DiskursGlossar

Respekt

Kategorie: Schlagwörter
Verwandte Ausdrücke: Anerkennung, Achtung, Wertschätzung, Vielfalt
Siehe auch: Identitätspolitik, Inklusion, Moralisierung
Autor: Clemens Knobloch
Version: 1.0 / Datum: 15.12.2021

Kurzzusammenfassung

Respekt gehört in die Familie der modernen (meist programmatisch gebrauchten) Hochwertwörter aus dem Repertoire der Anerkennungsbegrifflichkeit (dazu einführend Nullmeier 2003, Honneth et al. 2013). Respekt oder respektvolles Verhalten wird eingefordert für die Eigengruppe (bzw. von der Eigengruppe), für wirklich oder vermeintlich diskriminierte Gruppen, für abweichende Meinungen. Mitgemeint ist bei der Forderung nach Respekt meist eine positiv bewertete Szene der (sozialen, kulturellen, ethnischen, sexuellen etc.) Vielfalt/Diversität. Als hortatorischer (das heißt mahnender, einfordernder) Wertbegriff bezieht sich Respekt in der Regel auf den kommunikativen Umgang mit ,anderen‘.

Die Forderung nach Respekt richtet sich gegen Intoleranz, Hate Speech, Diskriminierung. Sie zielt aber im erweiterten Gebrauch des Wortes auf alle Differenzen zwischen Gruppen (ethnische, soziale, kulturelle, finanzielle u.a.). Respekt als Norm unterstreicht und befestigt die Unterschiede zwischen den an der Kommunikation beteiligten Parteien. Die strategische Verletzung respektbezogener Normen ist aufmerksamkeitspolitisch ein Selbstläufer und darum recht beliebt. Das Gegenstück zur Forderung nach Respekt ist die rituelle Empörung (Skandal | Skandalisierung | Identitätspolitik) über Respektlosigkeit. Beide zusammen bilden ein System, in dem moralische Exklusivität und rebellische Tabuverletzung um maximale Aufmerksamkeit konkurrieren.

Als programmatisches Fahnenwort ist Respekt hierzulande ein US-Import. In den USA hat Respekt eine stärker egalitäre, auf Gegenseitigkeit gestellte Konnotation. Im deutschsprachigen Raum hat der Ausdruck dagegen auch obrigkeitlich-autoritäre Ränder (Respekt wird eingefordert gegenüber Vorgesetzten, Behörden, Autoritäten etc.).

Erweiterte Begriffsklärung

Im modernen Anerkennungsvokabular (vgl. Honneth et al. 2013) besetzt Respekt eine Position, an der die Paradoxien von Identitätsdiskursen sichtbar werden: Die Forderung nach Respekt für Eigen- oder Fremdgruppen setzt positiv bewertete Unterschiede zwischen den Gruppen voraus und wird doch erhoben als Forderung nach Gleichheit und Gleichbehandlung. Die Forderung nach Respekt bietet symbolische Lösungen für Statusprobleme, bestätigt und zementiert aber Ungleichheiten. Wer in seiner Verschiedenheit respektiert werden will, erhebt keinen Anspruch auf gleiche Rechte, Chancen, Bedingungen, Bezahlung. Wie alle Anerkennungssemantiken trägt auch die Forderung nach Respekt für Differenzen dazu bei, diese Differenzen zu pflegen und zu erhalten.

Weiterhin gilt, dass die Vorliebe für ein moralisierendes Anerkennungsvokabular selbst eine Gemeinschaft definiert und abgrenzt, die sich gegenüber den ,weniger feinfühligen‘ sozialen Unterschichten als kulturell überlegen fühlt (und es somit durchaus am nötigen Respekt gegenüber bestimmten, nämlich sozial unterlegenen Formen der ,Andersheit‘ an Respekt fehlen lässt). Wie das Toleranz-Vokabular nur gegenüber denen gilt, die selbst tolerant sind, müsste Respekt auch nur gefordert und geübt von denen und gegenüber denen werden, die es selbst daran nicht fehlen lassen. Die Respekt-Kultur ist jedoch (als ritualisierte Erregungskultur) zutiefst asymmetrisch. Das heißt, es gibt keinen Respekt gegenüber denen, die es nach dem Urteil der Respektfordernden an Respekt fehlen lassen. Und diejenigen, für die der Respekt der Bessergestellten ein schwacher Trost ist, werden es zweifellos schwer haben, wenn sie über den Respekt für ihr Anderssein hinaus auch gleiche Bedingungen fordern.

Es gibt Anzeichen dafür, dass auch die Politik der DGB-Gewerkschaften zusehends Anerkennungssemantiken in ihre Kampagnen einbezieht. In diesem Rahmen ist zu beobachten, dass die Forderung nach Respekt (zu Lasten klassischer gewerkschaftlicher Fahnenwörter wie Solidarität etc.) sich zusehends ausbreitet, namentlich da, wo es um Berufsgruppen (oft von geringem Prestige) geht, die in ihrem Arbeitsalltag mit Anfeindungen oder Missachtung zu rechnen haben (vgl. die Beispiele zu Respekt aus DGB-Kampagnen unter [3,3]).

Der ,Ort‘ für die Kommunikation von Respekt ist die personale und direkte face-to-face-Beziehung zwischen Individuen im öffentlichen Raum. Charakteristisch für den modernen Gebrauch von Respekt ist aber die Ausweitung der Forderung, die dann rasch auch das Sprechen über andere bzw. Dritte und Fremdgruppen umfasst. Respekt ist die verbale Anerkennung des von anderen beanspruchten Status und steht somit in direkter Verbindung mit der Welt der politisch korrekten Sprache, der Triggerwarnung und der safe spaces. Da respektvolles Verhalten leicht einzufordern, aber kasuistisch nur schwer einzugrenzen ist (Respekt steht für eine immer auszuhandelnde persönliche Beziehung), ist die moralisch einwandfreie Forderung nach Respekt zugleich äußerst polemogen (Streit provozierend). Was als Respekt (bzw. als mangelnder Respekt) in der Kommunikation gelten soll, ist meist umstritten, und der sich verletzt Fühlende glaubt stets, das moralische Recht auf seiner Seite zu haben. Jeder politische Streit, jede Meinungsverschiedenheit lässt sich als respektloses Verhalten kodieren. Jede politische Analyse von Ungleichheit kann und muss respektlos sein gegenüber denen, die von dieser Ungleichheit profitieren. Insofern kann die Forderung nach Respekt (für sich oder andere) auch zur Immunisierung der Mächtigen gegen Kritik beitragen.

Virulent wird die Forderung nach Respekt da, wo konkurrierende Wir-Communities gegen einander antreten (und ausgespielt werden können). Es sind im Prinzip Kulturen, die Respekt verdienen (vgl. Michaels 2021: 109). Niemand wird heutzutage verschiedene Kulturen hierarchisieren. Kulturen gelten offiziell als gleichwertig. Auch wird niemand offiziell die Kultur der Eigengruppe als ,überlegen‘ markieren, wiewohl die Anerkennungssemantik gerade das impliziert: die moralische Überlegenheit der Respektkultur. Und insofern trägt die universalisierte Forderung nach Respekt dazu bei, soziale Unterschiede zwischen diversen Kulturen zu normalisieren. Kulturelle Differenzen können und sollen auch nicht nivelliert werden, Differenz und Vielfalt gelten als produktiv, aber es gilt eben auch: „Solange wir uns dem Glauben hingeben, Unterschiede sollten respektiert werden, brauchen wir uns nicht darum zu sorgen, sie zu beseitigen“ (Michaels 2021: 137). Wer das Recht auf ,Andersartigkeit‘ proklamiert, hat automatisch schlechte Karten, wenn es um gleiche soziale und politische Rechte und Pflichten geht.

Einem identitätspolitisch auftretenden Akteur zu widersprechen, ist respektlos gegenüber der Opfergruppe, für die er spricht; es kann jedenfalls so gedeutet werden.

Die Sitten einer ,fremden‘ Kultur anzunehmen oder zu übernehmen, kann ebenso als Zeichen der Wertschätzung, der Anerkennung und des Respektes wie als Zeichen der Aneignung und der ,feindlichen Übernahme‘ (cultural appropriation) gedeutet werden (zu einschlägigen Beispielen siehe Fourest 2020). Ein und dasselbe Verhalten kann gegensätzlichen Deutungen unterliegen, was Handlungen und Kommunikationen unberechenbar macht: Wer auf dem Anderssein seiner Identitätsgruppe besteht, entscheidet darüber, ob Übernahmen und Nachahmungen seiner Kultur von Respekt oder von Missachtung zeugen.

Beispiele

(1) Der Fall Yaghoobifarah (TAZ): Die Autorin, Kolumnistin der TAZ, ist der breiteren Öffentlichkeit bekannt geworden durch einen Text in der TAZ (vom 15.6.2020), der die rassistische Polizeigewalt in den USA zum Anlass nimmt, demonstrativ über die Frage nachzudenken, was man eigentlich mit all den Polizisten machen soll, wenn diese Art von Polizei einmal abgeschafft sein wird. Die Autorin rät satirisch dazu, die freigesetzten Polizisten auf der Mülldeponie einzusetzen, wo sie dann ja von (überflüssigen) „ihresgleichen“ umgeben sein würden. Selbstverständlich hat diese klassische satirische Provokation verfangen und etliche Staats- und Medienakteure dazu gebracht, mit lautstarker Empörung über diese respektlose Herabwürdigung der Polizei zu reagieren. Alles hängt an der Mehrdeutigkeit von „ihresgleichen“: Man kann es als „umgeben von anderen Ex-Polizisten“ oder als „umgeben von anderem Müll“ interpretieren. Ihrem kurz darauf veröffentlichten ersten Roman hat die Autorin jedenfalls durch diese Aktion einige Aufmerksamkeit verschafft.

(2) Nicht selten werden im Namen des Respekts vor anderen Kulturen, Minderheiten, diskriminierten Gruppen Zensurforderungen erhoben. Viel Aufmerksamkeit im Feuilleton finden spektakuläre Exzesse wie etwa die Forderung, Gedichte von schwarzen Frauen dürften nicht von weißen Männern/Frauen übersetzt werden, Angehörige von indigenen Kulturen (und anderen Minderheiten) dürften im Theater nicht von Personen gespielt werden, die selbst nicht zur jeweiligen Gruppe gehören (Fourest 2020: 83ff spricht ironisch von „Casting auf Grundlage von DNA-Tests“). Im hochgradig multikulturellen Kanada konnte die (ebenfalls hochgradig multikulturelle) Theatergruppe von Ariane Mnuchkine (Théatre du soleil) ein Stück über die Unterdrückung indigener Bevölkerungen nicht aufführen, weil die kanadischen Indigenenorganisationen bemängelt und skandalisiert haben, dass sie nicht von Angehörigen der Eigengruppe gespielt wurden (Fourest 2020: 74ff).

(3) In den folgenden Kampagnen aus dem Umkreis des DGB wird Respekt als Leit- und Fahnenwort verwendet:

  • Eine von der IG Metall unterstützte Aktion gegen Rassismus und für Zivilcourage in Frankfurt (Kampagnenseite: https://www.respekt.tv, 14.12.2021)

  • Zum Tag der Gebäudereinigung fordert die IG-Bauen, Agrar, Umwelt: Respect for Cleaners und mehr Anerkennung, Respekt, Geld (Website der IG Bau, 12.2021)
  • Im Jahr 2020 startet der DGB mit allen Einzelgewerkschaften eine Initiative für mehr Respekt und Sicherheit, die in erster Linie auf Berufsgruppen zielt, die oft mit Anfeindungen in der Öffentlichkeit konfrontiert sind (Busfahrer, Bahnfahrer, Erzieher, Polizei etc.) (Website des DGB, 12.2021)

Literatur

Zitierte Literatur

  • Feddersen, Jan & Gessler, Philipp (2021): Kampf der Identitäten. Für eine Rückbesinnung auf linke Ideale. Berlin: Aufbau Verlage.
  • Fourest, Caroline (2020): Generation beleidigt. Von der Sprachpolizei zur Gedankenpolizei. Über den wachsenden Einfluss linker Identitärer. Berlin: Edition Tiamat.
  • Honneth, Axel, Lindemann, Ophelia & Voswinkel, Stephan, Hrsg. (2013): Strukturwandel der Anerkennung. Paradoxien sozialer Integration in der Gegenwart. Frankfurt/M., New York: Campus.
  • Michaels, Walter Benn (2021): Der Trubel um Diversität. Wie wir lernten, Identitäten zu lieben und Ungleichheit zu ignorieren. Berlin: Edition Tiamat [zuerst in USA unter dem Titel The Trouble with Diversity 2006 und 2016].
  • Nullmeier, Frank (2003): „Anerkennung: Auf dem Weg zu einem kulturalen Sozialstaatsverständnis“. In: Lessenich, Stephan: Wohlfahrtsstaatliche Grundbegriffe. Historische und aktuelle Diskurse. Frankfurt/M.: Campus. S. 395-418.
  • Sennett, Richard (2002): Respekt im Zeitalter der Ungleichheit. Berlin: Berlin Verlag.

Zitiervorschlag

Knobloch, Clemens (2021): Respekt. In: Diskursmonitor. Glossar zur strategischen Kommunikation in öffentlichen Diskursen. Hg. von der Forschungsgruppe Diskursmonitor und Diskursintervention. Veröffentlicht am 15.12.2021. Online unter: https://diskursmonitor.de/glossar/respekt.

DiskursGlossar

Grundbegriffe

Kulturelle Grammatik

Kulturelle Grammatik steht für ein System von Regeln und/oder etablierten Regelmäßigkeiten, die Formen richtiger und/oder normaler Kommunikation und Interaktion auszeichnen.

Epistemischer Status

Als epistemischen Status bezeichnet man die Wissensbestände und -zugänge zu Ereignissen, Sachverhalten und Personen, die Gesprächsteilnehmer*innen ihrem Gegenüber in der Interaktion zuschreiben.

Politische Kommunikation

Politische Kommunikation findet überall dort statt, wo Menschen als Teil von sozialen Gruppen mit unterschiedlichen Bedürfnissen und Interessen aufeinandertreffen und über das einzelne Individuum hinaus geltende Regeln des Zusammenlebens aushandeln.

Topos

Ein Topos (Plural: Topoi) ist als ein Argumentationsmuster ein allgemeines Formprinzip, nach dem Argumente gebildet werden können. Als allgemeiner, formaler bzw. kontextabstrakter Topos kann er für oder gegen jede in Frage stehende Position angeführt werden. Topoi gehören zum kollektiven Wissen aller, die sich argumentativ äußern.

Kollektivsymbol

Zur Kollektivsymbolik einer Kultur rechnet man den gesellschaftlich geteilten Vorrat an sprachlichen, bildlichen, schematischen und anderen Ressourcen, derer sich politische und mediale Akteure bedienen, um Ereignisse und Handlungen für die Allgemeinheit deutbar und verständlich zu machen.

Strategische Kommunikation

Der Ausdruck Strategische Kommunikation bezeichnet ein Bündel an zeichenbasierten und in der Regel mediengestützten Aktivitäten, mit denen Individuen, Gruppen oder Organisationen versuchen, die Akzeptanz für ihre politischen, ökonomischen, rechtlichen oder anderweitig motivierten Interessen bei ausgewählten Zielgruppen zu halten oder zu erhöhen.

Korpus

In den Sprach- als auch Literaturwissenschaften versteht man unter Korpora ganz allgemein Textsammlungen.

Protest

Protest ist die kollektive Artikulation von Unbehagen, Kritik oder Veränderungswillen, der sich in bestimmten Handlungen außerhalb etablierter institutioneller Kanäle des politischen Systems äußert. Organisiert wird Protest meist von Initiativen, politischen Gruppierungen oder sozialen Bewegungen in Form von Petitionen, Flugblattaktionen, Demonstrationen, Blockaden, Streiks, Happenings und andere Interventionen in der Öffentlichkeit – in direkter Präsenz, unter Einsatz des Körpers oder auch im virtuellen Raum.

Erzählen

Erzählen ist eine rekonstruktive und kommunikative Tätigkeit, in der für gewöhnlich eine vermittelnde Instanz ein Geschehen darstellt. Die Darstellung kann ein/e ErzählerIn vornehmen (entspricht einer engen Definition des Erzählens) oder sie kann medial anders – beispielsweise filmisch – dargeboten werden (entspricht einer weiten Definition des Erzählens). Dabei beruht das dargestellte Geschehen auf mindestens einem Ereignis.

Konnotation

Konnotation ist ein Fachbegriff, mit dem in der Sprachwissenschaft und benachbarten Disziplinen die Nebenbedeutung (oder der ‚Nebensinn‘) eines Ausdrucks bezeichnet wird. Die konnotative Bedeutung umfasst oft wertende (evaluative) oder handlungsauffordernde (deontische) Aspekte, die mit dem Gebrauch eines Ausdrucks aufgerufen werden können.

Techniken

Aufwertung/Meliorisierung

Von Aufwertung/Meliorisierung wird in der Linguistik dann gesprochen, wenn ein Wort, das ursprünglich als Fremdbezeichnung der Diffamierung einer bestimmten Volks- oder Personengruppe diente, von dieser selbst dann als positive Eigenbezeichnung verwendet wird.

Domain-Grabbing

In der Internetkommunikation finden sich verschiedene Praktiken, die aus Sicht von Dritten (v.a. Markenhaltern) als illegitime oder gar rechtswidrige Inanspruchnahme von Domain-Namen und damit verbundener Aufmerksamkeitssteuerung kritisiert werden.

Search Engine Advertising

Als Search Engine Advertising wird die Werbung auf den Ergebnisseiten von Suchmaschinen bezeichnet. Besondere Merkmale dieser Werbeform sind, dass die Anzeigen kontextbasiert sind und in Textform dargestellt werden.

Affirmation

Im sprachwissenschaftlichen Sinne bezeichnet Affirmation die Behauptung oder Bejahung einer Aussage. Die affirmative Form eines Wortes oder Satzes ist das Gegenteil zur Verneinung (Negation).

Autoritäts-Topos

So wird – angelehnt an formallogische Darstellungen von Argumentationen (Oberprämisse plus Unterprämisse ergeben die Konklusion) – mit Bezug oder unter Berufung auf Autoritäten, oft auf Wissenschaftlerinnen/Experten in politischen Debatten häufig argumentiert, in diesem Fall bezüglich der Richtigkeit/Angemessenheit einer Bewertung.

Flashmob / Smartmob

Flashmobs sind ein urbanes Phänomen, das sich zu einer populären sozialen Ausdrucksform im öffentlichen Raum entwickelt hat. Sie entstehen durch das scheinbar spontane, tatsächlich aber organisierte Zusammentreffen einer Menschenmenge, die an einem bestimmten Ort eine gemeinsame Aktion ausführt und sich anschließend, als wäre nichts geschehen, wieder zerstreut.

Gewaltaufruf

Gewaltaufrufe initiieren und unterstützen eine von nahezu allen sozialen Gruppen ausgeübte kulturelle Praxis, individuelle wie kollektive Konfliktsituationen nicht mit diskursiven, friedlichen Mitteln zu lösen, sondern durch aggressives, repressives, verletzendes und zerstörendes bzw. Verletzung androhendes Handeln, das sowohl auf den Körper wie auf die Psyche von Menschen einwirken kann.

Untersuchungsausschuss

Untersuchungsausschüsse sind ein Kernbestandteil parlamentarischer Kontrolle in Deutschland. Als Verfahren, die zu einem großen Teil öffentlich durchgeführt werden, dienen sie dazu, politische Skandale der Regierung und Verwaltung aufzuarbeiten. Durch ihre Abschlussberichte, die dem Parlament vorgelegt werden, sollen Fehler der Exekutive sichtbar gemacht und Handlungsempfehlungen beschlossen werden.

Kalkulierter Verfassungsverstoß

Der Ausdruck ist paradox und insofern ein Prädikat aus der Beobachtung zweiter Ordnung. Handelnde pflegen ihrem eigenen Verständnis nach nicht kalkuliert – also rechtlich gesprochen: vorsätzlich – gegen die Verfassung zu verstoßen. Ein kalkulierter Verfassungsverstoß ist einem kalkulierten Mord nicht ähnlich.

Jargon

Jargon (aus frz. jargon nach altfrz. gargun ‚Zwitschern‘) bezeichnet eine Sprachgebrauchsform, die mit bestimmten Praxisgemeinschaften (Gruppen, die berufliche oder andere Interessen teilen) assoziiert wird. Jargons werden als ‚typisch‘ für die Mitglieder einer bestimmten sozialen Gruppe und für deren Interessen und soziale Positionen angesehen und dienen somit nach innen wie nach außen als sprachliches Erkennungs- und Abgrenzungsmerkmal.

Schlagwörter

Geschlechtergerechte Sprache

Mit dem heute als Fahnenwort gebrauchten Ausdruck geschlechtergerechte Sprache ist die Forderung verbunden, bei Personenbezeichnungen die einseitige, für diskriminierend erklärte Bezugnahme auf einen bestimmten Sexus, konkret: auf das männliche Geschlecht, zu unterlassen.

Identitätspolitik

Der Ausdruck steht heute für eine politische Konstellation, in der konkurrierende Wir-Gemeinschaften mit einer Diskriminierungs- und Benachteiligungsgeschichte in der Öffentlichkeit um Anerkennung konkurrieren. An der Oberfläche geht es ‚identitären‘ Wir-Gemeinschaften darum, die eigene Diskriminierung als Ermächtigungsmotiv an die Öffentlichkeit zu tragen.

Cancel Culture

Cancel Culture ist ein Kampf- und Stigmawort, das sich in skandalisierender Absicht gegen die Praxis (und oft auch bereits gegen die Forderung) des Absagens, Ausladens, Boykottierens moralisch missliebiger und politisch bekämpfter Personen, Organisationen und Positionen in Wissenschaft, Kultur und Politik wendet.

Elite

Einmal wird unter Elite eine Auswahl der Besten und Leistungsfähigsten verstanden, einmal in distanzierender Weise eine abgehobene ‚Kaste‘ der Reichen und Mächtigen im Gegensatz zum Volk. Erstere Variante wird in der Regel zur Verteidigung der etablierten Ordnung verwendet, letztere vor allem von Rechtspopulisten.

Altpartei

Der Ausdruck Altpartei wird in jüngerer Zeit häufig im Kontext des Aufstiegs des Rechtspopulismus und der AfD gebraucht. Dabei lassen sich hauptsächlich zwei Gebrauchsvarianten beobachten: Einerseits richtet sich der Ausdruck in abwertender Weise gegen etablierte Parteien, andererseits taucht er oft in sprachkritischen Kontexten auf, wo seine Verwendung und seine Sprecher kritisiert oder diskreditiert werden.

Verschwörungstheorie

Der Ausdruck gibt sich in der medialen Öffentlichkeit als analytisches Konzept, ist aber zugleich performativ hoch wirksam als Ausschluss aller erfolgreich so benannten Konzepte aus der rationalen öffentlichen Kommunikation.

Inklusion

Inklusion hat sich, ausgehend von einem soziologischen Fachterminus gleichen Namens, in den zwei vergangenen Jahrzehnten zu einem interdiskursiven und allgemeinen Programmbegriff gewandelt.

Innovation

Innovation gehört seit den 60er Jahren zu den häufig verwendeten Schlag– bzw. Fahnenwörtern, vor allem in den Feldern von Ökonomie und Politik. Konzepte und Vorhaben mit der Überschrift Innovation werden oft als Sachzwänge dargestellt, gegen die Einwände als nicht legitim erscheinen.

Postwachstum

Postwachstum ist im deutschsprachigen Diskurs Beschreibungsbegriff und Forderung zugleich: In einer Welt mit endlichen natürlichen Ressourcen müsse die bisher von Wirtschaftswachstum und Ausbeutung abhängige globale Ökonomie radikal verändert werden, um langfristig die menschliche Existenz zu sichern.

Propaganda

Propaganda als Kommunikationstechnik und -praxis umfasst eine Vielzahl von sprachlichen und visuellen, meist mediengestützten Formen der gezielten Beeinflussung und Steuerung des Denkens, Fühlens und Handelns von Menschen.

Verschiebungen

Ökonomisierung

Ökonomisierung wird in gegenwärtigen Diskursen in der Regel zur Bezeichnung von Prozessen verwendet, in denen die spezifisch wirtschaftlichen Funktions-Elemente wie Markt, Wettbewerb/Konkurrenz, Kosten-Nutzen-Kalküle, Effizienz, Gewinnorientierung in Bereiche übertragen werden, die zuvor teilweise oder ganz nach anderen Leitkriterien ausgerichtet waren

Moralisierung

Moralisierung verlagert Macht- und Interessenkonflikte in die Sphäre der Kommunikation von Achtung / Missachtung. Sie reduziert Ambivalenz zugunsten einer Polarisierung von gut und böse.

Konstellationen

Skandal

Die Diskurskonstellation des Skandals zeichnet sich durch eine in den Medien aufgegriffene (bzw. durch sie erst hervorgerufene) empörte Reaktion eines erheblichen Teils der Bevölkerung auf einen tatsächlichen oder vermeintlichen Missstand aus. Die schuldhafte Verursachung dieses Missstandes wird dabei einem gesellschaftlichen Akteur zugeschrieben, dessen Handeln als ‚unmoralisch‘ gedeutet wird.

DiskursReview

Review-Artikel

Satzsemantik von Vorhersage und Nutzen-Risiko-Abwägung: Die STIKO-Impfempfehlung für 12- bis 17-Jährige vom 18. August 2021

“Die Forschung muss… sich in die Lage versetzen, die politischen Implikationen, die sie hat, anzunehmen und auszuforschen, um nicht beim ersten Knall der Peitsche durch alle ihr vorgehaltenen Reifen zu springen. Diese Integrität kann die Wissenschaft gerade dadurch unter Beweis stellen, dass sie dem herrschenden Druck, praktische Tabus in theoretische umzuwandeln, widersteht” (Beck 1986, 283)

Review-Rückblick

In dieser Rubrik veröffentlichen wir in unregelmäßigen Abständen kurze Notizen zu Ereignissen oder Phänomenen, die in den vergangenen Wochen in der strategischen und öffentlichen Kommunikation zu beobachten waren. Die Texte kommentieren subjektiv, unsystematisch, teils widersprüchlich und hoffentlich pointiert. Sie erheben keinen Anspruch auf Wissenschaftlichkeit, beobachten ihren Gegenstand aber von einer diskursanalytischen und -interventionistischen Position aus und sollen zum Widerspruch einladen. Sie repräsentieren nicht die Position der Redaktion des Diskursmonitors, sondern ihrer jeweiligen Autorinnen und Autoren.

Rasse, Rassismus

1) Zu Beginn drei exemplarische Medienereignisse aus der jüngsten Vergangenheit, in denen es um den Komplex Rasse, Rassismus ging…

Freund-Feind-Begriffe: Zum diskurssemantischen Feld soziopolitischer Kollektivierung

Mit jeder sprachlichen Äußerung (und das schließt das Nicht-Äußern mit ein) positioniert sich der Sprecher oder Schreiber sowohl innerhalb eines von ihm intersubjektiv (re)konstruierten als auch eines objektiven (d.h. objektivierbaren) diskursiven Raum sozialer Gruppen. Möglich ist dies nur aufgrund der sozialsymbolischen (indexikalischen) Bedeutung kommunikativer Zeichen im Bühlerschen Sinne…

PR, Punk oder Provinz: Wie Corona-Forschung die Öffentlichkeit (nicht) erregt.

Jeden Tag erreichen uns neue Nachrichten, neue Zahlen, neue Grafiken zur laufenden Corona-Pandemie. Wer erinnert sich da noch daran, was vor zwei oder drei Monaten oder vor einer Woche öffentlich diskutiert wurde? Vielleicht sind nur zwei Debatten wirklich in unserem öffentlichen Gedächtnis hängen geblieben, unter anderem, weil sie es zu eigenen Twitter-Hashtags gebracht haben: #HeinsbergProtokoll und #IchHabeBesseresZuTun…