DiskursGlossar

Berichterstattungsmuster

Kategorie: Techniken
Verwandte Ausdrücke: Anwaltschaftlicher Journalismus, konstruktiver Journalismus, aktiver Journalismus, activist journalism, Informationsjournalismus, investigativer Journalismus
Siehe auch: Ökonomisierung, Elite, Adbusting, Entlarven, Moralisierung
Autor: Klaus-Dieter Altmeppen
Version: 1.1 / Datum: 27.8.2021

Kurzzusammenfassung

Berichterstattungsmuster, wie anwaltschaftlicher Journalismus, activist journalism und konstruktiver Journalismus, sind komplexe analytische Einheiten. Die Komplexität entsteht aus den unterschiedlichen Ebenen, die zusammengeführt werden in Berichterstattungsmustern. Sie symbolisieren Funktionen des Journalismus (informieren, kritisieren und kontrollieren, unterhalten) ebenso wie Ziele und Praktiken von Redaktionen (Gewinnmaximierung) und sie verweisen auf berufsstrukturelle Aspekte (Rollenselbstverständnis, Wert- und Normvorstellungen). Berichterstattungsmuster sind aufgrund dieser Merkmale tief in die beruflichen Praktiken der Journalist:innen eingewoben, und sie prägen dadurch die Auswahl und die Gestaltung von Themen.

Die Forschung untersucht mit Berichterstattungsmustern die Regeln, Standards und Verfahren der Aussagenproduktion im Journalismus, um mit dieser Art von Ordnung Journalismus über gemeinsame Strukturmerkmale zu identifizieren und um Übereinstimmungen und Unterschiede der verschiedenen Formen von Journalismus erkennen zu können, um also beispielsweise anwaltschaftlichen und aktiven Journalismus zu differenzieren.

Während es für eine ganze Reihe von Berichterstattungsmustern wie Informationsjournalismus, investigativer Journalismus oder auch Bürgerjournalismus umfangreichere Analysen, theoretische Erklärungen und begriffliche Präzisierungen gibt (vgl. Weischenberg 1995; Wyss 2001, 259-284), sind der anwaltschaftliche, der aktive und der konstruktive Journalismus eher randständige Themen.

Erweiterte Begriffsklärung

Als anwaltschaftlicher Journalismus wird ein Berichterstattungsmuster bezeichnet, dem entsprechend Journalist:innen Partei ergreifen bei der Darstellung von Standpunkten, die in den Medien unterrepräsentiert sind. Dabei kann es um die Interessen von Minderheiten gehen, ebenso aber um die von (machtlosen) Mehrheiten (z.B. Frauen, Arbeiter:innen), deren Standpunkte in den Medien unverhältnismäßig wenig Gehör finden. Beim anwaltschaftlichen Journalismus handelt es sich nicht zwangsläufig um Meinungsjournalismus, aber die Position der Neutralität wird aufgegeben (vgl. Altmeppen 2016, 132-137).

Anwaltschaftlicher Journalismus füllt die Lücken in der Berichterstattung auf, die der Informationsjournalismus mit seiner Konzentration auf objektive, aktuelle Nachrichten hinterlässt. Themen des anwaltschaftlichen Journalismus sind die gesellschaftlichen Ereignisse, die durch die dominante Nachrichtenauswahl nicht oder wenig thematisiert werden: z.B. die Arbeitswelt (fernab der Glasbüros), z.B. Umweltprobleme und Bevölkerungsgruppen, die „über eine gegenüber den mächtigen, in der Öffentlichkeit dominierenden Meinungsträgern zu gering entwickelte Fähigkeit der Meinungsartikulation und Selbstdarstellung verfügen und keinen Zugang zu den Medien haben“ (Hömberg/Fabris 1983, 276).

Konstruktiver Journalismus ist ein Begriff für ein Bündel an unterschiedlichen Strategien und Praktiken. Auch ,Constructive News‘, ,kritisch-konstruktiver Journalismus‘ oder ,Solutions Journalism‘ bzw. ,lösungsorientierter Journalismus‘ wird darunter gefasst (vgl. Meier 2018, 4-25). Konstruktiver Journalismus hat das Ziel, nicht nur die klassischen W-Fragen bei der Auswahl und Produktion von Informationen zu beantworten, sondern weitere Fragen bei Recherche und Auswahl von Themen hinzuzufügen. Das zielt insbesondere auf die Frage nach der erwartbaren Entwicklung der Themen (Und jetzt? Wie geht es weiter?) und in Verbindung mit erklärendem Kontext, Zusammenhängen und Lösungs- und Handlungsmöglichkeiten um ein ganzheitliches Bild. Dabei werden die negativen Seiten eines Themas nicht ausgeblendet, aber durch konstruktive Gedanken dazu ergänzt.

Auf der Mikroebene sollen Nutzer:innen positiver denken nach konstruktiven Beiträgen, sie sollen Hoffnungen oder Lösungen bewusst wahrnehmen und nicht nur mit Problemen belastet werden (vgl. Krüger 2016, 173-182). Auf der Mesoebene sollen Medienunternehmen eine bessere Bindung beim Publikum erreichen, Reichweiten erhöhen und Medienmarken positiv positionieren. Auf der Makroebene sollen in der Berichterstattung angebotene Lösungen und Perspektiven für soziale Probleme einen Fortschritt der Gesellschaft bewirken und zu gesellschaftlichem Engagement und Nachahmung ermutigen.

Activist journalism ist ein relativ neues Berichterstattungsmuster, für das es noch kaum eine deutschsprachige Entsprechung gibt. Aktiver Journalismus entspricht in weiten Teilen dem anwaltschaftlichen Journalismus, da er sich für Personen, Gruppen oder Institutionen einsetzt. Sonia Nazario, Pulitzerpreisträgerin, fasst es in ihre eigenen Worte: „Being in the middle of the action, I could put reader there, too“ (Nazario o.J.).

Diese Art von parteiisch sein wird in Deutschland mittlerweile verstärkt in Ratgebersendungen des Fernsehens praktiziert. ,Markt greift ein‘, unter diesem Motto werden Probleme von Verbraucher:innen mit Unternehmen (Telekommunikationsfirmen, Möbelhändlern) aufgespießt und regelmäßig im Sinne der Verbraucher:innen gelöst. Formen des aktiven Journalismus sind zudem mit Selbstpersonalisierung der Journalist:innen in den Beiträgen verbunden: Ich fahre nach Y, um X zu befragen. Ich treffe X, um ihn nach den Gründen für A zu fragen.

Mit dem Anspruch, anwaltlich aufzutreten, richten diese Journalismusformen manche ihrer Relevanzkriterien anders aus als andere Berichterstattungsmuster. Nicht das, was für viele interessant ist oder das, was aktuell von Interesse ist, wird als Thema ausgewählt, sondern das, was Personen oder Gruppen angeht, die üblicherweise nicht im Fokus der Berichterstattung stehen. Die Wege der Recherche, die Darstellungsformen, die Themen werden dem Verständnis der alternativen Journalismusformen angepasst.

Beispiele und Probleme

Anwaltschaftlicher Journalismus stammt wie viele andere Berichterstattungsmuster aus den Vereinigten Staaten. Dort ist er, als ,advocacy journalism‘, in den sechziger Jahren entstanden. Die Konflikte rund um Bürgerrechtsbewegungen und Vietnamkriegsgegner „sensibilisierten die Öffentlichkeit für Probleme, die in den Massenmedien bisher nicht präsent waren“ (Hömberg/Fabris 1983, 276). Als eine Reaktion im Journalismus entstand das anwaltschaftliche Berichterstattungsmuster, das sich auch in Deutschland ausbreitete, wenn auch sehr spärlich. Auch der konstruktive und der aktive Journalismus können diesem Entstehungsgrund zugerechnet werden.

Während die Randstellung des anwaltschaftlichen Journalismus in den letzten Jahrzehnten noch zugenommen hat, verharren konstruktiver und aktiver Journalismus in Nischen. Dies hat weniger damit zu tun, dass deren „demokratietheoretisch zu begrüßende Funktion“ (Wallisch 1995, 65) nicht mehr erforderlich ist, es rührt vielmehr aus dem Wandel des Mediensystems, in dem frühere gesellschaftskritische Funktionen nicht kompatibel mit der Massenfähigkeit angesehen werden. Journalismus wird nicht mehr danach beurteilt, welche Relevanz er für die gesellschaftliche Kommunikation und die Herstellung notwendiger kritischer Öffentlichkeiten hat, sondern danach, ob er massentauglich ist. Dabei rücken vordergründige Kriterien der Auswahl von Nachrichten wie Relevanz und Aktualität ins Zentrum, der Wille von einzelnen Journalist:innen wie von journalistischen Organisationen, anwaltschaftlichen, konstruktiven oder aktiven Journalismus zu betreiben, ist entscheidend dafür, dass diese Berichterstattungsmuster existieren. Der Wille aber ist zunehmend weniger vorhanden.

Für anwaltschaftlichen und aktivistischen Journalismus sind insbesondere solche Themen relevant, die für Gerechtigkeitsproblematiken stehen. Nicht nur die etablierten Eliten, sondern ebenso Minoritäten und randständige Interessen, die nicht durch wohl organisierte Gruppen gefördert werden, müssen Zugangsmöglichkeiten zur Berichterstattung erhalten. Ein zentraler Begriff in diesem Zusammenhang ist der der Fairness. Viele von Berichterstattung Betroffene beklagen, nicht fair behandelt zu werden. Je anwaltschaftlicher die Berichterstattung ist, umso schärfer sind die Reaktionen der Betroffenen.

Bedrohlicher für die weitere Existenz alternativer Berichterstattungsmuster sind jedoch die Wandlungen im Gefüge von Gesellschaft, Mediensystem und Publikumssegmenten. Die damit einhergehende Ökonomisierung verdrängt anwaltschaftliche Berichterstattung, begründet wird das mit der Notwendigkeit objektiver Berichterstattung. Dabei gibt es gute Gründe dafür, nicht sklavisch am Ideal eines objektiven Journalismus festzuhalten (vgl. Altmeppen/Arnold/Kössler 2012). Das wird einsichtig schon allein daraus, dass auch Journalist:innen, die ihre soziale Verantwortung ernst nehmen, in ihrer Arbeit aber die Mächtigen kritisieren sowie Skandale, Machtmissbrauch und Korruption aufdecken, schwerlich ausgewogene Berichterstattung leisten können, die alle Parteien fair behandelt. Die, die kritisiert werden, werden immer über unfaire Berichterstattung zetern.

Es lassen sich permanent Beispiele dafür finden, dass journalistische Berichterstattung nicht fair im Sinne von ausgleichend sein kann und auch gar nicht fair sein soll in bestimmten Fällen. Die Missbrauchsfälle in den Kirchen, die Korruption im Sport, die Betrügereien der Großbanken, und die demokratiefeindlichen Pöbeleien von Neo-Nazis sind Ereignisse, deren Narration in den Medien nach Fairnessregeln, ausgewogen und objektiv, nicht korrekt wiedergegeben werden könnten.

Journalist:innen sollen, und bei anwaltschaftlichem, konstruktivem und aktivem Journalismus müssen sie in bestimmten Fällen diejenigen, die die Regeln brechen, ‚unfair‘ behandeln. Für diese Position, dass Journalist:innen gar nicht ausgewogen berichten können, wenn sie als Anwälte auftreten für diejenigen, die selbst unfair oder verbrecherisch behandelt werden, gibt es gute Gründe, denn es ist ihre Aufgabe, aktiv einzugreifen für diejenigen, die keine Lobby haben in den gesellschaftlichen Entscheidungsprozessen.

Literatur

Zitierte Literatur

  • Altmeppen, Klaus-Dieter (2016): Anwaltschaftlicher Journalismus. In: Jessica Heesen (Hrsg.): Handbuch Medien- und Informationsethik. Stuttgart, 132-137.
  • Altmeppen, Klaus-Dieter; Arnold, Klaus; Kössler, Tanja (2012): Are the Media Capable of Fair Reporting? Remarks on the Principle of Fairness in Professional Journalism. In: Kals, Elisabeth; Maes, Jürgen (Hrsg.): Justice and Con-flicts. Theoretical and Empirical Contributions. Berlin/Heidelberg, 329-343.
  • Hömberg, Walter; Fabris, Hans Heinz (1983): Die politische Rolle des Journalisten. In: Decker, Horst (Hrsg.): Einführung in die Kommunikationswissenschaft. München, 276.
  • Wallisch, Gianluca (1995): Journalistische Qualität. Definitionen – Modelle – Kritik. Konstanz, 65. 
  • Krüger, Uwe (2016): Solutions Journalism. In: Deutscher Fachjournalisten-Verband (Hrsg.): Journalistische Genres. Konstanz, 173-182.
  • Nazario, Sonia (o.J.): „From Journalist to Activist“. Zugegriffen 24. August 2021. https://www.pulitzer.org/article/journalist-activist.
  • Meier, Klaus (2018): Wie wirkt Konstruktiver Journalismus? Ein neues Berichterstattungsmuster auf dem Prüfstand. In: Journalistik. Zeitschrift für Journalismusforschung 1. Jg.(1), 4-25.
  • Michael, Hendrik (2020): Die Sozialreportage als Genre der Massenpresse : Erzählen im Journalismus und die Vermittlung städtischer Armut in Deutschland und den USA (1880-1910). Bremen.
  • Weischenberg, Siegfried (1995): Journalistik. Theorie und Praxis aktueller Medienkommunikation. Band 2: Medientechnik, Medienfunktionen, Medienakteure. Opladen.
  • Wyss, Vinzenz (2001): Journalismusforschung. In: Otfried Jarren/Heinz Bonfadelli (Hrsg.): Einführung in die Publizistikwissenschaft. 3. Auflage. Bern u.a., 259-284.

Zitiervorschlag

Altmeppen, Klaus-Dieter (2021): Berichterstattungsmuster. In: Diskursmonitor. Glossar zur strategischen Kommunikation in öffentlichen Diskursen. Hg. von der Forschungsgruppe Diskursmonitor und Diskursintervention. Veröffentlicht am 27.8.2021. Online unter: https://diskursmonitor.de/glossar/berichterstattungsmuster.

Grundbegriffe

Sprachpolitik / Sprachenpolitik

Sprachpolitik bezeichnet allgemein alle politischen Prozesse, die auf eine Beeinflussung der Sprachverwendung in einer Gesellschaft oder Sprachgemeinschaft abzielen. Unterschieden wird häufig zwischen Sprachenpolitik und Sprachpolitik im engeren Sinne.

Sagbarkeit

Im öffentlichen Diskurs findet sich häufig die strategische Behauptung, dass bestimmte Fakten oder Meinungen unsagbar seien. Auf diese Weise wird zum Ausdruck gebracht, dass es Grenzen des Sagbaren gebe, die im öffentlichen Diskurs Geltung hätten.

Kulturelle Grammatik

Kulturelle Grammatik steht für ein System von Regeln und/oder etablierten Regelmäßigkeiten, die Formen richtiger und/oder normaler Kommunikation und Interaktion auszeichnen.

Epistemischer Status

Als epistemischen Status bezeichnet man die Wissensbestände und -zugänge zu Ereignissen, Sachverhalten und Personen, die Gesprächsteilnehmer*innen ihrem Gegenüber in der Interaktion zuschreiben.

Politische Kommunikation

Politische Kommunikation findet überall dort statt, wo Menschen als Teil von sozialen Gruppen mit unterschiedlichen Bedürfnissen und Interessen aufeinandertreffen und über das einzelne Individuum hinaus geltende Regeln des Zusammenlebens aushandeln.

Topos

Ein Topos (Plural: Topoi) ist als ein Argumentationsmuster ein allgemeines Formprinzip, nach dem Argumente gebildet werden können. Als allgemeiner, formaler bzw. kontextabstrakter Topos kann er für oder gegen jede in Frage stehende Position angeführt werden. Topoi gehören zum kollektiven Wissen aller, die sich argumentativ äußern.

Bedeutung

Der Ausdruck Bedeutung wird sowohl in der Alltagssprache als auch in der Fachsprache nicht einheitlich verwendet. Alltagssprachlich wird auf die Bedeutung von etwas – zum Beispiel einem Wort, Gegenstand oder Gesichtsausdruck – verwiesen, wenn dessen Status in der Welt unklar ist (‚was bedeutet es, dass X‘) oder seine Wichtigkeit hervorgehoben werden soll (‚X ist bedeutend‘).

Kollektivsymbol

Zur Kollektivsymbolik einer Kultur rechnet man den gesellschaftlich geteilten Vorrat an sprachlichen, bildlichen, schematischen und anderen Ressourcen, derer sich politische und mediale Akteure bedienen, um Ereignisse und Handlungen für die Allgemeinheit deutbar und verständlich zu machen.

Strategische Kommunikation

Der Ausdruck Strategische Kommunikation bezeichnet ein Bündel an zeichenbasierten und in der Regel mediengestützten Aktivitäten, mit denen Individuen, Gruppen oder Organisationen versuchen, die Akzeptanz für ihre politischen, ökonomischen, rechtlichen oder anderweitig motivierten Interessen bei ausgewählten Zielgruppen zu halten oder zu erhöhen.

Techniken

Petition

Petitionen sind eine der am meisten genutzten Partizipationsformen nach Wahlen. Sie sind sowohl ein Mittel der politischen Beteiligung als auch ein Protestmittel und damit Zwitterwesen in der politischen Landschaft. Durch die Digitalisierung haben sich Petitionen zudem maßgeblich verändert, ihre Zahl hat zugenommen, ebenso wie die Zahl der Plattformen, auf denen sich Petitionen starten lassen.

Influencer / Influencerin

Influencer:innen sind Personen, die auf Social-Media-Plattformen regelmäßig selbst produzierte Inhalte publizieren und damit eine öffentliche Reichweite über ihre Follower:innen aufbauen. Influencer:innen haben das Potenzial, Rezipient:innen in ihrem Wissen, Einstellungen und Verhalten zu beeinflussen (engl. to influence).

Litigation PR

Der Begriff Litigation PR kombiniert das englische Wort litigation, das auf lat. ,lītigātiō‘ zurückgeht und für Rechtsstreitigkeit bzw. (Gerichts )Verfahren/Prozess steht, mit dem bekannten Begriff PR (Public Relations).

Memes

Der Begriff des Internet-Memes fasst eine relativ heterogene Gruppe digitaler – und zumeist multimodaler – Texte zusammen (zum Beispiel Videos, GIFs, Image Macros), die sich durch formale oder inhaltliche Gemeinsamkeiten auszeichnen und durch Imitations- und Aneignungsprozesse verbreiten.

Aufwertung/Meliorisierung

Von Aufwertung/Meliorisierung wird in der Linguistik dann gesprochen, wenn ein Wort, das ursprünglich als Fremdbezeichnung der Diffamierung einer bestimmten Volks- oder Personengruppe diente, von dieser selbst dann als positive Eigenbezeichnung verwendet wird.

Domain-Grabbing

In der Internetkommunikation finden sich verschiedene Praktiken, die aus Sicht von Dritten (v.a. Markenhaltern) als illegitime oder gar rechtswidrige Inanspruchnahme von Domain-Namen und damit verbundener Aufmerksamkeitssteuerung kritisiert werden.

Suchmaschinenoptimierung

Durch Suchmaschinenoptimierung (search engine optimization; SEO) wird versucht, Webseiten so zu verändern, dass sie von Suchmaschinen als besonders relevant betrachtet und entsprechend hoch in den Suchergebnissen gelistet werden.

Search Engine Advertising

Als Search Engine Advertising wird die Werbung auf den Ergebnisseiten von Suchmaschinen bezeichnet. Besondere Merkmale dieser Werbeform sind, dass die Anzeigen kontextbasiert sind und in Textform dargestellt werden.

Organizing

Unter Organizing versteht man ein Bündel von Praktiken, die zur gewerkschaftlichen oder politischen Organisierung bzw. Mobilisierung dienen. Beim methodisch reflektierten Organizing spielen Recherche, Strategieentwicklung, mehr oder minder standardisierte 1:1-Gespräche, Mapping (Erstellung einer Übersicht der Beteiligten im Betrieb oder sonstigen Aktionsfeld) und einiges mehr eine Rolle.

Affirmation

Im sprachwissenschaftlichen Sinne bezeichnet Affirmation die Behauptung oder Bejahung einer Aussage. Die affirmative Form eines Wortes oder Satzes ist das Gegenteil zur Verneinung (Negation).

Schlagwörter

Antisemitismus

Mit Antisemitismus werden gemeinhin alle jene Phänomene bezeichnet, die sich gegen das Judentum oder gegen Jüdinnen*Juden als Jüdinnen*Juden richten. Die entsprechenden Erscheinungen reichen von der bloßen Distanzierung und Behauptung jüdischer Andersartigkeit, über vollständig ausgearbeitete Weltbilder, die Jüdinnen*Juden für sämtliche Probleme verantwortlich machen, bis hin zu massiven Ausgrenzungs-, Verfolgungs- und Gewaltpraktiken.

Grammatiknazi / Grammar Nazi

Das überwiegend negativ konnotierte Schlagwort Grammatiknazi – als Übersetzung von engl. grammar nazi – wird zur Benennung von Personen verwendet, die meist in eher informellen Kontexten der öffentlichen Internetkommunikation (u. a. in Foren, Kommentarbereichen auf Nachrichtenportalen, sozialen Netzwerken) ungefragt Sprachkritik an den Äußerungen anderer (häufig fremder) Kommunikationsteilnehmer*innen üben.

Respekt

Respekt oder respektvolles Verhalten wird eingefordert für die Eigengruppe (bzw. von der Eigengruppe), für wirklich oder vermeintlich diskriminierte Gruppen, für abweichende Meinungen. Mitgemeint ist bei der Forderung nach Respekt meist eine positiv bewertete Szene der (sozialen, kulturellen, ethnischen, sexuellen etc.) Vielfalt/Diversität.

Geschlechtergerechte Sprache

Mit dem heute als Fahnenwort gebrauchten Ausdruck geschlechtergerechte Sprache ist die Forderung verbunden, bei Personenbezeichnungen die einseitige, für diskriminierend erklärte Bezugnahme auf einen bestimmten Sexus, konkret: auf das männliche Geschlecht, zu unterlassen.

Identitätspolitik

Der Ausdruck steht heute für eine politische Konstellation, in der konkurrierende Wir-Gemeinschaften mit einer Diskriminierungs- und Benachteiligungsgeschichte in der Öffentlichkeit um Anerkennung konkurrieren. An der Oberfläche geht es ‚identitären‘ Wir-Gemeinschaften darum, die eigene Diskriminierung als Ermächtigungsmotiv an die Öffentlichkeit zu tragen.

Cancel Culture

Cancel Culture ist ein Kampf- und Stigmawort, das sich in skandalisierender Absicht gegen die Praxis (und oft auch bereits gegen die Forderung) des Absagens, Ausladens, Boykottierens moralisch missliebiger und politisch bekämpfter Personen, Organisationen und Positionen in Wissenschaft, Kultur und Politik wendet.

Elite

Einmal wird unter Elite eine Auswahl der Besten und Leistungsfähigsten verstanden, einmal in distanzierender Weise eine abgehobene ‚Kaste‘ der Reichen und Mächtigen im Gegensatz zum Volk. Erstere Variante wird in der Regel zur Verteidigung der etablierten Ordnung verwendet, letztere vor allem von Rechtspopulisten.

Altpartei

Der Ausdruck Altpartei wird in jüngerer Zeit häufig im Kontext des Aufstiegs des Rechtspopulismus und der AfD gebraucht. Dabei lassen sich hauptsächlich zwei Gebrauchsvarianten beobachten: Einerseits richtet sich der Ausdruck in abwertender Weise gegen etablierte Parteien, andererseits taucht er oft in sprachkritischen Kontexten auf, wo seine Verwendung und seine Sprecher kritisiert oder diskreditiert werden.

Verschwörungstheorie

Der Ausdruck gibt sich in der medialen Öffentlichkeit als analytisches Konzept, ist aber zugleich performativ hoch wirksam als Ausschluss aller erfolgreich so benannten Konzepte aus der rationalen öffentlichen Kommunikation.

Inklusion

Inklusion hat sich, ausgehend von einem soziologischen Fachterminus gleichen Namens, in den zwei vergangenen Jahrzehnten zu einem interdiskursiven und allgemeinen Programmbegriff gewandelt.

Verschiebungen

Ökonomisierung

Ökonomisierung wird in gegenwärtigen Diskursen in der Regel zur Bezeichnung von Prozessen verwendet, in denen die spezifisch wirtschaftlichen Funktions-Elemente wie Markt, Wettbewerb/Konkurrenz, Kosten-Nutzen-Kalküle, Effizienz, Gewinnorientierung in Bereiche übertragen werden, die zuvor teilweise oder ganz nach anderen Leitkriterien ausgerichtet waren

Moralisierung

Moralisierung verlagert Macht- und Interessenkonflikte in die Sphäre der Kommunikation von Achtung / Missachtung. Sie reduziert Ambivalenz zugunsten einer Polarisierung von gut und böse.

Konstellationen

Skandal

Die Diskurskonstellation des Skandals zeichnet sich durch eine in den Medien aufgegriffene (bzw. durch sie erst hervorgerufene) empörte Reaktion eines erheblichen Teils der Bevölkerung auf einen tatsächlichen oder vermeintlichen Missstand aus. Die schuldhafte Verursachung dieses Missstandes wird dabei einem gesellschaftlichen Akteur zugeschrieben, dessen Handeln als ‚unmoralisch‘ gedeutet wird.