
DiskursGlossar
Narrativ
Kategorie: Grundbegriffe
Verwandte AusdrĂŒcke: Narration, ErzĂ€hlung
Siehe auch: BrĂŒckentechnologie, Diskurs, Metapher, Schlagwort, Topos der dĂŒsteren Zukunftsprognose, ErzĂ€hlen
Autorin: Dorothee Meer
Version: 1.1 / Datum: 16.01.2025
Kurzzusammenfassung
Mit der diskursanalytischen Kategorie des Narrativs werden Vorstellungen von komplexen Denk- und Handlungsstrukturen erfasst. Narrative in diesem Sinne gehören wie Schlagwörter, Metaphern und Topoi zu den Grundkategorien der Analyse von Diskursen. Dabei beinhalten Narrative in Raum und Zeit strukturierte Vorstellungen ĂŒber stereotype Handlungsentwicklungen, in deren Rahmen kollektive oder (typisierte) einzelne Akteur*innen gesellschaftlich relevante Konflikte ĂŒberwinden (z. B. der American Dream â vom âehrgeizigen TellerwĂ€scher zum MillionĂ€râ â als Narrativ zur Gemeinschaftsbildung und Neutralisierung von Diskussionen ĂŒber ungleiche Aufstiegschancen und Ressourcenverteilung). Die fĂŒr ein Narrativ entscheidenden Konflikte können anhand von semantischen Merkmalen als Oppositionspaare (z. B. +/- legal, +/- leistungsstark, +/- klimaneutral) beschrieben werden. Bei der Ăberwindung solcher Konflikte spielen Metaphern, Topoi oder Schlagwörter hĂ€ufig eine entscheidende Rolle, indem sie GegensĂ€tze aufheben oder semantisch zu integrieren vermögen.
In Abgrenzung zu stĂ€rker literaturwissenschaftlich genutzten Konzepten von Narrationen bzw. ErzĂ€hlungen, referiert der hier vorgestellte diskursanalytische Narrativbegriff nicht auf konkrete Textsorten (wie ErzĂ€hlungen, Dramen oder Mythen), sondern kann generell fĂŒr die Analyse kollektiv verankerter Handlungsstrukturen auch in nicht-erzĂ€hlenden Textsorten (beispielsweise aus dem Bereich der Medienberichterstattung) genutzt werden. Allerdings ist zu beachten, dass der Begriff des Narrativs (auch aufgrund des englischen Sprachgebrauchs) hĂ€ufig synonym zum Begriff der Narration oder ErzĂ€hlung gebraucht wird.
DarĂŒber hinaus wird der Begriff in öffentlichen Auseinandersetzungen auch als Stigmawort fĂŒr die Delegitimierung von gegnerischen Deutungen verwendet (X sei bloĂ Narrativ). Im Gegensatz hierzu wird der Narrativbegriff im vorliegenden Eintrag wertneutral und deskriptiv verwendet.
Erweiterte BegriffsklÀrung
Der Begriff des Narrativs verweist aufgrund seiner sprachlichen Mehrdeutigkeit und seinem Changieren zwischen ErzĂ€hlen, ErzĂ€hlung und Narration auf den ersten Blick auf eine Vielzahl unterschiedlicher Konzepte. Diese sind seit den 1980er Jahren in unterschiedlichen textwissenschaftlichen Disziplinen von der Philosophie (RicĆur 1989) ĂŒber die Geschichtswissenschaft (White 1990), die Psychologie (Boothe 2017; Bruner 2004), die Sozialwissenschaft (Viehöver 2012), die Wirtschaftswissenschaft (Shiller 2020), die Literaturwissenschaft (Koschorke 2014; MatĂnez 2017) bis zur Linguistik (Quasthoff 1999; Spiess/Tophinke 2018) und in den letzten Jahren auch der linguistischen Diskursanalyse (Bubenhofer et al. 2014; Gredel/Mell 2018; Liebert 2019; Meer 2023; Reisigl 2020) in unterschiedlichen Dimensionen und begrifflichen Konkretisierungen diskutiert worden. Wenn nun im vorliegenden Eintrag von Narrativ gesprochen wird, so handelt es sich um ein vom Konzept der Textsorten âErzĂ€hlungâ oder âNarrationâ deutlich zu unterscheidendes VerstĂ€ndnis (Liebert 2019).
So wird in diesem Glossareintrag auf ein enges VerstĂ€ndnis von âNarrativâ Bezug genommen, mit dem es darum geht, abgrenzbare diskursive Konstruktionen zu erfassen. Deren Kern besteht darin, dass sie auf eine stereotyp genutzte und kognitiv in einer Diskursgemeinschaft verankerte Vorstellung einer Handlungsentwicklung zurĂŒckgreift. Im Rahmen einer solchen Handlungsentwicklung lösen individuelle oder kollektive Akteur*innen gesellschaftlich relevante Konflikte oder Konfliktstrukturen auf. Solche Konflikte können anhand von Oppositionspaaren beschrieben werden.
Als ein Beispiel hierfĂŒr kann der Konflikt um die Geschwindigkeitsbegrenzung auf deutschen Autobahnen dienen. Dieser kann anhand des Gegensatzpaars âindividuelle Freiheit einzelner PKW-Fahrer*innenâ versus âSchutz kollektiver Sicherheits- und Klimainteressen eines Kollektivsâ beschrieben werden. In Deutschland wird der Konflikt auf Autobahnen u. a. durch das (stark normalisierende) Narrativ der Streckenbeeinflussungsanlagen bearbeitet. An diesem Beispiel lĂ€sst sich deutlich machen, dass Narrative zwingend an die Kategorien von Raum und Zeit geknĂŒpft werden: So mĂŒssen die RĂ€ume, innerhalb derer typisierte Handlungsabfolgen in einer zeitlichen Progression stattfinden, unter Nutzung von sprachlichen, sprachbildlichen oder bildlichen Elementen diskursiv (vorstellbar) konstruiert werden, wie auch die folgende bildliche Darstellung von der Website des ADACs verdeutlicht:
Abb. 1: ADAC (2024): Foto von einer elektronischen Anzeigetafel fĂŒr Verkehrszeichen.
Das heiĂt, bezogen auf das Narrativ der Streckenbeeinflussungsanlagen besteht die typisierte Handlungsabfolge darin, dass das Handeln der Verkehrsteilnehmer*innen (in Raum und Zeit) der jeweiligen Verkehrslage angepasst wird (zur bildlichen Umsetzung: siehe das Foto in Abb. 1). Dabei verdeutlicht die metaphorische Wortbildung der âStreckenbeeinflussungsanlageâ exemplarisch, dass Narrative immer mit weiteren diskursiven Kategorien wie Schlagwörtern, Metaphern und Topoi verknĂŒpft auftreten. So erlaubt das exemplarisch genannte Narrativ ĂŒber die genutzte Metapher der Streckenbeeinflussung die VerknĂŒpfung eines Arguments (der Verkehr kann auf einer konkreten Strecke auch ohne eine allgemeine Norm individuell reguliert werden) mit einem Schlagwort (prinzipiell gilt jenseits dieser Strecke: freie Fahrt fĂŒr freie BĂŒrger). Damit kommt mehreren Kategorien gemeinsam eine Funktion bei der Auflösung der Basiskonflikte innerhalb des konstruierten (Zeit-)Raums zu, indem sie gemeinsam dazu beitragen, dass der basale Konflikt (vermeintlich) aufgelöst wird.
Nun werden Narrative in einem so definierten Sinn jedoch nicht permanent vollstÀndig ausbuchstabiert, sondern stattdessen hÀufig fragmentarisch genutzt, d. h. nur durch einzelne Teilelemente angedeutet. Zwar können in vielen FÀllen diskursive Ereignisse (im Sinne Foucaults) zur Verbreitung von Narrativen beitragen
(z. B. medial verbreitete UnfĂ€lle auf Autobahnen mit katastrophalen Folgen), insgesamt entstehen Narrative aber eher als Collagen fragmentarischer Elemente, die sich im Laufe kultureller Prozesse herausbilden und auch nach ihrer diskursiven Verfestigung hĂ€ufig nur in Teilen aufgerufen werden (z. B. der mediale Verweis auf die Menge von Staus auf deutschen Autobahnen). Damit sind diese fragmentarischen Hinweise jedoch geeignet, konnotativ das gesamte Narrativ zu aktivieren. Diese Feststellung lenkt die Aufmerksamkeit â wie bei anderen diskursanalytischen Kategorien auch â auf die Tatsache, dass Narrative im Rahmen von Korpusanalysen rekonstruiert werden mĂŒssen.
Aus der Perspektive strategischer Kommunikation ist es von entscheidender Bedeutung, dass Narrative im Rahmen des medialen Interdiskurses dazu genutzt werden, spezifische diskursive Positionen zu realisieren bzw. ihnen zusĂ€tzlich GlaubwĂŒrdigkeit zuzusprechen. Dabei treten einzelne Narrative in der Regel verknĂŒpft mit weiteren Narrativen innerhalb eines Narrativnetzes auf und tragen in einem solchen dazu bei, argumentative Strukturen inhaltlich zu fĂŒllen bzw. vorstellbar zu machen (siehe auch Topos). Eine solche Netzstruktur lĂ€sst sich beispielsweise ausgehend vom Narrativ des âMissbrauchs der Sozialsystemeâ beschreiben. Hier können ĂŒber Metaphern wie die âparasitĂ€re Nutzungâ (Akteur*innen als Parasiten) und das âSchnorrenâ (Handlung: illegitime Beanspruchung) in einem âkranken Systemâ (Viren- und Krankheitsmetapher) narrative VerknĂŒpfungen hergestellt werden, die geeignet sind, medizinische und (tendenziell) rassistische (Spezial-)Diskurse miteinander zu verknĂŒpfen.
Ein aktuelles Beispiel hierfĂŒr bildet die im medialen Interdiskurs verbreitete Verbindung zwischen dem Narrativ des âMissbrauchs der Sozialsystemeâ, dem Narrativ des âSozialbetrugsâ und dem Narrativ der âbeschleunigten Abschiebung von StraftĂ€ternâ. Diese Kopplungen verdeutlichen exemplarisch synchrone Möglichkeiten, durch narrative Vernetzung Problemanalysen eingĂ€ngig(er) zu gestalten und deren âHeilungâ zu ermöglichen (hier durch das Narrativ der Abschiebung oder auch das Narrativ des gesteuerten Familienzuzugs). Gleichzeitig unterstreichen die genannten Kopplungen unterschiedlicher Narrative aber auch die Möglichkeiten der diachronen VerknĂŒpfung von Narrativen: So wĂ€re beispielsweise die Vernetzung mit rassistischen Diskursen der (deutschen) Vergangenheit zu nennen, in denen es darum ging, den deutschen Volkskörper von Parasiten zu befreien (Musolff 2017). Beispiele wie dieses machen deutlich, dass Narrative nicht nur kognitiv abgespeichert werden, sondern auch aufgrund ihrer stark emotionalisierenden Wirkung erinnert werden.
Beispiele
Als ein weiteres Beispiel soll das Wasserstoffnarrativ herangezogen werden. Dieses Narrativ verweist spÀtestens seit der ErwÀhnung von Wasser bzw. Wasserstoff als der Kohle der Zukunft in Jules Vernes Roman Die geheimnisvolle Insel (1874/75) auf eine lange kulturell verankerte Diskursgeschichte. Im Umfeld der Diskussionen um die Klimakrise und den sogenannten (European) Green Deal (2019) hat das Wasserstoffnarrativ jedoch in der zweiten HÀlfte der 2010er Jahre neu an politischer und medialer AktualitÀt gewonnen. Zu diesem Diskurs zÀhlt das folgende Pressezitat aus dem Handelsblatt vom 22.08.2022. Dort findet sich im Umfeld eines Besuchs der deutschen Regierung in Kanada, bei dem es um den Abschluss eines deutsch-kanadischen Wasserstoffabkommens ging, folgender Ausschnitt:
[âŠ] GrĂŒner Wasserstoff gilt als SchlĂŒssel zur Dekarbonisierung und soll Gas und Ăl in der Industrie sowie im Flug- und Schwerlastverkehr vollstĂ€ndig ersetzen. GrĂŒner Wasserstoff wird mittels Stroms aus erneuerbaren Quellen und Wasser durch Elektrolyse hergestellt und ist klimaneutral. Weil die FlĂ€che zur Produktion von Wind- und Sonnenstrom in Deutschland begrenzt ist, wird ein groĂer Teil des grĂŒnen Wasserstoffs aus dem Ausland importiert werden mĂŒssen. Kanada soll eine SchlĂŒsselrolle spielen. Fachleute gehen davon aus, dass ab 2026 erste Wasserstofflieferungen von dort möglich sind [âŠ]. (Handelsblatt 2022)
Als kollektive politische Akteure kommen in diesem Textauszug Deutschland und Kanada in den Blick, die auf der Ebene der Handlung ein Abkommen zur Produktion und zum Handel mit grĂŒnem Wasserstoff schlieĂen wollen. Das Abkommen soll dazu dienen, dem Ziel der KlimaneutralitĂ€t nĂ€herzukommen. Der Konflikt, der der Handlungsstruktur dieses Narrativs zugrunde liegt und der ĂŒberwunden werden soll, kann anhand von Oppositionspaaren wie Gegenwart vs. Zukunft, fossil vs. klimaneutral, ProduktionsflĂ€chen in Kanada vs. Deutschland und Import vs. Export semantisch beschrieben werden. Bezogen auf diese Gegensatzpaare verspricht das Wasserstoffnarrativ, die zugrundeliegenden Konflikte durch den âWeg der Transformationâ handelnd zu ĂŒberwinden. Dies soll u. a. dadurch geschehen, dass durch die Förderung erneuerbarer Energien in einem Land mit einer hinreichend groĂen FlĂ€che (hier: Kanada im Gegensatz zu Deutschland) genug klimaneutraler Wasserstoff hergestellt wird, dass er nach Deutschland importiert werden kann und damit in Zukunft dabei helfen wird, auf fossile Wirtschaftspraktiken zu verzichten.
Als kognitive Metapher, die szenisch den Hintergrund der hier aufgerufenen Handlungsentwicklung bildet, dient im Rahmen des hier aktualisierten Wasserstoffnarrativs die Idee des âWegsâ in eine bessere Zukunft, auf dem das thematisierte Wasserstoffabkommen zwischen Deutschland und Kanada dazu beitragen soll, das in die Zukunft projizierte Ziel der KlimaneutralitĂ€t zu erreichen (im Gegensatz zum hierbei genutzten Topos der guten Zukunft siehe auch den Topos der dĂŒsteren Zukunft). Insoweit verweist die Aussicht auf Wasserstofflieferungen ab 2026 auf den Versuch, die (noch vorhandenen) Schwierigkeiten handelnd zu ĂŒberwinden. Der temporale Aspekt dieses Narrativs ist im Rahmen der skizzierten Handlungsentwicklung somit in der behaupteten zeitlichen Abfolge von Handlungsschritten zu sehen, die im vorliegenden Fall auf eine in Aussicht gestellte Zukunft ausgerichtet sind.
Vergleichsweise unscharf bleibt im Rahmen des vorhergehenden Zitats die oben eingefĂŒhrte Kategorie des Raums: ZunĂ€chst lĂ€sst sich der Raum nur als geografisch zu verortendes BeziehungsgefĂŒge zwischen Kanada (als Ort der Produktion von grĂŒnem Wasserstoff) und Deutschland (als Abnehmer von grĂŒnem Wasserstoff) charakterisieren. Erst auf den zweiten Blick wird Kanada als ein âgroĂesâ und âressourcenreichesâ Land vorstellbar â nĂ€mlich verglichen mit Deutschland, das anhand begrenzter FlĂ€chen zur Produktion von Wind- und Sonnenstrom in Deutschland prĂ€sentiert wird. Um die kognitive und emotionale Vorstellbarkeit dieses Narrativs jedoch lĂ€ngerfristig zu verankern, ist es (zwingend) notwendig, neben sprachlichen und sprachbildlichen Hinweisen auf Narrative im hier definierten Sinn zusĂ€tzlich bildliche Diskurselemente zu berĂŒcksichtigen. Diese Annahme soll anhand des folgenden Bildelements belegt werden, das ebenfalls aus dem Handelsblatt vom 22.08.2022 stammt:
Abb. 2: Handelsblatt (2022): Cover-Foto von Olaf Scholz (l.) und Justin Trudeau (r.) vom 22.08.2022
Dieses Bildelement verdeutlicht am Beispiel eines Spaziergangs des deutschen Bundeskanzlers (Scholz) und des kanadischen MinisterprĂ€sidenten (Trudeau), dass Narrative nicht nur dabei helfen, sich den Raum des hier verhandelten Wasserstoffabkommens als ânaturnahâ (vs. fossil) besser vorstellen zu können, sondern der hier bildlich konstruierte Raum kennzeichnet damit auch das Abkommen selbst als âfriedlich-freundschaftlichâ. Diese bildliche Realisierung reagiert auf den aufgrund des russischen Angriffs auf die Ukraine zu diesem Zeitpunkt massiven Konflikt mit Russland und den daraufhin ausbleibenden russischen Gaslieferungen. Im Gegensatz zu diesem Konflikt erlaubt das deutsch-kanadische Wasserstoffabkommen, âlĂ€chelnd-optimistischâ in die Zukunft zu blicken. Und auch die in das vorhergehende Bildelement integrierte Ăberschrift (Immenses Potenzial) und der anschlieĂende Lead (zahlreiche HĂŒrden) unterstreicht die Tatsache, dass Narrative keineswegs Idyllen konzipieren, sondern gerade aufgrund ihrer FĂ€higkeit, Konflikte diskursiv zu ĂŒberwinden, ihre Wirkung (hier: in der Zukunft) erzielen.
Schaut man sich die strategische Funktion des analysierten Wasserstoffnarrativs an, die es im Umfeld des sogenannten Green Deals seit 2019 in Deutschland erfĂŒllt, so dient es vor dem Hintergrund der Vielzahl aktueller Krisen dazu, unter Nutzung der Argumentationsmuster der âguten Zukunftâ und der âtechnischen Machbarkeitâ eine positive Perspektive fĂŒr die Zukunft des Planeten âErdeâ in Aussicht zu stellen. Damit erlaubt diese Strategie aber gleichzeitig eine Kopplung an das Narrativ der BrĂŒckentechnologie, das in Aussicht stellt, fĂŒr die narrativ konstruierte Zeit des âĂbergangsâ in eine klimaneutrale Wasserstoffzukunft fossile EnergietrĂ€ger wie Erdgas, Frackinggas oder LNG zur Sicherstellung des Energiebedarfs zu nutzen. Hierbei bleibt politisch-strategisch offen, wie lange diese (narrativ konstruierte) fossile Gegenwart anhalten wird.
Literatur
Zum Weiterlesen
- Meer, Dorothee; Wessel, Barbara (2024): WASSERSTOFF ist der neue Aluhut â Ansatzpunkte fĂŒr GegenentwĂŒrfe zur hegemonialen Wasserstoffstrategie auf Twitter. In: Aptum, Jg. 2024, Heft 3, Hamburg: Helmut Buske Verlag, S. 313â330.
Zitierte Literatur und Belege
- Boothe, Brigitte (2011): Das Narrativ. Biografisches ErzÀhlen im psychotherapeutischen Prozess. Stuttgart: Schattauer.
- Bruner, Jerome (2004): The narrative creation of self. In: Angus, Lynne. E.; McLeod, John. (Hrsg.): The handbook of narrative and psychotherapy: Practice, theory, and research. Thousand Oaks: Sage Publishing, S. 3â14.
- Bubenhofer, Noah; MĂŒller, Nicole; Scharloth, Joachim (2014): Narrative Muster und Diskursanalyse: Ein datengeleiteter Ansatz. In: Zeitschrift fĂŒr Semiotik, Jg. 35, Heft 3â4, TĂŒbingen: Stauffenburg Verlag, S. 419â444.
- Gredel, Eva; Mell, Ruth M. (2018): Narrative â diskursiv und digital. Zum Einsatz digitaler Tools und Ressourcen fĂŒr Diskursanalysen von Narrativen und von narrativen Konzepten. In: Lauer, Claudia; SpieĂ, Constanze; Steen, Pamela; Werber, Niels (Hrsg.): Zeitschrift fĂŒr Literaturwissenschaft und Linguistik, Jg. 48, Heft 2, Stuttgart: J. B. Metzler Verlag, S. 331â355.
- Handelsblatt (2022): Oh, wie schön ist Kanada. In: Handelsblatt.com. Online unter: https://www.handelsblatt.com/politik/deutschland/kanzlerreise-oh-wie-schoen-ist-kanada/28614856.html ; Zugriff 13.01.2024.
- Koschorke, Albrecht (2012): Wahrheit und Erfindung. GrundzĂŒge einer allgemeinen ErzĂ€hltheorie. Frankfurt a. M.: Fischer.
- Liebert, WolfâAndreas (2019): Zur Sprache totaler Ideologien. Wie die Linguistik zum Verstehen extremistischen Denkens und Sprechens beitragen kann. In: Leibniz-Institut fĂŒr Deutsche Sprache (Hrsg.): Sprachreport, Jg. 35, Heft 1, Mannheim: Leibniz-Institut fĂŒr Deutsche Sprache, S. 1â12.
- MartĂnez, MatĂas (Hrsg.) (2017): ErzĂ€hlen. Ein interdisziplinĂ€res Handbuch. Stuttgart: J.B. Metzler.
- Meer, Dorothee (2022): Green Deal, Naturschutz und Pandemie. Sprachliche und bildliche Aspekte der Kommunikation von Nachhaltigkeit in Form von Narrativen. In: Berger, Lars; Frohn, Hans-Werner; Schell, Christiane (Hrsg.): BiodiversitĂ€tsverlust, Klimawandel und Covidâ19âPandemie. Zum VerhĂ€ltnis bestehender Krisenlagen. Bonn: Bundesamt fĂŒr Naturschutz, S. 99â114.
- Meer, Dorothee (2023): Zum Wasserstoffnarrativ und der diskursiven Rolle des Narrativs der BrĂŒckentechnologie â Ein empirisch gestĂŒtzter Definitionsvorschlag. In: Zeitschrift fĂŒr Angewandte Linguistik (ZfAL), Jg. 2023, Heft 78, Berlin: Walter De Gryuter, S. 1â33.
- Musolff, Andreas (2017): Metaphern im Diskurs. In: Niehr, Thomas; Kilian, Jörg; Wengeler, Martin (Hrsg.): Handbuch Sprache und Politik. Bremen: Hempen, S. 450â463.
- Quasthoff, Uta M. (1999): MĂŒndliches ErzĂ€hlen und sozialer Kontext: Narrative Interaktionsmuster in sozialen Institutionen. In: GrĂŒnzweig, Walter; Solbach, Andreas (Hrsg.): GrenzĂŒberschreitungen: Narratologie im Kontext/Transcending Boundaries: Narratology in Context. TĂŒbingen: Gunter Narr, S. 127â146.
- Reisigl, Martin (2020): ââNarrative!â I canât hear that anymoreâ. A linguistic critique of an overstretched umbrella term in cultural and social science studies, discussed with the example of the discourse on climate change. In: Critical Discourse Studies, Jg. 18, Heft 3, London: Routledge, S. 368â386.
- RicĆur, Paul (1989): Zeit und ErzĂ€hlung, Bd. 2: Zeit und literarische ErzĂ€hlung. MĂŒnchen: Fink.
- Shiller, Robert J. (2019): Narrative Wirtschaft: Wie Geschichten die Wirtschaft beeinflussen â ein revolutionĂ€rer ErklĂ€rungsansatz. Kulmbach: Plassen.
- SpieĂ, Constanze; Tophinke, Doris (2018): Alltagspraktiken des ErzĂ€hlens. In: Lauer, Claudia; SpieĂ, Constanze; Steen, Pamela; Werber, Niels (Hrsg.): Zeitschrift fĂŒr Literaturwissenschaft und Linguistik, Jg. 48, Heft 2, Stuttgart: J. B. Metzler Verlag, S. 193â201.
- Viehöver, Willy (2012): Ăffentliche ErzĂ€hlungen und der globale Wandel des Klimas. In: Arnold, Markus; Dressel, Gert; Viehöver, Willy (Hrsg.): ErzĂ€hlungen im Ăffentlichen. Wiesbaden: VS Verlag fĂŒr Sozialwissenschaften, S. 173â215.
- White, Hayden (1990): Das Problem der ErzĂ€hlung in der modernen Geschichtstheorie. In: Die Bedeutung der Form. ErzĂ€hlstrukturen in der Geschichtsschreibung. Frankfurt a. M.: Fischer, S. 40â77.
Abbildungsverzeichnis
- Abb. 1: ADAC (2024): Tempolimit auf Autobahnen: Die Fakten. ADAC. Online unter: https://www.adac.de/verkehr/standpunkte-studien/positionen/tempolimit-autobahn-deutschland/ ; Zugriff: 11.01.2025
- Abb. 2: Handelsblatt (2022): Cover-Foto von Olaf Scholz (l.) und Justin Trudeau (r.) vom 22.08.2022, Nr. 161.
Zitiervorschlag
Meer, Dorothee (2025): Narrativ. In: Diskursmonitor. Glossar zur strategischen Kommunikation in öffentlichen Diskursen. Hg. von der Forschungsgruppe Diskursmonitor und Diskursintervention. Veröffentlicht am 16.01.2025. Online unter: https://diskursmonitor.de/glossar/narrativ.
DiskursGlossar
Grundbegriffe
Begriffsgeschichte
Die Begriffsgeschichte lĂ€sst sich allgemein als eine historische Methode beschreiben, die den zeitlichen Wandel der Bedeutungen von bestimmten AusdrĂŒcken untersucht. Da einzelne Worte nie isoliert begegnen und ihre jeweiligen Bedeutungen erst im Kontext gröĂerer sprachlicher ZusammenhĂ€nge oder semantischer Felder greifbar werden, verbindet sie sich flexibel mit anderen Methoden historischer Semantik, wie etwa der Diskursgeschichte, der Argumentationsgeschichte oder der Metaphernforschung (Metaphorologie).
Diskurssemantische Verschiebung
Mit dem Begriff der diskurssemantischen Verschiebung wird in der Diskursforschung ein Wandel in der öffentlichen Sprache und Kommunikation verstanden, der auf mittel- oder lĂ€n-gerfristige VerĂ€nderung des Denkens, Handelns und/oder FĂŒhlens gröĂerer Gesellschafts-gruppen hinweist.
DomÀne
Der Begriff der DomĂ€ne ist aus der soziologisch orientierten Sprachforschung in die Diskursforschung ĂŒbernommen worden. Hier wird der Begriff dafĂŒr verwendet, um Muster im Sprachgebrauch und kollektiven Denken von sozialen Gruppen nach situationsĂŒbergreifenden TĂ€tigkeitsbereichen zu sortieren.
Positionieren
Positionieren ist Grundbestandteil menschlicher Kommunikation. Wann immer wir miteinander interagieren und kommunizieren, bringen wir uns selbst, andere und die Objekte, ĂŒber die wir sprechen, in bestimmte Relationen zueinander.
Deutungsmuster
Unter einem Deutungsmuster wird die problem- und lösungsbezogene Interpretation gesellschaftlicher und politischer TatbestĂ€nde verstanden, die Aussicht auf Akzeptanz in sozialen Gruppen hat. Der Begriff des Deutungsmusters hat Ăhnlichkeit mit den Begriffen der Theorie und Ideologie. Meist werden gesellschaftlich verbreitete Leitdeutungen, die oft mit Schlagwörtern und Argumentationsmustern einhergehen (wie Globalisierung, Kapitalismus, Leistungsgesellschaft, Chancengleichheit etc.) als Beispiele fĂŒr Deutungsmuster genannt.
Sinnformel
âWer sind wir? Woher kommen, wo stehen und wohin gehen wir? Wozu leben wir?â Auf diese und Ă€hnliche existentielle Fragen geben Sinnformeln kondensierte Antworten, die in privaten wie sozialen Situationen Halt und Argumenten in politischen und medialen Debatten einen sicheren Unterbau geben können.
Praktik
Eine Praktik ist ein spezifisches, situativ vollzogenes und sinnhaftes BĂŒndel von körperlichen Verhaltensweisen, an dem mehrere Menschen und Dinge beteiligt sein können (z. B. Seufzen, um Frust auszudrĂŒcken, oder einen Beschwerdebrief schreiben, FuĂballspielen).
Kontextualisieren
Kontextualisieren wird im allgemeineren bildungssprachlichen Begriffsgebrauch verwendet, um das Einordnen von etwas oder jemandem in einen bestimmten Zusammenhang zu bezeichnen.
Argumentation
Argumentation bezeichnet jene sprachliche TĂ€tigkeit, in der man sich mithilfe von GrĂŒnden darum bemĂŒht, die Richtigkeit einer Antwort auf eine bestimmte Frage zu erweisen. Das kann in ganz verschiedenen Situationen und Bereichen nötig sein, namentlich um eine poli-tische, wissenschaftliche, rechtliche, unternehmerische oder private Angelegenheit zu klĂ€ren.
Hegemonie
Wie der britische Politikwissenschaftler Perry Anderson 2018 in einer umfassenden, historisch weit ausgreifenden Studie zum Gebrauch des Begriffs Hegemonie und seinen Konjunkturen beschreibt, liegen die historischen Wurzeln des Begriffs im Griechischen, als Bezeichnung fĂŒr FĂŒhrung (eines Staatswesens) mit Anteilen von Konsens.
Techniken
Beschriftete Waffen
Das Betexten von Waffen, speziell Projektilen wie Schleuderbleien, Kanonenkugeln oder Bomben, mit an die Feindgruppe gerichteten Botschaften (Sarkasmus, Beleidigungen, TodeswĂŒnsche u. Ă€.) ist eine Praktik, die sich bis in die römische Antike zurĂŒckverfolgen lĂ€sst. Sie dient der Identifikation der Eigengruppe (Truppe oder Gefolgsleute) mit dem Ziel, die Moral vor einem Kampfansatz zu heben (emotional-psychologische BewĂ€ltigungsstrategie) sowie Gelassenheit und Siegesgewissheit propagandistisch gegenĂŒber der Eigen- und Fremdgruppe zu inszenieren.
AI-Washing/KI-Washing
Unter AI-Washing ist die Praxis von Unternehmen oder Organisationen zu verstehen, Produkte, Dienstleistungen oder GeschĂ€ftsmodelle mit dem Etikett âKĂŒnstliche Intelligenzâ (KI bzw. âArtificial Intelligenceâ (AI)) zu versehen, obwohl deren tatsĂ€chlicher Einsatz von KI-Technologien entweder stark ĂŒbertrieben, nur marginal vorhanden oder ĂŒberhaupt nicht gegeben ist.
Dogwhistle
Unter Dogwhistle wird in Teilen der Forschung eine doppeldeutige ĂuĂerung verstanden, die eine offene und eine verdeckte Botschaft an jeweils eine Zuhörerschaft kommuniziert.
Demonstrieren
« ZurĂŒck zur ArtikelĂŒbersichtDemonstrieren Kategorie: TechnikenVerwandte AusdrĂŒcke: Auf die StraĂe gehen, StraĂenprotest, Kundgebung, öffentliche Versammlung, Mahnwache, Menschenkette, Marsch, SitzblockadenSiehe auch: Protest, Politische Aktion, Politische Bildung,...
Boykottaufruf
Der Boykottaufruf ist eine MaĂnahme, die darauf abzielt, ein Ziel, also meist eine VerhaltensĂ€nderung des Boykottierten, hervorzurufen, indem zu einem Abbruch etwa der wirtschaftlichen oder sozialen Beziehungen zu diesem aufgefordert wird.
Tabuisieren
Das Wort Tabuisierung bezeichnet die Praxis, etwas UnerwĂŒnschtes, AnstöĂiges oder Peinliches unsichtbar zu machen oder als nicht akzeptabel zu markieren. Das Tabuisierte gilt dann moralisch als unsagbar, unzeigbar oder unmachbar.
Aus dem Zusammenhang reiĂen
Das Aus-dem-Zusammenhang-ReiĂen gehört in den Funktionskreis der Redewiedergabe bzw. der Wiedergabe kommunikativer Ereignisse. Es kann (1) als intentionale argumentativ-polemische Strategie fĂŒr ganz unterschiedliche diskursive Zielsetzungen von Akteuren genutzt werden, oder (2) es kann SprecherInnen und SchreiberInnen in unbeabsichtigter, fehlerhafter Weise unterlaufen.
Lobbying
Lobbying ist eine Form strategischer Kommunikation, die sich primĂ€r an Akteure in der Politik richtet. Beim Lobbying wird ein BĂŒndel von kommunikativen TĂ€tigkeiten mit dem Ziel eingesetzt, die Entscheidungen von Personen mit politischem Mandat oder den Entstehungsprozess von neuen Gesetzestexten interessengeleitet zu beeinflussen.
Karten
Karten dienen dazu, Raumausschnitte im Hinblick auf ausgewÀhlte Charakteristika so darzustellen, dass die Informationen unmittelbar in ihrem Zusammenhang erfasst und gut kommuniziert werden können. Dazu ist es notwendig, Daten und Darstellungsweisen auszuwÀhlen und komplexe und oft umkÀmpfte Prozesse der Wirklichkeit in einfachen Darstellungen zu fixieren.
Pressemitteilung
Pressemitteilungen sind standardisierte Mitteilungen von Organisationen, die sich an Journalist:innen und andere Multiplikator:innen richten. Sie dienen der offiziellen und zitierfĂ€higen Informationsweitergabe und ĂŒbernehmen zugleich strategische Funktionen in der öffentlichen Kommunikation und Meinungssteuerung.
Schlagwörter
BrĂŒckentechnologie
Ganz allgemein wird unter dem Schlagwort der BrĂŒckentechnologie sowohl in den öffentlichen Medien als auch in technisch und wirtschaftlich dominierten Kontexten eine Technologie verstanden, die zeitlich befristet eingesetzt werden soll, bevor in Zukunft der Ăbergang zu einer als sinnvoller eingeschĂ€tzten anderen Technologie möglich ist.
Deindustrialisierung
Der Ausdruck Deindustrialisierung (auch De-Industrialisierung oder als Verb deindustrialisieren) beschreibt im öffentlichen Sprachgebrauch eine negativ bewertete Form des Strukturwandels durch RĂŒckgang von produzierendem Gewerbe.
Nachhaltigkeit
Nachhaltigkeit als ein Schlagwort des öffentlichen Diskurses bezieht sich ganz allgemein auf einen ressourcenschonenderen Umgang mit dem, was uns Menschen der Planet Erde bietet, mit dem Ziel, dass auch nachfolgende Generationen noch die Möglichkeit haben, Àhnlich gut zu leben wie wir heute (Generationengerechtigkeit).
Echokammer
Der Begriff der Echokammer steht in seiner heutigen Verwendung vor allem im Zusammenhang mit der Nutzung Sozialer Medien. Er verweist metaphorisch auf einen digitalen Kommunikations- und Resonanzraum, in dem Mediennutzer*innen lediglich Inhalten begegnen, die ihre eigenen, bereits bestehenden Ansichten bestÀtigen, wÀhrend abweichende Perspektiven und Meinungen ausgeblendet bzw. abgelehnt werden.
Relativieren
Der Ausdruck relativieren besitzt zwei zentrale Bedeutungsvarianten: In bildungssprachlichen und wissenschaftlichen Kontexten bezeichnet er eine analytische Praxis, bei der Aussagen, Begriffe oder PhÀnomene durch Bezugnahme auf andere Sachverhalte eingeordnet, differen-ziert und in ihrer Geltung prÀzisiert werden.
Massendemokratie
GeprĂ€gt wurde der Begriff Massendemokratie im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts von völkisch-konservativen Akteuren (prominent darunter Carl Schmitt 1926). Der Ausdruck Masse hatte damals bei den bĂŒrgerlichen Eliten eine rundum bedrohliche Assoziation.
Social Bots
Als Social Bots werden Computerprogramme bezeichnet, die in der Lage sind, in sozialen Medien Kommunikation menschlicher Nutzer*innen (teilweise) automatisiert nachzuahmen.
KriegsmĂŒdigkeit
Der Ausdruck KriegsmĂŒdigkeit bezeichnet die emotionale und physische Erschöpfung von Menschen, die einen Krieg erleben, sowie die gesellschaftliche und politische ErmĂŒdung angesichts langanhaltender Konflikte. Er beschreibt den sinkenden Kampfeswillen bei Kriegsparteien und heute wird er auch fĂŒr das wachsende Desinteresse an Kriegsthemen in Medien und Ăffentlichkeit genutzt.
Woke
Der Ausdruck woke stammt aus dem afroamerikanischen Englisch und bezeichnete dort zunĂ€chst den Bewusstseinszustand der AufgeklĂ€rtheit ĂŒber die Verbreitung von rassistischen Vorurteilen und Diskriminierung unter Angehörigen ethnischer Minderheiten.
IdentitÀt
Unter IdentitĂ€t versteht man allgemein die Summe von Merkmalen, die Individuen oder sozialen Kollektiven â etwa Nationen, Organisationen oder sozialen Gruppen â als charakteristisch oder gar als angeboren zugeordnet werden.
Verschiebungen
Dehumanisierung
Mit Dehumanisierung bzw. Anthropomorphisierung werden solche kommunikativen Techniken und Praktiken bezeichnet, die Personen, Sachverhalten oder GegenstÀnden menschliche Eigenschaften ab- bzw. zusprechen. Dehumanisierung und Anthropomorphisierung können sowohl durch sprachliche Mittel als auch durch andere, z. B. bildliche, Zeichen vollzogen werden.
Kriminalisierung
KriminalitĂ€t meint ein Verhalten, das gegen ein Gesetz verstöĂt. Folglich bedeutet Kriminalisierung im engeren Sinne den Vorgang, durch den Verhalten ungesetzlich gemacht wird â indem Gesetze geschaffen werden.
Versicherheitlichung
In akademischen Kontexten wird Versicherheitlichung in Abgrenzung zu einem naiv-realistischen SicherheitsverstĂ€ndnis verwendet. Dieses betrachtet Sicherheit als einen universell erstrebenswerten und objektiv feststellbaren Zustand, dessen Abwesenheit auf das Handeln von Akteuren zurĂŒckzufĂŒhren ist, die feindselig, kriminell, unverantwortlich oder zumindest fahrlĂ€ssig agieren.
Ăkonomisierung
Ăkonomisierung wird in gegenwĂ€rtigen Diskursen in der Regel zur Bezeichnung von Prozessen verwendet, in denen die spezifisch wirtschaftlichen Funktions-Elemente wie Markt, Wettbewerb/Konkurrenz, Kosten-Nutzen-KalkĂŒle, Effizienz, Gewinnorientierung in Bereiche ĂŒbertragen werden, die zuvor teilweise oder ganz nach anderen Leitkriterien ausgerichtet waren
Moralisierung
Moralisierung verlagert Macht- und Interessenkonflikte in die SphÀre der Kommunikation von Achtung / Missachtung. Sie reduziert Ambivalenz zugunsten einer Polarisierung von gut und böse.
Konstellationen
Krise
Krise ist vom Wort mit fachsprachlicher Bedeutung zur Zeitdiagnose und einem zentralen Begriff der öffentlich-politischen Kommunikation geworden. Der öffentlich-politische Krisenbegriff ist dabei â unabhĂ€ngig vom Gegenstand der Krise â in eine krisendiskurstypische Konstellation zur BegrĂŒndung von krisenĂŒberwindenden Handlungen eingebettet.
Partizipatorischer Diskurs
Partizipation ist mittlerweile von der Forderung benachteiligter Personen und Gruppen nach mehr Beteiligung in der demokratischen Gesellschaft zu einem Begriff der Institutionen selbst geworden: Kein Programm, keine Bewilligung mehr, ohne dass bestimmte Gruppen oder Personen dazu aufgefordert werden, fĂŒr (mehr) Partizipation zu sorgen.
Skandal
Die Diskurskonstellation des Skandals zeichnet sich durch eine in den Medien aufgegriffene (bzw. durch sie erst hervorgerufene) empörte Reaktion eines erheblichen Teils der Bevölkerung auf einen tatsĂ€chlichen oder vermeintlichen Missstand aus. Die schuldhafte Verursachung dieses Missstandes wird dabei einem gesellschaftlichen Akteur zugeschrieben, dessen Handeln als âunmoralischâ gedeutet wird.
DiskursReview
Review-Artikel
Tagung 2027: Politisches Lobbying
Sprache und Lobbyismus- Strategische Kommunikation in Politik und Medien Tagung der Forschungsgruppe Diskursmonitor Tagung: 10. und 11. Juni 2027  | Ort: UniversitÀt Siegen [Map]Kontakt: Prof. Dr. Friedemann Vogel, Joline Schmallenbach Call for Papers: 31.10.2026...
Der Totalverweigerer â Anmerkungen zu einer Diskursfigur der Feindbildproduktion im Sicherheits- und Sozialdiskurs
Die Bezeichnung Totalverweigerer wurde ursprĂŒnglich in den spĂ€ten 70er Jahren im Rahmen der Auseinandersetzungen um die Inanspruchnahme des Rechtes auf Kriegsdienstverweigerung nach § 4.3 GG verwendet. Mit diesem Ausdruck wurden junge MĂ€nner stigmatisiert, die nicht nur den Wehrdienst, sondern auch den (lĂ€ngeren) zivilen âErsatzdienstâ (spĂ€ter âZivildienstâ) verweigerten und damit, wie auch nicht-anerkannte Kriegsdienstverweigerer, Haftstrafen riskierten. Wer Zwangsdienste aus GewissensgrĂŒnden ablehnte, wurde darĂŒber hinaus wahlweise als politisch unzuverlĂ€ssig, fehlgeleitet-ĂŒberspannt, renitent, feige und/oder faul markiert.
Memes als moderne Propaganda â Eine sprach- und medienkritische Untersuchung
Digitale Kommunikationsformen prÀgen heutige gesellschaftliche Debatten weitaus stÀrker als die klassischen Medien. Ihr Einfluss auf die politische Meinungsbildung und die Ausbildung ideologischer Positionen ist inzwischen unverkennbar und zÀhlt zu den markantesten Entwicklungen der digitalen Gegenwart. Besonders hervorzuheben sind Memes: Sie verbreiten sich schnell, arbeiten mit humoristischen Mitteln und verdichten komplexe Inhalte auf ein Minimum an Zeichen. In öffentlichen Diskursen werden sie daher nicht mehr als spielerisches InternetphÀnomen betrachtet, sondern als ernstzunehmendes Instrument politischer Kommunikation und den damit einhergehenden propagandistischen Strategien.
Zeitalter der Polykrisen â Was sagt die Polykrise ĂŒber die Gegenwart und Zukunft?
Beim Durchscrollen der Tagesschlagzeilen ist einem in den letzten Jahr wahrscheinlich der Ausdruck Polykrise ins Blickfeld geraten. Solche Schlagzeilen in deutschsprachigen Medien lauten beispielsweise (1) âKlimawandel, Krieg in der Ukraine, AbstiegsĂ€ngste – die Welt ist aus den Fugen geraten: Drei BĂŒcher zeigen Wege aus der Polykriseâ (Friedl 2026); (2) âKritische Psychotherapie: Psychotherapie in der Polykriseâ (Dicks 2026); (3) âOptimismus in der Polykriseâ (Kolev 2025); (4) âWas tun gegen die …
âGenderwahnâ als sprachkritische Abwertung: Eine kritische Betrachtung
âDie Debatte ĂŒber Gendern und Nicht-Gendern kann ich schon nicht mehr hören. Soll es doch jeder machen, wie er es selbst will.â Dieses Zitat Ă€uĂert der ehemalige Bundeskanzler Olaf Scholz im Rahmen der Feier zugunsten des Grundgesetzes, welches im Jahre 2024 den 75. Geburtstag feierte (vgl. Steinkohl et al. 2024). Deutlich wird hierbei, dass die Thematik rund um das Gendern in der Politik aufgefasst wird. Allerdings wird gleichzeitig deutlich, dass die Debatte in der Ăffentlichkeit stark kritisiert …
Klimaterroristen: Wie Sprache politische Fronten schafft
Der öffentliche Diskurs ĂŒber Klimaaktivismus ist in den vergangenen Jahren zunehmend polarisiert. Vor diesem Hintergrund hat sich der Ausdruck Klimaterrorist zu einem politisch und gesellschaftlich stark aufgeladenen Schlagwort entwickelt, das im Jahr 2022 als âUnwort des Jahresâ gewĂ€hlt wurde (vgl. 2020ff. â Unwort des Jahres). Seine Verwendung verweist auf Konflikte ĂŒber LegitimitĂ€t, Moral und RechtmĂ€Ăigkeit verschiedener Formen des Protests. Gleichzeitig fungiert der Begriff als sprachliches …
Negativ konnotierte Fremdzuschreibung durch diskriminierende Begriffe â Ein sprachkritischer Beitrag zur Bezeichnung âKanakeâ und dem Zukunftswort âTalahonâ
âGerade diese scheinbar âșmildenâč Formen des Rassismus, die ĂŒber die Sprache transportiert werden, sind schwer zu bekĂ€mpfen, da vielen Menschen nicht klar zu sein scheint, welche Macht Sprache besitzt.â (Kunz, 2021, S. 58).
Der Begriff âKanakeâ (teilweise auch âKanackeâ) bedeutet in seiner ursprĂŒnglichen Bedeutung Mensch und bezeichnete Bewohner*innen der Inselgruppe Neukaledoniens im sĂŒdlichen Pazifik (vgl. Trost, 2002). Dem Gebrauch lag dabei die Charakterisierung einer spezifischen Gesellschaft …
Wenn aus Vielen Einer wird â Warum pauschale Nationsbezeichnungen sprachlich gefĂ€hrlich sind
âIn dieser Situation sind die Deutschen sehr unzufrieden mit der Arbeit der Politik.â (Kinkartz, 2025), schreibt die Deutsche Welle im November 2025. Gemeint ist dabei keine einzelne Person oder klar definierte Gruppe, sondern eine ganze Nation, welche mit einem einzigen Artikel zu einem scheinbar einheitlichen Kollektiv zusammengefasst wurde. Solche Formulierungen sind kein Einzelfall. Ăhnliche Beispiele, wie âDie Russen greifen an vielen Stellen anâ (Die Welt am Morgen, 2024), âDie Ukrainer …
Das Crazy, wenn Worte BrĂŒcken zwischen Generationen sprengen! â Eine sprachkritische Betrachtung von Jugendsprache: Mediale Darstellung, Generationenkonflikt und PĂ€dagogische EinschĂ€tzung
Das Jugendwort des Jahres 2025 lautet âdas Crazyâ. Es meint: âEs gibt keine wirklich passende Antwort. Oder keine wirklich höfliche. Oder eine zu ausfĂŒhrliche, auf die der Antwortende aber gerade keine Lust hat. Oder einfach nur okayâ (Tagesschau, 2025). Torsten StrĂ€ter, Kabarettist und Vertreter der Generation X, hört es und stockt: ââŠdas sind zwei Worte⊠[auĂerdem] fehlt eins⊠Vielleicht bin ich ein zu verknöcherter alter Mann geworden, dass ich mich ĂŒber so eine KaÂcke⊠Wer es sagt â Ohrfeigeâ …
âStadtbildâ als politisches Schlagwort â Ein sprach- und medienkritischer Beitrag zur migrationspolitischen ĂuĂerung von Friedrich Merz
Im Rahmen einer Pressekonferenz Ă€uĂerte sich Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) am 14. Oktober 2025 bei einem Besuch in Brandenburg zur Migrationspolitik. Er verwies dabei auf sinkende Migrationszahlen sowie auf bereits geplante und umgesetzte MaĂnahmen, insbesondere RĂŒckfĂŒhrungen. Merz verwendete dabei den Ausdruck âStadtbildâ, der im gegebenen Kontext negativ konnotiert wurde und sich daraufhin innerhalb kurzer Zeit zu einem politischen Schlagwort entwickelte.
Ausgangspunkt war eine journalistische …