DiskursGlossar

Sprachpolitik / Sprachenpolitik

Kategorie: Grundbegriffe
Verwandte Ausdrücke: Sprachenpolitik, Sprachplanung, Sprachenplanung, Language Management
Siehe auch: Geschlechtergerechte Sprache, Sagbarkeit, Politische Kommunikation
Autor: Philipp Krämer
Version: 1.0 / Datum: 24.10.2022

Kurzzusammenfassung

Sprachpolitik bezeichnet allgemein alle politischen Prozesse, die auf eine Beeinflussung der Sprachverwendung in einer Gesellschaft oder Sprachgemeinschaft abzielen. Unterschieden wird häufig zwischen Sprachenpolitik und Sprachpolitik im engeren Sinne.

Als Sprachenpolitik werden Regelungen bezeichnet, mit denen das Verhältnis verschiedener Sprachen zueinander festgelegt wird. Ihnen wird in einem Geltungsbereich, etwa einem Staat, ein verbindlicher Status zugewiesen, sodass in bestimmten Feldern des gesellschaftlichen Lebens die Verwendung einer Sprache vorgeschrieben, gefördert, begrenzt oder verboten wird. Sprachenpolitik umfasst demnach Instrumente zur Gestaltung der Kommunikation in einer mehrsprachigen Gesellschaft, die konstruktiv oder prohibitiv genutzt werden können (vgl. Beispiel 1 zu Belgien).

Unter Sprachpolitik im engeren Sinne versteht man die politische Gestaltung der Verwendungsformen einer einzelnen Sprache, insbesondere mit Blick auf ihre Sprachstruktur. In den Bereich dieser Art von Sprachpolitik fällt etwa die Standardisierung, also die Erstellung oder verbindliche Einführung sprachstruktureller Normen. Diese werden in kodifizierter Form durchgesetzt, indem orthografische Regeln, Normgrammatiken oder ein bestimmter Wortschatz offiziell anerkannt bzw. vorgegeben werden. Die Aufgabe der Verbreitung und Implementierung der Normen liegt an erster Stelle beim Bildungswesen (vgl. Beispiel 2 zu Frankreich).

Erweiterte Begriffsklärung

Eine strikte Unterscheidung zwischen Sprachenpolitik und Sprachpolitik ist nicht immer möglich oder sinnvoll: Die auf die Struktur einer Sprache gerichtete Planung wird in der Regel auch Auswirkungen auf Gebrauch und Wahrnehmung dieser Sprache haben, etwa mit Blick auf ihre Akzeptanz in der Gesellschaft. Beispielsweise werden von den Sprachgemeinschaften als künstlich empfundene Standardformen oder die Auswahl bestimmter dialektaler Formen als Grundlage des Standards ggf. abgelehnt und damit auch der Stellenwert dieser Sprache gegenüber anderen Sprachen infrage gestellt. Umgekehrt hat die Regelung des Statusverhältnisses verschiedener Sprachen häufig Auswirkungen im Sprachsystem: Es entwickelt sich domänenspezifischer Wortschatz oder bestimmte Formen geraten außer Gebrauch, wenn eine Sprache in ihrer Verwendung gegenüber anderen eingeschränkt wird. Beide Dimensionen werden deshalb auch unter einem erweiterten, allgemeineren Verständnis schlicht als Sprachpolitik zusammengefasst. Als Oberbegriff für sprachpolitische Initiativen allgemein findet alternativ die Bezeichnung Language Policy and Planning (kurz LPP) weite Verbreitung. Einen ausführlicheren Überblick der Konzepte von Sprach(en)politik und -planung und eine umfangreiche Bibliografie bieten Dovalil & Šichová (2017).

Analytisch lassen sich bottom-up- und top-down-Ansätze der Sprachpolitik unterscheiden, je nachdem welche Akteur*innen prägend sind. In der Realität interagieren beide Ebenen meist, wirken gemeinsam oder gegeneinander.

Im Rahmen von bottom-upAnsätzen liefern Mitglieder der Sprachgemeinschaft selbst die Impulse zu sprachpolitischen Entscheidungen, etwa Aktivist*innen, Interessengruppen oder Einzelpersonen. Auch Individuen handeln immer wieder sprachpolitisch, wenn sie bestimmte Sprachformen nutzen oder vermeiden, wenn sie in einem Verwendungsbereich die vorgegebene Sprache wählen oder davon abweichen.

Bei top-down-Ansätzen geht die Gestaltung von staatlichen Stellen aus, oder von anderen Instanzen mit verbindlicher Regelungsbefugnis, etwa von Regierungen und Parlamenten, Behörden oder Unternehmensführungen. Typische top-down-Ansätze fallen unter den klassischen Begriff der Sprachplanung, die sich wiederum in Korpusplanung und Statusplanung einteilen lässt (Haugen 1987; Janich 2011). Unter Korpusplanung fällt die politisch angestoßene Erstellung von Referenzwerken wie Grammatiken oder Wörterbüchern. Statusplanung umfasst die Festlegung der Stellung der jeweiligen Sprache(n) in der Gesellschaft. Das Begriffspaar liegt damit nah bei der Unterscheidung in Sprachpolitik und Sprachenpolitik, die auch hier häufig zusammentreffen. Dies gilt vor allem für Initiativen zum Ausbau einer Sprache, wenn zur künftigen Nutzung in neuen Verwendungsdomänen die notwendigen Sprachformen bereitgestellt werden sollen, z.B. durch Erarbeitung und Verbreitung von Fachwortschätzen oder Referenzwerken (vgl. Beispiel 3 zu Mauritius).

Weitere zentrale Größen zur Beurteilung von Sprachpolitik sind Wirkungsweise und Grad der Verbindlichkeit. Sprachpolitik kann explizit geführt werden und direkt wirken, etwa über gesetzliche Regelungen. Aber auch Maßnahmen, die nicht primär eine sprachpolitische Zielsetzung verfolgen, können indirekt Auswirkungen auf Sprachverwendung haben. Im Falle von Minderheitensprachen entfalten beispielsweise Entscheidungen zu Kulturförderung oder Mediensubvention regelmäßig auch sprachpolitische Folgen. Bildungs-, Medien- und Kulturpolitik gehören zu den besonders relevanten Feldern, in die direkt wie indirekt sprachpolitische Entscheidungen eingebettet sind. In kontroversen sprachpolitischen Debatten oft übersehen wird die Frage, ob bestimmte Regelungen verbindlich gelten oder etwa nur als Empfehlung gedacht sind, und welchen genauen Geltungsbereich sie haben (vgl. Beispiel 4 zu geschlechtergerechter Sprache in Deutschland).

Als ebenfalls mit sprachpolitischen Prozessen verknüpftes Forschungsfeld widmen sich Arbeiten zur Language Management Theory dem Zusammenwirken von Akteur*innen in der Gestaltung der sprachlichen Verhältnisse sowohl durch ihre Sprachverwendung als auch durch metasprachliche Einflussnahme auf diese (Nekvapil 2009). Besonderes Interesse gilt der Wechselwirkung zwischen dem Handeln von Einzelpersonen und der organisierten Ordnung von Sprachpolitik. Hierbei sind konkrete sprachliche Handlungen und metasprachliche Diskurse ein entscheidender Zugang, um die Ordnungsverhältnisse verstehen zu können, weil sich im Sprechen über Sprache die Gestaltungseinflüsse ablesen lassen (Spolsky 2019 führt die Grundlagen von Sprachpolitik und -management zusammen).

Zu beachten ist dabei, dass der Diskurs über Sprache und Sprachpolitik zugleich immer auch Diskurs als Sprachpolitik ist und dadurch in politische Kommunikation eingebunden wird, oder anders ausgedrückt: Durch die Verhandlung sprachpolitischer Fragestellungen im Diskursraum werden stets die sprachpolitischen Gegebenheiten beeinflusst – entweder indem sie gefestigt oder indem sie infrage gestellt werden.

Sprachpolitische Ziele sind immer untermauert mit Sprachideologien, also mit verbreiteten Idealvorstellungen dessen, was Sprache ist, wie sie aussehen und benutzt werden sollte. Die ideologischen Grundlagen der Sprachpolitik lassen sich im Diskurs identifizieren, etwa Widerstände gegen Sprachwandel und Purismus bei einem äußerst statischen und homogenen Sprachbild, Manifestationen von Standardsprachenideologie bei bildungspolitischen Absichten, oder die Umsetzung einer deutlichen Nationalsprachenideologie, mit der man sich dem Bild der einsprachig homogenen Gesellschaft des Nationalstaates annähern möchte. Ideologische Vorstellungen liegen selbstverständlich auch entgegengesetzten sprachpolitischen Bestrebungen zugrunde, beispielsweise der Förderung von Mehrsprachigkeit oder dem Schutz von Minderheitensprachen. Hier wirkt das Idealbild durch, sprachliche Vielfalt erhalten und ausbauen zu wollen, oder die Überzeugung, dass Sprecher*innen über schützenswerte sprachbezogene Rechte verfügen.

Sprachpolitische Thematiken sind in der Regel angebunden an breitere gesellschaftliche Diskurse und Kontroversen. Sie eignen sich als Zugang zu Konflikten, die nicht unmittelbar verhandelt werden sollen oder können, sodass selbst gesellschaftliche Fundamente relativ risikoarm über den Umweg der Sprache infrage gestellt werden können. Beispielsweise bieten sprachpolitische Diskurse und Maßnahmen mit puristischer und wandelfeindlicher Grundlage einen geeigneten Eintrittspunkt zu größeren Diskursrahmen, die letztlich auf die Ausgrenzung und Benachteiligung von Minderheiten und die Wahrung von Privilegien abzielen. Unter dem breit geteilten Vorwand, die Sprache ‚bewahren‘ oder ‚schützen‘ zu wollen, wird über einen sprachpolitischen Stellvertreterdiskurs die Ablehnung derjenigen verhandelt, die als Bedrohung für den Erhalt der Sprache konstruiert werden. Andererseits rufen sprachpolitische Diskurse auch solche Diskursbereiche auf, die soziale Errungenschaften verteidigen und ausbauen möchten. Sprachpolitik etwa zur Anerkennung, Sichtbarmachung oder Unterstützung bestimmter Sprachgruppen bzw. Sprecher*innen knüpft dann an Zielsetzungen wie soziale Teilhabe oder eine gerechtere Ressourcenverteilung an.

Sprachpolitisches Handeln ist stets eine Form des Umgangs mit Macht, entweder indem sie durchgesetzt und gefestigt oder indem sie herausgefordert wird. Damit stellt sich die Frage nach der Legitimität sprachpolitischer Entscheidungen, vor allem bei top-down-Impulsen. Wie bei jeder anderen politischen Handlung kann auch in der Sprachpolitik eine verbindliche Regelung auf dem Weg demokratischer Prozesse zustande kommen oder durch autoritäre Setzung. Welche bottom-up-Impulse erfolgreich sind, hängt ebenfalls von den sozialen, ökonomischen und politischen Kräfteverhältnissen ab. Diese Kriterien sind unter anderem deshalb relevant, weil im öffentlichen Diskurs Sprachpolitik bisweilen als gleichbedeutend mit ‚illegitimer Sprachmanipulation‘ verwendet wird. Im Kern berühren sprachpolitische Diskussionen also immer die Frage, in welchem Umfang eine gezielte Gestaltung der Sprachverwendung wünschenswert ist, wer dies festlegt bzw. durchsetzt, und auf welche übergeordneten gesellschaftlichen Entwicklungen sie abzielen.

Sprachpolitik im weitesten Sinne ist letztlich jede Entscheidung für oder gegen eine Alternative in der Sprachverwendung, mit der gesellschaftsrelevante Bedeutung erzielt wird. Somit können staatliche Organe, private Organisationen und auch Individuen sprachpolitisch wirksam handeln, wobei die Zielsetzungen dieses Handelns meist über die reine Sprachverwendung hinaus auf größere soziale Fragestellungen gerichtet sind. Einen breit gefächerten Forschungsüberblick zu Sprachpolitik unter Einbeziehung zahlreicher gesellschaftlicher Hintergründe und Auswirkungen bietet das Handbuch von Tollefson & Pérez-Milans (Hrsg. 2018).

Beispiele

(1) Ein typisches Beispiel mit weitreichenden Regelungen zur Sprachenpolitik ist Belgien. Festgelegt ist dort nach dem Territorialitätsprinzip, welche der drei offiziellen Sprachen des Landes in welchem Gebiet für die öffentliche Kommunikation genutzt werden darf: Das Land ist unterteilt in einen niederländischsprachigen, einen französischsprachigen und einen deutschsprachigen Raum; die Hauptstadtregion Brüssel hat mit Französisch und Niederländisch zwei offizielle Sprachen. Die Sprachgebiete sind durch eine seit 1962/63 gesetzlich festgelegte Sprachgrenze voneinander getrennt. In detaillierten Vorschriften wird bestimmt, dass etwa in der Verwaltung oder im Bildungswesen die jeweilige Sprache des Gebiets zu verwenden ist und in welchen stark eingeschränkten Ausnahmefällen davon abgewichen werden darf. Die Sprachverwendung in der privaten Kommunikation ist freigestellt. In der Gesellschaft herrscht als Folge dieses Modells ein relativ großes Bewusstsein für die grundsätzliche politische Dimension sprachlicher Entscheidungen, während zugleich die alltäglichen Praktiken in der individuellen Interaktion weitgehend frei von rechtsgebundenen Erwägungen im Rahmen der verfügbaren Repertoires ausgehandelt werden.

(2) Eine stark auf die innere Form der Sprache ausgerichtete Politik führt seit langem Frankreich. Hierzu zählen beispielsweise Bemühungen des Sprachpurismus, mit denen vor allem die Verwendung englischer Lehnwörter begrenzt werden soll. Die dem Kulturministerium angegliederte Terminologiekommission FranceTerme ist damit beauftragt, neue französische Begriffe zu entwickeln oder bekannt zu machen, mit denen ‚fremde‘ (d.h. zumeist englische) Begriffe ersetzt werden sollen. Ebenfalls eine sprachpolitische Maßnahme mit direkter Wirkung auf die Verwendung bestimmter Strukturen wurde im Jahr 2021 getroffen, als der damalige Bildungsminister Jean-Michel Blanquer den Schulen des Landes untersagte, geschlechtergerechte Schriftformen wie den Mediopunkt zu nutzen.

(3) Im Jahr 2012 führte die Republik Mauritius das in der Gesellschaft weithin verbreitete Kreolische als Unterrichtssprache und Fach in den Schulen ein. Bis dahin war Kreolisch nur als informelles Kommunikationsmittel im Unterricht verwendet worden. Ziel der Maßnahme war es, als eine Etappe auf dem Weg zur Dekolonisierung den Zugang zum Bildungswesen für mehrheitlich kreolischsprachige Kinder zu erleichtern. Zuvor dominierten allein die aus der Kolonialzeit etablierten Sprachen Englisch und Französisch als Bildungssprachen das Schulwesen. Unterrichtsmaterialien waren ausschließlich in den beiden Sprachen vorhanden und nur sie wurden als Fächer unterrichtet. Mit der Entscheidung der Regierung zur Einführung des Kreolischen änderte sich die offizielle Position der Sprache in der Gesellschaft: ein Schritt der Statusplanung von staatlicher Seite. Begleitet wurde dieser Schritt mit der Gründung einer staatlich eingesetzten Sprachakademie, die eine einheitliche Rechtschreibung für den Unterricht, eine Referenzgrammatik und ein Wörterbuch erarbeitete: Die Akademie erfüllt Aufgaben der Korpusplanung. Während die entscheidende Strukturänderung als top-down-Ansatz von der Regierung ausging, wurde dieser Schritt nicht zuletzt auch durch bottom-up-Impulse langjährig engagierter Initiativen aus Kultur und Wissenschaft vorangetrieben.

(4) Ein Beispiel ist die öffentliche Diskussion über geschlechtergerechte Formen des Deutschen. Verbindliche Regelungen hierzu sind relativ selten. Sie sind zumeist beschränkt auf Leitfäden zur Kommunikation innerhalb bestimmter Organisationen wie Unternehmen, Behörden oder Universitäten. Bindende Wirkung haben sie höchstens für die offizielle Kommunikation der eigenen Angehörigen der Organisation. Leitfäden für geschlechtergerechte Sprache haben allerdings trotz häufig geäußerter Kritik an einem vermeintlichen Sprachzwang in vielen Fällen lediglich Empfehlungscharakter. Manche Organisationen wie etwa bestimmte Redaktionen und Medienhäuser stellen ihren Beschäftigten die Nutzung geschlechtergerechter Formen explizit frei. Als die Nachrichtensprecherin Petra Gerster im ZDF den Glottisverschluss bei inklusiven Formen wie Politiker*innen verwendete, ließen die darauf folgenden Reaktionen erkennen, dass dies von Teilen des Publikums als normsetzend verstanden wurde. Gersters Entscheidung lässt sich so als indirekt wirkende sprachpolitische Handlung interpretieren. Eine Verpflichtung galt weder für Gerster selbst noch muss das Publikum die Formen übernehmen, dennoch erhält die Entscheidung durch die herausgehobene Stellung einer Nachrichtensprecherin für den Sprachgebrauch eine sprachpolitische Dimension. Alle genannten Schritte zur Nutzung geschlechtergerechter Sprache sind als sprachpolitische Gestaltung zu werten, ihr Geltungsbereich, ihre Wirkungsform und ihr Verbindlichkeitsgrad unterscheiden sich jedoch im Detail.

  

Literatur

    Zum Weiterlesen

    • Dovalil, Vít; Šichová Kateřina (2017): Sprach(en)politik, Sprachplanung und Sprachmanagement (Institut für Deutsche Sprache, Literaturhinweise zur Linguistik 6). Heidelberg: Winter.

    Zitierte Literatur

    • Dovalil, Vít; Šichová Kateřina (2017): Sprach(en)politik, Sprachplanung und Sprachmanagement (Institut für Deutsche Sprache, Literaturhinweise zur Linguistik 6). Heidelberg: Winter.

    • Haugen, Einar (1987): Language Planning In: Ulrich Ammon, Norbert Dittmar, Klaus J. Mattheier & Peter Trudgill (Hrsg.): Soziolinguistik / Sociolinguistics. (Handbücher zur Sprach- und Kommunikationswissenschaft Bd. 3/1). Berlin / Boston: De Gruyter Mouton. 626–638. https://doi.org/10.1515/9783110858020-080.

    • Janich, Nina (2011): Sprachplanung. In: Karlfried Knapp et al. (Hrsg.): Angewandte Linguistik. Ein Lehrbuch. Tübingen / Basel: Francke. S. 537–558.

    • Nekvapil, Jiří (2009): The integrative potential of Language Management Theory. In: Jiří Nekvapil & Tamah Sherman (Hrsg.): Language Management in Contact Situations: Perspectives from Three Continents. Frankfurt/Main et al.: Lang. 1–11.

    • Spolsky, Bernard (2019): A modified and enriched theory of language policy (and management). In: Language Policy 18. 323–338. https://doi.org/10.1007/s10993-018-9489-z.

    • Tollefson, James W.; Pérez-Milans, Miguel (Hrsg.)(2018): The Oxford Handbook of Language Policy and Planning. Oxford Handbooks (online edition). https://doi.org/10.1093/oxfordhb/9780190458898.001.0001.

    Zitiervorschlag

    Krämer, Philipp (2022): Sprachpolitik / Sprachenpolitik. In: Diskursmonitor. Glossar zur strategischen Kommunikation in öffentlichen Diskursen. Hg. von der Forschungsgruppe Diskursmonitor und Diskursintervention. Veröffentlicht am 24.10.2022. Online unter: https://diskursmonitor.de/glossar/sprachpolitik.

    DiskursGlossar

    Grundbegriffe

    Sagbarkeit

    Im öffentlichen Diskurs findet sich häufig die strategische Behauptung, dass bestimmte Fakten oder Meinungen unsagbar seien. Auf diese Weise wird zum Ausdruck gebracht, dass es Grenzen des Sagbaren gebe, die im öffentlichen Diskurs Geltung hätten.

    Kulturelle Grammatik

    Kulturelle Grammatik steht für ein System von Regeln und/oder etablierten Regelmäßigkeiten, die Formen richtiger und/oder normaler Kommunikation und Interaktion auszeichnen.

    Epistemischer Status

    Als epistemischen Status bezeichnet man die Wissensbestände und -zugänge zu Ereignissen, Sachverhalten und Personen, die Gesprächsteilnehmer*innen ihrem Gegenüber in der Interaktion zuschreiben.

    Politische Kommunikation

    Politische Kommunikation findet überall dort statt, wo Menschen als Teil von sozialen Gruppen mit unterschiedlichen Bedürfnissen und Interessen aufeinandertreffen und über das einzelne Individuum hinaus geltende Regeln des Zusammenlebens aushandeln.

    Topos

    Ein Topos (Plural: Topoi) ist als ein Argumentationsmuster ein allgemeines Formprinzip, nach dem Argumente gebildet werden können. Als allgemeiner, formaler bzw. kontextabstrakter Topos kann er für oder gegen jede in Frage stehende Position angeführt werden. Topoi gehören zum kollektiven Wissen aller, die sich argumentativ äußern.

    Bedeutung

    Der Ausdruck Bedeutung wird sowohl in der Alltagssprache als auch in der Fachsprache nicht einheitlich verwendet. Alltagssprachlich wird auf die Bedeutung von etwas – zum Beispiel einem Wort, Gegenstand oder Gesichtsausdruck – verwiesen, wenn dessen Status in der Welt unklar ist (‚was bedeutet es, dass X‘) oder seine Wichtigkeit hervorgehoben werden soll (‚X ist bedeutend‘).

    Kollektivsymbol

    Zur Kollektivsymbolik einer Kultur rechnet man den gesellschaftlich geteilten Vorrat an sprachlichen, bildlichen, schematischen und anderen Ressourcen, derer sich politische und mediale Akteure bedienen, um Ereignisse und Handlungen für die Allgemeinheit deutbar und verständlich zu machen.

    Strategische Kommunikation

    Der Ausdruck Strategische Kommunikation bezeichnet ein Bündel an zeichenbasierten und in der Regel mediengestützten Aktivitäten, mit denen Individuen, Gruppen oder Organisationen versuchen, die Akzeptanz für ihre politischen, ökonomischen, rechtlichen oder anderweitig motivierten Interessen bei ausgewählten Zielgruppen zu halten oder zu erhöhen.

    Korpus

    In den Sprach- als auch Literaturwissenschaften versteht man unter Korpora ganz allgemein Textsammlungen.

    Techniken

    Petition

    Petitionen sind eine der am meisten genutzten Partizipationsformen nach Wahlen. Sie sind sowohl ein Mittel der politischen Beteiligung als auch ein Protestmittel und damit Zwitterwesen in der politischen Landschaft. Durch die Digitalisierung haben sich Petitionen zudem maßgeblich verändert, ihre Zahl hat zugenommen, ebenso wie die Zahl der Plattformen, auf denen sich Petitionen starten lassen.

    Influencer / Influencerin

    Influencer:innen sind Personen, die auf Social-Media-Plattformen regelmäßig selbst produzierte Inhalte publizieren und damit eine öffentliche Reichweite über ihre Follower:innen aufbauen. Influencer:innen haben das Potenzial, Rezipient:innen in ihrem Wissen, Einstellungen und Verhalten zu beeinflussen (engl. to influence).

    Litigation PR

    Der Begriff Litigation PR kombiniert das englische Wort litigation, das auf lat. ,lītigātiō‘ zurückgeht und für Rechtsstreitigkeit bzw. (Gerichts )Verfahren/Prozess steht, mit dem bekannten Begriff PR (Public Relations).

    Memes

    Der Begriff des Internet-Memes fasst eine relativ heterogene Gruppe digitaler – und zumeist multimodaler – Texte zusammen (zum Beispiel Videos, GIFs, Image Macros), die sich durch formale oder inhaltliche Gemeinsamkeiten auszeichnen und durch Imitations- und Aneignungsprozesse verbreiten.

    Aufwertung/Meliorisierung

    Von Aufwertung/Meliorisierung wird in der Linguistik dann gesprochen, wenn ein Wort, das ursprünglich als Fremdbezeichnung der Diffamierung einer bestimmten Volks- oder Personengruppe diente, von dieser selbst dann als positive Eigenbezeichnung verwendet wird.

    Domain-Grabbing

    In der Internetkommunikation finden sich verschiedene Praktiken, die aus Sicht von Dritten (v.a. Markenhaltern) als illegitime oder gar rechtswidrige Inanspruchnahme von Domain-Namen und damit verbundener Aufmerksamkeitssteuerung kritisiert werden.

    Suchmaschinenoptimierung

    Durch Suchmaschinenoptimierung (search engine optimization; SEO) wird versucht, Webseiten so zu verändern, dass sie von Suchmaschinen als besonders relevant betrachtet und entsprechend hoch in den Suchergebnissen gelistet werden.

    Search Engine Advertising

    Als Search Engine Advertising wird die Werbung auf den Ergebnisseiten von Suchmaschinen bezeichnet. Besondere Merkmale dieser Werbeform sind, dass die Anzeigen kontextbasiert sind und in Textform dargestellt werden.

    Organizing

    Unter Organizing versteht man ein Bündel von Praktiken, die zur gewerkschaftlichen oder politischen Organisierung bzw. Mobilisierung dienen. Beim methodisch reflektierten Organizing spielen Recherche, Strategieentwicklung, mehr oder minder standardisierte 1:1-Gespräche, Mapping (Erstellung einer Übersicht der Beteiligten im Betrieb oder sonstigen Aktionsfeld) und einiges mehr eine Rolle.

    Affirmation

    Im sprachwissenschaftlichen Sinne bezeichnet Affirmation die Behauptung oder Bejahung einer Aussage. Die affirmative Form eines Wortes oder Satzes ist das Gegenteil zur Verneinung (Negation).

    Schlagwörter

    Antisemitismus

    Mit Antisemitismus werden gemeinhin alle jene Phänomene bezeichnet, die sich gegen das Judentum oder gegen Jüdinnen*Juden als Jüdinnen*Juden richten. Die entsprechenden Erscheinungen reichen von der bloßen Distanzierung und Behauptung jüdischer Andersartigkeit, über vollständig ausgearbeitete Weltbilder, die Jüdinnen*Juden für sämtliche Probleme verantwortlich machen, bis hin zu massiven Ausgrenzungs-, Verfolgungs- und Gewaltpraktiken.

    Grammatiknazi / Grammar Nazi

    Das überwiegend negativ konnotierte Schlagwort Grammatiknazi – als Übersetzung von engl. grammar nazi – wird zur Benennung von Personen verwendet, die meist in eher informellen Kontexten der öffentlichen Internetkommunikation (u. a. in Foren, Kommentarbereichen auf Nachrichtenportalen, sozialen Netzwerken) ungefragt Sprachkritik an den Äußerungen anderer (häufig fremder) Kommunikationsteilnehmer*innen üben.

    Respekt

    Respekt oder respektvolles Verhalten wird eingefordert für die Eigengruppe (bzw. von der Eigengruppe), für wirklich oder vermeintlich diskriminierte Gruppen, für abweichende Meinungen. Mitgemeint ist bei der Forderung nach Respekt meist eine positiv bewertete Szene der (sozialen, kulturellen, ethnischen, sexuellen etc.) Vielfalt/Diversität.

    Geschlechtergerechte Sprache

    Mit dem heute als Fahnenwort gebrauchten Ausdruck geschlechtergerechte Sprache ist die Forderung verbunden, bei Personenbezeichnungen die einseitige, für diskriminierend erklärte Bezugnahme auf einen bestimmten Sexus, konkret: auf das männliche Geschlecht, zu unterlassen.

    Identitätspolitik

    Der Ausdruck steht heute für eine politische Konstellation, in der konkurrierende Wir-Gemeinschaften mit einer Diskriminierungs- und Benachteiligungsgeschichte in der Öffentlichkeit um Anerkennung konkurrieren. An der Oberfläche geht es ‚identitären‘ Wir-Gemeinschaften darum, die eigene Diskriminierung als Ermächtigungsmotiv an die Öffentlichkeit zu tragen.

    Cancel Culture

    Cancel Culture ist ein Kampf- und Stigmawort, das sich in skandalisierender Absicht gegen die Praxis (und oft auch bereits gegen die Forderung) des Absagens, Ausladens, Boykottierens moralisch missliebiger und politisch bekämpfter Personen, Organisationen und Positionen in Wissenschaft, Kultur und Politik wendet.

    Elite

    Einmal wird unter Elite eine Auswahl der Besten und Leistungsfähigsten verstanden, einmal in distanzierender Weise eine abgehobene ‚Kaste‘ der Reichen und Mächtigen im Gegensatz zum Volk. Erstere Variante wird in der Regel zur Verteidigung der etablierten Ordnung verwendet, letztere vor allem von Rechtspopulisten.

    Altpartei

    Der Ausdruck Altpartei wird in jüngerer Zeit häufig im Kontext des Aufstiegs des Rechtspopulismus und der AfD gebraucht. Dabei lassen sich hauptsächlich zwei Gebrauchsvarianten beobachten: Einerseits richtet sich der Ausdruck in abwertender Weise gegen etablierte Parteien, andererseits taucht er oft in sprachkritischen Kontexten auf, wo seine Verwendung und seine Sprecher kritisiert oder diskreditiert werden.

    Verschwörungstheorie

    Der Ausdruck gibt sich in der medialen Öffentlichkeit als analytisches Konzept, ist aber zugleich performativ hoch wirksam als Ausschluss aller erfolgreich so benannten Konzepte aus der rationalen öffentlichen Kommunikation.

    Inklusion

    Inklusion hat sich, ausgehend von einem soziologischen Fachterminus gleichen Namens, in den zwei vergangenen Jahrzehnten zu einem interdiskursiven und allgemeinen Programmbegriff gewandelt.

    Verschiebungen

    Ökonomisierung

    Ökonomisierung wird in gegenwärtigen Diskursen in der Regel zur Bezeichnung von Prozessen verwendet, in denen die spezifisch wirtschaftlichen Funktions-Elemente wie Markt, Wettbewerb/Konkurrenz, Kosten-Nutzen-Kalküle, Effizienz, Gewinnorientierung in Bereiche übertragen werden, die zuvor teilweise oder ganz nach anderen Leitkriterien ausgerichtet waren

    Moralisierung

    Moralisierung verlagert Macht- und Interessenkonflikte in die Sphäre der Kommunikation von Achtung / Missachtung. Sie reduziert Ambivalenz zugunsten einer Polarisierung von gut und böse.

    Konstellationen

    Skandal

    Die Diskurskonstellation des Skandals zeichnet sich durch eine in den Medien aufgegriffene (bzw. durch sie erst hervorgerufene) empörte Reaktion eines erheblichen Teils der Bevölkerung auf einen tatsächlichen oder vermeintlichen Missstand aus. Die schuldhafte Verursachung dieses Missstandes wird dabei einem gesellschaftlichen Akteur zugeschrieben, dessen Handeln als ‚unmoralisch‘ gedeutet wird.

    DiskursReview

    Review-Artikel

    Satzsemantik von Vorhersage und Nutzen-Risiko-Abwägung: Die STIKO-Impfempfehlung für 12- bis 17-Jährige vom 18. August 2021

    “Die Forschung muss… sich in die Lage versetzen, die politischen Implikationen, die sie hat, anzunehmen und auszuforschen, um nicht beim ersten Knall der Peitsche durch alle ihr vorgehaltenen Reifen zu springen. Diese Integrität kann die Wissenschaft gerade dadurch unter Beweis stellen, dass sie dem herrschenden Druck, praktische Tabus in theoretische umzuwandeln, widersteht” (Beck 1986, 283)

    Review-Rückblick

    In dieser Rubrik veröffentlichen wir in unregelmäßigen Abständen kurze Notizen zu Ereignissen oder Phänomenen, die in den vergangenen Wochen in der strategischen und öffentlichen Kommunikation zu beobachten waren. Die Texte kommentieren subjektiv, unsystematisch, teils widersprüchlich und hoffentlich pointiert. Sie erheben keinen Anspruch auf Wissenschaftlichkeit, beobachten ihren Gegenstand aber von einer diskursanalytischen und -interventionistischen Position aus und sollen zum Widerspruch einladen. Sie repräsentieren nicht die Position der Redaktion des Diskursmonitors, sondern ihrer jeweiligen Autorinnen und Autoren.

    Rasse, Rassismus

    1) Zu Beginn drei exemplarische Medienereignisse aus der jüngsten Vergangenheit, in denen es um den Komplex Rasse, Rassismus ging…

    Freund-Feind-Begriffe: Zum diskurssemantischen Feld soziopolitischer Kollektivierung

    Mit jeder sprachlichen Äußerung (und das schließt das Nicht-Äußern mit ein) positioniert sich der Sprecher oder Schreiber sowohl innerhalb eines von ihm intersubjektiv (re)konstruierten als auch eines objektiven (d.h. objektivierbaren) diskursiven Raum sozialer Gruppen. Möglich ist dies nur aufgrund der sozialsymbolischen (indexikalischen) Bedeutung kommunikativer Zeichen im Bühlerschen Sinne…

    PR, Punk oder Provinz: Wie Corona-Forschung die Öffentlichkeit (nicht) erregt.

    Jeden Tag erreichen uns neue Nachrichten, neue Zahlen, neue Grafiken zur laufenden Corona-Pandemie. Wer erinnert sich da noch daran, was vor zwei oder drei Monaten oder vor einer Woche öffentlich diskutiert wurde? Vielleicht sind nur zwei Debatten wirklich in unserem öffentlichen Gedächtnis hängen geblieben, unter anderem, weil sie es zu eigenen Twitter-Hashtags gebracht haben: #HeinsbergProtokoll und #IchHabeBesseresZuTun…