DiskursGlossar

Epistemischer Status

Kategorie: Grundbegriffe
Verwandte Ausdrücke: Autorität, Wissensordnung
Siehe auch: Wissen
Autorin: Antje Wilton
Version: 1.1 / Datum: 23.11.2020

Kurzzusammenfassung

Als epistemischen Status bezeichnet man die Wissensbestände und -zugänge zu Ereignissen, Sachverhalten und Personen, die Gesprächsteilnehmer*innen ihrem Gegenüber in der Interaktion zuschreiben. Gegenseitige Einschätzungen bezüglich des epistemischen Status der Gesprächsteilnehmer*innen nehmen Einfluss auf die Art, wie Teilnehmer*innen ihre Gesprächsbeiträge gestalten: so zeigt zum Beispiel eine Frage üblicherweise an, dass der/die Fragende davon ausgeht, weniger über ein bestimmtes Ereignis zu wissen als der/die Befragte. Der epistemische Status der Gesprächsteilnehmer*innen ist relativ zueinander und reicht von vollständiger Kenntnis (K+) bis zu Unkenntnis (K-) bezogen auf einen Sachverhalt sowie allen möglichen Positionen zwischen diesen beiden Polen.

Erweiterte Begriffsklärung

Die Annahmen über den epistemischen Status des Gegenübers sind entscheidend für die Art der Durchführung sozialer Handlungen. Die Annahmen strukturieren wie ein Schema die Wissensbestände vor, die dann in der Gesprächssituation aktualisiert und ausgehandelt werden. Typischerweise liegen Themen, die eine/n Gesprächsteilnehmer*in persönlich betreffen, insbesondere Gefühle, Gedanken, der eigene Körper, das Privatleben etc., im Wissensterritorium des/der jeweiligen Gesprächsteilnehmers/in. Übergriffe in dieses Territorium durch andere Gesprächsteilnehmer*innen können zu Problemen in der Interaktion führen, indem Äußerungen beispielsweise als Anmaßung empfunden werden. Generell können durch das Einnehmen einer nicht mit dem epistemischen Status kongruenten Haltung, also wenn man so tut, als wüsste man nichts über einen bestimmten Sachverhalt, sollte es aber qua Position, oder wenn man umgekehrt Wissen für sich beansprucht, auf das man kein oder nur ein nachgeordnetes Recht hat, (epistemic stance) sowohl gesichtsbedrohende als auch gesichtswahrende Handlungen vollzogen werden. Der epistemische Status eines/r Interaktionsteilnehmer/in kann durch institutionelle Strukturen bzw. Rollenzuschreibungen verankert sein (Modada 2011).

Die sprachlichen Mittel, um die epistemische Haltung anzuzeigen, zuzuschreiben, zu beanspruchen bzw. auszuhandeln, sind vielfältig und reichen von Fragesyntax (Würden Sie sich jetzt schon mit diesem Impfstoff impfen lassen?) bzw -intonation über Wissensmarker wie ich denke/glaube/meine bis hin zu Modalpartikeln bzw. Einstellungsausdrücken (ja, Reineke 2018). Auch interaktional gibt es verschiedene Strategien, epistemische Autorität oder Autonomie im Gespräch zu reklamieren (De Stefani & Mondada 2017).

Ein/e erste/r Sprecher*in macht eine Aussage (first pair part), die eine epistemische Haltung kommuniziert, die von dem/der Gesprächspartner*in in der Reaktion auf den ersten Beitrag (im second pair part) bestätigt, relativiert oder angefochten werden kann. Gerade wertende Beiträge im ersten Gesprächsbeitrag setzen den/die folgende/n Sprecher*in unter Druck: ist er/sie nicht mit der Ansicht des/der ersten Sprecher*in einverstanden, obliegt es ihm/ihr, der Wertung eine eigene, unabhängige Beurteilung entgegenzustellen (Raymond & Heritage 2005). Dies macht man sich insbesondere in Nachrichteninterviews mit Politiker*innen und anderen öffentlichen Entscheidungsträger*innen zunutze, um den/die Befragte/n herauszufordern, in Erklärungsnot zu bringen und zur Verantwortung zu ziehen (Vincze et al. 2016). Das Frage-Antwort-Format impliziert, dass der/die Fragende über einen bestimmten Sachverhalt weniger weiß als der/die Angesprochene. Gleichzeitig wird damit aber auch signalisiert, dass man von dem/der Angesprochenen erwartet, auf den in der Frage thematisierten Sachverhalt eine Antwort zu wissen, also einen direkteren Zugriff auf relevantes Wissen zu haben als der/die fragende Journalist*in und das von ihm/ihr vertretene Publikum. In solchen Gesprächssituationen ist allerdings zu beachten, dass der/die Journalist*in institutionell legitimiert und prinzipiell zur Neutralität verpflichtet ist und seine/ihre Beiträge, auch wenn sie kontroverse Aussagen enthalten, darum in der Regel nicht als persönliche Meinungsäußerungen aufgefasst werden. Im Kontext des Interviews werden Beiträge des/der Journalist*in üblicherweise als zulässig behandelt, so lange sie erkennbar die soziale Handlung des ‚Fragens‘ (doing questioning) ausführen (Clayman & Heritage 2002).

Im öffentlichen Diskurs sind Vorannahmen über Wissensbestände der Akteur*innen sowie deren sprachlicher Ausdruck im Diskurs in der strategischen Kommunikation im Allgemeinen relevant, nehmen aber insbesondere im Diskurs um ,Fake News‘ spezielle Formen an. Umgang mit und Zuschreibung von Wissensbeständen und Zugang zu Evidenzen und Sachverhalten unterliegen moralischen Normen (siehe dazu Stivers, Mondada & Steensig 2011), die mit Verpflichtungen verbunden sind. So wird, wie oben schon angesprochen, beispielsweise von einem/r Sprecher/in erwartet, dass er/sie Auskunft über seine persönliche Situation geben kann. Umgekehrt kann der /die Sprecher/in aber auch erwarten, dass dieses persönliche Wissensterritorium vom Gegenüber respektiert wird. Von Sprecher*innen wird außerdem erwartet, dass sie sich am Wissensstand des Gegenübers bei der Gestaltung ihrer Redebeiträge orientieren, indem sie z.B. Referenzen auf Personen anpassen (meine Schwester vs. die Marianne). Zu den moralischen Pflichten der Sprecher*innen gehört auch, bestimmte Handlungen nicht durchzuführen, z.B. indem sie nicht nach Wissen fragen, das ihnen bereits bekannt ist. Insbesondere bei der Bearbeitung von Neuigkeiten sollten die Sprecher*innen demjenigen den Vortritt lassen, der dem entsprechenden Ereignis oder Sachverhalt am nächsten ist bzw. demjenigen, dem die größte Autorität bezüglich eines Ereignisses oder Sachverhalts zugestanden wird. Diese Normen und Pflichten sind, ähnlich wie die Grice’schen Konversationsmaxime, jedoch nicht als dringen zu befolgende Ratschläge zu verstehen, sondern als Leitlinien einer Orientierung in Interaktionen, deren Nichtbefolgung die Regel sein kann bzw. zum Erreichen interaktionaler Zwecke eingesetzt wird.  Bewusstes Hinterfragen, Herausfordern und Aufheben dieser Normen kann, wie oben erläutert, institutionell legitimiert bzw. für institutionelle Formate konstitutiv sein; im ,Fake News‘-Diskurs können sie dazu führen, Vertrauen in etablierte Wissensquellen, –verwalter und -kommunikatoren wie Wissenschaft und Medien zu dekonstruieren und dadurch Unsicherheit zu verbreiten.

Beispiele

(1) Experteninterview (NDR Coronavirus Update vom 10.11.2020, Folge 64 https://www.ndr.de/nachrichten/info/coronaskript242.pdf ; Zugriff: 31.1.2022)

Korinna Hennig: Das heißt, wenn Sie das für uns übersetzen, kann man auch bei dieser Mutation trotz möglicherweise verbesserter Bindungsfähigkeit nicht ableiten, dass Menschen mit überstandener Erkrankung nicht mehr mit ihren gebildeten neutralisierenden Antikörpern gut auf diese Mutation reagieren können und auch nicht, dass es krankmachender oder infektiöser ist?

Christian Drosten: Sie stellen hier genau die richtige Frage. Sie benutzen das Wort neutralisierende Antikörper. Das ist nämlich entscheidend für diese große im Raum stehende Frage: Bedeutet das jetzt ein erstes Zeichen von Drift des Virus gegen eine Bevölkerungsimmunität und gegen eine mögliche Immunität? Also haben wir hier ein erstes Warnsignal, dass das Virus sich verändert? Das ist die große Frage, die hier mitschwingt.

Diese Frage-Antwort-Sequenz zeigt, wie die Journalistin den Experten für ein Sachgebiet als solchen anspricht: in ihrem Redebeitrag stellt sie eine Verständnisfrage (Das heißt…?), die anzeigt, dass sie von ihrem Gesprächspartner eine verlässliche Antwort hinsichtlich des von ihr vorformulierten Sachverhalts erwartet. Sie zeigt außerdem an, dass sie für sich, aber als Journalistin natürlich stellvertretend auch für das Podcastpublikum fragt, indem sie das inklusive Personalpronomen uns verwendet. Der Expertenstatus des Gegenübers wird weiterhin in der Bitte deutlich, den Sachverhalt zu übersetzen, also für ein Laienpublikum verständlich darzulegen. Interessanterweise wird durch die Vorformulierung des Sachverhalts durch die Wissenschaftsjournalistin zum einen ihre eigene, wenn auch als geringer dargestellte Fachkompetenz sichtbar, zum anderen leistet sie in Ansätzen schon die vereinfachte Darstellung, um die sie den Experten bittet, selbst. Dies ist auch in der Antwort des Experten deutlich, der die Annahmen der Journalistin zunächst explizit bestätigt (Sie stellen hier genau die richtige Frage) und dann seinen eigenen Expertenstatus festigt, indem er ihre Wortwahl (neutralisierende Antikörper) aufgreift und ausführlicher kontextualisiert.

(2) Nachrichteninterview (heute journal vom 16.11.2020 mit Claus Kleber und dem Familienminister NRW Joachim Stamp, https://www.youtube.com/watch?v=ybT2HMBUUI4 ; Zugriff 23.11.2020)

Claus Kleber: (…) Wir haben gerade ein Beispiel von einer Schule gesehen, wo ganz offensichtlich ist, dass das eine Virenschleuderapparatur ist, dieser Klassenraum. Warum erlauben die Schull- die für die Schulen verantwortlichen Länder nicht diesen halben Unterricht? Die Hälfte in der Ferne, die andere Hälfte im Klassenraum und die halben Klassen wechseln s- sich ab.

Joachim Stamp: Herr Kleber, an der Stelle würde ich Ihnen widersprechen wollen; die Schulen sind kein Virenschleuderapparat. Das haben alle Studien eh gezeigt, dass [erst mit deutlich steigendem Alter…

Claus Kleber: [nicht alle Studien. Es gibt eine neue Studie aus München, die das offensichtlich Naheliegende belegt: natürlich werden Kinder krank. Man merkt es ihnen oft nicht an, aber sie werden krank, und die Dunkelziffer ist fünfmal höher als bei Erwachsenen und natürlich tragen die es weiter. Lehrerverbände, Elternverbände, Gewerkschaften und Virologen sind sich einig, da müsste man was tun, und es wird verdammt wenig getan. 

In diesem Beispiel wird deutlich, wie ein Journalist und ein Politiker in einem Wissensgebiet, in dem sie beide keine Experten sind, den jeweils höheren epistemischen Status beanspruchen. Dabei macht der Journalist deutlich, dass die Erkenntnis, dass Kinder in der Pandemie genauso das Virus übertragen wie Erwachsene, ein Wissensaspekt ist, der allgemein zugänglich, bekannt und als solcher von verschiedenen Fachleuten einhellig vertreten wird. Er verweist zum einen auf eine Schule in einem Beitrag, der gerade zuvor gesendet und so auch vom Politiker gesehen wurde, zum anderen auf eine konkrete Studie, die die pauschale Aussage des Politikers (alle Studien) zurückweist und konkretisiert. Er impliziert damit, dass sein Gesprächspartner als Politiker die Pflicht hätte, dieses Wissen nicht nur zu teilen, sondern auch verantwortungsvoll danach zu handeln. Die Darstellung eines Sachverhalts als allgemein akzeptiert dient also dazu, den Verantwortungsträger unter Druck zu setzen und ihn zu einer Rechtfertigung zu bewegen. Der Hinweis auf fehlendes, aber eigentlich notwendig vorhandenes Wissen auf Seiten des Politikers stellt diesen bloß und unterstellt ihm mangelnde Kompetenz in seinem politischen Entscheidungshandeln.

Literatur

Zum Weiterlesen

  • Deppermann, Arnulf (2015): Wissen im Gespräch: Voraussetzung und Produkt, Gegenstand und Ressource. InList No. 57 (http://www.inlist.uni-bayreuth.de/issues/57/index.htm, letzter Zugriff am 23.11.2020)

Zitierte Literatur

  • Clayman, Steven & Heritage, John (2002): The news interview. Cambridge: Cambridge University Press. De Stefani, Elwys & Mondada, Lorenza (2017): Who’s the expert? Negotiating competence and authority in guided tours. In: Van de Mieroop, Dorien & Schnurr, Stephanie (Hg.): Identity struggles: evidence from workplaces around the world. Amsterdam: John Benjamins, 95-123.
  • Heritage, John (2012): Epistemics in action. Action formation and territories of knowledge. Research on Language and Social Interaction 45(1), 1–29.
  • Mondada, Lorenza (2011): The management of knowledge discrepancies and of epistemic changes in institutional interaction. In Stivers, Mondada & Steensig (Hrsg.): The Morality of Knowledge in Conversation. Cambridge: Cambridge University Press, 3-24.
  • Raymond, Geoffrey & Heritage, John (2005): The Terms of Agreement: Indexing Epistemic Authority and Subordination in Talk-in-Interaction. Social Psychology Quarterly 68(1), 15–38.
  • Reineke, Silke (2018): Interaktionale Analysen kognitiver Phänomene. Wissenszuschreibungen mit der Modalpartikel ja. https://doi.org/10.1515/9783110575484-189
  • Stivers, Tanya , Mondada, Lorenza & Steensig, Jacob (Hrsg.) (2011): The Morality of Knowledge in Conversation. Cambridge: Cambridge University Press.
  • Vincze, Laura, Bongelli, Ramona & Riccioni, Illaria (2016): Ignorance-unmasking questions in the Royal–Sarkozy presidential debate: A resource to claim epistemic authority. Discourse Studies,18, 430-454.

Zitiervorschlag

Wilton, Antje (2020): Epistemischer Status. In: Diskursmonitor. Glossar zur strategischen Kommunikation in öffentlichen Diskursen. Hg. von der Forschungsgruppe Diskursmonitor und Diskursintervention. Veröffentlicht am 23.11.2020. Online unter: https://diskursmonitor.de/glossar/epistemischer-status.

DiskursGlossar

Grundbegriffe

Sprachpolitik / Sprachenpolitik

Sprachpolitik bezeichnet allgemein alle politischen Prozesse, die auf eine Beeinflussung der Sprachverwendung in einer Gesellschaft oder Sprachgemeinschaft abzielen. Unterschieden wird häufig zwischen Sprachenpolitik und Sprachpolitik im engeren Sinne.

Sagbarkeit

Im öffentlichen Diskurs findet sich häufig die strategische Behauptung, dass bestimmte Fakten oder Meinungen unsagbar seien. Auf diese Weise wird zum Ausdruck gebracht, dass es Grenzen des Sagbaren gebe, die im öffentlichen Diskurs Geltung hätten.

Kulturelle Grammatik

Kulturelle Grammatik steht für ein System von Regeln und/oder etablierten Regelmäßigkeiten, die Formen richtiger und/oder normaler Kommunikation und Interaktion auszeichnen.

Politische Kommunikation

Politische Kommunikation findet überall dort statt, wo Menschen als Teil von sozialen Gruppen mit unterschiedlichen Bedürfnissen und Interessen aufeinandertreffen und über das einzelne Individuum hinaus geltende Regeln des Zusammenlebens aushandeln.

Topos

Ein Topos (Plural: Topoi) ist als ein Argumentationsmuster ein allgemeines Formprinzip, nach dem Argumente gebildet werden können. Als allgemeiner, formaler bzw. kontextabstrakter Topos kann er für oder gegen jede in Frage stehende Position angeführt werden. Topoi gehören zum kollektiven Wissen aller, die sich argumentativ äußern.

Bedeutung

Der Ausdruck Bedeutung wird sowohl in der Alltagssprache als auch in der Fachsprache nicht einheitlich verwendet. Alltagssprachlich wird auf die Bedeutung von etwas – zum Beispiel einem Wort, Gegenstand oder Gesichtsausdruck – verwiesen, wenn dessen Status in der Welt unklar ist (‚was bedeutet es, dass X‘) oder seine Wichtigkeit hervorgehoben werden soll (‚X ist bedeutend‘).

Kollektivsymbol

Zur Kollektivsymbolik einer Kultur rechnet man den gesellschaftlich geteilten Vorrat an sprachlichen, bildlichen, schematischen und anderen Ressourcen, derer sich politische und mediale Akteure bedienen, um Ereignisse und Handlungen für die Allgemeinheit deutbar und verständlich zu machen.

Strategische Kommunikation

Der Ausdruck Strategische Kommunikation bezeichnet ein Bündel an zeichenbasierten und in der Regel mediengestützten Aktivitäten, mit denen Individuen, Gruppen oder Organisationen versuchen, die Akzeptanz für ihre politischen, ökonomischen, rechtlichen oder anderweitig motivierten Interessen bei ausgewählten Zielgruppen zu halten oder zu erhöhen.

Korpus

In den Sprach- als auch Literaturwissenschaften versteht man unter Korpora ganz allgemein Textsammlungen.

Techniken

Petition

Petitionen sind eine der am meisten genutzten Partizipationsformen nach Wahlen. Sie sind sowohl ein Mittel der politischen Beteiligung als auch ein Protestmittel und damit Zwitterwesen in der politischen Landschaft. Durch die Digitalisierung haben sich Petitionen zudem maßgeblich verändert, ihre Zahl hat zugenommen, ebenso wie die Zahl der Plattformen, auf denen sich Petitionen starten lassen.

Influencer / Influencerin

Influencer:innen sind Personen, die auf Social-Media-Plattformen regelmäßig selbst produzierte Inhalte publizieren und damit eine öffentliche Reichweite über ihre Follower:innen aufbauen. Influencer:innen haben das Potenzial, Rezipient:innen in ihrem Wissen, Einstellungen und Verhalten zu beeinflussen (engl. to influence).

Litigation PR

Der Begriff Litigation PR kombiniert das englische Wort litigation, das auf lat. ,lītigātiō‘ zurückgeht und für Rechtsstreitigkeit bzw. (Gerichts )Verfahren/Prozess steht, mit dem bekannten Begriff PR (Public Relations).

Memes

Der Begriff des Internet-Memes fasst eine relativ heterogene Gruppe digitaler – und zumeist multimodaler – Texte zusammen (zum Beispiel Videos, GIFs, Image Macros), die sich durch formale oder inhaltliche Gemeinsamkeiten auszeichnen und durch Imitations- und Aneignungsprozesse verbreiten.

Aufwertung/Meliorisierung

Von Aufwertung/Meliorisierung wird in der Linguistik dann gesprochen, wenn ein Wort, das ursprünglich als Fremdbezeichnung der Diffamierung einer bestimmten Volks- oder Personengruppe diente, von dieser selbst dann als positive Eigenbezeichnung verwendet wird.

Domain-Grabbing

In der Internetkommunikation finden sich verschiedene Praktiken, die aus Sicht von Dritten (v.a. Markenhaltern) als illegitime oder gar rechtswidrige Inanspruchnahme von Domain-Namen und damit verbundener Aufmerksamkeitssteuerung kritisiert werden.

Suchmaschinenoptimierung

Durch Suchmaschinenoptimierung (search engine optimization; SEO) wird versucht, Webseiten so zu verändern, dass sie von Suchmaschinen als besonders relevant betrachtet und entsprechend hoch in den Suchergebnissen gelistet werden.

Search Engine Advertising

Als Search Engine Advertising wird die Werbung auf den Ergebnisseiten von Suchmaschinen bezeichnet. Besondere Merkmale dieser Werbeform sind, dass die Anzeigen kontextbasiert sind und in Textform dargestellt werden.

Organizing

Unter Organizing versteht man ein Bündel von Praktiken, die zur gewerkschaftlichen oder politischen Organisierung bzw. Mobilisierung dienen. Beim methodisch reflektierten Organizing spielen Recherche, Strategieentwicklung, mehr oder minder standardisierte 1:1-Gespräche, Mapping (Erstellung einer Übersicht der Beteiligten im Betrieb oder sonstigen Aktionsfeld) und einiges mehr eine Rolle.

Affirmation

Im sprachwissenschaftlichen Sinne bezeichnet Affirmation die Behauptung oder Bejahung einer Aussage. Die affirmative Form eines Wortes oder Satzes ist das Gegenteil zur Verneinung (Negation).

Schlagwörter

Antisemitismus

Mit Antisemitismus werden gemeinhin alle jene Phänomene bezeichnet, die sich gegen das Judentum oder gegen Jüdinnen*Juden als Jüdinnen*Juden richten. Die entsprechenden Erscheinungen reichen von der bloßen Distanzierung und Behauptung jüdischer Andersartigkeit, über vollständig ausgearbeitete Weltbilder, die Jüdinnen*Juden für sämtliche Probleme verantwortlich machen, bis hin zu massiven Ausgrenzungs-, Verfolgungs- und Gewaltpraktiken.

Grammatiknazi / Grammar Nazi

Das überwiegend negativ konnotierte Schlagwort Grammatiknazi – als Übersetzung von engl. grammar nazi – wird zur Benennung von Personen verwendet, die meist in eher informellen Kontexten der öffentlichen Internetkommunikation (u. a. in Foren, Kommentarbereichen auf Nachrichtenportalen, sozialen Netzwerken) ungefragt Sprachkritik an den Äußerungen anderer (häufig fremder) Kommunikationsteilnehmer*innen üben.

Respekt

Respekt oder respektvolles Verhalten wird eingefordert für die Eigengruppe (bzw. von der Eigengruppe), für wirklich oder vermeintlich diskriminierte Gruppen, für abweichende Meinungen. Mitgemeint ist bei der Forderung nach Respekt meist eine positiv bewertete Szene der (sozialen, kulturellen, ethnischen, sexuellen etc.) Vielfalt/Diversität.

Geschlechtergerechte Sprache

Mit dem heute als Fahnenwort gebrauchten Ausdruck geschlechtergerechte Sprache ist die Forderung verbunden, bei Personenbezeichnungen die einseitige, für diskriminierend erklärte Bezugnahme auf einen bestimmten Sexus, konkret: auf das männliche Geschlecht, zu unterlassen.

Identitätspolitik

Der Ausdruck steht heute für eine politische Konstellation, in der konkurrierende Wir-Gemeinschaften mit einer Diskriminierungs- und Benachteiligungsgeschichte in der Öffentlichkeit um Anerkennung konkurrieren. An der Oberfläche geht es ‚identitären‘ Wir-Gemeinschaften darum, die eigene Diskriminierung als Ermächtigungsmotiv an die Öffentlichkeit zu tragen.

Cancel Culture

Cancel Culture ist ein Kampf- und Stigmawort, das sich in skandalisierender Absicht gegen die Praxis (und oft auch bereits gegen die Forderung) des Absagens, Ausladens, Boykottierens moralisch missliebiger und politisch bekämpfter Personen, Organisationen und Positionen in Wissenschaft, Kultur und Politik wendet.

Elite

Einmal wird unter Elite eine Auswahl der Besten und Leistungsfähigsten verstanden, einmal in distanzierender Weise eine abgehobene ‚Kaste‘ der Reichen und Mächtigen im Gegensatz zum Volk. Erstere Variante wird in der Regel zur Verteidigung der etablierten Ordnung verwendet, letztere vor allem von Rechtspopulisten.

Altpartei

Der Ausdruck Altpartei wird in jüngerer Zeit häufig im Kontext des Aufstiegs des Rechtspopulismus und der AfD gebraucht. Dabei lassen sich hauptsächlich zwei Gebrauchsvarianten beobachten: Einerseits richtet sich der Ausdruck in abwertender Weise gegen etablierte Parteien, andererseits taucht er oft in sprachkritischen Kontexten auf, wo seine Verwendung und seine Sprecher kritisiert oder diskreditiert werden.

Verschwörungstheorie

Der Ausdruck gibt sich in der medialen Öffentlichkeit als analytisches Konzept, ist aber zugleich performativ hoch wirksam als Ausschluss aller erfolgreich so benannten Konzepte aus der rationalen öffentlichen Kommunikation.

Inklusion

Inklusion hat sich, ausgehend von einem soziologischen Fachterminus gleichen Namens, in den zwei vergangenen Jahrzehnten zu einem interdiskursiven und allgemeinen Programmbegriff gewandelt.

Verschiebungen

Ökonomisierung

Ökonomisierung wird in gegenwärtigen Diskursen in der Regel zur Bezeichnung von Prozessen verwendet, in denen die spezifisch wirtschaftlichen Funktions-Elemente wie Markt, Wettbewerb/Konkurrenz, Kosten-Nutzen-Kalküle, Effizienz, Gewinnorientierung in Bereiche übertragen werden, die zuvor teilweise oder ganz nach anderen Leitkriterien ausgerichtet waren

Moralisierung

Moralisierung verlagert Macht- und Interessenkonflikte in die Sphäre der Kommunikation von Achtung / Missachtung. Sie reduziert Ambivalenz zugunsten einer Polarisierung von gut und böse.

Konstellationen

Skandal

Die Diskurskonstellation des Skandals zeichnet sich durch eine in den Medien aufgegriffene (bzw. durch sie erst hervorgerufene) empörte Reaktion eines erheblichen Teils der Bevölkerung auf einen tatsächlichen oder vermeintlichen Missstand aus. Die schuldhafte Verursachung dieses Missstandes wird dabei einem gesellschaftlichen Akteur zugeschrieben, dessen Handeln als ‚unmoralisch‘ gedeutet wird.

DiskursReview

Review-Artikel

Satzsemantik von Vorhersage und Nutzen-Risiko-Abwägung: Die STIKO-Impfempfehlung für 12- bis 17-Jährige vom 18. August 2021

“Die Forschung muss… sich in die Lage versetzen, die politischen Implikationen, die sie hat, anzunehmen und auszuforschen, um nicht beim ersten Knall der Peitsche durch alle ihr vorgehaltenen Reifen zu springen. Diese Integrität kann die Wissenschaft gerade dadurch unter Beweis stellen, dass sie dem herrschenden Druck, praktische Tabus in theoretische umzuwandeln, widersteht” (Beck 1986, 283)

Review-Rückblick

In dieser Rubrik veröffentlichen wir in unregelmäßigen Abständen kurze Notizen zu Ereignissen oder Phänomenen, die in den vergangenen Wochen in der strategischen und öffentlichen Kommunikation zu beobachten waren. Die Texte kommentieren subjektiv, unsystematisch, teils widersprüchlich und hoffentlich pointiert. Sie erheben keinen Anspruch auf Wissenschaftlichkeit, beobachten ihren Gegenstand aber von einer diskursanalytischen und -interventionistischen Position aus und sollen zum Widerspruch einladen. Sie repräsentieren nicht die Position der Redaktion des Diskursmonitors, sondern ihrer jeweiligen Autorinnen und Autoren.

Rasse, Rassismus

1) Zu Beginn drei exemplarische Medienereignisse aus der jüngsten Vergangenheit, in denen es um den Komplex Rasse, Rassismus ging…

Freund-Feind-Begriffe: Zum diskurssemantischen Feld soziopolitischer Kollektivierung

Mit jeder sprachlichen Äußerung (und das schließt das Nicht-Äußern mit ein) positioniert sich der Sprecher oder Schreiber sowohl innerhalb eines von ihm intersubjektiv (re)konstruierten als auch eines objektiven (d.h. objektivierbaren) diskursiven Raum sozialer Gruppen. Möglich ist dies nur aufgrund der sozialsymbolischen (indexikalischen) Bedeutung kommunikativer Zeichen im Bühlerschen Sinne…

PR, Punk oder Provinz: Wie Corona-Forschung die Öffentlichkeit (nicht) erregt.

Jeden Tag erreichen uns neue Nachrichten, neue Zahlen, neue Grafiken zur laufenden Corona-Pandemie. Wer erinnert sich da noch daran, was vor zwei oder drei Monaten oder vor einer Woche öffentlich diskutiert wurde? Vielleicht sind nur zwei Debatten wirklich in unserem öffentlichen Gedächtnis hängen geblieben, unter anderem, weil sie es zu eigenen Twitter-Hashtags gebracht haben: #HeinsbergProtokoll und #IchHabeBesseresZuTun…