DiskursGlossar

Zivilgesellschaft

Kategorie: Schlagwörter
Verwandte Ausdrücke: Bürgergesellschaft, 3. Sektor, Nicht-Regierungs-Organisationen (NRO/NGO)
Siehe auch: Schlagwort, Demokratie, Ökonomisierung, Organizing, Innovation
Autorin: Susanna Weber
Version: 1.1 / Datum: 26.10.2023

Kurzzusammenfassung

Im öffentlichen Sprachgebrauch wurde das Schlagwort Zivilgesellschaft in den Jahren um 1989 vorwiegend im Zusammenhang mit politischen Bewegungen für Demokratie/Demokratisierung verwendet. In Publikationen zu den Umbrüchen in der DDR und Osteuropa und erneut anlässlich der Revolten des sogenannten ,Arabischen Frühlings‘ im ersten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts wurde Zivilgesellschaft vor allem gebraucht, um staatskritische gesellschaftliche Gruppierungen zu bezeichnen, die sich (mit gewaltlosen Mitteln) für politische Veränderungen ihrer autokratischen Regimes einsetzten. Im gegenwärtigen deutschen Sprachgebrauch werden so heterogene Organisationen, Bewegungen und Initiativen wie ADAC und Gewerkschaften, Trachtenvereine und Verbraucherschutzorganisationen, Umweltorganisationen und religiöse Gemeinschaften zur Zivilgesellschaft gezählt. Durch Bewertungen wie ,gemeinwohlorientiert‘, ,nicht-kommerziell‘, ,ehrenamtlich‘ hat zivilgesellschaftliches Engagement eine überwiegend positive Konnotation gewonnen.

In der politischen Theorie war Zivilgesellschaft ein politisches Konzept von bürgerlicher Teilhabe und der Begrenzung staatlicher Macht. Heute wird mit dem Schlagwort vor allem ein wachsender Teil nichtstaatlichen Engagements in Feldern bezeichnet, deren Gemeinsamkeit darin besteht, die teilweise verheerenden Folgen der neoliberalen Politik-Regime der vergangenen Jahrzehnte kompensieren zu helfen: von Lebensmittel-Tafeln und Flüchtlingshilfe-Organisationen bis zu Kinderbetreuungs-Vereinen und Anti-Rassismus-Initiativen.

Jenseits der nationalen Zusammenhänge steht Zivilgesellschaft vor allem für ein Geflecht von meist karitativen, oft auch konkurrierenden Nicht-Regierungs-Organisationen (NRO/NGO), also Sozialunternehmen, Stiftungen und Think Tanks, die zivilgesellschaftliches Engagement offen oder verdeckt auch für politische Einflussnahme nutzen.

Erweiterte Begriffsklärung

Es gab und gibt keine allgemein anerkannte Definition von Zivilgesellschaft, weder national noch international, wenn auch einige wenige Bedeutungselemente von verschiedenen Sprechergruppen geteilt werden wie ‚Gewaltfreiheit‘ und ‚Freiwilligkeit‘ des Engagements. Schon die Situierung in Bezug auf die Sphären von Staat, Gesellschaft, Wirtschaft und Individualinteressen fällt sehr unterschiedlich aus. Zivilgesellschaft sei gerade der Raum bürgerschaftlichen Engagements zwischen Staat, Wirtschaft und Individualinteressen, lautet eine Interpretation (vgl. Deutscher Bundestag 2002: 3). Eine andere Auslegung sieht Zivilgesellschaft als die dritte Komponente neben Staat und Wirtschaft (Maecenata-Stiftung). In der Forschung gibt es Ansätze, die Zivilgesellschaft über eine funktionale Bestimmung zu fassen versuchen und ihre Organisationen danach einteilen, ob sie affirmierend/stabilisierend wirkten (,loyalty‘) oder eher Widerspruch/Protest artikulieren (,voice‘) (vgl. Hirschman 1970).

Ein weiterer Ansatz sortiert die Zivilgesellschaft nach Aufgaben, die sie wahrnimmt bzw. wahrnehmen soll (die Grenze zwischen deskriptiv und normativ ist fließend): Dienstleistungen (wie z. B. Wohlfahrtsverbände), Themenanwaltschaften (z. B. Amnesty International), Wächteraufgaben (z. B. Verbraucherschutzorganisationen), Mittleraufgaben (z. B. Förderstiftungen), Gemeinschaftsbildung (z. B. Sport- oder Schützenvereine), politische Mitgestaltung (so genannte Think Tanks) oder persönliche Selbsterfüllung (religiöse Gruppierungen).

Die gerichtliche Aberkennung des Gemeinnützigkeitsstatus der globalisierungskritischen Organisation Attac 2014 mit der Begründung, die politische Arbeit sei der eigentliche Zweck der Organisation (was als Gegensatz zur Gemeinnützigkeit konstruiert wird), zeigte Widersprüche und Inkonsistenzen der vorhandenen Definitionsversuche deutlich. Politischer Protest, aktuell etwa der der ,Letzten Generation‘ gilt in der einen Version als legitimer Ungehorsam zivilgesellschaftlicher Akteure, in einer anderen als kriminell (die Staatsanwaltschaft München veranlasste z. B. jüngst bundesweite Razzien bei Aktivisten der Letzten Generation und sperrte ihre Internet-Präsenz). Die eine Position rechnet sowohl die Automobil-Lobby-Organisation des ADAC, Kirchen und Arbeitgeberorganisationen zur Zivilgesellschaft, ein offizielles EU-Papier nennt die so genannten Sozialpartner sogar an erster Stelle (vgl. EUR-Lex). Eine andere will die Fähigkeit und Bereitschaft zur ,Gabe des Schenkens‘ als wesentliches Kriterium stark machen (Strachwitz et al. 2020: 143).

Die folgenden Beispiele zirkulierender Interpretationen von Zivilgesellschaft zeigen, wie der Ausdruck aufgeladen, programmatisch enggeführt und flexibel mit anderen Begriffen verknüpft wird.

Der Brockhaus-Eintrag zu Zivilgesellschaft in der Ausgabe von 2001 verweist auf die Vorgeschichte des Begriffs, der „civil society“ in theoretischen Konzepten des bürgerlichen Staates (als Gegenentwurf zum feudalen) in der politischen Theorie/Philosophie des 18. und 19. Jahrhunderts (Locke, Montesquieu, Tocqueville) (Brockhaus 2001: 605f.). Die heutige Bedeutung als Assoziation selbstständiger, politisch und sozial engagierter Bürger knüpfe daran an, es gebe jedoch auch die Tendenz, den Raum zwischen Staat und Politik einerseits sowie Wirtschaft und Individualinteressen andererseits als völlig eigenständige Sphäre aufzufassen. Als praktische Beispiele für realisierte zivilgesellschaftliche Aktivitäten werden neben Bürgerrechtsbewegungen in Mittel- und Osteuropa die Antiatomkraft- und Friedensbewegung im Westen genannt.

Der Politikwissenschaftler und zeitweilige Regierungsberater Herfried Münkler skizziert in seinem Beitrag im „Maecenata Jahrbuch für Philanthropie und Zivilgesellschaft“ (2005) unmissverständlich die neoliberale Version von Zivilgesellschaft. Bürgergesellschaft (hier als Synonym gebraucht für Zivilgesellschaft) und Wohlfahrtsstaat sollen komplementär sein, sie seien unterschiedliche Formen von Wohlstandsproduktion (vgl. Münkler 2005: 28) angesichts der Ressourcenüberforderung (vgl. Münkler 2005: 31) des Sozialstaates. Die Bürger- bzw. Zivilgesellschaft schaffe unverzichtbare Stabilisierungseffekte, der in Gang gesetzte Umbau des Sozialstaates solle flankiert werden durch Stärkung zivilgesellschaftlichen Engagements (Münkler 2004: 34). Damit war umrissen, was die rot-grüne Regierungskoalition an Gesetzen und Maßnahmen zu weitgehenden Einschränkungen bzw. dem Abbau sozialer Sicherungen veranlasst hatte. Ausgehend vom so genannten Schröder/Blair-Papier von 1999 wurden z. B. unter dem Label des aktivierenden Staates und der Agenda 2010 die bis heute wirkenden Privatisierungs-, Kürzungs- und Sanktionierungsprozesse realisiert, auf die zivilgesellschaftliche Organisationen wiederum reagierten.

Eine Maecenata-Studie von 2022 skizziert einen Teil der Folgen dieses Umbaus. Konstatiert wird als (weltweiter) Trend ein „shrinking space of civil society“, einerseits durch administrative Restriktionen (s. o. Attac-Urteil), andererseits durch wachsenden Ökonomisierungsdruck z. B. in Form von verschärftem Wettbewerb um finanzielle Ressourcen (z. B. im Gesundheitswesen), die Konkurrenz von professionellem und ehrenamtlichem Engagement und die Vermarktlichung der Beziehungen zwischen zivilgesellschaftlichen Organisationen und Leistungsempfangenden. Staatliche Förderung gebe es vor allem für den staatsentlastenden Teil der Zivilgesellschaft und vom Staat getragene Stiftungen beeinflussten den Wettbewerb massiv (vgl. Hummel et al. 2022: 91; 33).

In der aktuellen strategischen Kommunikation der amtierenden Regierung, hier in einer Publikation mit dem Titel Zivilgesellschaft 4.0 von 2022, wird Zivilgesellschaft mit einem weiteren zentralen Diskurselement verknüpft: als Digitale Zivilgesellschaft mit dem Allheilmittel der Digitalisierung, eines der wenigen, auch in Zukunft noch Profite versprechenden ökonomischen Felder (vgl. BMFSFJ 2022). Die Gemeinschaftspublikation von drei Ministerien (Familie, Umwelt, Arbeit) ist aufschlussreich für die Positionierung der politisch Verantwortlichen zu diesem Thema. Der Titel „Zivilgesellschaft 4.0“ (analog zu Industrie 4.0) suggeriert, es gehe um neue Möglichkeiten der, wie immer definierten, Zivilgesellschaft. Im Mittelpunkt der Beiträge steht jedoch künstliche Intelligenz (KI) und wie diese sozial, nachhaltig und partizipativ gestaltet, vor allem aber nutzbar gemacht werden könne, KI für alle und im Sinne des Gemeinwohls (vgl. BMFSFJ 2022). Das Ziel ist jedoch die weitere Mobilisierung individueller und gesellschaftlicher Ressourcen zur Bereitstellung kommerzialisierbarer Ideen. Die adressierten Fragestellungen sind überwiegend banal bzw. klassische Aufgaben öffentlicher Verwaltung, wie z. B. die (digitalisierte) Verbesserung des Bettenmanagements in Kliniken, die effizientere Koordination von Rettungskräften oder die Recherche von Fördermitteln, und reichen bis zu der nicht näher erklärten Entwicklung eines „Mutter-Erde-Telefon-Prototypen“ (vgl. civic-coding 2023).

Eine weitere interessante und gleichzeitig fragwürdige Deutungsvariante bietet das Demokratiefördergesetz der amtierenden Regierung, das 2023 in die erste Lesung ging. In der Begründung wird nicht nur behauptet, das Grundgesetz enthielte das Konzept der wehrhaften Demokratie. Die Zivilgesellschaft wird geradezu zu ihrem Hauptakteur ausgerufen, vor allem zur Einhegung von Rassismus und anderen Formen von Extremismus.

Mit der Förderung des zivilgesellschaftlichen Engagements für Demokratie, für Vielfalt, zur politischen Bildung und gegen jede Form von Extremismus sowie der Durchführung von eigenen Maßnahmen kommt der Staat einer Vielzahl völkerrechtlicher Verpflichtungen […] nach und verwirklicht nicht zuletzt das Konzept der wehrhaften Demokratie. Die in der Verfassung herausgehobenen Elemente dieses Konzepts sehen die Bekämpfung institutioneller verfassungsfeindlicher Erscheinungen vor, wie zum Beispiel das Verbot von Parteien und Vereinen. (Deutscher Bundestag 2023: 11)

Auf der empirischen Ebene zeigt sich, dass und wie zahlreiche Organisationen der Zivilgesellschaft auf die Vermarktlichung (zunehmender Wettbewerb, Umladung von Verantwortung auf die Individuen) auch des sozialen Feldes durch Professionalisierung und ökonomisierte Organisationsformen reagiert haben. So wird die Indienstnahme bürgerschaftlichen Engagements durch staatlich-administrative Strukturen begünstigt, denn zahlreiche Organisationen sind ohne staatliche Zuwendungen gar nicht überlebensfähig, d. h. sie sind abhängig. Eigenständigkeit und selbstbestimmtes Engagement, die vom Anspruch her zentralen Kriterien für Zivilgesellschaft, lassen sich auf diese Weise immer weniger gewährleisten.

Inzwischen ist auch unübersehbar geworden, dass und wie sich die nicht nur diskursiv einflussreich gewordenen populistischen rechten Parteien und Gruppierungen Vokabular aus Diskursen zur Zivilgesellschaft angeeignet haben. Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang der explizite Bezug auf den marxistischen italienischen Theoretiker und Mitbegründer der Kommunistischen Partei Italiens (KPI), Antonio Gramsci, dessen politisches Konzept der Zivilgesellschaft bisher selten, und wenn, dann eher von linken Theoretikern diskutiert wurde. Publikationen aus dem rechts-nationalistischen Feld thematisieren Gramscis Konzept der Zivilgesellschaft und der (kulturellen) Hegemonie nicht nur explizit und drehen es nach rechts (als wäre es gleichgültig, welche Ziele mit einer bestimmten Strategie verfolgt würden). Ihre Akteure setzen praktisch um, was als ‚Zivilgesellschaft von rechts’ bezeichnet werden kann: von den PEGIDA-Aufmärschen bis zu Landnahmen durch rechte Öko-Siedler.

Solange zivilgesellschaftliche Organisationen sich in der politisch zugewiesenen Aufgabe (nach innen gerichtet) bewähren, als ,Kitt für den gesellschaftlichen Zusammenhalt‘ zu fungieren (Ausgleichen, Kompensieren, Verschieben), sind sie akzeptiert bis dringend erwünscht. Werden opponierende Gruppen jedoch als (Konsens- oder Ordnungs-) ,störend‘ wahrgenommen (Klimaaktivisten oder Globalisierungskritiker, Seenot-Rettungskräfte, die Migranten aufnehmen) ist die Gefahr für Beteiligte groß, kriminalisiert und auf Diskurspositionen abgeschoben zu werden, die nicht mehr zivilgesellschaftliche Reputation beanspruchen können, sondern Ausgrenzung und Delegitimierung zur Folge haben (Freund-Feind-Begriffe).

In der Außenpolitik (hier v. a. im Bereich der so genannten Entwicklungszusammenarbeit) ist die Kompensation von Staatsversagen durch Organisationen der Zivilgesellschaft auch ein Teil der Programmatik. Im Gegensatz jedoch zur nationalen Perspektive wird hier die oppositionelle (politisch eher destabilisierende) Funktion zivilgesellschaftlichen Engagements präferiert (ausgehend von westlichen Kriterien wie Marktwirtschaft, Menschenrechte, Demokratie). Nicht zuletzt in der Auseinandersetzung um die Tätigkeit von Stiftungen und so genannten Think Tanks zeigt sich die interessengeleitete Instrumentalisierung des Zivilgesellschafts-Arguments. Während etwa von reichen Einzelpersonen errichtete und gesteuerte, einflussreiche Stiftungen weltweit intervenieren und alle deutschen Parteistiftungen als (natürlich ,staatsferne‘) Unterstützer ausländischer Zivilgesellschaften agieren, sah sich Attac genötigt, sich als Teil der wehrhaften Demokratie zu präsentieren, um den Entzug des Gemeinnützigkeitsstatus vielleicht doch noch revidieren zu können (vgl. Attac 2020).

Beispiele

(1) Zivilgesellschaft/Bürgergesellschaft als politischer Programmbegriff im Kontext der Umsetzung neoliberaler Politik.

In einem vieldiskutierten Text des damaligen Bundeskanzlers Schröder heißt es u.a.

Fördern und Fordern scheint mir auch im Hinblick auf die Zivilgesellschaft eine richtige Maxime politischen Handelns (Schröder 2000: 203) [und es gehe darum,] die Zivilgesellschaft an die Strukturen der modernen Ökonomie heranzuführen (Schröder 2000: 207).

Während er in einer Rede von 2002 noch beteuerte, es gehe nicht um den Abbau des Sozialstaats, formuliert er im Zusammenhang mit Details der Agenda 2010 deutlich:

Wir werden Leistungen des Staates kürzen, Eigenverantwortung fördern und mehr Eigenleistung von jedem Einzelnen abfordern müssen (Deutscher Bundestag 2003).

Parallel dazu propagierte auch die CDU vehement die konsequente Reduzierung sozialstaatlicher Absicherungen. Um sich vom SPD-Sprachgebrauch abzugrenzen, war hier häufiger von Bürgergesellschaft die Rede, inhaltlich ging es um die gleichen Themen.

Das bürgergesellschaftliche Engagement in Ehrenämtern, freiwilligen Sozial- und Kulturaufgaben muss zum Bestandteil jedes idealtypischen Lebenslaufes werden (Konrad-Adenauer-Stiftung 2003: 16).

Die Bürgergesellschaft ist ein politisches Programm. Ein Programm für die Zukunftsfähigkeit unseres Landes! Ein Programm für die Freiheit, das nur dann Wirklichkeit werden kann, wenn sich bürgerschaftliches Engagement verstetigt, wenn langfristig Verantwortung erstritten und übernommen wird, wenn sich die Bürgergesellschaft dauerhaft und nachhaltig entwickelt. (Konrad-Adenauer-Stiftung 2003: 8)

[…] ist der Weg vom Versorgungsstaat zur Bürgergesellschaft unumgänglich (Konrad-Adenauer-Stiftung 2003: 6).

(2) Zivilgesellschaftliches/bürgerschaftliches Engagement als Kompensation

Die Aufrechterhaltung der Daseinsvorsorge fordert insbesondere ländliche Rume heraus. Bürgerschaftliches Engagement bildet fr ihre Gewhrleistung einen zentralen Eckpfeiler, wozu auch im Handlungsfeld Mobilitt das Angebot der sogenannten Brgerbusse zhlt, […]. Brgerbusse sind Fahrdienstangebote von ehrenamtlich Engagierten, die von öffentlichem Nahverkehr nicht mehr befahrene Strecken zwischen entfernten Ortschaften und Kleinstdten bedienen. (ZiviZ 2022: 3)

(3) Zivilgesellschaft/NGO als Label für außenpolitische, als ,nichtstaatlich‘ deklarierte Einflussnahme

Die Bundeskanzlerin hat in Burkina Faso Rechtsanwälte und Bürgerrechtler, Frauenrechtlerinnen sowie Vertreter von Nichtregierungsorganisationen aus den Bereichen „Demokratieförderung“ und „Genderfragen“ getroffen. Zudem hat sie mit 300 Studenten aller Fachrichtungen an der Universität von Ouagadougou diskutiert. In Niger hat sich die Bundeskanzlerin mit Vertretern von Nichtregierungsorganisationen aus den Bereichen „Reproduktive Gesundheit“, „Landwirtschaft“, „Demokratieförderung“ und „Radikalismusbekämpfung“ ausgetauscht . Zudem hat sie sich mit der Nichtregierungsorganisation SOS Femmes et Enfants Victimes de la Violence Familiale getroffen und die Baustelle eines Frauenhauses besucht, das mit von ihr gespendetem Preisgeld finanziert wird.  (Deutscher Bundestag 2019: 12082)

Bei ihrem Treffen mit dem ägyptischen Präsidenten sei unter anderem die Arbeit deutscher Stiftungen in Ägypten zur Sprache gekommen, sagte Merkel. Diese Organisationen würden „einen wichtigen Beitrag dazu leisten, dass sich die Zivilgesellschaft entwickeln kann“, sagte Merkel. (Zeit Online 2017)

Literatur

Zum Weiterlesen

  • Rindt, Susanne; Sprengel, Rainer; Strachwitz, Rupert G. (Hrsg.)(2005): Maecenata Jahrbuch für Philanthropie und Zivilgesellschaft 2004. Berlin: Maecenata.

  • Strachwitz, Rupert G.; Priller, Eckhard ; Triebe, Benjamin (Hrsg.)(2020): Handbuch Zivilgesellschaft. Bd. 18. Berlin: De Gruyter.

  • Votsos, Theo (2001): Der Begriff der Zivilgesellschaft bei Antonio Gramsci: ein Beitrag zu Geschichte und Gegenwart politischer Theorie. 1. Aufl. Argument-Sonderband, n. f., AS 281. Hamburg: Argument Verlag.

Zitierte Literatur

Zitiervorschlag

Weber, Susanna (2023): Zivilgesellschaft. In: Diskursmonitor. Glossar zur strategischen Kommunikation in öffentlichen Diskursen. Hg. von der Forschungsgruppe Diskursmonitor und Diskursintervention. Veröffentlicht am 26.10.2023. Online unter: https://diskursmonitor.de/glossar/zivilgesellschaft.

DiskursGlossar

Grundbegriffe

Agenda Setting

Rassistisch motivierte Gewalt, Zerstörung des Regenwaldes, Gender pay gap: Damit politische Institutionen solche Probleme bearbeiten, müssen sie erst als Probleme erkannt und auf die politische Tagesordnung (Agenda) gesetzt werden. Agenda Setting wird in Kommunikations- und Politikwissenschaft als eine Form strategischer Kommunikation beschrieben, mithilfe derer Themen öffentlich Gehör verschafft und politischer Druck erzeugt werden kann.

Medien

Die Begriffe Medien/Massenmedien bezeichnen diverse Mittel zur Verbreitung von Informationen und Unterhaltung sowie von Bildungsinhalten. Medien schaffen damit eine wesentliche Grundlage für Meinungsbildung und Meinungsaustausch.

Macht

Macht ist die Fähigkeit, Verhalten oder Denken von Personen zu beeinflussen. Sie ist Bestandteil sozialer Beziehungen, ist an Kommunikation gebunden und konkretisiert sich situationsabhängig. Alle expliziten und impliziten Regeln, Normen, Kräfteverhältnisse und Wissensformationen können aus diskursanalytischer Perspektive als Machtstrukturen verstanden werden, die Einfluss auf Wahrheitsansprüche und (Sprach)Handlungen in einer Gesellschaft oder Gruppe nehmen.

Normalismus

Normalismus ist der zentrale Fachbegriff für die Diskurstheorie des Literaturwissenschaftlers Jürgen Link. Die Normalismus-Theorie fragt danach, wie sich Vorstellungen von ‚Normalität‘ und ‚Anormalität‘ als Leit- und Ordnungskategorien moderner Gesellschaften herausgebildet haben.

Wissen

Kollektives Wissen von sozialen Gruppen ist sowohl Voraussetzung als auch Ziel strategischer Kommunikation in öffentlichen Diskursen. Es wird geprägt durch individuelle Erfahrung, aber auch in Diskursgemeinschaften kommunikativ geteilt – vor allem im Elternhaus, in Peergroups und Bildungseinrichtungen sowie durch Medienkonsum.

Werbung

Werbung ist ein Kommunikationsinstrument von Unternehmen, das der Positionierung im Markt dient und je nach Situation des Unternehmens auf Einführung, Erhalt oder Ausbau von Marktanteilen und damit letztlich auf ökonomischen Gewinn abzielt.

Mediale Kontrolle

Medien werden vielfältig zur Durchsetzung von Macht verwendet. So in der Zensur, wenn eine politische Selektion des Sagbaren und des Unsagbaren stattfindet; in der Propaganda, wenn eine Bevölkerung von den Ansichten oder wenigstens der Macht einer bestimmten Gruppe überzeugt werden soll; oder in der Überwachung, die unerwünschtes Verhalten nicht nur beobachten, sondern unwahrscheinlich machen soll.

Freund- und Feind-Begriffe

Freund-, Gegner- und Feindbegriffe sind Teil der Politischen Kommunikation. Sie bilden die Pole eines breiten Spektrums von kommunikativen Zeichen, mit denen politische Akteure sich selbst und ihre politischen Gegner im Kampf um beschränkte Ressourcen auf dem diskursiven Schlachtfeld positionieren.

Sprachpolitik / Sprachenpolitik

Sprachpolitik bezeichnet allgemein alle politischen Prozesse, die auf eine Beeinflussung der Sprachverwendung in einer Gesellschaft oder Sprachgemeinschaft abzielen. Unterschieden wird häufig zwischen Sprachenpolitik und Sprachpolitik im engeren Sinne.

Sagbarkeit

Im öffentlichen Diskurs findet sich häufig die strategische Behauptung, dass bestimmte Fakten oder Meinungen unsagbar seien. Auf diese Weise wird zum Ausdruck gebracht, dass es Grenzen des Sagbaren gebe, die im öffentlichen Diskurs Geltung hätten.

Techniken

Flugblatt

« Zurück zur ArtikelübersichtFlugblatt Kategorie: TechnikenVerwandte Ausdrücke: Flugschrift, Flyer, Flugpublizistik, SharepicSiehe auch: Propaganda, Medien, WerbungAutorin: Sarah SchröderVersion: 1.0 / Datum: 08.02.2024 ...

Passivierung

Unter Passivierung versteht man die Formulierung eines Satzes in einer grammatischen Form des Passivs. Das Passiv ist gegenüber dem Aktiv durch die Verwendung von Hilfsverben formal komplexer. Seine Verwendung hat unter anderem zur Folge, dass handelnde Personen im Satz nicht genannt werden müssen, was beispielsweise in Gesetzestexten für eine (gewünschte) größtmögliche Abstraktion sorgt („Niemand darf wegen seines Geschlechts […] benachteiligt oder bevorzugt werden.“ Art. 3 GG).

Aufopferungs-Topos

Als Aufopferungs-Topos wird in der Diskursforschung ein Argumentationsmuster bezeichnet, das zwei strategische Funktionen erfüllen kann: einerseits kann es dazu dienen, mit der Behauptung eines besonderen Ressourceneinsatzes (z.B. Einsatz von Geld, Zeit oder emotionaler Belastung) einen hohen Achtungswert für eine Person, eine Sache bzw. für ein Ziel zu plausibilisieren. Andererseits können Akteure besondere Privilegien (wie z.B. Wertschätzung, Entscheidungsbefugnisse und Mitspracherechte) reklamieren, wenn sie sich für eine bereits in der sozialen Bezugsgruppe hochgeschätzte Sache engagieren.

Opfer-Topos

Als Opfer-Topos bezeichnet man eine diskursive Argumentationsstrategie, bei der sich Akteure als ‚Opfer‘ gesellschaftlicher Urteilsbildung inszenieren und damit eigene Interessen – vor allem Aufmerksamkeit und Berücksichtigung von Bedürfnissen – geltend zu machen versuchen.

Analogie-Topos

Der Analogie-Topos zählt zu den allgemeinen bzw. kontextabstrakten Argumentationsmustern, die genutzt werden können, um für oder gegen eine Position zu argumentieren. Analogie-Topoi werden von verschiedenen Akteuren und Akteursgruppen strategisch eingesetzt, um eine zustimmende Haltung bei den Zielgruppen zu bewirken.

Negativpreis

Ein Negativpreis ist eine Auszeichnung an Personen oder Organisationen (meist Unternehmen), die sich oder ihre Produkte positiv darstellen und vermarkten, ihre Versprechen aus Sicht des Preisverleihers allerdings nicht einhalten. Dabei dient der Preis durch seine Vergabe vor allem dem Zweck, Aufmerksamkeit zu erregen, mediale Präsenz auf ein Thema zu lenken und den Preisträger in seinem moralischen Image zu beschädigen.

Be-/Überlastungs-Topos

Der Be-/Überlastungstopos ist ein Argumentationsmuster, das vorwiegend in der politischen Kommunikation eingesetzt wird. Als zu vermeidende Konsequenz einer konkreten Situation wird mit dem Be-/Überlastungstopos ein Be- bzw. Überlastungs-Szenario skizziert.

Wahlkampf

Wahlkämpfe sind Zeiten stark intensivierter politischer Kommunikation. Politische Parteien entwickeln Programme für die nächste Legislaturperiode in der Hoffnung, durch entsprechenden Stimmengewinn zu deren Umsetzung ermächtigt zu werden.

Wir

Das Pronomen wir erfüllt aber noch eine weitere diskursive Funktion: Ein Fundament des politischen Diskurses sind dynamische politische Ideologien: Glaubens- und Wissenssysteme von politischen und sozialen Gruppen.

Petition

Petitionen sind eine der am meisten genutzten Partizipationsformen nach Wahlen. Sie sind sowohl ein Mittel der politischen Beteiligung als auch ein Protestmittel und damit Zwitterwesen in der politischen Landschaft. Durch die Digitalisierung haben sich Petitionen zudem maßgeblich verändert, ihre Zahl hat zugenommen, ebenso wie die Zahl der Plattformen, auf denen sich Petitionen starten lassen.

Schlagwörter

Toxizität / das Toxische

« Zurück zur ArtikelübersichtToxizität / das Toxische Kategorie: SchlagwörterVerwandte Ausdrücke: Gift, toxisch, giftig, schädlichSiehe auch: Bedeutung, Sprachpolitik, Freund- und Feind-Begriffe, Geschlechtergerechte Sprache, Respekt, MoralisierungAutor: Toke...

Demokratie

Der Ausdruck Demokratie dient häufig zur Bezeichnung einer (parlamentarischen) Staatsform und suggeriert die mögliche Beteiligung aller an den Öffentlichen Angelegenheiten. Dabei ist seine Bedeutung weniger eindeutig als es den Anschein hat.

Plagiat/Plagiarismus

Plagiarismus ist ein Begriff, der sich im öffentlichen Diskurs gegen Personen oder Produkte richten kann, um diese in zuweilen skandalisierender Absicht einer Praxis unerlaubter intermedialer Bezugnahme zu bezichtigen. Die Illegitimität dieser Praxis wird oft mit vermeintlichen moralischen Verfehlungen in Verbindung gebracht.

Fake News

Fake News wird als Schlagwort im Kampf um Macht und Deutungshoheit in politischen Auseinandersetzungen verwendet, in denen sich die jeweiligen politischen Gegenspieler und ihre Anhänger wechselseitig der Lüge und der Verbreitung von Falschnachrichten zum Zweck der Manipulation der öffentlichen Meinung und der Bevölkerung bezichtigen.

Lügenpresse

Der Ausdruck Lügenpresse ist ein politisch instrumentalisierter „Schlachtruf“ oder „Kampfbegriff“ gegen etablierte und traditionelle Medien. Dabei wird häufig nicht einzelnen Medien-Akteuren, sondern der gesamten Medienbranche vorgeworfen, gezielt die Unwahrheit zu publizieren.

Antisemitismus

Mit Antisemitismus werden gemeinhin alle jene Phänomene bezeichnet, die sich gegen das Judentum oder gegen Jüdinnen*Juden als Jüdinnen*Juden richten. Die entsprechenden Erscheinungen reichen von der bloßen Distanzierung und Behauptung jüdischer Andersartigkeit, über vollständig ausgearbeitete Weltbilder, die Jüdinnen*Juden für sämtliche Probleme verantwortlich machen, bis hin zu massiven Ausgrenzungs-, Verfolgungs- und Gewaltpraktiken.

Grammatiknazi / Grammar Nazi

Das überwiegend negativ konnotierte Schlagwort Grammatiknazi – als Übersetzung von engl. grammar nazi – wird zur Benennung von Personen verwendet, die meist in eher informellen Kontexten der öffentlichen Internetkommunikation (u. a. in Foren, Kommentarbereichen auf Nachrichtenportalen, sozialen Netzwerken) ungefragt Sprachkritik an den Äußerungen anderer (häufig fremder) Kommunikationsteilnehmer*innen üben.

Respekt

Respekt oder respektvolles Verhalten wird eingefordert für die Eigengruppe (bzw. von der Eigengruppe), für wirklich oder vermeintlich diskriminierte Gruppen, für abweichende Meinungen. Mitgemeint ist bei der Forderung nach Respekt meist eine positiv bewertete Szene der (sozialen, kulturellen, ethnischen, sexuellen etc.) Vielfalt/Diversität.

Geschlechtergerechte Sprache

Mit dem heute als Fahnenwort gebrauchten Ausdruck geschlechtergerechte Sprache ist die Forderung verbunden, bei Personenbezeichnungen die einseitige, für diskriminierend erklärte Bezugnahme auf einen bestimmten Sexus, konkret: auf das männliche Geschlecht, zu unterlassen.

Identitätspolitik

Der Ausdruck steht heute für eine politische Konstellation, in der konkurrierende Wir-Gemeinschaften mit einer Diskriminierungs- und Benachteiligungsgeschichte in der Öffentlichkeit um Anerkennung konkurrieren. An der Oberfläche geht es ‚identitären‘ Wir-Gemeinschaften darum, die eigene Diskriminierung als Ermächtigungsmotiv an die Öffentlichkeit zu tragen.

Verschiebungen

Ökonomisierung

Ökonomisierung wird in gegenwärtigen Diskursen in der Regel zur Bezeichnung von Prozessen verwendet, in denen die spezifisch wirtschaftlichen Funktions-Elemente wie Markt, Wettbewerb/Konkurrenz, Kosten-Nutzen-Kalküle, Effizienz, Gewinnorientierung in Bereiche übertragen werden, die zuvor teilweise oder ganz nach anderen Leitkriterien ausgerichtet waren

Moralisierung

Moralisierung verlagert Macht- und Interessenkonflikte in die Sphäre der Kommunikation von Achtung / Missachtung. Sie reduziert Ambivalenz zugunsten einer Polarisierung von gut und böse.

Konstellationen

Skandal

Die Diskurskonstellation des Skandals zeichnet sich durch eine in den Medien aufgegriffene (bzw. durch sie erst hervorgerufene) empörte Reaktion eines erheblichen Teils der Bevölkerung auf einen tatsächlichen oder vermeintlichen Missstand aus. Die schuldhafte Verursachung dieses Missstandes wird dabei einem gesellschaftlichen Akteur zugeschrieben, dessen Handeln als ‚unmoralisch‘ gedeutet wird.

DiskursReview

Review-Artikel

Neue Beiträge Zur Diskursforschung 2023

Mit Beginn des Wintersemesters laden die Forschungsgruppen CoSoDi und Diskursmonitor sowie die Akademie diskursiv ein zur Vortragsreihe Neue Beiträge Zur Diskursforschung. Als interdisziplinäres Forschungsfeld bietet die Diskursforschung eine Vielzahl an...

Tagung: Diskursintervention (31.01.2019–01.02.2019)

Welchen Beitrag kann (bzw. muss) die Diskursforschung zur Kultivierung öffentlicher Diskurse leisten? Was kann ein transparenter, normativer Maßstab zur Bewertung sozialer und gesellschaftlicher Diskursverhältnisse sein?

Was ist ein Volk?

Dass „Volk“ ein höchst schillernder und vielschichtiger politischer Leitbegriff der vergangenen Jahrhunderte gewesen ist (und nach wie vor ist), kann man schon daran erkennen, dass der Eintrag „Volk, Nation“ in Brunner, Conze & Kosellecks großem Nachschlagwerk zur politischen Begriffsgeschichte mehr als 300 Seiten umfasst.

Antitotalitär? Antiextremistisch? Wehrhaft!

Im Herbst 2022 veranstalteten die Sender des Deutschlandradios eine Kampagne mit Hörerbeteiligung zur Auswahl eines Themas, mit dem sich ihre sogenannte „Denkfabrik“ über das kommende Jahr intensiv beschäftigen solle. Fünf Themen standen zur Auswahl, „wehrhafte Demokratie“ wurde gewählt, wenig überraschend angesichts des andauernden Krieges in der Ukraine…