DiskursGlossar

Opfer-Topos

Kategorie: Techniken
Verwandte AusdrĂŒcke: Opferstatus, Viktimisierung, TĂ€ter-Opfer-Dichotomie, Opferinszenierung
Siehe auch: Topos, Analogie-Topos, Konsequenz-Topos, Topos der dĂŒsteren Zukunft, Topos vom wirtschaftlichen Nutzen, Be-/Überlastungs-Topos, Differenzierungs-Topos, AutoritĂ€ts-Topos
Autorin: Carina Krajczewski
Version: 1.0 / Datum: 13.03.2023

Kurzzusammenfassung

Als Opfer-Topos bezeichnet man eine diskursive Argumentationsstrategie, bei der sich Akteure als ‚Opfer‘ gesellschaftlicher Urteilsbildung inszenieren und damit eigene Interessen – vor allem Aufmerksamkeit und BerĂŒcksichtigung von BedĂŒrfnissen – geltend zu machen versuchen. Der durch den Gebrauch des Opfer-Topos zu erreichende diskursive Opferstatus hat die Funktion, exklusive Privilegien fĂŒr sich zu reklamieren, gegen unliebsame Kritik zu immunisieren, eigene Gegenangriffe als defensive Maßnahmen zu legitimieren sowie die persönlichen Überzeugungen und Ziele gegenĂŒber anderen zu plausibilisieren. Historisch ist der Opfer-Topos von Nachkriegsdebatten geprĂ€gt. GegenwĂ€rtig wird vorwiegend in der IdentitĂ€tspolitik und in populistischen Kommunikationspraktiken von diesem Topos Gebrauch gemacht.

Der Opfer-Topos (im Sinne von ,victim‘ (engl.)) referiert auf passives Erleiden aufgrund einer Tat bzw. eines TĂ€ters. Er kann wie folgt paraphrasiert werden:

Weil jemand Opfer von X ist, obliegt es in gesellschaftlicher Verantwortung, ihn vor X zu schĂŒtzen und zugleich seine BedĂŒrfnisse besonders zu unterstĂŒtzen.

Der Opfer-Topos ist zu unterscheiden vom Aufopferungs-Topos, der infolge besonderen Einsatzes bestimmte Sonderrechte reklamiert.

Erweiterte BegriffsklÀrung

Unter dem Opfer-Topos versteht man in der Diskursforschung eine musterhafte Argumentationsstrategie, bei der sich Akteure als ‚Opfer‘ gesellschaftlicher Prozesse darstellen, um dadurch besondere Rechte – insbesondere Aufmerksamkeit – geltend zu machen sowie ihre BedĂŒrfnisse und Anliegen zu legitimieren.

In gegenwĂ€rtigen Mediendiskursen gilt als Maßstab fĂŒr die Opferidentifikation vornehmlich die subjektive GefĂŒhlswelt der sich als betroffen inszenierenden Akteure. In sich als ‚demokratisch‘ verstehenden Gesellschaften bildet der Opfer-Topos eine oftmals ĂŒberzeugende Argumentationsgrundlage, weil ‚Opfer‘ hier als zu schĂŒtzende Personen bzw. als zu schĂŒtzende soziale Gruppe bewertet werden, die durch ihre SchutzbedĂŒrftigkeit exklusive Hilfestellung und Rechte benötigen und einfordern können. Dazu gehören insbesondere Gruppen, die einen Minderheitenstatus innehaben oder beanspruchen. Im Diskurskontext wird hierbei auf das Demokratieprinzip – als zentrales Verfassungsprinzip – referiert, welches den Minderheitenschutz priorisiert. An dieser Stelle zeigt sich das strategische Potential des Topos: Diskursakteure inszenieren zuweilen unabhĂ€ngig davon, ob sie sich tatsĂ€chlich als ‚Opfer‘ verstehen, einen Opferstatus, um fĂŒr ihre (politischen) Anliegen und BedĂŒrfnisse Aufmerksamkeit zu erlangen sowie Positionen und Handlungen zu legitimieren.

Der Opfer-Topos generiert PlausibilitĂ€t, indem ‚Opfer-sein‘ mit einer SchutzbedĂŒrftigkeit attribuiert wird, die an Unschuld und Wehrlosigkeit geknĂŒpft ist. Es wird suggeriert, es gebe einen TĂ€ter bzw. eine gegen das Opfer gerichtete Tat. Diese TĂ€ter-Opfer-Dichotomie basiert auf einem asymmetrischen VerhĂ€ltnis von Schuld und Unschuld (vgl. Lamott 2009: 258). Das Opfer wird als wehrlos und unschuldig perspektiviert, da es dem schuldhaften TĂ€ter bzw. Geschehen hilflos ausgeliefert scheint. Die vorgenannte Asymmetrie bezieht sich ebenfalls auf die Machtmittel zwischen TĂ€ter und Opfer – der TĂ€ter ist dem Opfer stets erhaben, weil das Opfer keine Machtmittel besitzt, um sich zur Wehr zu setzen (vgl. Paris 2004: 919 f.). Vor dem Hintergrund dieser Schutz- und Hilflosigkeit versuchen Akteure, Gegenangriffe im Diskurs als Selbstschutzmaßnahmen zu rechtfertigen. Eine Tat bzw. Handlung seitens der Akteure, die den Opferstatus innehaben, wird im Erfolgsfall nicht als Angriff, sondern nur als Verteidigungsmaßnahme bzw. Notwehr bewertet werden.

DarĂŒber hinaus dient der Topos kommunikationsstrategisch oft dazu, sich auf Basis eines Opferstatus von (moralischen) VorwĂŒrfen freizusprechen bzw. zu entlasten. Akteure versuchen, indem sie sich beispielsweise als Opfer eines ‚Shitstorms‘ inszenieren, sich gegenĂŒber der geĂŒbten Kritik zu immunisieren. Dadurch weisen sie jegliche Schuld von sich und können gleichzeitig Dritte als moralisch inakzeptable Diskurspartner markieren. Vornehmlich politische Akteure machen im Kontext von Fernsehinterviews vom Opfer-Topos Gebrauch, um von eigenen Fehlern abzulenken und andere Themen bzw. Defizite anderer politischer Akteure hervorzuheben und den Fokus der Debatte darauf zu verlagern. Ebenfalls dient die Positionierung als ‚Opfer‘ dazu, schwierige Fragen sowie Gegenargumente zu umgehen (vgl. Koppensteiner 2014: 107 f.). FĂŒr die sprachliche Realisierung des Opfer-Topos sind Passiv-Konstruktionen, also die Positionierung des Opfers als Objekt eines Satzes charakteristisch.

Das Gelingen einer erfolgreichen Opferinszenierung ist davon abhĂ€ngig, ob das Publikum bzw. das soziale Umfeld das inszenierte ‚Opfer‘ als solches wahrnimmt. Zudem muss die Öffentlichkeit annehmen, dass das ‚Opfer‘ unverschuldet in seine Lage gekommen ist, d.h. dass es einem TĂ€ter oder einem nicht von ihm verschuldeten Ereignis ‚zum Opfer gefallen‘ ist. Erst durch die externe BestĂ€tigung und Anerkennung des Opferstatus (z.B. Frauen als ‚Opfer des Patriarchats‘ und Migranten als ‚Opfer von Rassismus‘) ist das ‚Opfer‘ in der Position, Aufmerksamkeit zu erlangen und besondere AnsprĂŒche durchzusetzen.

Da der Opfer-Topos auf das subjektive Empfinden und auf (stilisierte) Opfererfahrungen rekurriert, kann es schwierig sein, die LegitimitĂ€t des Opferstatus durch sachliche Argumente anzuzweifeln. Wer in moralisierenden Diskursen versucht, den öffentlich etablierten Opferstatus einer Person oder sozialen Gruppe zu objektivieren oder gar infrage zu stellen, dem droht potentiell selbst der TĂ€ter-Vorwurf. Mögliche Gegenstrategien im Diskurs vor einem Publikum können sein, den Opfer-Topos als ‚rhetorischen Trick‘ zu identifizieren und die Argumentation auf die ‚sachliche Ebene‘ zurĂŒckzufĂŒhren. Auf sprachlicher Ebene kann der Geltungsanspruch des Opfer-Topos relativiert werden, indem die eigene Positionierung in AktivsĂ€tzen formuliert wird und dabei die eigene Person in die Subjekt-Rolle rĂŒckt (vgl. GĂ€deke 2017). Eine weitere, nicht unbedingt empathische, Gegenstrategie stellt die TĂ€ter-Opfer-Umkehr (,Victim-Blaming‘) dar, welche sich gegen eine zentrale Voraussetzung einer erfolgreichen Opferinszenierung richtet: nĂ€mlich, dass ein ‚Opfer‘ unverschuldet in die Opferrolle aufgrund eines TĂ€ters oder einer gegen das Opfer gerichteten Tat geraten sei. Die Schuld eines TĂ€ters bzw. an einer gegen das Opfer gerichteten Tat wird dann dem ‚Opfer‘ zugewiesen. Der ursprĂŒngliche TĂ€ter wird so von möglichen VorwĂŒrfen entlastet und das vorherige ‚Opfer‘ wird fĂŒr seine eigene Lage angeklagt bzw. verantwortlich gemacht. Dem ursprĂŒnglichen ‚Opfer‘ wird dabei der Anspruch auf besondere Rechte abgesprochen.

Neben der Selbststilisierung als ‚Opfer‘ (im Sinne von Selbstviktimisierung) ist die Fremdstilisierung anderer als ‚Opfer‘ eine weitere diskursive Strategie in politischen Debatten, vornehmlich im Kontext von Populismus und IdentitĂ€tspolitik. Sowohl die Selbst- als auch die Fremdviktimisierung dient dem Ziel, positive Reaktionen, wie beispielsweise Anteilnahme und Mitleid, auszulösen und damit GeltungsansprĂŒche fĂŒr eigene Forderungen zu begrĂŒnden. Im Sinne der Fremdstilisierung bringen (politische) Akteure bzw. Institutionen ihre SolidaritĂ€t mit oder ihre eigene Zugehörigkeit zu einer sozialen Gruppe zum Ausdruck oder stellen diese zur Schau, um aus dem so konstruierten ‚Opferschutz‘ moralische Achtungspunkte beim Publikum zu sammeln. Im Rahmen populistischer Kommunikationsstrategien kann Fremdstilisierung dazu dienen, sich als Stimmgeber einer sozialen Gruppe zu inszenieren, durch welchen die Anliegen und BedĂŒrfnisse dieser Gruppe gegen Sagbarkeitsgrenzen geĂ€ußert werden und Beachtung erfahren sollen (vgl. Hoffmann 2022: 265).

Beispiele

(1) Im historischen Kontext wird der Opfer-Topos vornehmlich in Nachkriegsdebatten geprĂ€gt, um die Verantwortung hinsichtlich der historischen Schuld an den Kriegsverbrechen des Nationalsozialismus zu verhandeln. Dörner (1995: 385) stellt in seiner interpretativen Analyse der Parteiprogrammtexte der Republikaner (REP) aus dem Jahr 1987 heraus, dass sich diese rechtsextreme Partei des Opfer-Topos bediene, um die nationale IdentitĂ€t von der den Deutschen zugeschriebenen Kriegsschuld zu bereinigen und ein positives Image wiederherzustellen. Die REP stilisiert sich selbst (und Deutsche allesamt) als ‚Opfer‘ von Kriegspropaganda der Alliierten und lehnt aus diesem Grund die ihnen zugeschriebene kollektive Schuld ab. Sozialwissenschaftliche Studien (vgl. u.a. Reck 2005: 344 f.; Jensen 2004: 75–135) liefern analoge Ergebnisse: Angehörige der ersten Nachkriegsgeneration viktimisierten sich selbst mehrheitlich, indem sie sich „als Opfer der NS-Propaganda, als Opfer des Terrorapparats des Regimes und zuletzt als Kriegsopfer und Opfer der alliierten Luftangriffe“ (Reck 2005: 345) darstellten. Hierbei wird der Opfer-Topos im Sinne der Selbstviktimisierung instrumentalisiert, um die Deutschen gegenĂŒber dem Vorwurf einer Kollektivschuld an den Kriegsverbrechen in Schutz zu nehmen und nachtrĂ€gliche VorwĂŒrfe abzuschwĂ€chen.

(2) In den Jahren 2020 und 2021 stilisierten sich Kritiker der Coronamaßnahmen hĂ€ufig als ‚Opfer‘ einer „Gesundheitsdiktatur“ (Nullmeier 2020: 135), um damit zivilen Ungehorsam, unangemeldete Demonstrationen oder Proteste zu legitimieren. Besondere mediale Aufmerksamkeit erhielt eine Rednerin im Rahmen einer sog. ,Querdenken‘-Kundgebung:

Ich fĂŒhle mich wie Sophie Scholl, da ich seit Monaten aktiv im Widerstand bin, Reden halte, auf Demos gehe, Flyer verteile und auch seit gestern Versammlungen anmelde. (WELT Nachrichten 2020)

Die junge Frau stilisierte sich selbst als ‚Opfer‘ der Coronamaßnahmen, durch welche ihre Freiheit eingeschrĂ€nkt sei und sie ungerecht behandelt werde. Sie verstĂ€rkt ihre Opferinszenierung durch einen Vergleich ihrer Person mit der WiderstandskĂ€mpferin Sophie Scholl im Nationalsozialismus. Der Analogie-Topos dient hier als StĂŒtze des Opfer-Topos. Auf Basis ihres selbststilisierten Opferstatus rechtfertigt die Rednerin ihren Protest gegen die Coronaverordnungen und behauptet auf diese Weise, ihre Werte der Freiheit und Gerechtigkeit zu verteidigen. Die Öffentlichkeit reagierte grĂ¶ĂŸtenteils mit Ablehnung und Spott (beispielsweise in Form von Memes) auf die Aussage der Rednerin; ihre Opferinszenierung kann zumindest in dieser Rezipientengruppe als gescheitert gelten. Die Vergleichbarkeit ihrer Lage bzw. ihres Widerstands mit Sophie Scholl wird zurĂŒckgewiesen und als rhetorischer Trick identifiziert (s.o. Gegenstrategien).

(3) Die Fußball-Weltmeisterschaft in Katar 2022 war stark umstritten. Der katarische Emir Tamim bin Hamad Al-Thani beklagte vor diesem Hintergrund in einer Fernsehansprache, hinter der geĂŒbten Kritik an Katar stecke eine beispiellose Kampagne, die sich in ihrer Heftigkeit ausdehne sowie auf Erfundenem und Doppelmoral (Zimmermann 2022) basiere. Damit positionierte er sich und Katar als passives ‚Opfer‘ einer internationalen ‚Schmutzkampagne‘ und versuchte auf diese Weise, Kritik am zuvor öffentlich kritisierten Umgang mit auslĂ€ndischen Arbeitern, Frauen sowie Menschen der LGTBQ+-Community zu delegitimieren. Kein Gastgeberland der FIFA-Weltmeisterschaft zuvor habe bisher eine solche Verurteilung erfahren. Zugleich verwies er auf die Bereitschaft, grundsĂ€tzlich offen fĂŒr Kritik und VerĂ€nderungen zu sein, um Aspekte [
] zu entwickeln, die entwickelt werden mĂŒssen (Zimmermann 2022) – ein rhetorischer Trick, um weiterfĂŒhrende Kritik abzuwehren bzw. zu kanalisieren.

 

Literatur

Zum Weiterlesen

  • Paris, Rainer (2004): Ohnmacht als Pression: Über Opferrhetorik. In: Merkur: Deutsche Zeitschrift fĂŒr EuropĂ€isches Denken, Heft 9–10, Jg. 58, S. 914–923.
  • Knobloch, Clemens (2020): Die Figur des Opfers und ihre Transformation im politischen Diskurs der Gegenwart. In: Zeitschrift fĂŒr Politik, Heft 4, Jg. 67, S. 455–472.

Zitierte Literatur und Belege

  • Dörner, Andreas (1995): „Rechts“, aber nicht „draußen“. Zur Selbstverortung in den Parteiprogrammen der REPUBLIKANER. In: Dörner, Andreas; Vogt, Ludgera (1995): Sprache des Parlaments und Semiotik der Demokratie: Studien zur politischen Kommunikation in der Moderne. Berlin, Boston: De Gruyter, S. 364–396.
  • GĂ€deke, Marietta (2017): Die Opferrolle. Der Klassiker unter den Manipulationsstrategien. Online unter: https://www.lilit-kommunikation.de/5-strategien-gegen-schwarze-rhetorik-teil-4-opferrolle-opfer/ ; Zugriff: 13.12.2022.
  • Hoffmann, Magdalena (2022): Intentionale Selbstviktimisierung als Strategie. Eine quantitative Studie des Twitter-Accounts der AfD. In: Communicatio Socialis, Jg. 55, H.2, S. 264–277.
  • Jensen, Olaf (2004): Geschichte machen. Strukturmerkmale des intergenerationellen Sprechens ĂŒber die NS-Vergangenheit in deutschen Familien. TĂŒbingen: Ed. Diskord.
  • Koppensteiner, Thomas (2014): „Sie weichen mir schon wieder aus.“ Eine Typologie von Strategien in politischen Fernsehinterviews. Magisterarbeit, Magisterstudium Publizistik -und Kommunikationswissenschaft, Wien 2014.
  • Lamott, Franziska (2009): Zur Instrumentalisierung des Opferstatus. In: Psychotherapeut. Jg. 54, H.4, S. 257–261.
  • Nullmeier, Frank (2020): Covid-19-Pandemie und soziale Freiheit. In: ZPTh – Zeitschrift fĂŒr Politische Theorie, Jg. 11, H.1, S. 127–154.
  • Paris, Rainer (2004): Ohnmacht als Pression: Über Opferrhetorik. In: Merkur: Deutsche Zeitschrift fĂŒr EuropĂ€isches Denken. Jg. 58, H.9-10 [665-666], 914–923.
  • Reck, Norbert (2005): „Wer nicht dabeigewesen ist, kann es nicht beurteilen“: Diskurse ĂŒber Nationalsozialismus, Holocaust und Schuld in der Perspektive verschiedener theologischer Generationen. In: MĂŒnchener Theologische Zeitschrift. Jg. 56, H.4, S. 342-354.
  • Ueding, Gerd (2003): Historisches Wörterbuch der Rhetorik. Berlin, Boston: De Gruyter.
  • WELT Nachrichten (2020): „So ein Schwachsinn“: „QUERDENKEN“-Rednerin vergleicht sich mit Sophie Scholl. YouTube. Online unter: https://www.youtube.com/watch?v=3Y7pNU03i-o ; Zugriff: 09.03.2023.
  • Zimmermann, Konstantin (2022): Katar sieht sich als Opfer internationaler Kampagne. Online unter: https://www.zeit.de/sport/2022-10/katar-fussball-wm-kampagne-tamim-bin-hamad-al-thani?utm_referrer=https%3A%2F%2Fwww.google.de%2F ; Zugriff: 15.12.2022.

Zitiervorschlag

Krajczewski, Carina (2023): Opfer-Topos. In: Diskursmonitor. Glossar zur strategischen Kommunikation in öffentlichen Diskursen. Hg. von der Forschungsgruppe Diskursmonitor und Diskursintervention. Veröffentlicht am 13.03.2023. Online unter: https://diskursmonitor.de/glossar/opfer-topos.

DiskursGlossar

Grundbegriffe

Diskurssemantische Verschiebung

Mit dem Begriff der diskurssemantischen Verschiebung wird in der Diskursforschung ein Wandel in der öffentlichen Sprache und Kommunikation verstanden, der auf mittel- oder lĂ€n-gerfristige VerĂ€nderung des Denkens, Handelns und/oder FĂŒhlens grĂ¶ĂŸerer Gesellschafts-gruppen hinweist.

DomÀne

Der Begriff der DomĂ€ne ist aus der soziologisch orientierten Sprachforschung in die Diskursforschung ĂŒbernommen worden. Hier wird der Begriff dafĂŒr verwendet, um Muster im Sprachgebrauch und kollektiven Denken von sozialen Gruppen nach situationsĂŒbergreifenden TĂ€tigkeitsbereichen zu sortieren.

Positionieren

Positionieren ist Grundbestandteil menschlicher Kommunikation. Wann immer wir miteinander interagieren und kommunizieren, bringen wir uns selbst, andere und die Objekte, ĂŒber die wir sprechen, in bestimmte Relationen zueinander.

Deutungsmuster

Unter einem Deutungsmuster wird die problem- und lösungsbezogene Interpretation gesellschaftlicher und politischer TatbestĂ€nde verstanden, die Aussicht auf Akzeptanz in sozialen Gruppen hat. Der Begriff des Deutungsmusters hat Ähnlichkeit mit den Begriffen der Theorie und Ideologie. Meist werden gesellschaftlich verbreitete Leitdeutungen, die oft mit Schlagwörtern und Argumentationsmustern einhergehen (wie Globalisierung, Kapitalismus, Leistungsgesellschaft, Chancengleichheit etc.) als Beispiele fĂŒr Deutungsmuster genannt.

Sinnformel

‚Wer sind wir? Woher kommen, wo stehen und wohin gehen wir? Wozu leben wir?‘ Auf diese und Ă€hnliche existentielle Fragen geben Sinnformeln kondensierte Antworten, die in privaten wie sozialen Situationen Halt und Argumenten in politischen und medialen Debatten einen sicheren Unterbau geben können.

Praktik

Eine Praktik ist ein spezifisches, situativ vollzogenes und sinnhaftes BĂŒndel von körperlichen Verhaltensweisen, an dem mehrere Menschen und Dinge beteiligt sein können (z. B. Seufzen, um Frust auszudrĂŒcken, oder einen Beschwerdebrief schreiben, Fußballspielen).

Kontextualisieren

Kontextualisieren wird im allgemeineren bildungssprachlichen Begriffsgebrauch verwendet, um das Einordnen von etwas oder jemandem in einen bestimmten Zusammenhang zu bezeichnen.

Narrativ

Mit der diskursanalytischen Kategorie des Narrativs werden Vorstellungen von komplexen Denk- und Handlungsstrukturen erfasst. Narrative in diesem Sinne gehören wie Schlagwörter, Metaphern und Topoi zu den Grundkategorien der Analyse von Diskursen.

Argumentation

Argumentation bezeichnet jene sprachliche TĂ€tigkeit, in der man sich mithilfe von GrĂŒnden darum bemĂŒht, die Richtigkeit einer Antwort auf eine bestimmte Frage zu erweisen. Das kann in ganz verschiedenen Situationen und Bereichen nötig sein, namentlich um eine poli-tische, wissenschaftliche, rechtliche, unternehmerische oder private Angelegenheit zu klĂ€ren.

Hegemonie

Wie der britische Politikwissenschaftler Perry Anderson 2018 in einer umfassenden, historisch weit ausgreifenden Studie zum Gebrauch des Begriffs Hegemonie und seinen Konjunkturen beschreibt, liegen die historischen Wurzeln des Begriffs im Griechischen, als Bezeichnung fĂŒr FĂŒhrung (eines Staatswesens) mit Anteilen von Konsens.

Techniken

Dogwhistle

Unter Dogwhistle wird in Teilen der Forschung eine doppeldeutige Äußerung verstanden, die eine offene und eine verdeckte Botschaft an jeweils eine Zuhörerschaft kommuniziert.

Boykottaufruf

Der Boykottaufruf ist eine Maßnahme, die darauf abzielt, ein Ziel, also meist eine VerhaltensĂ€nderung des Boykottierten, hervorzurufen, indem zu einem Abbruch etwa der wirtschaftlichen oder sozialen Beziehungen zu diesem aufgefordert wird.

Tabuisieren

Das Wort Tabuisierung bezeichnet die Praxis, etwas UnerwĂŒnschtes, AnstĂ¶ĂŸiges oder Peinliches unsichtbar zu machen oder als nicht akzeptabel zu markieren. Das Tabuisierte gilt dann moralisch als unsagbar, unzeigbar oder unmachbar.

Aus dem Zusammenhang reißen

Das Aus-dem-Zusammenhang-Reißen gehört in den Funktionskreis der Redewiedergabe bzw. der Wiedergabe kommunikativer Ereignisse. Es kann (1) als intentionale argumentativ-polemische Strategie fĂŒr ganz unterschiedliche diskursive Zielsetzungen von Akteuren genutzt werden, oder (2) es kann SprecherInnen und SchreiberInnen in unbeabsichtigter, fehlerhafter Weise unterlaufen.

Lobbying

Lobbying ist eine Form strategischer Kommunikation, die sich primĂ€r an Akteure in der Politik richtet. Beim Lobbying wird ein BĂŒndel von kommunikativen TĂ€tigkeiten mit dem Ziel eingesetzt, die Entscheidungen von Personen mit politischem Mandat oder den Entstehungsprozess von neuen Gesetzestexten interessengeleitet zu beeinflussen.

Karten

Karten dienen dazu, Raumausschnitte im Hinblick auf ausgewÀhlte Charakteristika so darzustellen, dass die Informationen unmittelbar in ihrem Zusammenhang erfasst und gut kommuniziert werden können. Dazu ist es notwendig, Daten und Darstellungsweisen auszuwÀhlen und komplexe und oft umkÀmpfte Prozesse der Wirklichkeit in einfachen Darstellungen zu fixieren.

Pressemitteilung

Pressemitteilungen sind standardisierte Mitteilungen von Organisationen, die sich an Journalist:innen und andere Multiplikator:innen richten. Sie dienen der offiziellen und zitierfĂ€higen Informationsweitergabe und ĂŒbernehmen zugleich strategische Funktionen in der öffentlichen Kommunikation und Meinungssteuerung.

Shitstorm

Der Begriff Shitstorm beschreibt eine relativ junge Diskurskonstellation, die seit den 2010er Jahren an Bedeutung gewonnen hat und gemeinhin als Online-Wutausbruch bezeichnet wer-den kann.

Tarnschrift

Als Tarnschrift bezeichnet man unter den Bedingungen von Zensur und Verfolgungsrisiko veröffentliche Texte, die insbesondere in der strategischen Kommunikation des NS-Widerstands eine zentrale Rolle spielten.

Ortsbenennung

Die Benennung von Orten dient in erster Linie dazu, den jeweiligen geografischen Ort zu lokalisieren und ihn zu identifizieren. Doch Ortsnamen besitzen eine soziale Dimension und spielen eine entscheidende Rolle bei der sprachlich-kulturellen IdentitÀtskonstruktion.

Schlagwörter

Echokammer

Der Begriff der Echokammer steht in seiner heutigen Verwendung vor allem im Zusammenhang mit der Nutzung Sozialer Medien. Er verweist metaphorisch auf einen digitalen Kommunikations- und Resonanzraum, in dem Mediennutzer*innen lediglich Inhalten begegnen, die ihre eigenen, bereits bestehenden Ansichten bestÀtigen, wÀhrend abweichende Perspektiven und Meinungen ausgeblendet bzw. abgelehnt werden.

Relativieren

Der Ausdruck relativieren besitzt zwei zentrale Bedeutungsvarianten: In bildungssprachlichen und wissenschaftlichen Kontexten bezeichnet er eine analytische Praxis, bei der Aussagen, Begriffe oder PhÀnomene durch Bezugnahme auf andere Sachverhalte eingeordnet, differen-ziert und in ihrer Geltung prÀzisiert werden.

Massendemokratie

GeprĂ€gt wurde der Begriff Massendemokratie im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts von völkisch-konservativen Akteuren (prominent darunter Carl Schmitt 1926). Der Ausdruck Masse hatte damals bei den bĂŒrgerlichen Eliten eine rundum bedrohliche Assoziation.

Social Bots

Als Social Bots werden Computerprogramme bezeichnet, die in der Lage sind, in sozialen Medien Kommunikation menschlicher Nutzer*innen (teilweise) automatisiert nachzuahmen.

KriegsmĂŒdigkeit

Der Ausdruck KriegsmĂŒdigkeit bezeichnet die emotionale und physische Erschöpfung von Menschen, die einen Krieg erleben, sowie die gesellschaftliche und politische ErmĂŒdung angesichts langanhaltender Konflikte. Er beschreibt den sinkenden Kampfeswillen bei Kriegsparteien und heute wird er auch fĂŒr das wachsende Desinteresse an Kriegsthemen in Medien und Öffentlichkeit genutzt.

Woke

Der Ausdruck woke stammt aus dem afroamerikanischen Englisch und bezeichnete dort zunĂ€chst den Bewusstseinszustand der AufgeklĂ€rtheit ĂŒber die Verbreitung von rassistischen Vorurteilen und Diskriminierung unter Angehörigen ethnischer Minderheiten.

IdentitÀt

Unter IdentitĂ€t versteht man allgemein die Summe von Merkmalen, die Individuen oder sozialen Kollektiven – etwa Nationen, Organisationen oder sozialen Gruppen – als charakteristisch oder gar als angeboren zugeordnet werden.

Wohlstand

Unter Wohlstand sind verschiedene Leitbilder (regulative Ideen) zu verstehen, die allgemein den Menschen, vor allem aber den Beteiligten an politischen und wissenschaftlichen Diskursen (politisch Verantwortliche, Forschende unterschiedlicher Disziplinen usw.) eine Orientierung darĂŒber geben sollen, was ein ‚gutes Leben‘ ausmacht.

Remigration

Der Begriff Remigration hat zwei Verwendungsweisen. Zum einen wird er politisch neutral verwendet, um die RĂŒckkehrwanderung von Emigrant:innen in ihr Herkunftsland zu bezeichnen; die meisten Verwendungen beziehen sich heute jedoch auf Rechtsaußendiskurse, wo das Wort der euphemistischen Umschreibung einer aggressiven Politik dient, mit der nicht ethnisch deutsche Immigrant:innen und ihren Nachfahr:innen zur Ausreise bewegt oder gezwungen werden sollen.

Radikalisierung

Das Adjektiv radikal ist ein mehrdeutiges Wort, das ohne spezifischen Kontext wertneutral gebraucht wird. Sprachhistorisch bezeichnete es etwas ‚tief Verwurzeltes‘ oder ‚Grundlegendes‘. Dementsprechend ist radikales Handeln auf die Ursache von etwas gerichtet, indem es beispielsweise zugrundeliegende Systeme, Strukturen oder Einstellungen infrage stellt und zu Ă€ndern sucht.

Verschiebungen

Dehumanisierung

Mit Dehumanisierung bzw. Anthropomorphisierung werden solche kommunikativen Techniken und Praktiken bezeichnet, die Personen, Sachverhalten oder GegenstÀnden menschliche Eigenschaften ab- bzw. zusprechen. Dehumanisierung und Anthropomorphisierung können sowohl durch sprachliche Mittel als auch durch andere, z. B. bildliche, Zeichen vollzogen werden.

Kriminalisierung

KriminalitĂ€t meint ein Verhalten, das gegen ein Gesetz verstĂ¶ĂŸt. Folglich bedeutet Kriminalisierung im engeren Sinne den Vorgang, durch den Verhalten ungesetzlich gemacht wird – indem Gesetze geschaffen werden.

Versicherheitlichung

In akademischen Kontexten wird Versicherheitlichung in Abgrenzung zu einem naiv-realistischen SicherheitsverstĂ€ndnis verwendet. Dieses betrachtet Sicherheit als einen universell erstrebenswerten und objektiv feststellbaren Zustand, dessen Abwesenheit auf das Handeln von Akteuren zurĂŒckzufĂŒhren ist, die feindselig, kriminell, unverantwortlich oder zumindest fahrlĂ€ssig agieren.

Ökonomisierung

Ökonomisierung wird in gegenwĂ€rtigen Diskursen in der Regel zur Bezeichnung von Prozessen verwendet, in denen die spezifisch wirtschaftlichen Funktions-Elemente wie Markt, Wettbewerb/Konkurrenz, Kosten-Nutzen-KalkĂŒle, Effizienz, Gewinnorientierung in Bereiche ĂŒbertragen werden, die zuvor teilweise oder ganz nach anderen Leitkriterien ausgerichtet waren

Moralisierung

Moralisierung verlagert Macht- und Interessenkonflikte in die SphÀre der Kommunikation von Achtung / Missachtung. Sie reduziert Ambivalenz zugunsten einer Polarisierung von gut und böse.

Konstellationen

Partizipatorischer Diskurs

Partizipation ist mittlerweile von der Forderung benachteiligter Personen und Gruppen nach mehr Beteiligung in der demokratischen Gesellschaft zu einem Begriff der Institutionen selbst geworden: Kein Programm, keine Bewilligung mehr, ohne dass bestimmte Gruppen oder Personen dazu aufgefordert werden, fĂŒr (mehr) Partizipation zu sorgen.

Skandal

Die Diskurskonstellation des Skandals zeichnet sich durch eine in den Medien aufgegriffene (bzw. durch sie erst hervorgerufene) empörte Reaktion eines erheblichen Teils der Bevölkerung auf einen tatsĂ€chlichen oder vermeintlichen Missstand aus. Die schuldhafte Verursachung dieses Missstandes wird dabei einem gesellschaftlichen Akteur zugeschrieben, dessen Handeln als ‚unmoralisch‘ gedeutet wird.

DiskursReview

Review-Artikel

Beobachtung zum Begriff „Diplomatie“ beim Thema Ukraine im EuropĂ€ischen Parlament

Von EU-Vertretern waren zur Ukraine seit 2022 vor allem Aussagen zu hören, die sich unter dem Motto „as long as it takes“ beziehungsweise „so lange wie nötig“ fĂŒr die Erweiterung der militĂ€rischen Ausstattung und der VerlĂ€ngerung des Krieges aussprachen. VorschlĂ€ge oder VorstĂ¶ĂŸe auf dem Gebiet der „Diplomatie“ im Sinne von ‚Verhandeln (mit Worten) zwischen Konfliktparteien‘ gab es dagegen wenige, obwohl die klare Mehrheit von Kriegen mit Diplomatie beendet wurden (vgl. z.B. Wallensteen 2015: 142)

Die Macht der Worte 4/4: So geht kultivierter Streit

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Relativieren – kontextualisieren – differenzieren

Die drei Handlungsverben relativieren, kontextualisieren, differenzieren haben gemein, dass sie sowohl in Fachdiskursen als auch im mediopolitischen Interdiskurs gebraucht werden. In Fachdiskursen stehen sie unter anderem fĂŒr Praktiken, die das KerngeschĂ€ft wissenschaftlichen Arbeitens ausmachen: analytische GegenstĂ€nde miteinander in Beziehung zu setzen, einzuordnen, zu typisieren und zugleich Unterschiede zu erkennen und zu benennen.