DiskursGlossar

Grammatiknazi / Grammar Nazi

Kategorie: Schlagwörter
Verwandte Ausdrücke: Rechtschreibnazi, Sprachpolizei, Laiensprachkritik, orthographisches Shaming, Sprachkritik
Siehe auch: Memes, Konnotation, Kritik, Hashtag, Schlagwort, Whataboutism
Autor: Dimitrios Meletis
Version: 1.0 / Datum: 15.11.2022

Kurzzusammenfassung

Das überwiegend negativ konnotierte Schlagwort Grammatiknazi – als Übersetzung von engl. grammar nazi – wird zur Benennung von Personen verwendet, die meist in eher informellen Kontexten der öffentlichen Internetkommunikation (u. a. in Foren, Kommentarbereichen auf Nachrichtenportalen, sozialen Netzwerken) ungefragt Sprachkritik an den Äußerungen anderer (häufig fremder) Kommunikationsteilnehmer*innen üben. Den so bezeichneten Personen wird die Absicht zugeschrieben, vom eigentlichen Thema abzulenken und Diskussionen damit mutwillig zu stören: Basierend auf der Annahme, dass orthographische Kompetenz als Zeichen für Bildungsgrad, Intelligenz etc. interpretiert wird, sollen sie mit ihrer Korrektur oder Kommentierung von sprachlichen Normverletzungen das strategische Ziel verfolgen, die korrigierten Personen vor den anderen Diskussionsteilnehmer*innen zu diskreditieren. Gleichzeitig dient ihnen die Sprachkritik zur Selbstpositionierung und -profilierung, obwohl sie in der Regel Personen ohne gesellschaftlich zugeschriebene sprachliche Autorität sind (wie das bspw. Deutschprofessor*innen wären). Bisweilen wird Grammatiknazi auch humoristisch als Selbstbezeichnung verwendet und trägt dann eine ironisch-positive Konnotation, mit der auch die Rechtfertigung von Sprachkritik im Sinne des Sprachschutzes verbunden ist.

Erweiterte Begriffsklärung

Die Begriffsgeschichte des Schlagworts ist nicht genau dokumentiert. Eine der vermutlich frühesten Verwendungen stammt aus dem Jahr 1995, als es in der Google-Gruppe alt.gothic in einer Diskussion, die die (Nicht-)Existenz des Worts thusly im Englischen zum Inhalt hat, im Threadtitel Grammar Nazi on the Rampage! (sinngemäß ‚Randalierender Grammatiknazi!‘) benutzt wurde (vgl. Sherman & Švelch 2015: 319). Die spätere Übernahme aus dem angloamerikanischen Raum sowie die Eindeutschung als Grammatiknazi (manchmal auch Grammatik-Nazi) müssen vor dem Hintergrund kommentiert werden, dass der Begriff Nazi im Deutschen semantisch stärker negativ aufgeladen und damit pragmatisch tabuisierter ist als im Englischen, wo er als Beleidigung in seiner Schwere ungefähr mit ,Volltrottel‘ zu vergleichen ist (vgl. Eitz & Stötzel 2007: 316). Durch die Übernahmen von Nazi-Komposita aus dem Englischen (bspw. auch Feminazi) kam es aber auch im Deutschen zu einer teilweisen Verschiebung der ursprünglichen Wortbedeutung und Nazi wird – vor allem als Determinatum in Komposita – verwendet, „um auf bestimmte Eigenschaften von Personen oder Personengruppen auf satirische (figurative) Weise zu referieren und/oder sie zu diffamieren“ (Giesel 2019: 74). Entscheidend ist, dass das –nazi in Grammatiknazi auf Personen referiert, die keine ideologischen Verbindungen zum Nationalsozialismus aufweisen (vgl. Bahlo, Becker & Steckbauer 2016) und die sich im Falle der Selbstbezeichnung zum Teil sogar explizit davon distanzieren. Synonym zu Grammatiknazi finden sich auch Bezeichnungen wie Sprachnazi oder Rechtschreibnazi, in abgeschwächter Form auch Grammatik- oder Sprachpolizei (vgl. Frick im Ersch.).

Zur Verwendung des Schlagworts ist zunächst festzuhalten, dass es in Diskursen seltener anzufinden ist als die damit assoziierte Praxis. Auch überlappen sich die typischen Verwendungskontexte von (1) Praxis und (2) Schlagwort nicht immer: So werden viele Korrekturen oder Kommentierungen nicht metasprachlich aufgearbeitet und es fehlt vor allem den korrigierenden Personen oft ein metapragmatisches Bewusstsein für die Problematik ihres Handelns. Die explizite Verwendung des Schlagworts Grammatiknazi ist wiederum nicht zwingend an einen konkreten Korrekturkontext gebunden, sondern hat in der internetbasierten Kommunikation mittlerweile auch ein gewisses (virales) Eigenleben entwickelt.

Prototypische Kontexte, in denen die (1) Praxis ausgeübt wird, sind Diskussionen im Rahmen polarisierender Diskurse, in denen Vertreter*innen unterschiedlicher (vor allem politischer) Ideologien aufeinandertreffen. So werden bspw. in Kommentarbereichen auf Nachrichtenportalen, aber auch in sozialen Medien wie Facebook oder Twitter Normverstöße maßgeregelt. Die ‚Fehler‘ finden sich meistens in Posts, die als Reaktionen auf eine initiale Nachrichtenmeldung zu einem Thema mit großem Diskussionspotenzial gepostet wurden (s. Bsp. 4). Die zwei Haupttypen der vorgebrachten Laiensprachkritik sind einerseits die Korrektur selbst – oft in Form eines Sternchens gefolgt von der korrekten Form des falsch verwendeten Ausdrucks (z. B. *seid) – oder der Kommentar, der sich auf unterschiedliche – direktere oder indirektere – Weisen auf den Normverstoß beziehen oder auf diesen anspielen kann. Die beiden Typen kommen zum Teil auch in Kombination vor. Eine Sonderform ist das Posten von Links zu Webseiten wie www.seidseit.de, deren URLs zum Teil bereits korrigierend wirken und die, wenn sie aufgerufen werden, Erklärungen zum Fehler bzw. diesbezüglich richtiger Sprachverwendung enthalten (vgl. Arendt & Kiesendahl 2014: 126–127).   

Zur Bezeichnung der Praxis existiert noch kein gebräuchlicher Begriff. Der im vorliegenden Artikel verwendete Terminus Laiensprachkritik (Arendt & Kiesendahl 2014) ist breiter, was potenzielle Kontexte und Register betrifft, und für den englischsprachigen Vorschlag orthographic shaming (Meletis 2020: 378) – gebildet analog zu Fatshaming, Slutshaming etc. – hat sich noch keine deutschsprachige Entsprechung durchgesetzt.  

In der expliziten Verwendung des (2) Schlagworts ist vor allem die Nutzung als Fremdbezeichnung von der als Selbstbezeichnung zu trennen. Als Fremdbezeichnung wirkt Grammatiknazi fast immer – in unterschiedlichem Maße – abwertend und diffamierend. Interessant ist, dass das Schlagwort (wie die assoziierte sprachkritische Praxis) einen ad hominem-Charakter hat, womit mit Grammatiknazi nicht unmittelbar das Kritisieren abgewertet wird, sondern die kritisierende Person. Ein – wenn auch überraschend marginaler – Verwendungskontext des Schlagworts sind direkte Reaktionen auf die laiensprachkritischen Kommentare: Während Rechtfertigungen durch die korrigierte Person größtenteils ausbleiben (vgl. Arendt & Kiesendahl 2014: 112), klinken sich bisweilen Dritte ein, die das Schlagwort als Beleidigung verwenden und die Sprachkritik damit ablehnen oder bagatellisieren. Ein nennenswertes Phänomen sind in diesem Kontext auch Korrekturen von sprachkritischen Korrekturen/Kommentaren: Enthält die Laiensprachkritik selbst Normverstöße, wird oft von Nutzer*innen darauf hingewiesen, bisweilen mit dem dezidierten Ziel, die Doppelmoral der fehlerhaften Laiensprachkritik sichtbar zu machen; auf diese Weise entstehen zum Teil regelrechte Korrekturketten.

Generell wird die mit Grammatiknazi verbundene sprachkritische Praxis ,belächelt‘ und als ,enervierend‘ und ,spießbürgerlich‘ wahrgenommen (Bahlo, Becker & Steckbauer 2016: 276). Mit dem Schlagwort Whataboutism wurde lange nach Aufkommen laiensprachkritischer Praktiken ein Begriff populär, der dabei hilft, sie diskursstrategisch einzuordnen: Den negativ konnotierten Verwendungen von Grammatiknazi liegt so zugrunde, dass der ablenkende Charakter der damit verbundenen Praxis von Diskursteilnehmer*innen durchaus wahrgenommen und als störend bewertet wird.

Als Selbstreferenz trägt Grammatiknazi demgegenüber oft positive(re) Konnotationen. Inhärent ist der Bezeichnung dann die Intention, die Sprache durch das Aufzeigen und Korrigieren von Fehlern ‚schützen‘ zu wollen, womit stark präskriptiv geprägte und als positiv bewertete Standardsprachideologien zutage treten, die an alle Register – darunter auch digitale und informelle – Ansprüche der Korrektheit und Normwahrung stellen. Gleichzeitig wird das Schlagwort allerdings auch in solchen Verwendungskontexten ironisch verwendet und behält damit gewisse negative Bedeutungsanteile wie ‚pedantisch‘ und ‚belehrend‘. Den Formulierungen von Personen, die sich selbst Grammatiknazi nennen, ist so z. T. zu entnehmen, dass sie das Korrigieren schlicht nicht unterlassen können (es also gewissermaßen den Charakter eines Zwangs einnimmt), manche entschuldigen sich sogar noch im Rahmen ihrer Korrektur oder schwächen diese selbst ab. Häufig findet sich das Schlagwort so auch in retrospektiven Reflexionen des eigenen Sprachhandelns, in denen dieses explizit problematisiert wird (vgl. zahlreiche englischsprachige Artikel mit dem Titel ‚Confessions of a grammar nazi‘, z. B. Driffill 2014). Nennenswert im Kontext der Selbstbezeichnung und der Motivation des Sprachschutzes sind einschlägig benannte Webseiten wie http://www.grammatik-nazi.de/ oder https://grammatiknazi.de/. Sie bieten Erklärungen zu häufigen Fehlern (wie seid vs. seit, das vs. dass) oder sprachlichen Irrtümern (wie der Verwendung von einzigste/r) und/oder informieren über den Begriff Grammatiknazi. Bemerkenswert ist, dass beide genannten Webseiten Logos haben, die visuell auf Nazisymbolik anspielen: Der Großbuchstabe G ist darin wie ein Hakenkreuz stilisiert und in einem weißen Kreis vor rotem Hintergrund positioniert.

Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass die Bedeutungen von Grammatiknazi als Fremdbezeichnung und Selbstbezeichnung semantisch nicht weit auseinandergehen, im Diskurs jedoch pragmatisch andere Zwecke erfüllen: Die Fremdbezeichnung dient vorrangig der Entwertung diskursstörender Praktiken und verantwortlicher Akteur*innen, während Personen, die sich selbst als Grammatiknazi bezeichnen, die negativen Aspekte laiensprachkritischer Praktiken durchaus auch problematisieren, diese im Endeffekt aber als gerechtfertigt ansehen. Beide Verwendungen gehen in der Regel mit einem metapragmatischen Bewusstsein einher.

Ein wichtiger Bestandteil vieler laiensprachkritischer Handlungen sowie auch der Verwendung von Grammatiknazi als Selbstbezeichnung ist Humor, der häufig als Zeichen der individuellen oder kollektiven Überlegenheit zu beobachten ist. So haben sich in den sozialen Medien zahlreiche Gruppen gebildet, in denen Normverstöße in Form von Screenshots und Fotos zum Zweck der Belustigung der Gruppenmitglieder geteilt werden; ein Beispiel dafür ist der Subreddit GrammarNazi (https://www.reddit.com/r/GrammarNazi/; zuletzt abgerufen: 04.10.2022). Die Besonderheit (im Vergleich zu direkten laiensprachkritischen Kommentaren) ist hier, dass die Normabweichungen dekontextualisiert präsentiert werden, d. h. die für sie verantwortlichen Personen sind sich dessen im Regelfall nicht bewusst und werden darüber nicht informiert; oft, aber nicht immer werden Screenshots jedoch anonymisiert, sodass beteiligte Personen nicht identifizierbar sind (s. auch Bsp. 4). Durch die humoristische Präsentation und das Teilen von Fehlern in Screenshots haben sich sowohl das Schlagwort als auch die damit assoziierte sprachkritische Praxis mittlerweile zu Memes mit viralem Verbreitungspotenzial entwickelt (vgl. Sherman & Švelch 2015: 319), was viele Internetnutzer*innen zu Rezipient*innen laiensprachkritischer Praktiken macht. Häufig wird so auch der Hashtag #Grammatiknazi (in verschiedenen Varianten) verwendet, wobei hier analog zur Nutzung des Schlagworts zu unterscheiden ist, ob Nutzer*innen ihn auf andere Diskursteilnehmer*innen oder aber sich selbst und ihr eigenes Handeln beziehen.

Beispiele

(1) Im folgenden Beispiel wird die Sprachkritik mit der Selbstbezeichnung Grammatiknazi eingeleitet und von dieser gerahmt, was die Kritik einerseits ironisch abwertet und (gemeinsam mit ihrer Formulierung als Frage) abschwächt, wodurch die kritisierende Person sich womöglich erst ‚traut‘, die Kritik überhaupt zu äußern:

Ich spiel mal Grammatiknazi: Sollte es im 2. Absatz nicht gewogen statt gewiegt heißen? (aus der Wikipedia-Diskussion zur Seite ‚Wurst‘; Beispiel entnommen von Giese 2019: 75).

(2) Im folgenden Tweet wird das Schlagwort als kommentierender Hashtag zur Selbstbezeichnung verwendet. Sowohl die ‚fehlerhafte‘ Sprachverwendung als auch womöglich das Empfinden von Ärger darüber werden als Belastung empfunden: 

Jedes Mal, wenn jemand ‚wie‘ mit ‚als‘ verwechselt, stirbt etwas in mir. #grammatiknazi (Tweet gepostet von User*in @jani_ahoi, gepostet am 23.04.2017 um 14:32).

(3) In diesem Facebook-Kommentar unter einer politischen Nachrichtenmeldung echauffiert sich ein*e User*in über einen vorangehenden laiensprachkritischen Kommentar, indem die kritisierende Person angegriffen wird (ohne jedoch die Bezeichnung Grammatiknazi zu verwenden). Interessant ist hier auch die Assoziation mit einer bestimmten Positionierung am politischen Spektrum, was widerspiegelt, dass Sprachkritiker*innen häufig als dem linken Rand zugehörig wahrgenommen werden:

nur weil du den denker im profil hast und dich für einen klugscheisser hältst, bist und bleibst armseliges würstchen das sich über einen rechtschreibfehler mockiert, aber nix konkretes zum thema beitragen kann, genau so wie man rotgrüne politik kennt (Reaktion auf einen sprachkritischen Kommentar unter einem Nachrichtenpost auf der Facebook-Seite Zeit im Bild zum Thema Sicherheitspolitik, gepostet am 20.04.2018).

(4) Das folgende Beispiel zeigt einen gesamten Korrekturkontext: Ausgangspunkt ist ein Nachrichtenpost der österreichischen Facebook-Seite Frauenvolksbegehren (vom 20.02.2018), die insgesamt aufgrund ihrer Thematik politisch aufgeladen und konkret positioniert ist. Darunter ist ein Kommentar zu sehen, in dem sich ein*e User*in direkt – und ablehnend – auf den Inhalt des Posts und damit indirekt auf die politischen Ziele des Frauenvolksbegehrens bezieht. Hiermit macht sich die kommentierende Person vor allem im Kontext einer Facebook-Seite, die dezidiert diesem Thema gewidmet ist und damit zu einem gewissen Grad eine Filterblase darstellt, angreifbar. Wiederum darunter kommt es nun zur Sprachkritik – in diesem Fall in Form einer reinen Korrektur – durch eine weitere Person.

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Abb 1: Korrektur von einem Nachrichtenpost auf der österreichischen Facebook-Seite Frauenvolksbegehren (vom 20.02.2018).

Literatur

Zum Weiterlesen

Zitierte Literatur

  • Arendt, Birte; Kiesendahl, Jana (2014): Sprachkritische Äußerungen in Kommentarforen – Entwurf des Forschungsfeldes ‚Kritiklinguistik‘. In Thomas Niehr (ed.), Sprachwissenschaft und Sprachkritik – Perspektiven ihrer Vermittlung, 101–130. Bremen: Hempen.
  • Bahlo, Nils; Becker, Tabea; Steckbauer, Daniel (2016): Von „Klugscheißern“ und „Grammatik-Nazis“ – Grammatische Normierung im Internet. In: Spiegel, Carmen; Gysin, Daniel (Hrgs.): Jugendsprache in Schule, Medien und Alltag, 275–286. Frankfurt a. M.: Peter Lang.
  • Driffill, Rosie (2014): Confessions of a reformed grammar nazi. The Guardian. Online unter: https://www.theguardian.com/media/mind-your-language/2014/nov/14/mind-your-language-grammar-nazi (Zugriff: 11.10.2022).
  • Eitz, Thorsten; Stötzel, Georg (2007): Wörterbuch der „Vergangenheitsbewältigung“. Die NS-Vergangenheit im öffentlichen Sprachgebrauch. Bd. 1. Hildesheim: Olms.
  • Frick, Karina (im Ersch.): Beware, grammar police: Grammar and spelling (norms) as positioning tools on the internet. Bulletin suisse de linguistique appliquée.
  • Giesel, Linda (2019): NS-Vergleiche und NS-Metaphern. Korpuslinguistische Perspektiven auf konzeptuelle und funktionale Charakteristika (Linguistik – Impulse & Tendenzen 84). Berlin, Boston: De Gruyter.
  • Meletis, Dimitrios (2020): The nature of writing: A theory of grapholinguistics (Grapholinguistics and Its Applications 3). Brest: Fluxus Editions.
  • Sherman, Tamah; Švelch, Jaroslav (2015): “Grammar Nazis never sleep”: Facebook humor and the management of standard written language. Language Policy 14: 315–334. https://doi.org/10.1007/s10993-014-9344-9.

    Zitiervorschlag

    Meletis, Dimitrios (2022): Grammatiknazi / Grammar Nazi. In: Diskursmonitor. Glossar zur strategischen Kommunikation in öffentlichen Diskursen. Hg. von der Forschungsgruppe Diskursmonitor und Diskursintervention. Veröffentlicht am 15.11.2022. Online unter: https://diskursmonitor.de/glossar/grammatiknazi-grammar-nazi.

    DiskursGlossar

    Grundbegriffe

    Sprachpolitik / Sprachenpolitik

    Sprachpolitik bezeichnet allgemein alle politischen Prozesse, die auf eine Beeinflussung der Sprachverwendung in einer Gesellschaft oder Sprachgemeinschaft abzielen. Unterschieden wird häufig zwischen Sprachenpolitik und Sprachpolitik im engeren Sinne.

    Sagbarkeit

    Im öffentlichen Diskurs findet sich häufig die strategische Behauptung, dass bestimmte Fakten oder Meinungen unsagbar seien. Auf diese Weise wird zum Ausdruck gebracht, dass es Grenzen des Sagbaren gebe, die im öffentlichen Diskurs Geltung hätten.

    Kulturelle Grammatik

    Kulturelle Grammatik steht für ein System von Regeln und/oder etablierten Regelmäßigkeiten, die Formen richtiger und/oder normaler Kommunikation und Interaktion auszeichnen.

    Epistemischer Status

    Als epistemischen Status bezeichnet man die Wissensbestände und -zugänge zu Ereignissen, Sachverhalten und Personen, die Gesprächsteilnehmer*innen ihrem Gegenüber in der Interaktion zuschreiben.

    Politische Kommunikation

    Politische Kommunikation findet überall dort statt, wo Menschen als Teil von sozialen Gruppen mit unterschiedlichen Bedürfnissen und Interessen aufeinandertreffen und über das einzelne Individuum hinaus geltende Regeln des Zusammenlebens aushandeln.

    Topos

    Ein Topos (Plural: Topoi) ist als ein Argumentationsmuster ein allgemeines Formprinzip, nach dem Argumente gebildet werden können. Als allgemeiner, formaler bzw. kontextabstrakter Topos kann er für oder gegen jede in Frage stehende Position angeführt werden. Topoi gehören zum kollektiven Wissen aller, die sich argumentativ äußern.

    Bedeutung

    Der Ausdruck Bedeutung wird sowohl in der Alltagssprache als auch in der Fachsprache nicht einheitlich verwendet. Alltagssprachlich wird auf die Bedeutung von etwas – zum Beispiel einem Wort, Gegenstand oder Gesichtsausdruck – verwiesen, wenn dessen Status in der Welt unklar ist (‚was bedeutet es, dass X‘) oder seine Wichtigkeit hervorgehoben werden soll (‚X ist bedeutend‘).

    Kollektivsymbol

    Zur Kollektivsymbolik einer Kultur rechnet man den gesellschaftlich geteilten Vorrat an sprachlichen, bildlichen, schematischen und anderen Ressourcen, derer sich politische und mediale Akteure bedienen, um Ereignisse und Handlungen für die Allgemeinheit deutbar und verständlich zu machen.

    Strategische Kommunikation

    Der Ausdruck Strategische Kommunikation bezeichnet ein Bündel an zeichenbasierten und in der Regel mediengestützten Aktivitäten, mit denen Individuen, Gruppen oder Organisationen versuchen, die Akzeptanz für ihre politischen, ökonomischen, rechtlichen oder anderweitig motivierten Interessen bei ausgewählten Zielgruppen zu halten oder zu erhöhen.

    Techniken

    Petition

    Petitionen sind eine der am meisten genutzten Partizipationsformen nach Wahlen. Sie sind sowohl ein Mittel der politischen Beteiligung als auch ein Protestmittel und damit Zwitterwesen in der politischen Landschaft. Durch die Digitalisierung haben sich Petitionen zudem maßgeblich verändert, ihre Zahl hat zugenommen, ebenso wie die Zahl der Plattformen, auf denen sich Petitionen starten lassen.

    Influencer / Influencerin

    Influencer:innen sind Personen, die auf Social-Media-Plattformen regelmäßig selbst produzierte Inhalte publizieren und damit eine öffentliche Reichweite über ihre Follower:innen aufbauen. Influencer:innen haben das Potenzial, Rezipient:innen in ihrem Wissen, Einstellungen und Verhalten zu beeinflussen (engl. to influence).

    Litigation PR

    Der Begriff Litigation PR kombiniert das englische Wort litigation, das auf lat. ,lītigātiō‘ zurückgeht und für Rechtsstreitigkeit bzw. (Gerichts )Verfahren/Prozess steht, mit dem bekannten Begriff PR (Public Relations).

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    Der Begriff des Internet-Memes fasst eine relativ heterogene Gruppe digitaler – und zumeist multimodaler – Texte zusammen (zum Beispiel Videos, GIFs, Image Macros), die sich durch formale oder inhaltliche Gemeinsamkeiten auszeichnen und durch Imitations- und Aneignungsprozesse verbreiten.

    Aufwertung/Meliorisierung

    Von Aufwertung/Meliorisierung wird in der Linguistik dann gesprochen, wenn ein Wort, das ursprünglich als Fremdbezeichnung der Diffamierung einer bestimmten Volks- oder Personengruppe diente, von dieser selbst dann als positive Eigenbezeichnung verwendet wird.

    Domain-Grabbing

    In der Internetkommunikation finden sich verschiedene Praktiken, die aus Sicht von Dritten (v.a. Markenhaltern) als illegitime oder gar rechtswidrige Inanspruchnahme von Domain-Namen und damit verbundener Aufmerksamkeitssteuerung kritisiert werden.

    Suchmaschinenoptimierung

    Durch Suchmaschinenoptimierung (search engine optimization; SEO) wird versucht, Webseiten so zu verändern, dass sie von Suchmaschinen als besonders relevant betrachtet und entsprechend hoch in den Suchergebnissen gelistet werden.

    Search Engine Advertising

    Als Search Engine Advertising wird die Werbung auf den Ergebnisseiten von Suchmaschinen bezeichnet. Besondere Merkmale dieser Werbeform sind, dass die Anzeigen kontextbasiert sind und in Textform dargestellt werden.

    Organizing

    Unter Organizing versteht man ein Bündel von Praktiken, die zur gewerkschaftlichen oder politischen Organisierung bzw. Mobilisierung dienen. Beim methodisch reflektierten Organizing spielen Recherche, Strategieentwicklung, mehr oder minder standardisierte 1:1-Gespräche, Mapping (Erstellung einer Übersicht der Beteiligten im Betrieb oder sonstigen Aktionsfeld) und einiges mehr eine Rolle.

    Affirmation

    Im sprachwissenschaftlichen Sinne bezeichnet Affirmation die Behauptung oder Bejahung einer Aussage. Die affirmative Form eines Wortes oder Satzes ist das Gegenteil zur Verneinung (Negation).

    Schlagwörter

    Antisemitismus

    Mit Antisemitismus werden gemeinhin alle jene Phänomene bezeichnet, die sich gegen das Judentum oder gegen Jüdinnen*Juden als Jüdinnen*Juden richten. Die entsprechenden Erscheinungen reichen von der bloßen Distanzierung und Behauptung jüdischer Andersartigkeit, über vollständig ausgearbeitete Weltbilder, die Jüdinnen*Juden für sämtliche Probleme verantwortlich machen, bis hin zu massiven Ausgrenzungs-, Verfolgungs- und Gewaltpraktiken.

    Respekt

    Respekt oder respektvolles Verhalten wird eingefordert für die Eigengruppe (bzw. von der Eigengruppe), für wirklich oder vermeintlich diskriminierte Gruppen, für abweichende Meinungen. Mitgemeint ist bei der Forderung nach Respekt meist eine positiv bewertete Szene der (sozialen, kulturellen, ethnischen, sexuellen etc.) Vielfalt/Diversität.

    Geschlechtergerechte Sprache

    Mit dem heute als Fahnenwort gebrauchten Ausdruck geschlechtergerechte Sprache ist die Forderung verbunden, bei Personenbezeichnungen die einseitige, für diskriminierend erklärte Bezugnahme auf einen bestimmten Sexus, konkret: auf das männliche Geschlecht, zu unterlassen.

    Identitätspolitik

    Der Ausdruck steht heute für eine politische Konstellation, in der konkurrierende Wir-Gemeinschaften mit einer Diskriminierungs- und Benachteiligungsgeschichte in der Öffentlichkeit um Anerkennung konkurrieren. An der Oberfläche geht es ‚identitären‘ Wir-Gemeinschaften darum, die eigene Diskriminierung als Ermächtigungsmotiv an die Öffentlichkeit zu tragen.

    Cancel Culture

    Cancel Culture ist ein Kampf- und Stigmawort, das sich in skandalisierender Absicht gegen die Praxis (und oft auch bereits gegen die Forderung) des Absagens, Ausladens, Boykottierens moralisch missliebiger und politisch bekämpfter Personen, Organisationen und Positionen in Wissenschaft, Kultur und Politik wendet.

    Elite

    Einmal wird unter Elite eine Auswahl der Besten und Leistungsfähigsten verstanden, einmal in distanzierender Weise eine abgehobene ‚Kaste‘ der Reichen und Mächtigen im Gegensatz zum Volk. Erstere Variante wird in der Regel zur Verteidigung der etablierten Ordnung verwendet, letztere vor allem von Rechtspopulisten.

    Altpartei

    Der Ausdruck Altpartei wird in jüngerer Zeit häufig im Kontext des Aufstiegs des Rechtspopulismus und der AfD gebraucht. Dabei lassen sich hauptsächlich zwei Gebrauchsvarianten beobachten: Einerseits richtet sich der Ausdruck in abwertender Weise gegen etablierte Parteien, andererseits taucht er oft in sprachkritischen Kontexten auf, wo seine Verwendung und seine Sprecher kritisiert oder diskreditiert werden.

    Verschwörungstheorie

    Der Ausdruck gibt sich in der medialen Öffentlichkeit als analytisches Konzept, ist aber zugleich performativ hoch wirksam als Ausschluss aller erfolgreich so benannten Konzepte aus der rationalen öffentlichen Kommunikation.

    Inklusion

    Inklusion hat sich, ausgehend von einem soziologischen Fachterminus gleichen Namens, in den zwei vergangenen Jahrzehnten zu einem interdiskursiven und allgemeinen Programmbegriff gewandelt.

    Innovation

    Innovation gehört seit den 60er Jahren zu den häufig verwendeten Schlag– bzw. Fahnenwörtern, vor allem in den Feldern von Ökonomie und Politik. Konzepte und Vorhaben mit der Überschrift Innovation werden oft als Sachzwänge dargestellt, gegen die Einwände als nicht legitim erscheinen.

    Verschiebungen

    Ökonomisierung

    Ökonomisierung wird in gegenwärtigen Diskursen in der Regel zur Bezeichnung von Prozessen verwendet, in denen die spezifisch wirtschaftlichen Funktions-Elemente wie Markt, Wettbewerb/Konkurrenz, Kosten-Nutzen-Kalküle, Effizienz, Gewinnorientierung in Bereiche übertragen werden, die zuvor teilweise oder ganz nach anderen Leitkriterien ausgerichtet waren

    Moralisierung

    Moralisierung verlagert Macht- und Interessenkonflikte in die Sphäre der Kommunikation von Achtung / Missachtung. Sie reduziert Ambivalenz zugunsten einer Polarisierung von gut und böse.

    Konstellationen

    Skandal

    Die Diskurskonstellation des Skandals zeichnet sich durch eine in den Medien aufgegriffene (bzw. durch sie erst hervorgerufene) empörte Reaktion eines erheblichen Teils der Bevölkerung auf einen tatsächlichen oder vermeintlichen Missstand aus. Die schuldhafte Verursachung dieses Missstandes wird dabei einem gesellschaftlichen Akteur zugeschrieben, dessen Handeln als ‚unmoralisch‘ gedeutet wird.

    DiskursReview

    Review-Artikel

    Satzsemantik von Vorhersage und Nutzen-Risiko-Abwägung: Die STIKO-Impfempfehlung für 12- bis 17-Jährige vom 18. August 2021

    “Die Forschung muss… sich in die Lage versetzen, die politischen Implikationen, die sie hat, anzunehmen und auszuforschen, um nicht beim ersten Knall der Peitsche durch alle ihr vorgehaltenen Reifen zu springen. Diese Integrität kann die Wissenschaft gerade dadurch unter Beweis stellen, dass sie dem herrschenden Druck, praktische Tabus in theoretische umzuwandeln, widersteht” (Beck 1986, 283)

    Review-Rückblick

    In dieser Rubrik veröffentlichen wir in unregelmäßigen Abständen kurze Notizen zu Ereignissen oder Phänomenen, die in den vergangenen Wochen in der strategischen und öffentlichen Kommunikation zu beobachten waren. Die Texte kommentieren subjektiv, unsystematisch, teils widersprüchlich und hoffentlich pointiert. Sie erheben keinen Anspruch auf Wissenschaftlichkeit, beobachten ihren Gegenstand aber von einer diskursanalytischen und -interventionistischen Position aus und sollen zum Widerspruch einladen. Sie repräsentieren nicht die Position der Redaktion des Diskursmonitors, sondern ihrer jeweiligen Autorinnen und Autoren.

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    1) Zu Beginn drei exemplarische Medienereignisse aus der jüngsten Vergangenheit, in denen es um den Komplex Rasse, Rassismus ging…

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    Jeden Tag erreichen uns neue Nachrichten, neue Zahlen, neue Grafiken zur laufenden Corona-Pandemie. Wer erinnert sich da noch daran, was vor zwei oder drei Monaten oder vor einer Woche öffentlich diskutiert wurde? Vielleicht sind nur zwei Debatten wirklich in unserem öffentlichen Gedächtnis hängen geblieben, unter anderem, weil sie es zu eigenen Twitter-Hashtags gebracht haben: #HeinsbergProtokoll und #IchHabeBesseresZuTun…