DiskursGlossar

Grammatiknazi / Grammar Nazi

Kategorie: Schlagwörter
Verwandte Ausdrücke: Rechtschreibnazi, Sprachpolizei, Laiensprachkritik, orthographisches Shaming, Sprachkritik
Siehe auch: Memes, Konnotation, Kritik, Hashtag, Schlagwort, Whataboutism
Autor: Dimitrios Meletis
Version: 1.2 / Datum: 15.11.2022

Kurzzusammenfassung

Das überwiegend negativ konnotierte Schlagwort Grammatiknazi – als Übersetzung von engl. grammar nazi – wird zur Benennung von Personen verwendet, die meist in eher informellen Kontexten der öffentlichen Internetkommunikation (u. a. in Foren, Kommentarbereichen auf Nachrichtenportalen, sozialen Netzwerken) ungefragt Sprachkritik an den Äußerungen anderer (häufig fremder) Kommunikationsteilnehmer*innen üben. Den so bezeichneten Personen wird die Absicht zugeschrieben, vom eigentlichen Thema abzulenken und Diskussionen damit mutwillig zu stören: Basierend auf der Annahme, dass orthographische Kompetenz als Zeichen für Bildungsgrad, Intelligenz etc. interpretiert wird, sollen sie mit ihrer Korrektur oder Kommentierung von sprachlichen Normverletzungen das strategische Ziel verfolgen, die korrigierten Personen vor den anderen Diskussionsteilnehmer*innen zu diskreditieren. Gleichzeitig dient ihnen die Sprachkritik zur Selbstpositionierung und -profilierung, obwohl sie in der Regel Personen ohne gesellschaftlich zugeschriebene sprachliche Autorität sind (wie das bspw. Deutschprofessor*innen wären). Bisweilen wird Grammatiknazi auch humoristisch als Selbstbezeichnung verwendet und trägt dann eine ironisch-positive Konnotation, mit der auch die Rechtfertigung von Sprachkritik im Sinne des Sprachschutzes verbunden ist.

Erweiterte Begriffsklärung

Die Begriffsgeschichte des Schlagworts ist nicht genau dokumentiert. Eine der vermutlich frühesten Verwendungen stammt aus dem Jahr 1995, als es in der Google-Gruppe alt.gothic in einer Diskussion, die die (Nicht-)Existenz des Worts thusly im Englischen zum Inhalt hat, im Threadtitel Grammar Nazi on the Rampage! (sinngemäß ‚Randalierender Grammatiknazi!‘) benutzt wurde (vgl. Sherman & Švelch 2015: 319). Die spätere Übernahme aus dem angloamerikanischen Raum sowie die Eindeutschung als Grammatiknazi (manchmal auch Grammatik-Nazi) müssen vor dem Hintergrund kommentiert werden, dass der Begriff Nazi im Deutschen semantisch stärker negativ aufgeladen und damit pragmatisch tabuisierter ist als im Englischen, wo er als Beleidigung in seiner Schwere ungefähr mit ,Volltrottel‘ zu vergleichen ist (vgl. Eitz & Stötzel 2007: 316). Durch die Übernahmen von Nazi-Komposita aus dem Englischen (bspw. auch Feminazi) kam es aber auch im Deutschen zu einer teilweisen Verschiebung der ursprünglichen Wortbedeutung und Nazi wird – vor allem als Determinatum in Komposita – verwendet, „um auf bestimmte Eigenschaften von Personen oder Personengruppen auf satirische (figurative) Weise zu referieren und/oder sie zu diffamieren“ (Giesel 2019: 74). Entscheidend ist, dass das -nazi in Grammatiknazi auf Personen referiert, die keine ideologischen Verbindungen zum Nationalsozialismus aufweisen (vgl. Bahlo, Becker & Steckbauer 2016) und die sich im Falle der Selbstbezeichnung zum Teil sogar explizit davon distanzieren. Synonym zu Grammatiknazi finden sich auch Bezeichnungen wie Sprachnazi oder Rechtschreibnazi, in abgeschwächter Form auch Grammatik- oder Sprachpolizei (vgl. Frick im Ersch.).

Zur Verwendung des Schlagworts ist zunächst festzuhalten, dass es in Diskursen seltener anzufinden ist als die damit assoziierte Praxis. Auch überlappen sich die typischen Verwendungskontexte von (1) Praxis und (2) Schlagwort nicht immer: So werden viele Korrekturen oder Kommentierungen nicht metasprachlich aufgearbeitet und es fehlt vor allem den korrigierenden Personen oft ein metapragmatisches Bewusstsein für die Problematik ihres Handelns. Die explizite Verwendung des Schlagworts Grammatiknazi ist wiederum nicht zwingend an einen konkreten Korrekturkontext gebunden, sondern hat in der internetbasierten Kommunikation mittlerweile auch ein gewisses (virales) Eigenleben entwickelt.

Prototypische Kontexte, in denen die (1) Praxis ausgeübt wird, sind Diskussionen im Rahmen polarisierender Diskurse, in denen Vertreter*innen unterschiedlicher (vor allem politischer) Ideologien aufeinandertreffen. So werden bspw. in Kommentarbereichen auf Nachrichtenportalen, aber auch in sozialen Medien wie Facebook oder Twitter Normverstöße maßgeregelt. Die ‚Fehler‘ finden sich meistens in Posts, die als Reaktionen auf eine initiale Nachrichtenmeldung zu einem Thema mit großem Diskussionspotenzial gepostet wurden (s. Bsp. 4). Die zwei Haupttypen der vorgebrachten Laiensprachkritik sind einerseits die Korrektur selbst – oft in Form eines Sternchens gefolgt von der korrekten Form des falsch verwendeten Ausdrucks (z. B. *seid) – oder der Kommentar, der sich auf unterschiedliche – direktere oder indirektere – Weisen auf den Normverstoß beziehen oder auf diesen anspielen kann. Die beiden Typen kommen zum Teil auch in Kombination vor. Eine Sonderform ist das Posten von Links zu Webseiten wie www.seidseit.de, deren URLs zum Teil bereits korrigierend wirken und die, wenn sie aufgerufen werden, Erklärungen zum Fehler bzw. diesbezüglich richtiger Sprachverwendung enthalten (vgl. Arendt & Kiesendahl 2014: 126–127).   

Zur Bezeichnung der Praxis existiert noch kein gebräuchlicher Begriff. Der im vorliegenden Artikel verwendete Terminus Laiensprachkritik (Arendt & Kiesendahl 2014) ist breiter, was potenzielle Kontexte und Register betrifft, und für den englischsprachigen Vorschlag orthographic shaming (Meletis 2020: 378) – gebildet analog zu Fatshaming, Slutshaming etc. – hat sich noch keine deutschsprachige Entsprechung durchgesetzt.  

In der expliziten Verwendung des (2) Schlagworts ist vor allem die Nutzung als Fremdbezeichnung von der als Selbstbezeichnung zu trennen. Als Fremdbezeichnung wirkt Grammatiknazi fast immer – in unterschiedlichem Maße – abwertend und diffamierend. Interessant ist, dass das Schlagwort (wie die assoziierte sprachkritische Praxis) einen ad hominem-Charakter hat, womit mit Grammatiknazi nicht unmittelbar das Kritisieren abgewertet wird, sondern die kritisierende Person. Ein – wenn auch überraschend marginaler – Verwendungskontext des Schlagworts sind direkte Reaktionen auf die laiensprachkritischen Kommentare: Während Rechtfertigungen durch die korrigierte Person größtenteils ausbleiben (vgl. Arendt & Kiesendahl 2014: 112), klinken sich bisweilen Dritte ein, die das Schlagwort als Beleidigung verwenden und die Sprachkritik damit ablehnen oder bagatellisieren. Ein nennenswertes Phänomen sind in diesem Kontext auch Korrekturen von sprachkritischen Korrekturen/Kommentaren: Enthält die Laiensprachkritik selbst Normverstöße, wird oft von Nutzer*innen darauf hingewiesen, bisweilen mit dem dezidierten Ziel, die Doppelmoral der fehlerhaften Laiensprachkritik sichtbar zu machen; auf diese Weise entstehen zum Teil regelrechte Korrekturketten.

Generell wird die mit Grammatiknazi verbundene sprachkritische Praxis ,belächelt‘ und als ,enervierend‘ und ,spießbürgerlich‘ wahrgenommen (Bahlo, Becker & Steckbauer 2016: 276). Mit dem Schlagwort Whataboutism wurde lange nach Aufkommen laiensprachkritischer Praktiken ein Begriff populär, der dabei hilft, sie diskursstrategisch einzuordnen: Den negativ konnotierten Verwendungen von Grammatiknazi liegt so zugrunde, dass der ablenkende Charakter der damit verbundenen Praxis von Diskursteilnehmer*innen durchaus wahrgenommen und als störend bewertet wird.

Als Selbstreferenz trägt Grammatiknazi demgegenüber oft positive(re) Konnotationen. Inhärent ist der Bezeichnung dann die Intention, die Sprache durch das Aufzeigen und Korrigieren von Fehlern ‚schützen‘ zu wollen, womit stark präskriptiv geprägte und als positiv bewertete Standardsprachideologien zutage treten, die an alle Register – darunter auch digitale und informelle – Ansprüche der Korrektheit und Normwahrung stellen. Gleichzeitig wird das Schlagwort allerdings auch in solchen Verwendungskontexten ironisch verwendet und behält damit gewisse negative Bedeutungsanteile wie ‚pedantisch‘ und ‚belehrend‘. Den Formulierungen von Personen, die sich selbst Grammatiknazi nennen, ist so z. T. zu entnehmen, dass sie das Korrigieren schlicht nicht unterlassen können (es also gewissermaßen den Charakter eines Zwangs einnimmt), manche entschuldigen sich sogar noch im Rahmen ihrer Korrektur oder schwächen diese selbst ab. Häufig findet sich das Schlagwort so auch in retrospektiven Reflexionen des eigenen Sprachhandelns, in denen dieses explizit problematisiert wird (vgl. zahlreiche englischsprachige Artikel mit dem Titel ‚Confessions of a grammar nazi‘, z. B. Driffill 2014). Nennenswert im Kontext der Selbstbezeichnung und der Motivation des Sprachschutzes sind einschlägig benannte Webseiten wie http://www.grammatik-nazi.de/ oder https://grammatiknazi.de/. Sie bieten Erklärungen zu häufigen Fehlern (wie seid vs. seit, das vs. dass) oder sprachlichen Irrtümern (wie der Verwendung von einzigste/r) und/oder informieren über den Begriff Grammatiknazi. Bemerkenswert ist, dass beide genannten Webseiten Logos haben, die visuell auf Nazisymbolik anspielen: Der Großbuchstabe G ist darin wie ein Hakenkreuz stilisiert und in einem weißen Kreis vor rotem Hintergrund positioniert.

Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass die Bedeutungen von Grammatiknazi als Fremdbezeichnung und Selbstbezeichnung semantisch nicht weit auseinandergehen, im Diskurs jedoch pragmatisch andere Zwecke erfüllen: Die Fremdbezeichnung dient vorrangig der Entwertung diskursstörender Praktiken und verantwortlicher Akteur*innen, während Personen, die sich selbst als Grammatiknazi bezeichnen, die negativen Aspekte laiensprachkritischer Praktiken durchaus auch problematisieren, diese im Endeffekt aber als gerechtfertigt ansehen. Beide Verwendungen gehen in der Regel mit einem metapragmatischen Bewusstsein einher.

Ein wichtiger Bestandteil vieler laiensprachkritischer Handlungen sowie auch der Verwendung von Grammatiknazi als Selbstbezeichnung ist Humor, der häufig als Zeichen der individuellen oder kollektiven Überlegenheit zu beobachten ist. So haben sich in den sozialen Medien zahlreiche Gruppen gebildet, in denen Normverstöße in Form von Screenshots und Fotos zum Zweck der Belustigung der Gruppenmitglieder geteilt werden; ein Beispiel dafür ist der Subreddit GrammarNazi (https://www.reddit.com/r/GrammarNazi/; zuletzt abgerufen: 04.10.2022). Die Besonderheit (im Vergleich zu direkten laiensprachkritischen Kommentaren) ist hier, dass die Normabweichungen dekontextualisiert präsentiert werden, d. h. die für sie verantwortlichen Personen sind sich dessen im Regelfall nicht bewusst und werden darüber nicht informiert; oft, aber nicht immer werden Screenshots jedoch anonymisiert, sodass beteiligte Personen nicht identifizierbar sind (s. auch Bsp. 4). Durch die humoristische Präsentation und das Teilen von Fehlern in Screenshots haben sich sowohl das Schlagwort als auch die damit assoziierte sprachkritische Praxis mittlerweile zu Memes mit viralem Verbreitungspotenzial entwickelt (vgl. Sherman & Švelch 2015: 319), was viele Internetnutzer*innen zu Rezipient*innen laiensprachkritischer Praktiken macht. Häufig wird so auch der Hashtag #Grammatiknazi (in verschiedenen Varianten) verwendet, wobei hier analog zur Nutzung des Schlagworts zu unterscheiden ist, ob Nutzer*innen ihn auf andere Diskursteilnehmer*innen oder aber sich selbst und ihr eigenes Handeln beziehen.

Beispiele

(1) Im folgenden Beispiel wird die Sprachkritik mit der Selbstbezeichnung Grammatiknazi eingeleitet und von dieser gerahmt, was die Kritik einerseits ironisch abwertet und (gemeinsam mit ihrer Formulierung als Frage) abschwächt, wodurch die kritisierende Person sich womöglich erst ‚traut‘, die Kritik überhaupt zu äußern:

Ich spiel mal Grammatiknazi: Sollte es im 2. Absatz nicht gewogen statt gewiegt heißen? (aus der Wikipedia-Diskussion zur Seite ‚Wurst‘; Beispiel entnommen von Giese 2019: 75).

(2) Im folgenden Tweet wird das Schlagwort als kommentierender Hashtag zur Selbstbezeichnung verwendet. Sowohl die ‚fehlerhafte‘ Sprachverwendung als auch womöglich das Empfinden von Ärger darüber werden als Belastung empfunden: 

Jedes Mal, wenn jemand ‚wie‘ mit ‚als‘ verwechselt, stirbt etwas in mir. #grammatiknazi (Tweet gepostet von User*in @jani_ahoi, gepostet am 23.04.2017 um 14:32).

(3) In diesem Facebook-Kommentar unter einer politischen Nachrichtenmeldung echauffiert sich ein*e User*in über einen vorangehenden laiensprachkritischen Kommentar, indem die kritisierende Person angegriffen wird (ohne jedoch die Bezeichnung Grammatiknazi zu verwenden). Interessant ist hier auch die Assoziation mit einer bestimmten Positionierung am politischen Spektrum, was widerspiegelt, dass Sprachkritiker*innen häufig als dem linken Rand zugehörig wahrgenommen werden:

nur weil du den denker im profil hast und dich für einen klugscheisser hältst, bist und bleibst armseliges würstchen das sich über einen rechtschreibfehler mockiert, aber nix konkretes zum thema beitragen kann, genau so wie man rotgrüne politik kennt (Reaktion auf einen sprachkritischen Kommentar unter einem Nachrichtenpost auf der Facebook-Seite Zeit im Bild zum Thema Sicherheitspolitik, gepostet am 20.04.2018).

(4) Das folgende Beispiel zeigt einen gesamten Korrekturkontext: Ausgangspunkt ist ein Nachrichtenpost der österreichischen Facebook-Seite Frauenvolksbegehren (vom 20.02.2018), die insgesamt aufgrund ihrer Thematik politisch aufgeladen und konkret positioniert ist. Darunter ist ein Kommentar zu sehen, in dem sich ein*e User*in direkt – und ablehnend – auf den Inhalt des Posts und damit indirekt auf die politischen Ziele des Frauenvolksbegehrens bezieht. Hiermit macht sich die kommentierende Person vor allem im Kontext einer Facebook-Seite, die dezidiert diesem Thema gewidmet ist und damit zu einem gewissen Grad eine Filterblase darstellt, angreifbar. Wiederum darunter kommt es nun zur Sprachkritik – in diesem Fall in Form einer reinen Korrektur – durch eine weitere Person.

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Abb. 1: Korrektur von einem Nachrichtenpost auf der österreichischen Facebook-Seite Frauenvolksbegehren (Post vom 20.02.2018).

Literatur

Zum Weiterlesen

Zitierte Literatur

  • Arendt, Birte; Kiesendahl, Jana (2014): Sprachkritische Äußerungen in Kommentarforen – Entwurf des Forschungsfeldes ‚Kritiklinguistik‘. In: Niehr, Thomas (Hrsg.): Sprachwissenschaft und Sprachkritik – Perspektiven ihrer Vermittlung. Bremen: Hempen, S. 101–130.
  • Bahlo, Nils; Becker, Tabea; Steckbauer, Daniel (2016): Von „Klugscheißern“ und „Grammatik-Nazis“ – Grammatische Normierung im Internet. In: Spiegel, Carmen; Gysin, Daniel (Hrsg.): Jugendsprache in Schule, Medien und Alltag. Frankfurt a. M.: Peter Lang, S. 275–286.
  • Driffill, Rosie (2014): Confessions of a reformed grammar nazi. The Guardian. Online unter: https://www.theguardian.com/media/mind-your-language/2014/nov/14/mind-your-language-grammar-nazi ; Zugriff: 11.10.2022.
  • Eitz, Thorsten; Stötzel, Georg (2007): Wörterbuch der „Vergangenheitsbewältigung“. Die NS-Vergangenheit im öffentlichen Sprachgebrauch. Bd. 1. Hildesheim: Olms.
  • Frick, Karina (im Ersch.): Beware, grammar police: Grammar and spelling (norms) as positioning tools on the internet. Bulletin suisse de linguistique appliquée.
  • Giesel, Linda (2019): NS-Vergleiche und NS-Metaphern. Korpuslinguistische Perspektiven auf konzeptuelle und funktionale Charakteristika. Berlin; Boston: De Gruyter.
  • Meletis, Dimitrios (2020): The nature of writing: A theory of grapholinguistics. Brest: Fluxus Editions.
  • Sherman, Tamah; Švelch, Jaroslav (2015): “Grammar Nazis never sleep”: Facebook humor and the management of standard written language. Language Policy, Heft 4, Jg. 14, S. 315–334.

Abbildungsverzeichnis

Zitiervorschlag

Meletis, Dimitrios (2022): Grammatiknazi / Grammar Nazi. In: Diskursmonitor. Glossar zur strategischen Kommunikation in öffentlichen Diskursen. Hg. von der Forschungsgruppe Diskursmonitor und Diskursintervention. Veröffentlicht am 15.11.2022. Online unter: https://diskursmonitor.de/glossar/grammatiknazi-grammar-nazi.

DiskursGlossar

Grundbegriffe

Agenda Setting

Rassistisch motivierte Gewalt, Zerstörung des Regenwaldes, Gender pay gap: Damit politische Institutionen solche Probleme bearbeiten, müssen sie erst als Probleme erkannt und auf die politische Tagesordnung (Agenda) gesetzt werden. Agenda Setting wird in Kommunikations- und Politikwissenschaft als eine Form strategischer Kommunikation beschrieben, mithilfe derer Themen öffentlich Gehör verschafft und politischer Druck erzeugt werden kann.

Medien

Die Begriffe Medien/Massenmedien bezeichnen diverse Mittel zur Verbreitung von Informationen und Unterhaltung sowie von Bildungsinhalten. Medien schaffen damit eine wesentliche Grundlage für Meinungsbildung und Meinungsaustausch.

Macht

Macht ist die Fähigkeit, Verhalten oder Denken von Personen zu beeinflussen. Sie ist Bestandteil sozialer Beziehungen, ist an Kommunikation gebunden und konkretisiert sich situationsabhängig. Alle expliziten und impliziten Regeln, Normen, Kräfteverhältnisse und Wissensformationen können aus diskursanalytischer Perspektive als Machtstrukturen verstanden werden, die Einfluss auf Wahrheitsansprüche und (Sprach)Handlungen in einer Gesellschaft oder Gruppe nehmen.

Normalismus

Normalismus ist der zentrale Fachbegriff für die Diskurstheorie des Literaturwissenschaftlers Jürgen Link. Die Normalismus-Theorie fragt danach, wie sich Vorstellungen von ‚Normalität‘ und ‚Anormalität‘ als Leit- und Ordnungskategorien moderner Gesellschaften herausgebildet haben.

Wissen

Kollektives Wissen von sozialen Gruppen ist sowohl Voraussetzung als auch Ziel strategischer Kommunikation in öffentlichen Diskursen. Es wird geprägt durch individuelle Erfahrung, aber auch in Diskursgemeinschaften kommunikativ geteilt – vor allem im Elternhaus, in Peergroups und Bildungseinrichtungen sowie durch Medienkonsum.

Werbung

Werbung ist ein Kommunikationsinstrument von Unternehmen, das der Positionierung im Markt dient und je nach Situation des Unternehmens auf Einführung, Erhalt oder Ausbau von Marktanteilen und damit letztlich auf ökonomischen Gewinn abzielt.

Mediale Kontrolle

Medien werden vielfältig zur Durchsetzung von Macht verwendet. So in der Zensur, wenn eine politische Selektion des Sagbaren und des Unsagbaren stattfindet; in der Propaganda, wenn eine Bevölkerung von den Ansichten oder wenigstens der Macht einer bestimmten Gruppe überzeugt werden soll; oder in der Überwachung, die unerwünschtes Verhalten nicht nur beobachten, sondern unwahrscheinlich machen soll.

Freund- und Feind-Begriffe

Freund-, Gegner- und Feindbegriffe sind Teil der Politischen Kommunikation. Sie bilden die Pole eines breiten Spektrums von kommunikativen Zeichen, mit denen politische Akteure sich selbst und ihre politischen Gegner im Kampf um beschränkte Ressourcen auf dem diskursiven Schlachtfeld positionieren.

Sprachpolitik / Sprachenpolitik

Sprachpolitik bezeichnet allgemein alle politischen Prozesse, die auf eine Beeinflussung der Sprachverwendung in einer Gesellschaft oder Sprachgemeinschaft abzielen. Unterschieden wird häufig zwischen Sprachenpolitik und Sprachpolitik im engeren Sinne.

Sagbarkeit

Im öffentlichen Diskurs findet sich häufig die strategische Behauptung, dass bestimmte Fakten oder Meinungen unsagbar seien. Auf diese Weise wird zum Ausdruck gebracht, dass es Grenzen des Sagbaren gebe, die im öffentlichen Diskurs Geltung hätten.

Techniken

Flugblatt

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Passivierung

Unter Passivierung versteht man die Formulierung eines Satzes in einer grammatischen Form des Passivs. Das Passiv ist gegenüber dem Aktiv durch die Verwendung von Hilfsverben formal komplexer. Seine Verwendung hat unter anderem zur Folge, dass handelnde Personen im Satz nicht genannt werden müssen, was beispielsweise in Gesetzestexten für eine (gewünschte) größtmögliche Abstraktion sorgt („Niemand darf wegen seines Geschlechts […] benachteiligt oder bevorzugt werden.“ Art. 3 GG).

Aufopferungs-Topos

Als Aufopferungs-Topos wird in der Diskursforschung ein Argumentationsmuster bezeichnet, das zwei strategische Funktionen erfüllen kann: einerseits kann es dazu dienen, mit der Behauptung eines besonderen Ressourceneinsatzes (z.B. Einsatz von Geld, Zeit oder emotionaler Belastung) einen hohen Achtungswert für eine Person, eine Sache bzw. für ein Ziel zu plausibilisieren. Andererseits können Akteure besondere Privilegien (wie z.B. Wertschätzung, Entscheidungsbefugnisse und Mitspracherechte) reklamieren, wenn sie sich für eine bereits in der sozialen Bezugsgruppe hochgeschätzte Sache engagieren.

Opfer-Topos

Als Opfer-Topos bezeichnet man eine diskursive Argumentationsstrategie, bei der sich Akteure als ‚Opfer‘ gesellschaftlicher Urteilsbildung inszenieren und damit eigene Interessen – vor allem Aufmerksamkeit und Berücksichtigung von Bedürfnissen – geltend zu machen versuchen.

Analogie-Topos

Der Analogie-Topos zählt zu den allgemeinen bzw. kontextabstrakten Argumentationsmustern, die genutzt werden können, um für oder gegen eine Position zu argumentieren. Analogie-Topoi werden von verschiedenen Akteuren und Akteursgruppen strategisch eingesetzt, um eine zustimmende Haltung bei den Zielgruppen zu bewirken.

Negativpreis

Ein Negativpreis ist eine Auszeichnung an Personen oder Organisationen (meist Unternehmen), die sich oder ihre Produkte positiv darstellen und vermarkten, ihre Versprechen aus Sicht des Preisverleihers allerdings nicht einhalten. Dabei dient der Preis durch seine Vergabe vor allem dem Zweck, Aufmerksamkeit zu erregen, mediale Präsenz auf ein Thema zu lenken und den Preisträger in seinem moralischen Image zu beschädigen.

Be-/Überlastungs-Topos

Der Be-/Überlastungstopos ist ein Argumentationsmuster, das vorwiegend in der politischen Kommunikation eingesetzt wird. Als zu vermeidende Konsequenz einer konkreten Situation wird mit dem Be-/Überlastungstopos ein Be- bzw. Überlastungs-Szenario skizziert.

Wahlkampf

Wahlkämpfe sind Zeiten stark intensivierter politischer Kommunikation. Politische Parteien entwickeln Programme für die nächste Legislaturperiode in der Hoffnung, durch entsprechenden Stimmengewinn zu deren Umsetzung ermächtigt zu werden.

Wir

Das Pronomen wir erfüllt aber noch eine weitere diskursive Funktion: Ein Fundament des politischen Diskurses sind dynamische politische Ideologien: Glaubens- und Wissenssysteme von politischen und sozialen Gruppen.

Petition

Petitionen sind eine der am meisten genutzten Partizipationsformen nach Wahlen. Sie sind sowohl ein Mittel der politischen Beteiligung als auch ein Protestmittel und damit Zwitterwesen in der politischen Landschaft. Durch die Digitalisierung haben sich Petitionen zudem maßgeblich verändert, ihre Zahl hat zugenommen, ebenso wie die Zahl der Plattformen, auf denen sich Petitionen starten lassen.

Schlagwörter

Toxizität / das Toxische

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Zivilgesellschaft

Im gegenwärtigen deutschen Sprachgebrauch werden so heterogene Organisationen, Bewegungen und Initiativen wie ADAC und Gewerkschaften, Trachtenvereine und Verbraucherschutzorganisationen, Umweltorganisationen und religiöse Gemeinschaften zur Zivilgesellschaft gezählt.

Demokratie

Der Ausdruck Demokratie dient häufig zur Bezeichnung einer (parlamentarischen) Staatsform und suggeriert die mögliche Beteiligung aller an den Öffentlichen Angelegenheiten. Dabei ist seine Bedeutung weniger eindeutig als es den Anschein hat.

Plagiat/Plagiarismus

Plagiarismus ist ein Begriff, der sich im öffentlichen Diskurs gegen Personen oder Produkte richten kann, um diese in zuweilen skandalisierender Absicht einer Praxis unerlaubter intermedialer Bezugnahme zu bezichtigen. Die Illegitimität dieser Praxis wird oft mit vermeintlichen moralischen Verfehlungen in Verbindung gebracht.

Fake News

Fake News wird als Schlagwort im Kampf um Macht und Deutungshoheit in politischen Auseinandersetzungen verwendet, in denen sich die jeweiligen politischen Gegenspieler und ihre Anhänger wechselseitig der Lüge und der Verbreitung von Falschnachrichten zum Zweck der Manipulation der öffentlichen Meinung und der Bevölkerung bezichtigen.

Lügenpresse

Der Ausdruck Lügenpresse ist ein politisch instrumentalisierter „Schlachtruf“ oder „Kampfbegriff“ gegen etablierte und traditionelle Medien. Dabei wird häufig nicht einzelnen Medien-Akteuren, sondern der gesamten Medienbranche vorgeworfen, gezielt die Unwahrheit zu publizieren.

Antisemitismus

Mit Antisemitismus werden gemeinhin alle jene Phänomene bezeichnet, die sich gegen das Judentum oder gegen Jüdinnen*Juden als Jüdinnen*Juden richten. Die entsprechenden Erscheinungen reichen von der bloßen Distanzierung und Behauptung jüdischer Andersartigkeit, über vollständig ausgearbeitete Weltbilder, die Jüdinnen*Juden für sämtliche Probleme verantwortlich machen, bis hin zu massiven Ausgrenzungs-, Verfolgungs- und Gewaltpraktiken.

Respekt

Respekt oder respektvolles Verhalten wird eingefordert für die Eigengruppe (bzw. von der Eigengruppe), für wirklich oder vermeintlich diskriminierte Gruppen, für abweichende Meinungen. Mitgemeint ist bei der Forderung nach Respekt meist eine positiv bewertete Szene der (sozialen, kulturellen, ethnischen, sexuellen etc.) Vielfalt/Diversität.

Geschlechtergerechte Sprache

Mit dem heute als Fahnenwort gebrauchten Ausdruck geschlechtergerechte Sprache ist die Forderung verbunden, bei Personenbezeichnungen die einseitige, für diskriminierend erklärte Bezugnahme auf einen bestimmten Sexus, konkret: auf das männliche Geschlecht, zu unterlassen.

Identitätspolitik

Der Ausdruck steht heute für eine politische Konstellation, in der konkurrierende Wir-Gemeinschaften mit einer Diskriminierungs- und Benachteiligungsgeschichte in der Öffentlichkeit um Anerkennung konkurrieren. An der Oberfläche geht es ‚identitären‘ Wir-Gemeinschaften darum, die eigene Diskriminierung als Ermächtigungsmotiv an die Öffentlichkeit zu tragen.

Verschiebungen

Ökonomisierung

Ökonomisierung wird in gegenwärtigen Diskursen in der Regel zur Bezeichnung von Prozessen verwendet, in denen die spezifisch wirtschaftlichen Funktions-Elemente wie Markt, Wettbewerb/Konkurrenz, Kosten-Nutzen-Kalküle, Effizienz, Gewinnorientierung in Bereiche übertragen werden, die zuvor teilweise oder ganz nach anderen Leitkriterien ausgerichtet waren

Moralisierung

Moralisierung verlagert Macht- und Interessenkonflikte in die Sphäre der Kommunikation von Achtung / Missachtung. Sie reduziert Ambivalenz zugunsten einer Polarisierung von gut und böse.

Konstellationen

Skandal

Die Diskurskonstellation des Skandals zeichnet sich durch eine in den Medien aufgegriffene (bzw. durch sie erst hervorgerufene) empörte Reaktion eines erheblichen Teils der Bevölkerung auf einen tatsächlichen oder vermeintlichen Missstand aus. Die schuldhafte Verursachung dieses Missstandes wird dabei einem gesellschaftlichen Akteur zugeschrieben, dessen Handeln als ‚unmoralisch‘ gedeutet wird.

DiskursReview

Review-Artikel

Neue Beiträge Zur Diskursforschung 2023

Mit Beginn des Wintersemesters laden die Forschungsgruppen CoSoDi und Diskursmonitor sowie die Akademie diskursiv ein zur Vortragsreihe Neue Beiträge Zur Diskursforschung. Als interdisziplinäres Forschungsfeld bietet die Diskursforschung eine Vielzahl an...

Tagung: Diskursintervention (31.01.2019–01.02.2019)

Welchen Beitrag kann (bzw. muss) die Diskursforschung zur Kultivierung öffentlicher Diskurse leisten? Was kann ein transparenter, normativer Maßstab zur Bewertung sozialer und gesellschaftlicher Diskursverhältnisse sein?

Was ist ein Volk?

Dass „Volk“ ein höchst schillernder und vielschichtiger politischer Leitbegriff der vergangenen Jahrhunderte gewesen ist (und nach wie vor ist), kann man schon daran erkennen, dass der Eintrag „Volk, Nation“ in Brunner, Conze & Kosellecks großem Nachschlagwerk zur politischen Begriffsgeschichte mehr als 300 Seiten umfasst.

Antitotalitär? Antiextremistisch? Wehrhaft!

Im Herbst 2022 veranstalteten die Sender des Deutschlandradios eine Kampagne mit Hörerbeteiligung zur Auswahl eines Themas, mit dem sich ihre sogenannte „Denkfabrik“ über das kommende Jahr intensiv beschäftigen solle. Fünf Themen standen zur Auswahl, „wehrhafte Demokratie“ wurde gewählt, wenig überraschend angesichts des andauernden Krieges in der Ukraine…