DiskursGlossar

Kontextualisieren

Kategorie: Grundbegriffe
Verwandte Ausdrücke: Kontext, Rekontextualisierung
Siehe auch: Dekontextualisieren, Indexikalität
Autor: Michael Bender
Version: 1.1 / Datum: 14.01.2025

Kurzzusammenfassung

Kontextualisieren wird im allgemeineren bildungssprachlichen Begriffsgebrauch verwendet, um das Einordnen von etwas oder jemandem in einen bestimmten Zusammenhang zu bezeichnen. Zum Beispiel wird darunter das Einordnen eines Sachverhalts, einer Idee, einer Äußerung oder einer Person in einen historischen, sozialen oder kulturellen Kontext verstanden. Mit Einordnen ist im alltäglicheren Gebrauch von Kontextualisieren vor allem ein produktiver Akt gemeint, Einordnen als Äußerungshandlung. Aus verschiedenen wissenschaftlichen Perspektiven (Philosophie/Erkenntnistheorie, Lernpsychologie/Pädagogik und insbesondere Linguistik) wird Kontextualisieren aber auch als interpretative Wahrnehmungsleistung verstanden. Wissenschaftlich wird damit untersucht, wie Kommunikationspartner in einer konkreten Situation die für sie relevanten Kontexte interaktiv aushandeln. Unter Kontext wird dabei verschiedenes verstanden:

  1. Kontext als außersprachliche Bezugspunkte, zum Beispiel thematische Hintergründe oder gesellschaftliche Konstellationen;
  2. Kontext als gemeinsames Wissen oder Denkmuster (kognitive Modelle und stereotypes Wissen über soziale Zusammenhänge);
  3. Kontext als textuelle Umgebungen von Ausdrücken, die mit sprachlich-kommunikativen Wissensstrukturen verbunden sind.

Als kommunikationsstrategisch lässt sich vor allem die produktive Praktik des ‚In-einen-Kontext-Setzens‘ und des Relevantsetzens von Kontexten mit argumentativer beziehungsweise persuasiver (überzeugender) Zielsetzung beschreiben. Ebenfalls kommunikationsstrategisch eingesetzt wird die Anpassung von Äußerungen an kommunikative Kontextbedingungen und damit einhergehende (antizipierte) Erwartungen. Dazu gehört auch die Verwendung von Kontextualisierungshinweisen, die signalisieren, wie eine verbale Äußerung gemeint bzw. zu verstehen ist. Dies kann auch durch nonverbale Zeichen wie etwa das Anzeigen von Ironie durch Mimik oder Betonung erfolgen.

Davon abzugrenzen ist die kommunikationsstrategische Verwendung von Kontextualisierung als Ausdruck in der Interaktion. Dabei werden Wortformen von Kontextualisierung entweder explizit oder in Form einer Umschreibung verwendet, um beispielsweise zur angemessenen Kontextualisierung aufzufordern oder unangemessene zu kritisieren.

Erweiterte Begriffsklärung

Kontextualisieren wird in verschiedenen linguistischen Bereichen als Fachbegriff verwendet. Aufgrund der hier zentralen kommunikationsstrategischen Akzentuierung wird im Folgenden auf erkenntnis- und lerntheoretische Perspektiven nicht eingegangen.

Gemeinsamer Ausgangspunkt in der Linguistik ist der britische Kontextualismus nach Firth (1957). Demzufolge wird Bedeutung als die Summe der Kontexte angesehen, in denen ein Ausdruck auftreten kann. Mit Kontext ist in diesem Theorierahmen eine spezifische sprachliche Umgebung in Verbindung mit einer bestimmten sozialen Konstellation im Gebrauch gemeint.

Im Zuge der weiteren Differenzierung lassen sich drei Traditionen der Begriffsverwendung unterscheiden: die interaktionale, die epistemologische und die strukturale (vgl. Müller 2015: 69–76). Eine Gemeinsamkeit dieser verschiedenen Ansätze ist, dass davon ausgegangen wird, dass das Verstehen einer Äußerung mit indexikalischen Zeichenbeziehungen zwischen Aspekten der Äußerung und ihrem Kontext zu tun hat (vgl. Auer 1986: 25; Feilke 1994: 290).

In der interaktionalen Soziolinguistik und der Konversationsanalyse wurde mit dem Kontextualisierungsbegriff die interaktionale Etablierung von Kontexten im Sinne von Wissensrahmen in Gesprächssituationen beschrieben. Kontexte werden also als dynamisch und immer wieder neu modelliert angesehen. Im Vordergrund stehen die Aspekte der Partner/innen-, Situations- und Themaeinschätzung. In der Soziolinguistik sind insbesondere Fremd- und Selbstzuschreibungen vor dem Hintergrund gesellschaftlicher beziehungsweise kultureller Gruppenzugehörigkeiten zentral. Geprägt wurde diese Perspektive vor allem von John J. Gumperz (1982), im deutschsprachigen Raum in systematisierter Form durch Peter Auer. Auer zufolge stellen Kontextualisierungsverfahren

zwischen zwei essentiellen Bestandteilen eine Verbindung her: einem empirisch gegebenen (beobachtbaren) Datum, das der kontextualisierende Teilnehmer aus einem Zeichenvorrat sprachlicher oder nichtsprachlicher Art auswählt – dem Kontextualisierungshinweis (‚contextualization cue‘) –, und einer Komponente des Hintergrundwissens. (Auer 1986: 24)

Mit dem englischsprachigen Begriff ‚contextualization cue‘ zitiert er Gumperz. Hintergrundwissen ist nach diesen Ansätzen in Form von Schemata organisiert, die kommunikative Verfahren und Konstellationen zwischen Personen, Handlungen, Themen sowie die Beziehungsebene betreffen. Sie können sich wechselseitig beeinflussen und auch mit dem Interaktionsverlauf in Wechselwirkung stehen. Eine spätere Erweiterung (Auer 1992) bezieht auch sozialstrukturelle (z. B. Rollen) sowie situativ-physikalische Aspekte ein.

Die dynamische Etablierung von Kontexten wird insbesondere in der Konversationsanalyse (vgl. z. B. Couper-Kuhlen/Selting 2001) als konversationeller Dreischritt verstanden. Darin wird ein Kontext zuerst von einem Interaktanten angezeigt (indiziert), dann von einem anderen bestätigt und anschließend vom ersten wiederum ratifiziert. Diese sequenzielle Struktur zeigt erst, dass ein angenommener Kontext wirklich handlungsleitend ist und nicht nur ein Analysekonstrukt. Dieser Dreischritt kann durchaus auch in nicht-gleichzeitigen, zeitlich zerdehnten Kommunikationssequenzen erfolgen, wie es das Beispiel (siehe unten) zeigt – anhand der Sequenz: Kritik an Scholz durch Merz (Klempner der Macht) – Reaktion und Deutung der metaphorischen Kontextualisierung durch Scholz und andere in verschiedenen Massenmedien – Erläuterung bzw. Rechtfertigung der Metapher durch Merz.

Die auf Wissen bezogene, epistemologische beziehungsweise kognitivistische Theorietradition ist in der linguistischen Diskursanalyse zu verorten. In diesem Feld werden schwerpunktmäßig schriftliche Äußerungen untersucht. Die interaktionale Perspektive tritt tendenziell in den Hintergrund. Kontext wird vor allem als kognitive Kategorie, als Wissensstruktur fokussiert. Teun Van Dijk, der diese Perspektive geprägt hat, verwendet den Begriff „context models“ (1998: 212). Er meint damit mentale, erkenntnisleitende Wissensstrukturen, die er systematisch auf verschiedenen relevanten Ebenen beschreibt – neben der sachverhaltsbezogenen auch auf der interaktionalen und sozialen Ebene. Sein Ansatz geht jedoch über ein Konzept individueller Verstehensprozesse hinaus. Hinzu tritt die Dimension der intersubjektiven, sozialen Verstehenspotenziale, der erwartbaren Muster in der gesellschaftlichen Wissensordnung. Dietrich Busse, der vor allem den Sachverhaltsbezug von Kontexten in den Blick nimmt, reflektiert ebenfalls dieses Spannungsverhältnis zwischen:

(a) Kontextualisierungen als individuell-epistemischen Leistungen, die von konkreten sprachbenutzenden Individuen (produktiv oder rezeptiv) tatsächlich vollzogen werden, und (b) Kontextualisierungen als einem Aspekt der kollektiven Episteme (in einer Epoche oder in einer Gesellschaft). (Busse 2007: 85)

Methodologisch problematisch ist dabei der Einfluss des (Vor-)Verständnisses der Forschenden und damit auch der objektivierte Nachweis intersubjektiver Wissensbestände in der Gesellschaft.

In der Theorietradition strukturaler Sprachanalysen wird Kontext vor allem als kommunikativ geprägter Kotext, also als sprachliche Umgebung eines Ausdrucks, gesehen. Die Verwendung von Ausdrücken legt demnach musterhafte Kotexte im Sinne von Ausdrucksketten nahe, basierend auf sozial-situativen Sprachgebrauchserfahrungen (vgl. Feilke 1994). An diese Perspektive wird auch in der Korpuslinguistik angeknüpft. Dabei wird das Messen serieller Vorkommen ähnlicher Kotexte als empirisches Indiz für das Vorhandensein von Kontexten in der sozialen Wirklichkeit angenommen. Von dem fokussierten Ausdruck in der Kotext-Umgebung ausgehend können auch indexikalische Bezüge zu weiteren Ebenen (Situation – Setting – Personenkonstellation, Gesellschaftsdomäne – soziale Rolle, Wissensdomäne – Thema – Diskurs) erschlossen werden (vgl. Müller 2012: 50).

Diese drei Perspektiven tragen auch zum Verständnis davon bei, wie Kontextualisierung kommunikationsstrategisch eingesetzt werden kann. Erstens können Kommunikationsverläufe aus interaktionaler Perspektive dahingehend analysiert werden, wie Kontexte relevant gesetzt beziehungsweise und unter strategischen Gesichtspunkten bewusst in der Kommunikationsdynamik zwischen Personen entwickelt und angepasst werden, also gezielt Bezugnahmen eingebracht und Wissensrahmen angesprochen und modifiziert werden. Letzteres ist aus der epistemologisch-kognitivistischen Perspektive (zweitens) zentraler Analysegegenstand. Drittens sind – neben dem strategischen Anknüpfen an musterhafte Wissensstrukturen – die entsprechenden sprachlichen Muster analysierbar, die zur Kontextualisierung genutzt werden. Letztlich kann auch Verwendung des Kontextualisierungsbegriffs selbst oder seine Umschreibung als metakommunikative Verwendung (Auffordern zur Kontextualisierung, Kritik an unangemessener Kontextualisierung) in strategischen Kommunikationszusammenhängen untersucht werden.

Aus diesen drei Perspektiven werden im folgenden Beispiel-Abschnitt konkrete Interaktionen analysiert, in denen ein kommunikationsstrategischer Hintergrund gegeben ist (zur Ergänzung siehe außerdem die Erläuterungen von Vogel 2024 zur Verwendung der Tätigkeitsverben relativieren, kontextualisieren und
differenzieren).

Beispiele

Mit Blick auf strategische Kontextualisierung dienen im Folgenden Auszüge aus einem Protokoll einer Plenarsitzung im Deutschen Bundestag vom 28. November 2023 als Beispiel. Als Auftakt gibt Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) eine Regierungserklärung ab, mit der er vor allem Stellung zum Urteil des Bundesverfassungsgerichts über die Verfassungswidrigkeit des Nachtragshaushaltsgesetzes bezogen hat. Anschließend kommentiert Oppositionsführer Friedrich Merz (CDU/CSU) in seiner Rede diese Regierungserklärung mit folgenden Worten (unter anderen):

[…] Was Sie hier vorgetragen haben, sind doch rein technische Antworten auf eine hochpolitische Entscheidung des Bundesverfassungsgerichtes. Sie sind ein Klempner der Macht. Ihnen fehlt jede Vorstellung davon, wie dieses Land sich in den nächsten Jahren weiterentwickeln soll. […] (Müller/Stegmeier 2023a)

Dem Ausdruck Klempner der Macht wurde im Anschluss große Aufmerksamkeit zuteil. In den Massenmedien wurde aus verschiedenen Perspektiven diskutiert, wie der Kontext zu verstehen sei, der durch das Wort Klempner aufgerufen wird. Der sozial-situative Kontext der Äußerung, die institutionell gerahmte Rollen-Konstellation – Opposition versus Regierung – der Beteiligten, legt den Schluss nahe, dass Klempner hier negativ konnotiert ist. Demnach ist davon auszugehen, dass durch die Domäne ,Handwerk‘ als Kontext im weiteren Sinne ein Defizit illustriert werden soll. Dies wurde in der Öffentlichkeit kritisch aufgegriffen, z. B. in einem Interview der FAZ mit dem Präsidenten des Zentralverbandes des Deutschen Handwerks (ZDH) (https://www.zdh.de/presse/veroeffentlichungen/interviews-und-statements/gesucht-klempner-der-macht/). Scholz als Adressat reagierte mit der positiven Umdeutung des Handwerks-Kontexts auf der Plattform X wie folgt:

Klempner der Macht? Klempner packen an und sind unverzichtbar. Ich bin ein großer Anhänger unserer Handwerkerinnen und Handwerker. Für alle bevorstehenden Aufgaben in unserem Land und den Umbau unserer Volkswirtschaft brauchen wir das Handwerk. (Olaf Scholz am 28.11.2023 um 18:11 Uhr auf seinem X-Kanal: https://x.com/Bundeskanzler/status/1729548503116898755).

So wurde Merz letztlich zu einer Einordnung und Erklärung des Ausspruchs bewogen, sozusagen zu einer ausführlichen Kontextualisierung der Kontextualisierung:

Ja, weil das eben eine Beschreibung ist von jemandem, der nur im Kleinklein die Schräubchen dreht und nicht in der Lage ist, wirklich ein ganzes Gebäude herzustellen. Man braucht die Klempner, aber das sind nicht die Architekten, und das sind nicht die Baumeister. (Merz am 30.11.2023 auf NTV https://www.n-tv.de/politik/Klempner-sind-keine-Baumeister-article24568624.html).

Der Handwerk-Kontext wurde also in einer Art konversationellem Dreischritt, aber zeitlich zerdehnt und über verschiedene mediale Plattformen verteilt indiziert, bestätigt und ratifiziert (interaktionale Perspektive). Er wurde dabei jedoch mit unterschiedlichen Deutungsrahmen (context models bzw. schematischen Aspekten) verbunden (epistemologische Perspektive). Zunächst wird von Merz der Klempnerberuf unterbestimmt und implizit als defizitär im Hinblick auf Politik und Macht in einem Vergleichsschema dargestellt. Dann wird – ebenfalls stereotyp-schematisch, die Produktivität und das ‚Anpackende‘ des Handwerks von Seiten des ZHD-Präsidenten und des Kanzlers herausgestellt (von anderen Diskursakteuren ebenfalls). Letztlich wird wiederum von Merz als Erklärung ein Vergleichsschema Handwerker als „Schrauber des Kleinklein“ versus „Architekt/Baumeister“ mit Blick und Plan für das große Ganze angeführt.

Das Syntagma Sie sind + Nominalphrase lässt sich als Kotext beschreiben, der durch die Regierung-vs.-Opposition-Situation in Plenardebatten kommunikativ geprägt ist und in diesem speziellen Rahmen mit hoher Wahrscheinlichkeit beziehungsweise Erwartbarkeit eine negativ-kritische Zuschreibung anzeigt (strukturale Perspektive).

Ein zeitgleich ablaufendes (synchrones) interaktionales Beispiel findet sich in einer Zwischenrufsequenz, die in der Plenarsitzung während der auf Merz folgenden Rede von Katharina Dröge (Bündnis 90/Die Grünen) geäußert wird. Dröge wirbt in ihrer Rede für Investitionen in grüne Technologien trotz des Verfassungsgerichtsurteils – auch mit Blick auf Wettbewerbsfähigkeit. In der Zwischenrufsequenz wird von Seiten der CDU/CSU kontrastiv der Verfassungsverstoß als Kontext der Debatte wieder in den Vordergrund gestellt:

[…] Uns geht es um die Zukunft des Wirtschaftsstandortes Deutschland.

(Jens Spahn [CDU/CSU]: Ein Wort des Bedauerns für den Verfassungsbruch? Gibt es das noch? – Gegenruf der Abg. Renate Künast [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Was ist mit Ihren Tricks bei den Parteispenden, Herr Spahn? – Gegenruf des Abg. Jens Spahn [CDU/CSU]: 90er-Jahre, Frau Künast!)

 

Uns geht es darum, dass unsere Unternehmen international wettbewerbsfähig sind. Uns geht es darum, Hunderttausende Arbeitsplätze in diesem Land zukunftsfähig zu erhalten. […]

(Müller/Stegmeier 2023b)

Spahn ruft den Kontext Verfassungsbruch beziehungsweise im weiteren Sinne Gesetzesbruch/Regelverstoß/Rechtsverletzung auf. Dieser wird – ebenfalls in Form eines nicht autorisierten, aber geduldeten Zwischenrufs – von Künast bestätigt, aber mit dem Gegenvorwurf des Gesetzesbruchs im Hinblick auf Parteispenden erwidert. Anschließend ratifiziert Spahn den Kontext im Allgemeinen wiederum, spricht mit 90er-Jahre dem spezifischeren Thema Parteispenden jedoch die aktuelle Relevanz ab. Auch hier wird also interaktional ausgehandelt, welcher Wissensrahmen mit welchen Aspekten als Kontext zu berücksichtigen ist und relevant gesetzt wird. Als strukturaler Kontextualisierungshinweis kann bspw. die in Zwischenrufen häufige (hochfrequente) Was ist mit X-Konstruktion (von Künast) angesehen werden, eine typische Form des Whataboutism. Dabei wird auf Kritik mit einem tu-quoque-Argument (Du auch!) reagiert, das statt auf den diskutierten Sachverhalt auf den/die, Gegner/in zielt, wenn auch oft indirekt durch eine thematische Verschiebung oder Ablenkung. Ein Beispiel ist die Themenverschiebung vom Verfassungsbruch der Ampel-Regierung zu den Parteispenden der CDU/CSU. Dass auch die gegnerische Partei schon einmal gegen Regeln verstoßen hat, ändert ja nichts an der Regelwidrigkeit des Verfassungsbruchs. Es handelt sich bei Künasts Was ist mit X-Frage um eine rhetorische Strategie des Kontextualisierens. Genauer gesagt stellt dies eine Kontexterweiterung vom Thema Verfassungsbruch durch den Nachtragshaushalt der Ampel-Regierung hin zu Regelverstößen im Allgemeinen und denen des politischen Gegners im Besonderen dar. In der zeitgleichen (synchronen) Interaktion via Zwischenrufe spielen auch nichtsprachliche (nonverbale) Kontextualisierungshinweise eine wichtige Rolle. So wird beispielsweise die Äußerung Ein Wort des Bedauerns für den Verfassungsbruch? von Spahn durch Betonung (prosodisch) als einfordernde Frage markiert, rhetorische Fragen und Ironie sind ebenfalls an prosodischen Signalen erkennbar. 

Literatur

Zum Weiterlesen

  • Auer, Peter (1986): Kontextualisierung. In: Studium Linguistik, Jg. 1986, Heft 19, Frankfurt a. M.: Hain, S. 22–47.
  • Busse, Dietrich (2007): Diskurslinguistik als Kontextualisierung – Sprachwissenschaftliche Überlegungen zur Analyse gesellschaftlichen Wissens. In: Ingo Warnke (Hrsg.): Diskurslinguistik nach Foucault. Theorien und Gegenstände. Berlin, New York: de Gruyter, S. 81–105.

Zitierte Literatur und Belege

  • Auer, Peter (1992): Introduction: John Gumperz‘ approach to contextualization. In: Peter Auer & Aldo Di Luzio (Hrsg.): Contextualization of language. Amsterdam: John Benjamins, S. 1–37.
  • Bender, Michael (2024, i.Dr.): Diskursgrammatik des Whataboutism. Kommentieren mit Interrogativsyntax am Beispiel der »Was ist mit X?«-Konstruktion in Bundestags-Zwischenrufen und Wissenschaftsblog-Kommentaren. In: Marcus Müller, Martin Reisigl, Maria Becker, Michael Bender & Ekkehard Felder (Hrsg.): Diskursgrammatik. Sprache und Wissen. Berlin/Boston: De Gruyter. S. 213–249.
  • Couper-Kuhlen, Elisabeth; Selting, Margret (Hrsg.) (2001): Studies in interactional linguistics. Amsterdam: John Benjamins.
  • Feilke, Helmuth (1994): Common-Sense-Competenz. Zu einer Theorie des „sympathischen“ und „natürlichen“ Meinens und Verstehens. Frankfurt a.M.: Suhrkamp.
  • Firth, John R. (1957): Papers in Linguistics (1934–1951). Oxford: University Press.
  • Gumperz, John (1982): Discourse strategies. Cambridge: University Press.
  • Müller, Marcus; Stegmeier, Jörn (Hrsg.) (2023): Text-ID: pp_20_139_00005, Rede-ID: 2013900300. In: Korpus der Plenarprotokolle des deutschen Bundestags. Legislaturperiode 1-20. CQPWeb-Edition. Darmstadt: Discourse Lab. Online unter: https://discourselab.de/cqpweb/ ; Zugriff: 20.08.2024.
  • Müller, Marcus; Stegmeier, Jörn (Hrsg.) (2023): Text-ID: pp_20_139_00003, Rede-ID: 2013900200. In: Korpus der Plenarprotokolle des deutschen Bundestags. Legislaturperiode 1-20. CQPWeb-Edition. Darmstadt: Discourse Lab. Online unter: https://discourselab.de/cqpweb/ ; Zugriff: 20.08.2024.
  • Müller, Marcus (2015): Sprachliches Rollenverhalten. Korpuspragmatische Studien zu divergenten Kontextualisierungen in Mündlichkeit und Schriftlichkeit. Berlin/Boston: de Gruyter.
  • Müller, Marcus (2012): Vom Wort zur Gesellschaft: Kontexte in Korpora. Ein Beitrag zur Methodologie der Korpuspragmatik. In: Felder, Ekkehard; Müller, Marcus; Vogel, Friedemann (Hrsg.): Korpuspragmatik. Thematische Korpora als Basis diskurslinguistischer Analysen. Berlin/Boston: de Gruyter, S. 33–82.
  • N-TV (2023). CDU-Chef Merz im „ntv Frühstart“: „Klempner sind keine Baumeister“. N-TV NACHRICHTEN. Online unter: https://www.n-tv.de/politik/Klempner-sind-keine-Baumeister-article24568624.html ; Zugriff: 10.01.2025.
  • Scholz, Olaf (2023): Klempner der Macht? Tweet auf X.com vom 18.11.2023, 18:11 Uhr. Online unter: https://x.com/Bundeskanzler/status/1729548503116898755 ; Zugriff: 10.01.2025.
  • Van Dijk, Teun (1998): Ideology. A multidisciplinary approach. London: Routledge.
  • Vogel, Friedemann (2024): Relativieren – kontextualisieren – differenzieren: Beobachtungen zum gegenwärtigen interdiskursiven Gebrauch dreier Tätigkeitsverben. Veröffentlicht am 26.08.2024. Online unter: https://diskursmonitor.de/review/relativieren-kontextualisieren-differenzieren/ ; Zugriff: 14.01.2025.

Zitiervorschlag

Bender, Michael (2025): Kontextualisieren. In: Diskursmonitor. Glossar zur strategischen Kommunikation in öffentlichen Diskursen. Hg. von der Forschungsgruppe Diskursmonitor und Diskursintervention. Veröffentlicht am 14.01.2025. Online unter: https://diskursmonitor.de/glossar/kontextualisieren.

DiskursGlossar

Grundbegriffe

Begriffsgeschichte

Die Begriffsgeschichte lässt sich allgemein als eine historische Methode beschreiben, die den zeitlichen Wandel der Bedeutungen von bestimmten Ausdrücken untersucht. Da einzelne Worte nie isoliert begegnen und ihre jeweiligen Bedeutungen erst im Kontext größerer sprachlicher Zusammenhänge oder semantischer Felder greifbar werden, verbindet sie sich flexibel mit anderen Methoden historischer Semantik, wie etwa der Diskursgeschichte, der Argumentationsgeschichte oder der Metaphernforschung (Metaphorologie).

Diskurssemantische Verschiebung

Mit dem Begriff der diskurssemantischen Verschiebung wird in der Diskursforschung ein Wandel in der öffentlichen Sprache und Kommunikation verstanden, der auf mittel- oder län-gerfristige Veränderung des Denkens, Handelns und/oder Fühlens größerer Gesellschafts-gruppen hinweist.

Domäne

Der Begriff der Domäne ist aus der soziologisch orientierten Sprachforschung in die Diskursforschung übernommen worden. Hier wird der Begriff dafür verwendet, um Muster im Sprachgebrauch und kollektiven Denken von sozialen Gruppen nach situationsübergreifenden Tätigkeitsbereichen zu sortieren.

Positionieren

Positionieren ist Grundbestandteil menschlicher Kommunikation. Wann immer wir miteinander interagieren und kommunizieren, bringen wir uns selbst, andere und die Objekte, über die wir sprechen, in bestimmte Relationen zueinander.

Deutungsmuster

Unter einem Deutungsmuster wird die problem- und lösungsbezogene Interpretation gesellschaftlicher und politischer Tatbestände verstanden, die Aussicht auf Akzeptanz in sozialen Gruppen hat. Der Begriff des Deutungsmusters hat Ähnlichkeit mit den Begriffen der Theorie und Ideologie. Meist werden gesellschaftlich verbreitete Leitdeutungen, die oft mit Schlagwörtern und Argumentationsmustern einhergehen (wie Globalisierung, Kapitalismus, Leistungsgesellschaft, Chancengleichheit etc.) als Beispiele für Deutungsmuster genannt.

Sinnformel

‚Wer sind wir? Woher kommen, wo stehen und wohin gehen wir? Wozu leben wir?‘ Auf diese und ähnliche existentielle Fragen geben Sinnformeln kondensierte Antworten, die in privaten wie sozialen Situationen Halt und Argumenten in politischen und medialen Debatten einen sicheren Unterbau geben können.

Praktik

Eine Praktik ist ein spezifisches, situativ vollzogenes und sinnhaftes Bündel von körperlichen Verhaltensweisen, an dem mehrere Menschen und Dinge beteiligt sein können (z. B. Seufzen, um Frust auszudrücken, oder einen Beschwerdebrief schreiben, Fußballspielen).

Narrativ

Mit der diskursanalytischen Kategorie des Narrativs werden Vorstellungen von komplexen Denk- und Handlungsstrukturen erfasst. Narrative in diesem Sinne gehören wie Schlagwörter, Metaphern und Topoi zu den Grundkategorien der Analyse von Diskursen.

Argumentation

Argumentation bezeichnet jene sprachliche Tätigkeit, in der man sich mithilfe von Gründen darum bemüht, die Richtigkeit einer Antwort auf eine bestimmte Frage zu erweisen. Das kann in ganz verschiedenen Situationen und Bereichen nötig sein, namentlich um eine poli-tische, wissenschaftliche, rechtliche, unternehmerische oder private Angelegenheit zu klären.

Hegemonie

Wie der britische Politikwissenschaftler Perry Anderson 2018 in einer umfassenden, historisch weit ausgreifenden Studie zum Gebrauch des Begriffs Hegemonie und seinen Konjunkturen beschreibt, liegen die historischen Wurzeln des Begriffs im Griechischen, als Bezeichnung für Führung (eines Staatswesens) mit Anteilen von Konsens.

Techniken

AI-Washing/KI-Washing

Unter AI-Washing ist die Praxis von Unternehmen oder Organisationen zu verstehen, Produkte, Dienstleistungen oder Geschäftsmodelle mit dem Etikett „Künstliche Intelligenz“ (KI bzw. „Artificial Intelligence“ (AI)) zu versehen, obwohl deren tatsächlicher Einsatz von KI-Technologien entweder stark übertrieben, nur marginal vorhanden oder überhaupt nicht gegeben ist.

Dogwhistle

Unter Dogwhistle wird in Teilen der Forschung eine doppeldeutige Äußerung verstanden, die eine offene und eine verdeckte Botschaft an jeweils eine Zuhörerschaft kommuniziert.

Boykottaufruf

Der Boykottaufruf ist eine Maßnahme, die darauf abzielt, ein Ziel, also meist eine Verhaltensänderung des Boykottierten, hervorzurufen, indem zu einem Abbruch etwa der wirtschaftlichen oder sozialen Beziehungen zu diesem aufgefordert wird.

Tabuisieren

Das Wort Tabuisierung bezeichnet die Praxis, etwas Unerwünschtes, Anstößiges oder Peinliches unsichtbar zu machen oder als nicht akzeptabel zu markieren. Das Tabuisierte gilt dann moralisch als unsagbar, unzeigbar oder unmachbar.

Aus dem Zusammenhang reißen

Das Aus-dem-Zusammenhang-Reißen gehört in den Funktionskreis der Redewiedergabe bzw. der Wiedergabe kommunikativer Ereignisse. Es kann (1) als intentionale argumentativ-polemische Strategie für ganz unterschiedliche diskursive Zielsetzungen von Akteuren genutzt werden, oder (2) es kann SprecherInnen und SchreiberInnen in unbeabsichtigter, fehlerhafter Weise unterlaufen.

Lobbying

Lobbying ist eine Form strategischer Kommunikation, die sich primär an Akteure in der Politik richtet. Beim Lobbying wird ein Bündel von kommunikativen Tätigkeiten mit dem Ziel eingesetzt, die Entscheidungen von Personen mit politischem Mandat oder den Entstehungsprozess von neuen Gesetzestexten interessengeleitet zu beeinflussen.

Karten

Karten dienen dazu, Raumausschnitte im Hinblick auf ausgewählte Charakteristika so darzustellen, dass die Informationen unmittelbar in ihrem Zusammenhang erfasst und gut kommuniziert werden können. Dazu ist es notwendig, Daten und Darstellungsweisen auszuwählen und komplexe und oft umkämpfte Prozesse der Wirklichkeit in einfachen Darstellungen zu fixieren.

Pressemitteilung

Pressemitteilungen sind standardisierte Mitteilungen von Organisationen, die sich an Journalist:innen und andere Multiplikator:innen richten. Sie dienen der offiziellen und zitierfähigen Informationsweitergabe und übernehmen zugleich strategische Funktionen in der öffentlichen Kommunikation und Meinungssteuerung.

Shitstorm

Der Begriff Shitstorm beschreibt eine relativ junge Diskurskonstellation, die seit den 2010er Jahren an Bedeutung gewonnen hat und gemeinhin als Online-Wutausbruch bezeichnet wer-den kann.

Tarnschrift

Als Tarnschrift bezeichnet man unter den Bedingungen von Zensur und Verfolgungsrisiko veröffentliche Texte, die insbesondere in der strategischen Kommunikation des NS-Widerstands eine zentrale Rolle spielten.

Schlagwörter

Brückentechnologie

Ganz allgemein wird unter dem Schlagwort der Brückentechnologie sowohl in den öffentlichen Medien als auch in technisch und wirtschaftlich dominierten Kontexten eine Technologie verstanden, die zeitlich befristet eingesetzt werden soll, bevor in Zukunft der Übergang zu einer als sinnvoller eingeschätzten anderen Technologie möglich ist.

Deindustrialisierung

Der Ausdruck Deindustrialisierung (auch De-Industrialisierung oder als Verb deindustrialisieren) beschreibt im öffentlichen Sprachgebrauch eine negativ bewertete Form des Strukturwandels durch Rückgang von produzierendem Gewerbe.

Nachhaltigkeit

Nachhaltigkeit als ein Schlagwort des öffentlichen Diskurses bezieht sich ganz allgemein auf einen ressourcenschonenderen Umgang mit dem, was uns Menschen der Planet Erde bietet, mit dem Ziel, dass auch nachfolgende Generationen noch die Möglichkeit haben, ähnlich gut zu leben wie wir heute (Generationengerechtigkeit).

Echokammer

Der Begriff der Echokammer steht in seiner heutigen Verwendung vor allem im Zusammenhang mit der Nutzung Sozialer Medien. Er verweist metaphorisch auf einen digitalen Kommunikations- und Resonanzraum, in dem Mediennutzer*innen lediglich Inhalten begegnen, die ihre eigenen, bereits bestehenden Ansichten bestätigen, während abweichende Perspektiven und Meinungen ausgeblendet bzw. abgelehnt werden.

Relativieren

Der Ausdruck relativieren besitzt zwei zentrale Bedeutungsvarianten: In bildungssprachlichen und wissenschaftlichen Kontexten bezeichnet er eine analytische Praxis, bei der Aussagen, Begriffe oder Phänomene durch Bezugnahme auf andere Sachverhalte eingeordnet, differen-ziert und in ihrer Geltung präzisiert werden.

Massendemokratie

Geprägt wurde der Begriff Massendemokratie im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts von völkisch-konservativen Akteuren (prominent darunter Carl Schmitt 1926). Der Ausdruck Masse hatte damals bei den bürgerlichen Eliten eine rundum bedrohliche Assoziation.

Social Bots

Als Social Bots werden Computerprogramme bezeichnet, die in der Lage sind, in sozialen Medien Kommunikation menschlicher Nutzer*innen (teilweise) automatisiert nachzuahmen.

Kriegsmüdigkeit

Der Ausdruck Kriegsmüdigkeit bezeichnet die emotionale und physische Erschöpfung von Menschen, die einen Krieg erleben, sowie die gesellschaftliche und politische Ermüdung angesichts langanhaltender Konflikte. Er beschreibt den sinkenden Kampfeswillen bei Kriegsparteien und heute wird er auch für das wachsende Desinteresse an Kriegsthemen in Medien und Öffentlichkeit genutzt.

Woke

Der Ausdruck woke stammt aus dem afroamerikanischen Englisch und bezeichnete dort zunächst den Bewusstseinszustand der Aufgeklärtheit über die Verbreitung von rassistischen Vorurteilen und Diskriminierung unter Angehörigen ethnischer Minderheiten.

Identität

Unter Identität versteht man allgemein die Summe von Merkmalen, die Individuen oder sozialen Kollektiven – etwa Nationen, Organisationen oder sozialen Gruppen – als charakteristisch oder gar als angeboren zugeordnet werden.

Verschiebungen

Dehumanisierung

Mit Dehumanisierung bzw. Anthropomorphisierung werden solche kommunikativen Techniken und Praktiken bezeichnet, die Personen, Sachverhalten oder Gegenständen menschliche Eigenschaften ab- bzw. zusprechen. Dehumanisierung und Anthropomorphisierung können sowohl durch sprachliche Mittel als auch durch andere, z. B. bildliche, Zeichen vollzogen werden.

Kriminalisierung

Kriminalität meint ein Verhalten, das gegen ein Gesetz verstößt. Folglich bedeutet Kriminalisierung im engeren Sinne den Vorgang, durch den Verhalten ungesetzlich gemacht wird – indem Gesetze geschaffen werden.

Versicherheitlichung

In akademischen Kontexten wird Versicherheitlichung in Abgrenzung zu einem naiv-realistischen Sicherheitsverständnis verwendet. Dieses betrachtet Sicherheit als einen universell erstrebenswerten und objektiv feststellbaren Zustand, dessen Abwesenheit auf das Handeln von Akteuren zurückzuführen ist, die feindselig, kriminell, unverantwortlich oder zumindest fahrlässig agieren.

Ökonomisierung

Ökonomisierung wird in gegenwärtigen Diskursen in der Regel zur Bezeichnung von Prozessen verwendet, in denen die spezifisch wirtschaftlichen Funktions-Elemente wie Markt, Wettbewerb/Konkurrenz, Kosten-Nutzen-Kalküle, Effizienz, Gewinnorientierung in Bereiche übertragen werden, die zuvor teilweise oder ganz nach anderen Leitkriterien ausgerichtet waren

Moralisierung

Moralisierung verlagert Macht- und Interessenkonflikte in die Sphäre der Kommunikation von Achtung / Missachtung. Sie reduziert Ambivalenz zugunsten einer Polarisierung von gut und böse.

Konstellationen

Krise

Krise ist vom Wort mit fachsprachlicher Bedeutung zur Zeitdiagnose und einem zentralen Begriff der öffentlich-politischen Kommunikation geworden. Der öffentlich-politische Krisenbegriff ist dabei – unabhängig vom Gegenstand der Krise – in eine krisendiskurstypische Konstellation zur Begründung von krisenüberwindenden Handlungen eingebettet.

Partizipatorischer Diskurs

Partizipation ist mittlerweile von der Forderung benachteiligter Personen und Gruppen nach mehr Beteiligung in der demokratischen Gesellschaft zu einem Begriff der Institutionen selbst geworden: Kein Programm, keine Bewilligung mehr, ohne dass bestimmte Gruppen oder Personen dazu aufgefordert werden, für (mehr) Partizipation zu sorgen.

Skandal

Die Diskurskonstellation des Skandals zeichnet sich durch eine in den Medien aufgegriffene (bzw. durch sie erst hervorgerufene) empörte Reaktion eines erheblichen Teils der Bevölkerung auf einen tatsächlichen oder vermeintlichen Missstand aus. Die schuldhafte Verursachung dieses Missstandes wird dabei einem gesellschaftlichen Akteur zugeschrieben, dessen Handeln als ‚unmoralisch‘ gedeutet wird.

DiskursReview

Review-Artikel

Deutungshoheit im öffentlichen Diskurs: Sprachliche Provokation und Verantwortung im Falle des true fruits-Marketings

Der Smoothie-Hersteller true fruits war in der Vergangenheit aufgrund seiner kontroversen Marketingstrategien immer wieder Teil des öffentlichen Diskurses, da er vor allem mit polarisierenden und oftmals mehrdeutigen Werbeslogans und Aufdrucken auf seinen Smoothieflaschen arbeitet. Besondere Kritik hat dabei eine schwarze Smoothieflasche hervorgerufen, die im Kontext einer Rassismus-Kampagne 2017 in Österreich beworben wurde. Hierbei wurden u.a. die Slogans „Schafft es selten über die Grenze.“ und …

Digital Detox – Eine medienkritische Auseinandersetzung mit digitaler Überforderung

„Viele halten die Offline-Phasen innerlich nicht mehr aus und greifen dann wie bei einem Entzug zum Handy“, beschreibt der Neurologe Prof. Dr. Volker Busch ein Phänomen, das den digitalen Alltag vieler Menschen prägt.1 Digitale Medien sind aus dem heutigen Leben nicht mehr wegzudenken. Sie strukturieren Kommunikation, Arbeit, Freizeit und soziale Beziehungen. Gleichzeitig wächst jedoch das Gefühl, von digitalen Reizen überfordert zu sein. Ständige Benachrichtigungen, soziale Medien und permanente …

„Canceln von Geschichte“? Eine sprachkritische Auseinandersetzung mit den Straßenumbenennungen in Münster

„Sollen die am 6. Mai 2025 in der Bezirksvertretung Münster-Mitte gefassten Beschlüsse zur Änderung der Straßennamen Skagerrakstraße, Langemarckstraße, Admiral-Scheer-Straße, Admiral-Spee-Straße und Otto-Weddigen-Straße aufgehoben werden und die Straßennamen unverändert erhalten bleiben?“ (Bürgerbegehren – Bürgerentscheid). Diese Frage sollen die Bürger*innen des Stadtbezirks Münster-Mitte der Stadt Münster in einem Bürgerentscheid am 8. Februar 2026 mit „Ja“ oder „Nein“ beantworten (vgl. Bürgerbegehren …

Löschen Emojis die traditionelle Sprache aus?

Die Kommunikation hat in den vergangenen Jahren eine grundlegende digitalisierte Transformation erlebt. Sie ist aufgrund von sozialen Medien und Messenger Diensten schneller und stärker auf soziale Beziehungspflege eingestellt als auf reine traditionelle schriftliche Formen. Insbesondere Emojis beeinflussen die heutige alltägliche Kommunikation. Emojis sind kleine grafische Symbole zur Darstellung von Emotionen und Objekten. Ein bedeutsamer Moment für die digitale Kommunikation war im Jahr 2015, …

Friedrich Merz und das „Stadtbild“: Wenn Worte wirken und Debatten prägen

„…Aber wir haben natürlich immer im Stadtbild noch dieses Problem…“. Diese Äußerung sprach Bundeskanzler und CDU-Vorsitzender Friedrich Merz am 14. Oktober 2025 während eines Parteitermins in Potsdam aus, als er auf die rückläufige Zahl von Menschen, die nach Deutschland geflüchtet sind und mögliche politische Reaktionen angesprochen wurde (vgl. Deutschlandfunk, 2025): „Bei der Migration sind wir sehr weit. Wir haben in dieser Bundesregierung die Zahlen August 24/August 25 im Vergleich um 60 …

Das „Stadtbild“ als sprachpolitische Ressource – Eine sprachkritische Analyse der aktuellen Stadtbild-Debatte

Die öffentliche Debatte um das „Stadtbild“ zählt derzeit wohl zu den kontroversesten politischen Auseinandersetzungen in Deutschland. Ausgangspunkt war die folgende Äußerung von Bundeskanzler Friedrich Merz, in der er im Rahmen einer Pressekonferenz nach einer Kabinettssitzung am 14. Oktober 2025 wie folgt feststellte:
„Bei der Migration sind wir sehr weit. […], aber wir haben natürlich immer im Stadtbild noch dieses Problem, und deswegen ist der Bundesinnenminister ja auch dabei, jetzt in …

Jugendwörter – Der Ruin der deutschen Sprache?

Bereits seit 2008 kürt der Langenscheidt-Verlag jedes Jahr das sogenannte Jugendwort des Jahres. Hierbei handelt es sich um ein Wort, welches angeblich der in dem jeweiligen Jahr am stärksten in der Jugendsprache verwendete Ausdruck war (vgl. Langenscheidt, 2025). Die jährliche Auswahl eines Jugendwortes geschieht hierbei aus der Begründung heraus, dass genau solche Wörter zeigen würden, wie jüngere Generationen sich fühlen und denken. Ein weiterer Grund ist zudem, dass Jugendsprache von manchen …

Wenn ein Wort Geschichte macht: Die ‚Zeitenwende‘ im politischen und medialen Diskurs

Manche Worte bleiben haften. Kaum ein politisches Wort hat die deutschsprachige Öffentlichkeit seit 2022 so geprägt wie der Begriff „Zeitenwende“. Bundeskanzler Olaf Scholz verwendete ihn in seiner Regierungserklärung am 27. Februar 2022 unmittelbar nach dem Angriff Russlands auf die Ukraine und erklärte: „Wir erleben eine Zeitenwende. Und das bedeutet: Die Welt danach ist nicht mehr dieselbe wie die Welt davor.“ (Scholz, Regierungserklärung). Dieser Begriff löste ein bemerkenswertes Echo aus, er …

Wenn aus Vielen Einer wird – Warum pauschale Nationsbezeichnungen sprachlich gefährlich sind

„In dieser Situation sind die Deutschen sehr unzufrieden mit der Arbeit der Politik.“ (Kinkartz, 2025), schreibt die Deutsche Welle im November 2025. Gemeint ist dabei keine einzelne Person oder klar definierte Gruppe, sondern eine ganze Nation, welche mit einem einzigen Artikel zu einem scheinbar einheitlichen Kollektiv zusammengefasst wurde. Solche Formulierungen sind kein Einzelfall. Ähnliche Beispiele, wie „Die Russen greifen an vielen Stellen an“ (Die Welt am Morgen, 2024), „Die Ukrainer …

Sprachkritische Auseinandersetzung im Streit um pflanzliche Ersatzprodukte

“Die Wurst als Waffe” mit solchen oder ähnlichen polarisierenden Schlagzeilen berichten die ZEIT und andere Zeitungen über den Beschluss des Europaparlaments zur Verwendung der Namen veganer Fleischersatzprodukte.1 Begriffe wie “Wurst”, “Schnitzel” oder ”Milch” sollen künftig nur Lebensmittel tragen dürfen, welche tierische Inhaltsstoffe enthalten. In der Abstimmung vom achten Oktober 2025 stimmten 355 der 602 Mitglieder des Parlaments dem Vorschlag zu.2 Auch wenn die Abstimmung nicht automatisch …