DiskursGlossar

Altpartei

Kategorie: Schlagwörter
Verwandte Ausdrücke:
Systempartei, Kartellpartei, Elite, Mainstream
Siehe auch: Stigmawort, Schlagwort, Mainstream, Populismus
Autor: Fabian Deus
Version: 1.1 / 05.07.2021

Kurzzusammenfassung

Altpartei ist ein Schlagwort, das primär zur Diskreditierung des politischen Gegners verwendet wird (Stigmabegriff). Der Ausdruck wird in jüngerer Zeit häufig im Kontext des Aufstiegs des Rechtspopulismus und der AfD gebraucht. Dabei lassen sich hauptsächlich zwei Gebrauchsvarianten beobachten: Einerseits richtet sich der Ausdruck in abwertender Weise gegen etablierte Parteien, andererseits taucht er oft in sprachkritischen Kontexten auf, wo seine Verwendung und seine Sprecher kritisiert oder diskreditiert werden.

Historisch ist der Ausdruck in verschiedenen anderen politischen Konstellationen anzutreffen, mit teilweise vom heutigen Gebrauch stark abweichenden Verwendungsweisen. Im Kontext des deutschen Parteiensystems werden gegenwärtig primär die Parteien als Altpartei bezeichnet, die schon vor 1990 die (westdeutsche) politische Landschaft prägten: CDU/CSU, SPD und FDP, mit Einschränkungen auch die Grünen. Auch die Linke wird dieser Gruppe manchmal in abwertender Absicht zugerechnet, versteht sich aber selbst als Oppositionspartei.

Erweiterte Begriffsklärung

Beim gegenwärtigen Gebrauch des Schlagwortes Altpartei in der politischen Kommunikation lassen sich zwei grundsätzliche Verwendungsvarianten unterscheiden: Einerseits wird der Ausdruck zur Diskreditierung politischer Gegner verwendet, wobei zwischen der Eigengruppe und den als Altparteien markierten Gruppen eine große Distanz konstruiert wird. Als Altparteien (der Ausdruck wird meistens im Plural verwendet) werden dabei tendenziell alle Parteien zusammengefasst, die zum Zeitpunkt des Sprechens bereits länger im politischen Betrieb etabliert sind und diesen (mit-)bestimmen. Das Schlagwort homogenisiert somit disparate Gruppen, die sich hinsichtlich ihrer politischen Inhalte und Zielsetzungen oder sozialen Zusammensetzung teils stark unterscheiden. Die Markierung als Altpartei erzeugt eine Perspektive, in der allerlei negative Attribute zugeschrieben werden: Altparteien erscheinen in dieser Sichtweise verbraucht, träge und bürokratisch; sie sind von ‚den Menschen‘ wie von ihren eigenen Inhalten entfremdet etc. Dazu kommt, dass sich der Ausdruck mit der verbreiteten Einschätzung verbündet, dass sich die etablierten Parteien hinsichtlich ihrer tatsächlich praktizierten Politik nicht (mehr) nennenswert unterscheiden (,Postdemokratie‘), sondern die Konkurrenz der Altparteien untereinander als Inszenierung wahrgenommen wird. In dieser Wahrnehmung bilden die als Altpartei zusammengefassten Gruppen in diesem Framing ein Bündnis, das hauptsächlich Eigeninteressen verfolgt (z. B. die Versorgung der eigenen Leute mit hochdotierten Posten etc.), und alle abweichenden Stimmen unterdrückt (Altparteienkartell).

Die Sprecher konstruieren sich hierbei als dazu in Opposition stehende Gruppe: Den diskreditierten Altparteien wird eine Wir-Gruppe gegenübergestellt, die als unverbraucht, aufrichtig und tatkräftig erscheinen soll. Bemerkenswert ist, dass diese Aufwertung der Eigengruppe auch dann vollzogen wird, wenn sie nicht explizit sprachlich realisiert wird: Wer anderen vorwirft, eine abgehobene Elite zu bilden, muss auf seine eigene Bodenständigkeit gar nicht gesondert hinweisen. In dieser Form gilt der Ausdruck als ein zentrales Element populistischer Semantiken: Die Altparteien repräsentieren hierbei den politischen Kern des gesellschaftlichen Establishments, das den Gegenpol zum ‚einfachen Volk‘ bildet, dem sich die Sprecher zurechnen.

Zu den Gelingensbedingungen eines derartigen Schlagwortgebrauchs gehört, dass verbreitete Erfahrungslagen und Stimmungen vorliegen müssen, die durch den Gebrauch des Schlagwortes bestätigt werden. Darin ist der Gebrauch des Stigmawortes Altpartei kommunikativ erfolgreich: Er spricht eine verbreitete Unzufriedenheit mit dem etablierten Politikbetrieb und seinen Parteien an und formuliert – unabhängig von der konkreten politischen Besetzung – eine grundsätzliche Oppositionshaltung zu hegemonialen politischen Kräften.

Diese Verwendungsweise wird im gegenwärtigen Sprachgebrauch vor allem von rechten Gruppen und Akteuren praktiziert; im Parteienspektrum erscheint Altpartei momentan als Parteibegriff der AfD. Diese Zuordnung zu einer bestimmten politischen Strömung ist auch der zentrale Grund dafür, dass ein analoger Gebrauch in anderen Domänen und durch andere Akteure kaum noch möglich ist (z. B. durch die politische Linke, die sich ebenfalls von den etablierten Parteien abgrenzen möchte und dazu in der Vergangenheit auch den Ausdruck gerne verwendete, oder generell auch in journalistischen Texten, die sich als überparteilich verstehen). Wer den Ausdruck verwendet, gibt sich entweder als Rechtspopulist zu erkennen, oder macht sich mindestens verdächtig, entsprechende Sichtweisen zu teilen. Das mindert den allgemeinen kommunikativen Gebrauchswert des Ausdrucks gegenwärtig erheblich. Außerhalb des populistischen Diskursraumes fällt der Gebrauch des Ausdrucks oft als Stigma auf die Sprecher zurück (siehe Abb. 1).

Grundbegriffe

Korpus

In den Sprach- als auch Literaturwissenschaften versteht man unter Korpora ganz allgemein Textsammlungen.

Protest

Protest ist die kollektive Artikulation von Unbehagen, Kritik oder Veränderungswillen, der sich in bestimmten Handlungen außerhalb etablierter institutioneller Kanäle des politischen Systems äußert. Organisiert wird Protest meist von Initiativen, politischen Gruppierungen oder sozialen Bewegungen in Form von Petitionen, Flugblattaktionen, Demonstrationen, Blockaden, Streiks, Happenings und andere Interventionen in der Öffentlichkeit – in direkter Präsenz, unter Einsatz des Körpers oder auch im virtuellen Raum.

Erzählen

Erzählen ist eine rekonstruktive und kommunikative Tätigkeit, in der für gewöhnlich eine vermittelnde Instanz ein Geschehen darstellt. Die Darstellung kann ein/e ErzählerIn vornehmen (entspricht einer engen Definition des Erzählens) oder sie kann medial anders – beispielsweise filmisch – dargeboten werden (entspricht einer weiten Definition des Erzählens). Dabei beruht das dargestellte Geschehen auf mindestens einem Ereignis.

Konnotation

Konnotation ist ein Fachbegriff, mit dem in der Sprachwissenschaft und benachbarten Disziplinen die Nebenbedeutung (oder der ‚Nebensinn‘) eines Ausdrucks bezeichnet wird. Die konnotative Bedeutung umfasst oft wertende (evaluative) oder handlungsauffordernde (deontische) Aspekte, die mit dem Gebrauch eines Ausdrucks aufgerufen werden können.

Framing

Kommunikationswissenschaftlicher Fachausdruck für den Deutungs- und Bewertungsrahmen, der durch einen politischen Begriff aufgerufen oder ihm fallweise beigegeben wird.

Dramaturgie

Im Rahmen strategischer Kommunikation steht Dramaturgie als Beschreibungsbegriff für den gezielten Rückgriff auf typische dramatische Muster bei der Inszenierung von Ereignissen.

Schlagwort

Im Feld der politischen Kommunikation sind Schlagwörter Ausdrücke, mit denen Positionen, Programme, Tendenzen oder Sachverhalte in verdichteter Form, wertend und mit emotionaler Aufladung präsentiert werden, z.B. als (positiv besetzte) Fahnenwörter wie Demokratie, als (negativ besetzte) Stigmawörter wie Chaot oder als Hochwertwörter wie Kultur.

Guerillakommunikation

Guerillakommunikation steht für die Beobachtung, dass es Formen der Kommunikation gibt, die von normalen bzw. als normal geltenden Kommunikationsformen abweichen und mit diesen in Konflikt stehen. Die Markierung als Guerillakommunikation (von span. guerrilla = Kleinkrieg) verweist dabei auf asymmetrische Konflikte, die aus einer unterlegenen Position heraus kommunikativ ausgetragen werden.

Techniken

Lexikalisches Diffundieren

Lexikalisches Diffundieren besteht darin, Begriffe – vor allem Positivbegriffe, die eng mit dem politischen Gegner assoziiert werden – zu meiden und zu ‚ersetzen‘ durch eine Anzahl wechselnder bedeutungsähnlicher Begriffe jenseits des Vokabulars, das dem politischen Gegner zugerechnet wird.

Berichterstattungsmuster

Die Komplexität entsteht aus den unterschiedlichen Ebenen , die zusammengeführt werden in Berichterstattungsmustern. Sie symbolisieren Funktionen des Journalismus (informieren, kritisieren und kontrollieren, unterhalten) ebenso wie Ziele und Praktiken von Redaktionen (Gewinnmaximierung) und sie verweisen auf berufsstrukturelle Aspekte (Rollenselbstverständnis, Wert- und Normvorstellungen).

Euphemismus

Der Ausdruck Euphemisierung ist eine sprachliche Strategie, die den Einsatz von sprachlichen Mitteln mit verhüllender, verschleiernder, beschönigender, abschwächender Funktion im öffentlichen Sprachgebrauch meint.

Adbusting

Adbusting (Englisch: aus „ad“ – Kurzform von „advertisement“ = ‚Werbung‘ und „to bust“ = ugs. ‚zerschlagen‘) ist die Bezeichnung für eine Reihe von kommunikativen Praktiken, die zur Verfremdung kommerzieller und politischer Werbung im öffentlichen Raum eingesetzt werden. Heutzutage spielen die Sozialen Medien eine zunehmende Rolle, da erstens digitale Bearbeitungstechniken eingesetzt werden können und zweitens durch jene ein ungleich größeres Publikum erreicht wird.

False Flag

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Entlarven

Entlarven ist als kritische Alltagstechnik zentral und allgegenwärtig, und aus diesem Grund so gut wie unsichtbar und wenig reflektiert. Entlarven besteht darin, das erklärte hohe Motiv einer Handlung durch Zuschreibung eines niedrigeren Motivs zu ersetzen.

Nudging

Nudging (Englisch: Schubsen, Stupsen) ist die Bezeichnung für eine Technik und Praxis strategischer Kommunikation. Dem Anspruch nach soll durch Nudging Verhalten ohne Zwang gelenkt werden, und zwar durch Veränderung der Rahmenbedingungen für Entscheidungen: durch bestimmte Voreinstellungen (z.B. Zustimmung gilt als normal, Abweichung muss markiert werden), Symbole oder auch materielle Arrangements (Barrieren, Markierungen). Nudges sind für die Adressaten oft nicht erkennbar, gleichwohl gehört Nudging inzwischen zum Repertoire aktueller Regierungstechniken.

Inszenierung

Inszenierung ist ursprünglich ein Begriff aus der Sphäre der (dramatischen) Kunst, des Theaters, der in den Kontext von Kommunikation gewandert ist. Inszenierung bezeichnet die Nutzung der Mittel des Theaters, um etwas zur Erscheinung zu bringen, „in Szene“ zu setzen. Dazu werden die Möglichkeiten der verschiedenen Zeichensysteme (sprachliche, visuelle, gestische) genutzt, darüber hinaus die Koordination in Raum und Zeit und das Spiel mit Rollen.

Propaganda

Propaganda als Kommunikationstechnik und -praxis umfasst eine Vielzahl von sprachlichen und visuellen, meist mediengestützten Formen der gezielten Beeinflussung und Steuerung des Denkens, Fühlens und Handelns von Menschen.

Schlagwörter

Geschlechtergerechte Sprache

Mit dem heute als Fahnenwort gebrauchten Ausdruck geschlechtergerechte Sprache ist die Forderung verbunden, bei Personenbezeichnungen die einseitige, für diskriminierend erklärte Bezugnahme auf einen bestimmten Sexus, konkret: auf das männliche Geschlecht, zu unterlassen.

Identitätspolitik

Der Ausdruck steht heute für eine politische Konstellation, in der konkurrierende Wir-Gemeinschaften mit einer Diskriminierungs- und Benachteiligungsgeschichte in der Öffentlichkeit um Anerkennung konkurrieren. An der Oberfläche geht es ‚identitären‘ Wir-Gemeinschaften darum, die eigene Diskriminierung als Ermächtigungsmotiv an die Öffentlichkeit zu tragen.

Cancel Culture

Cancel Culture ist ein Kampf- und Stigmawort, das sich in skandalisierender Absicht gegen die Praxis (und oft auch bereits gegen die Forderung) des Absagens, Ausladens, Boykottierens moralisch missliebiger und politisch bekämpfter Personen, Organisationen und Positionen in Wissenschaft, Kultur und Politik wendet.

Elite

Einmal wird unter Elite eine Auswahl der Besten und Leistungsfähigsten verstanden, einmal in distanzierender Weise eine abgehobene ‚Kaste‘ der Reichen und Mächtigen im Gegensatz zum Volk. Erstere Variante wird in der Regel zur Verteidigung der etablierten Ordnung verwendet, letztere vor allem von Rechtspopulisten.

Greenwashing

Unternehmen, Regierungen, Parteien oder Organisationen bedienen sich verschiedener Praktiken, um ihr Handeln in der Öffentlichkeit ökologischer und nachhaltiger darzustellen, als es tatsächlich ist.

Verschwörungstheorie

Der Ausdruck gibt sich in der medialen Öffentlichkeit als analytisches Konzept, ist aber zugleich performativ hoch wirksam als Ausschluss aller erfolgreich so benannten Konzepte aus der rationalen öffentlichen Kommunikation.

Inklusion

Inklusion hat sich, ausgehend von einem soziologischen Fachterminus gleichen Namens, in den zwei vergangenen Jahrzehnten zu einem interdiskursiven und allgemeinen Programmbegriff gewandelt.

Innovation

Innovation gehört seit den 60er Jahren zu den häufig verwendeten Schlag– bzw. Fahnenwörtern, vor allem in den Feldern von Ökonomie und Politik. Konzepte und Vorhaben mit der Überschrift Innovation werden oft als Sachzwänge dargestellt, gegen die Einwände als nicht legitim erscheinen.

Postwachstum

Postwachstum ist im deutschsprachigen Diskurs Beschreibungsbegriff und Forderung zugleich: In einer Welt mit endlichen natürlichen Ressourcen müsse die bisher von Wirtschaftswachstum und Ausbeutung abhängige globale Ökonomie radikal verändert werden, um langfristig die menschliche Existenz zu sichern.

Propaganda

Propaganda als Kommunikationstechnik und -praxis umfasst eine Vielzahl von sprachlichen und visuellen, meist mediengestützten Formen der gezielten Beeinflussung und Steuerung des Denkens, Fühlens und Handelns von Menschen.

Verschiebungen

Ökonomisierung

Ökonomisierung wird in gegenwärtigen Diskursen in der Regel zur Bezeichnung von Prozessen verwendet, in denen die spezifisch wirtschaftlichen Funktions-Elemente wie Markt, Wettbewerb/Konkurrenz, Kosten-Nutzen-Kalküle, Effizienz, Gewinnorientierung in Bereiche übertragen werden, die zuvor teilweise oder ganz nach anderen Leitkriterien ausgerichtet waren

Moralisierung

Moralisierung verlagert Macht- und Interessenkonflikte in die Sphäre der Kommunikation von Achtung / Missachtung. Sie reduziert Ambivalenz zugunsten einer Polarisierung von gut und böse.

Konstellationen

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Twitter Altpartei Screenshot

Abbildung 1: Kritik am und Distanzierung vom Gebrauch des Ausdrucks unter Journalistinnen in sozialen Medien (twitter).

Daher wird der Ausdruck in allen nicht-populistischen bzw. nicht-rechten Kontexten häufig in einer sprachkritischen Sprechweise gebraucht, die den Ausdruck beanstandet und in dem sich die Sprecher demonstrativ von ihm distanzieren (,virtue signalling‘). Sehr häufig taucht er daher in distanzierenden Anführungszeichen auf, häufig findet man auch distanzierende Ergänzungen: Das DWDS-Wortprofil weist z. B. sogenannt als eines der häufigsten Attribute zu Altpartei aus. In dieser Form handelt es sich um einen metasprachlichen Gebrauch, der fast immer in sprachkritischer Absicht praktiziert wird: Wer den Ausdruck thematisiert, tadelt seinen Gebrauch durch andere. Die Distanzierung von der Vokabel inszeniert die eigene Position als sprachkritisch-reflektiert. Und so wie Altpartei als Stigmawort unausgesprochen die politische Gruppe der Sprecher aufwertet, hat der sprachkritische Gebrauch die Tendenz dazu, unter der Hand Partei für die etablierten Kräfte zu ergreifen (vgl. Abb 2).

Diese ‚metasprachlich-operative‘ Gebrauchskonvention ist oft verbunden mit der These, dass Altpartei ein wichtiger Begriff im NS-Sprachgebrauch gewesen sei (vgl. Abb. 3 und 4). Diese Annahme wird vor allem in journalistischen und politischen Kontexten immer wieder verbreitet. Aus politolinguistischer und begriffs- und diskursgeschichtlicher Sicht lässt sich dies jedoch nicht bestätigen: Gegen diese These sprechen schon nur sehr geringe Gebrauchsfrequenzen, die Referenzkorpora im einschlägigen Zeitraum ausweisen (siehe Abb. 5).[1] Auch in den einschlägigen Nachschlagewerken zur Sprache im Nationalsozialismus wird der Begriff gar nicht behandelt (vgl. z. B. Schmitz-Berning 2007). Nicht zur These der NS-Vokabel Altpartei passt zudem, dass die Korpora häufige Verwendungen ab den mittleren 1970er Jahren zeigen. Dieser häufige Gebrauch in den 70ern steht im Kontext der damals neuen Umweltbewegung und der aufkommenden Grünen: Diese inszenierten sich, ganz analog zur gegenwärtigen Diskurskonstellation, als nonkonformistische Alternative zu verkrusteten Strukturen des Bonner Parteiensystems, die mit dem Ausdruck zusammengefasst wurden. Dass eine vermeintliche NS-Nähe des Begriffs hierbei einen affirmativen Gebrauch nicht störte, zeigt die Bedeutung der diskreditierenden Funktion gegenwärtiger Sprachthematisierungen. Auch bei der Etablierung der Linkspartei im Parteiensystem des wiedervereinigten Deutschlands und später beim Aufkommen der Piratenpartei wiederholte sich dies. Auch im Mediendiskurs ist gegen die These, dass eine starke Verbindung des Ausdrucks mit nationalsozialistischem Gedankengut und seiner Sprache vorhanden sei, inzwischen fundiert Einspruch erhoben worden (vgl. Heine 2019b).

Altparteien Abb 2
Abbildung 2: Sprachkritische Verwendung; hier: Glossar der Neuen deutschen Medienmacher.
Altparteien Abb 3
Abbildung 3: Metasprachliche Verwendung in journalistischen Texten, hier im Neuen Deutschland.
Altparteien Abb 4
Abbildung 4: Kontamination von Altpartei mit dem NS in sozialen Medien.

Es wird also deutlich, dass der Ausdruck generell in Kontexten attraktiv ist, in denen neue politische Gruppen weit verbreitete Unzufriedenheit mit den hegemonialen Parteien zur eigenen Selbstprofilierung nutzbar machen wollen.

Die Politikwissenschaftler Frank Decker und Marcel Lewandowski weisen in einem Dossier für die Bundeszentrale für politische Bildung darauf hin, dass häufig praktizierte Gegenstrategien gegen rechtspopulistische Rhetorik, die auf eine ‚Überführung‘ und Ausgrenzung ihres Gegners abzielen, mit einem strukturellen Problem konfrontiert sind: „Das grundlegende Problem besteht darin, dass die etablierten Parteien die Herausforderer ‚entlarven‘ wollen, selbst aber Objekt des Populismus sind – handelt es sich bei ihnen doch gerade um die Vertreter jener ‚Altparteien‘, gegen die die Rechtspopulisten ihre Wähler erfolgreich mobilisieren“ (Decker/ Lewandowski 2017). Ausgrenzungsversuche bestätigten so tendenziell die Vorstellung eines Parteienkartells der Etablierten, die neben sich keinerlei Konkurrenz dulden. Es gelte daher, die inhaltliche Auseinandersetzung nicht zu meiden, sondern aktiv zu suchen.

Altparteien Abb 5 Wortverlauf

Abbildung 5: Wortverlauf im DWDS-Zeitungskorpus

Beispiele

1) Altpartei in sozialen Medien

In sozialen Netzwerken wie twitter und Facebook kann man ohne jede Mühe nachvollziehen, dass Altpartei zum alltäglichen Sprachgebrauch in der politischen Auseinandersetzung gehört. Viele Accounts, die von der AfD betrieben werden oder dieser nahe stehen, nutzen den Ausdruck in hoher Frequenz. Auf der anderen Seite wird der Ausdruck auch immer wieder in der beschriebenen Weise kritisch thematisiert.

Abbildung 6 Altpartei in sozialen Netzwerken

Abbildung 6: Altpartei in sozialen Netzwerken

2) Sprachthematisierungen in Pressetexten

Grundsätzlich wird der Ausdruck in gegenwärtigen Pressetexten eher gemieden. Die starre Festlegung auf das rechtspopulistische Lager, die den Ausdruck gegenwärtig charakterisiert, lädt jedoch zu den beschriebenen sprachkritischen Interventionen ein. Paradigmatisch hierfür ist der Eintrag im Glossar der Neuen deutschen Medienmacher, das Formulierungshilfen „als Hilfestellung für die tägliche Redaktionsarbeit“ (https://glossar.neuemedienmacher.de) liefern möchte (vgl. Abb. 3).

Intensiv hat sich der Welt-Feuilletonist Matthias Heine mit der Geschichte des Ausdrucks beschäftigt, der dabei nicht nur überzeugend belegen konnte, dass der Ausdruck in der Sprache des NS keine Rolle spielt, sondern sogar frühere Verwendungen durch dezidiert antifaschistische Autoren (Carl von Ossietzky, Kurt Hiller) aufgefunden hat (vgl. Heine 2019a, 2019b). Heine kann überzeugend darlegen, dass erst mit „dem Aufstieg der AfD […] Altpartei nach rechts [wanderte]“ (Heine 2019b).

Literatur

Zitierte Literatur

  • DWDS-Wortprofil für „Altpartei“, erstellt durch das Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache, https://www.dwds.de/wp/Altpartei, abgerufen am 14.05.2020.
  • Decker, Frank / Lewandowski, Marcel (2017): Rechtspopulismus: Erscheinungsformen, Ursachen und Gegenstrategien. Online unter: https://www.bpb.de/politik/extremismus/rechtspopulismus/240089/rechtspopulismus-erscheinungsformen-ursachen-und-gegenstrategien (letzter Zugriff: 02.07.2020).
  • Schmitz-Berning. Cornelia (2007): Vokabular des Nationalsozialismus. Berlin: deGruyter.
  • Heine, Matthias (2019a): Verbrannte Wörter: Wo wir noch reden wie die Nazis – und wo nicht. Berlin: Dudenverlag.
  • Heine, Matthias (2019b): Die Legende vom Nazi-Begriff „Altpartei“. Online unter: https://www.welt.de/kultur/plus202212866/Ein-Mann-ein-Wort-Die-Legende-vom-Nazi-Begriff-Altpartei.html (letzter Zugriff: 02.07.2020).

[1] Dazu zeigt Altpartei, anders als praktisch alle relevanten Begriffe der NS-Sprache, keine auffällig hohen Frequenzen ab den 1960er Jahren, die aus der Thematisierung im Zuge der Auseinandersetzung mit der Vergangenheit (‚Aufarbeitung‘) resultieren.

Zitiervorschlag

Deus, Fabian (2020): Artikel Altpartei. In: Diskursmonitor. Glossar zur strategischen Kommunikation in öffentlichen Diskursen. Hg. von der Forschungsgruppe Diskursmonitor und Diskursintervention. Veröffentlicht am 02.07.2020. Online unter: https://diskursmonitor.de/glossar/altpartei.