DiskursGlossar

Fake News

Kategorie: Schlagwörter
Verwandte Ausdrücke: Falschmeldung, Desinformation, Fälschung, Lüge, Manipulation
Siehe auch: Medien, Lügenpresse, Guerillakommunikation, Verschwörungstheorie, Berichterstattungsmuster, Wahlkampf
Autorin: Saskia Sell
Version: 1.0 / Datum: 30.03.2023

Kurzzusammenfassung

Fake News wird als Schlagwort im Kampf um Macht und Deutungshoheit in politischen Auseinandersetzungen verwendet, in denen sich die jeweiligen politischen Gegenspieler und ihre Anhänger wechselseitig der Lüge und der Verbreitung von Falschnachrichten zum Zweck der Manipulation der öffentlichen Meinung und der Bevölkerung bezichtigen. Auf der Ebene des Diskurses geschieht das unabhängig davon, ob tatsächlich und nachweislich gelogen wurde oder nicht – sprich auch wahrheitsgemäße Äußerungen können als Fake News diskreditiert werden. Sowohl das gezielte Streuen und Verbreiten von Fake News im oben genannten Sinne als auch der Vorwurf, eine Nachricht oder Äußerung der Gegenseite, die nicht zur eigenen politischen Agenda passt, sei Fake News, werden als Propagandastrategien eingesetzt. In manipulativer Weise wird der Vorwurf, eine Information sei ,Fake News‘, genutzt, um Deutungshoheit im Diskurs zu erlangen. Das Schlagwort selbst wird wiederholt gezielt eingesetzt, um Verwirrung zu stiften, Gegner als Lügner zu diffamieren und öffentliche (politische) Auseinandersetzungen von der Ebene der Sach- und Tatsachenbewertung auf die Ebene der strategisch-diskursiven Machtspiele zu heben.

Als Beschreibungsbegriff aus journalistischer wie kommunikationswissenschaftlicher Perspektive ist Fake News ein Anglizismus für in manipulativer Absicht verbreitete Falschnachrichten. Der Begriff wird beispielsweise im Kontext gezielter Desinformation über soziale Netzwerke bzw. Social Media verwendet. Neben der geäußerten Lüge – im Sinne von Täuschung, Irreführung, Fälschung – wird auch das ungeprüfte Weiterverbreiten von Gerüchten oder Halbwahrheiten unter dem oft weit gefassten und zum Teil schwammig verwendeten Begriff subsumiert. Ebenso werden Übertreibungen, unangemessene Skandalisierungen, Fehler oder Lücken in der medialen Berichterstattung als Fake News bezeichnet (vgl. Sell et al. 2021). Die Verbreitung von Fake News wird auch zur medialen Kriegsführung genutzt, um Gegner zu demoralisieren oder zu diskreditieren, oder um politische Partner, die eigene Bevölkerung und die eigenen Truppen davon zu überzeugen, auf der ‚richtigen‘ Seite kriegerischer Gewaltausübung zu stehen. Durch strategisches Fluten des öffentlichen Raums mit Fake News kann auch darauf hingewirkt werden, dass eine Unterscheidung von Wahrheit und Falschmeldungen nahezu unmöglich erscheint.

Erweiterte Begriffsklärung

Fake News ist ein Schlagwort im politischen Diskurs, andererseits wird der Begriff auch fachsprachlich verwendet, als Textklasse bzw. zur Bezeichnung der Praktik des Verbreitens von Desinformation, Lügen und Falschnachrichten im medienöffentlichen Raum. Beide Ebenen sind für die Diskursforschung relevant.

Forschung zur politischen Rede konnte zeigen, wie die Beschuldigung, Äußerungen seien Fake News, gezielt als rhetorische Strategie eingesetzt wird. Zum Teil als humoristisches Zwischenspiel, andererseits aber auch, um die eigene Position als die richtige und die der Gegenspieler – und dazu zählen auch kritische Journalistinnen und Journalisten – als falsch zu positionieren (vgl. u.a. Shrikant/Sierra 2022 in Auseinandersetzung mit den Pressekonferenzen des ehemaligen US-amerikanischen Präsidenten Donald Trump). Auch in Deutschland finden sich ähnliche Diskursmuster wie hier im Lager der Republikaner – vor allem in rechten oder rechtsextremen politischen Kontexten. Das Schlagwort Lügenpresse hat hier seit den 2000ern wieder verstärkt Einzug in den politischen Diskurs genommen (vgl. Probst 2018). Ob und inwieweit andere politische Lager sich diese Strategie ebenfalls zu eigen machen, wurde bisher nicht erforscht.

Neben dem politischen Schlagwort ist die tatsächliche Verbreitung von Fake News (Falschnachrichten, Desinformation, Lügen etc.) auch ein Thema für die Kommunikationswissenschaft. Digitale Medien, soziale Netzwerke oder auch Messenger-Dienste gelten aufgrund ihrer positiven Eigenschaften wie niederschwelliger Zugänglichkeit, hoher Übertragungsgeschwindigkeit und der Einfachheit, mit der von jedem Nutzer oder jeder Nutzerin Informationen veröffentlicht und breit geteilt werden können, als besonders anfällig. Diskursive Verzerrungseffekte, die unsere Wahrnehmung des Weltgeschehens mitprägen, werden begünstigt durch die gängigen Formate, mit denen hier kommuniziert wird. Verkürzte Darstellungen in Text, Bild und Ton, aus dem Kontext gerissene Zitate, eingängige Sharepics oder entsprechend der gewollten Aussage geschnittene Kurzclips können schnell verbreitet werden und, unterstützt durch in soziale Medien eingebundene Übersetzungstools, sprachraumübergreifend im Netz zirkulieren.

Falschmeldungen, die einmal in der Welt sind, sind trotz Einordnungs- und Korrekturversuchen von Akteuren, die sich auf Faktenprüfung spezialisiert haben, nur schwer wieder einzufangen. Auf den Faktencheck spezialisierte journalistische Redaktionen oder Experten im Bereich der digitalen Forensik können aus der Masse an Diskursfragmenten nur eine mehr oder weniger transparent getroffene Auswahl an Informationen prüfen. An eine ursprünglich geteilte, einfach dargestellte Information erinnert man sich eher als an ihre Korrektur und damit verbunden oft komplexere Einordnung, die meist über geringere Reichweite verfügt als das Original (vgl. Sängerlaub 2018). Auch können sich die sachlich formulierten Informationen einer Richtigstellung gegen die oft stark (negativ) emotionsgeladenen Fake News schlechter durchsetzen (vgl. Jaster/Lanius 2019). Für die Akzeptanz von Fake News seitens der Mediennutzer spielt auch der sogenannte ,Confirmation Bias‘ oder Bestätigungsfehler eine Rolle. In der Kognitionsforschung bezeichnet dieser die Tendenz zur Bestätigung der eigenen Erwartungen. Dazu passende Informationen werden höher gewertet und bleiben eher in Erinnerung als die den eigenen Erwartungen, Vorerfahrungen oder der eigenen bereits festgefügten Meinung widersprechenden Informationen. Ebenso werden Quellen für passende Informationen tendenziell bevorzugt und Quellen für als unpassend empfundene Informationen eher gemieden (vgl. Mercier 2017).

Auch wenn Fake News sich durch die heutigen Möglichkeiten der digital-vernetzten Kommunikation einfacher und schneller verbreiten lassen, ist das Phänomen an sich, bzw. sind die einzelnen Dimensionen dahinter – öffentliche Lügen, gestreute Gerüchte, manipulative Falschaussagen im Diskurs etc. – nicht neu. Sie lassen sich durch historische Quellenarbeit bis in die Politik der Antike zurückverfolgen, ins alte Ägypten oder zu den Intrigen und Rufmordkampagnen in Byzanz oder im Römischen Reich. Die Erfindung der Gutenberg-Druckerpresse als kommunikationstechnologische Innovation und zugleich Akteurin eines kommunikativen und kulturellen Wandels (vgl. Eisenstein 2013) ermöglichte, in Verbindung mit verbesserten Transportmöglichkeiten für Gedrucktes, bereits die Ausweitung und Beschleunigung der Verbreitung von Fake News. In der Frühen Neuzeit hat sich zudem erneut gezeigt, dass auch als Autoritäten geltende Akteure wie Priester oder Augenzeugen von Geschehnissen ihre zugeschriebene Glaubwürdigkeit und Authentizität strategisch genutzt haben, um Falschinformationen zu verbreiten. Kriege und Konflikte der Neuzeit, die beiden Weltkriege im 20. Jahrhundert oder auch der „Kalte Krieg“ (ein Begriff, der auf den US-amerikanischen Politikkommentator Walter Lippmann zurückzuführen ist) zeigten vielfach, wie Propagandisten sich Fake News-Strategien zunutze machten. Bei aller historischen Kontinuität haben wir es heute durch die Digitalisierung und mobile sowie soziale Medien, die potentiell globale Kommunikation in Echtzeit ermöglichen, mit einem erneuten Schub von Beschleunigung und Verdichtung von Kommunikation zu tun. Dieser bedingt die Verbreitung von Fake News zwar nicht, begünstigt ihre Zirkulation aber ebenso wie die Verbreitung verschiedener politischer Meinungen und wahrheitsgemäßer Informationen im öffentlichen Raum (vgl. Hanley/Munoriyarwa 2021).

Den Umgang mit all dem lernen wir, wenn überhaupt, derzeit nur langsam. Oft gehörte, an sich gut gemeinte und auch richtige Appelle wie prüfe Informationen, bevor du sie teilst, oder überprüfe deine Quellen und verlasse dich eher auf professionellen Journalismus und Faktenprüfer-Autoritäten als auf das, was in sozialen Netzwerken kursiert, kratzen im Grunde nur an der Oberfläche auf dem Weg zur Erweiterung unserer Sprach-, Informations- und Medienkompetenz. Die Nutzung von konkreten Tools zur Überprüfung von digitalen Informationen in Wort, Bild und Ton auch im Laiengebrauch kann uns da noch einen Schritt weiterhelfen (u.a. die KID-Toolbox der Deutschen Welle). Der Blick in die Geschichte zeigt aber, dass wir nie ohne Fake News leben werden. Wir können nur versuchen, uns allen Fälschungen, Manipulationen, Lügen und Gerüchten zum Trotz in der (mediatisierten) Welt so gut wie möglich zu orientieren und daran zu arbeiten, unsere Kommunikationskompetenzen zu verbessern. Auf der anderen Seite müssen Lügen, Manipulation und gezielte Desinformation als Formen von Fake News öffentlich enttarnt werden und es sollte ein Bewusstsein dafür geschaffen werden, dass diese auch im Kontext von politischen Auseinandersetzungen eingesetzt werden – ebenso wie der reflexhafte Vorwurf und die inflationäre Verwendung des Schlagworts Fake News im politischen und medialen Diskurs.

Beispiele

(1) Als ,Meister‘ der Fake News – sowohl im Sinne des Beschreibungsbegriffs als auch im Gebrauch des Schlagwortes selbst – gilt in der aktuellen US-amerikanischen Politik der ehemalige Präsident der Vereinigten Staaten Donald Trump. Die Washington Post hat seine öffentlichen Äußerungen dahingehend ausgewertet und kam zu dem Ergebnis, dass Trump selbst insgesamt 30.573 falsche oder irreführende Aussagen getätigt hat. Besonders umkämpfte Themen waren dabei Einwanderung, Außenpolitik, die Wahlen selbst, sowie das Coronavirus, der Außenhandel und die Wirtschaft (aufgearbeitet von Mathias Brandt für STATISTA [2021]). Auf der anderen Seite hat Trump laut Twitter Trump Archive in fast 900 Tweets missliebige Medien (u.a. Washington Post, CNN) als Fake News verunglimpft. Eine Strategie, die er auch bei Pressekonferenzen verfolgte (s.o.). 

(2) Zu im Nachhinein bestätigten Fake News im Bereich von Politik und Kriegspropaganda fallen beispielsweise die Nachrichten, die von Politik und Medien im Vorfeld des Irakkriegs 2003 verbreitet wurden – hier insbesondere die Behauptung, Saddam Hussein verfüge über biologische und chemische Massenvernichtungswaffen, die auf gefälschten Geheimdienstinformationen basierte (aufgearbeitet u.a. von Matthias von Hein 2018 für die Deutsche Welle).

(3) Die Fake News-Zirkulation durch soziale Medien und Messenger-Dienste zeigt ein breites Spektrum an Falschinformationen. Neben gezielt manipulativen politischen Propagandainhalten oder einzelnen Behauptungen, aus denen sich Verschwörungstheorien speisen lassen, können darunter auch für wahr genommene und als ernsthafte Nachricht weiterverbreitete Satiremeldungen fallen, wie die, dass Facebook zur Qualitätssicherung Konten mit zu vielen Rechtschreibfehlern löschen würde (vgl. Der Postillion 2015). Wieder andere Fälle sind beispielsweise reißerische Falschmeldungen aus dem Gesundheitsbereich, wie die, dass Kokain gegen Corona helfen soll (vgl. FAZ 2020). Die bisherige Forschung und journalistische Auseinandersetzung mit dem Thema legt nahe, dass es aus jedem denkbaren Feld und zu jedem politischen Konfliktthema neben einer Vielzahl von relevanten und wahrheitsgemäßen Informationen im Netz auch Fake News, also Falschmeldungen, Lügen, Gerüchte, Halbwahrheiten und gezielt manipulative Desinformation gibt.

Literatur

Zum Weiterlesen

  • Schicha, Christian; Stapf, Ingrid; Sell, Saskia (Hrsg.) (2021): Medien und Wahrheit. Medienethische Perspektiven auf Desinformation, Lügen und „Fake News“. Baden-Baden: Nomos.
  • Zimdars, Melissa; McLeod, Kembrew (Hrsg.) (2020): Fake News: Understanding media and misinformation in the digital age. Cambridge: MIT Press.

Zitierte Literatur

Zitiervorschlag

Sell, Saskia (2023): Fake News. In: Diskursmonitor. Glossar zur strategischen Kommunikation in öffentlichen Diskursen. Hg. von der Forschungsgruppe Diskursmonitor und Diskursintervention. Veröffentlicht am 30.03.2023. Online unter: https://diskursmonitor.de/glossar/fake-news.

DiskursGlossar

Grundbegriffe

Agenda Setting

Rassistisch motivierte Gewalt, Zerstörung des Regenwaldes, Gender pay gap: Damit politische Institutionen solche Probleme bearbeiten, müssen sie erst als Probleme erkannt und auf die politische Tagesordnung (Agenda) gesetzt werden. Agenda Setting wird in Kommunikations- und Politikwissenschaft als eine Form strategischer Kommunikation beschrieben, mithilfe derer Themen öffentlich Gehör verschafft und politischer Druck erzeugt werden kann.

Medien

Die Begriffe Medien/Massenmedien bezeichnen diverse Mittel zur Verbreitung von Informationen und Unterhaltung sowie von Bildungsinhalten. Medien schaffen damit eine wesentliche Grundlage für Meinungsbildung und Meinungsaustausch.

Macht

Macht ist die Fähigkeit, Verhalten oder Denken von Personen zu beeinflussen. Sie ist Bestandteil sozialer Beziehungen, ist an Kommunikation gebunden und konkretisiert sich situationsabhängig. Alle expliziten und impliziten Regeln, Normen, Kräfteverhältnisse und Wissensformationen können aus diskursanalytischer Perspektive als Machtstrukturen verstanden werden, die Einfluss auf Wahrheitsansprüche und (Sprach)Handlungen in einer Gesellschaft oder Gruppe nehmen.

Normalismus

Normalismus ist der zentrale Fachbegriff für die Diskurstheorie des Literaturwissenschaftlers Jürgen Link. Die Normalismus-Theorie fragt danach, wie sich Vorstellungen von ‚Normalität‘ und ‚Anormalität‘ als Leit- und Ordnungskategorien moderner Gesellschaften herausgebildet haben.

Wissen

Kollektives Wissen von sozialen Gruppen ist sowohl Voraussetzung als auch Ziel strategischer Kommunikation in öffentlichen Diskursen. Es wird geprägt durch individuelle Erfahrung, aber auch in Diskursgemeinschaften kommunikativ geteilt – vor allem im Elternhaus, in Peergroups und Bildungseinrichtungen sowie durch Medienkonsum.

Werbung

Werbung ist ein Kommunikationsinstrument von Unternehmen, das der Positionierung im Markt dient und je nach Situation des Unternehmens auf Einführung, Erhalt oder Ausbau von Marktanteilen und damit letztlich auf ökonomischen Gewinn abzielt.

Mediale Kontrolle

Medien werden vielfältig zur Durchsetzung von Macht verwendet. So in der Zensur, wenn eine politische Selektion des Sagbaren und des Unsagbaren stattfindet; in der Propaganda, wenn eine Bevölkerung von den Ansichten oder wenigstens der Macht einer bestimmten Gruppe überzeugt werden soll; oder in der Überwachung, die unerwünschtes Verhalten nicht nur beobachten, sondern unwahrscheinlich machen soll.

Freund- und Feind-Begriffe

Freund-, Gegner- und Feindbegriffe sind Teil der Politischen Kommunikation. Sie bilden die Pole eines breiten Spektrums von kommunikativen Zeichen, mit denen politische Akteure sich selbst und ihre politischen Gegner im Kampf um beschränkte Ressourcen auf dem diskursiven Schlachtfeld positionieren.

Sprachpolitik / Sprachenpolitik

Sprachpolitik bezeichnet allgemein alle politischen Prozesse, die auf eine Beeinflussung der Sprachverwendung in einer Gesellschaft oder Sprachgemeinschaft abzielen. Unterschieden wird häufig zwischen Sprachenpolitik und Sprachpolitik im engeren Sinne.

Sagbarkeit

Im öffentlichen Diskurs findet sich häufig die strategische Behauptung, dass bestimmte Fakten oder Meinungen unsagbar seien. Auf diese Weise wird zum Ausdruck gebracht, dass es Grenzen des Sagbaren gebe, die im öffentlichen Diskurs Geltung hätten.

Techniken

Passivierung

Unter Passivierung versteht man die Formulierung eines Satzes in einer grammatischen Form des Passivs. Das Passiv ist gegenüber dem Aktiv durch die Verwendung von Hilfsverben formal komplexer. Seine Verwendung hat unter anderem zur Folge, dass handelnde Personen im Satz nicht genannt werden müssen, was beispielsweise in Gesetzestexten für eine (gewünschte) größtmögliche Abstraktion sorgt („Niemand darf wegen seines Geschlechts […] benachteiligt oder bevorzugt werden.“ Art. 3 GG).

Aufopferungs-Topos

Als Aufopferungs-Topos wird in der Diskursforschung ein Argumentationsmuster bezeichnet, das zwei strategische Funktionen erfüllen kann: einerseits kann es dazu dienen, mit der Behauptung eines besonderen Ressourceneinsatzes (z.B. Einsatz von Geld, Zeit oder emotionaler Belastung) einen hohen Achtungswert für eine Person, eine Sache bzw. für ein Ziel zu plausibilisieren. Andererseits können Akteure besondere Privilegien (wie z.B. Wertschätzung, Entscheidungsbefugnisse und Mitspracherechte) reklamieren, wenn sie sich für eine bereits in der sozialen Bezugsgruppe hochgeschätzte Sache engagieren.

Opfer-Topos

Als Opfer-Topos bezeichnet man eine diskursive Argumentationsstrategie, bei der sich Akteure als ‚Opfer‘ gesellschaftlicher Urteilsbildung inszenieren und damit eigene Interessen – vor allem Aufmerksamkeit und Berücksichtigung von Bedürfnissen – geltend zu machen versuchen.

Analogie-Topos

Der Analogie-Topos zählt zu den allgemeinen bzw. kontextabstrakten Argumentationsmustern, die genutzt werden können, um für oder gegen eine Position zu argumentieren. Analogie-Topoi werden von verschiedenen Akteuren und Akteursgruppen strategisch eingesetzt, um eine zustimmende Haltung bei den Zielgruppen zu bewirken.

Negativpreis

Ein Negativpreis ist eine Auszeichnung an Personen oder Organisationen (meist Unternehmen), die sich oder ihre Produkte positiv darstellen und vermarkten, ihre Versprechen aus Sicht des Preisverleihers allerdings nicht einhalten. Dabei dient der Preis durch seine Vergabe vor allem dem Zweck, Aufmerksamkeit zu erregen, mediale Präsenz auf ein Thema zu lenken und den Preisträger in seinem moralischen Image zu beschädigen.

Be-/Überlastungs-Topos

Der Be-/Überlastungstopos ist ein Argumentationsmuster, das vorwiegend in der politischen Kommunikation eingesetzt wird. Als zu vermeidende Konsequenz einer konkreten Situation wird mit dem Be-/Überlastungstopos ein Be- bzw. Überlastungs-Szenario skizziert.

Wahlkampf

Wahlkämpfe sind Zeiten stark intensivierter politischer Kommunikation. Politische Parteien entwickeln Programme für die nächste Legislaturperiode in der Hoffnung, durch entsprechenden Stimmengewinn zu deren Umsetzung ermächtigt zu werden.

Wir

Das Pronomen wir erfüllt aber noch eine weitere diskursive Funktion: Ein Fundament des politischen Diskurses sind dynamische politische Ideologien: Glaubens- und Wissenssysteme von politischen und sozialen Gruppen.

Petition

Petitionen sind eine der am meisten genutzten Partizipationsformen nach Wahlen. Sie sind sowohl ein Mittel der politischen Beteiligung als auch ein Protestmittel und damit Zwitterwesen in der politischen Landschaft. Durch die Digitalisierung haben sich Petitionen zudem maßgeblich verändert, ihre Zahl hat zugenommen, ebenso wie die Zahl der Plattformen, auf denen sich Petitionen starten lassen.

Influencer / Influencerin

Influencer:innen sind Personen, die auf Social-Media-Plattformen regelmäßig selbst produzierte Inhalte publizieren und damit eine öffentliche Reichweite über ihre Follower:innen aufbauen. Influencer:innen haben das Potenzial, Rezipient:innen in ihrem Wissen, Einstellungen und Verhalten zu beeinflussen (engl. to influence).

Schlagwörter

Zivilgesellschaft

Im gegenwärtigen deutschen Sprachgebrauch werden so heterogene Organisationen, Bewegungen und Initiativen wie ADAC und Gewerkschaften, Trachtenvereine und Verbraucherschutzorganisationen, Umweltorganisationen und religiöse Gemeinschaften zur Zivilgesellschaft gezählt.

Demokratie

Der Ausdruck Demokratie dient häufig zur Bezeichnung einer (parlamentarischen) Staatsform und suggeriert die mögliche Beteiligung aller an den Öffentlichen Angelegenheiten. Dabei ist seine Bedeutung weniger eindeutig als es den Anschein hat.

Plagiat/Plagiarismus

Plagiarismus ist ein Begriff, der sich im öffentlichen Diskurs gegen Personen oder Produkte richten kann, um diese in zuweilen skandalisierender Absicht einer Praxis unerlaubter intermedialer Bezugnahme zu bezichtigen. Die Illegitimität dieser Praxis wird oft mit vermeintlichen moralischen Verfehlungen in Verbindung gebracht.

Lügenpresse

Der Ausdruck Lügenpresse ist ein politisch instrumentalisierter „Schlachtruf“ oder „Kampfbegriff“ gegen etablierte und traditionelle Medien. Dabei wird häufig nicht einzelnen Medien-Akteuren, sondern der gesamten Medienbranche vorgeworfen, gezielt die Unwahrheit zu publizieren.

Antisemitismus

Mit Antisemitismus werden gemeinhin alle jene Phänomene bezeichnet, die sich gegen das Judentum oder gegen Jüdinnen*Juden als Jüdinnen*Juden richten. Die entsprechenden Erscheinungen reichen von der bloßen Distanzierung und Behauptung jüdischer Andersartigkeit, über vollständig ausgearbeitete Weltbilder, die Jüdinnen*Juden für sämtliche Probleme verantwortlich machen, bis hin zu massiven Ausgrenzungs-, Verfolgungs- und Gewaltpraktiken.

Grammatiknazi / Grammar Nazi

Das überwiegend negativ konnotierte Schlagwort Grammatiknazi – als Übersetzung von engl. grammar nazi – wird zur Benennung von Personen verwendet, die meist in eher informellen Kontexten der öffentlichen Internetkommunikation (u. a. in Foren, Kommentarbereichen auf Nachrichtenportalen, sozialen Netzwerken) ungefragt Sprachkritik an den Äußerungen anderer (häufig fremder) Kommunikationsteilnehmer*innen üben.

Respekt

Respekt oder respektvolles Verhalten wird eingefordert für die Eigengruppe (bzw. von der Eigengruppe), für wirklich oder vermeintlich diskriminierte Gruppen, für abweichende Meinungen. Mitgemeint ist bei der Forderung nach Respekt meist eine positiv bewertete Szene der (sozialen, kulturellen, ethnischen, sexuellen etc.) Vielfalt/Diversität.

Geschlechtergerechte Sprache

Mit dem heute als Fahnenwort gebrauchten Ausdruck geschlechtergerechte Sprache ist die Forderung verbunden, bei Personenbezeichnungen die einseitige, für diskriminierend erklärte Bezugnahme auf einen bestimmten Sexus, konkret: auf das männliche Geschlecht, zu unterlassen.

Identitätspolitik

Der Ausdruck steht heute für eine politische Konstellation, in der konkurrierende Wir-Gemeinschaften mit einer Diskriminierungs- und Benachteiligungsgeschichte in der Öffentlichkeit um Anerkennung konkurrieren. An der Oberfläche geht es ‚identitären‘ Wir-Gemeinschaften darum, die eigene Diskriminierung als Ermächtigungsmotiv an die Öffentlichkeit zu tragen.

Cancel Culture

Cancel Culture ist ein Kampf- und Stigmawort, das sich in skandalisierender Absicht gegen die Praxis (und oft auch bereits gegen die Forderung) des Absagens, Ausladens, Boykottierens moralisch missliebiger und politisch bekämpfter Personen, Organisationen und Positionen in Wissenschaft, Kultur und Politik wendet.

Verschiebungen

Ökonomisierung

Ökonomisierung wird in gegenwärtigen Diskursen in der Regel zur Bezeichnung von Prozessen verwendet, in denen die spezifisch wirtschaftlichen Funktions-Elemente wie Markt, Wettbewerb/Konkurrenz, Kosten-Nutzen-Kalküle, Effizienz, Gewinnorientierung in Bereiche übertragen werden, die zuvor teilweise oder ganz nach anderen Leitkriterien ausgerichtet waren

Moralisierung

Moralisierung verlagert Macht- und Interessenkonflikte in die Sphäre der Kommunikation von Achtung / Missachtung. Sie reduziert Ambivalenz zugunsten einer Polarisierung von gut und böse.

Konstellationen

Skandal

Die Diskurskonstellation des Skandals zeichnet sich durch eine in den Medien aufgegriffene (bzw. durch sie erst hervorgerufene) empörte Reaktion eines erheblichen Teils der Bevölkerung auf einen tatsächlichen oder vermeintlichen Missstand aus. Die schuldhafte Verursachung dieses Missstandes wird dabei einem gesellschaftlichen Akteur zugeschrieben, dessen Handeln als ‚unmoralisch‘ gedeutet wird.

DiskursReview

Review-Artikel

Tagung: Zur Politisierung des Alltags – Strategische Kommunikation in öffentlichen Diskursen (01.–03.02.2023)

Die (krisenbedingt verschärfte) Politisierung der Alltagsdiskurse stehen im Zentrum der hier geplanten Tagung. Antworten auf folgende Leitfragen sollen dabei diskutiert werden: Was sind die sozialen, medial-räumlichen und sprachlichen Konstitutionsbedingungen für politische Kommunikation in außerorganisationellen, lokalen Diskursstrukturen und welche Bedeutung haben dabei diskurssemantische Verschiebungen (mithin Verunsicherung, vgl. Vogel/Deus 2022), Polarisierung und Fragmentierung?

Tagung: Diskursintervention (31.01.2019–01.02.2019)

Welchen Beitrag kann (bzw. muss) die Diskursforschung zur Kultivierung öffentlicher Diskurse leisten? Was kann ein transparenter, normativer Maßstab zur Bewertung sozialer und gesellschaftlicher Diskursverhältnisse sein? Was könnten sinnvolle Praktiken, Formen und Ziele der Diskursintervention sein? Diese und ähnliche Fragen waren Gegenstand des Workshops, der vom 31.01. bis 01.02.2019 an der Universität Siegen stattfand.

Was ist ein Volk?

Dass „Volk“ ein höchst schillernder und vielschichtiger politischer Leitbegriff der vergangenen Jahrhunderte gewesen ist (und nach wie vor ist), kann man schon daran erkennen, dass der Eintrag „Volk, Nation“ in Brunner, Conze & Kosellecks großem Nachschlagwerk zur politischen Begriffsgeschichte mehr als 300 Seiten umfasst.

Antitotalitär? Antiextremistisch? Wehrhaft!

Im Herbst 2022 veranstalteten die Sender des Deutschlandradios eine Kampagne mit Hörerbeteiligung zur Auswahl eines Themas, mit dem sich ihre sogenannte „Denkfabrik“ über das kommende Jahr intensiv beschäftigen solle. Fünf Themen standen zur Auswahl, „wehrhafte Demokratie“ wurde gewählt, wenig überraschend angesichts des andauernden Krieges in der Ukraine…

Satzsemantik von Vorhersage und Nutzen-Risiko-Abwägung: Die STIKO-Impfempfehlung für 12- bis 17-Jährige vom 18. August 2021

“Die Forschung muss… sich in die Lage versetzen, die politischen Implikationen, die sie hat, anzunehmen und auszuforschen, um nicht beim ersten Knall der Peitsche durch alle ihr vorgehaltenen Reifen zu springen. Diese Integrität kann die Wissenschaft gerade dadurch unter Beweis stellen, dass sie dem herrschenden Druck, praktische Tabus in theoretische umzuwandeln, widersteht” (Beck 1986, 283)

Review-Rückblick

In dieser Rubrik veröffentlichen wir in unregelmäßigen Abständen kurze Notizen zu Ereignissen oder Phänomenen, die in den vergangenen Wochen in der strategischen und öffentlichen Kommunikation zu beobachten waren. Die Texte kommentieren subjektiv, unsystematisch, teils widersprüchlich und hoffentlich pointiert. Sie erheben keinen Anspruch auf Wissenschaftlichkeit, beobachten ihren Gegenstand aber von einer diskursanalytischen und -interventionistischen Position aus und sollen zum Widerspruch einladen. Sie repräsentieren nicht die Position der Redaktion des Diskursmonitors, sondern ihrer jeweiligen Autorinnen und Autoren.

Rasse, Rassismus

1) Zu Beginn drei exemplarische Medienereignisse aus der jüngsten Vergangenheit, in denen es um den Komplex Rasse, Rassismus ging…