DiskursGlossar

Korpus

Kategorie: Grundbegriffe
Verwandte Ausdrücke:

Siehe auch: Schlagwort, Diskursverschiebung
Autor: Jan Oliver Rüdiger
Version: 1.0 / 31.01.2021

Kurzzusammenfassung

In den Sprach- als auch Literaturwissenschaften versteht man unter Korpora (Plur. Korpora, die / Sing. Korpus, das) ganz allgemein Textsammlungen. Nach Lemnitzer und Zinsmeister (2010, S. 40) ist ein Korpus: „[…] eine Sammlung [authentischer] schriftlicher oder gesprochener Äußerungen in einer oder mehreren Sprachen“. Die Zusammenstellung erfolgt nach verschiedenen wissenschaftlichen Kriterien, die sich am zu untersuchenden Gegenstand orientieren (Bsp. 1: Soll strategische Kommunikation in politischen Reden analysiert werden, so wird ein Korpus aus ‚Politischen Reden‘ zusammengestellt, die strategisch/kommunikative Praktiken enthalten – Bsp. 2: Für die Analyse von Modalpartikeln im Fremdsprachenerwerb wird ein Korpus aus transkribierten Redebeiträgen verschiedener Erwerbsstufen benötigt). Prinzipiell kann ein Korpus auch analog (gedruckt) vorliegen und manuell ausgewertet werden – In der empirischen Linguistik ist ein Korpus aber i. d. R. immer ein digitales (maschinenlesbares) Korpus, das automatisiert (mittels Software) ausgewertet wird.

Erweiterte Begriffsklärung

Korpora bestehen nicht nur aus den Texten (den so genannten Primärdaten), sie umfassen auch eine ganze Reihe weiterer Sekundärdaten. Im Wesentlichen handelt es sich dabei um Metadaten und Annotationen (vgl. hierzu Perkuhn et al. (2012)). Metadaten sind Zusatzinformationen zu einzelnen Texten (z. B. der Titel, Autor*in, Datum, Textsorte etc.). Diese Metadaten können in der Korpusanalyse genutzt werden, um etwa Akteursgruppen, Zeitfenster oder Textsorten miteinander zu vergleichen bzw. sie zueinander in Beziehung zu setzen (z. B. Vergleich von Sprachgebrauchsmuster bestimmter Autor*innen / Unterschiedlicher Sprachgebrauch in zwei oder mehr definierten Zeitfenstern).
Annotationen sind Sekundärdaten, die direkt mit dem Text verknüpft sind. Annotationen können sowohl manuell erstellt oder automatisch erzeugt werden. Elektronische Korpora werden i. d. R. mehrstufig automatisch annotiert. Zusätzliche manuelle Annotationen oder Nachkorrekturen der automatischen Annotation sind je nach Forschungsinteresse notwendig. Folgende automatische Prozessschritte sind weit verbreitet: Zerteilung der Texte in einzelne Sätze, Zerteilung der Sätze in einzelne Token (Unter den Begriff ‚Token‘ fallen sowohl Wortformen (Berg, Berge, Berges etc.) als auch Satzzeichen), automatische Lemmatisierung der Token (Token: Häuser > Lemma: Haus), automatische Zuordnung der Wortart (Token: Berge > Wortart: Nomen), Annotation von Phrasen (Token: Das wundersame Fest > Phrase: Nominalphrase). Ein so aufbereitetes Korpus erlaubt sehr komplexe Analyse- und Abfragemöglichkeiten (z. B.: Suche alle Sätze mit Nominalphrasen, die das Lemma ‚Krise‘ enthalten).

Wie Mukherjee (2009) anmerkt, arbeitet die Sprachwissenschaft bereits in der ‚Vor-Computer-Zeit‘ mit Textsammlungen, also Korpora. So wird u. a. das Beispiel der Konkordanz-Analyse der King James Bibel von Alexander Curden aus dem Jahre 1736 als eine händische Korpusanalyse angeführt. Bei dieser Analyse werden Konkordanzen/Belegsätze geordnet und ggf. gefiltert. Durch diese Art der Darstellung lässt sich der Kontext einfacher erkennen und auswerten. Während man in der ‚Vor-Computer-Zeit‘ auf händische Arbeit angewiesen war (Belege abschreiben/abtippen, ausschneiden, auf Karteikarten aufkleben etc.), kann eine solche Konkordanz-Analyse heutzutage mittels entsprechender Software in Sekundenschnelle auf riesige Korpora angewendet werden. Folgendes Beispiel zeigt eine Konkordanz-Analyse zum Stichwort ‚Europa‘ in Plenarprotokollen des Europäischen Parlaments:

Grafik 1: Konkordanzen als KWIC (Keyword in Context) dargestellt.

Die ersten computergestützten Korpora entstanden Mitte des 20. Jahrhunderts. Das Brown University Corpus of Present-Day American English (vgl. Francis und Kučera (1964) war das erste rein computergestützte Korpus und umfasste bereits eine Millionen Wörter. Es setzte sich, wie der Name schon andeutet, aus unterschiedlichsten schriftsprachlichen Genres der amerikanischen Gegenwartssprache zusammen. Ebenfalls 1964 entstand mit dem Mannheimer Korpus I (MK_I) am Leibniz-Institut für Deutsche Sprache unter der Leitung von Paul Grebe und Ulrich Engel ein vergleichbares Korpus des Deutschen mit sogar bereits 2,2 Mio. Token. Durch die Verbreitung und schnell steigenden Computerkapazitäten wuchsen auch die Möglichkeiten der Korpuslinguistik. Bereits in den 1990ern erreichte das British National Corpus (BNC) einen Umfang von über 100 Millionen Token. Im Jahr 2000 überschritt das Deutsche Referenz Korpus (DeReKo) – basierend auf dem Projekt Mannheimer Korpus (siehe oben) – die Schwelle von einer Milliarde Token. Mit Stand 02.02.2021 umfasst DeReKo 50 Milliarden Token (vgl. zur Entwicklung auch Kupietz et al. (2018)). Viele, auch kleinere, spezifischere Korpusprojekte entstanden in den letzten Jahrzehnten. Eine gute Ausgangsbasis für eigene Recherchen bietet die Plattform CLARIN – hier sind viele freie Korpus-Ressourcen gelistet.
Für das Teilprojekt Barometer im DiskursMonitor wurden verschiedene freie Korpora als Referenzkorpora aggregiert (eine Beschreibung finden Sie hier). Außerdem wurde eine Infrastruktur entwickelt, die eine LIVE-Analyse ermöglicht. Die Korpora stehen intern für Lehrstuhlprojekte aber auch externen Forschenden zur Verfügung. Besucher*innen der Webseite können auf aggregierte Korpusdaten einfache Analysen durchführen (zu den Analysen).

Beispiele

Korpora dienen nicht nur zur Suche nach Belegen. Auf ein Korpus lassen sich verschiedene (statistische) Analysen anwenden (sowohl auf die primären Textdaten als auch auf die sekundären Metadaten/Annotation – und auch in Kombination [Text <> Metadaten/Annotation]). Einen guten Überblick und eine Einbettung/Anknüpfung in die linguistischen Grundlagen bietet Bubenhofer (2009). Im folgenden haben wir eine Liste mit beispielhaften Analysen zusammengestellt, die auf den Barometer-Korpora (siehe oben) basieren und die Sie selbst explorativ testen können:

  • Frequenzanalysen stellen eine einfache und effektive Möglichkeit dar, große Textsammlungen (Korpora) zu untersuchen. Mit der Frequenzanalyse lassen sich verschiedene Fragen beantworten (für detaillierter Informationen siehe Frequenzanalyse):
    → Was sind die häufigsten Token (z. B. Lemmata) in einem Korpus?
    → Wie oft kommt ein bestimmtes Token im Korpus vor?
    → Wie oft kommt ein bestimmtes Token zu einem bestimmten Zeitpunkt vor?
    Dadurch wird die oben angesprochene Kombination aus Text und Metadaten (Zeit) zum Analysegegenstand. Das Resultat sind z. B. folgende Zeitverlaufsanalysen:

    Grafik 2: Beispiel Frequenzverlauf zu ‚SARS-CoV-2‘
  • Eine mögliche Anwendung der oben genannten Frequenzanalyse ist die Sentiment-Analysen (Sentiment von engl. Gefühl/Empfindung). Im Wesentlichen handelt es sich um eine Positiv/Negativ-Frequenzanalyse. Dieses Verfahren hat methodische Grenzen und ist daher nur unter Vorbehalt einsetzbar: Zum einen fixiert das Verfahren die Textoberfläche und erkennt Tiefenstrukturen, Kontexte, Ironie und ähnliche sprachliche Phänomene nicht; zum anderen ist die Erstellung der Ausgangslisten und damit Bewertung von Einzeläußerungen oftmals von der subjektiven Einordnung des/der Bearbeiter/in abhängig. Für weiterführende Informationen zur Sentiment-Analyse siehe hier.Grafik 3: Sentiment-Detection im diskursmonitor LIVE-Korpus
    Grafik 3: Sentiment-Detection im diskursmonitor LIVE-Korpus
  • Schlagwörter (Keywords) geben Auskunft darüber, welche Ausdrücke zu einem Zeitpunkt (verglichen mit einem anderen Zeitpunkt) besonders auffällig häufig sind. Schlagwörter werden mithilfe eines statistischen Signifikanztests ermittelt (hier: Poisson-Verteilung).  Die folgende Auswertung vergleicht unterschiedlich große Zeitabschnitte miteinander und ermöglicht damit, kurzfristige von langfristigen Diskurstrends zu differenzieren. Eine tagesaktuelle Auswertung finden Sie hier.

Grafik 4: Keyword-Beispiel

Grafik 4: Beispiel-Schlagworte
  • Kookkurrenz-Analysen – Kookkurrenzen (engl. co-occurrence – gemeinsames Vorkommen) sind zwei Token (hier: Wörter), die innerhalb einer Textmenge besonders häufig zusammen (hier: innerhalb eines Satzes) und selten in anderen Kombinationen vorkommen (z. B. mit anderen Token). Eine interaktive Analyse finden Sie hier.Grafik 5: Beispiel-Kookkurrenzen
Grafik 5: Beispiel-Kookkurrenzen
  • N-Gramme sind hochfrequente Wortfolgen und gehören zur Analysekategorie der Mehrworteinheiten. Das N steht dabei für eine natürliche Zahl größer 0. Durch N-Gramme lassen sich Mehrwort-Verbindungen und Sprachgebrauchsmuster in Texten identifizieren. Solche Muster können z. B. Floskeln (z. B. „Guten Tag“, „Meine Damen und Herren“ etc.), Phrasen (z. B. „den Tag nicht vor dem Abend loben“ etc.) oder syntaktische Abfolgen realisieren (z. B. „ich gehe ins“ etc.). Weitere Details zu N-Grammen finden Sie hier.Grafik 6: N-Gramme zu ‚Merkel‘
    Grafik 6: N-Gramme zu ‚Merkel‘
  • Konkordanz-Analyse / KWIC-Analyse
    Wie im ersten Nutzungsbeispiel (siehe oben – Konkordanzen) beschrieben, kann eine Konkordanz-Analyse Einblicke in die Realisationsformen eines Token geben. Wenn Sie das einmal selbst ausprobieren möchten, finden Sie hier die Möglichkeit und weiterführende Informationen.Grafik 7: KWIC-Belege zu Merkel
    Grafik 7: KWIC-Belege zu Merkel

Literatur

  • Bubenhofer, Noah (2009): Sprachgebrauchsmuster. Korpuslinguistik als Methode der Diskurs- und Kulturanalyse. Zugl.: Zürich, Univ., Diss., 2008. Berlin: de Gruyter (Sprache und Wissen, 4).
  • Calzolari, Nicoletta; Choukri, Khalid; Cieri, Christopher; et al. (Hg.) (2018): Proceedings of the Eleventh International Conference on Language Resources and Evaluation (LREC 2018). Miyazaki, Japan: European Language Resources Association (ELRA).
  • Francis, Winthrop Nelson; Kučera, Henry (1964): Manual of Information to Accompany ‚A Standard Sample of Present-Day Edited American English, for Use with Digital Computers*. Brown University, Providence. Department of Linguistics.
  • Kupietz, Marc; Lüngen, Harald; Kamocki, Pawel; Witt, Andreas (2018): The German Reference Corpus DeReKo: New Developments – New Opportunities. In: Nicoletta Calzolari, Khalid Choukri, Christopher Cieri und et al. (Hg.): Proceedings of the Eleventh International Conference on Language Resources and Evaluation (LREC 2018). Miyazaki, Japan: European Language Resources Association (ELRA).
  • Lemnitzer, Lothar; Zinsmeister, Heike (2010): Korpuslinguistik. Eine Einführung. 2., durchgesehene und aktualisierte Auflage. Tübingen: Narr Verlag (Narr-Studienbücher).
  • Mukherjee, Joybrato (2009): Anglistische Korpuslinguistik. Eine Einführung. Berlin: Schmidt (ESV basics, 33). Online verfügbar unter http://deposit.d-nb.de/cgi-bin/dokserv?id=3126469&prov=M&dok_var=1&dok_ext=htm.
  • Perkuhn, Rainer; Keibel, Holger; Kupietz, Marc (2012): Korpuslinguistik. Paderborn: Fink (LIBAC, 3433).
  • Scherer, Carmen (2014): Korpuslinguistik. 2., aktualisierte Aufl. Heidelberg: Winter (Kurze Einführungen in die germanistische Linguistik, 2).
  • Stede, Manfred (2007): Korpusgestützte Textanalyse. Grundzüge der Ebenen-orientierten Textlinguistik. Tübingen: Narr (Narr Studienbücher). Online verfügbar unter http://deposit.d-nb.de/cgi-bin/dokserv?id=2896948&prov=M&dok_var=1&dok_ext=htm.

Zitiervorschlag

Rüdiger, Jan Oliver (2021): Korpus. In: Diskursmonitor. Glossar zur strategischen Kommunikation in öffentlichen Diskursen. Hg. von der Forschungsgruppe Diskursmonitor und Diskursintervention. Veröffentlicht am 19.04.2021. Online unter: https://diskursmonitor.de/glossar/korpus/.

 

Grundbegriffe

Sprachpolitik / Sprachenpolitik

Sprachpolitik bezeichnet allgemein alle politischen Prozesse, die auf eine Beeinflussung der Sprachverwendung in einer Gesellschaft oder Sprachgemeinschaft abzielen. Unterschieden wird häufig zwischen Sprachenpolitik und Sprachpolitik im engeren Sinne.

Sagbarkeit

Im öffentlichen Diskurs findet sich häufig die strategische Behauptung, dass bestimmte Fakten oder Meinungen unsagbar seien. Auf diese Weise wird zum Ausdruck gebracht, dass es Grenzen des Sagbaren gebe, die im öffentlichen Diskurs Geltung hätten.

Kulturelle Grammatik

Kulturelle Grammatik steht für ein System von Regeln und/oder etablierten Regelmäßigkeiten, die Formen richtiger und/oder normaler Kommunikation und Interaktion auszeichnen.

Epistemischer Status

Als epistemischen Status bezeichnet man die Wissensbestände und -zugänge zu Ereignissen, Sachverhalten und Personen, die Gesprächsteilnehmer*innen ihrem Gegenüber in der Interaktion zuschreiben.

Politische Kommunikation

Politische Kommunikation findet überall dort statt, wo Menschen als Teil von sozialen Gruppen mit unterschiedlichen Bedürfnissen und Interessen aufeinandertreffen und über das einzelne Individuum hinaus geltende Regeln des Zusammenlebens aushandeln.

Topos

Ein Topos (Plural: Topoi) ist als ein Argumentationsmuster ein allgemeines Formprinzip, nach dem Argumente gebildet werden können. Als allgemeiner, formaler bzw. kontextabstrakter Topos kann er für oder gegen jede in Frage stehende Position angeführt werden. Topoi gehören zum kollektiven Wissen aller, die sich argumentativ äußern.

Bedeutung

Der Ausdruck Bedeutung wird sowohl in der Alltagssprache als auch in der Fachsprache nicht einheitlich verwendet. Alltagssprachlich wird auf die Bedeutung von etwas – zum Beispiel einem Wort, Gegenstand oder Gesichtsausdruck – verwiesen, wenn dessen Status in der Welt unklar ist (‚was bedeutet es, dass X‘) oder seine Wichtigkeit hervorgehoben werden soll (‚X ist bedeutend‘).

Kollektivsymbol

Zur Kollektivsymbolik einer Kultur rechnet man den gesellschaftlich geteilten Vorrat an sprachlichen, bildlichen, schematischen und anderen Ressourcen, derer sich politische und mediale Akteure bedienen, um Ereignisse und Handlungen für die Allgemeinheit deutbar und verständlich zu machen.

Strategische Kommunikation

Der Ausdruck Strategische Kommunikation bezeichnet ein Bündel an zeichenbasierten und in der Regel mediengestützten Aktivitäten, mit denen Individuen, Gruppen oder Organisationen versuchen, die Akzeptanz für ihre politischen, ökonomischen, rechtlichen oder anderweitig motivierten Interessen bei ausgewählten Zielgruppen zu halten oder zu erhöhen.

Techniken

Petition

Petitionen sind eine der am meisten genutzten Partizipationsformen nach Wahlen. Sie sind sowohl ein Mittel der politischen Beteiligung als auch ein Protestmittel und damit Zwitterwesen in der politischen Landschaft. Durch die Digitalisierung haben sich Petitionen zudem maßgeblich verändert, ihre Zahl hat zugenommen, ebenso wie die Zahl der Plattformen, auf denen sich Petitionen starten lassen.

Influencer / Influencerin

Influencer:innen sind Personen, die auf Social-Media-Plattformen regelmäßig selbst produzierte Inhalte publizieren und damit eine öffentliche Reichweite über ihre Follower:innen aufbauen. Influencer:innen haben das Potenzial, Rezipient:innen in ihrem Wissen, Einstellungen und Verhalten zu beeinflussen (engl. to influence).

Litigation PR

Der Begriff Litigation PR kombiniert das englische Wort litigation, das auf lat. ,lītigātiō‘ zurückgeht und für Rechtsstreitigkeit bzw. (Gerichts )Verfahren/Prozess steht, mit dem bekannten Begriff PR (Public Relations).

Memes

Der Begriff des Internet-Memes fasst eine relativ heterogene Gruppe digitaler – und zumeist multimodaler – Texte zusammen (zum Beispiel Videos, GIFs, Image Macros), die sich durch formale oder inhaltliche Gemeinsamkeiten auszeichnen und durch Imitations- und Aneignungsprozesse verbreiten.

Aufwertung/Meliorisierung

Von Aufwertung/Meliorisierung wird in der Linguistik dann gesprochen, wenn ein Wort, das ursprünglich als Fremdbezeichnung der Diffamierung einer bestimmten Volks- oder Personengruppe diente, von dieser selbst dann als positive Eigenbezeichnung verwendet wird.

Domain-Grabbing

In der Internetkommunikation finden sich verschiedene Praktiken, die aus Sicht von Dritten (v.a. Markenhaltern) als illegitime oder gar rechtswidrige Inanspruchnahme von Domain-Namen und damit verbundener Aufmerksamkeitssteuerung kritisiert werden.

Suchmaschinenoptimierung

Durch Suchmaschinenoptimierung (search engine optimization; SEO) wird versucht, Webseiten so zu verändern, dass sie von Suchmaschinen als besonders relevant betrachtet und entsprechend hoch in den Suchergebnissen gelistet werden.

Search Engine Advertising

Als Search Engine Advertising wird die Werbung auf den Ergebnisseiten von Suchmaschinen bezeichnet. Besondere Merkmale dieser Werbeform sind, dass die Anzeigen kontextbasiert sind und in Textform dargestellt werden.

Organizing

Unter Organizing versteht man ein Bündel von Praktiken, die zur gewerkschaftlichen oder politischen Organisierung bzw. Mobilisierung dienen. Beim methodisch reflektierten Organizing spielen Recherche, Strategieentwicklung, mehr oder minder standardisierte 1:1-Gespräche, Mapping (Erstellung einer Übersicht der Beteiligten im Betrieb oder sonstigen Aktionsfeld) und einiges mehr eine Rolle.

Affirmation

Im sprachwissenschaftlichen Sinne bezeichnet Affirmation die Behauptung oder Bejahung einer Aussage. Die affirmative Form eines Wortes oder Satzes ist das Gegenteil zur Verneinung (Negation).

Schlagwörter

Antisemitismus

Mit Antisemitismus werden gemeinhin alle jene Phänomene bezeichnet, die sich gegen das Judentum oder gegen Jüdinnen*Juden als Jüdinnen*Juden richten. Die entsprechenden Erscheinungen reichen von der bloßen Distanzierung und Behauptung jüdischer Andersartigkeit, über vollständig ausgearbeitete Weltbilder, die Jüdinnen*Juden für sämtliche Probleme verantwortlich machen, bis hin zu massiven Ausgrenzungs-, Verfolgungs- und Gewaltpraktiken.

Grammatiknazi / Grammar Nazi

Das überwiegend negativ konnotierte Schlagwort Grammatiknazi – als Übersetzung von engl. grammar nazi – wird zur Benennung von Personen verwendet, die meist in eher informellen Kontexten der öffentlichen Internetkommunikation (u. a. in Foren, Kommentarbereichen auf Nachrichtenportalen, sozialen Netzwerken) ungefragt Sprachkritik an den Äußerungen anderer (häufig fremder) Kommunikationsteilnehmer*innen üben.

Respekt

Respekt oder respektvolles Verhalten wird eingefordert für die Eigengruppe (bzw. von der Eigengruppe), für wirklich oder vermeintlich diskriminierte Gruppen, für abweichende Meinungen. Mitgemeint ist bei der Forderung nach Respekt meist eine positiv bewertete Szene der (sozialen, kulturellen, ethnischen, sexuellen etc.) Vielfalt/Diversität.

Geschlechtergerechte Sprache

Mit dem heute als Fahnenwort gebrauchten Ausdruck geschlechtergerechte Sprache ist die Forderung verbunden, bei Personenbezeichnungen die einseitige, für diskriminierend erklärte Bezugnahme auf einen bestimmten Sexus, konkret: auf das männliche Geschlecht, zu unterlassen.

Identitätspolitik

Der Ausdruck steht heute für eine politische Konstellation, in der konkurrierende Wir-Gemeinschaften mit einer Diskriminierungs- und Benachteiligungsgeschichte in der Öffentlichkeit um Anerkennung konkurrieren. An der Oberfläche geht es ‚identitären‘ Wir-Gemeinschaften darum, die eigene Diskriminierung als Ermächtigungsmotiv an die Öffentlichkeit zu tragen.

Cancel Culture

Cancel Culture ist ein Kampf- und Stigmawort, das sich in skandalisierender Absicht gegen die Praxis (und oft auch bereits gegen die Forderung) des Absagens, Ausladens, Boykottierens moralisch missliebiger und politisch bekämpfter Personen, Organisationen und Positionen in Wissenschaft, Kultur und Politik wendet.

Elite

Einmal wird unter Elite eine Auswahl der Besten und Leistungsfähigsten verstanden, einmal in distanzierender Weise eine abgehobene ‚Kaste‘ der Reichen und Mächtigen im Gegensatz zum Volk. Erstere Variante wird in der Regel zur Verteidigung der etablierten Ordnung verwendet, letztere vor allem von Rechtspopulisten.

Altpartei

Der Ausdruck Altpartei wird in jüngerer Zeit häufig im Kontext des Aufstiegs des Rechtspopulismus und der AfD gebraucht. Dabei lassen sich hauptsächlich zwei Gebrauchsvarianten beobachten: Einerseits richtet sich der Ausdruck in abwertender Weise gegen etablierte Parteien, andererseits taucht er oft in sprachkritischen Kontexten auf, wo seine Verwendung und seine Sprecher kritisiert oder diskreditiert werden.

Verschwörungstheorie

Der Ausdruck gibt sich in der medialen Öffentlichkeit als analytisches Konzept, ist aber zugleich performativ hoch wirksam als Ausschluss aller erfolgreich so benannten Konzepte aus der rationalen öffentlichen Kommunikation.

Inklusion

Inklusion hat sich, ausgehend von einem soziologischen Fachterminus gleichen Namens, in den zwei vergangenen Jahrzehnten zu einem interdiskursiven und allgemeinen Programmbegriff gewandelt.

Verschiebungen

Ökonomisierung

Ökonomisierung wird in gegenwärtigen Diskursen in der Regel zur Bezeichnung von Prozessen verwendet, in denen die spezifisch wirtschaftlichen Funktions-Elemente wie Markt, Wettbewerb/Konkurrenz, Kosten-Nutzen-Kalküle, Effizienz, Gewinnorientierung in Bereiche übertragen werden, die zuvor teilweise oder ganz nach anderen Leitkriterien ausgerichtet waren

Moralisierung

Moralisierung verlagert Macht- und Interessenkonflikte in die Sphäre der Kommunikation von Achtung / Missachtung. Sie reduziert Ambivalenz zugunsten einer Polarisierung von gut und böse.

Konstellationen

Skandal

Die Diskurskonstellation des Skandals zeichnet sich durch eine in den Medien aufgegriffene (bzw. durch sie erst hervorgerufene) empörte Reaktion eines erheblichen Teils der Bevölkerung auf einen tatsächlichen oder vermeintlichen Missstand aus. Die schuldhafte Verursachung dieses Missstandes wird dabei einem gesellschaftlichen Akteur zugeschrieben, dessen Handeln als ‚unmoralisch‘ gedeutet wird.