DiskursGlossar

Aufopferungs-Topos

Kategorie: Techniken
Verwandte Ausdrücke: Opferbereitschaft, Hingabe, Einsatz, Altruismus, Selbstaufgabe, Heldentum
Siehe auch: Topos, Opfer-Topos, Analogie-Topos, Konsequenz-Topos, Topos der düsteren Zukunftsprognose, Be(Über)lastungs-Topos, Gerechtigkeitsargument, Differenzierungs-Topos, Autoritäts-Topos
Autorin: Carina Krajczewski
Version: 1.0 / Datum: 01.06.2023

Kurzzusammenfassung

Als Aufopferungs-Topos wird in der Diskursforschung ein Argumentationsmuster bezeichnet, das zwei strategische Funktionen erfüllen kann: einerseits kann es dazu dienen, mit der Behauptung eines besonderen Ressourceneinsatzes (z.B. Einsatz von Geld, Zeit oder emotionaler Belastung) einen hohen Achtungswert für eine Person, eine Sache bzw. für ein Ziel zu plausibilisieren. Andererseits können Akteure besondere Privilegien (wie z.B. Wertschätzung, Entscheidungsbefugnisse und Mitspracherechte) reklamieren, wenn sie sich für eine bereits in der sozialen Bezugsgruppe hochgeschätzte Sache engagieren. Diese beiden Varianten des Aufopferungs-Topos lassen sich wie folgt umschreiben:

Variante 1: Weil jemand sich (nicht) in umfangreichem Maß für eine Sache engagiert bzw. aufopfert, hat diese Sache einen hohen (geringen) Wert.

Variante 2: Weil jemand sich (nicht) in umfangreichem Maß für eine Sache engagiert bzw. aufopfert, verdient sein Anliegen (keine) besondere Wertschätzung und Privilegien.

Bei der ersten Variante wird der Wert einer Sache vor dem Hintergrund der Größe bzw. der Anzahl erbrachter ‚aufopferungsvoller‘ Taten bemessen. Die zweite Variante setzt die Anerkennung eines hohen Wertes für eine Sache bereits voraus, um daran die Qualität einer ‚aufopferungsvollen‘ Tat zu bewerten und daraus besondere Privilegien gegenüber Dritten zu plausibilisieren und zu legitimieren.

Erweiterte Begriffsklärung

Der Aufopferungs-Topos wurde historisch vornehmlich von (christlicher) Opfertheologie und von Heldendiskursen, wie beispielsweise in Narrativen des Nationalsozialismus, geprägt. Die Bereitschaft, Opfer zu erbringen, galt als kriegerische Tugend bzw. als Dienst für die Gemeinschaft (vgl. Virchow 2010: 41-42). Charakteristisch für Opferbereitschaft war, dass diese nicht entschädigt wird und daher in engem Zusammenhang mit Altruismus und der sozialen Verpflichtung, anderen zu helfen, steht.

Im Sinne der eingangs definierten ersten Variante ordnen Perelman und Olbrechts-Tyteca (1971) das ‚Opfer-Argument‘ als quasilogisches Argument, als einen Spezialfall von Vergleichsargumenten, ein. Durch den Gebrauch dieses Arguments erhöhe sich der Wert eines Ziels, „indem es mit dem hohen Aufwand verglichen wird, der eingesetzt worden ist, um das Ziel zu erreichen“ (Ueding 2003: 347-348). Mit anderen Worten: Die Größe bzw. die Anzahl von erbrachten ‚Opfern‘ bildet den Maßstab, um den Wert des Ziels zu bewerten, für welches das ‚Opfer‘ erbracht wurde. Der geleistete Ressourcenaufwand steht also symbolisch für den Wert eines Ziels. Die Struktur des Topos lässt sich wie folgt paraphrasieren (Walton 2008: 322):

Erste Prämisse: Für die Sache x wird das Opfer S erbracht.
Zweite Prämisse: Wenn ein großes [kleines] Opfer für x erbracht wurde, dann steigt [fällt] der Wert V für x.
Dritte Prämisse: Ein großes [kleines] Opfer S wurde für x erbracht.      
Schlussfolgerung: x hat einen großen [kleinen] Wert.

Aus einem hohen Wert für eine Sache wird eine handlungsleitende Funktion abgeleitet, sodass dieser Sache besondere Beachtung geschenkt werden müsse und zukünftige Handlungen und Entscheidungen entsprechend dieser Sache ausgerichtet werden müssten.

Die erfolgreiche Anerkennung einer ‚Aufopferung‘ ist von zwei Aspekten abhängig: (a) vom (öffentlichen) Ansehen des sich aufopfernden Akteurs einerseits sowie (b) von der (öffentlichen) Bewertung der Angemessenheit eines geleisteten Ressourcenaufwands für eine Sache andererseits. Ersteres (a) umfasst, dass der Wert des (postulierten) Ressourceneinsatzes mit dem Ansehen des sich aufopfernden Akteurs verknüpft wird. Infolgedessen ist der Gebrauch des Aufopferungs-Topos der Variante eins von Akteuren mit einem hohen Sozialprestige erfolgversprechender als bei Akteuren mit geringerem Prestige. Fehlendes Ansehen kann allerdings potenziell damit kompensiert werden, dass diese Akteure einen ‚größeren‘ Ressourcenaufwand leisten als jene, die aufgrund ihres größeren gesellschaftlichen Ansehens einen geringeren Aufwand leisten müssen, um den Wert ihrer Sache in der öffentlichen Wahrnehmung bedeutungsvoll zu inszenieren. Die Anerkennung der Aufopferungsdarstellung ist ferner (b) davon abhängig, inwiefern das soziale Umfeld den (inszenierten) Ressourcenaufwand als angemessen bzw. nützlich für eine Sache bewertet. In der öffentlichen Wahrnehmung muss der Umfang des Ressourceneinsatzes zu den Umständen der Sache passen, andernfalls wirkt der Ressourceneinsatz ‚übertrieben‘. Zudem muss glaubwürdig gemacht werden, dass der Ressourceneinsatz zu dem gewünschten Ziel des sich aufopfernden Akteurs geführt hat bzw. führen könnte, andernfalls könnte der Einsatz nicht als Aufopferung, sondern als ‚naiv‘ oder unzweckmäßig gelten. Wenn das soziale Umfeld den Ressourceneinsatz eines Akteurs also als unverhältnismäßig betrachtet, wird auch die Selbstaufgabe als unangemessen bzw. unnütz perspektiviert und es droht Imageverlust für die Betroffenen (vgl. Perelman/Olbrechts-Tyteca 1971: 249).

Im Rahmen der zweiten Variante des Aufopferungs-Topos bildet eine hohe Bewertung einer Sache (innerhalb einer Gruppe mit gleichem Wertekontext) den Ausgangspunkt, von dem aus Akteure mit Verweis auf einen geleisteten Ressourcenaufwand versuchen, Partikularinteressen und Sonderrechte gegenüber Konkurrenten durchzusetzen: Die Schlussfolgerung der Variante (1) bildet somit eine wichtige Prämisse der Variante (2). Variante (2) spielt in der Politischen Kommunikation in der Regel eine übergeordnete Rolle.

Der Aufopferungs-Topos beruht hier auf der in bestimmten (politischen) Diskursen geteilten Prämisse, dass Personen, die sich in besonderem Maße einer Sache hingeben (‚aufopfern‘), ein Recht darauf haben, bei Entscheidungen über diese Sache(n) auch besondere Mitsprache erhalten und Ansprüche geltend machen können. Das ‚Aufopfern‘ impliziert dabei, dass ein Ressourcenaufwand nicht oder nicht angemessen entlohnt wird. Die (behauptete) Hingabe und der damit unterstellte Ressourcenaufwand sind daher häufig mit der Erwartungshaltung verknüpft, Anerkennung und Wertschätzung zu erfahren sowie für diesen Ressourcenaufwand zumindest mittelfristig entschädigt zu werden.

Die (behauptete) Opferbereitschaft für eine Sache bildet außerdem eine vorteilhafte Diskursposition, weil ein persönlicher Ressourcenüberfluss postuliert wird. Dabei versuchen Akteure glaubwürdig zu kommunizieren, dass sie sich möglichen negativen Konsequenzen annähmen, weitere Bedürfnisse zurückstellten und sich an persönliche Grenzen begäben. Damit die Inszenierung einer ‚aufopferungsvollen‘ Handlung gelingt, muss diese mit einem anerkannten Mehraufwand an (persönlichen) Ressourcen verbunden sein, der über das üblicherweise erwartete Maß hinausgeht. Eine zentrale Bedingung für den erfolgreichen Gebrauch des Topos ist außerdem, dass die ihn nutzenden Akteure als in unzureichendem bzw. keinem Maße für ihre ‚Aufopferung‘ entlohnt gelten und dass das adressierte Umfeld die Handlung als (be)lohnenswert bewertet. Daher findet der Aufopferungs-Topos insbesondere in Bereichen Anwendung, in denen hochgeschätzte und als ‚systemrelevant‘ geltende Arbeit geleistet wird, wie beispielsweise in ehrenamtlichen Tätigkeiten oder Care-Arbeit.

Eine in alltäglichen Praktiken verkörperte Opferbereitschaft, die als von gesamtgesellschaftlich wichtiger Bedeutung gilt, wird vornehmlich in mediopolitischen Kontexten heroisiert, indem sich ‚aufopfernde‘ Akteure zum Beispiel als Alltagshelden bezeichnet werden (Beispiel 2). Sie zeigen in diesem Narrativ üblicherweise dadurch ‚Opferbereitschaft‘, dass sie persönlich ein nicht selbstverständliches Risiko für eine lobenswerte Sache einzugehen bereit waren oder durch eine ehrenamtliche Tätigkeit auf ihre Freizeit verzichteten. Der zugemessene Wert besteht darin, einen ‚solidarischen Beitrag für die Gesellschaft‘ zu leisten, der als positive gesellschaftliche Wirkung, z.B. als Stärkung einer demokratischen Werteordnung, perspektiviert werden kann (vgl. Koch 2020: 151).

Darin offenbart sich das strategische Potential des Aufopferungs-Topos: Der Topos kann als Appell verwendet werden, um andere zu gemeinschaftsförderlichen und solidarischen Verhalten zu verpflichten und zu disziplinieren. Wenn jedermann einen solidarischen Beitrag für die Gesellschaft leiste, profitierten alle davon. Besonders in politischen Diskurskontexten wird der Aufopferungs-Topos in dieser Weise als moralisierende Kommunikationspraktik verwendet.

Beispiele

(1) In politischen Reden ab den 1950er Jahren, beispielsweise nach dem Volksaufstand am 17. Juni 1953 in der DDR, diente der Aufopferungs-Topos (in Form der ersten Variante) dazu, Aufstände trotz der Niederschlagung durch das SED-Regime als „moralische Siege mit Vorbildcharakter“ (Fritton 1998: 64) darzustellen. Die ‚Aufopferung‘ der Demonstranten wurde als positives Argument verwendet, um den hohen Wert ihres Ziels – der menschlichen Freiheit – zu bekräftigen. Hier wird die Nähe zum Freiheits-Topos deutlich (vgl. Fritton: 251): Die ‚Opferbereitschaft‘ der Demonstranten resultiert aus ihrem starken Freiheitswillen, von welchem ihre Forderungen u.a. nach freien Wahlen, der Freilassung politischer Häftlinge, der Rücktritt der Regierung abzuleiten seien (vgl. Bundeszentrale für politische Bildung 2013).

(2) Im Corona-Diskurs wird der Aufopferungs-Topos (im Sinne der zweiten Variante) häufig sowohl in Selbstzuschreibung von den sich ‚aufopfernden‘ Akteuren als auch in Fremdzuschreibung vor allem in sozialen Netzwerken und Medien verwendet. Zahlreiche Berufsgruppen, insbesondere im Gesundheitssektor, waren unmittelbar von den Auswirkungen der Corona-Pandemie betroffen, ‚opferten‘ ihre eigene Gesundheit und gingen an ihre persönlichen Grenzen, um Erkrankte zu behandeln und die gesellschaftliche Versorgung sicherzustellen. Ihr gezeigtes Engagement wurde gesellschaftlich (zumindest symbolisch) anerkannt und heroisiert, indem sie als Helden des Krisenalltags (Wergin 2020) oder Retter in der Corona-Krise (Weiß 2020) bezeichnet werden.

Helden opfern etwas, was viele andere Menschen nicht bereit sind zu geben. So auch unsere stillen Helden auf dieser Seite: Sie setzen sich täglich in einem Testbus der Gefahr einer Infektion aus. Sie betreuen die Kinder von den ‚Systemrelevanten‘ – und halten damit das Rad am Laufen, während sie sich um ihre eigenen Kinder nicht kümmern können. Sie fahren uns zur Arbeit, sie reinigen unsere Gebäude, sie pflegen, beschützen und retten uns, bringen Kinder zur Welt, unterrichten die älteren von ferne und sorgen dafür, dass wir im Supermarkt Klopapier in den Regalen finden. Sie opfern dafür nicht nur ihre Sicherheit und vielleicht ihre eigene Gesundheit, sondern auch viele Nerven. (Weiß 2020)

Öffentlich wurde ihnen mit Applaus von Balkonen und anderen symbolischen Formen Dankbarkeit und Anerkennung für ihren unermüdlichen Einsatz gezeigt (vgl. Spiegel 2020). In Nachrichtenportalen dagegen wurde häufig kritisiert, dass anerkennende Worte nicht genügten, um das gezeigte Engagement der Pflegekräfte zu honorieren – der Fokus des Diskurses wird auf die schlechten Arbeitsbedingungen und die schlechte Bezahlung von Pflegekräften, die seit mehreren Jahren ein zentrales Thema in Wahlkämpfen und politischen Diskussionen sind, verlagert.

Hier wird der Topos in zweifacher Form angewandt. Erstens wurde vor dem Hintergrund ihres geleisteten Engagements für die Gemeinschaft im Rahmen des Topos die Forderung formuliert, dass Pflegekräfte für ihren anstrengenden Beruf besser vergütet werden sollten (vgl. u.a. Thurau 2020). Des Weiteren erfüllt der Aufopferungs-Topos auch eine Appellfunktion: Pflegekräfte baten ihre Mitbürger, sich ebenfalls zu solidarisieren und gemeinschaftsförderlich zu verhalten, indem sie daheimbleiben und damit den Krankenstand geringhalten sollten. Hierbei appelliert der Topos an die Vernunft und Solidarität gegenüber den Pflegekräften, sich im gleichen Maße ‚aufzuopfern‘ bzw. zu engagieren.

Literatur

Zum Weiterlesen

  • Knobloch, Clemens (2020): Die Figur des Opfers und ihre Transformation im politischen Diskurs der Gegenwart. In: Zeitschrift für Politik, Heft 4, Jg. 67, S. 455–472.

  • Perelman, Chaïm; Olbrechts-Tyteca, Lucie (1971): The new rhetoric: A treatise on argumentation. Notre Dame [u.a.]: University of Notre Dame Pr.

Zitierte Literatur

Zitiervorschlag

Krajczewski, Carina (2023): Aufopferungs-Topos. In: Diskursmonitor. Glossar zur strategischen Kommunikation in öffentlichen Diskursen. Hg. von der Forschungsgruppe Diskursmonitor und Diskursintervention. Veröffentlicht am 21.05.2023. Online unter: https://diskursmonitor.de/glossar/aufopferungs-topos.

DiskursGlossar

Grundbegriffe

Agenda Setting

Rassistisch motivierte Gewalt, Zerstörung des Regenwaldes, Gender pay gap: Damit politische Institutionen solche Probleme bearbeiten, müssen sie erst als Probleme erkannt und auf die politische Tagesordnung (Agenda) gesetzt werden. Agenda Setting wird in Kommunikations- und Politikwissenschaft als eine Form strategischer Kommunikation beschrieben, mithilfe derer Themen öffentlich Gehör verschafft und politischer Druck erzeugt werden kann.

Medien

Die Begriffe Medien/Massenmedien bezeichnen diverse Mittel zur Verbreitung von Informationen und Unterhaltung sowie von Bildungsinhalten. Medien schaffen damit eine wesentliche Grundlage für Meinungsbildung und Meinungsaustausch.

Macht

Macht ist die Fähigkeit, Verhalten oder Denken von Personen zu beeinflussen. Sie ist Bestandteil sozialer Beziehungen, ist an Kommunikation gebunden und konkretisiert sich situationsabhängig. Alle expliziten und impliziten Regeln, Normen, Kräfteverhältnisse und Wissensformationen können aus diskursanalytischer Perspektive als Machtstrukturen verstanden werden, die Einfluss auf Wahrheitsansprüche und (Sprach)Handlungen in einer Gesellschaft oder Gruppe nehmen.

Normalismus

Normalismus ist der zentrale Fachbegriff für die Diskurstheorie des Literaturwissenschaftlers Jürgen Link. Die Normalismus-Theorie fragt danach, wie sich Vorstellungen von ‚Normalität‘ und ‚Anormalität‘ als Leit- und Ordnungskategorien moderner Gesellschaften herausgebildet haben.

Wissen

Kollektives Wissen von sozialen Gruppen ist sowohl Voraussetzung als auch Ziel strategischer Kommunikation in öffentlichen Diskursen. Es wird geprägt durch individuelle Erfahrung, aber auch in Diskursgemeinschaften kommunikativ geteilt – vor allem im Elternhaus, in Peergroups und Bildungseinrichtungen sowie durch Medienkonsum.

Werbung

Werbung ist ein Kommunikationsinstrument von Unternehmen, das der Positionierung im Markt dient und je nach Situation des Unternehmens auf Einführung, Erhalt oder Ausbau von Marktanteilen und damit letztlich auf ökonomischen Gewinn abzielt.

Mediale Kontrolle

Medien werden vielfältig zur Durchsetzung von Macht verwendet. So in der Zensur, wenn eine politische Selektion des Sagbaren und des Unsagbaren stattfindet; in der Propaganda, wenn eine Bevölkerung von den Ansichten oder wenigstens der Macht einer bestimmten Gruppe überzeugt werden soll; oder in der Überwachung, die unerwünschtes Verhalten nicht nur beobachten, sondern unwahrscheinlich machen soll.

Freund- und Feind-Begriffe

Freund-, Gegner- und Feindbegriffe sind Teil der Politischen Kommunikation. Sie bilden die Pole eines breiten Spektrums von kommunikativen Zeichen, mit denen politische Akteure sich selbst und ihre politischen Gegner im Kampf um beschränkte Ressourcen auf dem diskursiven Schlachtfeld positionieren.

Sprachpolitik / Sprachenpolitik

Sprachpolitik bezeichnet allgemein alle politischen Prozesse, die auf eine Beeinflussung der Sprachverwendung in einer Gesellschaft oder Sprachgemeinschaft abzielen. Unterschieden wird häufig zwischen Sprachenpolitik und Sprachpolitik im engeren Sinne.

Sagbarkeit

Im öffentlichen Diskurs findet sich häufig die strategische Behauptung, dass bestimmte Fakten oder Meinungen unsagbar seien. Auf diese Weise wird zum Ausdruck gebracht, dass es Grenzen des Sagbaren gebe, die im öffentlichen Diskurs Geltung hätten.

Techniken

Passivierung

Unter Passivierung versteht man die Formulierung eines Satzes in einer grammatischen Form des Passivs. Das Passiv ist gegenüber dem Aktiv durch die Verwendung von Hilfsverben formal komplexer. Seine Verwendung hat unter anderem zur Folge, dass handelnde Personen im Satz nicht genannt werden müssen, was beispielsweise in Gesetzestexten für eine (gewünschte) größtmögliche Abstraktion sorgt („Niemand darf wegen seines Geschlechts […] benachteiligt oder bevorzugt werden.“ Art. 3 GG).

Opfer-Topos

Als Opfer-Topos bezeichnet man eine diskursive Argumentationsstrategie, bei der sich Akteure als ‚Opfer‘ gesellschaftlicher Urteilsbildung inszenieren und damit eigene Interessen – vor allem Aufmerksamkeit und Berücksichtigung von Bedürfnissen – geltend zu machen versuchen.

Analogie-Topos

Der Analogie-Topos zählt zu den allgemeinen bzw. kontextabstrakten Argumentationsmustern, die genutzt werden können, um für oder gegen eine Position zu argumentieren. Analogie-Topoi werden von verschiedenen Akteuren und Akteursgruppen strategisch eingesetzt, um eine zustimmende Haltung bei den Zielgruppen zu bewirken.

Negativpreis

Ein Negativpreis ist eine Auszeichnung an Personen oder Organisationen (meist Unternehmen), die sich oder ihre Produkte positiv darstellen und vermarkten, ihre Versprechen aus Sicht des Preisverleihers allerdings nicht einhalten. Dabei dient der Preis durch seine Vergabe vor allem dem Zweck, Aufmerksamkeit zu erregen, mediale Präsenz auf ein Thema zu lenken und den Preisträger in seinem moralischen Image zu beschädigen.

Be-/Überlastungs-Topos

Der Be-/Überlastungstopos ist ein Argumentationsmuster, das vorwiegend in der politischen Kommunikation eingesetzt wird. Als zu vermeidende Konsequenz einer konkreten Situation wird mit dem Be-/Überlastungstopos ein Be- bzw. Überlastungs-Szenario skizziert.

Wahlkampf

Wahlkämpfe sind Zeiten stark intensivierter politischer Kommunikation. Politische Parteien entwickeln Programme für die nächste Legislaturperiode in der Hoffnung, durch entsprechenden Stimmengewinn zu deren Umsetzung ermächtigt zu werden.

Wir

Das Pronomen wir erfüllt aber noch eine weitere diskursive Funktion: Ein Fundament des politischen Diskurses sind dynamische politische Ideologien: Glaubens- und Wissenssysteme von politischen und sozialen Gruppen.

Petition

Petitionen sind eine der am meisten genutzten Partizipationsformen nach Wahlen. Sie sind sowohl ein Mittel der politischen Beteiligung als auch ein Protestmittel und damit Zwitterwesen in der politischen Landschaft. Durch die Digitalisierung haben sich Petitionen zudem maßgeblich verändert, ihre Zahl hat zugenommen, ebenso wie die Zahl der Plattformen, auf denen sich Petitionen starten lassen.

Influencer / Influencerin

Influencer:innen sind Personen, die auf Social-Media-Plattformen regelmäßig selbst produzierte Inhalte publizieren und damit eine öffentliche Reichweite über ihre Follower:innen aufbauen. Influencer:innen haben das Potenzial, Rezipient:innen in ihrem Wissen, Einstellungen und Verhalten zu beeinflussen (engl. to influence).

Litigation PR

Der Begriff Litigation PR kombiniert das englische Wort litigation, das auf lat. ,lītigātiō‘ zurückgeht und für Rechtsstreitigkeit bzw. (Gerichts )Verfahren/Prozess steht, mit dem bekannten Begriff PR (Public Relations).

Schlagwörter

Demokratie

Der Ausdruck Demokratie dient häufig zur Bezeichnung einer (parlamentarischen) Staatsform und suggeriert die mögliche Beteiligung aller an den Öffentlichen Angelegenheiten. Dabei ist seine Bedeutung weniger eindeutig als es den Anschein hat.

Plagiat/Plagiarismus

Plagiarismus ist ein Begriff, der sich im öffentlichen Diskurs gegen Personen oder Produkte richten kann, um diese in zuweilen skandalisierender Absicht einer Praxis unerlaubter intermedialer Bezugnahme zu bezichtigen. Die Illegitimität dieser Praxis wird oft mit vermeintlichen moralischen Verfehlungen in Verbindung gebracht.

Fake News

Fake News wird als Schlagwort im Kampf um Macht und Deutungshoheit in politischen Auseinandersetzungen verwendet, in denen sich die jeweiligen politischen Gegenspieler und ihre Anhänger wechselseitig der Lüge und der Verbreitung von Falschnachrichten zum Zweck der Manipulation der öffentlichen Meinung und der Bevölkerung bezichtigen.

Lügenpresse

Der Ausdruck Lügenpresse ist ein politisch instrumentalisierter „Schlachtruf“ oder „Kampfbegriff“ gegen etablierte und traditionelle Medien. Dabei wird häufig nicht einzelnen Medien-Akteuren, sondern der gesamten Medienbranche vorgeworfen, gezielt die Unwahrheit zu publizieren.

Antisemitismus

Mit Antisemitismus werden gemeinhin alle jene Phänomene bezeichnet, die sich gegen das Judentum oder gegen Jüdinnen*Juden als Jüdinnen*Juden richten. Die entsprechenden Erscheinungen reichen von der bloßen Distanzierung und Behauptung jüdischer Andersartigkeit, über vollständig ausgearbeitete Weltbilder, die Jüdinnen*Juden für sämtliche Probleme verantwortlich machen, bis hin zu massiven Ausgrenzungs-, Verfolgungs- und Gewaltpraktiken.

Grammatiknazi / Grammar Nazi

Das überwiegend negativ konnotierte Schlagwort Grammatiknazi – als Übersetzung von engl. grammar nazi – wird zur Benennung von Personen verwendet, die meist in eher informellen Kontexten der öffentlichen Internetkommunikation (u. a. in Foren, Kommentarbereichen auf Nachrichtenportalen, sozialen Netzwerken) ungefragt Sprachkritik an den Äußerungen anderer (häufig fremder) Kommunikationsteilnehmer*innen üben.

Respekt

Respekt oder respektvolles Verhalten wird eingefordert für die Eigengruppe (bzw. von der Eigengruppe), für wirklich oder vermeintlich diskriminierte Gruppen, für abweichende Meinungen. Mitgemeint ist bei der Forderung nach Respekt meist eine positiv bewertete Szene der (sozialen, kulturellen, ethnischen, sexuellen etc.) Vielfalt/Diversität.

Geschlechtergerechte Sprache

Mit dem heute als Fahnenwort gebrauchten Ausdruck geschlechtergerechte Sprache ist die Forderung verbunden, bei Personenbezeichnungen die einseitige, für diskriminierend erklärte Bezugnahme auf einen bestimmten Sexus, konkret: auf das männliche Geschlecht, zu unterlassen.

Identitätspolitik

Der Ausdruck steht heute für eine politische Konstellation, in der konkurrierende Wir-Gemeinschaften mit einer Diskriminierungs- und Benachteiligungsgeschichte in der Öffentlichkeit um Anerkennung konkurrieren. An der Oberfläche geht es ‚identitären‘ Wir-Gemeinschaften darum, die eigene Diskriminierung als Ermächtigungsmotiv an die Öffentlichkeit zu tragen.

Cancel Culture

Cancel Culture ist ein Kampf- und Stigmawort, das sich in skandalisierender Absicht gegen die Praxis (und oft auch bereits gegen die Forderung) des Absagens, Ausladens, Boykottierens moralisch missliebiger und politisch bekämpfter Personen, Organisationen und Positionen in Wissenschaft, Kultur und Politik wendet.

Verschiebungen

Ökonomisierung

Ökonomisierung wird in gegenwärtigen Diskursen in der Regel zur Bezeichnung von Prozessen verwendet, in denen die spezifisch wirtschaftlichen Funktions-Elemente wie Markt, Wettbewerb/Konkurrenz, Kosten-Nutzen-Kalküle, Effizienz, Gewinnorientierung in Bereiche übertragen werden, die zuvor teilweise oder ganz nach anderen Leitkriterien ausgerichtet waren

Moralisierung

Moralisierung verlagert Macht- und Interessenkonflikte in die Sphäre der Kommunikation von Achtung / Missachtung. Sie reduziert Ambivalenz zugunsten einer Polarisierung von gut und böse.

Konstellationen

Skandal

Die Diskurskonstellation des Skandals zeichnet sich durch eine in den Medien aufgegriffene (bzw. durch sie erst hervorgerufene) empörte Reaktion eines erheblichen Teils der Bevölkerung auf einen tatsächlichen oder vermeintlichen Missstand aus. Die schuldhafte Verursachung dieses Missstandes wird dabei einem gesellschaftlichen Akteur zugeschrieben, dessen Handeln als ‚unmoralisch‘ gedeutet wird.

DiskursReview

Review-Artikel

Tagung: Zur Politisierung des Alltags – Strategische Kommunikation in öffentlichen Diskursen (01.–03.02.2023)

Die (krisenbedingt verschärfte) Politisierung der Alltagsdiskurse stehen im Zentrum der hier geplanten Tagung. Antworten auf folgende Leitfragen sollen dabei diskutiert werden: Was sind die sozialen, medial-räumlichen und sprachlichen Konstitutionsbedingungen für politische Kommunikation in außerorganisationellen, lokalen Diskursstrukturen und welche Bedeutung haben dabei diskurssemantische Verschiebungen (mithin Verunsicherung, vgl. Vogel/Deus 2022), Polarisierung und Fragmentierung?

Tagung: Diskursintervention (31.01.2019–01.02.2019)

Welchen Beitrag kann (bzw. muss) die Diskursforschung zur Kultivierung öffentlicher Diskurse leisten? Was kann ein transparenter, normativer Maßstab zur Bewertung sozialer und gesellschaftlicher Diskursverhältnisse sein? Was könnten sinnvolle Praktiken, Formen und Ziele der Diskursintervention sein? Diese und ähnliche Fragen waren Gegenstand des Workshops, der vom 31.01. bis 01.02.2019 an der Universität Siegen stattfand.

Was ist ein Volk?

Dass „Volk“ ein höchst schillernder und vielschichtiger politischer Leitbegriff der vergangenen Jahrhunderte gewesen ist (und nach wie vor ist), kann man schon daran erkennen, dass der Eintrag „Volk, Nation“ in Brunner, Conze & Kosellecks großem Nachschlagwerk zur politischen Begriffsgeschichte mehr als 300 Seiten umfasst.

Antitotalitär? Antiextremistisch? Wehrhaft!

Im Herbst 2022 veranstalteten die Sender des Deutschlandradios eine Kampagne mit Hörerbeteiligung zur Auswahl eines Themas, mit dem sich ihre sogenannte „Denkfabrik“ über das kommende Jahr intensiv beschäftigen solle. Fünf Themen standen zur Auswahl, „wehrhafte Demokratie“ wurde gewählt, wenig überraschend angesichts des andauernden Krieges in der Ukraine…

Satzsemantik von Vorhersage und Nutzen-Risiko-Abwägung: Die STIKO-Impfempfehlung für 12- bis 17-Jährige vom 18. August 2021

“Die Forschung muss… sich in die Lage versetzen, die politischen Implikationen, die sie hat, anzunehmen und auszuforschen, um nicht beim ersten Knall der Peitsche durch alle ihr vorgehaltenen Reifen zu springen. Diese Integrität kann die Wissenschaft gerade dadurch unter Beweis stellen, dass sie dem herrschenden Druck, praktische Tabus in theoretische umzuwandeln, widersteht” (Beck 1986, 283)

Review-Rückblick

In dieser Rubrik veröffentlichen wir in unregelmäßigen Abständen kurze Notizen zu Ereignissen oder Phänomenen, die in den vergangenen Wochen in der strategischen und öffentlichen Kommunikation zu beobachten waren. Die Texte kommentieren subjektiv, unsystematisch, teils widersprüchlich und hoffentlich pointiert. Sie erheben keinen Anspruch auf Wissenschaftlichkeit, beobachten ihren Gegenstand aber von einer diskursanalytischen und -interventionistischen Position aus und sollen zum Widerspruch einladen. Sie repräsentieren nicht die Position der Redaktion des Diskursmonitors, sondern ihrer jeweiligen Autorinnen und Autoren.

Rasse, Rassismus

1) Zu Beginn drei exemplarische Medienereignisse aus der jüngsten Vergangenheit, in denen es um den Komplex Rasse, Rassismus ging…