DiskursGlossar

Respekt

Kategorie: Schlagwörter
Verwandte Ausdrücke: Anerkennung, Achtung, Wertschätzung, Vielfalt
Siehe auch: Identitätspolitik, Inklusion, Moralisierung
Autor: Clemens Knobloch
Version: 1.1 / Datum: 15.12.2021

Kurzzusammenfassung

Respekt gehört in die Familie der modernen (meist programmatisch gebrauchten) Hochwertwörter aus dem Repertoire der Anerkennungsbegrifflichkeit (dazu einführend Nullmeier 2003, Honneth et al. 2013). Respekt oder respektvolles Verhalten wird eingefordert für die Eigengruppe (bzw. von der Eigengruppe), für wirklich oder vermeintlich diskriminierte Gruppen, für abweichende Meinungen. Mitgemeint ist bei der Forderung nach Respekt meist eine positiv bewertete Szene der (sozialen, kulturellen, ethnischen, sexuellen etc.) Vielfalt/Diversität. Als hortatorischer (das heißt mahnender, einfordernder) Wertbegriff bezieht sich Respekt in der Regel auf den kommunikativen Umgang mit ,anderen‘.

Die Forderung nach Respekt richtet sich gegen Intoleranz, Hate Speech, Diskriminierung. Sie zielt aber im erweiterten Gebrauch des Wortes auf alle Differenzen zwischen Gruppen (ethnische, soziale, kulturelle, finanzielle u.a.). Respekt als Norm unterstreicht und befestigt die Unterschiede zwischen den an der Kommunikation beteiligten Parteien. Die strategische Verletzung respektbezogener Normen ist aufmerksamkeitspolitisch ein Selbstläufer und darum recht beliebt. Das Gegenstück zur Forderung nach Respekt ist die rituelle Empörung (Skandal | Skandalisierung | Identitätspolitik) über Respektlosigkeit. Beide zusammen bilden ein System, in dem moralische Exklusivität und rebellische Tabuverletzung um maximale Aufmerksamkeit konkurrieren.

Als programmatisches Fahnenwort ist Respekt hierzulande ein US-Import. In den USA hat Respekt eine stärker egalitäre, auf Gegenseitigkeit gestellte Konnotation. Im deutschsprachigen Raum hat der Ausdruck dagegen auch obrigkeitlich-autoritäre Ränder (Respekt wird eingefordert gegenüber Vorgesetzten, Behörden, Autoritäten etc.).

Erweiterte Begriffsklärung

Im modernen Anerkennungsvokabular (vgl. Honneth et al. 2013) besetzt Respekt eine Position, an der die Paradoxien von Identitätsdiskursen sichtbar werden: Die Forderung nach Respekt für Eigen- oder Fremdgruppen setzt positiv bewertete Unterschiede zwischen den Gruppen voraus und wird doch erhoben als Forderung nach Gleichheit und Gleichbehandlung. Die Forderung nach Respekt bietet symbolische Lösungen für Statusprobleme, bestätigt und zementiert aber Ungleichheiten. Wer in seiner Verschiedenheit respektiert werden will, erhebt keinen Anspruch auf gleiche Rechte, Chancen, Bedingungen, Bezahlung. Wie alle Anerkennungssemantiken trägt auch die Forderung nach Respekt für Differenzen dazu bei, diese Differenzen zu pflegen und zu erhalten.

Weiterhin gilt, dass die Vorliebe für ein moralisierendes Anerkennungsvokabular selbst eine Gemeinschaft definiert und abgrenzt, die sich gegenüber den ,weniger feinfühligen‘ sozialen Unterschichten als kulturell überlegen fühlt (und es somit durchaus am nötigen Respekt gegenüber bestimmten, nämlich sozial unterlegenen Formen der ,Andersheit‘ an Respekt fehlen lässt). Wie das Toleranz-Vokabular nur gegenüber denen gilt, die selbst tolerant sind, müsste Respekt auch nur gefordert und geübt von denen und gegenüber denen werden, die es selbst daran nicht fehlen lassen. Die Respekt-Kultur ist jedoch (als ritualisierte Erregungskultur) zutiefst asymmetrisch. Das heißt, es gibt keinen Respekt gegenüber denen, die es nach dem Urteil der Respektfordernden an Respekt fehlen lassen. Und diejenigen, für die der Respekt der Bessergestellten ein schwacher Trost ist, werden es zweifellos schwer haben, wenn sie über den Respekt für ihr Anderssein hinaus auch gleiche Bedingungen fordern.

Es gibt Anzeichen dafür, dass auch die Politik der DGB-Gewerkschaften zusehends Anerkennungssemantiken in ihre Kampagnen einbezieht. In diesem Rahmen ist zu beobachten, dass die Forderung nach Respekt (zu Lasten klassischer gewerkschaftlicher Fahnenwörter wie Solidarität etc.) sich zusehends ausbreitet, namentlich da, wo es um Berufsgruppen (oft von geringem Prestige) geht, die in ihrem Arbeitsalltag mit Anfeindungen oder Missachtung zu rechnen haben (vgl. die Beispiele zu Respekt aus DGB-Kampagnen unter [3,3]).

Der ,Ort‘ für die Kommunikation von Respekt ist die personale und direkte face-to-face-Beziehung zwischen Individuen im öffentlichen Raum. Charakteristisch für den modernen Gebrauch von Respekt ist aber die Ausweitung der Forderung, die dann rasch auch das Sprechen über andere bzw. Dritte und Fremdgruppen umfasst. Respekt ist die verbale Anerkennung des von anderen beanspruchten Status und steht somit in direkter Verbindung mit der Welt der politisch korrekten Sprache, der Triggerwarnung und der safe spaces. Da respektvolles Verhalten leicht einzufordern, aber kasuistisch nur schwer einzugrenzen ist (Respekt steht für eine immer auszuhandelnde persönliche Beziehung), ist die moralisch einwandfreie Forderung nach Respekt zugleich äußerst polemogen (Streit provozierend). Was als Respekt (bzw. als mangelnder Respekt) in der Kommunikation gelten soll, ist meist umstritten, und der sich verletzt Fühlende glaubt stets, das moralische Recht auf seiner Seite zu haben. Jeder politische Streit, jede Meinungsverschiedenheit lässt sich als respektloses Verhalten kodieren. Jede politische Analyse von Ungleichheit kann und muss respektlos sein gegenüber denen, die von dieser Ungleichheit profitieren. Insofern kann die Forderung nach Respekt (für sich oder andere) auch zur Immunisierung der Mächtigen gegen Kritik beitragen.

Virulent wird die Forderung nach Respekt da, wo konkurrierende Wir-Communities gegen einander antreten (und ausgespielt werden können). Es sind im Prinzip Kulturen, die Respekt verdienen (vgl. Michaels 2021: 109). Niemand wird heutzutage verschiedene Kulturen hierarchisieren. Kulturen gelten offiziell als gleichwertig. Auch wird niemand offiziell die Kultur der Eigengruppe als ,überlegen‘ markieren, wiewohl die Anerkennungssemantik gerade das impliziert: die moralische Überlegenheit der Respektkultur. Und insofern trägt die universalisierte Forderung nach Respekt dazu bei, soziale Unterschiede zwischen diversen Kulturen zu normalisieren. Kulturelle Differenzen können und sollen auch nicht nivelliert werden, Differenz und Vielfalt gelten als produktiv, aber es gilt eben auch: „Solange wir uns dem Glauben hingeben, Unterschiede sollten respektiert werden, brauchen wir uns nicht darum zu sorgen, sie zu beseitigen“ (Michaels 2021: 137). Wer das Recht auf ,Andersartigkeit‘ proklamiert, hat automatisch schlechte Karten, wenn es um gleiche soziale und politische Rechte und Pflichten geht.

Einem identitätspolitisch auftretenden Akteur zu widersprechen, ist respektlos gegenüber der Opfergruppe, für die er spricht; es kann jedenfalls so gedeutet werden.

Die Sitten einer ,fremden‘ Kultur anzunehmen oder zu übernehmen, kann ebenso als Zeichen der Wertschätzung, der Anerkennung und des Respektes wie als Zeichen der Aneignung und der ,feindlichen Übernahme‘ (cultural appropriation) gedeutet werden (zu einschlägigen Beispielen siehe Fourest 2020). Ein und dasselbe Verhalten kann gegensätzlichen Deutungen unterliegen, was Handlungen und Kommunikationen unberechenbar macht: Wer auf dem Anderssein seiner Identitätsgruppe besteht, entscheidet darüber, ob Übernahmen und Nachahmungen seiner Kultur von Respekt oder von Missachtung zeugen.

Beispiele

(1) Der Fall Yaghoobifarah (TAZ): Die Autorin, Kolumnistin der TAZ, ist der breiteren Öffentlichkeit bekannt geworden durch einen Text in der TAZ (vom 15.06.2020), der die rassistische Polizeigewalt in den USA zum Anlass nimmt, demonstrativ über die Frage nachzudenken, was man eigentlich mit all den Polizisten machen soll, wenn diese Art von Polizei einmal abgeschafft sein wird. Die Autorin rät satirisch dazu, die freigesetzten Polizisten auf der Mülldeponie einzusetzen, wo sie dann ja von (überflüssigen) „ihresgleichen“ umgeben sein würden. Selbstverständlich hat diese klassische satirische Provokation verfangen und etliche Staats- und Medienakteure dazu gebracht, mit lautstarker Empörung über diese respektlose Herabwürdigung der Polizei zu reagieren. Alles hängt an der Mehrdeutigkeit von „ihresgleichen“: Man kann es als „umgeben von anderen Ex-Polizisten“ oder als „umgeben von anderem Müll“ interpretieren. Ihrem kurz darauf veröffentlichten ersten Roman hat die Autorin jedenfalls durch diese Aktion einige Aufmerksamkeit verschafft.

(2) Nicht selten werden im Namen des Respekts vor anderen Kulturen, Minderheiten, diskriminierten Gruppen Zensurforderungen erhoben. Viel Aufmerksamkeit im Feuilleton finden spektakuläre Exzesse wie etwa die Forderung, Gedichte von schwarzen Frauen dürften nicht von weißen Männern/Frauen übersetzt werden, Angehörige von indigenen Kulturen (und anderen Minderheiten) dürften im Theater nicht von Personen gespielt werden, die selbst nicht zur jeweiligen Gruppe gehören (Fourest 2020: 83 ff. spricht ironisch von „Casting auf Grundlage von DNA-Tests“). Im hochgradig multikulturellen Kanada konnte die (ebenfalls hochgradig multikulturelle) Theatergruppe von Ariane Mnuchkine (Théatre du soleil) ein Stück über die Unterdrückung indigener Bevölkerungen nicht aufführen, weil die kanadischen Indigenenorganisationen bemängelt und skandalisiert haben, dass sie nicht von Angehörigen der Eigengruppe gespielt wurden (Fourest 2020: 74 ff.).

(3) In den folgenden Kampagnen aus dem Umkreis des DGB wird Respekt als Leit- und Fahnenwort verwendet:

  • Eine von der IG Metall unterstützte Aktion gegen Rassismus und für Zivilcourage in Frankfurt (Kampagnenseite: https://www.respekt.tv, 14.12.2021).
Kampagne Respekt

Abb. 1: Screenshot der Kampagnenseite www.respekt.tv.

  • Zum Tag der Gebäudereinigung fordert die IG-Bauen, Agrar, Umwelt: Respect for Cleaners und mehr Anerkennung, Respekt, Geld (Website der IG Bau, 01.12.2021).
  • Im Jahr 2020 startet der DGB mit allen Einzelgewerkschaften eine Initiative für mehr Respekt und Sicherheit, die in erster Linie auf Berufsgruppen zielt, die oft mit Anfeindungen in der Öffentlichkeit konfrontiert sind (Busfahrer, Bahnfahrer, Erzieher, Polizei etc.) (Website des DGB, 01.12.2021).

Literatur

Zitierte Literatur

  • Feddersen, Jan; Gessler, Philipp (2021): Kampf der Identitäten. Für eine Rückbesinnung auf linke Ideale. Berlin: Aufbau Verlage.
  • Fourest, Caroline (2020): Generation beleidigt. Von der Sprachpolizei zur Gedankenpolizei. Über den wachsenden Einfluss linker Identitärer. Berlin: Edition Tiamat.
  • Honneth, Axel; Lindemann, Ophelia; Voswinkel, Stephan (Hrsg.) (2013): Strukturwandel der Anerkennung. Paradoxien sozialer Integration in der Gegenwart. Frankfurt/M., New York: Campus.
  • Michaels, Walter B. (2021): Der Trubel um Diversität. Wie wir lernten, Identitäten zu lieben und Ungleichheit zu ignorieren. Berlin: Edition Tiamat [zuerst in USA unter dem Titel The Trouble with Diversity 2006 und 2016].
  • Nullmeier, Frank (2003): Anerkennung: Auf dem Weg zu einem kulturalen Sozialstaatsverständnis. In: Lessenich, Stephan: Wohlfahrtsstaatliche Grundbegriffe. Historische und aktuelle Diskurse. Frankfurt/M.: Campus, S. 395–418.
  • Sennett, Richard (2002): Respekt im Zeitalter der Ungleichheit. Berlin: Berlin Verlag.

Online-Quellen

Abbildungsverzeichnis

  • Abb. 1: Respekt.tv: Screenshot der Startseite. URL: https://www.respekt.tv/ ; Zugriff: 09.02.2023.

Zitiervorschlag

Knobloch, Clemens (2021): Respekt. In: Diskursmonitor. Glossar zur strategischen Kommunikation in öffentlichen Diskursen. Hg. von der Forschungsgruppe Diskursmonitor und Diskursintervention. Veröffentlicht am 15.12.2021. Online unter: https://diskursmonitor.de/glossar/respekt.

DiskursGlossar

Grundbegriffe

Agenda Setting

Rassistisch motivierte Gewalt, Zerstörung des Regenwaldes, Gender pay gap: Damit politische Institutionen solche Probleme bearbeiten, müssen sie erst als Probleme erkannt und auf die politische Tagesordnung (Agenda) gesetzt werden. Agenda Setting wird in Kommunikations- und Politikwissenschaft als eine Form strategischer Kommunikation beschrieben, mithilfe derer Themen öffentlich Gehör verschafft und politischer Druck erzeugt werden kann.

Medien

Die Begriffe Medien/Massenmedien bezeichnen diverse Mittel zur Verbreitung von Informationen und Unterhaltung sowie von Bildungsinhalten. Medien schaffen damit eine wesentliche Grundlage für Meinungsbildung und Meinungsaustausch.

Macht

Macht ist die Fähigkeit, Verhalten oder Denken von Personen zu beeinflussen. Sie ist Bestandteil sozialer Beziehungen, ist an Kommunikation gebunden und konkretisiert sich situationsabhängig. Alle expliziten und impliziten Regeln, Normen, Kräfteverhältnisse und Wissensformationen können aus diskursanalytischer Perspektive als Machtstrukturen verstanden werden, die Einfluss auf Wahrheitsansprüche und (Sprach)Handlungen in einer Gesellschaft oder Gruppe nehmen.

Normalismus

Normalismus ist der zentrale Fachbegriff für die Diskurstheorie des Literaturwissenschaftlers Jürgen Link. Die Normalismus-Theorie fragt danach, wie sich Vorstellungen von ‚Normalität‘ und ‚Anormalität‘ als Leit- und Ordnungskategorien moderner Gesellschaften herausgebildet haben.

Wissen

Kollektives Wissen von sozialen Gruppen ist sowohl Voraussetzung als auch Ziel strategischer Kommunikation in öffentlichen Diskursen. Es wird geprägt durch individuelle Erfahrung, aber auch in Diskursgemeinschaften kommunikativ geteilt – vor allem im Elternhaus, in Peergroups und Bildungseinrichtungen sowie durch Medienkonsum.

Werbung

Werbung ist ein Kommunikationsinstrument von Unternehmen, das der Positionierung im Markt dient und je nach Situation des Unternehmens auf Einführung, Erhalt oder Ausbau von Marktanteilen und damit letztlich auf ökonomischen Gewinn abzielt.

Mediale Kontrolle

Medien werden vielfältig zur Durchsetzung von Macht verwendet. So in der Zensur, wenn eine politische Selektion des Sagbaren und des Unsagbaren stattfindet; in der Propaganda, wenn eine Bevölkerung von den Ansichten oder wenigstens der Macht einer bestimmten Gruppe überzeugt werden soll; oder in der Überwachung, die unerwünschtes Verhalten nicht nur beobachten, sondern unwahrscheinlich machen soll.

Freund- und Feind-Begriffe

Freund-, Gegner- und Feindbegriffe sind Teil der Politischen Kommunikation. Sie bilden die Pole eines breiten Spektrums von kommunikativen Zeichen, mit denen politische Akteure sich selbst und ihre politischen Gegner im Kampf um beschränkte Ressourcen auf dem diskursiven Schlachtfeld positionieren.

Sprachpolitik / Sprachenpolitik

Sprachpolitik bezeichnet allgemein alle politischen Prozesse, die auf eine Beeinflussung der Sprachverwendung in einer Gesellschaft oder Sprachgemeinschaft abzielen. Unterschieden wird häufig zwischen Sprachenpolitik und Sprachpolitik im engeren Sinne.

Sagbarkeit

Im öffentlichen Diskurs findet sich häufig die strategische Behauptung, dass bestimmte Fakten oder Meinungen unsagbar seien. Auf diese Weise wird zum Ausdruck gebracht, dass es Grenzen des Sagbaren gebe, die im öffentlichen Diskurs Geltung hätten.

Techniken

Flugblatt

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Passivierung

Unter Passivierung versteht man die Formulierung eines Satzes in einer grammatischen Form des Passivs. Das Passiv ist gegenüber dem Aktiv durch die Verwendung von Hilfsverben formal komplexer. Seine Verwendung hat unter anderem zur Folge, dass handelnde Personen im Satz nicht genannt werden müssen, was beispielsweise in Gesetzestexten für eine (gewünschte) größtmögliche Abstraktion sorgt („Niemand darf wegen seines Geschlechts […] benachteiligt oder bevorzugt werden.“ Art. 3 GG).

Aufopferungs-Topos

Als Aufopferungs-Topos wird in der Diskursforschung ein Argumentationsmuster bezeichnet, das zwei strategische Funktionen erfüllen kann: einerseits kann es dazu dienen, mit der Behauptung eines besonderen Ressourceneinsatzes (z.B. Einsatz von Geld, Zeit oder emotionaler Belastung) einen hohen Achtungswert für eine Person, eine Sache bzw. für ein Ziel zu plausibilisieren. Andererseits können Akteure besondere Privilegien (wie z.B. Wertschätzung, Entscheidungsbefugnisse und Mitspracherechte) reklamieren, wenn sie sich für eine bereits in der sozialen Bezugsgruppe hochgeschätzte Sache engagieren.

Opfer-Topos

Als Opfer-Topos bezeichnet man eine diskursive Argumentationsstrategie, bei der sich Akteure als ‚Opfer‘ gesellschaftlicher Urteilsbildung inszenieren und damit eigene Interessen – vor allem Aufmerksamkeit und Berücksichtigung von Bedürfnissen – geltend zu machen versuchen.

Analogie-Topos

Der Analogie-Topos zählt zu den allgemeinen bzw. kontextabstrakten Argumentationsmustern, die genutzt werden können, um für oder gegen eine Position zu argumentieren. Analogie-Topoi werden von verschiedenen Akteuren und Akteursgruppen strategisch eingesetzt, um eine zustimmende Haltung bei den Zielgruppen zu bewirken.

Negativpreis

Ein Negativpreis ist eine Auszeichnung an Personen oder Organisationen (meist Unternehmen), die sich oder ihre Produkte positiv darstellen und vermarkten, ihre Versprechen aus Sicht des Preisverleihers allerdings nicht einhalten. Dabei dient der Preis durch seine Vergabe vor allem dem Zweck, Aufmerksamkeit zu erregen, mediale Präsenz auf ein Thema zu lenken und den Preisträger in seinem moralischen Image zu beschädigen.

Be-/Überlastungs-Topos

Der Be-/Überlastungstopos ist ein Argumentationsmuster, das vorwiegend in der politischen Kommunikation eingesetzt wird. Als zu vermeidende Konsequenz einer konkreten Situation wird mit dem Be-/Überlastungstopos ein Be- bzw. Überlastungs-Szenario skizziert.

Wahlkampf

Wahlkämpfe sind Zeiten stark intensivierter politischer Kommunikation. Politische Parteien entwickeln Programme für die nächste Legislaturperiode in der Hoffnung, durch entsprechenden Stimmengewinn zu deren Umsetzung ermächtigt zu werden.

Wir

Das Pronomen wir erfüllt aber noch eine weitere diskursive Funktion: Ein Fundament des politischen Diskurses sind dynamische politische Ideologien: Glaubens- und Wissenssysteme von politischen und sozialen Gruppen.

Petition

Petitionen sind eine der am meisten genutzten Partizipationsformen nach Wahlen. Sie sind sowohl ein Mittel der politischen Beteiligung als auch ein Protestmittel und damit Zwitterwesen in der politischen Landschaft. Durch die Digitalisierung haben sich Petitionen zudem maßgeblich verändert, ihre Zahl hat zugenommen, ebenso wie die Zahl der Plattformen, auf denen sich Petitionen starten lassen.

Schlagwörter

Toxizität / das Toxische

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Zivilgesellschaft

Im gegenwärtigen deutschen Sprachgebrauch werden so heterogene Organisationen, Bewegungen und Initiativen wie ADAC und Gewerkschaften, Trachtenvereine und Verbraucherschutzorganisationen, Umweltorganisationen und religiöse Gemeinschaften zur Zivilgesellschaft gezählt.

Demokratie

Der Ausdruck Demokratie dient häufig zur Bezeichnung einer (parlamentarischen) Staatsform und suggeriert die mögliche Beteiligung aller an den Öffentlichen Angelegenheiten. Dabei ist seine Bedeutung weniger eindeutig als es den Anschein hat.

Plagiat/Plagiarismus

Plagiarismus ist ein Begriff, der sich im öffentlichen Diskurs gegen Personen oder Produkte richten kann, um diese in zuweilen skandalisierender Absicht einer Praxis unerlaubter intermedialer Bezugnahme zu bezichtigen. Die Illegitimität dieser Praxis wird oft mit vermeintlichen moralischen Verfehlungen in Verbindung gebracht.

Fake News

Fake News wird als Schlagwort im Kampf um Macht und Deutungshoheit in politischen Auseinandersetzungen verwendet, in denen sich die jeweiligen politischen Gegenspieler und ihre Anhänger wechselseitig der Lüge und der Verbreitung von Falschnachrichten zum Zweck der Manipulation der öffentlichen Meinung und der Bevölkerung bezichtigen.

Lügenpresse

Der Ausdruck Lügenpresse ist ein politisch instrumentalisierter „Schlachtruf“ oder „Kampfbegriff“ gegen etablierte und traditionelle Medien. Dabei wird häufig nicht einzelnen Medien-Akteuren, sondern der gesamten Medienbranche vorgeworfen, gezielt die Unwahrheit zu publizieren.

Antisemitismus

Mit Antisemitismus werden gemeinhin alle jene Phänomene bezeichnet, die sich gegen das Judentum oder gegen Jüdinnen*Juden als Jüdinnen*Juden richten. Die entsprechenden Erscheinungen reichen von der bloßen Distanzierung und Behauptung jüdischer Andersartigkeit, über vollständig ausgearbeitete Weltbilder, die Jüdinnen*Juden für sämtliche Probleme verantwortlich machen, bis hin zu massiven Ausgrenzungs-, Verfolgungs- und Gewaltpraktiken.

Grammatiknazi / Grammar Nazi

Das überwiegend negativ konnotierte Schlagwort Grammatiknazi – als Übersetzung von engl. grammar nazi – wird zur Benennung von Personen verwendet, die meist in eher informellen Kontexten der öffentlichen Internetkommunikation (u. a. in Foren, Kommentarbereichen auf Nachrichtenportalen, sozialen Netzwerken) ungefragt Sprachkritik an den Äußerungen anderer (häufig fremder) Kommunikationsteilnehmer*innen üben.

Geschlechtergerechte Sprache

Mit dem heute als Fahnenwort gebrauchten Ausdruck geschlechtergerechte Sprache ist die Forderung verbunden, bei Personenbezeichnungen die einseitige, für diskriminierend erklärte Bezugnahme auf einen bestimmten Sexus, konkret: auf das männliche Geschlecht, zu unterlassen.

Identitätspolitik

Der Ausdruck steht heute für eine politische Konstellation, in der konkurrierende Wir-Gemeinschaften mit einer Diskriminierungs- und Benachteiligungsgeschichte in der Öffentlichkeit um Anerkennung konkurrieren. An der Oberfläche geht es ‚identitären‘ Wir-Gemeinschaften darum, die eigene Diskriminierung als Ermächtigungsmotiv an die Öffentlichkeit zu tragen.

Verschiebungen

Ökonomisierung

Ökonomisierung wird in gegenwärtigen Diskursen in der Regel zur Bezeichnung von Prozessen verwendet, in denen die spezifisch wirtschaftlichen Funktions-Elemente wie Markt, Wettbewerb/Konkurrenz, Kosten-Nutzen-Kalküle, Effizienz, Gewinnorientierung in Bereiche übertragen werden, die zuvor teilweise oder ganz nach anderen Leitkriterien ausgerichtet waren

Moralisierung

Moralisierung verlagert Macht- und Interessenkonflikte in die Sphäre der Kommunikation von Achtung / Missachtung. Sie reduziert Ambivalenz zugunsten einer Polarisierung von gut und böse.

Konstellationen

Skandal

Die Diskurskonstellation des Skandals zeichnet sich durch eine in den Medien aufgegriffene (bzw. durch sie erst hervorgerufene) empörte Reaktion eines erheblichen Teils der Bevölkerung auf einen tatsächlichen oder vermeintlichen Missstand aus. Die schuldhafte Verursachung dieses Missstandes wird dabei einem gesellschaftlichen Akteur zugeschrieben, dessen Handeln als ‚unmoralisch‘ gedeutet wird.

DiskursReview

Review-Artikel

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Mit Beginn des Wintersemesters laden die Forschungsgruppen CoSoDi und Diskursmonitor sowie die Akademie diskursiv ein zur Vortragsreihe Neue Beiträge Zur Diskursforschung. Als interdisziplinäres Forschungsfeld bietet die Diskursforschung eine Vielzahl an...

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Welchen Beitrag kann (bzw. muss) die Diskursforschung zur Kultivierung öffentlicher Diskurse leisten? Was kann ein transparenter, normativer Maßstab zur Bewertung sozialer und gesellschaftlicher Diskursverhältnisse sein?

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Dass „Volk“ ein höchst schillernder und vielschichtiger politischer Leitbegriff der vergangenen Jahrhunderte gewesen ist (und nach wie vor ist), kann man schon daran erkennen, dass der Eintrag „Volk, Nation“ in Brunner, Conze & Kosellecks großem Nachschlagwerk zur politischen Begriffsgeschichte mehr als 300 Seiten umfasst.

Antitotalitär? Antiextremistisch? Wehrhaft!

Im Herbst 2022 veranstalteten die Sender des Deutschlandradios eine Kampagne mit Hörerbeteiligung zur Auswahl eines Themas, mit dem sich ihre sogenannte „Denkfabrik“ über das kommende Jahr intensiv beschäftigen solle. Fünf Themen standen zur Auswahl, „wehrhafte Demokratie“ wurde gewählt, wenig überraschend angesichts des andauernden Krieges in der Ukraine…