DiskursGlossar

Altpartei

Kategorie: Schlagwörter
Verwandte Ausdrücke:
Systempartei, Kartellpartei, Elite, Mainstream
Siehe auch: Stigmawort, Schlagwort, Mainstream, Populismus
Autorin: Fabian Deus
Version: 1.0 / 02.07.2020

Kurzzusammenfassung

Altpartei ist ein Schlagwort, das primär zur Diskreditierung des politischen Gegners verwendet wird (Stigmabegriff). Der Ausdruck wird in jüngerer Zeit häufig im Kontext des Aufstiegs des Rechtspopulismus und der AfD gebraucht. Dabei lassen sich hauptsächlich zwei Gebrauchsvarianten beobachten: Einerseits richtet sich der Ausdruck in abwertender Weise gegen etablierte Parteien, andererseits taucht er oft in sprachkritischen Kontexten auf, wo seine Verwendung und seine Sprecher kritisiert oder diskreditiert werden.

Historisch ist der Ausdruck in verschiedenen anderen politischen Konstellationen anzutreffen, mit teilweise vom heutigen Gebrauch stark abweichenden Verwendungsweisen. Im Kontext des deutschen Parteiensystems werden gegenwärtig primär die Parteien als Altpartei bezeichnet, die schon vor 1990 die (westdeutsche) politische Landschaft prägten: CDU/CSU, SPD und FDP, mit Einschränkungen auch die Grünen. Auch die Linke wird dieser Gruppe manchmal in abwertender Absicht zugerechnet, versteht sich aber selbst als Oppositionspartei.

Erweiterte Begriffsklärung

Beim gegenwärtigen Gebrauch des Schlagwortes Altpartei in der politischen Kommunikation lassen sich zwei grundsätzliche Verwendungsvarianten unterscheiden: Einerseits wird der Ausdruck zur Diskreditierung politischer Gegner verwendet, wobei zwischen der Eigengruppe und den als Altparteien markierten Gruppen eine große Distanz konstruiert wird. Als Altparteien (der Ausdruck wird meistens im Plural verwendet) werden dabei tendenziell alle Parteien zusammengefasst, die zum Zeitpunkt des Sprechens bereits länger im politischen Betrieb etabliert sind und diesen (mit-)bestimmen. Das Schlagwort homogenisiert somit disparate Gruppen, die sich hinsichtlich ihrer politischen Inhalte und Zielsetzungen oder sozialen Zusammensetzung teils stark unterscheiden. Die Markierung als Altpartei erzeugt eine Perspektive, in der allerlei negative Attribute zugeschrieben werden: Altparteien erscheinen in dieser Sichtweise verbraucht, träge und bürokratisch; sie sind von ‚den Menschen‘ wie von ihren eigenen Inhalten entfremdet etc. Dazu kommt, dass sich der Ausdruck mit der verbreiteten Einschätzung verbündet, dass sich die etablierten Parteien hinsichtlich ihrer tatsächlich praktizierten Politik nicht (mehr) nennenswert unterscheiden (Postdemokratie), sondern die Konkurrenz der Altparteien untereinander als Inszenierung wahrgenommen wird. In dieser Wahrnehmung bilden die als Altpartei zusammengefassten Gruppen in diesem Framing ein Bündnis, das hauptsächlich Eigeninteressen verfolgt (z.B. die Versorgung der eigenen Leute mit hochdotierten Posten etc.), und alle abweichenden Stimmen unterdrückt (Altparteienkartell).

Die Sprecher konstruieren sich hierbei als dazu in Opposition stehende Gruppe: Den diskreditierten Altparteien wird eine Wir-Gruppe gegenübergestellt, die als unverbraucht, aufrichtig und tatkräftig erscheinen soll. Bemerkenswert ist, dass diese Aufwertung der Eigengruppe auch dann vollzogen wird, wenn sie nicht explizit sprachlich realisiert wird: Wer anderen vorwirft, eine abgehobene Elite zu bilden, muss auf seine eigene Bodenständigkeit gar nicht gesondert hinweisen. In dieser Form gilt der Ausdruck als ein zentralen Element populistischer Semantiken: Die Altparteien repräsentieren hierbei den politischen Kern des gesellschaftlichen Establishments, das den Gegenpol zum ‚einfachen Volk‘ bildet, dem sich die Sprecher zurechnen.

Zu den Gelingensbedingungen eines derartigen Schlagwortgebrauchs gehört, dass verbreitete Erfahrungslagen und Stimmungen vorliegen müssen, die durch den Gebrauch des Schlagwortes bestätigt werden. Darin ist der Gebrauch des Stigmawortes Altpartei kommunikativ erfolgreich: Er spricht eine verbreitete Unzufriedenheit mit dem etablierten Politikbetrieb und seinen Parteien an und formuliert – unabhängig von der konkreten politischen Besetzung – eine grundsätzliche Oppositionshaltung zu hegemonialen politischen Kräften.

Diese Verwendungsweise wird im gegenwärtigen Sprachgebrauch vor allem von rechten Gruppen und Akteuren praktiziert; im Parteienspektrum erscheint Altpartei momentan als Parteibegriff der AfD. Diese Zuordnung zu einer bestimmten politischen Strömung ist auch der zentrale Grund dafür, dass ein analoger Gebrauch in anderen Domänen und durch andere Akteure kaum noch möglich ist (z.B. durch die politische Linke, die sich ebenfalls von den etablierten Parteien abgrenzen möchte und dazu in der Vergangenheit auch den Ausdruck gerne verwendete, oder generell auch in journalistischen Texten, die sich als überparteilich verstehen). Wer den Ausdruck verwendet, gibt sich entweder als Rechtspopulist zu erkennen, oder macht sich mindestens verdächtig, entsprechende Sichtweisen zu teilen. Das mindert den allgemeinen kommunikativen Gebrauchswert des Ausdrucks gegenwärtig erheblich. Außerhalb des populistischen Diskursraumes fällt der Gebrauch des Ausdrucks oft als Stigma auf die Sprecher zurück (siehe Abb. 1).

Abbildung 1: Kritik am und Distanzierung vom Gebrauch des Ausdrucks unter Journalistinnen in sozialen Medien (twitter).

Daher wird der Ausdruck in allen nicht-populistischen bzw. nicht-rechten Kontexten häufig in einer sprachkritischen Sprechweise gebraucht, die den Ausdruck beanstandet und in dem sich die Sprecher demonstrativ von ihm distanzieren (virtue signalling). Sehr häufig taucht er daher in distanzierenden Anführungszeichen auf, häufig findet man auch distanzierende Ergänzungen: Das DWDS-Wortprofil weist z.B. sogenannt als eines der häufigsten Attribute zu Altpartei aus. In dieser Form handelt es sich um einen metasprachlichen Gebrauch, der fast immer in sprachkritischer Absicht praktiziert wird: Wer den Ausdruck thematisiert, tadelt seinen Gebrauch durch andere. Die Distanzierung von der Vokabel inszeniert die eigene Position als sprachkritisch-reflektiert. Und so wie Altpartei als Stigmawort unausgesprochen die politische Gruppe der Sprecher aufwertet, hat der sprachkritische Gebrauch die Tendenz dazu, unter der Hand Partei für die etablierten Kräfte zu ergreifen (vgl. Abb2).

Diese ‚metasprachlich-operative‘ Gebrauchskonvention ist oft verbunden mit der These, dass Altpartei ein wichtiger Begriff im NS-Sprachgebrauch gewesen sei (vgl. Abb. 3 und 4). Diese Annahme wird vor allem in journalistischen und politischen Kontexten immer wieder verbreitet. Aus politolinguistischer und begriffs- und diskursgeschichtlicher Sicht lässt sich dies jedoch nicht bestätigen: Gegen diese These sprechen einerseits schon nur sehr geringe Gebrauchsfrequenzen, die Referenzkorpora im einschlägigen Zeitraum ausweisen (siehe Abb. 5).[1] Auch in den einschlägigen Nachschlagewerken zur Sprache im Nationalsozialismus wird der Begriff gar nicht behandelt (vgl. z.B. Schmitz-Berning 2007). Nicht zur These der NS-Vokabel Altpartei passt zudem, dass die Korpora häufige Verwendungen ab den mittleren 1970er Jahren zeigen. Diese resultieren hauptsächlich aus dem Gebrauch des Ausdrucks im Kontext der damals neuen Umweltbewegung und der aufkommenden Grünen: Diese inszenierten sich, ganz analog zur gegenwärtigen Diskurskonstellation, als nonkonformistische Alternative zu verkrusteten Strukturen des Bonner Parteiensystems, die mit dem Ausdruck zusammengefasst wurden. Dass eine vermeintliche NS-Nähe des Begriffs hierbei einen affirmativen Gebrauch nicht störte, zeigt die Bedeutung der diskreditierenden Funktion gegenwärtiger Sprachthematisierungen. Auch bei der Etablierung der Linkspartei im Parteiensystem des wiedervereinigten Deutschlands und später beim Aufkommen der Piratenpartei wiederholte sich dies. Auch im Mediendiskurs ist gegen die These, dass eine starke Verbindung des Ausdrucks mit nationalsozialistischem Gedankengut und seiner Sprache vorhanden sei, inzwischen fundiert Einspruch erhoben worden (vgl. Heine 2019b).

Abbildung 4: Kontamination von Altpartei mit dem NS in sozialen Medien.

Abbildung 2: Sprachkritische Verwendung; hier: Glossar der Neuen deutschen Medienmacher.

 

Abbildung 3: Metasprachliche Verwendung in journalistischen Texten, hier im Neuen Deutschland.

Es wird also deutlich, dass der Ausdruck generell in Kontexten attraktiv ist, in denen neue politische Gruppen weit verbreitete Unzufriedenheit mit den hegemonialen Parteien zur eigenen Selbstprofilierung nutzbar machen wollen.

Die Politikwissenschaftler Frank Decker und Marcel Lewandowski weisen in einem Dossier für die Bundeszentrale für politische Bildung darauf hin, dass häufig praktizierte Gegenstrategien gegen rechtspopulistische Rhetorik, die auf eine ‚Überführung‘ und Ausgrenzung ihres Gegners abzielen, mit einem strukturellen Problem konfrontiert sind: „Das grundlegende Problem besteht darin, dass die etablierten Parteien die Herausforderer ‚entlarven‘ wollen, selbst aber Objekt des Populismus sind – handelt es sich bei ihnen doch gerade um die Vertreter jener ‚Altparteien‘, gegen die die Rechtspopulisten ihre Wähler erfolgreich mobilisieren“ (Decker/ Lewandowski 2017). Ausgrenzungsversuche bestätigten so tendenziell die Vorstellung eines Parteienkartells der Etablierten, die neben sich keinerlei Konkurrenz dulden. Es gelte daher, die inhaltliche Auseinandersetzung nicht zu meiden, sondern aktiv zu suchen.

Abbildung 5: Wortverlauf im DWDS-Zeitungskorpus

Beispiele

1) Altpartei in sozialen Medien

In sozialen Netzwerken wie twitter und facebook kann man ohne jede Mühe nachvollziehen, dass Altpartei zum alltäglichen Sprachgebrauch in der politischen Auseinandersetzung gehört. Viele Accounts, die von der AfD betrieben werden oder dieser nahe stehen, nutzen den Ausdruck in hoher Frequenz. Auf der anderen Seite wird der Ausdruck auch immer wieder in der beschriebenen Weise kritisch thematisiert.

Abbildung 6: Altpartei in sozialen Netzwerken

2) Sprachthematisierungen in Pressetexten

Grundsätzlich wird der Ausdruck in gegenwärtigen Pressetexten eher gemieden. Die starre Festlegung auf das rechtspopulistische Lager, die den Ausdruck gegenwärtig charakterisiert, lädt jedoch zu den beschriebenen sprachkritischen Interventionen ein. Paradigmatisch hierfür ist der Eintrag im Glossar der Neuen deutschen Medienmacher, das Formulierungshilfen „als Hilfestellung für die tägliche Redaktionsarbeit“ (https://glossar.neuemedienmacher.de) liefern möchte (vgl. Abb. 3).

Intensiv hat sich der Welt-Feuilletonist Matthias Heine mit der Geschichte des Ausdrucks beschäftigt, der dabei nicht nur überzeugend belegen konnte, dass der Ausdruck in der Sprache des NS keine Rolle spielt, sondern sogar frühere Verwendungen durch dezidiert antifaschistische Autoren (Carl von Ossietzky, Kurt Hiller) aufgefunden hat (vgl. Heine 2019a, 2019b). Heine kann überzeugend darlegen, dass erst mit „dem Aufstieg der AfD […] Altpartei nach rechts [wanderte]“ (Heine 2019b).

Literatur

Zitierte Literatur

  • DWDS-Wortprofil für „Altpartei“, erstellt durch das Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache, https://www.dwds.de/wp/Altpartei, abgerufen am 14.05.2020.
  • Decker, Frank / Lewandowski, Marcel (2017): Rechtspopulismus: Erscheinungsformen, Ursachen und Gegenstrategien. Online unter: https://www.bpb.de/politik/extremismus/rechtspopulismus/240089/rechtspopulismus-erscheinungsformen-ursachen-und-gegenstrategien (letzter Zugriff: 02.07.2020).
  • Schmitz-Berning. Cornelia (2007): Vokabular des Nationalsozialismus. Berlin: deGruyter.
  • Heine, Matthias (2019a): Verbrannte Wörter: Wo wir noch reden wie die Nazis – und wo nicht. Berlin: Dudenverlag.
  • Heine, Matthias (2019b): Die Legende vom Nazi-Begriff „Altpartei“. Online unter: https://www.welt.de/kultur/plus202212866/Ein-Mann-ein-Wort-Die-Legende-vom-Nazi-Begriff-Altpartei.html (letzter Zugriff: 02.07.2020).

 

[1] Dazu zeigt Altpartei, anders als praktisch alle relevanten Begriffe der NS-Sprache, keine auffällig hohen Frequenzen ab den 1960er Jahren, die aus der Thematisierung im Zuge der Auseinandersetzung mit der Vergangenheit (‚Aufarbeitung‘) resultieren.

Zitiervorschlag

Deus, Fabian (2020): Artikel Altpartei. In: Diskursmonitor. Glossar zur strategischen Kommunikation in öffentlichen Diskursen. Hg. von der Forschungsgruppe Diskursmonitor und Diskursintervention. Veröffentlicht am 02.07.2020. Online unter: https://diskursmonitor.de/glossar/altpartei.