DiskursGlossar

Negativpreis

Kategorie: Techniken
Verwandte Ausdrücke: Schmähpreis
Siehe auch: Guerillakommuniktion, Imageverschmutzung, Skandalisierung
Autorin: Mona Srenk
Version: 1.0 / Datum: 19.12.2022

Kurzzusammenfassung

Ein Negativpreis ist eine Auszeichnung an Personen oder Organisationen (meist Unternehmen), die sich oder ihre Produkte positiv darstellen und vermarkten, ihre Versprechen aus Sicht des Preisverleihers allerdings nicht einhalten. Dabei dient der Preis durch seine Vergabe vor allem dem Zweck, Aufmerksamkeit zu erregen, mediale Präsenz auf ein Thema zu lenken und den Preisträger in seinem moralischen Image zu beschädigen. Die Preisgewürdigten sowie Teile der Öffentlichkeit (zum Beispiel staatliche Behörden oder KundInnen) sollen zu Verhaltensänderungen bewegt werden (beispielsweise dazu, eine kritisierte Produktbeschreibung zu korrigieren, Unternehmenskontrollen durchzuführen oder das Konsumverhalten zu verändern). Der Erfolg von Negativpreisen hängt dabei maßgeblich davon ab, dass seine Verleihung in möglichst vielen Massen- und Sozialen Medien aufgenommen und verbreitet wird.

Erweiterte Begriffsklärung

Der Negativpreis ist „eine Auszeichnung, mit der besonders negativ zu bewertende Produkte, Phänomene oder kritikwürdige Personen, Institutionen o.Ä. angeprangert werden“ (DWDS: 2022b). Der Begriff Schmähpreis wird synonym hierzu verwendet (vgl. DWDS: 2022a).
Ein Negativpreis wird national sowie international von verschiedenen Organisationen in unterschiedlichen Kategorien vergeben. Beispielsweise wird Die Mogelpackung des Jahres an Hersteller überreicht, die regelmäßig Füllmengen und Preise verändern und sich so dem Vorwurf der versteckten Preiserhöhung aussetzen müssen (vgl. DWDS: 2022a).

Wie funktioniert ein Negativpreis? Ein Negativpreis wird vergeben, um mediale Aufmerksamkeit auf ein zuvor vernachlässigtes Thema zu lenken. Dafür wird auf Imageverschmutzungen zurückgegriffen, mit dem Ziel, dem Ruf der Gegenseite nachhaltig zu schaden und so ihre kritisierten Vorhaben zu be- oder verhindern. Den kritisierten Produktherstellern wird zumeist vorgeworfen, sich auf Kosten anderer, zum Beispiel auf Kosten von VerbraucherInnen, mit falschen Versprechen positiv darzustellen. Die Imageverschmutzung ist vor allem dann erfolgreich, wenn beobachtende Dritte, beispielsweise KonsumentInnen, infolge einer veränderten Wahrnehmung des Preisgewürdigten ihr Handeln (z.B. Konsumverhalten) anpassen. Die Preisvergebenden beanspruchen den Status einer moralischen Korrekturinstanz, die im Namen der Allgemeinheit handelt und darum in legitimer Weise einem/r GegnerIn einen öffentlichen Imageschaden zufügen kann (der potenziell justiziabel sein kann). Auch darum ist mediale Präsenz und große Reichweite eine wichtige Erfolgsbedingung für Negativpreise (vgl. autonome a.f.r.i.k.a. gruppe 2012: 149). Von hoher Priorität ist, die Aufmerksamkeit der KonsumentInnen auf verbraucherrelevante Themen zu lenken und damit zum Handeln im Hinblick auf bestimmte Diskurse anzuregen. Negativpreise sind darum oft Teil von Skandalisierungspraktiken, die Aufmerksamkeit verschaffen und dabei helfen, bislang nicht involvierte ZuschauerInnen (z.B. Presse, Behörden, andere NGOs) zu weiterer Aufklärung und/oder Sanktionen zu motivieren (vgl. Reese-Schäfer 2017: 78).

Berichterstattung und Reaktion der Gegenseite: Für die Bekanntgaben werden nicht nur klassische Massenmedien genutzt, sondern auch Internetseiten oder soziale Medien wie Facebook, Instagram oder YouTube. Hierbei nutzen NGOs, wie beispielsweise Foodwatch, die Portale auch selbst, um ihre Berichte zu verbreiten. Darüber hinaus knüpfen sie die Preisvergabe an Aufmerksamkeit-generierende Aktionen an: zahlreiche Medien berichten, wenn Foodwatch am Ende ihrer Kampagne zum jeweiligen Firmensitz reist, um den Goldenen Windbeutel persönlich an die GewinnerInnen zu überreichen. Durch diese Aktion und die damit einhergehende mediale Präsenz steigt der Handlungsdruck bei Betroffenen (vgl. Nessel 2016: 183). Format sowie Medium der Verleihung variieren je nach Akteur. Der internationale Negativpreis Goldene Himbeere (auch Anti-Oscar genannt) veranstaltet beispielsweise ein Oscar-ähnliches Event, um die GewinnerInnen bekanntzugeben.

Die Kritik von Foodwatch im Rahmen der zuvor erwähnten Kampagnen wird von der Gegenseite als ernstzunehmende Image-Bedrohung wahrgenommen, die nur selten ignoriert wird. 2013 kündigte der nominierte Hersteller und spätere Preisträger Capri-Sonne bereits im Vorfeld der Abstimmung Zurückweisung im Falle der Preisvergabe an (vgl. Nessel 2016: 183). Andere Unternehmen reagierten im Nachgang, indem sie Etikettierungen änderten oder Produkte vom Markt nahmen, sich damit – gezwungenermaßen – teilweise kooperativ zeigten. Die Annahme des Preises wird dennoch in den meisten Fällen verweigert, sich aber mit den Preisvergebenden auseinandergesetzt. Unternehmen und damit auch GewinnerInnen des Goldenen Windbeutels der letzten Jahre wie Hochland, Alete oder Coca-Cola gaben dazu in schriftlichen Stellungnahmen bekannt, wieso sie den Preis als nicht gerechtfertigt ansahen und verteidigten ihre Produkte oder ihre Geschäftsaktivitäten. Den AktivistInnen wurde dann auch der Zutritt zu ihren Gebäuden verwehrt.

Beispiele

(1) Negativpreis Unwort des Jahres

Das Unwort des Jahres wird von einer unabhängigen und ehrenamtlichen Initiative, bestehend aus SprachwissenschaftlerInnen und einer Journalistin, bestimmt. Hierbei wird vorab öffentlich dazu aufgerufen, Vorschläge für Preiskandidaten (umstrittene Wörter oder Phrasen) bis Jahresende einzusenden. Bedingung ist dabei, dass das Wort in einem öffentlichen Kontext geäußert wurde. Da hier kein/e ausgewählte/r GegnerIn, wie beispielsweise ein Unternehmen, im Fokus steht, wird das gekürte Wort lediglich auf der Webseite der Initiative und durch eine Presseerklärung bzw. einer Pressekonferenz bekannt gegeben und kurz begründet.

Auf der Internetseite finden sich Stellungnahmen zum erst- und zweitplatzierten Unwort sowie Angaben zur Art und Anzahl der Einsendungen. Motiv der Unwortwahl ist zum Beispiel, dafür zu sensibilisieren, „die Grenzen des öffentlich Sagbaren nicht immer weiter in Richtung Menschenfeindlichkeit, antidemokratische Tendenzen und Zynismus verschieben zu lassen“ (Wengeler 2020: 195). Die Jury bemüht sich um einen Balanceakt zwischen linguistisch begründeter und populärer Sprachkritik (Sprachkritik als Diskurskritik) und möchte damit zur Reflexion des Sprachgebrauchs anregen (vgl. Wengeler 2020: 200). Über die Unwortwahl wird auch in zahlreichen öffentlichen Medien wie die Tagesschau, ZDF oder Die Zeit berichtet, was dann von öffentlichen Personen und letztlich auch von durch die Kritik Betroffenen kommentiert wird (siehe Abb. 1), aber auch dem Zweck der Distanzierung dient
(siehe Abb. 2). Bei der Wahl zum Unwort des Jahres zeigt sich typischerweise in weiteren Verläufen, ob die Gegenseite die unerwartete Aufmerksamkeit für ihre Zwecke erntet, indem sie sich als Opfer einer ,Sprachpolizei‘ darstellt oder ob sie die Kritik lediglich ignoriert.

Abb. 1: Tweet von Alice Weidel (2020): Klimahysterie ist das Unwort des Jahres 2019.
Abb. 2: Tweet von Nurder Koch (2021): Pushback ist Unwort des Jahres 2021.

Die Wahl zum Unwort des Jahres wird (in der Fachwelt) zuweilen als willkürlich und unwissenschaftlich kritisiert, weil eine sprachwissenschaftliche Begründung der Begriffe meist nicht möglich sei (vgl. Wengeler 2020: 198). Linksliberale KritikerInnen fordern zudem eine ‚echte‘ Aufklärung über die Unzufriedenheit der BürgerInnen im (politischen) Alltag und damit überhaupt die Entstehung der Unwörter.

 (2) Negativpreis Goldener Windbeutel

Foodwatch ist ein 2002 gegründeter Verein, der sich die Förderung des Verbraucherschutzes durch gekennzeichnete Produkte sowie mehr Transparenz in der Lebensmittelproduktion zum Ziel gesetzt hat. Dabei geht er vor allem auf die für ihn unzureichende Kennzeichnung von Inhaltsstoffen, Herkunft und Produktionsbedingungen der Lebensmittel ein. Der Verein setzt auf Enthüllungen, Studien und Kampagnen, um auf eigene Untersuchungsergebnisse aufmerksam zu machen (vgl. Nessel 2016: 173-174). Foodwatchs Negativpreis Goldener Windbeutel wird seit 2009 für die ,Werbelüge des Jahres‘ an auserwählte Konzerne vergeben. Dabei geht Foodwatch bereits mit dem Preisnamen Windbeutel auf den Grund zur Auswahl des ausgezeichneten Produktes ein: Der Begriff steht nicht nur für ein Lebensmittel, sondern wird umgangssprachlich auch im übertragenden Sinn abwertend für eine oberflächliche und prahlerische Person verwendet, die sich gut in Szene zu setzen weiß, allerdings wenig Essenz enthält (vgl. DWDS: 2022c).

Typisch für Foodwatch ist, die konstatierten Missstände oder ‚Fehlverhalten‘ der Unternehmen medial zu skandalisieren (vgl. Nessel 2016: 180). Die Gegenseite soll durch medial erzeugten Druck dazu bewegt werden, ebendieses Fehlverhalten einzustellen. Dabei verkleidet sich ein/e AktivistIn stets als dasjenige Produkt, das für Foodwatch die dreisteste Werbelüge darstellt (siehe Abb. 3) (vgl. Baringhorst / Witterhold 2017: 559). Zudem postet Foodwatch selbst auf seinem YouTube-Kanal ein Video zur Preisvergabe mitsamt Informationen zur Stimmverteilung sowie zum Preisträger und zeigen die tatsächliche Preisübergabe und dazugehörige Vorbereitungen (vgl. Foodwatch 2021).

Abb. 3 Screenshot von Foodwatch (2021): Rewe gewinnt den Goldenen Windbeutel.

Rewe, Preisträger 2021 (siehe Abb. 3), stand für ein Gespräch nicht zur Verfügung und bot nur die Möglichkeit, den Preis per Post einzusenden. Zuvor gab das Unternehmen bereits eine Stellungnahme ab, dass Foodwatchs Vorwürfe unbegründet seien. Über die Vergabe des Negativpreises wurde auch auf diversen Webseiten von Nachrichtenagenturen, -portalen und Magazinen in unterschiedlichem Umfang berichtet. Am 11. Februar 2022 berichtete Foodwatch auf Facebook, Rewe habe in Folge der öffentlichen Kritik die Zusammenarbeit mit dem ‚fake-Klimaschutz-Waldprojekt in Peru‘ beendet (vgl. Foodwatch: 2022).

Foodwatch sieht sich durch seine Kampagnenführung starken medialen Gegenkampagnen ausgesetzt, die die Glaubwürdigkeit der Organisation vielfach in Bezug auf die Spendenfinanzierung in Zweifel ziehen (vgl. Nessel 2016: 179). Auch bei der Entscheidungsfindung des/der GewinnerIn wird Foodwatch regelmäßig mangelnde Transparenz zu Auswahlkriterien und Wahl vorgeworfen. Kritisiert wird, Nominierungen achteten lediglich auf die Prominenz der Unternehmen und weniger auf die Dreistigkeit bzw. den tatsächlichen Stellenwert der Irreführung. Kritiker fordern außerdem, nicht nur die Produzenten, sondern auch die KonsumentInnen stärker in die Verantwortung zu nehmen (vgl. Hasso 2014: 50-52).

Literatur

Zum Weiterlesen

  • Autonome a.f.r.i.k.a. gruppe; Blissett, Luther; Brünzels, Sonja (2012): Handbuch der Kommunikationsguerilla. Hamburg: Assoziation A.

Zitierte Literatur

  • Autonome a.f.r.i.k.a. gruppe; Blissett, Luther; Brünzels, Sonja (2012): Handbuch der Kommunikationsguerilla. Hamburg: Assoziation A.

  • Baringhorst, Sigrid; Witterhold, Katharina (2017): Zwischen Markt und Zivilgesellschaft – Organisation und Verbraucherinteressen Online/Offline. In: Kenning, Peter/Oehler, Andreas/Reisch, Luica A./Grugel, Christian (Hrsg.): Verbraucherwissenschaften. Rahmenbedingungen, Forschungsfelder und Institutionen. Wiesbaden: Springer, S. 557-572.

  • Hasso, Mansfeld (2014): Foodwatch geht einen gefährlichen Weg. Beim Goldenen Windbeutel scheint die Prominenz der Nominierten wichtiger als die Dreistigkeit der Werbelügen. In: Lebensmittel Zeitung (67), H.37, S.50-52.

  • Nessel, Sebastian (2016): Verbraucherorganisationen und Märkte. Eine wirtschaftssoziologische Untersuchung. Wiesbaden: Springer.

  • Reese-Schäfer, Walter (2017): Politische Ethik unter Realitätsbedingungen. Die Welt von Gewalt, Lügen und Skandalisierungen. Wiesbaden: Springer.

  • Schiffers, Maximilian (2021): NGOs als besondere Akteure der Interessenvermittlung. Eine Analyse der politischen Rationalität von Nichtregierungsorganisationen. Wiesbaden: Springer.

  • Wengeler, Martin (2020): Die sprachkritische Aktion „Unwort des Jahres“ – Diskurssensibilisierung oder Medien-Hype? In: Vogel, Friedemann/Deus, Fabian (Hrsg.): Diskursinterventionen. Normativer Maßstab der Kritik und praktische Perspektiven zur Kultivierung öffentlicher Diskurse. Wiesbaden: Springer, S.193-202.

  • Wengeler, Martin (2013): Unwörter. Eine medienwirksame Kategorie zwischen linguistisch begründeter und populärer Sprachkritik. In: Diekmannshenke, Hajo/Niehr, Thomas (Hrsg.): Öffentliche Wörter. Analysen zum öffentlich-medialen Sprachgebrauch. Stuttgart: ibidem-Verlag.

Internetquellen

Abbildungsverzeichnis

Zitiervorschlag

Srenk, Mona (2022): Negativpreis. In: Diskursmonitor. Glossar zur strategischen Kommunikation in öffentlichen Diskursen. Hg. von der Forschungsgruppe Diskursmonitor und Diskursintervention. Veröffentlicht am 19.12.2022. Online unter: https://diskursmonitor.de/glossar/negativpreis.

DiskursGlossar

Grundbegriffe

Werbung

Werbung ist ein Kommunikationsinstrument von Unternehmen, das der Positionierung im Markt dient und je nach Situation des Unternehmens auf Einführung, Erhalt oder Ausbau von Marktanteilen und damit letztlich auf ökonomischen Gewinn abzielt.

Mediale Kontrolle

Medien werden vielfältig zur Durchsetzung von Macht verwendet. So in der Zensur, wenn eine politische Selektion des Sagbaren und des Unsagbaren stattfindet; in der Propaganda, wenn eine Bevölkerung von den Ansichten oder wenigstens der Macht einer bestimmten Gruppe überzeugt werden soll; oder in der Überwachung, die unerwünschtes Verhalten nicht nur beobachten, sondern unwahrscheinlich machen soll.

Freund- und Feind-Begriffe

Freund-, Gegner- und Feindbegriffe sind Teil der Politischen Kommunikation. Sie bilden die Pole eines breiten Spektrums von kommunikativen Zeichen, mit denen politische Akteure sich selbst und ihre politischen Gegner im Kampf um beschränkte Ressourcen auf dem diskursiven Schlachtfeld positionieren.

Sprachpolitik / Sprachenpolitik

Sprachpolitik bezeichnet allgemein alle politischen Prozesse, die auf eine Beeinflussung der Sprachverwendung in einer Gesellschaft oder Sprachgemeinschaft abzielen. Unterschieden wird häufig zwischen Sprachenpolitik und Sprachpolitik im engeren Sinne.

Sagbarkeit

Im öffentlichen Diskurs findet sich häufig die strategische Behauptung, dass bestimmte Fakten oder Meinungen unsagbar seien. Auf diese Weise wird zum Ausdruck gebracht, dass es Grenzen des Sagbaren gebe, die im öffentlichen Diskurs Geltung hätten.

Kulturelle Grammatik

Kulturelle Grammatik steht für ein System von Regeln und/oder etablierten Regelmäßigkeiten, die Formen richtiger und/oder normaler Kommunikation und Interaktion auszeichnen.

Begriffe besetzen

In der Linguistik wird von ‚Begriffe besetzen‘ oder von ‚semantischen Kämpfen‘ gesprochen, wenn Akteure versuchen, Wörter oder Phrasen mit bestimmten, meist parteispezifischen Bedeutungen zu prägen, oder umgekehrt für einen bestimmten Sachverhalt eine prägnante Bezeichnung zu finden. Diese Bezeichnungspolitik zielt darauf, die eigene (politische) Position zu stärken und meistens auch gleichzeitig die gegnerische Position zu schwächen.

Epistemischer Status

Als epistemischen Status bezeichnet man die Wissensbestände und -zugänge zu Ereignissen, Sachverhalten und Personen, die Gesprächsteilnehmer*innen ihrem Gegenüber in der Interaktion zuschreiben.

Politische Kommunikation

Politische Kommunikation findet überall dort statt, wo Menschen als Teil von sozialen Gruppen mit unterschiedlichen Bedürfnissen und Interessen aufeinandertreffen und über das einzelne Individuum hinaus geltende Regeln des Zusammenlebens aushandeln.

Topos

Ein Topos (Plural: Topoi) ist als ein Argumentationsmuster ein allgemeines Formprinzip, nach dem Argumente gebildet werden können. Als allgemeiner, formaler bzw. kontextabstrakter Topos kann er für oder gegen jede in Frage stehende Position angeführt werden. Topoi gehören zum kollektiven Wissen aller, die sich argumentativ äußern.

Techniken

Be-/Überlastungs-Topos

Der Be-/Überlastungstopos ist ein Argumentationsmuster, das vorwiegend in der politischen Kommunikation eingesetzt wird. Als zu vermeidende Konsequenz einer konkreten Situation wird mit dem Be-/Überlastungstopos ein Be- bzw. Überlastungs-Szenario skizziert.

Wahlkampf

Wahlkämpfe sind Zeiten stark intensivierter politischer Kommunikation. Politische Parteien entwickeln Programme für die nächste Legislaturperiode in der Hoffnung, durch entsprechenden Stimmengewinn zu deren Umsetzung ermächtigt zu werden.

Petition

Petitionen sind eine der am meisten genutzten Partizipationsformen nach Wahlen. Sie sind sowohl ein Mittel der politischen Beteiligung als auch ein Protestmittel und damit Zwitterwesen in der politischen Landschaft. Durch die Digitalisierung haben sich Petitionen zudem maßgeblich verändert, ihre Zahl hat zugenommen, ebenso wie die Zahl der Plattformen, auf denen sich Petitionen starten lassen.

Influencer / Influencerin

Influencer:innen sind Personen, die auf Social-Media-Plattformen regelmäßig selbst produzierte Inhalte publizieren und damit eine öffentliche Reichweite über ihre Follower:innen aufbauen. Influencer:innen haben das Potenzial, Rezipient:innen in ihrem Wissen, Einstellungen und Verhalten zu beeinflussen (engl. to influence).

Litigation PR

Der Begriff Litigation PR kombiniert das englische Wort litigation, das auf lat. ,lītigātiō‘ zurückgeht und für Rechtsstreitigkeit bzw. (Gerichts )Verfahren/Prozess steht, mit dem bekannten Begriff PR (Public Relations).

Memes

Der Begriff des Internet-Memes fasst eine relativ heterogene Gruppe digitaler – und zumeist multimodaler – Texte zusammen (zum Beispiel Videos, GIFs, Image Macros), die sich durch formale oder inhaltliche Gemeinsamkeiten auszeichnen und durch Imitations- und Aneignungsprozesse verbreiten.

Aufwertung/Meliorisierung

Von Aufwertung/Meliorisierung wird in der Linguistik dann gesprochen, wenn ein Wort, das ursprünglich als Fremdbezeichnung der Diffamierung einer bestimmten Volks- oder Personengruppe diente, von dieser selbst dann als positive Eigenbezeichnung verwendet wird.

Domain-Grabbing

In der Internetkommunikation finden sich verschiedene Praktiken, die aus Sicht von Dritten (v.a. Markenhaltern) als illegitime oder gar rechtswidrige Inanspruchnahme von Domain-Namen und damit verbundener Aufmerksamkeitssteuerung kritisiert werden.

Suchmaschinenoptimierung

Durch Suchmaschinenoptimierung (search engine optimization; SEO) wird versucht, Webseiten so zu verändern, dass sie von Suchmaschinen als besonders relevant betrachtet und entsprechend hoch in den Suchergebnissen gelistet werden.

Search Engine Advertising

Als Search Engine Advertising wird die Werbung auf den Ergebnisseiten von Suchmaschinen bezeichnet. Besondere Merkmale dieser Werbeform sind, dass die Anzeigen kontextbasiert sind und in Textform dargestellt werden.

Schlagwörter

Plagiat/Plagiarismus

Plagiarismus ist ein Begriff, der sich im öffentlichen Diskurs gegen Personen oder Produkte richten kann, um diese in zuweilen skandalisierender Absicht einer Praxis unerlaubter intermedialer Bezugnahme zu bezichtigen. Die Illegitimität dieser Praxis wird oft mit vermeintlichen moralischen Verfehlungen in Verbindung gebracht.

Lügenpresse

Der Ausdruck Lügenpresse ist ein politisch instrumentalisierter „Schlachtruf“ oder „Kampfbegriff“ gegen etablierte und traditionelle Medien. Dabei wird häufig nicht einzelnen Medien-Akteuren, sondern der gesamten Medienbranche vorgeworfen, gezielt die Unwahrheit zu publizieren.

Antisemitismus

Mit Antisemitismus werden gemeinhin alle jene Phänomene bezeichnet, die sich gegen das Judentum oder gegen Jüdinnen*Juden als Jüdinnen*Juden richten. Die entsprechenden Erscheinungen reichen von der bloßen Distanzierung und Behauptung jüdischer Andersartigkeit, über vollständig ausgearbeitete Weltbilder, die Jüdinnen*Juden für sämtliche Probleme verantwortlich machen, bis hin zu massiven Ausgrenzungs-, Verfolgungs- und Gewaltpraktiken.

Grammatiknazi / Grammar Nazi

Das überwiegend negativ konnotierte Schlagwort Grammatiknazi – als Übersetzung von engl. grammar nazi – wird zur Benennung von Personen verwendet, die meist in eher informellen Kontexten der öffentlichen Internetkommunikation (u. a. in Foren, Kommentarbereichen auf Nachrichtenportalen, sozialen Netzwerken) ungefragt Sprachkritik an den Äußerungen anderer (häufig fremder) Kommunikationsteilnehmer*innen üben.

Respekt

Respekt oder respektvolles Verhalten wird eingefordert für die Eigengruppe (bzw. von der Eigengruppe), für wirklich oder vermeintlich diskriminierte Gruppen, für abweichende Meinungen. Mitgemeint ist bei der Forderung nach Respekt meist eine positiv bewertete Szene der (sozialen, kulturellen, ethnischen, sexuellen etc.) Vielfalt/Diversität.

Geschlechtergerechte Sprache

Mit dem heute als Fahnenwort gebrauchten Ausdruck geschlechtergerechte Sprache ist die Forderung verbunden, bei Personenbezeichnungen die einseitige, für diskriminierend erklärte Bezugnahme auf einen bestimmten Sexus, konkret: auf das männliche Geschlecht, zu unterlassen.

Identitätspolitik

Der Ausdruck steht heute für eine politische Konstellation, in der konkurrierende Wir-Gemeinschaften mit einer Diskriminierungs- und Benachteiligungsgeschichte in der Öffentlichkeit um Anerkennung konkurrieren. An der Oberfläche geht es ‚identitären‘ Wir-Gemeinschaften darum, die eigene Diskriminierung als Ermächtigungsmotiv an die Öffentlichkeit zu tragen.

Cancel Culture

Cancel Culture ist ein Kampf- und Stigmawort, das sich in skandalisierender Absicht gegen die Praxis (und oft auch bereits gegen die Forderung) des Absagens, Ausladens, Boykottierens moralisch missliebiger und politisch bekämpfter Personen, Organisationen und Positionen in Wissenschaft, Kultur und Politik wendet.

Elite

Einmal wird unter Elite eine Auswahl der Besten und Leistungsfähigsten verstanden, einmal in distanzierender Weise eine abgehobene ‚Kaste‘ der Reichen und Mächtigen im Gegensatz zum Volk. Erstere Variante wird in der Regel zur Verteidigung der etablierten Ordnung verwendet, letztere vor allem von Rechtspopulisten.

Altpartei

Der Ausdruck Altpartei wird in jüngerer Zeit häufig im Kontext des Aufstiegs des Rechtspopulismus und der AfD gebraucht. Dabei lassen sich hauptsächlich zwei Gebrauchsvarianten beobachten: Einerseits richtet sich der Ausdruck in abwertender Weise gegen etablierte Parteien, andererseits taucht er oft in sprachkritischen Kontexten auf, wo seine Verwendung und seine Sprecher kritisiert oder diskreditiert werden.

Verschiebungen

Ökonomisierung

Ökonomisierung wird in gegenwärtigen Diskursen in der Regel zur Bezeichnung von Prozessen verwendet, in denen die spezifisch wirtschaftlichen Funktions-Elemente wie Markt, Wettbewerb/Konkurrenz, Kosten-Nutzen-Kalküle, Effizienz, Gewinnorientierung in Bereiche übertragen werden, die zuvor teilweise oder ganz nach anderen Leitkriterien ausgerichtet waren

Moralisierung

Moralisierung verlagert Macht- und Interessenkonflikte in die Sphäre der Kommunikation von Achtung / Missachtung. Sie reduziert Ambivalenz zugunsten einer Polarisierung von gut und böse.

Konstellationen

Skandal

Die Diskurskonstellation des Skandals zeichnet sich durch eine in den Medien aufgegriffene (bzw. durch sie erst hervorgerufene) empörte Reaktion eines erheblichen Teils der Bevölkerung auf einen tatsächlichen oder vermeintlichen Missstand aus. Die schuldhafte Verursachung dieses Missstandes wird dabei einem gesellschaftlichen Akteur zugeschrieben, dessen Handeln als ‚unmoralisch‘ gedeutet wird.

DiskursReview

Review-Artikel

Satzsemantik von Vorhersage und Nutzen-Risiko-Abwägung: Die STIKO-Impfempfehlung für 12- bis 17-Jährige vom 18. August 2021

“Die Forschung muss… sich in die Lage versetzen, die politischen Implikationen, die sie hat, anzunehmen und auszuforschen, um nicht beim ersten Knall der Peitsche durch alle ihr vorgehaltenen Reifen zu springen. Diese Integrität kann die Wissenschaft gerade dadurch unter Beweis stellen, dass sie dem herrschenden Druck, praktische Tabus in theoretische umzuwandeln, widersteht” (Beck 1986, 283)

Review-Rückblick

In dieser Rubrik veröffentlichen wir in unregelmäßigen Abständen kurze Notizen zu Ereignissen oder Phänomenen, die in den vergangenen Wochen in der strategischen und öffentlichen Kommunikation zu beobachten waren. Die Texte kommentieren subjektiv, unsystematisch, teils widersprüchlich und hoffentlich pointiert. Sie erheben keinen Anspruch auf Wissenschaftlichkeit, beobachten ihren Gegenstand aber von einer diskursanalytischen und -interventionistischen Position aus und sollen zum Widerspruch einladen. Sie repräsentieren nicht die Position der Redaktion des Diskursmonitors, sondern ihrer jeweiligen Autorinnen und Autoren.

Rasse, Rassismus

1) Zu Beginn drei exemplarische Medienereignisse aus der jüngsten Vergangenheit, in denen es um den Komplex Rasse, Rassismus ging…

Freund-Feind-Begriffe: Zum diskurssemantischen Feld soziopolitischer Kollektivierung

Mit jeder sprachlichen Äußerung (und das schließt das Nicht-Äußern mit ein) positioniert sich der Sprecher oder Schreiber sowohl innerhalb eines von ihm intersubjektiv (re)konstruierten als auch eines objektiven (d.h. objektivierbaren) diskursiven Raum sozialer Gruppen. Möglich ist dies nur aufgrund der sozialsymbolischen (indexikalischen) Bedeutung kommunikativer Zeichen im Bühlerschen Sinne…

PR, Punk oder Provinz: Wie Corona-Forschung die Öffentlichkeit (nicht) erregt.

Jeden Tag erreichen uns neue Nachrichten, neue Zahlen, neue Grafiken zur laufenden Corona-Pandemie. Wer erinnert sich da noch daran, was vor zwei oder drei Monaten oder vor einer Woche öffentlich diskutiert wurde? Vielleicht sind nur zwei Debatten wirklich in unserem öffentlichen Gedächtnis hängen geblieben, unter anderem, weil sie es zu eigenen Twitter-Hashtags gebracht haben: #HeinsbergProtokoll und #IchHabeBesseresZuTun…