
DiskursGlossar
ToxizitÀt / das Toxische
Kategorie: Schlagwörter
Verwandte AusdrĂŒcke: Gift, toxisch, giftig, schĂ€dlich
Siehe auch: Bedeutung, Sprachpolitik, Freund- und Feind-Begriffe, Geschlechtergerechte Sprache, Respekt, Moralisierung
Autor: Toke Hoffmeister
Version: 1.1 / Datum: 20.12.2023
Kurzzusammenfassung
Es ist nicht immer ganz eindeutig bestimmbar, was gemeint wird, wenn etwas als toxisch bezeichnet wird. Zeigen lĂ€sst sich zwar, dass sich die Bedeutung von âgiftigâ hin zu âschĂ€dlichâ erweitert hat, doch die UmstĂ€nde, unter denen etwas fĂŒr jemanden toxisch, d. h. schĂ€dlich ist, mĂŒssen aus der diskursiven Situation heraus erschlossen werden. In neuerer Zeit hat eine DomĂ€nenverschiebung stattgefunden: Toxisch kann nicht mehr bloĂ ein chemischer Stoff sein, toxisch ist nicht mehr bloĂ eine medizinisch relevante Wirkung, es ist also nicht mehr bloĂ wirksam in den DomĂ€nen Chemie und Medizin, sondern es hat sich eine Bedeutungserweiterung insbesondere auf die DomĂ€ne Soziales vollzogen. Toxisch sind nunmehr auch MĂ€nnlichkeitsideale, Freundschaften, Beziehungen usw. Daneben wird aber toxisch auch in anderen DomĂ€nen wie der Kunst oder der Politik als Attribut verwendet. Damit hat sich auch eine Verschiebung von der Fach- in die Alltagssprache vollzogen.
Erweiterte BegriffsklÀrung
Die Attribuierung von etwas als toxisch entstammt den DomĂ€nen Chemie und Medizin. Dort referiert das Attribut auf einen Stoffzustand bzw. eine -eigenschaft einer chemischen Verbindung, die eine schĂ€dliche Wirkung entfaltet, sobald ein lebender Organismus mit ihr in Kontakt kommt. Es handelt sich aus grammatischer Sicht gleichwohl aber nicht um ein kausatives Adjektiv, da die schĂ€digende Wirkung nicht erst in der Bedeutung des Adjektivs, sondern schon in der Bedeutung der Ursprungsform angelegt ist (vgl. Zifonun 2023: 1). Diese Ursprungsform ist das zugehörige Substantiv lat. toxicum bzw. griech. ÏÎżÎŸÎčÎșÏΜ fĂŒr âGiftâ und wird in medizinischen Kontexten etwa seit dem 19. Jahrhundert frequent gebraucht (vgl. Hoffmeister 2023: 427 ff.). Die Adjektivierung kann seit dem 20. Jahrhundert in einschlĂ€gigen WörterbĂŒchern belegt werden, findet sich in Texten vereinzelt aber auch schon frĂŒher, wie hier in einem Text des Mediziners und Mikrobiologen Robert Koch aus dem Jahr 1878:
Da wir es hier nur mit Infectionskrankheiten zu thun haben, so mĂŒssen alle die Untersuchungen, welche sich nur mit den toxischen Eigenschaften der putriden Stoffe beschĂ€ftigt haben und ebenfalls diejenigen, bei denen die Möglichkeit einer Verwechslung zwischen Intoxication und Infection nicht ausgeschlossen ist, unberĂŒcksichtigt bleiben. (Koch 1878: 15, Herv. TH)
Vor allem in zeitgenössischen Diskursen findet man aber mittlerweile weitere Bedeutungsdimensionen von toxisch. BerĂŒhmt geworden ist dabei sicherlich die Verbindung toxische MĂ€nnlichkeit, die aber â wie Zifonun (2023: 1) zeigt â, keine Mehrworteinheit und auch keine feste Verbindung sei, da die einzelnen Elemente durchaus im Satz voneinander getrennt vorkommen könnten:
Also nicht: Wie gehe ich toxisch mit der Welt um, sondern wie wirkt MĂ€nnlichkeit toxisch auf mich als Mann? (taz 2016)
Zifonun (2023: 1) weist eine erste Verwendung dieser Einheit zwar schon fĂŒr das Jahr 2001 nach, verbreitet hat sich diese Verwendungsweise aber erst in den letzten Jahren â bedingt durch Diskurse in Social Media und damit in Zusammenhang stehenden Berichten in Zeitungen und Zeitschriften. Dies zeigt insbesondere ein Blick in die WörterbĂŒcher von Campe (1810), der GebrĂŒder Grimm (1838â1971) sowie von Hermann Paul (1897), die allesamt keine EintrĂ€ge zu diesem PhĂ€nomen aufweisen. Zifonun (2023: 1) rekonstruiert die Begriffsmode folgendermaĂen:
So ist wohl eher anzunehmen, dass er âaus der Soziologie, Psychologie und Gender-Theorieâ (SZ 3.7.2019, 9) auf nicht mehr im Einzelnen nachvollziehbarem Weg zunĂ€chst vereinzelt in das Feuilleton einsickert, um dann ab 2017 â also mit dem Erscheinen von Urwins Buch [âBoys Donât Cryâ, TH] â richtig Fahrt aufzunehmen. (Zifonun 2023: 1)
RĂŒdebusch (2022: 69) sieht einen Verwendungsanstieg seit dem Jahr 2016 und macht dies an Donald Trump und der #MeToo-Bewegung fest, Hopf (2023: 140) fĂŒhrt toxische MĂ€nnlichkeit ganz konkret bereits auf einen Artikel von Terry A. Kupers (2005) zurĂŒck.
Das Toxische ist aber mittlerweile nicht mehr bloĂ auf medizinische und chemische Kontexte beschrĂ€nkt, sondern hat vielmehr einen Bedeutungswandel (genauer: eine Bedeutungserweiterung) hin in die DomĂ€ne des Sozialen erfahren (vgl. Hoffmeister 2023: 430, 453). Im DWDS-Kernkorpus 21, das Texte aus den Jahren 2000â2010 versammelt, wird die Verwendung von toxische Ideologie schon fĂŒr das Jahr 2000 nachgewiesen (siehe Die Zeit 2000). RĂŒdebusch (2022: 69) gibt die neue, erweiterte Bedeutung mit âsehr bösartig, gefĂ€hrlich, schĂ€dlich, zermĂŒrbendâ an.
Das DWDS-Wortprofil, das auf gegenwartssprachlichen Daten beruht, verzeichnet als hĂ€ufigste Verwendungsweise bereits toxische MĂ€nnlichkeit bzw. toxische MaskulinitĂ€t. Hier liegt ein Gesellschaftsbild zugrunde, das DiversitĂ€t als zentrales Merkmal ausweist. Die BedeutungsĂŒbertragung der schĂ€dlichen Wirkung auf MĂ€nnlichkeit zeigt demnach, dass der vertretenen Form von MĂ€nnlichkeit eine fĂŒr Einzelpersonen oder die Gesellschaft schĂ€digende Wirkung attestiert wird:
Bei toxischer MĂ€nnlichkeit, toxischem Feminismus oder einer toxischen Beziehung handelt es sich also um VerhĂ€ltnisse, die in ihrer AusprĂ€gung schĂ€dlich (geworden) sind. So handelt es sich bei toxischer MĂ€nnlichkeit um ein Verhalten von MĂ€nnern, das der Gesellschaft oder sogar MĂ€nnern selbst schadet. (RĂŒdebusch 2022: 69)
Baier et al. (2019) bringen toxische MĂ€nnlichkeit in Verbindung mit âgewaltlegitimierende[n] MĂ€nnlichkeitsnormenâ, RĂŒdebusch (2022: 69) erkennt als Seme, d. h. als Bedeutungsmerkmale, âGewalt, Dominanz, Frauen- und Schwulenfeindlichkeitâ, Hopf (2023: 139) spricht von âeine[r] Art Seelengift sowie von Gewalt, Dominanz, AggressivitĂ€t, Misogynie und Homophobieâ (Hopf 2023: 141).
Es stellt sich allerdings die Frage, wer beurteilen kann, wann und fĂŒr wen etwas toxisch ist. Hier sind es in aller Regel nicht die vermeintlich toxischen Personen selbst, die etwas als toxisch bezeichnen, sondern diejenigen, die unter einem bestimmten Verhalten und unter den Wirkungen leiden. Dies passt auch zum Zeitgeist, den Perspektiven der Betroffenen Vorrang einzurĂ€umen beziehungsweise ihnen Deutungshoheit beizumessen. Die Attribuierung von etwas als toxisch (z. B. toxische MĂ€nnlichkeit) rĂŒckt also die Opfer des Toxischen in den Fokus und legt ein besonderes Augenmerk auf die Resultate. Damit einher geht eine Positionierung zum Bewertungsgegenstand, von dessen Kern man sich einerseits distanziert und den man andererseits abqualifiziert. Mit dem Begriff der sozialen IndexikalitĂ€t gesprochen bedeutet dies, dass mit dem Gebrauch des Attributs toxisch eine Indizierung spezifischer gesellschaftlicher Werte einhergeht. In dem Fall toxischer MĂ€nnlichkeit ist dies (1) das Hinterfragen einer tradierten MĂ€nnlichkeitsnorm und (2) der Versuch der Setzung einer neuen, davon abweichenden unter UmstĂ€nden gar kontrĂ€ren Norm. Das Nicht-Toxische und damit das Nicht-SchĂ€dliche (aus der Sicht der Ă€uĂernden Person) gilt als erstrebenswert. Diese Attribuierung wird dann aber nicht nur genutzt, um ein konkretes Verhalten zu bewerten, sondern der Ausdruck wird auch als Diskursmarker fĂŒr (aus der Sicht der Ă€uĂernden Person) illegitime Diskurspositionen genutzt, die dann â gewissermaĂen als âTotschlagargumentâ oder âKnock-out-Phraseâ â abqualifiziert werden (vgl. auch Verschwörungstheorie oder Populismus). Damit nimmt toxisch dann auch eine sozial-disziplinierende Funktion ein.
Was schlieĂlich als toxisch gelten kann (und was nicht), wird zum einen von den Betroffenen der toxischen Handlungen, Strukturen oder Situationen definiert und andererseits diskursiv, im Rahmen gesellschaftlicher Prozesse, verhandelt (vgl. Felder 2018; vgl. auch Begriffe besetzen und Semantischer Kampf). DarĂŒber hinaus findet sich aber auch ein Kampf um die Deutungshoheit in Bezug auf âdas Richtigeâ. Wenn beispielsweise Kaptan et al. (2022: 23) im Titel ihres Aufsatzes die Frage Ist TikTok toxisch? stellen und zu dem Schluss kommen, dass Kinder und Jugendliche â[t]rotz giftiger, schĂ€digender immanenter Strukturen [âŠ] einen groĂen Teil ihrer Freizeit auf Social-Media-Plattformen [verbringen]â, dann entscheiden hier nicht die Betroffenen selbst, ob etwas eine toxische Wirkung hat, sondern es wird aus einer vermeintlichen moralischen Ăberlegenheitsposition heraus (immanente Strukturen) eine als erstrebenswert erachtete Norm gesetzt, in der Betroffene (bewusst?) ausgeklammert werden. Um die âkorrekteâ Ausdeutung des Toxischen in der lebensweltlichen Praxis wird also ein agonaler, d. h. kĂ€mpferischer Diskurs gefĂŒhrt (vgl. Felder 2013). In dessen Zentrum steht die Frage, was fĂŒr wen unter welchen UmstĂ€nden mit welchen Folgen als toxisch gelten kann (und was nicht). Es wird in der Folge nicht möglich sein, absolut, das heiĂt zum Beispiel merkmalssemantisch, zu rekonstruieren, welche Bedeutungsdimensionen z. B. toxische Beziehungen oder toxische MĂ€nnlichkeit ausmachen. Die Bedeutung wird sozial konstruiert und ist als Gegenstand kultureller Entwicklung wandelbar. Auch die zugrundeliegenden Einstellungen sind grundsĂ€tzlich nicht verallgemeinerbar:
Die Einstellungen und Positionierungen der Personen, die von toxischer MĂ€nnlichkeit sprechen, sind ebenfalls divers. Sie reichen â bei Vertretern beider Geschlechter â von Empörung oder Wut angesichts von vermeintlich mĂ€nnlichtoxischem Gebaren bis zu VerstĂ€ndnis und VorschlĂ€gen zur Therapie. (Zifonun 2023: 4)
Dass damit auch Stereotypisierungen, d. h. abstrahierende Verallgemeinerungen mit dem Ziel, die als komplex wahrgenommene Wirklichkeit einfacher begreifbar zu machen, verknĂŒpft sind (vgl. Ziem 2022), ist naheliegend. So seien bspw. MĂ€nner mit spezifischen Eigenschaften gewissermaĂen natĂŒrlich ausgestattet, die fĂŒr ihr schĂ€digendes Verhalten ihrem sozialen Umfeld aber auch sich selbst gegenĂŒber verantwortlich seien. Diese Eigenschaften seien z. B.
Risikobereitschaft, sie mĂŒssten stark und mutig sein, zeigten keine GefĂŒhle und brĂ€uchten keine Hilfe. Sie gingen nicht zum Arzt, behandelten sich selbst und flĂŒchteten in den Alkohol. Derartig miese LebenslĂ€ufe enden dann oft im frĂŒhen Herztod [âŠ] oder im Suizid. Das Gesamturteil lautet dann: Toxische MĂ€nner schaden ihrer Familie und ihrem Umfeld, aber nicht zuletzt sich selbst. (Zifonun 2023: 3)
Damit sei dann die mĂ€nnliche Geschlechterrolle in ihrer stereotypen AusprĂ€gung per se die Ursache fĂŒr das als toxisch bewertete Verhalten. Hopf (2023: 141) beschreibt die Handlungsfolgen toxischer MĂ€nnlichkeit mit Kupers (2005) beispielsweise als âNotwendigkeit, aggressiv zu konkurrieren und andere zu dominierenâ, was zu problematischen Entwicklungen (bei den MĂ€nnern selbst sowie bei ihrem Umfeld) fĂŒhre.
Dieser Ăberblick ĂŒber die verschiedenen Verwendungsweisen der Phrase toxische MĂ€nnlichkeit zeigt, dass der plakativen Aussage Hopfs (2021: 11), âtoxische MĂ€nnlichkeit [werde] zur Entwertung alles MĂ€nnlichen eingesetzt, stĂ€ndig [werde] dĂ€monisiert und verachtetâ nicht zuzustimmen ist und dass die Situation ungleich komplexer ist als hier von Hopf dargestellt. Diskursiv wird eine Norm (hier: Geschlechterrollen) verhandelt, deren Konsens sich als Teil einer sich wandelnden Gesellschaft stetig verĂ€ndern kann. Vor dem Hintergrund dieser Wandelbarkeit ist auch die oben angesprochene Disziplinierungsfunktion zu verstehen.
Bisher lag ein Hauptfokus auf der Beschreibung der verschiedenen diskursiven Bedeutungsdimensionen toxischer MĂ€nnlichkeit, die auch daher rĂŒhrt, dass diese Wortbindung die hĂ€ufigste ist (Hoffmeister 2023: 429). Allerdings ist die DomĂ€ne nicht die einzige Verwendungsweise, in der sich die Bedeutungserweiterung vollzogen hat bzw. vollzieht. Neben den beiden ursprĂŒnglichen DomĂ€nen Chemie und Medizin sowie der bereits besprochenen DomĂ€ne Soziales existieren insgesamt sieben weitere DomĂ€nen, in denen etwas als toxisch attribuiert wird: Wirtschaft, MilitĂ€r, Kultur, Politik, Sprache, Informatik und Umwelt (vgl. Hoffmeister 2023). Die letzten drei DomĂ€nen weisen allerdings ein geringes Vorkommen auf und sind eher randstĂ€ndige DomĂ€nen. In der DomĂ€ne Wirtschaft findet sich hĂ€ufig der Terminus technicus toxische (Wert-)Papiere. Die DomĂ€ne MilitĂ€r weist eine groĂe NĂ€he zur DomĂ€ne Chemie auf, hier ist oftmals die Rede von toxischen Waffen, z. T. auch in Verbindung mit Chemiewaffen. Die DomĂ€ne Kunst beinhaltet Belege wie z. B. toxische Werke. Hier wird diskutiert, inwiefern GemĂ€lde aufgrund der Wirkung des Dargestellten gefĂ€hrlich fĂŒr Betrachterinnen und Betrachter sein können. Des Weiteren finden sich Belege wie toxischer Lebensernst, toxische Komik und toxische Endzeitvisionen (vgl. Hoffmeister 2023: 450). Wirkungen spielen auch in der DomĂ€ne Politik eine zentrale Rolle. Dort wird von toxischem Einfluss, toxischem Thema oder toxischen BĂŒndnissen gesprochen (vgl. Hoffmeister 2023: 450 f.).
Diese Analyse zeigt auch, dass der Voraussage Zifonuns, dass
[d]as Adjektiv toxisch, so vermute ich, [âŠ] sich lĂ€nger in unserer Debattenkultur halten und ausgehend von der Verbindung mit MĂ€nnlichkeit noch weitere DomĂ€nen besetzen [könnte, TH] (Zifonun 2023: 6)
nicht zuzustimmen ist. Toxisch wird allerdings nicht nur mit MĂ€nnlichkeit gemeinsam verwendet (linguistisch: ,kookkurriertâ), sondern diffundiert vielmehr in verschiedene DomĂ€nen, deshalb wird die Bezeichnung von etwas als toxisch als ein GegenwartsphĂ€nomen gedeutet (vgl. Hoffmeister 2023). Eine Ă€hnliche Ansicht vertritt auch RĂŒdebusch (2022: 69), die der Ansicht ist, âdass es [toxisch, TH] sich aus der Fachsprache gelöst hat und in der Standardsprache angekommen istâ.
Beispiele
(1) Mit toxischer MÀnnlichkeit wurde ein Beispiel schon in der erweiterten BegriffsklÀrung besprochen. In der DomÀne Soziales gibt es aber weitere solcher attributiven Phrasen:
- Das ist fĂŒr eine Partnerschaft sehr toxisch (Die Zeit 2017).
- Oft sind es Zonen toxischen Testosterons, in denen das Rote Kreuz seine Zelte aufschlÀgt (Berliner Zeitung 2001).
Dass gerade Aspekte des sozialen Zusammenlebens einer Bewertung unterzogen werden, ist vor allem vor dem Hintergrund steigender Aufmerksamkeit fĂŒr psychische Gesundheit (,mental healthâ) wenig ĂŒberraschend. Daneben wird hier das Subjektive als MaĂstab gesetzt, man könnte auch sagen, es werde eine normative Kraft des Subjektiven anerkannt (vgl. Butler 2006). Die Bezeichnung einer Partnerschaft bzw. Beziehung als toxisch impliziert die schĂ€digende Wirkung mindestens einer Person, die Teil dieser Partnerschaft ist, und legt damit auch, wenngleich implizit, den Fokus auf die gefĂ€hrdete Person, die dieser schĂ€digenden Wirkung (potenziell) ausgesetzt ist. Hoffmeister (2023: 447) zeigt des Weiteren, dass der geschĂ€digten Person durch diese Perspektivierung eine Machtlosigkeit unterstellt wird, da sie sich den Wirkungen ausgesetzt sieht und zunĂ€chst nicht entzieht, weil dies Selbstbewusstsein (im alltagssprachlichen wie im philosophischen Sinne) voraussetzt.
(2) Die folgenden beiden Beispiele sind insbesondere deshalb interessant, da toxisch hier mit anderen Adjektiven in Beziehung gesetzt wird. Toxisch weist â zumindest den Tweets zufolge â eine semantische NĂ€he zu böse, streitsĂŒchtig, manipulativ und hĂ€sslich auf.
Abb. 1: Tweet vom 30.10.2023: wirke ich toxisch und böse auf euch.
Abb. 2: Tweet vom 23.10.2023: Er nennt mich immer toxisch, streitsĂŒchtig, manipulativ und hĂ€sslich.
Literatur
Zum Weiterlesen
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Hoppe, Nico (2021): Menschen gelten heute als wandelnde Giftschleudern â was das Modewort »toxisch« ĂŒber unsere Gesellschaft aussagt. Online unter: https://www.nzz.ch/feuilleton/toxisch-das-wort-zeugt-vom-wunsch-nach-einer-eindeutigen-welt-ld.1614203 ; Zugriff: 19.09.2023.
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Krings, Dorothee (2023): Warum heute vieles âtoxischâ ist. Online unter: https://rp-online.de/politik/der-begriff-toxisch-ist-in-mode-und-spiegelt-zeitgeist_aid-96746569 ; Zugriff: 19.09.2023.
Zitierte Literatur und Belege
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Baier, Dirk; Kamenowski, Maria; Manzoni, Patrik; Haymoz, Sandrine (2019): âToxische MĂ€nnlichkeitâ â Die Folgen gewaltlegitimierender MĂ€nnlichkeitsnormen fĂŒr Einstellungen und Verhaltensweisen. In: Kriminalistik, Heft 7, Jg. 73, S. 465â471.
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Butler, Judith (2006): Hass spricht. Zur Politik des Performativen. Frankfurt a. M.: Suhrkamp.
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Berliner Zeitung (2001): Im blutbefleckten Leinenanzug. In: Berliner Zeitung. Online unter: https://www.berliner-zeitung.de/archiv/hans-magnus-enzensbergers-essayband-ueber-das-rote-kreuz-der-terror-und-die-folgen-die-wandelbare-gestalt-moderner-kriege-im-blutbefleckten-leinenanzug-li.1243355 ; Zugriff: 12.12.2023.
- Die Zeit (2000): Ich Prada, du Armani. In: Zeit Online. Nr. 12/2000. Online unter: https://www.zeit.de/2000/12/200012.gewalt_.xml ; Zugriff: 15.12.2023.
- Die Zeit (2017): Macht das Internet uns eifersĂŒchtiger? In: Zeit Magazin. Online unter: https://www.zeit.de/zeit-magazin/leben/2017-11/digitale-eifersucht-internet-apps-ueberwachung/komplettansicht ; Zugriff: 12.12.2023.
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Felder, Ekkehard (2013): FaktizitĂ€tsherstellung mittels handlungsleitender Konzepte und agonaler Zentren. Der diskursive Wettkampf um GeltungsansprĂŒche. In: Felder, Ekkehard (Hrsg.): FaktizitĂ€tsherstellung in Diskursen. Die Macht des Deklarativen. Berlin, Boston: De Gruyter, S. 13â28.
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Felder, Ekkehard (2018): Wahrheit und Wissen zwischen Wirklichkeit und Konstruktion: Freiheiten und ZwĂ€nge beim sprachlichen Handeln. In: Felder, Ekkehard; Gardt, Andreas (Hrsg.): Wirklichkeit oder Konstruktion? Sprachtheoretische und interdisziplinĂ€re Aspekte einer brisanten Alternative. Berlin, Boston: De Gruyter, S. 371â398.
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Hoffmeister, Toke (2023): Von toxischen Substanzen und toxischer MĂ€nnlichkeit. Eine korpuspragmatische Studie zur ErschlieĂung eines GegenwartsphĂ€nomens. In: Zeitschrift fĂŒr Germanistische Linguistik, Heft 3, Jg. 51, S. 424â458.
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Hopf, Hans (2021): Die Psychoanalyse des Jungen. 5. Aufl. Stuttgart: Klett-Cotta.
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Hopf, Hans (2023): Toxische MĂ€nnlichkeit â Kampfbegriff oder psychoanalytisch erklĂ€rbare Persönlichkeitsstörung? In: Teising, Martin; Burchartz, Arne (Hrsg.): Die Illusion grenzenloser VerfĂŒgbarkeit. Ăber die Bedeutung von Grenzen fĂŒr Psyche und Gesellschaft. GieĂen: Psychosozial-Verlag, S. 139â164.
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Kaptan, Derya; Siewert, Kira; Howahl, Stephanie, Steinberg, Claudia (2022): Ist TikTok toxisch? â die Sicht von Jugendlichen auf postdigitale Ă€sthetisch-kulturelle Praktiken in sozialen Medien. In: Forum Kind Jugend Sport, Heft 3, Jg. 1, S. 13â24.
- Koch, Robert (1878): Untersuchung ĂŒber die Aetiologie der Wundinfectionskrankheiten. Leipzig: Verlag von F. C. W. Vogel. Online unter: https://www.deutschestextarchiv.de/book/view/koch_wundinfektionskrankheiten_1878?p=25 ; Zugriff: 15.12.2023.
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Kupers, Terry A. (2005). Toxic Masculinity as a Barrier to Mental Health Treatment in Prison. In:Â Journal of Clinical Psychology, Heft 6, Jg. 61, S. 713â724.
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RĂŒdebusch, Frauke (2022): Zeit-Wort: toxisch. In: Der Sprachdienst, Heft 1â2, Jg. 66, S. 68â70.
- Taz (2016): Autorin Sanyal ĂŒber Vergewaltigung. In: taz. Online unter: https://taz.de/Autorin-Sanyal-ueber-Vergewaltigung/!5332956/ ; Zugriff 15.12.2023.
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Ziem, Alexander (2022): Die VierdimensionalitĂ€t von Stereotypen als linguistische Herausforderung. In: FĂĄbiĂĄn, AnnamĂĄria; Owzar, Armin; Trost, Igor (Hrsg.): Auto- und Heterostereotypie im Europa des 19. Jahrhunderts. Linguistische, literaturwissenschaftliche, historische und politikwissenschaftliche Perspektiven. Berlin: Springer, S. 33â52.
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Zifonun, Gisela (2023): Das Toxische und die MĂ€nnlichkeit. In: Sprachreport 39 (3), S. 1â6.
Abbildungsverzeichnis
- Abb. 1: Tweet vom 30.10.2023: wirke ich toxisch und böse auf euch. URL: https://twitter.com/Saintfranklin0/status/1719027961549005250 ; Zugriff: 31.10.2023.
- Abb. 2: Tweet vom 23.10.2023: Er nennt mich immer toxisch, streitsĂŒchtig, manipulativ und hĂ€sslich. URL: https://twitter.com/Fezzzzh/status/1716218627655950404 ; Zugriff: 31.10.2023.
Zitiervorschlag
Hoffmeister, Toke (2023): ToxizitÀt / das Toxische. In: Diskursmonitor. Glossar zur strategischen Kommunikation in öffentlichen Diskursen. Hg. von der Forschungsgruppe Diskursmonitor und Diskursintervention. Veröffentlicht am 20.12.2023. Online unter: https://diskursmonitor.de/glossar/toxizitaet-das-toxische/.
DiskursGlossar
Grundbegriffe
Begriffsgeschichte
Die Begriffsgeschichte lĂ€sst sich allgemein als eine historische Methode beschreiben, die den zeitlichen Wandel der Bedeutungen von bestimmten AusdrĂŒcken untersucht. Da einzelne Worte nie isoliert begegnen und ihre jeweiligen Bedeutungen erst im Kontext gröĂerer sprachlicher ZusammenhĂ€nge oder semantischer Felder greifbar werden, verbindet sie sich flexibel mit anderen Methoden historischer Semantik, wie etwa der Diskursgeschichte, der Argumentationsgeschichte oder der Metaphernforschung (Metaphorologie).
Diskurssemantische Verschiebung
Mit dem Begriff der diskurssemantischen Verschiebung wird in der Diskursforschung ein Wandel in der öffentlichen Sprache und Kommunikation verstanden, der auf mittel- oder lĂ€n-gerfristige VerĂ€nderung des Denkens, Handelns und/oder FĂŒhlens gröĂerer Gesellschafts-gruppen hinweist.
DomÀne
Der Begriff der DomĂ€ne ist aus der soziologisch orientierten Sprachforschung in die Diskursforschung ĂŒbernommen worden. Hier wird der Begriff dafĂŒr verwendet, um Muster im Sprachgebrauch und kollektiven Denken von sozialen Gruppen nach situationsĂŒbergreifenden TĂ€tigkeitsbereichen zu sortieren.
Positionieren
Positionieren ist Grundbestandteil menschlicher Kommunikation. Wann immer wir miteinander interagieren und kommunizieren, bringen wir uns selbst, andere und die Objekte, ĂŒber die wir sprechen, in bestimmte Relationen zueinander.
Deutungsmuster
Unter einem Deutungsmuster wird die problem- und lösungsbezogene Interpretation gesellschaftlicher und politischer TatbestĂ€nde verstanden, die Aussicht auf Akzeptanz in sozialen Gruppen hat. Der Begriff des Deutungsmusters hat Ăhnlichkeit mit den Begriffen der Theorie und Ideologie. Meist werden gesellschaftlich verbreitete Leitdeutungen, die oft mit Schlagwörtern und Argumentationsmustern einhergehen (wie Globalisierung, Kapitalismus, Leistungsgesellschaft, Chancengleichheit etc.) als Beispiele fĂŒr Deutungsmuster genannt.
Sinnformel
âWer sind wir? Woher kommen, wo stehen und wohin gehen wir? Wozu leben wir?â Auf diese und Ă€hnliche existentielle Fragen geben Sinnformeln kondensierte Antworten, die in privaten wie sozialen Situationen Halt und Argumenten in politischen und medialen Debatten einen sicheren Unterbau geben können.
Praktik
Eine Praktik ist ein spezifisches, situativ vollzogenes und sinnhaftes BĂŒndel von körperlichen Verhaltensweisen, an dem mehrere Menschen und Dinge beteiligt sein können (z. B. Seufzen, um Frust auszudrĂŒcken, oder einen Beschwerdebrief schreiben, FuĂballspielen).
Kontextualisieren
Kontextualisieren wird im allgemeineren bildungssprachlichen Begriffsgebrauch verwendet, um das Einordnen von etwas oder jemandem in einen bestimmten Zusammenhang zu bezeichnen.
Narrativ
Mit der diskursanalytischen Kategorie des Narrativs werden Vorstellungen von komplexen Denk- und Handlungsstrukturen erfasst. Narrative in diesem Sinne gehören wie Schlagwörter, Metaphern und Topoi zu den Grundkategorien der Analyse von Diskursen.
Argumentation
Argumentation bezeichnet jene sprachliche TĂ€tigkeit, in der man sich mithilfe von GrĂŒnden darum bemĂŒht, die Richtigkeit einer Antwort auf eine bestimmte Frage zu erweisen. Das kann in ganz verschiedenen Situationen und Bereichen nötig sein, namentlich um eine poli-tische, wissenschaftliche, rechtliche, unternehmerische oder private Angelegenheit zu klĂ€ren.
Techniken
AI-Washing/KI-Washing
Unter AI-Washing ist die Praxis von Unternehmen oder Organisationen zu verstehen, Produkte, Dienstleistungen oder GeschĂ€ftsmodelle mit dem Etikett âKĂŒnstliche Intelligenzâ (KI bzw. âArtificial Intelligenceâ (AI)) zu versehen, obwohl deren tatsĂ€chlicher Einsatz von KI-Technologien entweder stark ĂŒbertrieben, nur marginal vorhanden oder ĂŒberhaupt nicht gegeben ist.
Dogwhistle
Unter Dogwhistle wird in Teilen der Forschung eine doppeldeutige ĂuĂerung verstanden, die eine offene und eine verdeckte Botschaft an jeweils eine Zuhörerschaft kommuniziert.
Demonstrieren
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Boykottaufruf
Der Boykottaufruf ist eine MaĂnahme, die darauf abzielt, ein Ziel, also meist eine VerhaltensĂ€nderung des Boykottierten, hervorzurufen, indem zu einem Abbruch etwa der wirtschaftlichen oder sozialen Beziehungen zu diesem aufgefordert wird.
Tabuisieren
Das Wort Tabuisierung bezeichnet die Praxis, etwas UnerwĂŒnschtes, AnstöĂiges oder Peinliches unsichtbar zu machen oder als nicht akzeptabel zu markieren. Das Tabuisierte gilt dann moralisch als unsagbar, unzeigbar oder unmachbar.
Aus dem Zusammenhang reiĂen
Das Aus-dem-Zusammenhang-ReiĂen gehört in den Funktionskreis der Redewiedergabe bzw. der Wiedergabe kommunikativer Ereignisse. Es kann (1) als intentionale argumentativ-polemische Strategie fĂŒr ganz unterschiedliche diskursive Zielsetzungen von Akteuren genutzt werden, oder (2) es kann SprecherInnen und SchreiberInnen in unbeabsichtigter, fehlerhafter Weise unterlaufen.
Lobbying
Lobbying ist eine Form strategischer Kommunikation, die sich primĂ€r an Akteure in der Politik richtet. Beim Lobbying wird ein BĂŒndel von kommunikativen TĂ€tigkeiten mit dem Ziel eingesetzt, die Entscheidungen von Personen mit politischem Mandat oder den Entstehungsprozess von neuen Gesetzestexten interessengeleitet zu beeinflussen.
Karten
Karten dienen dazu, Raumausschnitte im Hinblick auf ausgewÀhlte Charakteristika so darzustellen, dass die Informationen unmittelbar in ihrem Zusammenhang erfasst und gut kommuniziert werden können. Dazu ist es notwendig, Daten und Darstellungsweisen auszuwÀhlen und komplexe und oft umkÀmpfte Prozesse der Wirklichkeit in einfachen Darstellungen zu fixieren.
Pressemitteilung
Pressemitteilungen sind standardisierte Mitteilungen von Organisationen, die sich an Journalist:innen und andere Multiplikator:innen richten. Sie dienen der offiziellen und zitierfĂ€higen Informationsweitergabe und ĂŒbernehmen zugleich strategische Funktionen in der öffentlichen Kommunikation und Meinungssteuerung.
Shitstorm
Der Begriff Shitstorm beschreibt eine relativ junge Diskurskonstellation, die seit den 2010er Jahren an Bedeutung gewonnen hat und gemeinhin als Online-Wutausbruch bezeichnet wer-den kann.
Schlagwörter
BrĂŒckentechnologie
Ganz allgemein wird unter dem Schlagwort der BrĂŒckentechnologie sowohl in den öffentlichen Medien als auch in technisch und wirtschaftlich dominierten Kontexten eine Technologie verstanden, die zeitlich befristet eingesetzt werden soll, bevor in Zukunft der Ăbergang zu einer als sinnvoller eingeschĂ€tzten anderen Technologie möglich ist.
Deindustrialisierung
Der Ausdruck Deindustrialisierung (auch De-Industrialisierung oder als Verb deindustrialisieren) beschreibt im öffentlichen Sprachgebrauch eine negativ bewertete Form des Strukturwandels durch RĂŒckgang von produzierendem Gewerbe.
Nachhaltigkeit
Nachhaltigkeit als ein Schlagwort des öffentlichen Diskurses bezieht sich ganz allgemein auf einen ressourcenschonenderen Umgang mit dem, was uns Menschen der Planet Erde bietet, mit dem Ziel, dass auch nachfolgende Generationen noch die Möglichkeit haben, Àhnlich gut zu leben wie wir heute (Generationengerechtigkeit).
Echokammer
Der Begriff der Echokammer steht in seiner heutigen Verwendung vor allem im Zusammenhang mit der Nutzung Sozialer Medien. Er verweist metaphorisch auf einen digitalen Kommunikations- und Resonanzraum, in dem Mediennutzer*innen lediglich Inhalten begegnen, die ihre eigenen, bereits bestehenden Ansichten bestÀtigen, wÀhrend abweichende Perspektiven und Meinungen ausgeblendet bzw. abgelehnt werden.
Relativieren
Der Ausdruck relativieren besitzt zwei zentrale Bedeutungsvarianten: In bildungssprachlichen und wissenschaftlichen Kontexten bezeichnet er eine analytische Praxis, bei der Aussagen, Begriffe oder PhÀnomene durch Bezugnahme auf andere Sachverhalte eingeordnet, differen-ziert und in ihrer Geltung prÀzisiert werden.
Massendemokratie
GeprĂ€gt wurde der Begriff Massendemokratie im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts von völkisch-konservativen Akteuren (prominent darunter Carl Schmitt 1926). Der Ausdruck Masse hatte damals bei den bĂŒrgerlichen Eliten eine rundum bedrohliche Assoziation.
Social Bots
Als Social Bots werden Computerprogramme bezeichnet, die in der Lage sind, in sozialen Medien Kommunikation menschlicher Nutzer*innen (teilweise) automatisiert nachzuahmen.
KriegsmĂŒdigkeit
Der Ausdruck KriegsmĂŒdigkeit bezeichnet die emotionale und physische Erschöpfung von Menschen, die einen Krieg erleben, sowie die gesellschaftliche und politische ErmĂŒdung angesichts langanhaltender Konflikte. Er beschreibt den sinkenden Kampfeswillen bei Kriegsparteien und heute wird er auch fĂŒr das wachsende Desinteresse an Kriegsthemen in Medien und Ăffentlichkeit genutzt.
Woke
Der Ausdruck woke stammt aus dem afroamerikanischen Englisch und bezeichnete dort zunĂ€chst den Bewusstseinszustand der AufgeklĂ€rtheit ĂŒber die Verbreitung von rassistischen Vorurteilen und Diskriminierung unter Angehörigen ethnischer Minderheiten.
IdentitÀt
Unter IdentitĂ€t versteht man allgemein die Summe von Merkmalen, die Individuen oder sozialen Kollektiven â etwa Nationen, Organisationen oder sozialen Gruppen â als charakteristisch oder gar als angeboren zugeordnet werden.
Verschiebungen
Dehumanisierung
Mit Dehumanisierung bzw. Anthropomorphisierung werden solche kommunikativen Techniken und Praktiken bezeichnet, die Personen, Sachverhalten oder GegenstÀnden menschliche Eigenschaften ab- bzw. zusprechen. Dehumanisierung und Anthropomorphisierung können sowohl durch sprachliche Mittel als auch durch andere, z. B. bildliche, Zeichen vollzogen werden.
Kriminalisierung
KriminalitĂ€t meint ein Verhalten, das gegen ein Gesetz verstöĂt. Folglich bedeutet Kriminalisierung im engeren Sinne den Vorgang, durch den Verhalten ungesetzlich gemacht wird â indem Gesetze geschaffen werden.
Versicherheitlichung
In akademischen Kontexten wird Versicherheitlichung in Abgrenzung zu einem naiv-realistischen SicherheitsverstĂ€ndnis verwendet. Dieses betrachtet Sicherheit als einen universell erstrebenswerten und objektiv feststellbaren Zustand, dessen Abwesenheit auf das Handeln von Akteuren zurĂŒckzufĂŒhren ist, die feindselig, kriminell, unverantwortlich oder zumindest fahrlĂ€ssig agieren.
Ăkonomisierung
Ăkonomisierung wird in gegenwĂ€rtigen Diskursen in der Regel zur Bezeichnung von Prozessen verwendet, in denen die spezifisch wirtschaftlichen Funktions-Elemente wie Markt, Wettbewerb/Konkurrenz, Kosten-Nutzen-KalkĂŒle, Effizienz, Gewinnorientierung in Bereiche ĂŒbertragen werden, die zuvor teilweise oder ganz nach anderen Leitkriterien ausgerichtet waren
Moralisierung
Moralisierung verlagert Macht- und Interessenkonflikte in die SphÀre der Kommunikation von Achtung / Missachtung. Sie reduziert Ambivalenz zugunsten einer Polarisierung von gut und böse.
Konstellationen
Krise
Krise ist vom Wort mit fachsprachlicher Bedeutung zur Zeitdiagnose und einem zentralen Begriff der öffentlich-politischen Kommunikation geworden. Der öffentlich-politische Krisenbegriff ist dabei â unabhĂ€ngig vom Gegenstand der Krise â in eine krisendiskurstypische Konstellation zur BegrĂŒndung von krisenĂŒberwindenden Handlungen eingebettet.
Partizipatorischer Diskurs
Partizipation ist mittlerweile von der Forderung benachteiligter Personen und Gruppen nach mehr Beteiligung in der demokratischen Gesellschaft zu einem Begriff der Institutionen selbst geworden: Kein Programm, keine Bewilligung mehr, ohne dass bestimmte Gruppen oder Personen dazu aufgefordert werden, fĂŒr (mehr) Partizipation zu sorgen.
Skandal
Die Diskurskonstellation des Skandals zeichnet sich durch eine in den Medien aufgegriffene (bzw. durch sie erst hervorgerufene) empörte Reaktion eines erheblichen Teils der Bevölkerung auf einen tatsĂ€chlichen oder vermeintlichen Missstand aus. Die schuldhafte Verursachung dieses Missstandes wird dabei einem gesellschaftlichen Akteur zugeschrieben, dessen Handeln als âunmoralischâ gedeutet wird.
DiskursReview
Review-Artikel
Memes als moderne Propaganda â Eine sprach- und medienkritische Untersuchung
Digitale Kommunikationsformen prÀgen heutige gesellschaftliche Debatten weitaus stÀrker als die klassischen Medien. Ihr Einfluss auf die politische Meinungsbildung und die Ausbildung ideologischer Positionen ist inzwischen unverkennbar und zÀhlt zu den markantesten Entwicklungen der digitalen Gegenwart. Besonders hervorzuheben sind Memes: Sie verbreiten sich schnell, arbeiten mit humoristischen Mitteln und verdichten komplexe Inhalte auf ein Minimum an Zeichen. In öffentlichen Diskursen werden sie daher nicht mehr als spielerisches InternetphÀnomen betrachtet, sondern als ernstzunehmendes Instrument politischer Kommunikation und den damit einhergehenden propagandistischen Strategien.
Zeitalter der Polykrisen â Was sagt die Polykrise ĂŒber die Gegenwart und Zukunft?
Beim Durchscrollen der Tagesschlagzeilen ist einem in den letzten Jahr wahrscheinlich der Ausdruck Polykrise ins Blickfeld geraten. Solche Schlagzeilen in deutschsprachigen Medien lauten beispielsweise (1) âKlimawandel, Krieg in der Ukraine, AbstiegsĂ€ngste – die Welt ist aus den Fugen geraten: Drei BĂŒcher zeigen Wege aus der Polykriseâ (Friedl 2026); (2) âKritische Psychotherapie: Psychotherapie in der Polykriseâ (Dicks 2026); (3) âOptimismus in der Polykriseâ (Kolev 2025); (4) âWas tun gegen die …
âGenderwahnâ als sprachkritische Abwertung: Eine kritische Betrachtung
âDie Debatte ĂŒber Gendern und Nicht-Gendern kann ich schon nicht mehr hören. Soll es doch jeder machen, wie er es selbst will.â Dieses Zitat Ă€uĂert der ehemalige Bundeskanzler Olaf Scholz im Rahmen der Feier zugunsten des Grundgesetzes, welches im Jahre 2024 den 75. Geburtstag feierte (vgl. Steinkohl et al. 2024). Deutlich wird hierbei, dass die Thematik rund um das Gendern in der Politik aufgefasst wird. Allerdings wird gleichzeitig deutlich, dass die Debatte in der Ăffentlichkeit stark kritisiert …
Klimaterroristen: Wie Sprache politische Fronten schafft
Der öffentliche Diskurs ĂŒber Klimaaktivismus ist in den vergangenen Jahren zunehmend polarisiert. Vor diesem Hintergrund hat sich der Ausdruck Klimaterrorist zu einem politisch und gesellschaftlich stark aufgeladenen Schlagwort entwickelt, das im Jahr 2022 als âUnwort des Jahresâ gewĂ€hlt wurde (vgl. 2020ff. â Unwort des Jahres). Seine Verwendung verweist auf Konflikte ĂŒber LegitimitĂ€t, Moral und RechtmĂ€Ăigkeit verschiedener Formen des Protests. Gleichzeitig fungiert der Begriff als sprachliches …
Negativ konnotierte Fremdzuschreibung durch diskriminierende Begriffe â Ein sprachkritischer Beitrag zur Bezeichnung âKanakeâ und dem Zukunftswort âTalahonâ
âGerade diese scheinbar âșmildenâč Formen des Rassismus, die ĂŒber die Sprache transportiert werden, sind schwer zu bekĂ€mpfen, da vielen Menschen nicht klar zu sein scheint, welche Macht Sprache besitzt.â (Kunz, 2021, S. 58).
Der Begriff âKanakeâ (teilweise auch âKanackeâ) bedeutet in seiner ursprĂŒnglichen Bedeutung Mensch und bezeichnete Bewohner*innen der Inselgruppe Neukaledoniens im sĂŒdlichen Pazifik (vgl. Trost, 2002). Dem Gebrauch lag dabei die Charakterisierung einer spezifischen Gesellschaft …
Wenn aus Vielen Einer wird â Warum pauschale Nationsbezeichnungen sprachlich gefĂ€hrlich sind
âIn dieser Situation sind die Deutschen sehr unzufrieden mit der Arbeit der Politik.â (Kinkartz, 2025), schreibt die Deutsche Welle im November 2025. Gemeint ist dabei keine einzelne Person oder klar definierte Gruppe, sondern eine ganze Nation, welche mit einem einzigen Artikel zu einem scheinbar einheitlichen Kollektiv zusammengefasst wurde. Solche Formulierungen sind kein Einzelfall. Ăhnliche Beispiele, wie âDie Russen greifen an vielen Stellen anâ (Die Welt am Morgen, 2024), âDie Ukrainer …
Das Crazy, wenn Worte BrĂŒcken zwischen Generationen sprengen! â Eine sprachkritische Betrachtung von Jugendsprache: Mediale Darstellung, Generationenkonflikt und PĂ€dagogische EinschĂ€tzung
Das Jugendwort des Jahres 2025 lautet âdas Crazyâ. Es meint: âEs gibt keine wirklich passende Antwort. Oder keine wirklich höfliche. Oder eine zu ausfĂŒhrliche, auf die der Antwortende aber gerade keine Lust hat. Oder einfach nur okayâ (Tagesschau, 2025). Torsten StrĂ€ter, Kabarettist und Vertreter der Generation X, hört es und stockt: ââŠdas sind zwei Worte⊠[auĂerdem] fehlt eins⊠Vielleicht bin ich ein zu verknöcherter alter Mann geworden, dass ich mich ĂŒber so eine KaÂcke⊠Wer es sagt â Ohrfeigeâ …
âStadtbildâ als politisches Schlagwort â Ein sprach- und medienkritischer Beitrag zur migrationspolitischen ĂuĂerung von Friedrich Merz
Im Rahmen einer Pressekonferenz Ă€uĂerte sich Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) am 14. Oktober 2025 bei einem Besuch in Brandenburg zur Migrationspolitik. Er verwies dabei auf sinkende Migrationszahlen sowie auf bereits geplante und umgesetzte MaĂnahmen, insbesondere RĂŒckfĂŒhrungen. Merz verwendete dabei den Ausdruck âStadtbildâ, der im gegebenen Kontext negativ konnotiert wurde und sich daraufhin innerhalb kurzer Zeit zu einem politischen Schlagwort entwickelte.
Ausgangspunkt war eine journalistische …
Sprache im Scroll-Modus – Brainrot, Memes und medienkritische Deutungen der kindlichen Kommunikation
Laut der KIM-Studie im Jahr 2024 nutzten 54 Prozent der 6- bis 13-JĂ€hrigen tĂ€glich das Internet (mpfs, 2024). Das sind 7 Prozent mehr als im Jahr 2022 (mpfs, 2024). Besonders auffĂ€llig ist, dass 23 Prozent dieser Altersgruppe tĂ€glich oder fast tĂ€glich TikTok verwenden, wĂ€hrend Instagram nur von 11 Prozent genutzt wird (mpfs, 2024). Mit der intensiveren Nutzung der sozialen Medien gewinnen auch Memes an Bedeutung: Dabei handelt es sich um multimodale Inhalte aus Texten, Bildern, Videos, GIFs, Sounds …
Wenn ein Wort mehr sagt als ein Satz: Der Begriff âKlimakleberâ als Beispiel sprachlicher Rahmung
In einem Kommentar der SĂŒddeutschen Zeitung erwĂ€hnt Mareen Linnarzt den Gedanken, dass Sprache lenkt, wie man denkt (vgl. Linnarzt und Steinke 2023). Diese Aussage verweist auf eine grundlegende Eigenschaft von Sprache, die im alltĂ€glichen Mediengebrauch hĂ€ufig wenig reflektiert wird. Medien verfĂŒgen ĂŒber die Möglichkeit, einzelne Teilaspekte eines Themas hervorzuheben und andere in den Hintergrund zu rĂŒcken (vgl. Hasebrink). Auf diese Weise entstehen Deutungsrahmen, innerhalb derer Ereignisse …