DiskursGlossar

Berichterstattungsmuster

Kategorie: Techniken
Verwandte Ausdrücke: Anwaltschaftlicher Journalismus, konstruktiver Journalismus, aktiver Journalismus, activist journalism, Informationsjournalismus, investigativer Journalismus
Siehe auch: Ökonomisierung, Elite, Adbusting, Entlarven, Moralisierung
Autor: Klaus-Dieter Altmeppen
Version: 1.2 / Datum: 27.08.2021

Kurzzusammenfassung

Berichterstattungsmuster, wie anwaltschaftlicher Journalismus, activist journalism und konstruktiver Journalismus, sind komplexe analytische Einheiten. Die Komplexität entsteht aus den unterschiedlichen Ebenen, die zusammengeführt werden in Berichterstattungsmustern. Sie symbolisieren Funktionen des Journalismus (informieren, kritisieren und kontrollieren, unterhalten) ebenso wie Ziele und Praktiken von Redaktionen (Gewinnmaximierung) und sie verweisen auf berufsstrukturelle Aspekte (Rollenselbstverständnis, Wert- und Normvorstellungen). Berichterstattungsmuster sind aufgrund dieser Merkmale tief in die beruflichen Praktiken der Journalist:innen eingewoben, und sie prägen dadurch die Auswahl und die Gestaltung von Themen.

Die Forschung untersucht mit Berichterstattungsmustern die Regeln, Standards und Verfahren der Aussagenproduktion im Journalismus, um mit dieser Art von Ordnung Journalismus über gemeinsame Strukturmerkmale zu identifizieren und um Übereinstimmungen und Unterschiede der verschiedenen Formen von Journalismus erkennen zu können, um also beispielsweise anwaltschaftlichen und aktiven Journalismus zu differenzieren.

Während es für eine ganze Reihe von Berichterstattungsmustern wie Informationsjournalismus, investigativer Journalismus oder auch Bürgerjournalismus umfangreichere Analysen, theoretische Erklärungen und begriffliche Präzisierungen gibt (vgl. Weischenberg 1995; Wyss 2001: 259-284), sind der anwaltschaftliche, der aktive und der konstruktive Journalismus eher randständige Themen.

Erweiterte Begriffsklärung

Als anwaltschaftlicher Journalismus wird ein Berichterstattungsmuster bezeichnet, dem entsprechend Journalist:innen Partei ergreifen bei der Darstellung von Standpunkten, die in den Medien unterrepräsentiert sind. Dabei kann es um die Interessen von Minderheiten gehen, ebenso aber um die von (machtlosen) Mehrheiten (z.B. Frauen, Arbeiter:innen), deren Standpunkte in den Medien unverhältnismäßig wenig Gehör finden. Beim anwaltschaftlichen Journalismus handelt es sich nicht zwangsläufig um Meinungsjournalismus, aber die Position der Neutralität wird aufgegeben (vgl. Altmeppen 2016: 132-137).

Anwaltschaftlicher Journalismus füllt die Lücken in der Berichterstattung auf, die der Informationsjournalismus mit seiner Konzentration auf objektive, aktuelle Nachrichten hinterlässt. Themen des anwaltschaftlichen Journalismus sind die gesellschaftlichen Ereignisse, die durch die dominante Nachrichtenauswahl nicht oder wenig thematisiert werden: z.B. die Arbeitswelt (fernab der Glasbüros), z.B. Umweltprobleme und Bevölkerungsgruppen, die „über eine gegenüber den mächtigen, in der Öffentlichkeit dominierenden Meinungsträgern zu gering entwickelte Fähigkeit der Meinungsartikulation und Selbstdarstellung verfügen und keinen Zugang zu den Medien haben“ (Hömberg/Fabris 1983: 276).

Konstruktiver Journalismus ist ein Begriff für ein Bündel an unterschiedlichen Strategien und Praktiken. Auch ,Constructive News‘, ,kritisch-konstruktiver Journalismus‘ oder ,Solutions Journalism‘ bzw. ,lösungsorientierter Journalismus‘ wird darunter gefasst (vgl. Meier 2018: 4-25). Konstruktiver Journalismus hat das Ziel, nicht nur die klassischen W-Fragen bei der Auswahl und Produktion von Informationen zu beantworten, sondern weitere Fragen bei Recherche und Auswahl von Themen hinzuzufügen. Das zielt insbesondere auf die Frage nach der erwartbaren Entwicklung der Themen (Und jetzt? Wie geht es weiter?) und in Verbindung mit erklärendem Kontext, Zusammenhängen und Lösungs- und Handlungsmöglichkeiten um ein ganzheitliches Bild. Dabei werden die negativen Seiten eines Themas nicht ausgeblendet, aber durch konstruktive Gedanken dazu ergänzt.

Auf der Mikroebene sollen Nutzer:innen positiver denken nach konstruktiven Beiträgen, sie sollen Hoffnungen oder Lösungen bewusst wahrnehmen und nicht nur mit Problemen belastet werden (vgl. Krüger 2016: 173-182). Auf der Mesoebene sollen Medienunternehmen eine bessere Bindung beim Publikum erreichen, Reichweiten erhöhen und Medienmarken positiv positionieren. Auf der Makroebene sollen in der Berichterstattung angebotene Lösungen und Perspektiven für soziale Probleme einen Fortschritt der Gesellschaft bewirken und zu gesellschaftlichem Engagement und Nachahmung ermutigen.

Activist journalism ist ein relativ neues Berichterstattungsmuster, für das es noch kaum eine deutschsprachige Entsprechung gibt. Aktiver Journalismus entspricht in weiten Teilen dem anwaltschaftlichen Journalismus, da er sich für Personen, Gruppen oder Institutionen einsetzt. Sonia Nazario, Pulitzerpreisträgerin, fasst es in ihre eigenen Worte: „Being in the middle of the action, I could put reader there, too“ (Nazario o.J.).

Diese Art von parteiisch sein wird in Deutschland mittlerweile verstärkt in Ratgebersendungen des Fernsehens praktiziert. ,Markt greift ein‘, unter diesem Motto werden Probleme von Verbraucher:innen mit Unternehmen (Telekommunikationsfirmen, Möbelhändlern) aufgespießt und regelmäßig im Sinne der Verbraucher:innen gelöst. Formen des aktiven Journalismus sind zudem mit Selbstpersonalisierung der Journalist:innen in den Beiträgen verbunden: Ich fahre nach Y, um X zu befragen. Ich treffe X, um ihn nach den Gründen für A zu fragen.

Mit dem Anspruch, anwaltlich aufzutreten, richten diese Journalismusformen manche ihrer Relevanzkriterien anders aus als andere Berichterstattungsmuster. Nicht das, was für viele interessant ist oder das, was aktuell von Interesse ist, wird als Thema ausgewählt, sondern das, was Personen oder Gruppen angeht, die üblicherweise nicht im Fokus der Berichterstattung stehen. Die Wege der Recherche, die Darstellungsformen, die Themen werden dem Verständnis der alternativen Journalismusformen angepasst.

Beispiele und Probleme

Anwaltschaftlicher Journalismus stammt wie viele andere Berichterstattungsmuster aus den Vereinigten Staaten. Dort ist er, als ,advocacy journalism‘, in den sechziger Jahren entstanden. Die Konflikte rund um Bürgerrechtsbewegungen und Vietnamkriegsgegner „sensibilisierten die Öffentlichkeit für Probleme, die in den Massenmedien bisher nicht präsent waren“ (Hömberg/Fabris 1983: 276). Als eine Reaktion im Journalismus entstand das anwaltschaftliche Berichterstattungsmuster, das sich auch in Deutschland ausbreitete, wenn auch sehr spärlich. Auch der konstruktive und der aktive Journalismus können diesem Entstehungsgrund zugerechnet werden.

Während die Randstellung des anwaltschaftlichen Journalismus in den letzten Jahrzehnten noch zugenommen hat, verharren konstruktiver und aktiver Journalismus in Nischen. Dies hat weniger damit zu tun, dass deren „demokratietheoretisch zu begrüßende Funktion“ (Wallisch 1995: 65) nicht mehr erforderlich ist, es rührt vielmehr aus dem Wandel des Mediensystems, in dem frühere gesellschaftskritische Funktionen nicht kompatibel mit der Massenfähigkeit angesehen werden. Journalismus wird nicht mehr danach beurteilt, welche Relevanz er für die gesellschaftliche Kommunikation und die Herstellung notwendiger kritischer Öffentlichkeiten hat, sondern danach, ob er massentauglich ist. Dabei rücken vordergründige Kriterien der Auswahl von Nachrichten wie Relevanz und Aktualität ins Zentrum, der Wille von einzelnen Journalist:innen wie von journalistischen Organisationen, anwaltschaftlichen, konstruktiven oder aktiven Journalismus zu betreiben, ist entscheidend dafür, dass diese Berichterstattungsmuster existieren. Der Wille aber ist zunehmend weniger vorhanden.

Für anwaltschaftlichen und aktivistischen Journalismus sind insbesondere solche Themen relevant, die für Gerechtigkeitsproblematiken stehen. Nicht nur die etablierten Eliten, sondern ebenso Minoritäten und randständige Interessen, die nicht durch wohl organisierte Gruppen gefördert werden, müssen Zugangsmöglichkeiten zur Berichterstattung erhalten. Ein zentraler Begriff in diesem Zusammenhang ist der Fairness. Viele von Berichterstattung Betroffene beklagen, nicht fair behandelt zu werden. Je anwaltschaftlicher die Berichterstattung ist, umso schärfer sind die Reaktionen der Betroffenen.

Bedrohlicher für die weitere Existenz alternativer Berichterstattungsmuster sind jedoch die Wandlungen im Gefüge von Gesellschaft, Mediensystem und Publikumssegmenten. Die damit einhergehende Ökonomisierung verdrängt anwaltschaftliche Berichterstattung, begründet wird das mit der Notwendigkeit objektiver Berichterstattung. Dabei gibt es gute Gründe dafür, nicht sklavisch am Ideal eines objektiven Journalismus festzuhalten (vgl. Altmeppen/Arnold/Kössler 2012). Das wird einsichtig schon allein daraus, dass auch Journalist:innen, die ihre soziale Verantwortung ernst nehmen, in ihrer Arbeit aber die Mächtigen kritisieren sowie Skandale, Machtmissbrauch und Korruption aufdecken, schwerlich ausgewogene Berichterstattung leisten können, die alle Parteien fair behandelt. Die, die kritisiert werden, werden immer über unfaire Berichterstattung zetern.

Es lassen sich permanent Beispiele dafür finden, dass journalistische Berichterstattung nicht fair im Sinne von ausgleichend sein kann und auch gar nicht fair sein soll in bestimmten Fällen. Die Missbrauchsfälle in den Kirchen, die Korruption im Sport, die Betrügereien der Großbanken, und die demokratiefeindlichen Pöbeleien von Neo-Nazis sind Ereignisse, deren Narration in den Medien nach Fairnessregeln, ausgewogen und objektiv, nicht korrekt wiedergegeben werden könnten.

Journalist:innen sollen, und bei anwaltschaftlichem, konstruktivem und aktivem Journalismus müssen sie in bestimmten Fällen diejenigen, die die Regeln brechen, ‚unfair‘ behandeln. Für diese Position, dass Journalist:innen gar nicht ausgewogen berichten können, wenn sie als Anwälte auftreten für diejenigen, die selbst unfair oder verbrecherisch behandelt werden, gibt es gute Gründe, denn es ist ihre Aufgabe, aktiv einzugreifen für diejenigen, die keine Lobby haben in den gesellschaftlichen Entscheidungsprozessen.

Literatur

Zitierte Literatur

  • Altmeppen, Klaus-Dieter (2016): Anwaltschaftlicher Journalismus. In: Jessica Heesen (Hrsg.): Handbuch Medien- und Informationsethik. Stuttgart: J.B. Metzler, S. 132–137.
  • Altmeppen, Klaus-Dieter; Arnold, Klaus; Kössler, Tanja (2012): Are the Media Capable of Fair Reporting? Remarks on the Principle of Fairness in Professional Journalism. In: Kals, Elisabeth; Maes, Jürgen (Hrsg.): Justice and Conflicts. Theoretical and Empirical Contributions. Berlin/Heidelberg: Springer, S. 329–343.
  • Hömberg, Walter; Fabris, Hans Heinz (1983): Die politische Rolle des Journalisten. In: Decker, Horst (Hrsg.): Einführung in die Kommunikationswissenschaft. München: Saur, S. 259–288.
  • Wallisch, Gianluca (1995): Journalistische Qualität. Definitionen – Modelle – Kritik. Konstanz, UVK-Medien Ölschläger.
  • Krüger, Uwe (2016): Solutions Journalism. In: Deutscher Fachjournalisten-Verband (Hrsg.): Journalistische Genres. Konstanz: UVK, S. 173–182.
  • Nazario, Sonia (o.J.): From Journalist to Activist. Online unter: https://www.pulitzer.org/article/journalist-activist ; Zugriff: 24.08.2021.
  • Meier, Klaus (2018): Wie wirkt Konstruktiver Journalismus? Ein neues Berichterstattungsmuster auf dem Prüfstand. In: Journalistik. Zeitschrift für Journalismusforschung Heft 1, Jg. 1, S. 4–25.
  • Michael, Hendrik (2020): Die Sozialreportage als Genre der Massenpresse: Erzählen im Journalismus und die Vermittlung städtischer Armut in Deutschland und den USA (1880–1910). Bremen: edition lumière.
  • Weischenberg, Siegfried (1995): Journalistik. Theorie und Praxis aktueller Medienkommunikation. Band 2: Medientechnik, Medienfunktionen, Medienakteure. Opladen: Westdt. Verl.
  • Wyss, Vinzenz (2001): Journalismusforschung. In: Jarren, Otfried; Bonfadelli, Heinz (Hrsg.): Einführung in die Publizistikwissenschaft. Bern u.a.: Haupt, S. 259–284.

Zitiervorschlag

Altmeppen, Klaus-Dieter (2021): Berichterstattungsmuster. In: Diskursmonitor. Glossar zur strategischen Kommunikation in öffentlichen Diskursen. Hg. von der Forschungsgruppe Diskursmonitor und Diskursintervention. Veröffentlicht am 27.08.2021. Online unter: https://diskursmonitor.de/glossar/berichterstattungsmuster.

Grundbegriffe

Diskurskompetenz

Im engeren, linguistischen Sinn bezeichnet Diskurskompetenz die individuelle sprachlich-kommunikative Fähigkeit, längere zusammenhängende sprachliche Äußerungen wie Erzählungen, Erklärungen, Argumentationen zu formulieren und zu verstehen.

Agenda Setting

Rassistisch motivierte Gewalt, Zerstörung des Regenwaldes, Gender pay gap: Damit politische Institutionen solche Probleme bearbeiten, müssen sie erst als Probleme erkannt und auf die politische Tagesordnung (Agenda) gesetzt werden. Agenda Setting wird in Kommunikations- und Politikwissenschaft als eine Form strategischer Kommunikation beschrieben, mithilfe derer Themen öffentlich Gehör verschafft und politischer Druck erzeugt werden kann.

Medien

Die Begriffe Medien/Massenmedien bezeichnen diverse Mittel zur Verbreitung von Informationen und Unterhaltung sowie von Bildungsinhalten. Medien schaffen damit eine wesentliche Grundlage für Meinungsbildung und Meinungsaustausch.

Macht

Macht ist die Fähigkeit, Verhalten oder Denken von Personen zu beeinflussen. Sie ist Bestandteil sozialer Beziehungen, ist an Kommunikation gebunden und konkretisiert sich situationsabhängig. Alle expliziten und impliziten Regeln, Normen, Kräfteverhältnisse und Wissensformationen können aus diskursanalytischer Perspektive als Machtstrukturen verstanden werden, die Einfluss auf Wahrheitsansprüche und (Sprach)Handlungen in einer Gesellschaft oder Gruppe nehmen.

Normalismus

Normalismus ist der zentrale Fachbegriff für die Diskurstheorie des Literaturwissenschaftlers Jürgen Link. Die Normalismus-Theorie fragt danach, wie sich Vorstellungen von ‚Normalität‘ und ‚Anormalität‘ als Leit- und Ordnungskategorien moderner Gesellschaften herausgebildet haben.

Wissen

Kollektives Wissen von sozialen Gruppen ist sowohl Voraussetzung als auch Ziel strategischer Kommunikation in öffentlichen Diskursen. Es wird geprägt durch individuelle Erfahrung, aber auch in Diskursgemeinschaften kommunikativ geteilt – vor allem im Elternhaus, in Peergroups und Bildungseinrichtungen sowie durch Medienkonsum.

Werbung

Werbung ist ein Kommunikationsinstrument von Unternehmen, das der Positionierung im Markt dient und je nach Situation des Unternehmens auf Einführung, Erhalt oder Ausbau von Marktanteilen und damit letztlich auf ökonomischen Gewinn abzielt.

Mediale Kontrolle

Medien werden vielfältig zur Durchsetzung von Macht verwendet. So in der Zensur, wenn eine politische Selektion des Sagbaren und des Unsagbaren stattfindet; in der Propaganda, wenn eine Bevölkerung von den Ansichten oder wenigstens der Macht einer bestimmten Gruppe überzeugt werden soll; oder in der Überwachung, die unerwünschtes Verhalten nicht nur beobachten, sondern unwahrscheinlich machen soll.

Freund- und Feind-Begriffe

Freund-, Gegner- und Feindbegriffe sind Teil der Politischen Kommunikation. Sie bilden die Pole eines breiten Spektrums von kommunikativen Zeichen, mit denen politische Akteure sich selbst und ihre politischen Gegner im Kampf um beschränkte Ressourcen auf dem diskursiven Schlachtfeld positionieren.

Sprachpolitik / Sprachenpolitik

Sprachpolitik bezeichnet allgemein alle politischen Prozesse, die auf eine Beeinflussung der Sprachverwendung in einer Gesellschaft oder Sprachgemeinschaft abzielen. Unterschieden wird häufig zwischen Sprachenpolitik und Sprachpolitik im engeren Sinne.

Techniken

Redenschreiben

Wer Reden schreibt, bereitet die schriftliche Fassung von Reden vor, die bei besonderen Anlässen gehalten werden und bei denen es auf einen ausgearbeiteten Vortrag ankommt.

Offener Brief

Bei einem offenen Brief handelt es sich um eine strategische Praktik, die genutzt wird, um Anliegen einer Person oder Gruppe öffentlich sichtbar zu machen. Die Texte, die als offene Briefe bezeichnet werden, richten sich an eine Person oder Institution und werden über Medien veröffentlicht.

Kommunikationsverweigerung

Unter dem Begriff Kommunikationsverweigerung lässt sich ein Bündel von Praktiken und Strategien fassen, die den kommunikativen Austausch zu erschweren oder zu verhindern suchen.

Flugblatt

Unter Flugblättern versteht man einseitige Druckerzeugnisse, die ursprünglich meist illustriert waren. Eng verwandt sind die mehrseitigen Flugschriften. Während Flugschriften und Flugblätter heute kostenlos verteilt werden oder zur Mitnahme ausliegen, wurden sie in der Frühen Neuzeit zunächst als Handelswaren verkauft und gingen so als frühe Massenmedien den Zeitungen voraus.

Passivierung

Unter Passivierung versteht man die Formulierung eines Satzes in einer grammatischen Form des Passivs. Das Passiv ist gegenüber dem Aktiv durch die Verwendung von Hilfsverben formal komplexer. Seine Verwendung hat unter anderem zur Folge, dass handelnde Personen im Satz nicht genannt werden müssen, was beispielsweise in Gesetzestexten für eine (gewünschte) größtmögliche Abstraktion sorgt („Niemand darf wegen seines Geschlechts […] benachteiligt oder bevorzugt werden.“ Art. 3 GG).

Aufopferungs-Topos

Als Aufopferungs-Topos wird in der Diskursforschung ein Argumentationsmuster bezeichnet, das zwei strategische Funktionen erfüllen kann: einerseits kann es dazu dienen, mit der Behauptung eines besonderen Ressourceneinsatzes (z.B. Einsatz von Geld, Zeit oder emotionaler Belastung) einen hohen Achtungswert für eine Person, eine Sache bzw. für ein Ziel zu plausibilisieren. Andererseits können Akteure besondere Privilegien (wie z.B. Wertschätzung, Entscheidungsbefugnisse und Mitspracherechte) reklamieren, wenn sie sich für eine bereits in der sozialen Bezugsgruppe hochgeschätzte Sache engagieren.

Opfer-Topos

Als Opfer-Topos bezeichnet man eine diskursive Argumentationsstrategie, bei der sich Akteure als ‚Opfer‘ gesellschaftlicher Urteilsbildung inszenieren und damit eigene Interessen – vor allem Aufmerksamkeit und Berücksichtigung von Bedürfnissen – geltend zu machen versuchen.

Analogie-Topos

Der Analogie-Topos zählt zu den allgemeinen bzw. kontextabstrakten Argumentationsmustern, die genutzt werden können, um für oder gegen eine Position zu argumentieren. Analogie-Topoi werden von verschiedenen Akteuren und Akteursgruppen strategisch eingesetzt, um eine zustimmende Haltung bei den Zielgruppen zu bewirken.

Topos der düsteren Zukunftsprognose

Der Topos der düsteren Zukunftsprognose beschreibt ein Argumentationsmuster, bei dem eine negative, dystopische Zukunft prognostiziert wird. Dabei wird auf die drohenden Folgen einer Krise oder einer allgemeinen Gefahr verwiesen, aus der eine negative Zukunft bei falschem Handeln resultieren wird.

Negativpreis

Ein Negativpreis ist eine Auszeichnung an Personen oder Organisationen (meist Unternehmen), die sich oder ihre Produkte positiv darstellen und vermarkten, ihre Versprechen aus Sicht des Preisverleihers allerdings nicht einhalten. Dabei dient der Preis durch seine Vergabe vor allem dem Zweck, Aufmerksamkeit zu erregen, mediale Präsenz auf ein Thema zu lenken und den Preisträger in seinem moralischen Image zu beschädigen.

Schlagwörter

Verfassung

Die Verfassung eines Landes (in Deutschland das Grundgesetz von 1949) steht für die höchste und letzte normative und Legitimität setzende Instanz einer staatlichen Rechtsordnung. In der offiziellen Version demokratischer Selbstbeschreibung ist es das Volk selbst, das sich in einem rituellen Gründungsakt eine Verfassung gibt.

Toxizität / das Toxische

Es ist nicht immer ganz eindeutig bestimmbar, was gemeint wird, wenn etwas als toxisch bezeichnet wird. Zeigen lässt sich zwar, dass sich die Bedeutung von ‚giftig‘ hin zu ‚schädlich‘ erweitert hat, doch die Umstände, unter denen etwas für jemanden toxisch, d. h. schädlich ist, müssen aus der diskursiven Situation heraus erschlossen werden.

Zivilgesellschaft

Im gegenwärtigen deutschen Sprachgebrauch werden so heterogene Organisationen, Bewegungen und Initiativen wie ADAC und Gewerkschaften, Trachtenvereine und Verbraucherschutzorganisationen, Umweltorganisationen und religiöse Gemeinschaften zur Zivilgesellschaft gezählt.

Demokratie

Der Ausdruck Demokratie dient häufig zur Bezeichnung einer (parlamentarischen) Staatsform und suggeriert die mögliche Beteiligung aller an den Öffentlichen Angelegenheiten. Dabei ist seine Bedeutung weniger eindeutig als es den Anschein hat.

Plagiat/Plagiarismus

Plagiarismus ist ein Begriff, der sich im öffentlichen Diskurs gegen Personen oder Produkte richten kann, um diese in zuweilen skandalisierender Absicht einer Praxis unerlaubter intermedialer Bezugnahme zu bezichtigen. Die Illegitimität dieser Praxis wird oft mit vermeintlichen moralischen Verfehlungen in Verbindung gebracht.

Fake News

Fake News wird als Schlagwort im Kampf um Macht und Deutungshoheit in politischen Auseinandersetzungen verwendet, in denen sich die jeweiligen politischen Gegenspieler und ihre Anhänger wechselseitig der Lüge und der Verbreitung von Falschnachrichten zum Zweck der Manipulation der öffentlichen Meinung und der Bevölkerung bezichtigen.

Lügenpresse

Der Ausdruck Lügenpresse ist ein politisch instrumentalisierter „Schlachtruf“ oder „Kampfbegriff“ gegen etablierte und traditionelle Medien. Dabei wird häufig nicht einzelnen Medien-Akteuren, sondern der gesamten Medienbranche vorgeworfen, gezielt die Unwahrheit zu publizieren.

Antisemitismus

Mit Antisemitismus werden gemeinhin alle jene Phänomene bezeichnet, die sich gegen das Judentum oder gegen Jüdinnen*Juden als Jüdinnen*Juden richten. Die entsprechenden Erscheinungen reichen von der bloßen Distanzierung und Behauptung jüdischer Andersartigkeit, über vollständig ausgearbeitete Weltbilder, die Jüdinnen*Juden für sämtliche Probleme verantwortlich machen, bis hin zu massiven Ausgrenzungs-, Verfolgungs- und Gewaltpraktiken.

Grammatiknazi / Grammar Nazi

Das überwiegend negativ konnotierte Schlagwort Grammatiknazi – als Übersetzung von engl. grammar nazi – wird zur Benennung von Personen verwendet, die meist in eher informellen Kontexten der öffentlichen Internetkommunikation (u. a. in Foren, Kommentarbereichen auf Nachrichtenportalen, sozialen Netzwerken) ungefragt Sprachkritik an den Äußerungen anderer (häufig fremder) Kommunikationsteilnehmer*innen üben.

Respekt

Respekt oder respektvolles Verhalten wird eingefordert für die Eigengruppe (bzw. von der Eigengruppe), für wirklich oder vermeintlich diskriminierte Gruppen, für abweichende Meinungen. Mitgemeint ist bei der Forderung nach Respekt meist eine positiv bewertete Szene der (sozialen, kulturellen, ethnischen, sexuellen etc.) Vielfalt/Diversität.

Verschiebungen

Ökonomisierung

Ökonomisierung wird in gegenwärtigen Diskursen in der Regel zur Bezeichnung von Prozessen verwendet, in denen die spezifisch wirtschaftlichen Funktions-Elemente wie Markt, Wettbewerb/Konkurrenz, Kosten-Nutzen-Kalküle, Effizienz, Gewinnorientierung in Bereiche übertragen werden, die zuvor teilweise oder ganz nach anderen Leitkriterien ausgerichtet waren

Moralisierung

Moralisierung verlagert Macht- und Interessenkonflikte in die Sphäre der Kommunikation von Achtung / Missachtung. Sie reduziert Ambivalenz zugunsten einer Polarisierung von gut und böse.

Konstellationen

Skandal

Die Diskurskonstellation des Skandals zeichnet sich durch eine in den Medien aufgegriffene (bzw. durch sie erst hervorgerufene) empörte Reaktion eines erheblichen Teils der Bevölkerung auf einen tatsächlichen oder vermeintlichen Missstand aus. Die schuldhafte Verursachung dieses Missstandes wird dabei einem gesellschaftlichen Akteur zugeschrieben, dessen Handeln als ‚unmoralisch‘ gedeutet wird.