DiskursGlossar

Links-Mitte-Rechts

Kategorie: Schlagwörter
Verwandte Ausdrücke:
politische Lager, Partei, Strömung, progressiv, gemäßigt, konservativ, liberal, patriotisch/national
Siehe auch: Totalitarismus, Demokratie, Normalismus, Mitte, Altpartei, sozialistisch, Populismus, Globalisierung
Autor: Clemens Knobloch
Version: 1.1 / 17.04.2020

Kurzzusammenfassung

Das Kontinuum Links-Mitte-Rechts dient der Einordnung von Personen, Parteien, Politiken etc. in den politischen Raum, ebenso auch der politischen Selbstverortung. Die Verwendung des Orientierungsschemas ist mehrfach relativ. Sie hängt einmal vom Punkt ab, an dem sich der Sprecher selbst lokalisiert, vom Nullpunkt der Verwendung. Dann aber auch von der jeweiligen Bestimmung der politischen Mitte, die den neutralen Nullpunkt des Schemas selbst abgibt (und laufend verschoben werden kann): Was eben noch rechts oder links war, kann morgen schon als Mitte gelten (und umgekehrt). Und je nachdem, wo man den neutralen Mittepunkt lokalisiert, verschieben sich auch die Ränder. Rückt die Mitte nach rechts, so wird links, was kürzlich noch Mitte war etc.

Die Positionen des Schemas sind zugleich lokalisierend und werthaltig. Der Wertgehalt ist ebenfalls abhängig von der Selbstlokalisierung des Sprechers. Mit der positiven Bewertung der eigenen Position korreliert automatisch die negative Bewertung der anderen Positionen im Schema.

Das Schema wird in zwei sich ergänzenden Varianten gebraucht, von denen das eine als ,Gleichgewichtswaage‘, das andere als ,symbolischer Bürgerkrieg‘ bezeichnet wird. Solange Gleichgewichtswaage gespielt wird, ist die Mitte der symbolische Wunschort, zu dem alle hinstreben. Wer sich erfolgreich als Mitte definiert, der definiert zugleich die Grenzen hin zu den Rändern: Er bestimmt auf flexible Weise, welche Positionen außerhalb der Mitte für noch integrierbar gelten und welche als ,extremistisch‘ oder ,terroristisch‘ ausgeschlossen werden. Das Modell Gleichgewichtswaage symbolisiert Normalität. Das Modell symbolischer Bürgerkrieg hingegen steht für drohende Denormalisierung. In diesem Modell verkörpert die Mitte den Ort, an welchem die Lauen, Neutralen, Liberalen stehen und von den Extremen her gemeinsam bekämpft werden. Die Mitte wird zum verächtlichen Ort und die Extreme schließen sich gegen sie zusammen. Im symbolischen Bürgerkrieg wird schon der Nachbar im politischen Spektrum zum absoluten Feind. Jede Form von Opposition gilt als ,terroristisch‘ (wie z.B. in der Türkei Erdogans). Der Feind steht überall, wo man selbst nicht steht.

Die Rede ist dann warnend vom drohenden Verlust der Mitte, vom Extremismus der Mitte, von der schrumpfenden Mitte. Gegenwärtig beschwört die (liberale) Mitte eine rechts- und linkspopulistische Bedrohung der Normalität und warnt vor den Verhältnissen des symbolischen Bürgerkriegs. Es ist ein Standardnarrativ, dass die Weimarer Republik von rechten und linken Extremisten zerstört worden sei, die gemeinsam gegen die demokratische Mitte operierten.

Eine besondere Rolle spielt die Mitte im politischen Orientierungsfeld auch darum, weil Mitte nicht nur im Zentrum des politischen Meinungskontinuums zwischen links und rechts, sondern als Kollektivsymbol zugleich auch im Zentrum der vertikalen, gesellschaftlichen, ökonomischen Klassen- oder Schichtenordnung steht: zwischen arm und reich, zwischen oben und unten (Mittelschicht). Die gesellschaftliche Mitte gilt als Trägerschicht der politischen Mitte, und jede ökonomische oder soziale Bedrohung der Mittelschichten gefährdet im Rahmen dieser Kollektivsymbolik zugleich auch die politische Stabilität.

Erweiterte Begriffsklärung

Die diskurssemantische Orientierungsfunktion des Schemas liegt darin, dass es für diskontinuierliche Inhalte, Positionen, Identitäten ein kontinuierliches und stabiles Bezugssystem zur Verfügung stellt. Man kann sich selbst noch als links oder in der Mitte bezeichnen, wenn man Positionen längst nicht mehr teilt, die einmal für links galten. Weiterhin vereinheitlicht das Schema Politiken, Einstellungen, Haltungen aus ganz unterschiedlichen Themenfeldern: von der Ökonomie über persönliche Werthaltungen bis hin zu Familie, Ökologie, Migration etc. Auf jedem Themenfeld lassen sich linke, rechte, mittige Positionen ausmachen. Das Schema verfügt also über eine Art von semantischer Gleichrichterfunktion für thematisch diverse Diskurse. Zu den symbolpolitisch wichtigen Dimensionen, die durch das Schema koordiniert werden, gehört zentral der Gegensatz zwischen universalistischen und partikularistischen Orientierungen. Traditionell steht die Linke für universalistische und internationalistische Werte, während die Rechte national und partikular denkt. Die Rhetorik der Globalisierung hat universalistische Symbole zusehends in die Mitte und nach rechts bewegt.

Eigentliche Gegenbegriffe oder Alternativen zum Schema gibt es nicht. Es fehlt allerdings zu keiner Zeit an Versuchen, das Links-Rechts-Schema öffentlich für überholt zu erklären. Zu den gebräuchlichen Varianten gehören:

[a] alternative Topologien (Tony Blair erklärte in den 1990er Jahren, er wolle weder rechts noch links sein, sondern ,vorne‘).

[b] Totalitarismusmodelle, die rechts und links gleichsetzen, und komplementär:

[c] Neue-Mitte-Modelle, die rechte und linke Positionen für überholt und endgültig diskreditiert erklären.

In der Regel verwenden aber auch diejenigen das Schema weiter, die es für obsolet/überholt erklären. Tendenziell unterlaufen auch politisch Selbstbezeichnungen wie ,liberal‘ oder ,ökologisch‘ das Schema. Traditionell werden diejenigen, die sich solchermaßen etikettieren, dann nach konkreten politischen Forderungen oder Programmen in das Schema einsortiert.

Bedingung für die erfolgreiche Verwendung des Schemas ist die erfolgreiche Selbstlokalisierung an einer zum jeweiligen Zeitpunkt attraktiven und resonanten Position des Schemas. Meinungsumfragen ergeben immer wieder, dass befragte Personen bereit sind, sich selbst politisch an einer Position des Schemas einzuordnen (vgl. Lantz 2001, 165-174; Knobloch 2001, 175-190). Solange das symbolische Modell der Gleichgewichtswaage funktioniert, tendieren die politischen Selbstverortungen (ebenso wie auch die gesellschaftlich-sozialen) zur Mitte. Nur wenige Personen bezeichnen sich selbst als extremistisch oder links- oder rechtsradikal. Dadurch entsteht eine (freilich fragile) Tendenz, die Mitte als autoritativen symbolischen Ort zu besetzen. Was heute als Populismus bezeichnet wird, das ist die Gesamtheit der Strömungen, die gegenüber den Mittebesetzern skeptisch geworden sind.

Das Schema wird historisch gewöhnlich auf die Sitzordnung in der nachrevolutionären Nationalversammlung Frankreichs zurückgeführt. Während die vorrevolutionäre Ständeversammlung ihre Abgeordneten nach Ständen platzierte, sollte die nachrevolutionäre Sitzordnung Einstellungen und politische Unterschiede symbolisieren. Das ist plausibel, aber historisch uneindeutig.

Es gibt sowohl einen performativen als auch einen wissenschaftlich-analytischen Gebrauch des Schemas. In der analytischen Verwendung versucht man, Einstellungen und Überzeugungen definitorisch als links oder rechts festzulegen, was freilich mit der performativen Beweglichkeit des Orientierungsschemas kaum vereinbar ist (vgl. Noelle-Neumann 1996, 243-267). Dessen fachlicher Gebrauch tendiert dazu, hinter der performativen Realität herzuhinken. Zudem ist auch der analytische Gebrauch des Schemas darin immer auch performativ, dass er festzulegen sucht, was für den Gebrauch beweglich bleiben muss.

Veränderungen im Gebrauch des Schemas reflektieren Gewichtsverschiebungen zwischen den symbolischen Positionen. So führte die Diskreditierung alles links Konnotierten nach dem Zusammenbruch der sozialistischen Länder dazu, dass ehedem gemäßigt-sozialreformerische Positionen aus der rechten Mitte nunmehr als ,sozialistisch‘ oder gar ,kommunistisch‘ rekodiert wurden. Obamas (privatkapitalistische) Krankenversicherungsinitiative wurde von Republikanern als ,Sozialismus‘ gebrandmarkt. Zunehmend erfolgreiche rechtspopulistische Organisationen bewegen mehr oder minder automatisch die Mitte ebenfalls nach rechts. Im hegemonialen Gebrauch ist das Schema auch darum nützlich, weil es, autoritativ erfolgreich eingesetzt, den Spielraum zulässiger, gehegter Positionen bei Bedarf ebenso verengen wie erweitern kann. So gilt die Forderung nach staatlicher Enteignung von Produktivvermögen zu Gemeinwohlzwecken als linksextremistisch, wiewohl die Verfassung von 1949 sie ausdrücklich ermöglicht. Umgekehrt gelten links konnotierte kulturelle Werte (Toleranz, kulturelle Offenheit, Diversität, Moralisierung von Minderheiten), die in den 1970er und 1980er Jahren als äußerst links verschrien waren, heute als erwünscht.

Beispiele

Zur Logik der ,Volksparteien‘ gehört es, in öffentlichen Wahlkampfzeiten möglichst diejenigen Positionen des eingeschlossenen Spektrums (also der linken und rechten Mitte – unter Ausschließung der Extreme) zu adressieren, mit denen die eigene Partei nicht identifiziert wird. So versucht die CSU gegenwärtig, grün-ökologische Positionen zu besetzen. Zum Niedergang der SPD gehört zweifellos, dass das Erscheinungsbild der CDU (unter Merkel) sozialdemokratische Elemente aufgenommen hat, während der SPD der ,Rückweg‘ zu weiter links konnotierten Position dadurch versperrt ist, dass diese inzwischen von der Linkspartei besetzt sind, mit der die SPD durchaus nicht identifiziert werden möchte. Die SPD hat zunehmend keinen eigenen ,Platz‘ im Schema. Wer den Eindruck erweckt oder auch nur erwecken könnte, er habe sich von der Mitte entfernt, der muss gewärtigen, dass man ihm linke oder rechte Extremisten zurechnet, was dem Image schadet. So gesehen wirkt das Schema politisch disziplinierend.

Hans-Georg Maaßen musste gehen, nachdem er als Verfassungsschutzpräsident von „Linksextremisten in der SPD“ gesprochen hatte, während die SPD in der Regierung war. Die Logik der beweglichen Grenze ist auch im Verhalten der politischen Mitte gegenüber der AFD deutlich zu sehen: Man schwankt zwischen taktischer Übernahme von AFD-Positionen (etwa in der Flüchtlingspolitik) und Ausschließung der AFD aus dem gehegten Mittebereich, während die AFD selbst auszubalancieren versucht, wie weit sie nach rechts gehen kann, ohne öffentliche Zustimmung zu verlieren oder illegalisiert zu werden.

Zitierte Literatur

  • Knobloch, Clemens (2001): Aus Alt mach Neu: Links, Mitte, Rechts. In: Gerhard, Ute/Link, Jürgen/Schulte-Holtey, Ernst (Hrsg.): Infografiken, Medien, Normalisierung. Heidelberg: Synchron, 175-190.
  • Lantz, Pièrre (2001): Verräumlichte Darstellung und Raum der Vorstellung des Politischen. In: Gerhard, Ute/Link, Jürgen/Schulte-Holtey, Ernst (Hrsg.): Infografiken, Medien, Normalisierung. Heidelberg: Synchron, 165-174.
  • Noelle-Neumann, Elisabeth (1996): Die linken und die rechten Werte. Ein Ringen um das Meinungsklima. In: Beiträge zur politischen Wissenschaft 89.

Weiterführende Literatur

  • Faye, Jean-Pièrre (1972): Langues totalitaires. Critique de la raison narrative – critique de l´économie narrative. Paris: Hermann.
  • Enzensberger, Hans Magnus (1988): Mittelmaß und Wahn. Gesammelte Zerstreuungen. Frankfurt/M.: Suhrkamp.
  • Bobbio, Norberto (1994): Rechts und Links. Gründe und Bedeutungen einer politischen Unterscheidung. Berlin: Wagenbach.
  • Link, Jürgen (2013): Versuch über den Normalismus. 4. Auflage. Göttingen: Vandenhoeck & Rupprecht.
  • https://de.wikipedia.org/wiki/Politisches_Spektrum.

Zitiervorschlag

Knobloch, Clemens (2020): Artikel Links-Mitte-Rechts. In: Diskursmonitor. Glossar zur strategischen Kommunikation in öffentlichen Diskursen. Hg. von der Forschungsgruppe Diskursmonitor und Diskursintervention. Veröffentlicht am 17.04.2020. Online unter: https://diskursmonitor.de/glossar/links-rechts.

Grundbegriffe

Korpus

In den Sprach- als auch Literaturwissenschaften versteht man unter Korpora ganz allgemein Textsammlungen.

Protest

Protest ist die kollektive Artikulation von Unbehagen, Kritik oder Veränderungswillen, der sich in bestimmten Handlungen außerhalb etablierter institutioneller Kanäle des politischen Systems äußert. Organisiert wird Protest meist von Initiativen, politischen Gruppierungen oder sozialen Bewegungen in Form von Petitionen, Flugblattaktionen, Demonstrationen, Blockaden, Streiks, Happenings und andere Interventionen in der Öffentlichkeit – in direkter Präsenz, unter Einsatz des Körpers oder auch im virtuellen Raum.

Erzählen

Erzählen ist eine rekonstruktive und kommunikative Tätigkeit, in der für gewöhnlich eine vermittelnde Instanz ein Geschehen darstellt. Die Darstellung kann ein/e ErzählerIn vornehmen (entspricht einer engen Definition des Erzählens) oder sie kann medial anders – beispielsweise filmisch – dargeboten werden (entspricht einer weiten Definition des Erzählens). Dabei beruht das dargestellte Geschehen auf mindestens einem Ereignis.

Konnotation

Konnotation ist ein Fachbegriff, mit dem in der Sprachwissenschaft und benachbarten Disziplinen die Nebenbedeutung (oder der ‚Nebensinn‘) eines Ausdrucks bezeichnet wird. Die konnotative Bedeutung umfasst oft wertende (evaluative) oder handlungsauffordernde (deontische) Aspekte, die mit dem Gebrauch eines Ausdrucks aufgerufen werden können.

Framing

Kommunikationswissenschaftlicher Fachausdruck für den Deutungs- und Bewertungsrahmen, der durch einen politischen Begriff aufgerufen oder ihm fallweise beigegeben wird.

Dramaturgie

Im Rahmen strategischer Kommunikation steht Dramaturgie als Beschreibungsbegriff für den gezielten Rückgriff auf typische dramatische Muster bei der Inszenierung von Ereignissen.

Schlagwort

Im Feld der politischen Kommunikation sind Schlagwörter Ausdrücke, mit denen Positionen, Programme, Tendenzen oder Sachverhalte in verdichteter Form, wertend und mit emotionaler Aufladung präsentiert werden, z.B. als (positiv besetzte) Fahnenwörter wie Demokratie, als (negativ besetzte) Stigmawörter wie Chaot oder als Hochwertwörter wie Kultur.

Guerillakommunikation

Guerillakommunikation steht für die Beobachtung, dass es Formen der Kommunikation gibt, die von normalen bzw. als normal geltenden Kommunikationsformen abweichen und mit diesen in Konflikt stehen. Die Markierung als Guerillakommunikation (von span. guerrilla = Kleinkrieg) verweist dabei auf asymmetrische Konflikte, die aus einer unterlegenen Position heraus kommunikativ ausgetragen werden.

Techniken

Lexikalisches Diffundieren

Lexikalisches Diffundieren besteht darin, Begriffe – vor allem Positivbegriffe, die eng mit dem politischen Gegner assoziiert werden – zu meiden und zu ‚ersetzen‘ durch eine Anzahl wechselnder bedeutungsähnlicher Begriffe jenseits des Vokabulars, das dem politischen Gegner zugerechnet wird.

Berichterstattungsmuster

Die Komplexität entsteht aus den unterschiedlichen Ebenen , die zusammengeführt werden in Berichterstattungsmustern. Sie symbolisieren Funktionen des Journalismus (informieren, kritisieren und kontrollieren, unterhalten) ebenso wie Ziele und Praktiken von Redaktionen (Gewinnmaximierung) und sie verweisen auf berufsstrukturelle Aspekte (Rollenselbstverständnis, Wert- und Normvorstellungen).

Euphemismus

Der Ausdruck Euphemisierung ist eine sprachliche Strategie, die den Einsatz von sprachlichen Mitteln mit verhüllender, verschleiernder, beschönigender, abschwächender Funktion im öffentlichen Sprachgebrauch meint.

Adbusting

Adbusting (Englisch: aus „ad“ – Kurzform von „advertisement“ = ‚Werbung‘ und „to bust“ = ugs. ‚zerschlagen‘) ist die Bezeichnung für eine Reihe von kommunikativen Praktiken, die zur Verfremdung kommerzieller und politischer Werbung im öffentlichen Raum eingesetzt werden. Heutzutage spielen die Sozialen Medien eine zunehmende Rolle, da erstens digitale Bearbeitungstechniken eingesetzt werden können und zweitens durch jene ein ungleich größeres Publikum erreicht wird.

False Flag

« Zurück zur ArtikelübersichtFalse Flag (Operation) Kategorie: TechnikenVerwandte Ausdrücke: Lockspitzel, agent provocateurSiehe auch: Guerillakommunikation, Propaganda, Fake-News, Täuschung, CamouflageAutorin: Christin Kölsch, Friedemann VogelVersion: 1.0 / Datum:...

Entlarven

Entlarven ist als kritische Alltagstechnik zentral und allgegenwärtig, und aus diesem Grund so gut wie unsichtbar und wenig reflektiert. Entlarven besteht darin, das erklärte hohe Motiv einer Handlung durch Zuschreibung eines niedrigeren Motivs zu ersetzen.

Nudging

Nudging (Englisch: Schubsen, Stupsen) ist die Bezeichnung für eine Technik und Praxis strategischer Kommunikation. Dem Anspruch nach soll durch Nudging Verhalten ohne Zwang gelenkt werden, und zwar durch Veränderung der Rahmenbedingungen für Entscheidungen: durch bestimmte Voreinstellungen (z.B. Zustimmung gilt als normal, Abweichung muss markiert werden), Symbole oder auch materielle Arrangements (Barrieren, Markierungen). Nudges sind für die Adressaten oft nicht erkennbar, gleichwohl gehört Nudging inzwischen zum Repertoire aktueller Regierungstechniken.

Inszenierung

Inszenierung ist ursprünglich ein Begriff aus der Sphäre der (dramatischen) Kunst, des Theaters, der in den Kontext von Kommunikation gewandert ist. Inszenierung bezeichnet die Nutzung der Mittel des Theaters, um etwas zur Erscheinung zu bringen, „in Szene“ zu setzen. Dazu werden die Möglichkeiten der verschiedenen Zeichensysteme (sprachliche, visuelle, gestische) genutzt, darüber hinaus die Koordination in Raum und Zeit und das Spiel mit Rollen.

Propaganda

Propaganda als Kommunikationstechnik und -praxis umfasst eine Vielzahl von sprachlichen und visuellen, meist mediengestützten Formen der gezielten Beeinflussung und Steuerung des Denkens, Fühlens und Handelns von Menschen.

Schlagwörter

Geschlechtergerechte Sprache

Mit dem heute als Fahnenwort gebrauchten Ausdruck geschlechtergerechte Sprache ist die Forderung verbunden, bei Personenbezeichnungen die einseitige, für diskriminierend erklärte Bezugnahme auf einen bestimmten Sexus, konkret: auf das männliche Geschlecht, zu unterlassen.

Identitätspolitik

Der Ausdruck steht heute für eine politische Konstellation, in der konkurrierende Wir-Gemeinschaften mit einer Diskriminierungs- und Benachteiligungsgeschichte in der Öffentlichkeit um Anerkennung konkurrieren. An der Oberfläche geht es ‚identitären‘ Wir-Gemeinschaften darum, die eigene Diskriminierung als Ermächtigungsmotiv an die Öffentlichkeit zu tragen.

Cancel Culture

Cancel Culture ist ein Kampf- und Stigmawort, das sich in skandalisierender Absicht gegen die Praxis (und oft auch bereits gegen die Forderung) des Absagens, Ausladens, Boykottierens moralisch missliebiger und politisch bekämpfter Personen, Organisationen und Positionen in Wissenschaft, Kultur und Politik wendet.

Elite

Einmal wird unter Elite eine Auswahl der Besten und Leistungsfähigsten verstanden, einmal in distanzierender Weise eine abgehobene ‚Kaste‘ der Reichen und Mächtigen im Gegensatz zum Volk. Erstere Variante wird in der Regel zur Verteidigung der etablierten Ordnung verwendet, letztere vor allem von Rechtspopulisten.

Greenwashing

Unternehmen, Regierungen, Parteien oder Organisationen bedienen sich verschiedener Praktiken, um ihr Handeln in der Öffentlichkeit ökologischer und nachhaltiger darzustellen, als es tatsächlich ist.

Altpartei

Der Ausdruck Altpartei wird in jüngerer Zeit häufig im Kontext des Aufstiegs des Rechtspopulismus und der AfD gebraucht. Dabei lassen sich hauptsächlich zwei Gebrauchsvarianten beobachten: Einerseits richtet sich der Ausdruck in abwertender Weise gegen etablierte Parteien, andererseits taucht er oft in sprachkritischen Kontexten auf, wo seine Verwendung und seine Sprecher kritisiert oder diskreditiert werden.

Verschwörungstheorie

Der Ausdruck gibt sich in der medialen Öffentlichkeit als analytisches Konzept, ist aber zugleich performativ hoch wirksam als Ausschluss aller erfolgreich so benannten Konzepte aus der rationalen öffentlichen Kommunikation.

Inklusion

Inklusion hat sich, ausgehend von einem soziologischen Fachterminus gleichen Namens, in den zwei vergangenen Jahrzehnten zu einem interdiskursiven und allgemeinen Programmbegriff gewandelt.

Innovation

Innovation gehört seit den 60er Jahren zu den häufig verwendeten Schlag– bzw. Fahnenwörtern, vor allem in den Feldern von Ökonomie und Politik. Konzepte und Vorhaben mit der Überschrift Innovation werden oft als Sachzwänge dargestellt, gegen die Einwände als nicht legitim erscheinen.

Postwachstum

Postwachstum ist im deutschsprachigen Diskurs Beschreibungsbegriff und Forderung zugleich: In einer Welt mit endlichen natürlichen Ressourcen müsse die bisher von Wirtschaftswachstum und Ausbeutung abhängige globale Ökonomie radikal verändert werden, um langfristig die menschliche Existenz zu sichern.

Verschiebungen

Ökonomisierung

Ökonomisierung wird in gegenwärtigen Diskursen in der Regel zur Bezeichnung von Prozessen verwendet, in denen die spezifisch wirtschaftlichen Funktions-Elemente wie Markt, Wettbewerb/Konkurrenz, Kosten-Nutzen-Kalküle, Effizienz, Gewinnorientierung in Bereiche übertragen werden, die zuvor teilweise oder ganz nach anderen Leitkriterien ausgerichtet waren

Moralisierung

Moralisierung verlagert Macht- und Interessenkonflikte in die Sphäre der Kommunikation von Achtung / Missachtung. Sie reduziert Ambivalenz zugunsten einer Polarisierung von gut und böse.

Konstellationen

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