DiskursGlossar

Berichterstattungsmuster

Kategorie: Techniken
Verwandte Ausdrücke: Anwaltschaftlicher Journalismus, konstruktiver Journalismus, aktiver Journalismus, activist journalism, Informationsjournalismus, investigativer Journalismus
Siehe auch: Ökonomisierung, Elite, Adbusting, Entlarven, Moralisierung
Autor: Klaus-Dieter Altmeppen
Version: 1.1 / Datum: 27.8.2021

Kurzzusammenfassung

Berichterstattungsmuster, wie anwaltschaftlicher Journalismus, activist journalism und konstruktiver Journalismus, sind komplexe analytische Einheiten. Die Komplexität entsteht aus den unterschiedlichen Ebenen, die zusammengeführt werden in Berichterstattungsmustern. Sie symbolisieren Funktionen des Journalismus (informieren, kritisieren und kontrollieren, unterhalten) ebenso wie Ziele und Praktiken von Redaktionen (Gewinnmaximierung) und sie verweisen auf berufsstrukturelle Aspekte (Rollenselbstverständnis, Wert- und Normvorstellungen). Berichterstattungsmuster sind aufgrund dieser Merkmale tief in die beruflichen Praktiken der Journalist:innen eingewoben, und sie prägen dadurch die Auswahl und die Gestaltung von Themen.

Die Forschung untersucht mit Berichterstattungsmustern die Regeln, Standards und Verfahren der Aussagenproduktion im Journalismus, um mit dieser Art von Ordnung Journalismus über gemeinsame Strukturmerkmale zu identifizieren und um Übereinstimmungen und Unterschiede der verschiedenen Formen von Journalismus erkennen zu können, um also beispielsweise anwaltschaftlichen und aktiven Journalismus zu differenzieren.

Während es für eine ganze Reihe von Berichterstattungsmustern wie Informationsjournalismus, investigativer Journalismus oder auch Bürgerjournalismus umfangreichere Analysen, theoretische Erklärungen und begriffliche Präzisierungen gibt (vgl. Weischenberg 1995; Wyss 2001, 259-284), sind der anwaltschaftliche, der aktive und der konstruktive Journalismus eher randständige Themen.

Erweiterte Begriffsklärung

Als anwaltschaftlicher Journalismus wird ein Berichterstattungsmuster bezeichnet, dem entsprechend Journalist:innen Partei ergreifen bei der Darstellung von Standpunkten, die in den Medien unterrepräsentiert sind. Dabei kann es um die Interessen von Minderheiten gehen, ebenso aber um die von (machtlosen) Mehrheiten (z.B. Frauen, Arbeiter:innen), deren Standpunkte in den Medien unverhältnismäßig wenig Gehör finden. Beim anwaltschaftlichen Journalismus handelt es sich nicht zwangsläufig um Meinungsjournalismus, aber die Position der Neutralität wird aufgegeben (vgl. Altmeppen 2016, 132-137).

Anwaltschaftlicher Journalismus füllt die Lücken in der Berichterstattung auf, die der Informationsjournalismus mit seiner Konzentration auf objektive, aktuelle Nachrichten hinterlässt. Themen des anwaltschaftlichen Journalismus sind die gesellschaftlichen Ereignisse, die durch die dominante Nachrichtenauswahl nicht oder wenig thematisiert werden: z.B. die Arbeitswelt (fernab der Glasbüros), z.B. Umweltprobleme und Bevölkerungsgruppen, die „über eine gegenüber den mächtigen, in der Öffentlichkeit dominierenden Meinungsträgern zu gering entwickelte Fähigkeit der Meinungsartikulation und Selbstdarstellung verfügen und keinen Zugang zu den Medien haben“ (Hömberg/Fabris 1983, 276).

Konstruktiver Journalismus ist ein Begriff für ein Bündel an unterschiedlichen Strategien und Praktiken. Auch ,Constructive News‘, ,kritisch-konstruktiver Journalismus‘ oder ,Solutions Journalism‘ bzw. ,lösungsorientierter Journalismus‘ wird darunter gefasst (vgl. Meier 2018, 4-25). Konstruktiver Journalismus hat das Ziel, nicht nur die klassischen W-Fragen bei der Auswahl und Produktion von Informationen zu beantworten, sondern weitere Fragen bei Recherche und Auswahl von Themen hinzuzufügen. Das zielt insbesondere auf die Frage nach der erwartbaren Entwicklung der Themen (Und jetzt? Wie geht es weiter?) und in Verbindung mit erklärendem Kontext, Zusammenhängen und Lösungs- und Handlungsmöglichkeiten um ein ganzheitliches Bild. Dabei werden die negativen Seiten eines Themas nicht ausgeblendet, aber durch konstruktive Gedanken dazu ergänzt.

Auf der Mikroebene sollen Nutzer:innen positiver denken nach konstruktiven Beiträgen, sie sollen Hoffnungen oder Lösungen bewusst wahrnehmen und nicht nur mit Problemen belastet werden (vgl. Krüger 2016, 173-182). Auf der Mesoebene sollen Medienunternehmen eine bessere Bindung beim Publikum erreichen, Reichweiten erhöhen und Medienmarken positiv positionieren. Auf der Makroebene sollen in der Berichterstattung angebotene Lösungen und Perspektiven für soziale Probleme einen Fortschritt der Gesellschaft bewirken und zu gesellschaftlichem Engagement und Nachahmung ermutigen.

Activist journalism ist ein relativ neues Berichterstattungsmuster, für das es noch kaum eine deutschsprachige Entsprechung gibt. Aktiver Journalismus entspricht in weiten Teilen dem anwaltschaftlichen Journalismus, da er sich für Personen, Gruppen oder Institutionen einsetzt. Sonia Nazario, Pulitzerpreisträgerin, fasst es in ihre eigenen Worte: „Being in the middle of the action, I could put reader there, too.“ (Nazario o.J.).

Diese Art von parteiisch sein wird in Deutschland mittlerweile verstärkt in Ratgebersendungen des Fernsehens praktiziert. ,Markt greift ein‘, unter diesem Motto werden Probleme von Verbraucher:innen mit Unternehmen (Telekommunikationsfirmen, Möbelhändlern) aufgespießt und regelmäßig im Sinne der Verbraucher:innen gelöst. Formen des aktiven Journalismus sind zudem mit Selbstpersonalisierung der Journalist:innen in den Beiträgen verbunden: Ich fahre nach Y, um X zu befragen. Ich treffe X, um ihn nach den Gründen für A zu fragen.

Mit dem Anspruch, anwaltlich aufzutreten, richten diese Journalismusformen manche ihrer Relevanzkriterien anders aus als andere Berichterstattungsmuster. Nicht das, was für viele interessant ist oder das, was aktuell von Interesse ist, wird als Thema ausgewählt, sondern das, was Personen oder Gruppen angeht, die üblicherweise nicht im Fokus der Berichterstattung stehen. Die Wege der Recherche, die Darstellungsformen, die Themen werden dem Verständnis der alternativen Journalismusformen angepasst.

Beispiele und Probleme

Anwaltschaftlicher Journalismus stammt wie viele andere Berichterstattungsmuster aus den Vereinigten Staaten. Dort ist er, als ,advocacy journalism‘, in den sechziger Jahren entstanden. Die Konflikte rund um Bürgerrechtsbewegungen und Vietnamkriegsgegner „sensibilisierten die Öffentlichkeit für Probleme, die in den Massenmedien bisher nicht präsent waren.“ (Hömberg/Fabris 1983, 276). Als eine Reaktion im Journalismus entstand das anwaltschaftliche Berichterstattungsmuster, das sich auch in Deutschland ausbreitete, wenn auch sehr spärlich. Auch der konstruktive und der aktive Journalismus können diesem Entstehungsgrund zugerechnet werden.

Während die Randstellung des anwaltschaftlichen Journalismus in den letzten Jahrzehnten noch zugenommen hat, verharren konstruktiver und aktiver Journalismus in Nischen. Dies hat weniger damit zu tun, dass deren „demokratietheoretisch zu begrüßende Funktion“ (Wallisch 1995, 65) nicht mehr erforderlich ist, es rührt vielmehr aus dem Wandel des Mediensystems, in dem frühere gesellschaftskritische Funktionen nicht kompatibel mit der Massenfähigkeit angesehen werden. Journalismus wird nicht mehr danach beurteilt, welche Relevanz er für die gesellschaftliche Kommunikation und die Herstellung notwendiger kritischer Öffentlichkeiten hat, sondern danach, ob er massentauglich ist. Dabei rücken vordergründige Kriterien der Auswahl von Nachrichten wie Relevanz und Aktualität ins Zentrum, der Wille von einzelnen Journalist:innen wie von journalistischen Organisationen, anwaltschaftlichen, konstruktiven oder aktiven Journalismus zu betreiben, ist entscheidend dafür, dass diese Berichterstattungsmuster existieren. Der Wille aber ist zunehmend weniger vorhanden.

Für anwaltschaftlichen und aktivistischen Journalismus sind insbesondere solche Themen relevant, die für Gerechtigkeitsproblematiken stehen. Nicht nur die etablierten Eliten, sondern ebenso Minoritäten und randständige Interessen, die nicht durch wohl organisierte Gruppen gefördert werden, müssen Zugangsmöglichkeiten zur Berichterstattung erhalten. Ein zentraler Begriff in diesem Zusammenhang ist der der Fairness. Viele von Berichterstattung Betroffene beklagen, nicht fair behandelt zu werden. Je anwaltschaftlicher die Berichterstattung ist, umso schärfer sind die Reaktionen der Betroffenen.

Bedrohlicher für die weitere Existenz alternativer Berichterstattungsmuster sind jedoch die Wandlungen im Gefüge von Gesellschaft, Mediensystem und Publikumssegmenten. Die damit einhergehende Ökonomisierung verdrängt anwaltschaftliche Berichterstattung, begründet wird das mit der Notwendigkeit objektiver Berichterstattung. Dabei gibt es gute Gründe dafür, nicht sklavisch am Ideal eines objektiven Journalismus festzuhalten (Altmeppen/Arnold/Kössler 2012). Das wird einsichtig schon allein daraus, dass auch Journalist:innen, die ihre soziale Verantwortung ernst nehmen, in ihrer Arbeit aber die Mächtigen kritisieren sowie Skandale, Machtmissbrauch und Korruption aufdecken, schwerlich ausgewogene Berichterstattung leisten können, die alle Parteien fair behandelt. Die, die kritisiert werden, werden immer über unfaire Berichterstattung zetern.

Es lassen sich permanent Beispiele dafür finden, dass journalistische Berichterstattung nicht fair im Sinne von ausgleichend sein kann und auch gar nicht fair sein soll in bestimmten Fällen. Die Missbrauchsfälle in den Kirchen, die Korruption im Sport, die Betrügereien der Großbanken, die demokratiefeindlichen Pöbeleien von Neo-Nazis sind Ereignisse, deren Narration in den Medien nach Fairnessregeln, ausgewogen und objektiv, nicht korrekt wiedergegeben werden könnten.

Journalist:innen sollen, und bei anwaltschaftlichem, konstruktivem und aktivem Journalismus müssen sie in bestimmten Fällen diejenigen, die die Regeln brechen, ‚unfair‘ behandeln. Für diese Position, dass Journalist:innen gar nicht ausgewogen berichten können, wenn sie als Anwälte auftreten für diejenigen, die selbst unfair oder verbrecherisch behandelt werden, gibt es gute Gründe, denn es ist ihre Aufgabe, aktiv einzugreifen für diejenigen, die keine Lobby haben in den gesellschaftlichen Entscheidungsprozessen.

Literatur

Zitierte Literatur

  • Altmeppen, Klaus-Dieter (2016): Anwaltschaftlicher Journalismus. In: Jessica Heesen (Hrsg.): Handbuch Medien- und Informationsethik. Stuttgart, 132-137.
  • Altmeppen, Klaus-Dieter; Arnold, Klaus; Kössler, Tanja (2012): Are the Media Capable of Fair Reporting? Remarks on the Principle of Fairness in Professional Journalism. In: Kals, Elisabeth; Maes, Jürgen (Hrsg.): Justice and Con-flicts. Theoretical and Empirical Contributions. Berlin/Heidelberg, 329-343.
  • Hömberg, Walter; Fabris, Hans Heinz (1983): Die politische Rolle des Journalisten. In: Decker, Horst (Hrsg.): Einführung in die Kommunikationswissenschaft. München, 276.
  • Wallisch, Gianluca (1995): Journalistische Qualität. Definitionen – Modelle – Kritik. Konstanz, 65. 
  • Krüger, Uwe (2016): Solutions Journalism. In: Deutscher Fachjournalisten-Verband (Hrsg.): Journalistische Genres. Konstanz, 173-182.
  • Nazario, Sonia (o.J.): „From Journalist to Activist“. Zugegriffen 24. August 2021. https://www.pulitzer.org/article/journalist-activist.
  • Meier, Klaus (2018): Wie wirkt Konstruktiver Journalismus? Ein neues Berichterstattungsmuster auf dem Prüfstand. In: Journalistik. Zeitschrift für Journalismusforschung 1. Jg.(1), 4-25.
  • Michael, Hendrik (2020): Die Sozialreportage als Genre der Massenpresse : Erzählen im Journalismus und die Vermittlung städtischer Armut in Deutschland und den USA (1880-1910). Bremen.
  • Weischenberg, Siegfried (1995): Journalistik. Theorie und Praxis aktueller Medienkommunikation. Band 2: Medientechnik, Medienfunktionen, Medienakteure. Opladen.
  • Wyss, Vinzenz (2001): Journalismusforschung. In: Otfried Jarren/Heinz Bonfadelli (Hrsg.): Einführung in die Publizistikwissenschaft. 3. Auflage. Bern u.a., 259-284.

Zitiervorschlag

Altmeppen, Klaus-Dieter (2021): Artikel Berichterstattungsmuster. In: Diskursmonitor. Glossar zur strategischen Kommunikation in öffentlichen Diskursen. Hg. von der Forschungsgruppe Diskursmonitor und Diskursintervention. Veröffentlicht am 27.8.2021. Online unter: https://diskursmonitor.de/glossar/berichterstattungsmuster.

Grundbegriffe

Korpus

In den Sprach- als auch Literaturwissenschaften versteht man unter Korpora ganz allgemein Textsammlungen.

Protest

Protest ist die kollektive Artikulation von Unbehagen, Kritik oder Veränderungswillen, der sich in bestimmten Handlungen außerhalb etablierter institutioneller Kanäle des politischen Systems äußert. Organisiert wird Protest meist von Initiativen, politischen Gruppierungen oder sozialen Bewegungen in Form von Petitionen, Flugblattaktionen, Demonstrationen, Blockaden, Streiks, Happenings und andere Interventionen in der Öffentlichkeit – in direkter Präsenz, unter Einsatz des Körpers oder auch im virtuellen Raum.

Erzählen

Erzählen ist eine rekonstruktive und kommunikative Tätigkeit, in der für gewöhnlich eine vermittelnde Instanz ein Geschehen darstellt. Die Darstellung kann ein/e ErzählerIn vornehmen (entspricht einer engen Definition des Erzählens) oder sie kann medial anders – beispielsweise filmisch – dargeboten werden (entspricht einer weiten Definition des Erzählens). Dabei beruht das dargestellte Geschehen auf mindestens einem Ereignis.

Konnotation

Konnotation ist ein Fachbegriff, mit dem in der Sprachwissenschaft und benachbarten Disziplinen die Nebenbedeutung (oder der ‚Nebensinn‘) eines Ausdrucks bezeichnet wird. Die konnotative Bedeutung umfasst oft wertende (evaluative) oder handlungsauffordernde (deontische) Aspekte, die mit dem Gebrauch eines Ausdrucks aufgerufen werden können.

Framing

Kommunikationswissenschaftlicher Fachausdruck für den Deutungs- und Bewertungsrahmen, der durch einen politischen Begriff aufgerufen oder ihm fallweise beigegeben wird.

Dramaturgie

Im Rahmen strategischer Kommunikation steht Dramaturgie als Beschreibungsbegriff für den gezielten Rückgriff auf typische dramatische Muster bei der Inszenierung von Ereignissen.

Schlagwort

Im Feld der politischen Kommunikation sind Schlagwörter Ausdrücke, mit denen Positionen, Programme, Tendenzen oder Sachverhalte in verdichteter Form, wertend und mit emotionaler Aufladung präsentiert werden, z.B. als (positiv besetzte) Fahnenwörter wie Demokratie, als (negativ besetzte) Stigmawörter wie Chaot oder als Hochwertwörter wie Kultur.

Guerillakommunikation

Guerillakommunikation steht für die Beobachtung, dass es Formen der Kommunikation gibt, die von normalen bzw. als normal geltenden Kommunikationsformen abweichen und mit diesen in Konflikt stehen. Die Markierung als Guerillakommunikation (von span. guerrilla = Kleinkrieg) verweist dabei auf asymmetrische Konflikte, die aus einer unterlegenen Position heraus kommunikativ ausgetragen werden.

Techniken

Lexikalisches Diffundieren

Lexikalisches Diffundieren besteht darin, Begriffe – vor allem Positivbegriffe, die eng mit dem politischen Gegner assoziiert werden – zu meiden und zu ‚ersetzen‘ durch eine Anzahl wechselnder bedeutungsähnlicher Begriffe jenseits des Vokabulars, das dem politischen Gegner zugerechnet wird.

Euphemismus

Der Ausdruck Euphemisierung ist eine sprachliche Strategie, die den Einsatz von sprachlichen Mitteln mit verhüllender, verschleiernder, beschönigender, abschwächender Funktion im öffentlichen Sprachgebrauch meint.

Adbusting

Adbusting (Englisch: aus „ad“ – Kurzform von „advertisement“ = ‚Werbung‘ und „to bust“ = ugs. ‚zerschlagen‘) ist die Bezeichnung für eine Reihe von kommunikativen Praktiken, die zur Verfremdung kommerzieller und politischer Werbung im öffentlichen Raum eingesetzt werden. Heutzutage spielen die Sozialen Medien eine zunehmende Rolle, da erstens digitale Bearbeitungstechniken eingesetzt werden können und zweitens durch jene ein ungleich größeres Publikum erreicht wird.

False Flag

« Zurück zur ArtikelübersichtFalse Flag (Operation) Kategorie: TechnikenVerwandte Ausdrücke: Lockspitzel, agent provocateurSiehe auch: Guerillakommunikation, Propaganda, Fake-News, Täuschung, CamouflageAutorin: Christin Kölsch, Friedemann VogelVersion: 1.0 / Datum:...

Entlarven

Entlarven ist als kritische Alltagstechnik zentral und allgegenwärtig, und aus diesem Grund so gut wie unsichtbar und wenig reflektiert. Entlarven besteht darin, das erklärte hohe Motiv einer Handlung durch Zuschreibung eines niedrigeren Motivs zu ersetzen.

Nudging

Nudging (Englisch: Schubsen, Stupsen) ist die Bezeichnung für eine Technik und Praxis strategischer Kommunikation. Dem Anspruch nach soll durch Nudging Verhalten ohne Zwang gelenkt werden, und zwar durch Veränderung der Rahmenbedingungen für Entscheidungen: durch bestimmte Voreinstellungen (z.B. Zustimmung gilt als normal, Abweichung muss markiert werden), Symbole oder auch materielle Arrangements (Barrieren, Markierungen). Nudges sind für die Adressaten oft nicht erkennbar, gleichwohl gehört Nudging inzwischen zum Repertoire aktueller Regierungstechniken.

Inszenierung

Inszenierung ist ursprünglich ein Begriff aus der Sphäre der (dramatischen) Kunst, des Theaters, der in den Kontext von Kommunikation gewandert ist. Inszenierung bezeichnet die Nutzung der Mittel des Theaters, um etwas zur Erscheinung zu bringen, „in Szene“ zu setzen. Dazu werden die Möglichkeiten der verschiedenen Zeichensysteme (sprachliche, visuelle, gestische) genutzt, darüber hinaus die Koordination in Raum und Zeit und das Spiel mit Rollen.

Propaganda

Propaganda als Kommunikationstechnik und -praxis umfasst eine Vielzahl von sprachlichen und visuellen, meist mediengestützten Formen der gezielten Beeinflussung und Steuerung des Denkens, Fühlens und Handelns von Menschen.

Schlagwörter

Geschlechtergerechte Sprache

Mit dem heute als Fahnenwort gebrauchten Ausdruck geschlechtergerechte Sprache ist die Forderung verbunden, bei Personenbezeichnungen die einseitige, für diskriminierend erklärte Bezugnahme auf einen bestimmten Sexus, konkret: auf das männliche Geschlecht, zu unterlassen.

Identitätspolitik

Der Ausdruck steht heute für eine politische Konstellation, in der konkurrierende Wir-Gemeinschaften mit einer Diskriminierungs- und Benachteiligungsgeschichte in der Öffentlichkeit um Anerkennung konkurrieren. An der Oberfläche geht es ‚identitären‘ Wir-Gemeinschaften darum, die eigene Diskriminierung als Ermächtigungsmotiv an die Öffentlichkeit zu tragen.

Cancel Culture

Cancel Culture ist ein Kampf- und Stigmawort, das sich in skandalisierender Absicht gegen die Praxis (und oft auch bereits gegen die Forderung) des Absagens, Ausladens, Boykottierens moralisch missliebiger und politisch bekämpfter Personen, Organisationen und Positionen in Wissenschaft, Kultur und Politik wendet.

Elite

Einmal wird unter Elite eine Auswahl der Besten und Leistungsfähigsten verstanden, einmal in distanzierender Weise eine abgehobene ‚Kaste‘ der Reichen und Mächtigen im Gegensatz zum Volk. Erstere Variante wird in der Regel zur Verteidigung der etablierten Ordnung verwendet, letztere vor allem von Rechtspopulisten.

Greenwashing

Unternehmen, Regierungen, Parteien oder Organisationen bedienen sich verschiedener Praktiken, um ihr Handeln in der Öffentlichkeit ökologischer und nachhaltiger darzustellen, als es tatsächlich ist.

Altpartei

Der Ausdruck Altpartei wird in jüngerer Zeit häufig im Kontext des Aufstiegs des Rechtspopulismus und der AfD gebraucht. Dabei lassen sich hauptsächlich zwei Gebrauchsvarianten beobachten: Einerseits richtet sich der Ausdruck in abwertender Weise gegen etablierte Parteien, andererseits taucht er oft in sprachkritischen Kontexten auf, wo seine Verwendung und seine Sprecher kritisiert oder diskreditiert werden.

Verschwörungstheorie

Der Ausdruck gibt sich in der medialen Öffentlichkeit als analytisches Konzept, ist aber zugleich performativ hoch wirksam als Ausschluss aller erfolgreich so benannten Konzepte aus der rationalen öffentlichen Kommunikation.

Inklusion

Inklusion hat sich, ausgehend von einem soziologischen Fachterminus gleichen Namens, in den zwei vergangenen Jahrzehnten zu einem interdiskursiven und allgemeinen Programmbegriff gewandelt.

Innovation

Innovation gehört seit den 60er Jahren zu den häufig verwendeten Schlag– bzw. Fahnenwörtern, vor allem in den Feldern von Ökonomie und Politik. Konzepte und Vorhaben mit der Überschrift Innovation werden oft als Sachzwänge dargestellt, gegen die Einwände als nicht legitim erscheinen.

Postwachstum

Postwachstum ist im deutschsprachigen Diskurs Beschreibungsbegriff und Forderung zugleich: In einer Welt mit endlichen natürlichen Ressourcen müsse die bisher von Wirtschaftswachstum und Ausbeutung abhängige globale Ökonomie radikal verändert werden, um langfristig die menschliche Existenz zu sichern.

Verschiebungen

Ökonomisierung

Ökonomisierung wird in gegenwärtigen Diskursen in der Regel zur Bezeichnung von Prozessen verwendet, in denen die spezifisch wirtschaftlichen Funktions-Elemente wie Markt, Wettbewerb/Konkurrenz, Kosten-Nutzen-Kalküle, Effizienz, Gewinnorientierung in Bereiche übertragen werden, die zuvor teilweise oder ganz nach anderen Leitkriterien ausgerichtet waren

Moralisierung

Moralisierung verlagert Macht- und Interessenkonflikte in die Sphäre der Kommunikation von Achtung / Missachtung. Sie reduziert Ambivalenz zugunsten einer Polarisierung von gut und böse.

Konstellationen