
DiskursGlossar
Epistemischer Status
Kategorie: Grundbegriffe
Verwandte Ausdrücke: Autorität, Wissensordnung, Wissensbestand
Siehe auch: Wissen, Perspektive, Erzählen
Autorin: Antje Wilton
Version: 1.3 / Datum: 23.11.2020
Kurzzusammenfassung
Als epistemischen Status bezeichnet man die Wissensbestände und -zugänge zu Ereignissen, Sachverhalten und Personen, die Gesprächsteilnehmer*innen ihrem Gegenüber in der Interaktion zuschreiben. Gegenseitige Einschätzungen bezüglich des epistemischen Status der Gesprächsteilnehmer*innen nehmen Einfluss auf die Art, wie Teilnehmer*innen ihre Gesprächsbeiträge gestalten: So zeigt zum Beispiel eine Frage üblicherweise an, dass der/die Fragende davon ausgeht, weniger über ein bestimmtes Ereignis zu wissen als der/die Befragte. Der epistemische Status der Gesprächsteilnehmer*innen ist relativ zueinander und reicht von vollständiger Kenntnis (K+) bis zu Unkenntnis (K-) bezogen auf einen Sachverhalt sowie allen möglichen Positionen zwischen diesen beiden Polen.
Erweiterte Begriffsklärung
Die Annahmen über den epistemischen Status des Gegenübers sind entscheidend für die Art der Durchführung sozialer Handlungen. Die Annahmen strukturieren wie ein Schema die Wissensbestände vor, die dann in der Gesprächssituation aktualisiert und ausgehandelt werden. Typischerweise liegen Themen, die eine/n Gesprächsteilnehmer*in persönlich betreffen, insbesondere Gefühle, Gedanken, der eigene Körper, das Privatleben etc., im Wissensterritorium des/der jeweiligen Gesprächsteilnehmers/in. Übergriffe in dieses Territorium durch andere Gesprächsteilnehmer*innen können zu Problemen in der Interaktion führen, indem Äußerungen beispielsweise als Anmaßung empfunden werden. Generell können durch das Einnehmen einer nicht mit dem epistemischen Status kongruenten Haltung, also wenn man so tut, als wüsste man nichts über einen bestimmten Sachverhalt, sollte es aber qua Position, oder wenn man umgekehrt Wissen für sich beansprucht, auf das man kein oder nur ein nachgeordnetes Recht hat, (epistemic stance) sowohl gesichtsbedrohende als auch gesichtswahrende Handlungen vollzogen werden. Der epistemische Status eines/r Interaktionsteilnehmer/in kann durch institutionelle Strukturen bzw. Rollenzuschreibungen verankert sein (Modada 2011).
Die sprachlichen Mittel, um die epistemische Haltung anzuzeigen, zuzuschreiben, zu beanspruchen bzw. auszuhandeln, sind vielfältig und reichen von Fragesyntax (Würden Sie sich jetzt schon mit diesem Impfstoff impfen lassen?) bzw -intonation über Wissensmarker wie ich denke/glaube/meine bis hin zu Modalpartikeln bzw. Einstellungsausdrücken (ja, Reineke 2018). Auch interaktional gibt es verschiedene Strategien, epistemische Autorität oder Autonomie im Gespräch zu reklamieren (De Stefani & Mondada 2017).
Ein/e erste/r Sprecher*in macht eine Aussage (first pair part), die eine epistemische Haltung kommuniziert, die von dem/der Gesprächspartner*in in der Reaktion auf den ersten Beitrag (im second pair part) bestätigt, relativiert oder angefochten werden kann. Gerade wertende Beiträge im ersten Gesprächsbeitrag setzen den/die folgende/n Sprecher*in unter Druck: Ist er/sie nicht mit der Ansicht des/der ersten Sprecher*in einverstanden, obliegt es ihm/ihr, der Wertung eine eigene, unabhängige Beurteilung entgegenzustellen (Raymond & Heritage 2005). Dies macht man sich insbesondere in Nachrichteninterviews mit Politiker*innen und anderen öffentlichen Entscheidungsträger*innen zunutze, um den/die Befragte/n herauszufordern, in Erklärungsnot zu bringen und zur Verantwortung zu ziehen (Vincze et al. 2016). Das Frage-Antwort-Format impliziert, dass der/die Fragende über einen bestimmten Sachverhalt weniger weiß als der/die Angesprochene. Gleichzeitig wird damit aber auch signalisiert, dass man von dem/der Angesprochenen erwartet, auf den in der Frage thematisierten Sachverhalt eine Antwort zu wissen, also einen direkteren Zugriff auf relevantes Wissen zu haben als der/die fragende Journalist*in und das von ihm/ihr vertretene Publikum. In solchen Gesprächssituationen ist allerdings zu beachten, dass der/die Journalist*in institutionell legitimiert und prinzipiell zur Neutralität verpflichtet ist und seine/ihre Beiträge, auch wenn sie kontroverse Aussagen enthalten, darum in der Regel nicht als persönliche Meinungsäußerungen aufgefasst werden. Im Kontext des Interviews werden Beiträge des/der Journalist*in üblicherweise als zulässig behandelt, so lange sie erkennbar die soziale Handlung des ‚Fragens‘ (doing questioning) ausführen (Clayman & Heritage 2002).
Im öffentlichen Diskurs sind Vorannahmen über Wissensbestände der Akteur*innen sowie deren sprachlicher Ausdruck im Diskurs in der strategischen Kommunikation im Allgemeinen relevant, nehmen aber insbesondere im Diskurs um ,Fake News‘ spezielle Formen an. Umgang mit und Zuschreibung von Wissensbeständen und Zugang zu Evidenzen und Sachverhalten unterliegen moralischen Normen (siehe dazu Stivers, Mondada & Steensig 2011), die mit Verpflichtungen verbunden sind. So wird, wie oben schon angesprochen, beispielsweise von einem/r Sprecher/in erwartet, dass er/sie Auskunft über seine/ihre persönliche Situation geben kann. Umgekehrt kann der/die Sprecher/in aber auch erwarten, dass dieses persönliche Wissensterritorium vom Gegenüber respektiert wird. Von Sprecher*innen wird außerdem erwartet, dass sie sich am Wissensstand des Gegenübers bei der Gestaltung ihrer Redebeiträge orientieren, indem sie z.B. Referenzen auf Personen anpassen (meine Schwester vs. die Marianne). Zu den moralischen Pflichten der Sprecher*innen gehört auch, bestimmte Handlungen nicht durchzuführen, z.B. indem sie nicht nach Wissen fragen, das ihnen bereits bekannt ist. Insbesondere bei der Bearbeitung von Neuigkeiten sollten die Sprecher*innen demjenigen den Vortritt lassen, der dem entsprechenden Ereignis oder Sachverhalt am nächsten ist bzw. demjenigen, dem die größte Autorität bezüglich eines Ereignisses oder Sachverhalts zugestanden wird. Diese Normen und Pflichten sind, ähnlich wie die Grice’schen Konversationsmaxime, jedoch nicht als dringend zu befolgende Ratschläge zu verstehen, sondern als Leitlinien einer Orientierung in Interaktionen, deren Nichtbefolgung die Regel sein kann bzw. zum Erreichen interaktionaler Zwecke eingesetzt wird. Bewusstes Hinterfragen, Herausfordern und Aufheben dieser Normen kann, wie oben erläutert, institutionell legitimiert bzw. für institutionelle Formate konstitutiv sein; im ,Fake News‘-Diskurs können sie dazu führen, Vertrauen in etablierte Wissensquellen, –verwalter und -kommunikatoren wie Wissenschaft und Medien zu dekonstruieren und dadurch Unsicherheit zu verbreiten.
Beispiele
(1) Experteninterview
Korinna Hennig: Das heißt, wenn Sie das für uns übersetzen, kann man auch bei dieser Mutation trotz möglicherweise verbesserter Bindungsfähigkeit nicht ableiten, dass Menschen mit überstandener Erkrankung nicht mehr mit ihren gebildeten neutralisierenden Antikörpern gut auf diese Mutation reagieren können und auch nicht, dass es krankmachender oder infektiöser ist?
Christian Drosten: Sie stellen hier genau die richtige Frage. Sie benutzen das Wort neutralisierende Antikörper. Das ist nämlich entscheidend für diese große im Raum stehende Frage: Bedeutet das jetzt ein erstes Zeichen von Drift des Virus gegen eine Bevölkerungsimmunität und gegen eine mögliche Immunität? Also haben wir hier ein erstes Warnsignal, dass das Virus sich verändert? Das ist die große Frage, die hier mitschwingt. (NDR 2020)
Diese Frage-Antwort-Sequenz zeigt, wie die Journalistin den Experten für ein Sachgebiet als solchen anspricht: In ihrem Redebeitrag stellt sie eine Verständnisfrage (Das heißt…?), die anzeigt, dass sie von ihrem Gesprächspartner eine verlässliche Antwort hinsichtlich des von ihr vorformulierten Sachverhalts erwartet. Sie zeigt außerdem an, dass sie für sich, aber als Journalistin natürlich stellvertretend auch für das Podcastpublikum fragt, indem sie das inklusive Personalpronomen uns verwendet. Der Expertenstatus des Gegenübers wird weiterhin in der Bitte deutlich, den Sachverhalt zu übersetzen, also für ein Laienpublikum verständlich darzulegen. Interessanterweise wird durch die Vorformulierung des Sachverhalts durch die Wissenschaftsjournalistin zum einen ihre eigene, wenn auch als geringer dargestellte Fachkompetenz sichtbar, zum anderen leistet sie in Ansätzen schon die vereinfachte Darstellung, um die sie den Experten bittet, selbst. Dies ist auch in der Antwort des Experten deutlich, der die Annahmen der Journalistin zunächst explizit bestätigt (Sie stellen hier genau die richtige Frage) und dann seinen eigenen Expertenstatus festigt, indem er ihre Wortwahl (neutralisierende Antikörper) aufgreift und ausführlicher kontextualisiert.
(2) Nachrichteninterview
Claus Kleber: (…) Wir haben gerade ein Beispiel von einer Schule gesehen, wo ganz offensichtlich ist, dass das eine Virenschleuderapparatur ist, dieser Klassenraum. Warum erlauben die Schull- die für die Schulen verantwortlichen Länder nicht diesen halben Unterricht? Die Hälfte in der Ferne, die andere Hälfte im Klassenraum und die halben Klassen wechseln s- sich ab.
Joachim Stamp: Herr Kleber, an der Stelle würde ich Ihnen widersprechen wollen; die Schulen sind kein Virenschleuderapparat. Das haben alle Studien eh gezeigt, dass [erst mit deutlich steigendem Alter…
Claus Kleber: [nicht alle Studien. Es gibt eine neue Studie aus München, die das offensichtlich Naheliegende belegt: Natürlich werden Kinder krank. Man merkt es ihnen oft nicht an, aber sie werden krank, und die Dunkelziffer ist fünfmal höher als bei Erwachsenen und natürlich tragen die es weiter. Lehrerverbände, Elternverbände, Gewerkschaften und Virologen sind sich einig, da müsste man was tun, und es wird verdammt wenig getan. (heute journal 2020)
In diesem Beispiel wird deutlich, wie ein Journalist und ein Politiker in einem Wissensgebiet, in dem sie beide keine Experten sind, den jeweils höheren epistemischen Status beanspruchen. Dabei macht der Journalist deutlich, dass die Erkenntnis, dass Kinder in der Pandemie genauso das Virus übertragen wie Erwachsene, ein Wissensaspekt ist, der allgemein zugänglich, bekannt und als solcher von verschiedenen Fachleuten einhellig vertreten wird. Er verweist zum einen auf eine Schule in einem Beitrag, der gerade zuvor gesendet und so auch vom Politiker gesehen wurde, zum anderen auf eine konkrete Studie, die die pauschale Aussage des Politikers (alle Studien) zurückweist und konkretisiert. Er impliziert damit, dass sein Gesprächspartner als Politiker die Pflicht hätte, dieses Wissen nicht nur zu teilen, sondern auch verantwortungsvoll danach zu handeln. Die Darstellung eines Sachverhalts als allgemein akzeptiert dient also dazu, den Verantwortungsträger unter Druck zu setzen und ihn zu einer Rechtfertigung zu bewegen. Der Hinweis auf fehlendes, aber eigentlich notwendig vorhandenes Wissen auf Seiten des Politikers stellt diesen bloß und unterstellt ihm mangelnde Kompetenz in seinem politischen Entscheidungshandeln.
Literatur
Zum Weiterlesen
- Deppermann, Arnulf (2015): Wissen im Gespräch: Voraussetzung und Produkt, Gegenstand und Ressource. InList No. 57. Online unter: http://www.inlist.uni-bayreuth.de/issues/57/index.htm ; Zugriff: 23.11.2020.
Zitierte Literatur und Belege
- Clayman, Steven & Heritage, John (2002): The news interview. Cambridge: Cambridge University Press.
- De Stefani, Elwys & Mondada, Lorenza (2017): Who’s the expert? Negotiating competence and authority in guided tours. In: Van de Mieroop, Dorien; Schnurr, Stephanie (Hrsg.): Identity struggles: evidence from workplaces around the world. Amsterdam: John Benjamins, S. 95–123.
- Heritage, John (2012): Epistemics in action. Action formation and territories of knowledge. In: Research on Language and Social Interaction, Heft 1, Jg. 45, S. 1–29.
- heute journal (2020): Sendung vom 16.11.2020 mit Claus Kleber und dem Familienminister NRW Joachim Stamp. Online unter: https://www.youtube.com/watch?v=ybT2HMBUUI4 ; Zugriff: 23.11.2020.
- Mondada, Lorenza (2011): The management of knowledge discrepancies and of epistemic changes in institutional interaction. In: Stivers, Tanya; Mondada, Lorenza; Steensig, Jacob (Hrsg.): The Morality of Knowledge in Conversation. Cambridge: Cambridge University Press, S. 3–24.
- NDR (2020): Coronavirus Update vom 10.11.2020, Folge 64. Online unter: https://www.ndr.de/nachrichten/info/coronaskript242.pdf ; Zugriff: 31.01.2022.
- Raymond, Geoffrey; Heritage, John (2005): The Terms of Agreement: Indexing Epistemic Authority and Subordination in Talk-in-Interaction. In: Social Psychology Quarterly, Heft 1, Jg. 68, S. 15–38.
- Reineke, Silke (2018): Interaktionale Analysen kognitiver Phänomene. Wissenszuschreibungen mit der Modalpartikel ‚ja‘. In: Marx, Konstanze; Meier, Simon: Sprachliches Handeln und Kognition. Theoretische Grundlagen und empirische Analysen. Berlin: de Gruyter, S. 183–204.
- Stivers, Tanya; Mondada, Lorenza; Steensig, Jacob (Hrsg.) (2011): The Morality of Knowledge in Conversation. Cambridge: Cambridge University Press.
- Vincze, Laura; Bongelli, Ramona; Riccioni, Illaria (2016): Ignorance-unmasking questions in the Royal–Sarkozy presidential debate: A resource to claim epistemic authority. In: Discourse Studies, Heft 4, Jg. 18, S. 430–454.
Zitiervorschlag
Wilton, Antje (2020): Epistemischer Status. In: Diskursmonitor. Glossar zur strategischen Kommunikation in öffentlichen Diskursen. Hg. von der Forschungsgruppe Diskursmonitor und Diskursintervention. Veröffentlicht am 23.11.2020. Online unter: https://diskursmonitor.de/glossar/epistemischer-status.
DiskursGlossar
Grundbegriffe
Begriffsgeschichte
Die Begriffsgeschichte lässt sich allgemein als eine historische Methode beschreiben, die den zeitlichen Wandel der Bedeutungen von bestimmten Ausdrücken untersucht. Da einzelne Worte nie isoliert begegnen und ihre jeweiligen Bedeutungen erst im Kontext größerer sprachlicher Zusammenhänge oder semantischer Felder greifbar werden, verbindet sie sich flexibel mit anderen Methoden historischer Semantik, wie etwa der Diskursgeschichte, der Argumentationsgeschichte oder der Metaphernforschung (Metaphorologie).
Diskurssemantische Verschiebung
Mit dem Begriff der diskurssemantischen Verschiebung wird in der Diskursforschung ein Wandel in der öffentlichen Sprache und Kommunikation verstanden, der auf mittel- oder län-gerfristige Veränderung des Denkens, Handelns und/oder Fühlens größerer Gesellschafts-gruppen hinweist.
Domäne
Der Begriff der Domäne ist aus der soziologisch orientierten Sprachforschung in die Diskursforschung übernommen worden. Hier wird der Begriff dafür verwendet, um Muster im Sprachgebrauch und kollektiven Denken von sozialen Gruppen nach situationsübergreifenden Tätigkeitsbereichen zu sortieren.
Positionieren
Positionieren ist Grundbestandteil menschlicher Kommunikation. Wann immer wir miteinander interagieren und kommunizieren, bringen wir uns selbst, andere und die Objekte, über die wir sprechen, in bestimmte Relationen zueinander.
Deutungsmuster
Unter einem Deutungsmuster wird die problem- und lösungsbezogene Interpretation gesellschaftlicher und politischer Tatbestände verstanden, die Aussicht auf Akzeptanz in sozialen Gruppen hat. Der Begriff des Deutungsmusters hat Ähnlichkeit mit den Begriffen der Theorie und Ideologie. Meist werden gesellschaftlich verbreitete Leitdeutungen, die oft mit Schlagwörtern und Argumentationsmustern einhergehen (wie Globalisierung, Kapitalismus, Leistungsgesellschaft, Chancengleichheit etc.) als Beispiele für Deutungsmuster genannt.
Sinnformel
‚Wer sind wir? Woher kommen, wo stehen und wohin gehen wir? Wozu leben wir?‘ Auf diese und ähnliche existentielle Fragen geben Sinnformeln kondensierte Antworten, die in privaten wie sozialen Situationen Halt und Argumenten in politischen und medialen Debatten einen sicheren Unterbau geben können.
Praktik
Eine Praktik ist ein spezifisches, situativ vollzogenes und sinnhaftes Bündel von körperlichen Verhaltensweisen, an dem mehrere Menschen und Dinge beteiligt sein können (z. B. Seufzen, um Frust auszudrücken, oder einen Beschwerdebrief schreiben, Fußballspielen).
Kontextualisieren
Kontextualisieren wird im allgemeineren bildungssprachlichen Begriffsgebrauch verwendet, um das Einordnen von etwas oder jemandem in einen bestimmten Zusammenhang zu bezeichnen.
Narrativ
Mit der diskursanalytischen Kategorie des Narrativs werden Vorstellungen von komplexen Denk- und Handlungsstrukturen erfasst. Narrative in diesem Sinne gehören wie Schlagwörter, Metaphern und Topoi zu den Grundkategorien der Analyse von Diskursen.
Argumentation
Argumentation bezeichnet jene sprachliche Tätigkeit, in der man sich mithilfe von Gründen darum bemüht, die Richtigkeit einer Antwort auf eine bestimmte Frage zu erweisen. Das kann in ganz verschiedenen Situationen und Bereichen nötig sein, namentlich um eine poli-tische, wissenschaftliche, rechtliche, unternehmerische oder private Angelegenheit zu klären.
Techniken
AI-Washing/KI-Washing
Unter AI-Washing ist die Praxis von Unternehmen oder Organisationen zu verstehen, Produkte, Dienstleistungen oder Geschäftsmodelle mit dem Etikett „Künstliche Intelligenz“ (KI bzw. „Artificial Intelligence“ (AI)) zu versehen, obwohl deren tatsächlicher Einsatz von KI-Technologien entweder stark übertrieben, nur marginal vorhanden oder überhaupt nicht gegeben ist.
Dogwhistle
Unter Dogwhistle wird in Teilen der Forschung eine doppeldeutige Äußerung verstanden, die eine offene und eine verdeckte Botschaft an jeweils eine Zuhörerschaft kommuniziert.
Demonstrieren
« Zurück zur ArtikelübersichtDemonstrieren Kategorie: TechnikenVerwandte Ausdrücke: Auf die Straße gehen, Straßenprotest, Kundgebung, öffentliche Versammlung, Mahnwache, Menschenkette, Marsch, SitzblockadenSiehe auch: Protest, Politische Aktion, Politische Bildung,...
Boykottaufruf
Der Boykottaufruf ist eine Maßnahme, die darauf abzielt, ein Ziel, also meist eine Verhaltensänderung des Boykottierten, hervorzurufen, indem zu einem Abbruch etwa der wirtschaftlichen oder sozialen Beziehungen zu diesem aufgefordert wird.
Tabuisieren
Das Wort Tabuisierung bezeichnet die Praxis, etwas Unerwünschtes, Anstößiges oder Peinliches unsichtbar zu machen oder als nicht akzeptabel zu markieren. Das Tabuisierte gilt dann moralisch als unsagbar, unzeigbar oder unmachbar.
Aus dem Zusammenhang reißen
Das Aus-dem-Zusammenhang-Reißen gehört in den Funktionskreis der Redewiedergabe bzw. der Wiedergabe kommunikativer Ereignisse. Es kann (1) als intentionale argumentativ-polemische Strategie für ganz unterschiedliche diskursive Zielsetzungen von Akteuren genutzt werden, oder (2) es kann SprecherInnen und SchreiberInnen in unbeabsichtigter, fehlerhafter Weise unterlaufen.
Lobbying
Lobbying ist eine Form strategischer Kommunikation, die sich primär an Akteure in der Politik richtet. Beim Lobbying wird ein Bündel von kommunikativen Tätigkeiten mit dem Ziel eingesetzt, die Entscheidungen von Personen mit politischem Mandat oder den Entstehungsprozess von neuen Gesetzestexten interessengeleitet zu beeinflussen.
Karten
Karten dienen dazu, Raumausschnitte im Hinblick auf ausgewählte Charakteristika so darzustellen, dass die Informationen unmittelbar in ihrem Zusammenhang erfasst und gut kommuniziert werden können. Dazu ist es notwendig, Daten und Darstellungsweisen auszuwählen und komplexe und oft umkämpfte Prozesse der Wirklichkeit in einfachen Darstellungen zu fixieren.
Pressemitteilung
Pressemitteilungen sind standardisierte Mitteilungen von Organisationen, die sich an Journalist:innen und andere Multiplikator:innen richten. Sie dienen der offiziellen und zitierfähigen Informationsweitergabe und übernehmen zugleich strategische Funktionen in der öffentlichen Kommunikation und Meinungssteuerung.
Shitstorm
Der Begriff Shitstorm beschreibt eine relativ junge Diskurskonstellation, die seit den 2010er Jahren an Bedeutung gewonnen hat und gemeinhin als Online-Wutausbruch bezeichnet wer-den kann.
Schlagwörter
Brückentechnologie
Ganz allgemein wird unter dem Schlagwort der Brückentechnologie sowohl in den öffentlichen Medien als auch in technisch und wirtschaftlich dominierten Kontexten eine Technologie verstanden, die zeitlich befristet eingesetzt werden soll, bevor in Zukunft der Übergang zu einer als sinnvoller eingeschätzten anderen Technologie möglich ist.
Deindustrialisierung
Der Ausdruck Deindustrialisierung (auch De-Industrialisierung oder als Verb deindustrialisieren) beschreibt im öffentlichen Sprachgebrauch eine negativ bewertete Form des Strukturwandels durch Rückgang von produzierendem Gewerbe.
Nachhaltigkeit
Nachhaltigkeit als ein Schlagwort des öffentlichen Diskurses bezieht sich ganz allgemein auf einen ressourcenschonenderen Umgang mit dem, was uns Menschen der Planet Erde bietet, mit dem Ziel, dass auch nachfolgende Generationen noch die Möglichkeit haben, ähnlich gut zu leben wie wir heute (Generationengerechtigkeit).
Echokammer
Der Begriff der Echokammer steht in seiner heutigen Verwendung vor allem im Zusammenhang mit der Nutzung Sozialer Medien. Er verweist metaphorisch auf einen digitalen Kommunikations- und Resonanzraum, in dem Mediennutzer*innen lediglich Inhalten begegnen, die ihre eigenen, bereits bestehenden Ansichten bestätigen, während abweichende Perspektiven und Meinungen ausgeblendet bzw. abgelehnt werden.
Relativieren
Der Ausdruck relativieren besitzt zwei zentrale Bedeutungsvarianten: In bildungssprachlichen und wissenschaftlichen Kontexten bezeichnet er eine analytische Praxis, bei der Aussagen, Begriffe oder Phänomene durch Bezugnahme auf andere Sachverhalte eingeordnet, differen-ziert und in ihrer Geltung präzisiert werden.
Massendemokratie
Geprägt wurde der Begriff Massendemokratie im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts von völkisch-konservativen Akteuren (prominent darunter Carl Schmitt 1926). Der Ausdruck Masse hatte damals bei den bürgerlichen Eliten eine rundum bedrohliche Assoziation.
Social Bots
Als Social Bots werden Computerprogramme bezeichnet, die in der Lage sind, in sozialen Medien Kommunikation menschlicher Nutzer*innen (teilweise) automatisiert nachzuahmen.
Kriegsmüdigkeit
Der Ausdruck Kriegsmüdigkeit bezeichnet die emotionale und physische Erschöpfung von Menschen, die einen Krieg erleben, sowie die gesellschaftliche und politische Ermüdung angesichts langanhaltender Konflikte. Er beschreibt den sinkenden Kampfeswillen bei Kriegsparteien und heute wird er auch für das wachsende Desinteresse an Kriegsthemen in Medien und Öffentlichkeit genutzt.
Woke
Der Ausdruck woke stammt aus dem afroamerikanischen Englisch und bezeichnete dort zunächst den Bewusstseinszustand der Aufgeklärtheit über die Verbreitung von rassistischen Vorurteilen und Diskriminierung unter Angehörigen ethnischer Minderheiten.
Identität
Unter Identität versteht man allgemein die Summe von Merkmalen, die Individuen oder sozialen Kollektiven – etwa Nationen, Organisationen oder sozialen Gruppen – als charakteristisch oder gar als angeboren zugeordnet werden.
Verschiebungen
Dehumanisierung
Mit Dehumanisierung bzw. Anthropomorphisierung werden solche kommunikativen Techniken und Praktiken bezeichnet, die Personen, Sachverhalten oder Gegenständen menschliche Eigenschaften ab- bzw. zusprechen. Dehumanisierung und Anthropomorphisierung können sowohl durch sprachliche Mittel als auch durch andere, z. B. bildliche, Zeichen vollzogen werden.
Kriminalisierung
Kriminalität meint ein Verhalten, das gegen ein Gesetz verstößt. Folglich bedeutet Kriminalisierung im engeren Sinne den Vorgang, durch den Verhalten ungesetzlich gemacht wird – indem Gesetze geschaffen werden.
Versicherheitlichung
In akademischen Kontexten wird Versicherheitlichung in Abgrenzung zu einem naiv-realistischen Sicherheitsverständnis verwendet. Dieses betrachtet Sicherheit als einen universell erstrebenswerten und objektiv feststellbaren Zustand, dessen Abwesenheit auf das Handeln von Akteuren zurückzuführen ist, die feindselig, kriminell, unverantwortlich oder zumindest fahrlässig agieren.
Ökonomisierung
Ökonomisierung wird in gegenwärtigen Diskursen in der Regel zur Bezeichnung von Prozessen verwendet, in denen die spezifisch wirtschaftlichen Funktions-Elemente wie Markt, Wettbewerb/Konkurrenz, Kosten-Nutzen-Kalküle, Effizienz, Gewinnorientierung in Bereiche übertragen werden, die zuvor teilweise oder ganz nach anderen Leitkriterien ausgerichtet waren
Moralisierung
Moralisierung verlagert Macht- und Interessenkonflikte in die Sphäre der Kommunikation von Achtung / Missachtung. Sie reduziert Ambivalenz zugunsten einer Polarisierung von gut und böse.
Konstellationen
Krise
Krise ist vom Wort mit fachsprachlicher Bedeutung zur Zeitdiagnose und einem zentralen Begriff der öffentlich-politischen Kommunikation geworden. Der öffentlich-politische Krisenbegriff ist dabei – unabhängig vom Gegenstand der Krise – in eine krisendiskurstypische Konstellation zur Begründung von krisenüberwindenden Handlungen eingebettet.
Partizipatorischer Diskurs
Partizipation ist mittlerweile von der Forderung benachteiligter Personen und Gruppen nach mehr Beteiligung in der demokratischen Gesellschaft zu einem Begriff der Institutionen selbst geworden: Kein Programm, keine Bewilligung mehr, ohne dass bestimmte Gruppen oder Personen dazu aufgefordert werden, für (mehr) Partizipation zu sorgen.
Skandal
Die Diskurskonstellation des Skandals zeichnet sich durch eine in den Medien aufgegriffene (bzw. durch sie erst hervorgerufene) empörte Reaktion eines erheblichen Teils der Bevölkerung auf einen tatsächlichen oder vermeintlichen Missstand aus. Die schuldhafte Verursachung dieses Missstandes wird dabei einem gesellschaftlichen Akteur zugeschrieben, dessen Handeln als ‚unmoralisch‘ gedeutet wird.
DiskursReview
Review-Artikel
Memes als moderne Propaganda – Eine sprach- und medienkritische Untersuchung
Digitale Kommunikationsformen prägen heutige gesellschaftliche Debatten weitaus stärker als die klassischen Medien. Ihr Einfluss auf die politische Meinungsbildung und die Ausbildung ideologischer Positionen ist inzwischen unverkennbar und zählt zu den markantesten Entwicklungen der digitalen Gegenwart. Besonders hervorzuheben sind Memes: Sie verbreiten sich schnell, arbeiten mit humoristischen Mitteln und verdichten komplexe Inhalte auf ein Minimum an Zeichen. In öffentlichen Diskursen werden sie daher nicht mehr als spielerisches Internetphänomen betrachtet, sondern als ernstzunehmendes Instrument politischer Kommunikation und den damit einhergehenden propagandistischen Strategien.
Zeitalter der Polykrisen – Was sagt die Polykrise über die Gegenwart und Zukunft?
Beim Durchscrollen der Tagesschlagzeilen ist einem in den letzten Jahr wahrscheinlich der Ausdruck Polykrise ins Blickfeld geraten. Solche Schlagzeilen in deutschsprachigen Medien lauten beispielsweise (1) „Klimawandel, Krieg in der Ukraine, Abstiegsängste – die Welt ist aus den Fugen geraten: Drei Bücher zeigen Wege aus der Polykrise“ (Friedl 2026); (2) „Kritische Psychotherapie: Psychotherapie in der Polykrise“ (Dicks 2026); (3) „Optimismus in der Polykrise“ (Kolev 2025); (4) „Was tun gegen die …
„Genderwahn“ als sprachkritische Abwertung: Eine kritische Betrachtung
„Die Debatte über Gendern und Nicht-Gendern kann ich schon nicht mehr hören. Soll es doch jeder machen, wie er es selbst will.“ Dieses Zitat äußert der ehemalige Bundeskanzler Olaf Scholz im Rahmen der Feier zugunsten des Grundgesetzes, welches im Jahre 2024 den 75. Geburtstag feierte (vgl. Steinkohl et al. 2024). Deutlich wird hierbei, dass die Thematik rund um das Gendern in der Politik aufgefasst wird. Allerdings wird gleichzeitig deutlich, dass die Debatte in der Öffentlichkeit stark kritisiert …
Klimaterroristen: Wie Sprache politische Fronten schafft
Der öffentliche Diskurs über Klimaaktivismus ist in den vergangenen Jahren zunehmend polarisiert. Vor diesem Hintergrund hat sich der Ausdruck Klimaterrorist zu einem politisch und gesellschaftlich stark aufgeladenen Schlagwort entwickelt, das im Jahr 2022 als „Unwort des Jahres“ gewählt wurde (vgl. 2020ff. – Unwort des Jahres). Seine Verwendung verweist auf Konflikte über Legitimität, Moral und Rechtmäßigkeit verschiedener Formen des Protests. Gleichzeitig fungiert der Begriff als sprachliches …
Negativ konnotierte Fremdzuschreibung durch diskriminierende Begriffe – Ein sprachkritischer Beitrag zur Bezeichnung „Kanake“ und dem Zukunftswort „Talahon“
„Gerade diese scheinbar ›milden‹ Formen des Rassismus, die über die Sprache transportiert werden, sind schwer zu bekämpfen, da vielen Menschen nicht klar zu sein scheint, welche Macht Sprache besitzt.“ (Kunz, 2021, S. 58).
Der Begriff „Kanake“ (teilweise auch „Kanacke“) bedeutet in seiner ursprünglichen Bedeutung Mensch und bezeichnete Bewohner*innen der Inselgruppe Neukaledoniens im südlichen Pazifik (vgl. Trost, 2002). Dem Gebrauch lag dabei die Charakterisierung einer spezifischen Gesellschaft …
Wenn aus Vielen Einer wird – Warum pauschale Nationsbezeichnungen sprachlich gefährlich sind
„In dieser Situation sind die Deutschen sehr unzufrieden mit der Arbeit der Politik.“ (Kinkartz, 2025), schreibt die Deutsche Welle im November 2025. Gemeint ist dabei keine einzelne Person oder klar definierte Gruppe, sondern eine ganze Nation, welche mit einem einzigen Artikel zu einem scheinbar einheitlichen Kollektiv zusammengefasst wurde. Solche Formulierungen sind kein Einzelfall. Ähnliche Beispiele, wie „Die Russen greifen an vielen Stellen an“ (Die Welt am Morgen, 2024), „Die Ukrainer …
Das Crazy, wenn Worte Brücken zwischen Generationen sprengen! – Eine sprachkritische Betrachtung von Jugendsprache: Mediale Darstellung, Generationenkonflikt und Pädagogische Einschätzung
Das Jugendwort des Jahres 2025 lautet „das Crazy“. Es meint: „Es gibt keine wirklich passende Antwort. Oder keine wirklich höfliche. Oder eine zu ausführliche, auf die der Antwortende aber gerade keine Lust hat. Oder einfach nur okay“ (Tagesschau, 2025). Torsten Sträter, Kabarettist und Vertreter der Generation X, hört es und stockt: „…das sind zwei Worte… [außerdem] fehlt eins… Vielleicht bin ich ein zu verknöcherter alter Mann geworden, dass ich mich über so eine Kacke… Wer es sagt – Ohrfeige“ …
„Stadtbild“ als politisches Schlagwort – Ein sprach- und medienkritischer Beitrag zur migrationspolitischen Äußerung von Friedrich Merz
Im Rahmen einer Pressekonferenz äußerte sich Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) am 14. Oktober 2025 bei einem Besuch in Brandenburg zur Migrationspolitik. Er verwies dabei auf sinkende Migrationszahlen sowie auf bereits geplante und umgesetzte Maßnahmen, insbesondere Rückführungen. Merz verwendete dabei den Ausdruck „Stadtbild“, der im gegebenen Kontext negativ konnotiert wurde und sich daraufhin innerhalb kurzer Zeit zu einem politischen Schlagwort entwickelte.
Ausgangspunkt war eine journalistische …
Sprache im Scroll-Modus – Brainrot, Memes und medienkritische Deutungen der kindlichen Kommunikation
Laut der KIM-Studie im Jahr 2024 nutzten 54 Prozent der 6- bis 13-Jährigen täglich das Internet (mpfs, 2024). Das sind 7 Prozent mehr als im Jahr 2022 (mpfs, 2024). Besonders auffällig ist, dass 23 Prozent dieser Altersgruppe täglich oder fast täglich TikTok verwenden, während Instagram nur von 11 Prozent genutzt wird (mpfs, 2024). Mit der intensiveren Nutzung der sozialen Medien gewinnen auch Memes an Bedeutung: Dabei handelt es sich um multimodale Inhalte aus Texten, Bildern, Videos, GIFs, Sounds …
Wenn ein Wort mehr sagt als ein Satz: Der Begriff „Klimakleber“ als Beispiel sprachlicher Rahmung
In einem Kommentar der Süddeutschen Zeitung erwähnt Mareen Linnarzt den Gedanken, dass Sprache lenkt, wie man denkt (vgl. Linnarzt und Steinke 2023). Diese Aussage verweist auf eine grundlegende Eigenschaft von Sprache, die im alltäglichen Mediengebrauch häufig wenig reflektiert wird. Medien verfügen über die Möglichkeit, einzelne Teilaspekte eines Themas hervorzuheben und andere in den Hintergrund zu rücken (vgl. Hasebrink). Auf diese Weise entstehen Deutungsrahmen, innerhalb derer Ereignisse …