
DiskursGlossar
Krise
Kategorie: Konstellationen
Siehe auch: Topos, Topos der düsteren Zukunftsprognose,
Deindustrialisierung, Kipppunkt, Skandalisierung, Inszenierung
Autor: David Römer
Version: 1.0 / Datum: 22.12.2025
Kurzzusammenfassung
Krise ist vom Wort mit fachsprachlicher Bedeutung zur Zeitdiagnose und einem zentralen Begriff der öffentlich-politischen Kommunikation geworden. Der öffentlich-politische Krisenbegriff ist dabei – unabhängig vom Gegenstand der Krise – in eine krisendiskurstypische Konstellation zur Begründung von krisenüberwindenden Handlungen eingebettet. Aus der themen-, zeit- und akteursgebundenen Deutung von Krise ergeben sich spezifische Strategien bzw. Interventionen zur Krisenbewältigung, die dann oftmals als unumgänglich notwendig erscheinen. Wer sich mit seinen Krisen-Deutungen wann im Diskurs jeweils durchsetzt, kann darüber entscheiden, welche Maßnahmen zur Krisenbewältigung ergriffen werden. Für die Entstehung der Diskurskonstellation Krise ist das kommunikative Verfahren der Argumentation bzw. sind Argumentationsmuster (Topoi) zentral, vor allem der Topos der düsteren Zukunftsprognose, der Singularitätstopos und der Topos der Zeitenwende, wie im Folgenden am Beispiel von Wirtschaftskrisen aufgezeigt wird.
Erweiterte Begriffsklärung
Das Wort Krise wurde im 16. Jahrhundert aus lat. crisis in die medizinische Fachsprache entlehnt und bezeichnete einen Wendepunkt bzw. den „entscheidenden Punkt einer Krankheit“ (Kluge 2011: 543). Erst im 18. Jahrhundert wurde der Ausdruck im Sinne von ‚Entscheidungspunkt‘ und ‚problematische, gefährliche Lage‘ auf ökonomische und politische Kontexte übertragen (vgl. „Krise“ in: Wolfgang Pfeifer et al. 1993).
Dementsprechend zeigt die DWDS-Verlaufskurve einen kontinuierlichen Anstieg in der Verwendungshäufigkeit des Wortes Krise seit der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts:
Abbildung 1: DWDS-Verlaufskurve für Krise, erstellt durch das Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache.
Ab 1946 bis heute lassen sich im DWDS-Zeitungskorpus Spitzen des Wortgebrauchs in öffentlich und zeitgeschichtlich als Wirtschaftskrise wahrgenommenen Phasen beobachten, so z. B. während der ‚Ölkrise‘ 1973/74 oder während der ‚Banken- und Finanzkrise‘ 2008/2009. Ein weiterer sprunghafter Anstieg in der Gebrauchsfrequenz von Krise ist während der „Corona-Pandemie“ im Jahr 2020 zu beobachten:
Abbildung 2: DWDS-Verlaufskurve für Krise, erstellt durch das Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache.
Erster Anknüpfungspunkt für die Erklärung der Diskurskonstellation Krise ist die abstrakte, historische Bedeutung bzw. ein Begriff von Krise, wie ihn Reinhart Koselleck (vgl. 2006: 212–215) entwickelt: Krisen sind demnach Störungen von als normal geltenden Zuständen. Im Moment der Störung stellen Krisen Gewissheiten/Überzeugungen infrage und lassen diese rechtfertigungsbedürftig erscheinen. Sie implizieren dabei Zeitnot bzw. münden in Handlungsnotwendigkeiten oder -aufforderungen zur Krisenbewältigung.
So verstandene Krisen treten in allen gesellschaftlichen und politischen Diskursen auf – beispielsweise in Diskussionen um die ideale Orthographie, in Debatten über Migration oder hinsichtlich wirtschaftlicher Entwicklungen – und sind immer in semantische Kämpfe eingebunden: Es geht um die Definition von Krise und um Strategien bzw. Interventionen zur Krisenbewältigung (mit dem Ziel der Herstellung eines als normal angesehen Zustandes).
Zum Beispiel wurden in der öffentlichen Auseinandersetzung durch den wirtschaftlichen Krisendiskurs in der Bundesrepublik Deutschland seit den 1980er Jahren Massenarbeitslosigkeit und die Auffassung, auf soziale Absicherung bedachtes politisches Handeln sowie der überbordende Sozialstaat seien für die Krise ursächlich, normalisiert. Seit den 1990er Jahren und spätestens mit dem Agenda 2010 genannten Reformpaket mündete das politisch in die Überzeugung, Sozialleistungen seien abzubauen, mehr eigenverantwortliches Handeln sei nötig (vgl. Kreft/Uske 2004; Römer 2017: 355–360 und 450–453).
Mit Blick auf diskursiv-sprachliche Handlungsmuster lässt sich beobachten, dass das Wissen über Krise zu einem großen Teil durch den Gebrauch konzeptueller Metaphern (vgl. Kuck 2018) und Kollektivsymbole geprägt ist. Funktionen von solchen Metaphern bestehen darin, dass sie Komplexität reduzieren und bestimmte Deutungen des metaphorisierten Gegenstandes nahelegen. Insbesondere in ökonomischen Krisendiskursen sind konzeptuelle Metaphern vielfach zu finden, weil zur Verstehbarmachung oder Erklärung von Krise komplexe Wissensbereiche auf spezifische Weise in Beziehung gesetzt und vereinfacht werden. Ein Beispiel ist die konzeptuelle Metapher ‚Krise als Krankheit‘ (vgl. Kuck/Römer 2012; Kuck 2016). Demgemäß wurde im öffentlichen Diskurs die ‚Banken- und Finanzkrise‘ 2008–2009 als ansteckende Krankheit dargestellt, deren Ausbruch die Insolvenz der US-amerikanischen Investmentbank Lehman-Brothers markiere. Von diesem Ereignis ausgehend wurde eine Ausbreitung der Krise über die ganze Welt befürchtet. Die Krise sei ein amerikanisches Virus, gegen das die Banken nicht immun seien, und mit dem sich Europa angesteckt oder infiziert habe, schließlich sei auch das Herz der deutschen Wirtschaft durch die ‚Banken- und Finanzkrise‘ bedroht (vgl. Kuck 2016: 510).
Vor dem Hintergrund der metaphorischen Darstellung von ‚Krise als Krankheit‘ bestand gewissermaßen dringender Handlungsbedarf; im Diskurs zur ‚Banken- und Finanzkrise‘ galt die Eindämmung der Krise mit staatlichen Mitteln als alternativlos, um ‚Normalität‘ wiederherzustellen (vgl. Link 2009). Dabei traten innerhalb des Konzeptes Staaten und Institutionen wie der Internationale Währungsfonds (IWF) als ‚Ärzte‘ auf, die dem ‚kranken Organismus‘ bzw. dem Patienten, d. h. den Banken, entsprechende Medizin zu verabreichen hätten, etwa Finanzspritzen, um die Banken vor dem Kollaps zu bewahren. Letztlich konnten mit Hilfe der Krankheitsmetaphorik ein Rettungsschirm genanntes staatliches Eingreifen und Teilverstaatlichungen von Banken als Notoperationen legitimiert werden.
Das zentrale sprachliche Verfahren für den Umgang mit problematisierten und in der Folge rechtfertigungsbedürftigen Gewissheiten/Überzeugungen bzw. Geltungsansprüchen und zur Begründung von krisenbewältigenden Maßnahmen ist die Argumentation. Insofern ist sie auch ein wesentlicher diskursiv-sprachlicher Handlungstyp der Diskurskonstellation Krise.
Die öffentliche, medial konstituierte Diskurskonstellation der Krise zeichnet sich in ökonomischen Krisendiskursen auf abstrakter Ebene durch eine spezifische Anordnung von Argumentationsmustern oder Topoi zur Legitimierung politischen Handelns aus. Dabei wird in der Regel geleitet durch Werte und Normen (Topos der Maxime), vor dem Hintergrund von Handlungszielen (Finaltopos) und auf der Basis attribuierter Ursachen (Schuldzuschreibungen, Ursachentopos) ein krisenhaftes Szenario beschrieben (Datentopos), das Entscheidungsdruck aufbaut und bestimmtes Handeln als erforderlich plausibilisiert (vgl. Römer 2017: 154–162). Die sprachlich-argumentative Etablierung des Krisenszenarios wird häufig gestützt durch das Anführen von Zahlen – beispielsweise in Bezug auf (drohende) Arbeitslosigkeit, Pleiten, Verluste oder geringe Wachstumsraten – und entsprechende Visualisierungen in Form von Charts und Infografiken (Schlagbilder). Zeit- und themenübergreifend wird auf diese Weise Krise als Faktum begründet und es werden Lösungswege aus der Krise aufgezeigt bzw. krisenüberwindende Maßnahmen legitimiert. Je nach Zeitgeist, Akteuren und/oder medialen Bedingungen und Formaten allerdings variiert die inhaltliche Ausgestaltung der genannten Diskurskonstellation Krise.
Ein Beispiel für einen immer wiederkehrenden kontextspezifischen Datentopos im ökonomischen Krisendiskurs der Bundesrepublik Deutschland seit der ‚Ölkrise‘ 1973 ist der ‚Topos der düsteren Zukunftsprognose‘. Durch Verweise auf Gefahren und bevorstehende schlechte Zeiten wird der Topos gebraucht, um ein Bedrohungsszenario zu konstruieren und Zukunftsängste zu evozieren. Das Argumentationsmuster wird genutzt, um verschiedenste politische Maßnahmen zu begründen. Diese heben meist darauf ab, die prognostizierte Krise und schlimmere Konsequenzen zu verhindern (siehe hierzu Beispiel 1a).
Der ‚Topos der düsteren Zukunftsprognose‘ tritt häufig zusammen mit einem ‚Singularitäts-Topos‘ auf, der mit einem oft implizit bleibenden Geschichtsvergleich herausstellt, dass die Lage ‚noch nie zuvor‘ so schlecht gewesen sei (vgl. Wengeler 2015: 54). Demnach habe man es – so die Analogie – in der aktuellen Situation mit einer in ihrer Dramatik einzigartigen Krise zu tun (siehe hierzu Beispiel 1b).
Über einen Zeitraum von ca. 40 Jahren wurde mit dem Argumentationsmuster ein spezifisches Krisenwissen bezüglich der Wirtschaftsentwicklung und des Arbeitsmarktes konstituiert. Hervorzuheben ist die Konstruktion eines Arbeitsplatzrisikos. Aus einer negativen Bewertung des prognostizierten Unheils wurde dann gefolgert, dass schnell, so die häufige Implikation von Zeitnot, etwas Bestimmtes zu unternehmen sei, um der kommenden Krise entgegenzuwirken – ansonsten würde alles noch viel schlimmer werden. Das Wissen um die Gefahr des Arbeitsplatzverlustes war ein neuer Aspekt im gesellschaftlichen Wissenshaushalt der Nachkriegszeit, der sich während der ‚Ölkrise‘ 1973 ausbildete. Auf dieser Basis konnte so gut wie jedes politische Handeln öffentlich legitimiert werden – vom Sonntagsfahrverbot 1973 über die Agenda 2010 im Jahr 2003 bis hin zur Notwendigkeit der Bankenrettung ab 2008.
Ein weiteres aktuelles Beispiel für einen seit den 1970er Jahren in Krisendiskursen immer wieder auftauchenden Datentopos in kontextspezifischer sprachlicher Realisierung ist der „Topos der Zeitenwende“ (Römer 2017: 168). Dem Argumentationsmuster liegen Äußerungen zugrunde, mit denen behauptet wird, man befinde sich am Übergang zu einer neuen Epoche. Dabei wird von der Annahme ausgegangen, aufgrund bestimmter, häufig als bedrohlich wahrgenommener oder behaupteter Ereignisse und Entwicklungen sei nichts mehr so, wie es vorher war. Die Situationsbeschreibung der Zeitenwende impliziert, dass es nicht mehr so weitergehen könne wie bisher, ein radikales Umdenken und/oder Prozesse des Umgestaltens seien notwendig (siehe hierzu Beispiel 1c).
50 Jahre später ist das Argumentationsmuster im öffentlichen Diskurs präsenter denn je. So begann Bundeskanzler Olaf Scholz angesichts des Krieges in der Ukraine seine Regierungserklärung vom 27. Februar 2022 (BT: 1350) mit den Worten:
Der 24. Februar 2022 markiert eine Zeitenwende in der Geschichte unseres Kontinents. Und im weiteren Verlauf der Rede heißt es: Wir erleben eine Zeitenwende. Und das bedeutet: Die Welt danach ist nicht mehr dieselbe wie die Welt davor. (BT 27. Februar 2022: 1350)
Im Falle des Kriegsdiskurses ist der Topos eingebettet in eine Argumentation, die erklärt, dass mit dem Angriff Russlands auf die Ukraine nichts mehr so sei, wie es vorher war, und die auf die Begründung der Erhöhung von Militärausgaben sowie die Aufrüstung der Bundeswehr abzielt (vgl. BT 27. Februar 2022: 1352–1353).
Akteure treten in Krisendiskursen in verschiedenen Rollen auf bzw. können strategisch in unterschiedlichen Rollen inszeniert werden:
- politisch Handelnde bzw. Politiker:innen in der Rolle von ‚Krisenverursachern‘ (etwa um die Handlungsfähigkeit der Regierung infrage zu stellen und einen sozial- und oder wirtschaftspolitischen Wechsel herbeizuführen)
- und ‚Krisenmanagern‘;
- Wissenschaftler:innen (insbesondere Ökonomen) als ‚Krisenerklärer‘;
- Unternehmer:innen, Verbraucher:innen oder Arbeitnehmer:innen als ‚Opfer der Krise‘ oder auch als ‚Gewinner der Krise‘.
Die krisendiskurstypischen Akteurskonstellationen sind themenabhängig und wandeln sich mit der Zeit.
Eine beobachtbare typische Strategie, Krisen-Behauptungen zu widersprechen, ist schließlich die metakommunikative Intervention, also die Problematisierung öffentlichen Sprachgebrauchs und Zurückweisung von düsteren Krisenkonstruktionen als ‚Übertreibung‘.
Beispiele
(1) Typische Argumentationsmuster (Topoi) zur sprachlichen Konstruktion von ‚Krisen‘
Die folgenden Argumentationsmuster (Topoi) dienen typischerweise sowohl zur Konstruktion von Krisen als auch zur Durchsetzung krisenbewältigender Maßnahmen.
(a) Topos der düsteren Zukunftsprognose
Die Bundesregierung befürchtet, daß die Zahl der Arbeitslosen in den Monaten Januar und Februar eventuell auf 750 000 steigen könnte. […] Es wurde in diesem Zusammenhang angekündigt, daß die Regierung die bevorstehenden Tarifverhandlungen im öffentlichen Dienst mit bisher unbekannter Härte führen werde. (BILD, 22.12.1973)
Die Bundesrepublik werde ‚hart getroffen‘, sagen die Ökonomen der OECD voraus, die Zahl der Arbeitslosen werde in den nächsten zwei Jahren um 700 000 steigen. Der Jobabbau kündigt sich schon an. Daimler plant für vier deutsche Werke Kurzarbeit, der Stahlriese ArcelorMittal will in Europa 6000 Stellen streichen, der Chemiekonzern Akzo Nobel stellt sich auf einen Nachfragerückgang von 10 bis 20 Prozent ein. Es wäre ein Absturz, der das Ausmaß der Großen Depression nach 1929 erreichen würde. (DER SPIEGEL, 1.12.2008)
(b) Singularitätstopos
Arbeitslose: So knüppeldick war’s noch nie. […] Nie zuvor standen die Bonner Ökonomen vor so heiklen wirtschaftspolitischen Problemen wie gegenwärtig. […] ‚Wir haben alles Mögliche schon gehabt‘, konstatierte Hans-Jürgen Schmahl vom Hamburger Wirtschafts-Institut HWWA, ‚aber das hat es noch nicht gegeben. Diese Mixtur haut einen ja um.‘ Die Deutsche Volkswirtschaftliche Gesellschaft in Köln spricht von einer ‚konjunkturellen Horror-Kombination‘. (DER SPIEGEL, 17.12.1973)
Eine solche Rezession, die gleichzeitig in allen Ländern der Welt stattfindet, hatten wir seit dem Zweiten Weltkrieg noch nie. (Angela Merkel in: BILD, 11.3.2009)
(c) Topos der Zeitenwende
Wir sollten uns keine Illusionen machen. Wir leben nicht mehr in der gleichen Welt wie vor Beginn der Ölkrise. (DIE ZEIT, 4.1.1974)
Die industrialisierte Welt werde begreifen müssen, daß ‚die Ära des enormen Fortschritts und des enormen Wohlstandes‘, die auf billigem Öl beruhte, ‚ein für allemal‘ vorüber sei. Jedermann ‚muß die Gürtel enger schnallen‘, meinte der Schah. (SZ, 24.12.1973)
(2) Krisendiskurse der Bundesrepublik seit den 1970er Jahren
Die Krisendiskurse der vergangenen Jahrzehnte zeigen sowohl Besonderheiten als auch wiederkehrende, aufeinander aufbauende Muster der sprachlichen Konstruktion, der argumentativen Verhandlung und der Inszenierung von Akteur:innen in bestimmten Rollen.
Während der ‚Ölkrise‘ 1973/74 (vgl. zum Folgenden ausführlich Römer 2017: 187–301) traten als ‚Krisenerklärer‘ insbesondere die Vertreter der sozial-liberalen Bundesregierung (Bundeskanzler Willy Brandt, Finanzminister Helmut Schmidt, Wirtschaftsminister Hans Friderichs) und Diskursteilnehmer:innen aus der Wirtschaft auf. Für die 1970er Jahre ist bezeichnend, dass es einen noch nicht so ausgeprägten Expert:innen-Diskurs gab wie in späteren Krisendiskursen (etwa im Diskurs zur ‚Banken- und Finanzkrise‘ seit 2008). Als von der Krise betroffene Subjekte (‚Opfer der Krise‘) galten die Bundesrepublik Deutschland, die Gesellschaft, die Wirtschaft, der Westen oder die westlichen Industrienationen, worauf, wenn nicht ausdrücklich benannt, das kollektive Reflexivpronomen uns verweist:
Wenn die Araber ihre Ölblockade durchhalten, steht uns einiges bevor. (DER SPIEGEL, 5.11.1973)
Willy Brandts Perspektive ist düster. Der Westen, so prophezeite der Kanzler am letzten Freitag am Rande der EG-Gipfelkonferenz in Kopenhagen, stehe ‚vor der größten Belastungsprobe seit der Weltwirtschaftskrise‘. (DER SPIEGEL, 17.12.1973)
Die Repräsentanten der arabischen Ölförderländer wurden als ‚Propheten der Krise‘ und als ‚Krisenverursacher‘ inszeniert, wie das folgende Beispiel zeigt:
‚Die Industrienationen laufen mit offenen Augen in die Katastrophe‘, warnte vor drei Wochen der Generalsekretär der Opec, Abder Rahman Khene, in einer Diskussion mit Staatssekretär Rohwedder in Bonn. ‚Die Bürger des Westens sollten sich lieber einen Pullover anziehen, sich in ihren Betten besser zudecken und den Autoverkehr einschränken, anstatt die Bodenschätze anderer Völker zu verschwenden‘. Die Visionen des Ölfunktionärs könnten schon in den nächsten Monaten bittere Realität werden, dann nämlich, wenn Arabiens Machthaber den Ölhahn zudrehen. (ZEIT, 19.10.1973)
Innerhalb dieser Akteurskonstellation befanden sich ‚die BRD‘ bzw. ‚der Westen‘ in einem Ölkrieg mit den arabischen Ländern, die Öl als Waffe zur Durchsetzung ihrer politischen Ziele einsetzen würden – so die gängige metaphorische Darstellung der Krisensituation. Durch Fremdzuschreibung mit kulturalistischem Einschlag wurde dabei dem Ölscheich oder dem Araber die Schuld an der Krise gegeben. Diese rassistische Feindbildkonstruktion manifestiert sich beispielsweise in der Ölhahn-Metapher, mit der man ‚den Ölscheich‘ oder ‚den Araber‘ als erpresserisch, traditionalistisch und willkürlich charakterisierte. Weitere Eigenschaften, die ‚dem Araber‘ als ‚Buhmann der Krise‘ zugeschrieben wurden, waren etwa Unberechenbarkeit und Irrationalität, Lüsternheit und Raffgier, Prunksucht, Verschlagenheit sowie Rückständigkeit und Fanatismus.
Eine kleine Gruppe spärlich besiedelter, mittelalterlich regierter Länder am Persischen Golf, die jahrhundertelang keinerlei Rolle gespielt haben, hat sich über Nacht auf der Weltbühne ganz nach vorn gedrängt. Sie hat den Hebel entdeckt, mit dem sie unsere industrielle Welt aus den Angeln heben kann, und wird ihn freiwillig nicht wieder aus der Hand geben. Selbst wenn andere Förderländer es ablehnen, die Produktion zu drosseln oder Öl als politische Waffe einzusetzen – mehr Geld wollen sie alle. (ZEIT, 4.1.1974)
Die geballte Wirtschaftskraft der reichsten Industrie- und Handelsnationen der Welt gegen eine brüchige Koalition unterentwickelter Wüstenstaaten, Know-how und Technik des Okzidents gegen Schlendrian und Analphabetentum des Orients: In einem totalen Handelskrieg zwischen West und Nahost scheinen die Industrieherren den arabischen Ölprinzen weit überlegen. (DER SPIEGEL, 26.11.1973)
Öffentlich verbreitete Kollektivnamen waren dementsprechend: Herren der Wüste, Könige aus dem Morgenland, Muselmann, Ölaraber, Ölpotentanten, Orientale, Wüstenbewohner, Wüstenherrscher, Wüstenherren.
Es wurde öffentlich behauptet, die Aktionen der erdölexportierenden Länder und das politische Fehlverhalten der Bundesregierung (insbesondere die schlechte Krisenkommunikation) verstärkten das Krisenbewusstsein und lösten Furcht aus, was zu einer Kaufzurückhaltung oder zu übertriebenen Vorratskäufen führen würde. Dadurch habe sich die Lage verschlimmert und schließlich wurde auch ‚dem Verbraucher‘ die Schuld an der Krise gegeben.
In der Rolle des ‚Krisenmanagers‘ konnte sich Finanzminister Helmut Schmidt inszenieren und so zur Demontage Willy Brandts beitragen (dieses Muster setzt sich fort, denn später, in seiner ersten Regierungserklärung, rechtfertigte Helmut Kohl den Sturz von Helmut Schmidt damit, dass dieser unfähig sei, die Krise zu bewältigen):
Der Mann, dessen konkrete Visionen von einem ausbalancierten Gleichgewicht in Europa der sozial-liberalen Koalition die allseits anerkannte Ostpolitik eingebracht hat, hält es nicht mit der Innenpolitik. […] Schmidt: ‚Was sind wir denn? Im Grunde eine etwas bessere CDU-Regierung. Wir machen alles so recht und schlecht. Die Frage ist, ob das Land dabei vorankommt‘. […] ‚Der Willy hat diese Partei verludern lassen. Da arbeitet jeder gegen jeden. Das muß er allein in Ordnung bringen‘. […] Auch Wehner klagt: ‚Es fehlt ein wirtschaftlicher Kopf im Kanzleramt‘. (DER SPIEGEL, 10.12.1973)
Als diejenige Gruppe, die Opfer bringen müsse, war die Bevölkerung der ‚Krisenverlierer‘:
Das Recht auf Arbeit ist ein elementares, in unserer Verfassung garantiertes Grundrecht. Deshalbwird es notwendig sein, daß alle Opfer bringen, um die Sicherheit der Arbeitsplätze weitgehend zu gewährleisten. (SZ, 27.11.1973)
Opfer bringen galt allgemein als Voraussetzung für die Sicherheit von Arbeitsplätzen, weshalb Kurzarbeit eingeführt oder Zurückhaltung bei Lohnforderungen geübt werden müsse oder der Stopp der Anwerbung von Gastarbeitern notwendig sei. In der ‚Ölkrise‘ 1973/74 konstituierte sich ein kollektives Sparbewusstsein, das sich u. a. in Appellen an die Solidarität der Deutschen – die so auf entbehrungsreiche Zeiten eingestimmt werden sollten – und an freiwillige Einsparungen sowie in der diskursiv hergestellten Notwendigkeit einer Sparpolitik zeigte, worin sich Tendenzen künftiger Krisendiskurse abzeichneten.
Ca. 10 Jahre später, im Krisenjahr 1982 (vgl. zum Folgenden ausführlich Römer 2017: 302–403), hatte sich die Akteurskonstellation im Krisendiskurs so zugespitzt, dass sich die Akteure im Diskurs zwei Positionen zuordnen lassen: ‚Wendebefürworter‘ auf der einen und ‚Wendegegner‘ auf der anderen Seite. Die Wendebefürworter plädierten für das Ende der sozial-liberalen Ära und eine sozial- und wirtschaftspolitische Neuausrichtung zur Krisenlösung. Als ‚Verursacher der Krise‘ galt dieser Position entsprechend (nicht ausschließlich) nun der Sozialstaat und eine mit diesem einhergehende ‚Anspruchsmentalität‘, weshalb entsprechende Sparmaßnahmen oder eben Sparpolitik – so zeittypische Schlagwörter – notwendig seien:
Sozialpolitik [hat sich] in den letzten Jahren zunehmend mehr zu einer Politik des sozialen Komforts entwickelt. […] Die Sozialpolitik der letzten Jahre war vor allem durch ein Merkmal gekennzeichnet: durch Übertreibungen. […] Sozialpolitik muß daher endlich auf das Maß des Normalen zurückgeführt werden. Erst dann wird sie wieder ausgewogen im eigentlichen Sinne des Wortes sein. Die Vorschläge der neuen Koalition zielen in diese Richtung […]. Sie geben damit der polemisch gedachten Formel der ‚Ausgewogenheit‘ einen richtigen Inhalt. (FAZ, 30.9.1982)
Nichts aber hat die gegenwärtige ökonomische Misere so befördert wie die beständig vorangetriebene Sozialisierung persönlicher Risiken – gemeinhin ‚Ausbau des Sozialstaates‘ genannt. […] Je dichter das soziale Netz geknüpft wurde, umso übermächtiger wurde die Versuchung, es sich darin bequem zu machen – und umso geringer der Anreiz zur eigenen Leistung. […] Gefährdet ist der Wohlstand für alle.
(ZEIT, 17.9.1982)
Wendegegner folgerten aus dem Zusammenhang zwischen geringem Wirtschaftswachstum und hoher Arbeitslosigkeit, der Staat müsse eine aktive Konjunktur- und Beschäftigungspolitik betreiben, indem er Konsumanreize kreiere, um die Wirtschaft zu beleben und die Beschäftigung zu fördern. Außerdem sahen sie in der Wende eine Bedrohung für die soziale Sicherheit, weshalb sie vor bestimmten Maßnahmen – wie der Kürzung des Arbeitslosengeldes oder der Selbstbeteiligung bei den Krankenkosten warnten. Das heißt, je nach Diskursposition wurde der Sozialstaat in verschiedenen Rollen inszeniert, als Problem oder Lösung der Krise.
Nach 16-jähriger Amtszeit verlor die Bundesregierung unter Helmut Kohl Ende der 1990er die Gunst der Bevölkerung. Viele Wähler:innen waren von der liberal-konservativen Sozial- und Wirtschaftspolitik enttäuscht, weil sich ihre Hoffnungen auf eine Wende nicht erfüllt hatten, so eine zeitgeschichtliche Deutung (vgl. Butterwegge 2014: 155). Gepaart mit der Wahrnehmung einer Globalisierung genannten Zeitenwende war dementsprechend öffentlich viel die Rede von einem Reformstau, womit stärker als in den Jahrzehnten zuvor Forderungen nach Veränderungen einhergingen, insbesondere der Sozialstaat müsse umgebaut, der Arbeitsmarkt flexibilisiert und die Wirtschaft dereguliert werden. Diese Diskurskonstellation fand einen Höhepunkt in der Berliner Rede (oder sogenannten Ruck-Rede) des Bundespräsidenten Roman Herzog am 26. April 1997, in der dieser auf die Dringlichkeit sozial-, wirtschafts- und bildungspolitischer Reformen hinwies.
Der Globalisierungs- und Reformdiskurs verdichtete sich in der bekannten politischen Äußerung Herzogs:
Durch Deutschland muß ein Ruck gehen. Wir müssen Abschied nehmen von liebgewordenen Besitzständen. Alle sind angesprochen, alle müssen Opfer bringen, alle müssen mitmachen. (Herzog 1997)
Zeittypische Schlagwörter und formelhafte Wendungen der sozial- und wirtschaftspolitischen Diskussionen, in denen sich entsprechende Schlussfolgerungen für politisches Handeln manifestieren, waren neben Reformstau, Globalisierung, Umbau, Flexibilisierung und Deregulierung u. a. Eigenverantwortung, Wettbewerb, Standort (Deutschland), Senkung der Lohnnebenkosten, Steuererleichterungen, schlanker Staat durch Privatisierung und Bürokratieabbau (vgl. Klein 2015: 77).
Unterstützt durch die Öffentlichkeitsarbeit von Denkfabriken und Lobbyorganisationen (etwa die Bertelsmann-Stiftung, die Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft oder den Bürgerkonvent) und den Rat von Expert:innen in der Rolle von ‚Krisenerklärern‘ (speziell der ‚Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung‘ bzw. die ‚Wirtschaftsweisen‘ vermittelten ein bestimmtes Krisenbild und erweckten den Eindruck von Alternativlosigkeit) entwickelte sich der sozial- und wirtschaftspolitische Krisendiskurs seit den 1970er Jahren parteiübergreifend zu einem Diskurs der Befürworter einer neoliberalen Wende. Zentrales diskursives Ereignis in diesem Zusammenhang ist die Regierungserklärung von Bundeskanzler Gerhard Schröder vom 14. März 2003, in der das Agenda 2010 genannte Reformprogramm verkündet wurde.
Insbesondere in der Debatte über den Sozialstaat (aber auch an unterschiedlichen Begriffen von ‚Gerechtigkeit‘, etwa ‚Verteilungsgerechtigkeit‘ vs. ‚Chancengerechtigkeit‘), der seit den 1980er Jahren als ‚Krisenverursacher‘ galt, zeigt sich die diskurstypische Akteurskonstellation: Im Gegensatz zu den Wendebefürwortern bzw. Befürwortern der angestrebten sozial- und wirtschaftspolitischen Maßnahmen sahen ihre Gegner – wie die Gewerkschaften und der linke Flügel der SPD – das Ziel der sozialen Sicherheit als durch die Agenda 2010 bedroht, was zur Ablehnung derselben führte. Die rot-grüne Bundesregierung wolle mit den Reformen nicht die soziale Sicherheit erhalten, sondern den Sozialstaat abschaffen, so die Warnung. Dieses Argumentationsmuster (Topos der sozialen Sicherheit, vgl. Römer 2017: 469) verdichtete sich bei den Wendegegnern im als Vorwurf gebrauchten Schlagwort Sozialabbau und in der Formel Einschnitt ins soziale Netz, was zu betreiben man den Wendebefürwortern vorwarf.
IG-Metall-Chef Klaus Zwickel nannte Schröders Reformpläne ‚einseitig und ungerecht‘: ‚Sie belasten ausschließlich Arbeitnehmer, Arbeitslose und Kranke‘. Schon heute wollen Zwickel und DGB-Chef Michael Sommer bei einer Kundgebung in Hamburg gegen ‚Sozialabbau‘ mobil machen. (BILD, 02.04.2003, Gewerkschaften wollen gegen Kanzler demonstrieren)
Die Parteilinke warnt in einem Brief an Schröder entschieden vor drastischen Einschnitten ins soziale Netz. (BILD, 10.3.2003)
Literatur
Zum Weiterlesen
- Römer, David (2017): Wirtschaftskrisen. Eine linguistische Diskursgeschichte. Berlin, Boston: De Gruyter.
- Wengeler, Martin; Römer, David (2025): Linguistische Diskursgeschichte. Einführung in die Analyse des öffentlich-politischen Sprachgebrauchs nach 1945. Berlin, Boston: De Gruyter. [Kap. 6.3]
Zitierte Literatur
- Butterwegge, Christoph (2014): Krise und Zukunft des Sozialstaates. 5., aktual. Aufl. Wiesbaden: Springer.
- Etymologisches Wörterbuch des Deutschen (1993): Krise. Digitalisierte und von Wolfgang Pfeifer überarbeitete Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache. Online unter: https://www.dwds.de/wb/etymwb/Krise ; Zugriff: 04.03.2025.
- Herzog, Roman (1997): Berliner Rede 1997 von Bundespräsident Roman Herzog. Online unter: https://www.bundespraesident.de/SharedDocs/Reden/DE/Roman-Herzog/Reden/1997/04/19970426_Rede.html ; Zugriff: 20.06.2025.
- Klein, Josef (2015): Blühende Landschaften – Scheinasylanten – Globalisierung. Sprache und Politik in den 1990er Jahren. In: INDES, Jg. 2015, Heft 1, S. 69–78.
- Kluge, Friedrich (2011): Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache. Berlin, Boston: De Gruyter.
- Koselleck, Reinhart (2006): Begriffsgeschichten. Studien zur Semantik und Pragmatik der politischen und sozialen Sprache. Frankfurt a. M: Suhrkamp.
- Kreft, Ursula; Uske, Hans (2004): Die Normalisierung der Armut. In: DISS-Journal. Zeitung des Duisburger Instituts für Sprach- und Sozialforschung (DISS), Jg. 12, S. 11–15.
- Kuck, Kristin (2016): Krisenviren und der drohende Infarkt des Finanzsystems. Metaphorische Rechtfertigungen von Krisenpolitik. In: Jahrbuch für Wirtschaftsgeschichte 2, S. 493–518.
- Kuck, Kristin (2018): Krisenszenarien. Metaphern in wirtschafts- und sozialpolitischen Diskursen. Berlin, Boston: De Gruyter.
- Kuck, Kristin; Römer, David (2012): Metaphern und Argumentationsmuster im Mediendiskurs zur „Finanzkrise“. In: Peltzer, Anja; Lämmle, Kathrin; Wagenknecht, Andreas (Hrsg.): Krise, Cash & Kommunikation. Die Finanzkrise in den Medien. Konstanz: Herbert von Halem, S. 71–93.
- Link, Jürgen (2009): „Ein 11. September der Finanzmärkte.“ Die Kollektivsymbolik der Krise zwischen Apokalypse, Normalisierung und Grenzen der Sagbarkeit. In: KultuRRevolution. Zeitschrift für angewandte Diskurstheorie, Jg. 2009, Heft 55/56, S. 10–15.
- Römer, David (2017): Wirtschaftskrisen. Eine linguistische Diskursgeschichte. Berlin, Boston: De Gryuter.
- Wengeler, Martin (2015): Die Analyse von Argumentationsmustern als Beitrag zur „transtextuell orientierten Linguistik“. In: Kämper, Heidrun; Warnke, Ingo H. (Hrsg.): Diskurs – interdisziplinär. Zugänge, Gegenstände, Perspektiven. Berlin, Boston: De Gruyter, S. 47–62.
Abbildungsverzeichnis
- Abb. 1: DWDS (2025): DWDS-Verlaufskurve für „Krise“, erstellt durch das Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache. Online unter: https://www.dwds.de/r/plot/?view=1&corpus=dta%2Bdwds&norm=date%2Bclass&smooth=spline&genres=0&grand=1&slice=10&prune=0.05&window=3&wbase=0&logavg=0&logscale=0&xrange=1600%3A1999&q1=Krise ; Zugriff: 21.11.2025.
- Abb. 2: DWDS (2025): DWDS-Verlaufskurve für „Krise“, erstellt durch das Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache. Online unter: https://www.dwds.de/r/plot/?view=1&corpus=zeitungenxl&norm=date%2Bclass&smooth=spline&genres=0&grand=1&slice=1&prune=0.05&window=0&wbase=0&logavg=0&logscale=0&xrange=1946%3A2024&q1=Krise ; Zugriff: 21.11.2025.
Zitiervorschlag
Römer, David (2025): Krise. In: Diskursmonitor. Glossar zur strategischen Kommunikation in öffentlichen Diskursen. Hg. von der Forschungsgruppe Diskursmonitor und Diskursintervention. Veröffentlicht am 22.12.2025. Online unter: https://diskursmonitor.de/glossar/krise.
DiskursGlossar
Grundbegriffe
Diskurssemantische Verschiebung
Mit dem Begriff der diskurssemantischen Verschiebung wird in der Diskursforschung ein Wandel in der öffentlichen Sprache und Kommunikation verstanden, der auf mittel- oder län-gerfristige Veränderung des Denkens, Handelns und/oder Fühlens größerer Gesellschafts-gruppen hinweist.
Domäne
Der Begriff der Domäne ist aus der soziologisch orientierten Sprachforschung in die Diskursforschung übernommen worden. Hier wird der Begriff dafür verwendet, um Muster im Sprachgebrauch und kollektiven Denken von sozialen Gruppen nach situationsübergreifenden Tätigkeitsbereichen zu sortieren.
Positionieren
Positionieren ist Grundbestandteil menschlicher Kommunikation. Wann immer wir miteinander interagieren und kommunizieren, bringen wir uns selbst, andere und die Objekte, über die wir sprechen, in bestimmte Relationen zueinander.
Deutungsmuster
Unter einem Deutungsmuster wird die problem- und lösungsbezogene Interpretation gesellschaftlicher und politischer Tatbestände verstanden, die Aussicht auf Akzeptanz in sozialen Gruppen hat. Der Begriff des Deutungsmusters hat Ähnlichkeit mit den Begriffen der Theorie und Ideologie. Meist werden gesellschaftlich verbreitete Leitdeutungen, die oft mit Schlagwörtern und Argumentationsmustern einhergehen (wie Globalisierung, Kapitalismus, Leistungsgesellschaft, Chancengleichheit etc.) als Beispiele für Deutungsmuster genannt.
Sinnformel
‚Wer sind wir? Woher kommen, wo stehen und wohin gehen wir? Wozu leben wir?‘ Auf diese und ähnliche existentielle Fragen geben Sinnformeln kondensierte Antworten, die in privaten wie sozialen Situationen Halt und Argumenten in politischen und medialen Debatten einen sicheren Unterbau geben können.
Praktik
Eine Praktik ist ein spezifisches, situativ vollzogenes und sinnhaftes Bündel von körperlichen Verhaltensweisen, an dem mehrere Menschen und Dinge beteiligt sein können (z. B. Seufzen, um Frust auszudrücken, oder einen Beschwerdebrief schreiben, Fußballspielen).
Kontextualisieren
Kontextualisieren wird im allgemeineren bildungssprachlichen Begriffsgebrauch verwendet, um das Einordnen von etwas oder jemandem in einen bestimmten Zusammenhang zu bezeichnen.
Narrativ
Mit der diskursanalytischen Kategorie des Narrativs werden Vorstellungen von komplexen Denk- und Handlungsstrukturen erfasst. Narrative in diesem Sinne gehören wie Schlagwörter, Metaphern und Topoi zu den Grundkategorien der Analyse von Diskursen.
Argumentation
Argumentation bezeichnet jene sprachliche Tätigkeit, in der man sich mithilfe von Gründen darum bemüht, die Richtigkeit einer Antwort auf eine bestimmte Frage zu erweisen. Das kann in ganz verschiedenen Situationen und Bereichen nötig sein, namentlich um eine poli-tische, wissenschaftliche, rechtliche, unternehmerische oder private Angelegenheit zu klären.
Hegemonie
Wie der britische Politikwissenschaftler Perry Anderson 2018 in einer umfassenden, historisch weit ausgreifenden Studie zum Gebrauch des Begriffs Hegemonie und seinen Konjunkturen beschreibt, liegen die historischen Wurzeln des Begriffs im Griechischen, als Bezeichnung für Führung (eines Staatswesens) mit Anteilen von Konsens.
Techniken
Dogwhistle
Unter Dogwhistle wird in Teilen der Forschung eine doppeldeutige Äußerung verstanden, die eine offene und eine verdeckte Botschaft an jeweils eine Zuhörerschaft kommuniziert.
Boykottaufruf
Der Boykottaufruf ist eine Maßnahme, die darauf abzielt, ein Ziel, also meist eine Verhaltensänderung des Boykottierten, hervorzurufen, indem zu einem Abbruch etwa der wirtschaftlichen oder sozialen Beziehungen zu diesem aufgefordert wird.
Tabuisieren
Das Wort Tabuisierung bezeichnet die Praxis, etwas Unerwünschtes, Anstößiges oder Peinliches unsichtbar zu machen oder als nicht akzeptabel zu markieren. Das Tabuisierte gilt dann moralisch als unsagbar, unzeigbar oder unmachbar.
Aus dem Zusammenhang reißen
Das Aus-dem-Zusammenhang-Reißen gehört in den Funktionskreis der Redewiedergabe bzw. der Wiedergabe kommunikativer Ereignisse. Es kann (1) als intentionale argumentativ-polemische Strategie für ganz unterschiedliche diskursive Zielsetzungen von Akteuren genutzt werden, oder (2) es kann SprecherInnen und SchreiberInnen in unbeabsichtigter, fehlerhafter Weise unterlaufen.
Lobbying
Lobbying ist eine Form strategischer Kommunikation, die sich primär an Akteure in der Politik richtet. Beim Lobbying wird ein Bündel von kommunikativen Tätigkeiten mit dem Ziel eingesetzt, die Entscheidungen von Personen mit politischem Mandat oder den Entstehungsprozess von neuen Gesetzestexten interessengeleitet zu beeinflussen.
Karten
Karten dienen dazu, Raumausschnitte im Hinblick auf ausgewählte Charakteristika so darzustellen, dass die Informationen unmittelbar in ihrem Zusammenhang erfasst und gut kommuniziert werden können. Dazu ist es notwendig, Daten und Darstellungsweisen auszuwählen und komplexe und oft umkämpfte Prozesse der Wirklichkeit in einfachen Darstellungen zu fixieren.
Pressemitteilung
Pressemitteilungen sind standardisierte Mitteilungen von Organisationen, die sich an Journalist:innen und andere Multiplikator:innen richten. Sie dienen der offiziellen und zitierfähigen Informationsweitergabe und übernehmen zugleich strategische Funktionen in der öffentlichen Kommunikation und Meinungssteuerung.
Shitstorm
Der Begriff Shitstorm beschreibt eine relativ junge Diskurskonstellation, die seit den 2010er Jahren an Bedeutung gewonnen hat und gemeinhin als Online-Wutausbruch bezeichnet wer-den kann.
Tarnschrift
Als Tarnschrift bezeichnet man unter den Bedingungen von Zensur und Verfolgungsrisiko veröffentliche Texte, die insbesondere in der strategischen Kommunikation des NS-Widerstands eine zentrale Rolle spielten.
Ortsbenennung
Die Benennung von Orten dient in erster Linie dazu, den jeweiligen geografischen Ort zu lokalisieren und ihn zu identifizieren. Doch Ortsnamen besitzen eine soziale Dimension und spielen eine entscheidende Rolle bei der sprachlich-kulturellen Identitätskonstruktion.
Schlagwörter
Echokammer
Der Begriff der Echokammer steht in seiner heutigen Verwendung vor allem im Zusammenhang mit der Nutzung Sozialer Medien. Er verweist metaphorisch auf einen digitalen Kommunikations- und Resonanzraum, in dem Mediennutzer*innen lediglich Inhalten begegnen, die ihre eigenen, bereits bestehenden Ansichten bestätigen, während abweichende Perspektiven und Meinungen ausgeblendet bzw. abgelehnt werden.
Relativieren
Der Ausdruck relativieren besitzt zwei zentrale Bedeutungsvarianten: In bildungssprachlichen und wissenschaftlichen Kontexten bezeichnet er eine analytische Praxis, bei der Aussagen, Begriffe oder Phänomene durch Bezugnahme auf andere Sachverhalte eingeordnet, differen-ziert und in ihrer Geltung präzisiert werden.
Massendemokratie
Geprägt wurde der Begriff Massendemokratie im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts von völkisch-konservativen Akteuren (prominent darunter Carl Schmitt 1926). Der Ausdruck Masse hatte damals bei den bürgerlichen Eliten eine rundum bedrohliche Assoziation.
Social Bots
Als Social Bots werden Computerprogramme bezeichnet, die in der Lage sind, in sozialen Medien Kommunikation menschlicher Nutzer*innen (teilweise) automatisiert nachzuahmen.
Kriegsmüdigkeit
Der Ausdruck Kriegsmüdigkeit bezeichnet die emotionale und physische Erschöpfung von Menschen, die einen Krieg erleben, sowie die gesellschaftliche und politische Ermüdung angesichts langanhaltender Konflikte. Er beschreibt den sinkenden Kampfeswillen bei Kriegsparteien und heute wird er auch für das wachsende Desinteresse an Kriegsthemen in Medien und Öffentlichkeit genutzt.
Woke
Der Ausdruck woke stammt aus dem afroamerikanischen Englisch und bezeichnete dort zunächst den Bewusstseinszustand der Aufgeklärtheit über die Verbreitung von rassistischen Vorurteilen und Diskriminierung unter Angehörigen ethnischer Minderheiten.
Identität
Unter Identität versteht man allgemein die Summe von Merkmalen, die Individuen oder sozialen Kollektiven – etwa Nationen, Organisationen oder sozialen Gruppen – als charakteristisch oder gar als angeboren zugeordnet werden.
Wohlstand
Unter Wohlstand sind verschiedene Leitbilder (regulative Ideen) zu verstehen, die allgemein den Menschen, vor allem aber den Beteiligten an politischen und wissenschaftlichen Diskursen (politisch Verantwortliche, Forschende unterschiedlicher Disziplinen usw.) eine Orientierung darüber geben sollen, was ein ‚gutes Leben‘ ausmacht.
Remigration
Der Begriff Remigration hat zwei Verwendungsweisen. Zum einen wird er politisch neutral verwendet, um die Rückkehrwanderung von Emigrant:innen in ihr Herkunftsland zu bezeichnen; die meisten Verwendungen beziehen sich heute jedoch auf Rechtsaußendiskurse, wo das Wort der euphemistischen Umschreibung einer aggressiven Politik dient, mit der nicht ethnisch deutsche Immigrant:innen und ihren Nachfahr:innen zur Ausreise bewegt oder gezwungen werden sollen.
Radikalisierung
Das Adjektiv radikal ist ein mehrdeutiges Wort, das ohne spezifischen Kontext wertneutral gebraucht wird. Sprachhistorisch bezeichnete es etwas ‚tief Verwurzeltes‘ oder ‚Grundlegendes‘. Dementsprechend ist radikales Handeln auf die Ursache von etwas gerichtet, indem es beispielsweise zugrundeliegende Systeme, Strukturen oder Einstellungen infrage stellt und zu ändern sucht.
Verschiebungen
Dehumanisierung
Mit Dehumanisierung bzw. Anthropomorphisierung werden solche kommunikativen Techniken und Praktiken bezeichnet, die Personen, Sachverhalten oder Gegenständen menschliche Eigenschaften ab- bzw. zusprechen. Dehumanisierung und Anthropomorphisierung können sowohl durch sprachliche Mittel als auch durch andere, z. B. bildliche, Zeichen vollzogen werden.
Kriminalisierung
Kriminalität meint ein Verhalten, das gegen ein Gesetz verstößt. Folglich bedeutet Kriminalisierung im engeren Sinne den Vorgang, durch den Verhalten ungesetzlich gemacht wird – indem Gesetze geschaffen werden.
Versicherheitlichung
In akademischen Kontexten wird Versicherheitlichung in Abgrenzung zu einem naiv-realistischen Sicherheitsverständnis verwendet. Dieses betrachtet Sicherheit als einen universell erstrebenswerten und objektiv feststellbaren Zustand, dessen Abwesenheit auf das Handeln von Akteuren zurückzuführen ist, die feindselig, kriminell, unverantwortlich oder zumindest fahrlässig agieren.
Ökonomisierung
Ökonomisierung wird in gegenwärtigen Diskursen in der Regel zur Bezeichnung von Prozessen verwendet, in denen die spezifisch wirtschaftlichen Funktions-Elemente wie Markt, Wettbewerb/Konkurrenz, Kosten-Nutzen-Kalküle, Effizienz, Gewinnorientierung in Bereiche übertragen werden, die zuvor teilweise oder ganz nach anderen Leitkriterien ausgerichtet waren
Moralisierung
Moralisierung verlagert Macht- und Interessenkonflikte in die Sphäre der Kommunikation von Achtung / Missachtung. Sie reduziert Ambivalenz zugunsten einer Polarisierung von gut und böse.
Konstellationen
Partizipatorischer Diskurs
Partizipation ist mittlerweile von der Forderung benachteiligter Personen und Gruppen nach mehr Beteiligung in der demokratischen Gesellschaft zu einem Begriff der Institutionen selbst geworden: Kein Programm, keine Bewilligung mehr, ohne dass bestimmte Gruppen oder Personen dazu aufgefordert werden, für (mehr) Partizipation zu sorgen.
Skandal
Die Diskurskonstellation des Skandals zeichnet sich durch eine in den Medien aufgegriffene (bzw. durch sie erst hervorgerufene) empörte Reaktion eines erheblichen Teils der Bevölkerung auf einen tatsächlichen oder vermeintlichen Missstand aus. Die schuldhafte Verursachung dieses Missstandes wird dabei einem gesellschaftlichen Akteur zugeschrieben, dessen Handeln als ‚unmoralisch‘ gedeutet wird.
DiskursReview
Review-Artikel
„Stadtbild“ – Eine gedankliche Chiffre im politischen Diskurs
Fragen Sie mal Ihre Töchter, was ich damit gemeint haben könnte, und wiederholte, er habe gar nichts zurückzunehmen und wolle an dieser Politik festhalten
Musk, Zuckerberg, Döpfner – Wie digitale Monopole die Demokratie bedrohen und wie könnte eine demokratische Alternative dazu aussehen?
Die Tech-Milliardäre Musk (Tesla, X,xAI) Zuckerberg (Meta), Bezos (Amazon) oder Pichai (Alphabet) sind nicht Spielball der Märkte, sondern umgekehrt sind die Märkte Spielball der Tech-Oligopolisten geworden.
Beobachtung zum Begriff „Diplomatie“ beim Thema Ukraine im Europäischen Parlament
Von EU-Vertretern waren zur Ukraine seit 2022 vor allem Aussagen zu hören, die sich unter dem Motto „as long as it takes“ beziehungsweise „so lange wie nötig“ für die Erweiterung der militärischen Ausstattung und der Verlängerung des Krieges aussprachen. Vorschläge oder Vorstöße auf dem Gebiet der „Diplomatie“ im Sinne von ‚Verhandeln (mit Worten) zwischen Konfliktparteien‘ gab es dagegen wenige, obwohl die klare Mehrheit von Kriegen mit Diplomatie beendet wurden (vgl. z.B. Wallensteen 2015: 142)
Die Macht der Worte 4/4: So geht kultivierter Streit
DiskursReview Die Macht der Worte (4/4):So geht kultivierter Streit Begleittext zum Podcast im Deutschlandfunk (1) Wörter als Waffen (2) Freund-Feind-Begriffe (3) Sprachliche Denkschablonen (4) So geht kultivierter StreitEin Text vonvon Friedemann VogelVersion: 1.0 /...
Die Macht der Worte 3/4: Sprachliche Denkschablonen
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Die Macht der Worte 2/4: Freund-Feind-Begriffe
DiskursReview Die Macht der Worte (2/4): Freund-Feind-Begriffe Begleittext zum Podcast im Deutschlandfunk (1) Wörter als Waffen (2) Freund-Feind-Begriffe (3) Sprachliche Denkschablonen (4) So geht kultivierter StreitEin Text vonvon Friedemann VogelVersion: 1.0 /...
Die Macht der Worte 1/4: Wörter als Waffen
DiskursReviewDie Macht der Worte (1/4): Wörter als Waffen Begleittext zum Podcast im Deutschlandfunk (1) Wörter als Waffen (2) Freund-Feind-Begriffe (3) Sprachliche Denkschablonen (4) So geht kultivierter StreitEin Text vonvon Friedemann VogelVersion: 1.0 / 06.03.2025...
Relativieren – kontextualisieren – differenzieren
Die drei Handlungsverben relativieren, kontextualisieren, differenzieren haben gemein, dass sie sowohl in Fachdiskursen als auch im mediopolitischen Interdiskurs gebraucht werden. In Fachdiskursen stehen sie unter anderem für Praktiken, die das Kerngeschäft wissenschaftlichen Arbeitens ausmachen: analytische Gegenstände miteinander in Beziehung zu setzen, einzuordnen, zu typisieren und zugleich Unterschiede zu erkennen und zu benennen.
Wehrhafte Demokratie: Vom Wirtschaftskrieg zur Kriegswirtschaft
Weitgehend ohne Öffentlichkeit und situiert in rechtlichen Grauzonen findet derzeit die Militarisierung der ursprünglich als „Friedensprojekt“ gedachten EU statt.
Tagung 2025: „Das geht zu weit!“ Sprachlich-kommunikative Strategien der Legitimierung und Delegitimierung von Protest in öffentlichen, medialen und politischen Diskursen
„Das geht zu weit!“ Sprachlich-kommunikative Strategien der Legitimierung undDelegitimierung von Protest in öffentlichen, medialen und politischen Diskursen Tagung der Forschungsgruppe Diskursmonitor Tagung: 04. bis 5. Juni 2025 | Ort: Freie Universität Berlin...