierung könnte außerdem geradezu ein ‚Makrotyp‘ sein, der jeden anderen Typ an Diskursverschiebung mitkonstituiert.

Bei der Typisierung von diskurssemantischen Verschiebungen soll berücksichtigt werden, ob diese mit erwartbaren Praktiken, Akteurskonstellationen, Medien und letztlich Diskurskonstellationen einhergehen. So zeichnet sich Dehumanisierung – also die Perspektivierung einer Person oder Gruppe als ‚unmenschlich‘ – oft in einem bestimmten Gebrauch von Metaphern und Vergleichstopoi ab und findet sich besonders im Kontext von Feind-Beschreibungen in Kriegsdiskursen.

Von dem hier beschriebenen Begriff abzugrenzen ist der medial-politische Gebrauch des Ausdrucks Diskursverschiebung, mit dem tendenziell linksliberale Akteure vor aus ihrer Sicht negativen Diskursentwicklungen warnen (z. B. vor einem Rechtsruck oder einer Verrohung öffentlicher Sprache, vgl. Beispiel 4).

Beispiele

(1) Über die vergangenen Jahrzehnte lässt sich beobachten, dass im öffentlichen Diskurs immer mehr Bereiche des gesellschaftlichen Zusammenlebens maßgeblich unter marktökonomischen Gesichtspunkten verhandelt und bewertet werden. Sichtbar wird dies zum Beispiel an der Omnipräsenz zahlreicher, kaum mehr hinterfragter Schlagwörter wie Wachstum, Wettbewerbsfähigkeit, Eigenverantwortung, Leistungsgerechtigkeit, Deregulierung, Effizienz etc., die oft mit dem Finanz-Topos einhergehen. Aber auch an vermehrten Versuchen von Akteuren aus geisteswissenschaftlichen Fächern oder aus der künstlerischen Praxis, gegenüber Medien und Politik ihren ‚Mehrwert‘ für die Gesellschaft zu unterstreichen, zeigt sich die oft auch als neoliberale bzw. ordoliberale Ideologie kritisierte diskurssemantische Verschiebung der letzten Jahrzehnte.

(2) Bis 1994 stand Homosexualität in Deutschland unter Strafe. Die Entkriminalisierung bzw. auch Normalisierung von Homosexualität zeigt sich nicht nur in der damaligen Abschaffung der entsprechenden Vorschrift im Strafgesetzbuch, sondern auch im öffentlichen Sprechen über Hetero- und Homosexualität sowie im selbstbewussten Auftreten von als homosexuell bekannten Politikern und Prominenten in medialen Diskursen.

(3) Die Bundeswehr bedient sich seit Aussetzung der Wehrpflicht verstärkt verschiedener Praktiken (unter anderem Militainment und Werbung), um sich gegenüber jungen Menschen als attraktiver Arbeitgeber zu normalisieren. Ihr Ziel ist, dass der ‚Dienst an der Waffe‘ als ‚normale Arbeit wie jede andere‘ wahrgenommen wird und damit Hemmungen für einen freiwilligen Wehrdienst sinken. Dass dieses diskurssemantische Ziel kein Selbstläufer ist, zeigt sich an Protest gegen und Skandalisierung von Werbepraktiken als ‚Kriegs-Spiele‘.

(4) Das folgende Beispiel illustriert die Verwendung des Wortes Diskursverschiebung als eher bildungssprachlicher Diagnose- und Warnbegriff in Politik und Medien. Die Verwendung ähnelt dem oben beschriebenen Terminus der diskurssemantischen Verschiebung, er erfüllt aber eher eine appellative Schlagwort-Funktion:

Rechtsextremismus – Gibt es eine Diskursverschiebung nach rechts? […] Die AfD bekommt mehr Zuspruch und auch in unseren Debatten ist oft von einem Rechtsruck die Rede. Doch stimmt das überhaupt? Verschiebt sich das Sagbare nach rechts? Die Forschung zeigt: Teils ja, teils ist aber auch das Gegenteil der Fall. (Deutschlandfunk, 14.12.2023, vgl. Kühn 2023)

Literatur

Zum Weiterlesen

  • Vogel, Friedemann; Deus, Fabian; Rüdiger, Jan O.; Tripps, Felix (2020): Diskursmonitor – Eine Online-Plattform zur Aufklärung strategischer Kommunikation in Diskursen. In: Vogel, Friedemann; Deus, Fabian (Hrsg.): Diskursintervention. Normativer Maßstab der Kritik und praktische Perspektiven zur Kultivierung öffentlicher Diskurse. Wiesbaden: Springer VS, S. 203–214.

Zitierte Literatur und Belege

  • Kühn, Kathrin (2023): Rechtsextremismus – Gibt es eine Diskursverschiebung nach rechts? In: Deutschlandfunk. Online unter: https://www.deutschlandfunk.de/extremismus-populismus-gibt-es-eine-diskursverschiebung-nach-rechts-dlf-5cb4c2a1-100.html ; Zugriff: 31.10.2025.
  • Vogel, Friedemann; Deus, Fabian; Rüdiger, Jan O.; Tripps, Felix (2020): Diskursmonitor – Eine Online-Plattform zur Aufklärung strategischer Kommunikation in Diskursen. In: Vogel, Friedemann; Deus, Fabian (Hrsg.): Diskursintervention. Normativer Maßstab der Kritik und praktische Perspektiven zur Kultivierung öffentlicher Diskurse. Wiesbaden: Springer VS, S. 203–214.

Zitiervorschlag

Vogel, Friedemann (2025): Diskurssemantische Verschiebung. In: Diskursmonitor. Glossar zur strategischen Kommunikation in öffentlichen Diskursen. Hg. von der Forschungsgruppe Diskursmonitor und Diskursintervention. Veröffentlicht am 01.11.2025. Online unter: https://diskursmonitor.de/glossar/diskurssemantische-verschiebung/.

DiskursGlossar

Grundbegriffe

Akteur

Als Akteur oder Diskursakteur werden in der Diskursforschung meist Gruppen oder Grup-penstellvertreter verstanden, die mit kommunikativen Mitteln in der Öffentlichkeit versuchen, ihre Deutungen und Ressourcenansprüche gegen Rivalen durchzusetzen.

Diskursfigur

Diskursfiguren – wie der Held oder der Experte, das Genie, der Gefährder, Gutmensch, Nerd oder Psychopath – sind im medial-politischen Diskurs konstruierte und verbreitete Vorstellungen von Handlungsträgern, die stereotyp mit bestimmten Eigenschaften assoziiert werden. Sie erhalten durch musterhaften Sprachgebrauch, aber auch durch bildhafte Darstellungen eine kommunizierbare, wiedererkennbare Kontur.

Repräsentative Anekdote

Repräsentative Anekdote bezeichnet ein modellhaftes Kurznarrativ, das in Theorien, Weltanschauungen und komplexen Erklärungen selektiv reproduziert wird. So ist z.B. das „survival of the fittest“ (‚die Stärksten überleben‘) die repräsentative Anekdote, die in allen darwinistischen, sozialdarwinistischen und neodarwinistischen Theorien und Deutungsmustern als Modell dient und variabel ausgearbeitet wird.

Begriffsgeschichte

Die Begriffsgeschichte lässt sich allgemein als eine historische Methode beschreiben, die den zeitlichen Wandel der Bedeutungen von bestimmten Ausdrücken untersucht. Da einzelne Worte nie isoliert begegnen und ihre jeweiligen Bedeutungen erst im Kontext größerer sprachlicher Zusammenhänge oder semantischer Felder greifbar werden, verbindet sie sich flexibel mit anderen Methoden historischer Semantik, wie etwa der Diskursgeschichte, der Argumentationsgeschichte oder der Metaphernforschung (Metaphorologie).

Domäne

Der Begriff der Domäne ist aus der soziologisch orientierten Sprachforschung in die Diskursforschung übernommen worden. Hier wird der Begriff dafür verwendet, um Muster im Sprachgebrauch und kollektiven Denken von sozialen Gruppen nach situationsübergreifenden Tätigkeitsbereichen zu sortieren.

Ideologie

Der Begriff Ideologie weist im Wesentlichen drei unterschiedliche Bedeutungen auf: Erstens kann er ein trügerisches, realitätsfernes oder dogmatisches Denken bezeichnen; so eignet er sich auch als Schlagwort bzw. politischer Kampfbegriff. Zweitens kann er auf eine sozial bedingte Weltanschauung oder ein umfassendes Ideen- und Wertesystem verweisen. Drittens kann mit Ideologie ein politisches Programm gemeint sein, welches Vorstellungen über gesellschaftliche Ordnung sowie Ziele für politisches Handeln beinhaltet.

Positionieren

Positionieren ist Grundbestandteil menschlicher Kommunikation. Wann immer wir miteinander interagieren und kommunizieren, bringen wir uns selbst, andere und die Objekte, über die wir sprechen, in bestimmte Relationen zueinander.

Deutungsmuster

Unter einem Deutungsmuster wird die problem- und lösungsbezogene Interpretation gesellschaftlicher und politischer Tatbestände verstanden, die Aussicht auf Akzeptanz in sozialen Gruppen hat. Der Begriff des Deutungsmusters hat Ähnlichkeit mit den Begriffen der Theorie und Ideologie. Meist werden gesellschaftlich verbreitete Leitdeutungen, die oft mit Schlagwörtern und Argumentationsmustern einhergehen (wie Globalisierung, Kapitalismus, Leistungsgesellschaft, Chancengleichheit etc.) als Beispiele für Deutungsmuster genannt.

Sinnformel

‚Wer sind wir? Woher kommen, wo stehen und wohin gehen wir? Wozu leben wir?‘ Auf diese und ähnliche existentielle Fragen geben Sinnformeln kondensierte Antworten, die in privaten wie sozialen Situationen Halt und Argumenten in politischen und medialen Debatten einen sicheren Unterbau geben können.

Praktik

Eine Praktik ist ein spezifisches, situativ vollzogenes und sinnhaftes Bündel von körperlichen Verhaltensweisen, an dem mehrere Menschen und Dinge beteiligt sein können (z. B. Seufzen, um Frust auszudrücken, oder einen Beschwerdebrief schreiben, Fußballspielen).

Techniken

Whataboutism

Whataboutism (auch Whataboutismus) bezeichnet zum einen eine rhetorische Praktik, zum anderen wird der Ausdruck als Schlagwort verwendet.
Als Praktik zielt Whataboutism darauf ab, von Kritik oder von einem unerwünschten Thema abzulenken – typischerweise durch einen Gegenverweis auf einen anderen Sachverhalt, einen anderen Akteur oder einen anderen Kontext. Dabei ist die Grenze zu legitimen Vergleichen und Rückfragen fließend und regelmäßig Gegenstand diskursiver Aushandlung.

Korruption

Korruption wird zum einen als Fachbegriff (Recht, Wissenschaft) verwendet und verweist auf ein Gebiet des Strafrechts und damit auf einen Teil des gesellschaftlichen Normensystems, das Delikte in Kontaktzonen von Politik und Ökonomie definiert.

Beschriftete Waffen

Das Betexten von Waffen, speziell Projektilen wie Schleuderbleien, Kanonenkugeln oder Bomben, mit an die Feindgruppe gerichteten Botschaften (Sarkasmus, Beleidigungen, Todeswünsche u. ä.) ist eine Praktik, die sich bis in die römische Antike zurückverfolgen lässt. Sie dient der Identifikation der Eigengruppe (Truppe oder Gefolgsleute) mit dem Ziel, die Moral vor einem Kampfansatz zu heben (emotional-psychologische Bewältigungsstrategie) sowie Gelassenheit und Siegesgewissheit propagandistisch gegenüber der Eigen- und Fremdgruppe zu inszenieren.

Zitieren

Zitieren bezeichnet die Wiedergabe ausgewählter Text(teil)e in unterschiedlichen Kommunikationskontexten wie Alltag, Wissenschaft, Journalismus und Politik. Grundsätzlich kann Zitieren der möglichst wertneutralen Wiedergabe bzw. Verweisung auf fremde Aussagen dienen, aber auch zur strategischen Positionierung eingesetzt werden. Auch in wissenschaftlichen Texten erfüllt das Zitieren neben der formal korrekten Bezugnahme auf fremde Aussagen u.a. argumentationsstützende Funktionen.

AI-Washing/KI-Washing

Unter AI-Washing ist die Praxis von Unternehmen oder Organisationen zu verstehen, Produkte, Dienstleistungen oder Geschäftsmodelle mit dem Etikett „Künstliche Intelligenz“ (KI bzw. „Artificial Intelligence“ (AI)) zu versehen, obwohl deren tatsächlicher Einsatz von KI-Technologien entweder stark übertrieben, nur marginal vorhanden oder überhaupt nicht gegeben ist.

Dogwhistle

Unter Dogwhistle wird in Teilen der Forschung eine doppeldeutige Äußerung verstanden, die eine offene und eine verdeckte Botschaft an jeweils eine Zuhörerschaft kommuniziert.

Demonstrieren

« Zurück zur ArtikelübersichtDemonstrieren Kategorie: TechnikenVerwandte Ausdrücke: Auf die Straße gehen, Straßenprotest, Kundgebung, öffentliche Versammlung, Mahnwache, Menschenkette, Marsch, SitzblockadenSiehe auch: Protest, Politische Aktion, Politische Bildung,...

Boykottaufruf

Der Boykottaufruf ist eine Maßnahme, die darauf abzielt, ein Ziel, also meist eine Verhaltensänderung des Boykottierten, hervorzurufen, indem zu einem Abbruch etwa der wirtschaftlichen oder sozialen Beziehungen zu diesem aufgefordert wird.

Tabuisieren

Das Wort Tabuisierung bezeichnet die Praxis, etwas Unerwünschtes, Anstößiges oder Peinliches unsichtbar zu machen oder als nicht akzeptabel zu markieren. Das Tabuisierte gilt dann moralisch als unsagbar, unzeigbar oder unmachbar.

Aus dem Zusammenhang reißen

Das Aus-dem-Zusammenhang-Reißen gehört in den Funktionskreis der Redewiedergabe bzw. der Wiedergabe kommunikativer Ereignisse. Es kann (1) als intentionale argumentativ-polemische Strategie für ganz unterschiedliche diskursive Zielsetzungen von Akteuren genutzt werden, oder (2) es kann SprecherInnen und SchreiberInnen in unbeabsichtigter, fehlerhafter Weise unterlaufen.

Schlagwörter

Meinungsfreiheit

Meinungsfreiheit ist ein positiv konnotiertes Schlagwort. Das im Schlagwort kondensierte Pro-gramm wird allgemein zustimmend propagiert oder eingefordert, ohne dass immer verdeutlicht wird, welche Ausgestaltung von Meinungsfreiheit zugrunde liegt. Aufgrund dieser allgemeinen Zu-stimmung kann Meinungsfreiheit als Hochwertwort kategorisiert werden: In der öffentlichen Debat-te gibt es keine wahrnehmbaren Stimmen, die sich gegen Meinungsfreiheit (in dieser unbestimm-ten Form) aussprechen.

Diversität / Vielfalt

Diversität/Vielfalt ist ein aus einschlägigen US-Diskursen der (frühen) 1980er und der 1990er Jahre importiertes Schlagwort und ein Topos, der ethnische, sexuelle und körperliche (Behinderung etc.) Verschiedenheit positiv und programmatisch als Ressourcen der Mehrheitsgesellschaft kodiert. Vielfalt als Chance dürfte der hierzulande häufigste Slogan des Diversitäts-Hypes sein. Qua Diversität werden identitätsrelevante Unterschiede zwischen gesellschaftlichen Gruppen von Stigmata für Minderheiten zu Ressourcen für die Allgemeinheit umgedeutet.

Brückentechnologie

Ganz allgemein wird unter dem Schlagwort der Brückentechnologie sowohl in den öffentlichen Medien als auch in technisch und wirtschaftlich dominierten Kontexten eine Technologie verstanden, die zeitlich befristet eingesetzt werden soll, bevor in Zukunft der Übergang zu einer als sinnvoller eingeschätzten anderen Technologie möglich ist.

Deindustrialisierung

Der Ausdruck Deindustrialisierung (auch De-Industrialisierung oder als Verb deindustrialisieren) beschreibt im öffentlichen Sprachgebrauch eine negativ bewertete Form des Strukturwandels durch Rückgang von produzierendem Gewerbe.

Nachhaltigkeit

Nachhaltigkeit als ein Schlagwort des öffentlichen Diskurses bezieht sich ganz allgemein auf einen ressourcenschonenderen Umgang mit dem, was uns Menschen der Planet Erde bietet, mit dem Ziel, dass auch nachfolgende Generationen noch die Möglichkeit haben, ähnlich gut zu leben wie wir heute (Generationengerechtigkeit).

Echokammer

Der Begriff der Echokammer steht in seiner heutigen Verwendung vor allem im Zusammenhang mit der Nutzung Sozialer Medien. Er verweist metaphorisch auf einen digitalen Kommunikations- und Resonanzraum, in dem Mediennutzer*innen lediglich Inhalten begegnen, die ihre eigenen, bereits bestehenden Ansichten bestätigen, während abweichende Perspektiven und Meinungen ausgeblendet bzw. abgelehnt werden.

Relativieren

Der Ausdruck relativieren besitzt zwei zentrale Bedeutungsvarianten: In bildungssprachlichen und wissenschaftlichen Kontexten bezeichnet er eine analytische Praxis, bei der Aussagen, Begriffe oder Phänomene durch Bezugnahme auf andere Sachverhalte eingeordnet, differen-ziert und in ihrer Geltung präzisiert werden.

Massendemokratie

Geprägt wurde der Begriff Massendemokratie im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts von völkisch-konservativen Akteuren (prominent darunter Carl Schmitt 1926). Der Ausdruck Masse hatte damals bei den bürgerlichen Eliten eine rundum bedrohliche Assoziation.

Social Bots

Als Social Bots werden Computerprogramme bezeichnet, die in der Lage sind, in sozialen Medien Kommunikation menschlicher Nutzer*innen (teilweise) automatisiert nachzuahmen.

Kriegsmüdigkeit

Der Ausdruck Kriegsmüdigkeit bezeichnet die emotionale und physische Erschöpfung von Menschen, die einen Krieg erleben, sowie die gesellschaftliche und politische Ermüdung angesichts langanhaltender Konflikte. Er beschreibt den sinkenden Kampfeswillen bei Kriegsparteien und heute wird er auch für das wachsende Desinteresse an Kriegsthemen in Medien und Öffentlichkeit genutzt.

Verschiebungen

Dehumanisierung

Mit Dehumanisierung bzw. Anthropomorphisierung werden solche kommunikativen Techniken und Praktiken bezeichnet, die Personen, Sachverhalten oder Gegenständen menschliche Eigenschaften ab- bzw. zusprechen. Dehumanisierung und Anthropomorphisierung können sowohl durch sprachliche Mittel als auch durch andere, z. B. bildliche, Zeichen vollzogen werden.

Kriminalisierung

Kriminalität meint ein Verhalten, das gegen ein Gesetz verstößt. Folglich bedeutet Kriminalisierung im engeren Sinne den Vorgang, durch den Verhalten ungesetzlich gemacht wird – indem Gesetze geschaffen werden.

Versicherheitlichung

In akademischen Kontexten wird Versicherheitlichung in Abgrenzung zu einem naiv-realistischen Sicherheitsverständnis verwendet. Dieses betrachtet Sicherheit als einen universell erstrebenswerten und objektiv feststellbaren Zustand, dessen Abwesenheit auf das Handeln von Akteuren zurückzuführen ist, die feindselig, kriminell, unverantwortlich oder zumindest fahrlässig agieren.

Ökonomisierung

Ökonomisierung wird in gegenwärtigen Diskursen in der Regel zur Bezeichnung von Prozessen verwendet, in denen die spezifisch wirtschaftlichen Funktions-Elemente wie Markt, Wettbewerb/Konkurrenz, Kosten-Nutzen-Kalküle, Effizienz, Gewinnorientierung in Bereiche übertragen werden, die zuvor teilweise oder ganz nach anderen Leitkriterien ausgerichtet waren

Moralisierung

Moralisierung verlagert Macht- und Interessenkonflikte in die Sphäre der Kommunikation von Achtung / Missachtung. Sie reduziert Ambivalenz zugunsten einer Polarisierung von gut und böse.

Konstellationen

Krise

Krise ist vom Wort mit fachsprachlicher Bedeutung zur Zeitdiagnose und einem zentralen Begriff der öffentlich-politischen Kommunikation geworden. Der öffentlich-politische Krisenbegriff ist dabei – unabhängig vom Gegenstand der Krise – in eine krisendiskurstypische Konstellation zur Begründung von krisenüberwindenden Handlungen eingebettet.

Partizipatorischer Diskurs

Partizipation ist mittlerweile von der Forderung benachteiligter Personen und Gruppen nach mehr Beteiligung in der demokratischen Gesellschaft zu einem Begriff der Institutionen selbst geworden: Kein Programm, keine Bewilligung mehr, ohne dass bestimmte Gruppen oder Personen dazu aufgefordert werden, für (mehr) Partizipation zu sorgen.

Skandal

Die Diskurskonstellation des Skandals zeichnet sich durch eine in den Medien aufgegriffene (bzw. durch sie erst hervorgerufene) empörte Reaktion eines erheblichen Teils der Bevölkerung auf einen tatsächlichen oder vermeintlichen Missstand aus. Die schuldhafte Verursachung dieses Missstandes wird dabei einem gesellschaftlichen Akteur zugeschrieben, dessen Handeln als ‚unmoralisch‘ gedeutet wird.

DiskursReview

Review-Artikel

„Clan“

Versuche, politische Gegner durch Behauptung von „Nähe zu“ Kriminellen in Misskredit zu bringen, haben eine lange Tradition.

„Antisemitismus“ / „Antisemit“

„Antisemitismus“ / „Antisemit“ Beobachtungen zur gegenwärtigen Diskurslandschaft Von Friedemann Vogel und Antje Wilton, Review, Sprach- und DiskurskritikDie öffentliche Auseinandersetzung mit dem Nahost-Konflikt und den kriegerischen Ereignissen in Israel und...

„kapitalgedeckt“ – Eine Perle der Finanz-Propaganda

Ungeachtet der Finanzkrise 2008 und regelmäßiger „Finanzskandale“ wie „Cum-Ex“, Wirecard und ähnlichen, wird im politischen Raum, angeblich wegen, tatsächlich aber z u r Schwächung der staatlichen Sicherungssysteme verstärkt auf private Vorsorge gesetzt.

Tagung 2027: Politisches Lobbying

Sprache und Lobbyismus- Strategische Kommunikation in Politik und Medien Tagung der Forschungsgruppe Diskursmonitor Tagung: 10. und 11. Juni 2027  |  Ort: Universität Siegen [Map]Kontakt: Prof. Dr. Friedemann Vogel, Joline Schmallenbach Call for Papers: 31.10.2026...

Der Totalverweigerer – Anmerkungen zu einer Diskursfigur der Feindbildproduktion im Sicherheits- und Sozialdiskurs

Die Bezeichnung Totalverweigerer wurde ursprünglich in den späten 70er Jahren im Rahmen der Auseinandersetzungen um die Inanspruchnahme des Rechtes auf Kriegsdienstverweigerung nach § 4.3 GG verwendet. Mit diesem Ausdruck wurden junge Männer stigmatisiert, die nicht nur den Wehrdienst, sondern auch den (längeren) zivilen „Ersatzdienst“ (später „Zivildienst“) verweigerten und damit, wie auch nicht-anerkannte Kriegsdienstverweigerer, Haftstrafen riskierten…

Memes als moderne Propaganda – Eine sprach- und medienkritische Untersuchung

Digitale Kommunikationsformen prägen heutige gesellschaftliche Debatten weitaus stärker als die klassischen Medien. Ihr Einfluss auf die politische Meinungsbildung und die Ausbildung ideologischer Positionen ist inzwischen unverkennbar und zählt zu den markantesten Entwicklungen der digitalen Gegenwart. Besonders hervorzuheben sind Memes: Sie verbreiten sich schnell, arbeiten mit humoristischen Mitteln und verdichten komplexe Inhalte auf ein Minimum an Zeichen. In öffentlichen Diskursen werden sie daher nicht mehr als spielerisches Internetphänomen betrachtet, sondern als ernstzunehmendes Instrument politischer Kommunikation und den damit einhergehenden propagandistischen Strategien.

Zeitalter der Polykrisen – Was sagt die Polykrise über die Gegenwart und Zukunft?

Beim Durchscrollen der Tagesschlagzeilen ist einem in den letzten Jahr wahrscheinlich der Ausdruck Polykrise ins Blickfeld geraten. Solche Schlagzeilen in deutschsprachigen Medien lauten beispielsweise (1) „Klimawandel, Krieg in der Ukraine, Abstiegsängste – die Welt ist aus den Fugen geraten: Drei Bücher zeigen Wege aus der Polykrise“ (Friedl 2026); (2) „Kritische Psychotherapie: Psychotherapie in der Polykrise“ (Dicks 2026); (3) „Optimismus in der Polykrise“ (Kolev 2025); (4) „Was tun gegen die …

„Genderwahn“ als sprachkritische Abwertung: Eine kritische Betrachtung

„Die Debatte über Gendern und Nicht-Gendern kann ich schon nicht mehr hören. Soll es doch jeder machen, wie er es selbst will.“ Dieses Zitat äußert der ehemalige Bundeskanzler Olaf Scholz im Rahmen der Feier zugunsten des Grundgesetzes, welches im Jahre 2024 den 75. Geburtstag feierte (vgl. Steinkohl et al. 2024). Deutlich wird hierbei, dass die Thematik rund um das Gendern in der Politik aufgefasst wird. Allerdings wird gleichzeitig deutlich, dass die Debatte in der Öffentlichkeit stark kritisiert …