DiskursGlossar

Epistemischer Status

Kategorie: Grundbegriffe
Verwandte Ausdrücke: 
Autorität, Wissensordnung
Siehe auch: Wissen, Fake-News, Erzählen, Entlarven
Autorin: Antje Wilton
Version: 1.0 / 17.12.2021

Kurzzusammenfassung

Als epistemischen Status bezeichnet man die Wissensbestände und -zugänge zu Ereignissen, Sachverhalten und Personen, die Gesprächsteilnehmer*innen ihrem Gegenüber in der Interaktion zuschreiben. Gegenseitige Einschätzungen bezüglich des epistemischen Status der Gesprächsteilnehmer*innen nehmen Einfluss auf die Art, wie Teilnehmer*innen ihre Gesprächsbeiträge gestalten: so zeigt zum Beispiel eine Frage üblicherweise an, dass der/die Fragende davon ausgeht, weniger über ein bestimmtes Ereignis zu wissen als der/die Befragte. Der epistemische Status der Gesprächsteilnehmer*innen ist relativ zueinander und reicht von vollständiger Kenntnis (K+) bis zu Unkenntnis (K-) bezogen auf einen Sachverhalt sowie allen möglichen Positionen zwischen diesen beiden Polen.

 Erweiterte Begriffsklärung

In der Konversations- und Gesprächsanalyse geht man davon aus, dass die Annahmen über den epistemischen Status des Gegenübers  entscheidend sind für die Art der Durchführung sozialer Handlungen. Die Annahmen strukturieren wie ein Schema die Wissensbestände vor, die dann in der Gesprächssituation aktualisiert und ausgehandelt werden. Typischerweise liegen Themen, die eine/n Gesprächsteilnehmer*in persönlich betreffen, insbesondere Gefühle, Gedanken, der eigene Körper, das Privatleben etc., im Wissensterritorium des/der jeweiligen Gesprächsteilnehmers/in. Übergriffe in dieses Territorium durch andere Gesprächsteilnehmer*innen können zu Problemen in der Interaktion führen, indem Äußerungen beispielsweise als Anmaßung empfunden werden. Generell können durch das Einnehmen einer nicht mit dem epistemischen Status kongruenten Haltung (epistemic stance) sowohl gesichtsbedrohende als auch gesichtswahrende Handlungen vollzogen werden. Das ist etwa der Fall, wenn man so tut, als wüsste man nichts über einen bestimmten Sachverhalt, oder wenn man umgekehrt Wissen für sich beansprucht, auf das man kein oder nur ein nachgeordnetes Recht hat. Der epistemische Status eines/r Interaktionsteilnehmer/in kann durch institutionelle Strukturen bzw. Rollenzuschreibungen verankert sein (Modada 2011).

Die sprachlichen Mittel, um die epistemische Haltung anzuzeigen, zuzuschreiben, zu beanspruchen bzw. auszuhandeln, sind vielfältig und reichen von Fragesyntax (Würden Sie sich jetzt schon mit diesem Impfstoff impfen lassen?) bzw -intonation über Wissensmarker wie ich denke/glaube/meine bis hin zu Modalpartikeln bzw. Einstellungsausdrücken (ja, Reineke 2018). Auch interaktional gibt es verschiedene Strategien, epistemische Autorität oder Autonomie im Gespräch zu reklamieren (De Stefani & Mondada 2017).

Ein/e erste/r Sprecher*in macht eine Aussage (first pair part), die eine epistemische Haltung kommuniziert, die von dem/der Gesprächspartner*in in der Reaktion auf den ersten Beitrag (im second pair part) bestätigt, relativiert oder angefochten werden kann. Gerade wertende Beiträge im ersten Gesprächsbeitrag setzen den/die folgende/n Sprecher*in unter Druck: ist er/sie nicht mit der Ansicht des/der ersten Sprecher*in einverstanden, obliegt es ihm/ihr, der Wertung eine eigene, unabhängige Beurteilung entgegenzustellen (Raymond & Heritage 2005). Dies macht man sich insbesondere in Nachrichteninterviews mit Politiker*innen und anderen öffentlichen Entscheidungsträger*innen zunutze, um den/die Befragte/n herauszufordern, in Erklärungsnot zu bringen und zur Verantwortung zu ziehen (Vincze et al. 2016). Das Frage-Antwort-Format impliziert, dass der/die Fragende über einen bestimmten Sachverhalt weniger weiß als der/die Angesprochene. Gleichzeitig wird damit aber auch signalisiert, dass man von dem/der Angesprochenen erwartet, auf den in der Frage thematisierten Sachverhalt eine Antwort zu wissen, also einen direkteren Zugriff auf relevantes Wissen zu haben als der/die fragende Journalist*in und das von ihm/ihr vertretene Publikum. In solchen Gesprächssituationen ist allerdings zu beachten, dass der/die Journalist*in institutionell legitimiert und prinzipiell zur Neutralität verpflichtet ist und seine/ihre Beiträge, auch wenn sie kontroverse Aussagen enthalten, darum in der Regel nicht als persönliche Meinungsäußerungen aufgefasst werden. Im Kontext des Interviews werden Beiträge des/der Journalist*in üblicherweise als zulässig behandelt, so lange sie erkennbar die soziale Handlung des ‚Fragens‘ (doing questioning) ausführen (Clayman & Heritage 2002).

Im öffentlichen Diskurs sind Vorannahmen über Wissensbestände der Akteur*innen sowie deren sprachlicher Ausdruck im Diskurs in der strategischen Kommunikation im Allgemeinen relevant, nehmen aber insbesondere im Diskurs um Fake News spezielle Formen an. Umgang mit und Zuschreibung von Wissensbeständen und Zugang zu Evidenzen und Sachverhalten unterliegen moralischen Normen (siehe dazu Stivers, Mondada & Steensig 2011), die mit Verpflichtungen verbunden sind. So wird, wie oben schon angesprochen, beispielsweise von einem/r Sprecher/in erwartet, dass er/sie Auskunft über seine persönliche Situation geben kann. Umgekehrt kann der /die Sprecher/in aber auch erwarten, dass dieses persönliche Wissensterritorium vom Gegenüber respektiert wird. Von Sprecher*innen wird außerdem erwartet, dass sie sich am Wissensstand des Gegenübers bei der Gestaltung ihrer Redebeiträge orientieren, indem sie z.B. Referenzen auf Personen anpassen (meine Schwester vs. die Marianne). Zu den moralischen Pflichten der Sprecher*innen gehört auch, bestimmte Handlungen nicht durchzuführen, z.B. indem sie nicht nach Wissen fragen, das ihnen bereits bekannt ist. Insbesondere bei der Bearbeitung von Neuigkeiten sollten die Sprecher*innen demjenigen den Vortritt lassen, der dem entsprechenden Ereignis oder Sachverhalt am nächsten ist bzw. demjenigen, dem die größte Autorität bezüglich eines Ereignisses oder Sachverhalts zugestanden wird. Diese Normen und Pflichten sind, ähnlich wie die Grice’schen Konversationsmaxime, jedoch nicht als dringend zu befolgende Ratschläge zu verstehen, sondern als Leitlinien einer Orientierung in Interaktionen, deren Nichtbefolgung die Regel sein kann bzw. zum Erreichen interaktionaler Zwecke eingesetzt wird.  Bewusstes Hinterfragen, Herausfordern und Aufheben dieser Normen kann, wie oben erläutert, institutionell legitimiert bzw. für institutionelle Formate konstitutiv sein; im Fake News-Diskurs können sie dazu führen, Vertrauen in etablierte Wissensquellen, –verwalter und -kommunikatoren wie Wissenschaft und Medien zu dekonstruieren und dadurch Unsicherheit zu verbreiten.

Beispiele

Experteninterview (NDR Coronavirus Update vom 10.11.2020, Folge 64 https://www.ndr.de/nachrichten/info/coronaskript242.pdf, abgefragt am 20.01.2021)

Korinna Hennig: „Das heißt, wenn Sie das für uns übersetzen, kann man auch bei dieser Mutation trotz möglicherweise verbesserter Bindungsfähigkeit nicht ableiten, dass Menschen mit überstandener Erkrankung nicht mehr mit ihren gebildeten neutralisierenden Antikörpern gut auf diese Mutation reagieren können und auch nicht, dass es krankmachender oder infektiöser ist?

Christian Drosten: „Sie stellen hier genau die richtige Frage. Sie benutzen das Wort neutralisierende Antikörper. Das ist nämlich entscheidend für diese große im Raum stehende Frage: Bedeutet das jetzt ein erstes Zeichen von Drift des Virus gegen eine Bevölkerungsimmunität und gegen eine mögliche Immunität? Also haben wir hier ein erstes Warnsignal, dass das Virus sich verändert? Das ist die große Frage, die hier mitschwingt.

Diese Frage-Antwort-Sequenz zeigt, wie die Journalistin den Experten für ein Sachgebiet als solchen anspricht: in ihrem Redebeitrag stellt sie eine Verständnisfrage (Das heißt…?), die anzeigt, dass sie von ihrem Gesprächspartner eine verlässliche Antwort hinsichtlich des von ihr vorformulierten Sachverhalts erwartet. Sie zeigt außerdem an, dass sie für sich, aber als Journalistin natürlich stellvertretend auch für das Podcastpublikum fragt, indem sie das inklusive Personalpronomen uns verwendet. Der Expertenstatus des Gegenübers wird weiterhin in der Bitte deutlich, den Sachverhalt zu übersetzen, also für ein Laienpublikum verständlich darzulegen. Interessanterweise wird durch die Vorformulierung des Sachverhalts durch die Wissenschaftsjournalistin zum einen ihre eigene, wenn auch als geringer dargestellte Fachkompetenz sichtbar, zum anderen leistet sie in Ansätzen schon die vereinfachte Darstellung, um die sie den Experten bittet, selbst. Dies ist auch in der Antwort des Experten deutlich, der die Annahmen der Journalistin zunächst explizit bestätigt (Sie stellen hier genau die richtige Frage) und dann seinen eigenen Expertenstatus festigt, indem er ihre Wortwahl (neutralisierende Antikörper) aufgreift und ausführlicher kontextualisiert.

Nachrichteninterview (heute journal vom 16.11.2020 mit Claus Kleber und dem Familienminister NRW Joachim Stamp, https://www.youtube.com/watch?v=ybT2HMBUUI4)

Claus Kleber: (…) „Wir haben gerade ein Beispiel von einer Schule gesehen, wo ganz offensichtlich ist, dass das eine Virenschleuderapparatur ist, dieser Klassenraum. Warum erlauben die Schull- die für die Schulen verantwortlichen Länder nicht diesen halben Unterricht? Die Hälfte in der Ferne, die andere Hälfte im Klassenraum und die halben Klassen wechseln s- sich ab.

Joachim Stamp: „Herr Kleber, an der Stelle würde ich Ihnen widersprechen wollen; die Schulen sind kein Virenschleuderapparat. Das haben alle Studien eh gezeigt, dass [erst mit deutlich steigendem Alter…

Claus Kleber: „[nicht alle Studien. Es gibt eine neue Studie aus München, die das offensichtlich Naheliegende belegt: natürlich werden Kinder krank. Man merkt es ihnen oft nicht an, aber sie werden krank, und die Dunkelziffer ist fünfmal höher als bei Erwachsenen und natürlich tragen die es weiter. Lehrerverbände, Elternverbände, Gewerkschaften und Virologen sind sich einig, da müsste man was tun, und es wird verdammt wenig getan.

In diesem Beispiel wird deutlich, wie ein Journalist und ein Politiker in einem Wissensgebiet, in dem sie beide keine Experten sind, den jeweils höheren epistemischen Status beanspruchen. Dabei macht der Journalist deutlich, dass die Erkenntnis, dass Kinder in der Pandemie genauso das Virus übertragen wie Erwachsene, ein Wissensaspekt ist, der allgemein zugänglich, bekannt und als solcher von verschiedenen Fachleuten einhellig vertreten wird. Er verweist zum einen auf eine Schule in einem Beitrag, der gerade zuvor gesendet und so auch vom Politiker gesehen wurde, zum anderen auf eine konkrete Studie, die die pauschale Aussage des Politikers (alle Studien) zurückweist und konkretisiert. Er impliziert damit, dass sein Gesprächspartner als Politiker die Pflicht hätte, dieses Wissen nicht nur zu teilen, sondern auch verantwortungsvoll danach zu handeln. Die Darstellung eines Sachverhalts als allgemein akzeptiert dient also dazu, den Verantwortungsträger unter Druck zu setzen und ihn zu einer Rechtfertigung zu bewegen. Der Hinweis auf fehlendes, aber eigentlich notwendig vorhandenes Wissen auf Seiten des Politikers stellt diesen bloß und unterstellt ihm mangelnde Kompetenz in seinem politischen Entscheidungshandeln.

Literatur

Zitierte Literatur

  • Clayman, Steven & Heritage, John (2002): The news interview. Cambridge: Cambridge University Press.
  • De Stefani, Elwys & Mondada, Lorenza (2017): Who’s the expert? Negotiating competence and authority in guided tours. In: Van de Mieroop, Dorien & Schnurr, Stephanie (Hg.): Identity struggles: evidence from workplaces around the world. Amsterdam: John Benjamins, 95-123.
  • Heritage, John (2012): Epistemics in action. Action formation and territories of knowledge. Research on Language and Social Interaction 45(1), 1–29.
  • Mondada, Lorenza (2011): The management of knowledge discrepancies and of epistemic changes in institutional interaction. In Stivers, Mondada & Steensig (Hrsg.): The Morality of Knowledge in Conversation. Cambridge: Cambridge University Press, 3-24.
  • Stivers, Tanya , Mondada, Lorenza & Steensig, Jacob (Hrsg.) (2011): The Morality of Knowledge in Conversation. Cambridge: Cambridge University Press.
  • Raymond, Geoffrey & Heritage, John (2005): The Terms of Agreement: Indexing Epistemic Authority and Subordination in Talk-in-Interaction. Social Psychology Quarterly 68(1), 15–38.
  • Stivers, Tanya , Mondada, Lorenza & Steensig, Jacob (Hrsg.) (2011): The Morality of Knowledge in Conversation. Cambridge: Cambridge University Press.
  • Reineke, Silke (2018): Interaktionale Analysen kognitiver Phänomene. Wissenszuschreibungen mit der Modalpartikel ja. https://doi.org/10.1515/9783110575484-189
  • Vincze, L., Bongelli, R. & Riccioni, I. (2016): Ignorance-unmasking questions in the Royal–Sarkozy presidential debate: A resource to claim epistemic authority. Discourse Studies,18, 430-454.

Weiterführende Literatur

  • Deppermann, Arnulf (2015): Wissen im Gespräch: Voraussetzung und Produkt, Gegenstand und Ressource. InList No. 57 (http://www.inlist.uni-bayreuth.de/issues/57/index.htm, letzter Zugriff am 23.11.2020)

Zitiervorschlag

Wilton, Antje (2021): Artikel Epistemischer Status. In: Diskursmonitor. Glossar zur strategischen Kommunikation in öffentlichen Diskursen. Hg. von der Forschungsgruppe Diskursmonitor und Diskursintervention. Veröffentlicht am 16.2.2021. Online unter: https://diskursmonitor.de/glossar/epistemischer-status/