
DiskursGlossar
Diskursfigur
Kategorie: Grundbegriffe
Verwandte Ausdrücke: Sozialfigur, Figur, Persona
Siehe auch: Kollektivsymbol, Akteur, Wissen, Erzählen, Narrativ, Sinnformel, Topos, Image
Autor: Friedemann Vogel
Version: 1.0 / Datum: 06.09.2026
Kurzzusammenfassung
Diskursfiguren – wie der Held oder der Experte, das Genie, der Gefährder, Gutmensch, Nerd oder Psychopath – sind im medial-politischen Diskurs konstruierte und verbreitete Vorstellungen von Handlungsträgern, die stereotypisch mit bestimmten Eigenschaften assoziiert werden. Sie erhalten durch musterhaften Sprachgebrauch, aber auch durch bildhafte Darstellungen eine kommunizierbare, wiedererkennbare Kontur. Als Denk- und Deutungsschablonen dienen sie dazu, Personen oder gesellschaftliche Gruppen zu etikettieren (X ist ein Held / Y ist auch kein Heiliger) und auf diese Weise Erwartungen (Hoffnungen wie Ängste) und Handlungsimperative (Vorbild oder Antivorbild) beim Publikum zu steuern. Diskursfiguren dienen so auch als Koordinaten für die Diskursteilnehmer, um sich auf dem politisch-sozialen Feld zwischen ‚Freund‘, ‚Gegner‘ und ‚Feind‘ zu orientieren und zu positionieren. Das heißt, Diskursfiguren ermöglichen dem Einzelnen, sich selbst (Ich bin sowas wie ein Hacker) und andere als Teil von Eigen- und Fremdgruppen zu stilisieren und zu identifizieren.
Diskursfiguren gehören zum Repertoire der Kollektivsymbole und fungieren ähnlich wie Schlagwörter als gestaltendes Hilfsmittel in Narrativen und Argumentationen, solange sie im kollektiven Gedächtnis einer Gruppe oder Gesellschaft präsent sind.
Der hier präferierte Begriff von Diskursfigur hat Ähnlichkeit mit dem sozialwissenschaftlichen Begriff der Sozialfigur, betont im Unterschied zu diesem aber die Rolle von Sprachgebrauchsmustern und kommunikativen Praktiken bei historischer Entwicklung und strategischem Einsatz.
Erweiterte Begriffsklärung
In der Forschung existieren verschiedene Begriffe, um das hier beschriebene Phänomen einzuordnen. In der Diskurslinguistik gibt es keine einheitliche Verwendung des Begriffs Diskursfigur. Der Ausdruck wird einerseits verwendet, um einen typisierten Referenzakteur zu bezeichnen, dem in Texten wiederkehrende Eigenschaften zugeschrieben werden. In diesem Sinne findet sich der Begriff etwa bei Konstanze Marx (2017: 170) im Kontext von Cybermobbing, wenn sie von „fokalen Diskursfiguren“ als Textreferenten spricht, denen Vergehen gegen moralische und soziale Normen zugeschrieben werden (ebd.: 189). Andererseits wird unter Diskursfigur auch lediglich ein ‚wiederkehrendes gedankliches Deutungsschema‘ verstanden, weitgehend synonym mit Begriffen wie Frame, Deutungsmuster oder auch Narrativ. Eine Mischung beider Verständnisse findet sich zum Beispiel im Konzept der „diskurssemantischen Grundfigur“, wie sie Dietrich Busse (1997) für das „Eigene“ und „Fremde“ als Ordnungskategorien des kulturhistorisch gewachsenen Wissens skizziert hat.
Diskursive Grundfiguren ordnen textinhaltliche Elemente, steuern u[nter] U[mständen] ihr Auftreten an bestimmten Punkten des Diskurses, bestimmen eine innere Struktur des Diskurses, die nicht mit der thematischen Struktur der Texte, in denen sie auftauchen, identisch sein muß, und bilden ein Raster, das selbst wieder als Grundstruktur diskursübergreifender epistemischer Zusammenhänge wirksam werden kann. Diskursive Grundfiguren sind in diesem Sinne nicht unbedingt an einen bestimmten Diskurs gebunden oder auf einen einzigen Diskurs beschränkt, sondern sie können selbst wiederum in verschiedenen Diskursen zugleich auftauchen; dadurch tragen sie zu interdiskursiven Beziehungen bei, die auf Diskursebene vielleicht demjenigen entsprechen, was mit Bezug auf die Textebene in der Textlinguistik als intertextuelle Beziehungen untersucht worden ist. Aus diesem Grunde haben diskursive Grundfiguren eine Geschichte, die sich nicht notwendig auf den Zeitraum und das Auftreten des gegenwärtigen Bezugsdiskurses (der Analyse) beschränken muß. (Busse 1997: 19 ff.)
Vogel (in Vorb.) versteht unter Diskursfiguren kollektiv geteilte Vorstellungen, Annahmen und Erwartungen zu typisierten Handlungsträgern, die durch musterhaft verfestigte Sprachformen und bildhafte Darstellungen im Diskurs konstruiert, aufgerufen und reproduziert werden. Diese typisierten Handlungsträger werden mit einem Bündel von sozialen Eigenschaften und Wertungen assoziiert, die nicht alle sprachlich ausgedrückt, aber mitgedacht (inferiert) werden. Zu diesen Eigenschaften gehören vor allem typische positiv oder negativ bewertete Verhaltensweisen, die eine Vorbild- oder auch abschreckend-disziplinierende Funktion für Betrachter haben. Wird eine Person etwa als Clown typisiert, wird ihr zugeschrieben und ein Stück weit gestattet, sich irrational und nonkonform zu verhalten, ohne dass damit schärfere Sanktionen (z. B. Ausschluss) verbunden wären. Auch die Diskursfigur des Psychopathen wird mit Irrationalität verbunden, sein kommunikatives wie körperliches Verhalten jedoch gilt als inakzeptabel und ist mit Ausschluss bedroht. Der Held wiederum ist eine Figur, die sich aufopferungsvoll für andere einsetzt, (dafür) Bewunderung genießt und Nachahmungserwartungen transportiert. Diskursfiguren fungieren damit als Deutungsrahmen und haben Modellcharakter in Diskursen, das heißt sie
- dienen als symbolische Ressource, um sich selbst oder andere zu stilisieren, damit zu etikettieren und abzugrenzen (Authentifizierungsfunktion);
- fungieren als symbolische Positionskoordinaten auf dem soziopolitischen Feld zwischen ‚Freund‘, ‚Gegner‘ und ‚Feind‘ und tragen so zur Ko-Orientierung zwischen Gesellschaftsmitgliedern bei (Positionierungsfunktion);
- tragen zur erzählerischen Herstellung von Sinnzusammenhängen bei (narrative Funktion);
- werden zur rhetorischen Legitimierung normativer (deontischer) Aussagen eingesetzt (Argumentationsfunktion).
Diese Funktion erfüllen auch Ethnostereotype, wenn sie als öffentliche Images hinreichend verdichtet und verbreitet sind – etwa der Chinese, der Türke, der Pole, der Amerikaner (vgl. Vogel/Jia 2017; Vogel 2010).
Bei der sprachlich-bildhaften Konstitution kommen potentiell alle Formen in Betracht, die generell bei der Stereotypisierung von Personen oder Kollektiven im Gebrauch sind (vgl. Pümpel-Mader 2010; Vogel 2010). Manche Formen haben aber durch ihre vielfache Verwendung oder durch ihre grammatische Genese eine Schibboleth-Funktion, etwa Eponyme wie merkeln (‚konfliktvermeidend‘), trumpen (‚egozentrisch‘), guttenbergen (‚raubkopierend‘). Daneben werden Diskursfiguren schlicht durch popularisierte Substantive und (metonymische) Wortfelder reproduziert (Held, Retter, Vorbild, mutig, tapfer, standhaft versus Psychopath, Wahnsinniger, irrational, unberechenbar, impulsiv, fanatisch etc.). Auch visuelle Darstellungen und Symbole gehören zum semiotischen Baukasten von Diskursfiguren (z. B. Darstellung einer Person in Uniform und strahlendem Licht versus mit verzerrter Mimik und in weißer Zwangsjacke). Erkennbar sind Projektionen einer Diskursfigur auf eine Person oder Gruppe oft an einer typisierenden Zuschreibung wie X ist auch so ein / typischer / paradigmatischer Y.
Die Genese von Diskursfiguren ist noch wenig erforscht. Viele Diskursfiguren werden durch populäre fiktionale Texte (Märchen, Sagen, Erzähltexte usw.) und Medien (z. B. Kinofilme) geprägt und reproduziert; andere sind Gegenstand strategischer Kampagnen, die zur Disziplinierung gesellschaftlicher Mitglieder dienen, so etwa die auf Stigmatisierung zielenden nationalsozialistischen Kampagnen gegen Meckerer und Märzgefallene (vgl. Scholl 2022). Eine Disziplinierungsfunktion hat etwa auch die Diskursfigur des Gefährders, die ihren Ursprung allerdings in rechtlich-behördlichen Fachdiskursen hat und durch Massenmedien popularisiert wurde (vgl. Tripps/Vogel 2022).
Dem hier skizzierten diskurslinguistischen Begriff der Diskursfigur steht das soziologische Konzept der Sozialfigur nahe, zu dem zahlreiche, oft eher essayistische Publikationen vorliegen (vgl. etwa die Beiträge in Moebius/Schroer 2018), das Konzept allerdings kaum theoretisch ausgearbeitet wurde und damit in seiner Bedeutung oft vage bleibt. Ein Versuch, den Begriff stärker zu konturieren, unternehmen Moser und Schlechtriemen (2018): Bei Sozialfiguren gehe es um eine „Darstellungsform des Sozialen“, „um Versuche, Menschen typologisch zu unterscheiden und einzusortieren, allgemeinere Charakteristika anhand einer Einzelfigur herauszuarbeiten“ (ebd.: 164, 166). Gegenüber dem Begriff des „Idealtypus“ (in der Soziologie Webers) unterscheide sich die Sozialfigur dadurch, dass sie nicht ausschließlich in der Wissenschaft analytisch gebildet werde, sie könne ebenso in Romanen, Filmen oder öffentlichen Diskursen entstehen und entspringe dem Bedürfnis, prägende gesellschaftliche Erfahrungen anschaulich zu machen. Ähnlichkeit haben Sozialfiguren auch mit „sozialen Rollen“ (Parsons), insofern sie Verhaltenserwartungen steuern. Der Unterschied liege aber im Körperbezug von Sozialfiguren und in der Verbindlichkeit normativer Erwartbarkeiten sozialer Rollen (Rollen als institutionalisierte, gesellschaftlich weitgehend festgelegte Verhaltensmuster). Sozialfiguren bezeichneten demgegenüber „noch nicht bzw. nicht mehr institutionalisierte soziale Positionen“ (ebd.: 168). Ihr Auftreten zeige an, dass normative Erwartbarkeiten brüchig geworden sind oder sich im Wandel befinden.
In latenten Krisensituationen zeigen Sozialfiguren mögliche neue Reaktionen und Verhaltensweisen auf, die durch sie diskutiert werden können. […] Es geht nicht um die Abbildung der Persönlichkeit, sondern um die zugespitzte Darstellung gesellschaftlicher Problemlagen. (Moser/Schlechtriemen 2018: 171)
Mit dem Begriff der „sozialen Figuration“ (Norbert Elias) teile der Begriff der Sozialfigur die Vorstellung eines dynamischen, prozesshaften Gebildes – Sozialfiguren seien keine statischen Konstrukte, sondern bewegliche Verdichtungen gesellschaftlicher Tendenzen.
Bei vielen Publikationen zu Sozialfiguren bleibt die empirisch-methodische Basis unklar. Moser und Schlechtriemen (2018) schlagen ethnographische Zugänge, ergänzt um Medien- und Diskursanalysen vor. In der Diskurslinguistik werden Diskursfiguren aus korpusbasierten Text-, Interaktions- und Diskursanalysen zu rekurrenten Sprachgebrauchs- und Bildmustern – Benennungen, Prädikationen, Referenzierungen – erschlossen.
Schließlich werden „Figuren“, „Archetypen“ und „Gestalten“ auch in der Literatur-, Kunst- und Medienwissenschaft in vielfältiger Weise und mit sehr unterschiedlichen Konzepten beschrieben (vgl. Jannidis 2004). Ob im Märchen (Propp 1972), Drehbuch (Vogler 1992), im Drama oder Tanz, in der Theateraufführung oder Fotographie (Leschke/Heidbrink 2010) – im Kern geht es um die Erfassung von wiederkehrenden Einheiten aus (zeichen- bzw. körperbezogenen) Ausdrucksformen und für das Erzählen relevante Bedeutungs- bzw. Handlungsmuster, deren Beziehungen gattungsspezifisch und historisch nachvollzogen werden.
Beispiele
(1) Helden zählen wohl zu den ältesten Diskursfiguren der Diskursgeschichte. Ihnen werden besondere Fähigkeiten, moralische Stärke, Optimismus und Aufopferungsbereitschaft zum Wohle des Kollektivs bei der Bewältigung gesellschaftlicher Probleme und schwieriger ‚Prüfungen‘ zugeschrieben. Der Held übernimmt eine Vorbildfunktion, indem er zentrale Werte verkörpert und zugleich als frei von Fehlverhalten gilt (Fehler geschehen nur in seinem Umfeld). Sein Antipode ist entsprechend die Diskursposition der moralischen Verkommenheit (Antivorbild). Personen, die als Helden etikettiert werden, dienen als Vorbildfunktion und transportieren entsprechende Verhaltenserwartungen (insb. Gehorsam, Leidensfähigkeit u. ä.).
In der jüngeren Diskursgeschichte wurde der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj wiederholt als Held in Text und Bild inszeniert und damit auch um Unterstützung für ‚seine Sache‘ (militärischer Widerstand gegen den russischen Überfall = das Böse) geworben. Mit zunehmender Kriegsdauer und einem Abrücken westlicher Aufmerksamkeit für den Krieg etwa ab 2025, wandelte sich die Figur von einem ‚bewunderten‘ zu einem ‚bemitleideten‘ (tragischen) Helden, der ‚trotz bester Absichten unverschuldet vor dem Scheitern stehe‘.
Abb. 1: Selenskyj und Putin als Diskursfiguren (Spiegel Online, 04.03.2022)
Abb. 2: Selenskyj im Kleide der Popfigur „Captain America“ aus Marvel’s The Avengers (reddit, 2022)
Selenskyj – Plötzlich ein Held […] Der russische Angriff auf die Ukraine hat Präsident Wolodymyr Selenskyj in den Fokus der Weltöffentlichkeit gerückt. Sein Krisenmanagement machte Selenskyj binnen kurzer Zeit zu einer Heldenfigur (MDR, 27.03.2022)
Selenskyj: Der tragische Held (The Pioneer, 06.02.2026)
Vier Jahre Krieg / Selenskyj ist ein Jahrhundertheld ohnegleichen […] Der ukrainische Freiheitskampf gegen Russland kennt unzählige Helden, an der Front und im Zivilleben. Doch ohne Präsident Wolodymyr Selenskyj gäbe es das Land nicht mehr – auch, wenn er die russische Gefahr lange nicht hatte sehen wollen. (ntv, 24.02.2026)
TV-Doku offenbart das Ende von Selenskyjs Helden-Story […] Militärische Rückschläge, diplomatische Desaster und ein Korruptionsskandal: 2025 war für den ukrainischen Präsidenten ein weiteres Horrorjahr. Und markiert das Ende einer Helden-Story. […] Zunächst gefeiert als Held im Kampf gegen die russische Übermacht, muss sich Selenskyj nun mit einer neuen Rolle anfreunden: der des Sündenbocks. (Focus Online, 20.02.2026)
Der so tapfere und tragische Wolodymyr (Stern.de, 02.03.2026)
Helden und Heroisierungen wurden von verschiedenen Disziplinen in einem Sonderforschungsbereich untersucht (2012–2024; Ralf von den Hoff et al. 2013); eine anschauliche Analyse zum Helden-Motiv im Russland-Ukraine-Krieg bietet der kurze Aufsatz von Busch und Frick (2024).
(2) Genie (und Wahnsinniger)
Eine vielgebrauchte Diskursfigur zur Einordnung von Personen des öffentlichen Lebens ist das Genie. Das Wortfeld an gebrauchsverwandten Ausdrücken zu Genie konturiert die damit verbundene Vorstellung: Wunderkind, Naturtalent, Egozentriker, Schöngeist, Egoist, Dilletant, Genius, Visionär, Schlitzohr, Großmaul, Kindskopf u. a. (vgl. DerekoVecs). Im sprachlichen Umfeld (Kollokationen, siehe Korpus) von Genie stehen häufig die Wörter verkannt, Wahnsinn, schlampig, mathematisch, bei Jobsuche, schöpferisch, musikalisch, einsam, Scharlatan, exzentrisch, schlampert, dichterisch, unverstanden, frühreif, Irrsinn, Grat zwischen, kreativ, Wahn, aufblitzen, künstlerisch (DWDS Wortprofil). Betrachtet man Textauszüge – hier mit Bezug auf Elon Musk, zeigen sich wiederkehrende Wort-Kombinationen – und man erhält einen Eindruck von der Funktion der Diskursfigur:
Elon Musk Führungsstil – Zwischen Genie und Wahnsinn. Elon Musk ist kein Spinner, er ist ein Visionär. Elon Musk Führungsstil ist laut und fordernd. Wer glaubt, dass Elon Musk ein lockerer Chef ist, der wird enttäuscht sein. Elon Musk stellt sich Herausforderungen, die praktisch unlösbar sind. Seine Messlatte liegt sehr sehr hoch. Das Gleiche verlangt er aber auch von seinen Mitarbeitern. (Business-Leaders.net, 04.02.2026)
Zwischen Genie und Wahnsinn. Fährt Elon Musk Tesla an die Wand? Hopp oder Flop, das ist hier die Frage. Elon Musk spielt derzeit ein gefährliches Spiel mit der Basis seines Reichtums. (blick.ch, 23.11.2025)
Zugegeben, auch ich habe mal geglaubt, dieser 52 Jahre alte Mann, der humortechnisch auf dem Stand eines Zwölfjährigen hängen geblieben ist, sei so etwas wie ein Genie. Man erzählte sich das halt so. Musk galt immer als eine Art Steve Jobs der Automobilbranche, der mit seiner Marke Tesla das Autofahren grundlegend revolutionieren würde. Musk galt als grandioser Visionär, der immer einen Schritt weiter denkt als wir Normalsterblichen. Ein Genie, das uns irgendwann mit Tunneln durchs Land und in Raketen auf den Mars schießen würde. (rnd.de, 06.08.2023)
Die Diskursfigur des Genies dient als sprachliches Deutungsmuster, mit dem öffentliche Personen – besonders Unternehmer oder Künstler – zwischen Bewunderung und Irritation eingeordnet und erzählerisch gerahmt werden. Sie bündelt widersprüchliche Zuschreibungen: Einerseits steht das Genie für außergewöhnliche Begabung, visionäre Kraft und schöpferische Originalität (Wunderkind, Naturtalent, Visionär), andererseits wird es zugleich mit sozialer Abweichung, Exzentrik oder Grenzüberschreitung verbunden (Egozentriker, Schlitzohr, Kindskopf, Wahnsinn). Am Beispiel von Elon Musk wird dies besonders deutlich: Wiederkehrende Formeln wie zwischen Genie und Wahnsinn oder die Gleichzeitigkeit von Visionär und Spinner inszenieren ihn als „Grenzfigur“ (Scholl 2022). Sein beobachtbares Verhalten wird dadurch einerseits bewertet, andererseits dramaturgisch aufgeladen – als riskantes Spiel eines außergewöhnlichen Individuums, das entweder scheitert oder die Zukunft gestaltet.
Die Diskursfigur des Genies erfüllt mehrere Funktionen: Sie individualisiert Erfolg (statt strukturelle Bedingungen zu betonen), legitimiert Normabweichungen (z. B. auch verbale oder nonverbale Gewalt) als Preis außergewöhnlicher Kreativität und erzeugt mediale Spannung durch die Inszenierung von Unberechenbarkeit.
Geschichten über Rücksichtslosigkeit und Brutalität, Willkür, Selbstüberschätzung und sexuelle Ausbeutung begleiten das Genie überall, wo es auftaucht, allerdings eben auch die Versuche, dieses Verhalten zu legitimieren und zu glorifizieren. Der Leiter einer Currywurstbude, der seine Mitarbeiter tyrannisiert, ist ein Arschloch, der Chef eines Dreisternerestaurants, der sich wie ein Berserker aufführt, wird als ein komplexes Genie gehandelt. Der Geniemythos besitzt ein zutiefst reaktionäres Potenzial, das die Figuren des Tyrannen und des Scharlatans zu einer Karikatur meritokratischer Legitimation verbindet. (Franzen 2023)
(3) Experte und Laie
Werden Personen in Medien und Politik als Experten gerahmt, handelt es sich in aller Regel um eine Diskursfigur, die in den letzten Jahrzehnten eine beachtliche Karriere vorgelegt hat. Ihre Funktion ist, Tatsachenbehauptungen, prognostische Aussagen oder politische Forderungen als ‚Wahrheits-Autorität‘ rhetorisch zu (de)legitimieren (Autoritätstopos). Besonders deutlich wird das in diskurshistorischen Momenten der Krise bzw. der gesellschaftlichen Umbrüche (wie zur Zeit der Wende 1989-1991, dem Terroranschlag und Afghanistankrieg 2001-2003 oder der Corona-Pandemie 2019-2022, siehe Abb. 3). Typisch für die mediale Diskursfigur des Experten ist, dass die so gerahmte Person und ihre Aussagen mit absoluten Geltungsansprüchen ‚der‘ Wissenschaft versehen werden, die keine oder nur geringe Perspektivenpluralität erlaubt. Oftmals handelt es sich außerdem um Personen, die über einen routinierten Umgang mit Medienkommunikation (in die Kamera schauen, zitierbare vereindeutigende Sätze formulieren usw.) und mit dem Auftreten in der Öffentlichkeit verfügen. – Eben das unterscheidet auch die Diskursfigur von den Erwartungen an die soziale Rolle des Experten in Fachdiskursen oder des Sachverständigen in nicht-öffentlichen Gremien oder Gerichtsverhandlungen: Dort sollen Wahrheitsaussagen an theoretische oder methodische Annahmen rückgebunden und gegenüber möglichen Alternativen transparent abgewogen werden; jeder Sachverständige weiß, dass es im Fach nur selten alternativlose Dogmen oder gar Axiome gibt. Fachsprachgebrauch, Differenzierungen und ‚Kompliziert-Machen‘ sind nicht Ausnahme, sondern die Regel.
Abb. 3: Frequenzverlauf des Wortes Experte im DWDS-Zeitungskorpus
Auch Laien (mit dem Wortfeld: Nicht-Fachmann, Otto-Normalverbraucher, Unbefangener, Unbedarfte, Amateur, Dilettant, Newbe, Neuling, Außenstehender u. a.) spielen in öffentlichen Diskursen als Figuren eine Rolle. Laien werden meist in zwei Szenarien benannt: Entweder soll der Mangel an Kenntnissen zu einem Sachgebiet betont werden, um die so etikettierte Person damit zu entlasten (‚das kann er/sie nicht wissen‘) oder als Diskurspartner zu disqualifizieren (‚er/sie hat keine Ahnung, um mitzureden‘). Oder mit der Zuschreibung als Laie wird hervorgehoben, dass jemandem zwar eine professionelle Qualifikation, ein Titel o. ä. fehlt, er oder sie im fraglichen Sachgebiet aber durchaus über eine zu würdigende Teil-Sachexpertise oder zumindest engagierte Verbundenheit verfügt, die ihn oder sie als Diskurspartner zu einer bestimmten Frage legitimiert und zugleich entlastet. Es gibt also verschiedenen Varianten der Laien-Diskursfigur, darunter:
a) Interessierter / involvierter / gebildeter u. a. Laie: rahmt eine Person und ihre Aussagen wertschätzend als mehr oder weniger ‚Interner‘, jedoch mit eingeschränktem Geltungsanspruch – oft auch strategisch als aufwertendes Selbstetikett:
Susanne Hierl (CSU) bezeichnete sich in Sachen Landwirtschaft als „interessierter Laie“. Sie sprach sich für Nachhaltigkeit aus, die sowohl die ökologische als auch die ökonomische und soziale Komponente im Blick habe (Kontext: die Abgeordnete Hierl im Gespräch mit Oberpfälzer Landwirtschaft; Bayrisches Landwirtschaftliches Wochenblatt, 14.09.2021)
b) Unbefangener / unvoreingenommener u. ä. Laie / Otto-Normalbürger: ist eine Person, deren fehlende oder ‚durchschnittliche‘ Kenntnisse (manchmal als Ausweis für Interessenfreiheit) erwünscht sind und deren Aussagen darum als besonders authentisch und ungetrübt gelten (als institutionalisierte Rolle: Laienrichter, also Schöffen). Ihre Aussagen lassen sich für oder gegen andere Positionen argumentativ in Stellung bringen.
Daß man seine Paßwörter schützen sollte, weiß mittlerweile auch der letzte Laie [= der letzte Idiot/Depp] (Spiegel, 19.04.1998)
Das weiß jeder Mediziner und wissen auch viele Laien, das ist eine Binsenweisheit (Spiegel, 12.09.1982)
[…] meint sogar, auch jeder Laie könne mit bloßem Auge erkennen, daß Thiede unrecht hat (Spiegel, 26.05.1996)
c) Dilletant, Banause, Pedant, Ahnungsloser: eine Person als ‚tumber Laie‘, deren Verhalten als Ausweis von Kenntnismängeln und als (potentiell) destruktiv gilt. Der ‚tumbe Laie‘ ist ein Antivorbild.
Die Trumpschen Dilettanten sind nicht witzig. Donald Trump ist darauf aus, die Demokratie abzuschaffen. (Luxemburger Wort, 26.03.2025)
Herr Präsident! Meine Damen und Herren! Wenn man es unternimmt, von diesem Platze aus etwas gegen die Wünsche der Landwirtschaft vorzubringen, dann kommt man gleich in den Verdacht, ein Landesverräter zu sein. Landwirtschaft und Landesverrat fangen ja mit denselben Buchstaben an. Wenn man hier gegen Wünsche eines Geschäftszweiges, der auch Kulturdinge vertreibt, etwas vorbringt, kommt man in den Geruch, man sei ein Banause und habe es nicht mit der Kultur. (August Dresbach, CDU/CSU, 27.06.1957 im Bundestag)
In manchen Domänen spielt die Diskursfigur des Laien eine besondere Rolle, zum Beispiel in der Kirchenpraxis und dem dortigen Ringen um die Anerkennung ehrenamtlichen Engagements und den damit umkämpften Machtpositionen (Laienpredigt: Praxis gegen Lehre? Tagespost, 10.03.2026).
Literatur
Zum Weiterlesen
- Moser, Sebastian J.; Schlechtriemen, Tobias (2018): Sozialfiguren – zwischen gesellschaftlicher Erfahrung und soziologischer Diagnose. In: Zeitschrift für Soziologie, Jg. 47, Heft 3, S. 164–180.
- Busch, Florian; Frick, Karina (2024): Mediale Heldennarrative im Ukraine-Krieg-Diskurs. In: Aptum, Jg. 19, Heft 02/03, S. 83–91.
Zitierte Literatur und Belege
- 2. Deutscher Bundestag (1957): 216. Sitzung. Bonn, Donnerstag, den 27. Juni 1957. Online unter: https://dserver.bundestag.de/btp/02/02216.pdf ; Zugriff: 28.05.2026.
- Busch, Florian; Frick, Karina (2024): Mediale Heldennarrative im Ukraine-Krieg-Diskurs. In: Aptum, Jg. 19, Heft 02/03, S. 83–91.
- Busse, Dietrich (1997): Das Eigene und das Fremde. Annotationen zu Funktion und Wirkung einer diskurssemantischen Grundfigur. In: Jung, Matthias; Wengeler, Martin; Böke, Karin (Hrsg.): Die Sprache des Migrationsdiskurses. Das Reden über „Ausländer“ in Medien, Politik und Alltag. Opladen: Westdeutscher Verlag, S. 17–35.
- DerekoVecs (o. J.): Genie. In: IDS. Leibniz-Institut für deutsche Sprache. Online unter: https://corpora.ids-mannheim.de/openlab/derekovecs/?word=Genie&cutoff=500000&n=100&N=2000&sort=0 ; Zugriff: 14.05.2026.
- DER SPIEGEL (1982): »Da gibt es keine Brücke«. SPIEGEL-Interview mit Professor Ernst Krokowski über die Hamer-Thesen. In: DER SPIEGEL am 12.09.1982, Jg. 1982, Heft 37. Online unter: https://www.spiegel.de/kultur/da-gibt-es-keine-bruecke-a-22212bc2-0002-0001-0000-000014352368 ; Zugriff: 27.05.2026.
- DER SPIEGEL (1998): Phishers Fritze. In: DER SPIEGEL am 19.04.1998, Jg. 1998, Heft 17. Online unter: https://www.spiegel.de/wissenschaft/phishers-fritze-a-8eb50d38-0002-0001-0000-000007866991 ; Zugriff: 27.05.2026.
- DWDS (o. J.): Genie. In: DWDS. Digitales Wörterbuch der deutschen Sprache. Online unter: https://www.dwds.de/wp/?q=Genie ; Zugriff: 15.05.2026.
- Franzen, Johannes (2023): Elon Musk: Giftige Genies. In: DIE ZEIT, 21.04.2023. Online verfügbar unter: https://www.zeit.de/kultur/2023-04/genie-elon-musk-walter-isaacson-glass-onion-steve-jobs ; Zugriff: 18.03.2026.
- Harenberg, Werner (1996): Detektive in Höhle 7. Hat Jesus so gelebt und gehandelt, wie in der Bibel steht? Wer hat die Evangelien geschrieben: Augenzeugen Jesu oder Autoren, die Jesus nicht kannten? Ein Streit ist entbrannt zwischen Bibelwort-Gläubigen und Bibelkritikern. Die Berichte der Bibel scheinen von Legenden überwuchert. Man weiß wenig, fast nichts über Jesus. In: DER SPIEGEL am 26.05.1996, Jg. 1996, Heft 22. Online unter: https://www.spiegel.de/politik/detektive-in-hoehle-7-a-36edd759-0002-0001-0000-000008928592 ; Zugriff: 27.05.2026.
- Huld, Sebastian (2026): Selenskyj ist ein Jahrhundertheld ohnegleichen. In: n-tv am 24.02.2026. Online unter: https://www.n-tv.de/politik/Vier-Jahre-Krieg-gegen-die-Ukraine-Selenskyj-ist-ein-Jahrhundertheld-ohnegleichen-id30399812.html ; Zugriff: 15.05.2026.
- Jannidis, Fotis (2004): Figur und Person. Beitrag zu einer historischen Narratologie. Berlin: Walter De Gruyter.
- Konrad, Arthur (2025): Zwischen Genie und Wahnsinn. Fährt Elon Musk Tesla an die Wand? In: blick.ch am 23.11.2025. Online unter: https://www.blick.ch/auto/zwischen-genie-und-wahnsinn-faehrt-elon-musk-tesla-an-die-wand-id21438646.html ; Zugriff: 15.05.2026.
- Leschke, Rainer; Heidbrink, Henriette (Hrsg.) (2010): Formen der Figur. Figurenkonzepte in Künsten und Medien. Konstanz: UVK Verlagsgesellschaft mbH.
- Marx, Konstanze (2017): Diskursphänomen Cybermobbing. Ein internetlinguistischer Zugang zu [digitaler] Gewalt. Berlin, Boston: De Gruyter Mouton (Diskursmuster – Discourse Patterns, 17).
- Märtl, Lorenz (2021): Oberpfälzer Landwirtschaft spricht mit Kandidaten. In: Bayrisches Landwirtschaftliches Wochenblatt am 14.09.2021. Online unter: https://www.wochenblatt-dlv.de/regionen/ostbayern/oberpfaelzer-landwirtschaft-spricht-kandidaten-566768 ; Zugriff: 27.05.2026.
- Mishchenko, Kateryna (2022): Selenskyj – Plötzlich ein Held. In: MDR aktuell am 27.03.2022. Online unter: https://www.mdr.de/nachrichten/welt/osteuropa/politik/selenskyj-portrait-100.html ; Zugriff: 15.05.2026.
- Moebius, Stephan; Schroer, Markus (Hrsg.) (2018): Diven, Hacker, Spekulanten. Sozialfiguren der Gegenwart. 3. Auflage. Berlin: Suhrkamp (Edition Suhrkamp, 2573).
- Moser, Sebastian J.; Schlechtriemen, Tobias (2018): Sozialfiguren – zwischen gesellschaftlicher Erfahrung und soziologischer Diagnose. In: Zeitschrift für Soziologie, Jg. 47, Heft 3, S. 164–180.
- Propp, Vladimir (1972): Morphologie des Märchens. Hrsg. von Karl Eimermacher. München: Hanser.
- Pümpel-Mader, Maria (2010): Personenstereotype. Eine linguistische Untersuchung zu Form und Funktion von Stereotypen. Heidelberg: Winter.
- Rüdell, Tom (2025): Die Trumpschen Dilettanten sind nicht witzig. In: Luxemburger Wort am 26.03.2025. Online unter: https://www.wort.lu/meinung/leitartikel/signalgate-donald-trump-demokratie-in-gefahr/51617875.html ; Zugriff: 27.05.2026.
- Scholl, Stefan (2022): An den Rändern der Zugehörigkeit verorten: Meckerer und Märzgefallene als Grenzfiguren der ‚Volksgemeinschaft‘. In: Kämper, Heidrun und Schuster, Britt-Marie (Hrsg.): Im Nationalsozialismus. Göttingen: V&R unipress, S. 103–144.
- Schmidt, Dorothea (2026): Laienpredigt: Praxis gegen Lehre? In: Die Tagespost am 10.03.2026. Online unter: https://www.die-tagespost.de/kirche/aktuell/laienpredigt-praxis-gegen-lehre-art-272842 ; Zugriff: 15.05.2026.
- Schwarzer, Matthias (2023): Wie konnten wir nur glauben, Elon Musk sei ein Genie? In: rnd.de am 06.08.2023.Online unter: https://www.rnd.de/promis/twitter-wird-zu-x-wie-konnten-wir-nur-glauben-elon-musk-sei-ein-genie-Q5SMYC5JJFCTHEKZT7HKI37YOA.html ; Zugriff: 15.05.2026.
- Sengling, Bettina (2025): Der so tapfere und tragische Wolodymyr Selenskyj. In: stern.de am 02.03.2025. Online unter: https://www.stern.de/politik/ausland/wolodymyr-selenskyj—der-so-tapfere-und-tragische-held-35511140.html ; Zugriff: 15.05.2026.
- Steingart, Gabor (2026): Selenskyj: Der tragische Held. In: The Pioneer am 06.02.2026. Online unter: https://www.thepioneer.de/originals/others/articles/selenskyj-der-tragische-held ; Zugriff: 15.05.2026.
- Strobel, Beate (2026): TV-Doku offenbart das Ende von Selenskyjs Helden-Story. In: Focus online am 20.02.2026. Online unter: https://www.focus.de/kultur/kino-tv/tv-doku-offenbart-das-ende-von-selenskyjs-helden-story_b07297bb-b979-4e97-8be8-e0897cd3b5ad.html ; Zugriff: 15.05.2026.
- Tripps, Felix B.; Vogel, Friedemann (2022): Der Begriff des „Gefährders“ im rechtspolitischen Fach- und Alltagsdiskurs. In: Vogel, Friedemann; Walter, Tonio und Tripps, Felix B. (Hrsg.): Korpuslinguistik im Recht. Theoretische Überlegungen und Fallstudien. Berlin: Duncker & Humblot (Sprache und Medialität des Rechts/Language and Media of Law, 5), S. 169–186.
- Vogel, Friedemann (in Vorb.): Experten und Laien: Zur Karriere zweier Diskursfiguren in den Massenmedien – Empirische Eindrücke mit Berücksichtigung von Kommunalpresse.
- Vogel, Friedemann (2010): Linguistische Imageanalyse (LIma). Grundlegende Überlegungen und exemplifizierende Studie zum Öffentlichen Image von Türken und Türkei in deutschsprachigen Medien. In: Deutsche Sprache, Heft 4, S. 345–377, Zugriff: 16.12.2012.
- Vogel, Friedemann; Jia, Wenjian (Hrsg.) (2017): Chinesisch-Deutscher Imagereport. Das Bild Chinas im deutschsprachigen Raum aus kultur-, medien- und sprachwissenschaftlicher Perspektive (2000-2013). Berlin, Boston: De Gruyter Mouton (Sprache und Wissen (SuW), 28). Online verfügbar unter: https://doi.org/10.1515/9783110544268 ; Zugriff: 27.05.2026.
- Vogler, Christopher (1992): The Writer’s Journey: Mythic Structure for Storytellers and Screenwriters. Studio City, CA.: Michael Wiese Productions.
- von den Hoff, Ralf; Asch, Ronald G.; Aurnhammer, Achim; Bröckling, Ulrich; Korte, Barbara; Leonhardt, Jörn; Studt, Birgit (2013): Helden – Heroisierungen – Heroismen. Online unter: https://freidok.uni-freiburg.de/data/10877 ; Zugriff: 07.05.2026.
- Zießnitz, Heino (2026): Elon Musk Führungsstil – Zwischen Genie und Wahnsinn. In: business-leaders.net am 04.02.2026. Online unter: https://www.business-leaders.net/elon-musk-fuehrungsstil-zwischen-genie-und-wahnsinn/ ; Zugriff: 15.05.2026.
Abbildungsverzeichnis
- Abb. 1: Neef, Christian (2022): Zwei Präsidenten im Krieg. Held gegen Bösewicht. In: Spiegel Online am 04.03.2022. Online unter: https://www.spiegel.de/ausland/ukraine-krieg-wolodymyr-selenskyj-und-wladimir-putin-ein-held-gegen-einen-boesewicht-a-63b15069-def2-495c-8d50-1878c4e8169a ; Zugriff: 15.05.2026.
- Abb. 2: Reddit (2022): Captain Ukraine, SLAVA UKRAINE!. Online unter: https://www.reddit.com/r/pics/comments/t35933/captain_ukraine_slava_ukraine/ ; Zugriff: 20.07.2026.
- Abb. 3: DWDS (o. J.): Genie. In: DWDS. Digitales Wörterbuch der deutschen Sprache. Online unter: https://www.dwds.de/wp/?q=Genie ; Zugriff: 15.05.2026.
Zitiervorschlag
Vogel, Friedemann (2026): Diskursfigur. In: Diskursmonitor. Glossar zur strategischen Kommunikation in öffentlichen Diskursen. Hg. von der Forschungsgruppe Diskursmonitor und Diskursintervention. Veröffentlicht am 06.09.2026. Online unter: https://diskursmonitor.de/glossar/diskursfigur.
DiskursGlossar
Grundbegriffe
Akteur
Als Akteur oder Diskursakteur werden in der Diskursforschung meist Gruppen oder Grup-penstellvertreter verstanden, die mit kommunikativen Mitteln in der Öffentlichkeit versuchen, ihre Deutungen und Ressourcenansprüche gegen Rivalen durchzusetzen.
Repräsentative Anekdote
Repräsentative Anekdote bezeichnet ein modellhaftes Kurznarrativ, das in Theorien, Weltanschauungen und komplexen Erklärungen selektiv reproduziert wird. So ist z.B. das „survival of the fittest“ (‚die Stärksten überleben‘) die repräsentative Anekdote, die in allen darwinistischen, sozialdarwinistischen und neodarwinistischen Theorien und Deutungsmustern als Modell dient und variabel ausgearbeitet wird.
Begriffsgeschichte
Die Begriffsgeschichte lässt sich allgemein als eine historische Methode beschreiben, die den zeitlichen Wandel der Bedeutungen von bestimmten Ausdrücken untersucht. Da einzelne Worte nie isoliert begegnen und ihre jeweiligen Bedeutungen erst im Kontext größerer sprachlicher Zusammenhänge oder semantischer Felder greifbar werden, verbindet sie sich flexibel mit anderen Methoden historischer Semantik, wie etwa der Diskursgeschichte, der Argumentationsgeschichte oder der Metaphernforschung (Metaphorologie).
Diskurssemantische Verschiebung
Mit dem Begriff der diskurssemantischen Verschiebung wird in der Diskursforschung ein Wandel in der öffentlichen Sprache und Kommunikation verstanden, der auf mittel- oder län-gerfristige Veränderung des Denkens, Handelns und/oder Fühlens größerer Gesellschafts-gruppen hinweist.
Domäne
Der Begriff der Domäne ist aus der soziologisch orientierten Sprachforschung in die Diskursforschung übernommen worden. Hier wird der Begriff dafür verwendet, um Muster im Sprachgebrauch und kollektiven Denken von sozialen Gruppen nach situationsübergreifenden Tätigkeitsbereichen zu sortieren.
Ideologie
Der Begriff Ideologie weist im Wesentlichen drei unterschiedliche Bedeutungen auf: Erstens kann er ein trügerisches, realitätsfernes oder dogmatisches Denken bezeichnen; so eignet er sich auch als Schlagwort bzw. politischer Kampfbegriff. Zweitens kann er auf eine sozial bedingte Weltanschauung oder ein umfassendes Ideen- und Wertesystem verweisen. Drittens kann mit Ideologie ein politisches Programm gemeint sein, welches Vorstellungen über gesellschaftliche Ordnung sowie Ziele für politisches Handeln beinhaltet.
Positionieren
Positionieren ist Grundbestandteil menschlicher Kommunikation. Wann immer wir miteinander interagieren und kommunizieren, bringen wir uns selbst, andere und die Objekte, über die wir sprechen, in bestimmte Relationen zueinander.
Deutungsmuster
Unter einem Deutungsmuster wird die problem- und lösungsbezogene Interpretation gesellschaftlicher und politischer Tatbestände verstanden, die Aussicht auf Akzeptanz in sozialen Gruppen hat. Der Begriff des Deutungsmusters hat Ähnlichkeit mit den Begriffen der Theorie und Ideologie. Meist werden gesellschaftlich verbreitete Leitdeutungen, die oft mit Schlagwörtern und Argumentationsmustern einhergehen (wie Globalisierung, Kapitalismus, Leistungsgesellschaft, Chancengleichheit etc.) als Beispiele für Deutungsmuster genannt.
Sinnformel
‚Wer sind wir? Woher kommen, wo stehen und wohin gehen wir? Wozu leben wir?‘ Auf diese und ähnliche existentielle Fragen geben Sinnformeln kondensierte Antworten, die in privaten wie sozialen Situationen Halt und Argumenten in politischen und medialen Debatten einen sicheren Unterbau geben können.
Praktik
Eine Praktik ist ein spezifisches, situativ vollzogenes und sinnhaftes Bündel von körperlichen Verhaltensweisen, an dem mehrere Menschen und Dinge beteiligt sein können (z. B. Seufzen, um Frust auszudrücken, oder einen Beschwerdebrief schreiben, Fußballspielen).
Techniken
Korruption
Korruption wird zum einen als Fachbegriff (Recht, Wissenschaft) verwendet und verweist auf ein Gebiet des Strafrechts und damit auf einen Teil des gesellschaftlichen Normensystems, das Delikte in Kontaktzonen von Politik und Ökonomie definiert.
Beschriftete Waffen
Das Betexten von Waffen, speziell Projektilen wie Schleuderbleien, Kanonenkugeln oder Bomben, mit an die Feindgruppe gerichteten Botschaften (Sarkasmus, Beleidigungen, Todeswünsche u. ä.) ist eine Praktik, die sich bis in die römische Antike zurückverfolgen lässt. Sie dient der Identifikation der Eigengruppe (Truppe oder Gefolgsleute) mit dem Ziel, die Moral vor einem Kampfansatz zu heben (emotional-psychologische Bewältigungsstrategie) sowie Gelassenheit und Siegesgewissheit propagandistisch gegenüber der Eigen- und Fremdgruppe zu inszenieren.
Zitieren
Zitieren bezeichnet die Wiedergabe ausgewählter Text(teil)e in unterschiedlichen Kommunikationskontexten wie Alltag, Wissenschaft, Journalismus und Politik. Grundsätzlich kann Zitieren der möglichst wertneutralen Wiedergabe bzw. Verweisung auf fremde Aussagen dienen, aber auch zur strategischen Positionierung eingesetzt werden. Auch in wissenschaftlichen Texten erfüllt das Zitieren neben der formal korrekten Bezugnahme auf fremde Aussagen u.a. argumentationsstützende Funktionen.
AI-Washing/KI-Washing
Unter AI-Washing ist die Praxis von Unternehmen oder Organisationen zu verstehen, Produkte, Dienstleistungen oder Geschäftsmodelle mit dem Etikett „Künstliche Intelligenz“ (KI bzw. „Artificial Intelligence“ (AI)) zu versehen, obwohl deren tatsächlicher Einsatz von KI-Technologien entweder stark übertrieben, nur marginal vorhanden oder überhaupt nicht gegeben ist.
Dogwhistle
Unter Dogwhistle wird in Teilen der Forschung eine doppeldeutige Äußerung verstanden, die eine offene und eine verdeckte Botschaft an jeweils eine Zuhörerschaft kommuniziert.
Demonstrieren
« Zurück zur ArtikelübersichtDemonstrieren Kategorie: TechnikenVerwandte Ausdrücke: Auf die Straße gehen, Straßenprotest, Kundgebung, öffentliche Versammlung, Mahnwache, Menschenkette, Marsch, SitzblockadenSiehe auch: Protest, Politische Aktion, Politische Bildung,...
Boykottaufruf
Der Boykottaufruf ist eine Maßnahme, die darauf abzielt, ein Ziel, also meist eine Verhaltensänderung des Boykottierten, hervorzurufen, indem zu einem Abbruch etwa der wirtschaftlichen oder sozialen Beziehungen zu diesem aufgefordert wird.
Tabuisieren
Das Wort Tabuisierung bezeichnet die Praxis, etwas Unerwünschtes, Anstößiges oder Peinliches unsichtbar zu machen oder als nicht akzeptabel zu markieren. Das Tabuisierte gilt dann moralisch als unsagbar, unzeigbar oder unmachbar.
Aus dem Zusammenhang reißen
Das Aus-dem-Zusammenhang-Reißen gehört in den Funktionskreis der Redewiedergabe bzw. der Wiedergabe kommunikativer Ereignisse. Es kann (1) als intentionale argumentativ-polemische Strategie für ganz unterschiedliche diskursive Zielsetzungen von Akteuren genutzt werden, oder (2) es kann SprecherInnen und SchreiberInnen in unbeabsichtigter, fehlerhafter Weise unterlaufen.
Lobbying
Lobbying ist eine Form strategischer Kommunikation, die sich primär an Akteure in der Politik richtet. Beim Lobbying wird ein Bündel von kommunikativen Tätigkeiten mit dem Ziel eingesetzt, die Entscheidungen von Personen mit politischem Mandat oder den Entstehungsprozess von neuen Gesetzestexten interessengeleitet zu beeinflussen.
Schlagwörter
Meinungsfreiheit
Meinungsfreiheit ist ein positiv konnotiertes Schlagwort. Das im Schlagwort kondensierte Pro-gramm wird allgemein zustimmend propagiert oder eingefordert, ohne dass immer verdeutlicht wird, welche Ausgestaltung von Meinungsfreiheit zugrunde liegt. Aufgrund dieser allgemeinen Zu-stimmung kann Meinungsfreiheit als Hochwertwort kategorisiert werden: In der öffentlichen Debat-te gibt es keine wahrnehmbaren Stimmen, die sich gegen Meinungsfreiheit (in dieser unbestimm-ten Form) aussprechen.
Diversität / Vielfalt
Diversität/Vielfalt ist ein aus einschlägigen US-Diskursen der (frühen) 1980er und der 1990er Jahre importiertes Schlagwort und ein Topos, der ethnische, sexuelle und körperliche (Behinderung etc.) Verschiedenheit positiv und programmatisch als Ressourcen der Mehrheitsgesellschaft kodiert. Vielfalt als Chance dürfte der hierzulande häufigste Slogan des Diversitäts-Hypes sein. Qua Diversität werden identitätsrelevante Unterschiede zwischen gesellschaftlichen Gruppen von Stigmata für Minderheiten zu Ressourcen für die Allgemeinheit umgedeutet.
Brückentechnologie
Ganz allgemein wird unter dem Schlagwort der Brückentechnologie sowohl in den öffentlichen Medien als auch in technisch und wirtschaftlich dominierten Kontexten eine Technologie verstanden, die zeitlich befristet eingesetzt werden soll, bevor in Zukunft der Übergang zu einer als sinnvoller eingeschätzten anderen Technologie möglich ist.
Deindustrialisierung
Der Ausdruck Deindustrialisierung (auch De-Industrialisierung oder als Verb deindustrialisieren) beschreibt im öffentlichen Sprachgebrauch eine negativ bewertete Form des Strukturwandels durch Rückgang von produzierendem Gewerbe.
Nachhaltigkeit
Nachhaltigkeit als ein Schlagwort des öffentlichen Diskurses bezieht sich ganz allgemein auf einen ressourcenschonenderen Umgang mit dem, was uns Menschen der Planet Erde bietet, mit dem Ziel, dass auch nachfolgende Generationen noch die Möglichkeit haben, ähnlich gut zu leben wie wir heute (Generationengerechtigkeit).
Echokammer
Der Begriff der Echokammer steht in seiner heutigen Verwendung vor allem im Zusammenhang mit der Nutzung Sozialer Medien. Er verweist metaphorisch auf einen digitalen Kommunikations- und Resonanzraum, in dem Mediennutzer*innen lediglich Inhalten begegnen, die ihre eigenen, bereits bestehenden Ansichten bestätigen, während abweichende Perspektiven und Meinungen ausgeblendet bzw. abgelehnt werden.
Relativieren
Der Ausdruck relativieren besitzt zwei zentrale Bedeutungsvarianten: In bildungssprachlichen und wissenschaftlichen Kontexten bezeichnet er eine analytische Praxis, bei der Aussagen, Begriffe oder Phänomene durch Bezugnahme auf andere Sachverhalte eingeordnet, differen-ziert und in ihrer Geltung präzisiert werden.
Massendemokratie
Geprägt wurde der Begriff Massendemokratie im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts von völkisch-konservativen Akteuren (prominent darunter Carl Schmitt 1926). Der Ausdruck Masse hatte damals bei den bürgerlichen Eliten eine rundum bedrohliche Assoziation.
Social Bots
Als Social Bots werden Computerprogramme bezeichnet, die in der Lage sind, in sozialen Medien Kommunikation menschlicher Nutzer*innen (teilweise) automatisiert nachzuahmen.
Kriegsmüdigkeit
Der Ausdruck Kriegsmüdigkeit bezeichnet die emotionale und physische Erschöpfung von Menschen, die einen Krieg erleben, sowie die gesellschaftliche und politische Ermüdung angesichts langanhaltender Konflikte. Er beschreibt den sinkenden Kampfeswillen bei Kriegsparteien und heute wird er auch für das wachsende Desinteresse an Kriegsthemen in Medien und Öffentlichkeit genutzt.
Verschiebungen
Dehumanisierung
Mit Dehumanisierung bzw. Anthropomorphisierung werden solche kommunikativen Techniken und Praktiken bezeichnet, die Personen, Sachverhalten oder Gegenständen menschliche Eigenschaften ab- bzw. zusprechen. Dehumanisierung und Anthropomorphisierung können sowohl durch sprachliche Mittel als auch durch andere, z. B. bildliche, Zeichen vollzogen werden.
Kriminalisierung
Kriminalität meint ein Verhalten, das gegen ein Gesetz verstößt. Folglich bedeutet Kriminalisierung im engeren Sinne den Vorgang, durch den Verhalten ungesetzlich gemacht wird – indem Gesetze geschaffen werden.
Versicherheitlichung
In akademischen Kontexten wird Versicherheitlichung in Abgrenzung zu einem naiv-realistischen Sicherheitsverständnis verwendet. Dieses betrachtet Sicherheit als einen universell erstrebenswerten und objektiv feststellbaren Zustand, dessen Abwesenheit auf das Handeln von Akteuren zurückzuführen ist, die feindselig, kriminell, unverantwortlich oder zumindest fahrlässig agieren.
Ökonomisierung
Ökonomisierung wird in gegenwärtigen Diskursen in der Regel zur Bezeichnung von Prozessen verwendet, in denen die spezifisch wirtschaftlichen Funktions-Elemente wie Markt, Wettbewerb/Konkurrenz, Kosten-Nutzen-Kalküle, Effizienz, Gewinnorientierung in Bereiche übertragen werden, die zuvor teilweise oder ganz nach anderen Leitkriterien ausgerichtet waren
Moralisierung
Moralisierung verlagert Macht- und Interessenkonflikte in die Sphäre der Kommunikation von Achtung / Missachtung. Sie reduziert Ambivalenz zugunsten einer Polarisierung von gut und böse.
Konstellationen
Krise
Krise ist vom Wort mit fachsprachlicher Bedeutung zur Zeitdiagnose und einem zentralen Begriff der öffentlich-politischen Kommunikation geworden. Der öffentlich-politische Krisenbegriff ist dabei – unabhängig vom Gegenstand der Krise – in eine krisendiskurstypische Konstellation zur Begründung von krisenüberwindenden Handlungen eingebettet.
Partizipatorischer Diskurs
Partizipation ist mittlerweile von der Forderung benachteiligter Personen und Gruppen nach mehr Beteiligung in der demokratischen Gesellschaft zu einem Begriff der Institutionen selbst geworden: Kein Programm, keine Bewilligung mehr, ohne dass bestimmte Gruppen oder Personen dazu aufgefordert werden, für (mehr) Partizipation zu sorgen.
Skandal
Die Diskurskonstellation des Skandals zeichnet sich durch eine in den Medien aufgegriffene (bzw. durch sie erst hervorgerufene) empörte Reaktion eines erheblichen Teils der Bevölkerung auf einen tatsächlichen oder vermeintlichen Missstand aus. Die schuldhafte Verursachung dieses Missstandes wird dabei einem gesellschaftlichen Akteur zugeschrieben, dessen Handeln als ‚unmoralisch‘ gedeutet wird.
DiskursReview
Review-Artikel
Tagung 2027: Politisches Lobbying
Sprache und Lobbyismus- Strategische Kommunikation in Politik und Medien Tagung der Forschungsgruppe Diskursmonitor Tagung: 10. und 11. Juni 2027 | Ort: Universität Siegen [Map]Kontakt: Prof. Dr. Friedemann Vogel, Joline Schmallenbach Call for Papers: 31.10.2026...
Der Totalverweigerer – Anmerkungen zu einer Diskursfigur der Feindbildproduktion im Sicherheits- und Sozialdiskurs
Die Bezeichnung Totalverweigerer wurde ursprünglich in den späten 70er Jahren im Rahmen der Auseinandersetzungen um die Inanspruchnahme des Rechtes auf Kriegsdienstverweigerung nach § 4.3 GG verwendet. Mit diesem Ausdruck wurden junge Männer stigmatisiert, die nicht nur den Wehrdienst, sondern auch den (längeren) zivilen „Ersatzdienst“ (später „Zivildienst“) verweigerten und damit, wie auch nicht-anerkannte Kriegsdienstverweigerer, Haftstrafen riskierten. Wer Zwangsdienste aus Gewissensgründen ablehnte, wurde darüber hinaus wahlweise als politisch unzuverlässig, fehlgeleitet-überspannt, renitent, feige und/oder faul markiert.
Memes als moderne Propaganda – Eine sprach- und medienkritische Untersuchung
Digitale Kommunikationsformen prägen heutige gesellschaftliche Debatten weitaus stärker als die klassischen Medien. Ihr Einfluss auf die politische Meinungsbildung und die Ausbildung ideologischer Positionen ist inzwischen unverkennbar und zählt zu den markantesten Entwicklungen der digitalen Gegenwart. Besonders hervorzuheben sind Memes: Sie verbreiten sich schnell, arbeiten mit humoristischen Mitteln und verdichten komplexe Inhalte auf ein Minimum an Zeichen. In öffentlichen Diskursen werden sie daher nicht mehr als spielerisches Internetphänomen betrachtet, sondern als ernstzunehmendes Instrument politischer Kommunikation und den damit einhergehenden propagandistischen Strategien.
Zeitalter der Polykrisen – Was sagt die Polykrise über die Gegenwart und Zukunft?
Beim Durchscrollen der Tagesschlagzeilen ist einem in den letzten Jahr wahrscheinlich der Ausdruck Polykrise ins Blickfeld geraten. Solche Schlagzeilen in deutschsprachigen Medien lauten beispielsweise (1) „Klimawandel, Krieg in der Ukraine, Abstiegsängste – die Welt ist aus den Fugen geraten: Drei Bücher zeigen Wege aus der Polykrise“ (Friedl 2026); (2) „Kritische Psychotherapie: Psychotherapie in der Polykrise“ (Dicks 2026); (3) „Optimismus in der Polykrise“ (Kolev 2025); (4) „Was tun gegen die …
„Genderwahn“ als sprachkritische Abwertung: Eine kritische Betrachtung
„Die Debatte über Gendern und Nicht-Gendern kann ich schon nicht mehr hören. Soll es doch jeder machen, wie er es selbst will.“ Dieses Zitat äußert der ehemalige Bundeskanzler Olaf Scholz im Rahmen der Feier zugunsten des Grundgesetzes, welches im Jahre 2024 den 75. Geburtstag feierte (vgl. Steinkohl et al. 2024). Deutlich wird hierbei, dass die Thematik rund um das Gendern in der Politik aufgefasst wird. Allerdings wird gleichzeitig deutlich, dass die Debatte in der Öffentlichkeit stark kritisiert …
Klimaterroristen: Wie Sprache politische Fronten schafft
Der öffentliche Diskurs über Klimaaktivismus ist in den vergangenen Jahren zunehmend polarisiert. Vor diesem Hintergrund hat sich der Ausdruck Klimaterrorist zu einem politisch und gesellschaftlich stark aufgeladenen Schlagwort entwickelt, das im Jahr 2022 als „Unwort des Jahres“ gewählt wurde (vgl. 2020ff. – Unwort des Jahres). Seine Verwendung verweist auf Konflikte über Legitimität, Moral und Rechtmäßigkeit verschiedener Formen des Protests. Gleichzeitig fungiert der Begriff als sprachliches …
Negativ konnotierte Fremdzuschreibung durch diskriminierende Begriffe – Ein sprachkritischer Beitrag zur Bezeichnung „Kanake“ und dem Zukunftswort „Talahon“
„Gerade diese scheinbar ›milden‹ Formen des Rassismus, die über die Sprache transportiert werden, sind schwer zu bekämpfen, da vielen Menschen nicht klar zu sein scheint, welche Macht Sprache besitzt.“ (Kunz, 2021, S. 58).
Der Begriff „Kanake“ (teilweise auch „Kanacke“) bedeutet in seiner ursprünglichen Bedeutung Mensch und bezeichnete Bewohner*innen der Inselgruppe Neukaledoniens im südlichen Pazifik (vgl. Trost, 2002). Dem Gebrauch lag dabei die Charakterisierung einer spezifischen Gesellschaft …
Wenn aus Vielen Einer wird – Warum pauschale Nationsbezeichnungen sprachlich gefährlich sind
„In dieser Situation sind die Deutschen sehr unzufrieden mit der Arbeit der Politik.“ (Kinkartz, 2025), schreibt die Deutsche Welle im November 2025. Gemeint ist dabei keine einzelne Person oder klar definierte Gruppe, sondern eine ganze Nation, welche mit einem einzigen Artikel zu einem scheinbar einheitlichen Kollektiv zusammengefasst wurde. Solche Formulierungen sind kein Einzelfall. Ähnliche Beispiele, wie „Die Russen greifen an vielen Stellen an“ (Die Welt am Morgen, 2024), „Die Ukrainer …
Das Crazy, wenn Worte Brücken zwischen Generationen sprengen! – Eine sprachkritische Betrachtung von Jugendsprache: Mediale Darstellung, Generationenkonflikt und Pädagogische Einschätzung
Das Jugendwort des Jahres 2025 lautet „das Crazy“. Es meint: „Es gibt keine wirklich passende Antwort. Oder keine wirklich höfliche. Oder eine zu ausführliche, auf die der Antwortende aber gerade keine Lust hat. Oder einfach nur okay“ (Tagesschau, 2025). Torsten Sträter, Kabarettist und Vertreter der Generation X, hört es und stockt: „…das sind zwei Worte… [außerdem] fehlt eins… Vielleicht bin ich ein zu verknöcherter alter Mann geworden, dass ich mich über so eine Kacke… Wer es sagt – Ohrfeige“ …
„Stadtbild“ als politisches Schlagwort – Ein sprach- und medienkritischer Beitrag zur migrationspolitischen Äußerung von Friedrich Merz
Im Rahmen einer Pressekonferenz äußerte sich Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) am 14. Oktober 2025 bei einem Besuch in Brandenburg zur Migrationspolitik. Er verwies dabei auf sinkende Migrationszahlen sowie auf bereits geplante und umgesetzte Maßnahmen, insbesondere Rückführungen. Merz verwendete dabei den Ausdruck „Stadtbild“, der im gegebenen Kontext negativ konnotiert wurde und sich daraufhin innerhalb kurzer Zeit zu einem politischen Schlagwort entwickelte.
Ausgangspunkt war eine journalistische …