DiskursGlossar

Domain-Grabbing

Kategorie: Techniken
Verwandte Ausdrücke: Domainwahl, Domain-Besetzung, Domain-Claiming, Domaingrabbing, Domain parking, Domainsnapping, Domainsquatting, Cybersquatting, Namejacking, Brandjacking, Pagejacking, Typing Error Hijacking, Type Writing Hijacking, Typosquatting, Tippfehler-Domain, Domainpiraterie, Domain name troll, E-Mail typosquatting, App squatting, DNS spoofing
Siehe auch: Guerillakommunikation, Identitätsdiebstahl
Autor: Friedemann Vogel
Version: 1.1 / Datum: 01.02.2022

Kurzzusammenfassung

Domain-Namen (z.B. diskursmonitor.de) sind registrierte, technisch gestützte und öffentlich abrufbare Bezeichner und Zeiger für Inhaltsangebote im Internet. Sie bestehen mehrheitlich aus natürlichen sprachlichen Zeichen (meist sinnvoll kombinierte Buchstabenketten). In speziellen Datenbanken mit IP-Adressen (z.B. 88.215.213.26) verknüpft fungieren sie als leichter erinnerbare Wegweiser zu den Speicherorten der jeweiligen Inhalte. Im World Wide Web sind Domain-Namen de facto die Voraussetzung für eine öffentliche Sichtbarkeit von Interessensgruppen und daher eine umkämpfte Ressource zur Steuerung von Aufmerksamkeit. Die Wahl eines Domain-Namens erfolgt entsprechend unter kommunikationsstrategischen Erwägungen, zumal wenn er die zu erwartenden Inhalte signalisieren und/oder mit einem bestimmten Akteur identifiziert werden soll.

In der Internetkommunikation finden sich verschiedene Praktiken, die aus Sicht von Dritten (v.a. Markenhaltern) als illegitime oder gar rechtswidrige Inanspruchnahme von Domain-Namen und damit verbundener Aufmerksamkeitssteuerung kritisiert werden. Zu diesen Praktiken der ‚Domain-Besetzung‘ (Domain-Claiming) gehört die kostenpflichtige Registrierung von bisher nicht vergebenen Domain-Namen in der Erwartung, diese könnten für konkurrierende Diskursakteure an Attraktivität gewinnen und dann gewinnbringend weiterverkauft werden (häufig als Domain-Grabbing bezeichnet). In anderen Fällen wird mit einem registrierten Domain-Namen eine prestigeträchtige Marke, ein populärer Name oder auch bekannte Slogans imitiert, um so irregeführte Internetuser auf eigene Inhalte zu führen und/oder den Marken-, Namen- oder Sloganhalter zu diskreditieren (Cybersquatting). Zuweilen werden zur Irreführung von Benutzern auch bekannte Domains mit typischen Tippfehlern eingesetzt (z.B. diskussmonitor.de; sog. Typosquatting).

Durch Domain-Besetzung angegriffene Akteure mit in der Regel größeren Ressourcen zahlen oft hohe Ablösesummen, greifen auf den Rechtsweg zurück, streben Schlichtungsverfahren an oder besetzen selbst präventiv eine große Anzahl möglicher Störer-Domains.

Erweiterte Begriffsklärung

Das Internet ist ein globales Netzwerk aus lokalen und regionalen Netzwerken. Internet-Inhalte wie Websiten sind auf Computern (,Servern‘) gespeichert, die mithilfe von Netzwerktechnik in dieses Netzwerk eingebunden sind. Damit ein Computer (z.B. ein Endgerät wie ein Smartphone) auf diese Inhalte zugreifen kann, müssen sich beide Geräte im Internet mit einer eindeutigen Nummer – der IP-Adresse – wechselseitig identifizieren können (z.B. 88.215.213.26).

Hinweis: Die im Folgenden genannten und nicht-verlinkten Domain-Namen können zu Werbe-, Malware- oder Phishing-Seiten führen. Zur Vermeidung von Sicherheitsrisiken rufen Sie diese Domains im Zweifel nicht auf.

Um den Zugriff für Nutzer des Internets (vor allem von Inhalten des World Wide Web, z.B. Websiten) zu vereinfachen, können Betreiber für ihre Internetserver an zentraler Stelle einen einmaligen Domain-Namen registrieren (z.B. tagesschau.de). Domains können aus Buchstaben des lateinischen Alphabets, Zahlen und einem Bindestrich bestehen, die nach konventionalisiertem Sprachgebrauch ,sinnvoll‘ angeordnet (z.B. Verwendung von Wörtern, Mehrworteinheiten wie deutsche-einheit.de oder gar satzwertigen Phrasen wie ich-kaufe-alles.de) oder auch bis auf wenige Ausnahmen beliebig kombiniert werden können (z.B. a1.de, df934jeupk02.com). Tatsächlich können einfache Verbraucher nur einen Teil des Domain-Namens, nämlich sogenannte ,Second-Level-Domains‘ registrieren, die von verschiedenen Registrierungsbehörden auf nationaler und internationaler Ebene verwaltet werden. Die Einrichtung von ,Top-Level-Domains‘ (TLD), d.h. von Bezeichnern hinter dem letzten Punkt einer Webadresse (z.B. com, de, org), ist der internationalen Internet Corporation for Assigned Names and Numbers (ICANN) vorbehalten. ,Third-Level-Domains‘ bzw. ,Subdomains‘ dagegen (z.B. www., mail., about.) können unmittelbar vom Inhaber der Second-Level-Domain verwaltet werden, zum Beispiel um verschiedene Inhalts- oder Aufgabenbereiche auf dem eigenen Server zu strukturieren.

Abb. 1: Aufbau von Domain-Namen

Nach erfolgreicher Registrierung des Domain-Namens bei der zuständigen Behörde (für die Top-Level-Domain bzw. Länderkennung .de ist das Deutsche Network Information Center, denic, zuständig) wird die Kombination von Domain-Name und Server-IP-Adresse in Datenbanken auf ,Domain Name Servern‘ (DNS) – quasi ‚Telefonbücher‘ für Internetadressen – gespeichert und kann dort bei Bedarf von Endgeräten automatisiert abgerufen werden.

Für die Dauer der Registrierung fungieren Domain-Namen erstens als für Menschen leichter (als IP-Adressen) zu merkende, geschützte Stellvertreter oder Zeiger für ‚digitale Orte‘ im Internet (Verweisungs- und Zeigefunktion). Zweitens signalisieren Domain-Namen oftmals durch die Wahl und Bedeutung ihrer Teilausdrücke, welche Art von Inhalten der Benutzer beim Aufruf erwarten kann (Schlüsselwort- oder Signalfunktion). Nicht selten bestehen Domain-Namen drittens komplett oder in Teilen aus Namensbestandteilen, Markennamen oder Slogans aus der ‚analogen‘ Welt, die eine Identifizierung eines Akteurs (z.B. einer Institution, eines Unternehmens, als populäre Person o. ä.), eines Objektes oder Sachverhalts (z.B. ein bekanntes Produkt oder einen Ort) ermöglichen sollen (Identifizierungsfunktion). Letzteres ist besonders relevant im Falle von Akteuren oder Sachverhalten, die außerhalb des Internets über hohe Popularität und/oder über hohes Prestige verfügen. Die Zeigefunktion von Domain-Namen ist obligatorisch, Schlüsselwort- und Identifizierungsfunktion können fakultativ hinzukommen.

Im World Wide Web sind Domain-Namen de facto die Voraussetzung für eine öffentliche Sichtbarkeit von Interessensgruppen und damit eine umkämpfte Ressource zur Steuerung von Aufmerksamkeit. Mit anderen Worten: Wer keine (ansprechende) Domain registriert, dessen Inhaltsangebote sind zwar technisch weltweit über die IP-Adresse verfügbar, in den Weiten des globalen Netzwerks aber kaum auffindbar. Ähnliches gilt für Domain-Namen, die zwar registriert, aber zu unbekannt sind, als dass sie von Internetnutzern gezielt aufgerufen werden könnten. Die Wahl eines Domain-Namens erfolgt daher oft, in kommerziellen und politischen Kontexten fast immer, unter kommunikationsstrategischen Erwägungen, die auf eine möglichst gute Erinnerbarkeit bei der Adressatengruppe sowie Erfassung in Suchmaschinen (Suchmaschinenoptimierung / SEO) zielt. Erschwert wird die Wahl allerdings dadurch, dass mit zunehmender Zeit der Großteil (an)sprechender Domain-Namen bereits vergeben oder nur mit hohen Kosten zu erwerben ist.

Vor diesem Hintergrund haben sich kommunikationsstrategische Praktiken der Domain-Besetzung entwickelt, die aus Sicht von Dritten als illegitime oder gar rechtswidrige Inanspruchnahme von Domain-Namen und damit verbundener Aufmerksamkeitssteuerung kritisiert werden. Diese Konflikte um Registrierung, Haltung und ‚missbräuchliche‘ Verwendung von Domain-Namen firmieren in Medien, Informatik, Politik und Rechtswissenschaft unter verschiedenen Bezeichnungen, die nur geringfügig oder gar nicht fachterminologisch geprägt sind und teilweise auch unterschiedliche Phänomene erfassen. Zu den wichtigsten Praktiken zählen:

  1. Registrierung eines oder mehrerer Domain-Namen in der Erwartung, sie könnten für konkurrierende Diskursakteure in Zukunft an Popularität und/oder Prestige gewinnen und dann gewinnbringend weiterverkauft werden (meist als Domain-Grabbing bezeichnet). Professionalisierte ,Domain-Grabber‘ (in stigmatisierender Absicht zuweilen auch als Domain-Trolle bezeichnet) pflegen auf diese Weise ein teilweise lukratives Geschäft. Sie besetzen Tausende von Domain-Namen und beobachten auch automatisiert bereits vergebene attraktive Domain-Namen mit dem Ziel, sie nach Wiederfreigabe durch den vorherigen Inhaber umgehend zu besetzen (auch als Domain-Snapping bezeichnet).
  2. Während die Geschäftspraxis des Domain-Grabbings vielerorts als legitim gilt (Domain warehouse), ist Domain- oder Cybersquatting in vielen Ländern rechtlich umstritten und in den USA seit 1999 explizit untersagt (Anticybersquatting Consumer Protection Act, 15 U.S. Code § 1125(d); vgl. Marion und Twede 2020, 101ff.). Cybersquatting ist eine Form des Domain-Grabbing, bei dem – so zumindest der Vorwurf – bewusst schreibungsidentische oder gleichklingende Ausdrucksanteile (Personennamen, Markennamen, Slogans u.ä.) in die Domainwahl integriert werden, die am Prestige populärer Internetangebote, Personen des öffentlichen Lebens und/oder Institutionen oder gar geschützte Unternehmens- und Produktmarken anknüpfen, mit dem Ziel, auf diese Weise irregeführte Internetuser auf eigene Inhaltsangebote (z.B. Produkt- oder Wahlwerbung) zu lenken oder den irreführenden Domain-Namen an den vom ‚Squatting‘ Betroffenen gewinnbringend zu veräußern. Letzteres ist oft dann der Fall, wenn der Domain-Name und/oder die damit verknüpften Internetangebote das Prestige der Person oder Unternehmensmarke mit negativen Attributen in Verbindung bringen (siehe Beispiele unten).
  3. Eine formseitige, und auch nach deutscher Rechtsprechung streng geahndete (Thomas Hoeren 2015, S. 13) Variante des Cybersquatting ist die Registrierung von Domain-Namen, die – abgesehen von wenigen Schreibungs- bzw. Tippfehlern – bereits existierenden, populären Domain-Namen gleichen (z.B. org). Die oft als Typosquatting (oder Tippfehlerdomain, Typing Error Hijacking, Type Writing Hijacking u.a.) bezeichnete Praktik antizipiert typische Tippfehler von Internetnutzern, um diese in aller Regel missbräuchlich auf eigene Websiten zu führen (vgl. Spaulding et al. 2017): Weglassung von Punkten (wwwSouthwest.com), Buchstaben-Weglassungen (Disney.com), Ersetzung von Buchstaben oder Zeichen, die auf der Tastatur nah beieinander liegen (z.B. s/d) Vervielfachung einzelner Buchstaben oder Zeichen (Googlle.com). Wird die so erreichte Ziel-Website der unter dem fehlerfreien Domain-Namen üblicherweise erwarteten Website gestalterisch nachgebaut, handelt es sich oft um gefährliche Phishing-Angriffe: Die Inhaber der Tippfehlerdomain versuchen, dem irrenden User sensible Informationen (z.B. Logindaten, Kreditkartennummern o.ä.) zu entlocken. Diese Gefahr besteht auch im Falle von E-Mail typosquatting (Szurdi und Christin 2017), bei dem Angreifer für typische Tippfehler-Domains (z.B. gmaiql.com oder ho6mail.com) E-Mail-Server einrichten und versehentlich falsch adressierte (weil Tippfehler enthaltende) Nachrichten abfangen. Werden durch kalkulierte Tippfehler manipulierte Mobile Apps an Internetuser verteilt, spricht man auch von App Squatting (Hu et al. 2020).
  4. Im Falle von DNS Spoofing (auch: DNS poisoning) handelt es sich schließlich um eine eher indirekte Form der Domain-Besetzung. Im Unterschied zu Grabbing oder Squatting erfolgt der (inkriminierte) Angriff allerdings nicht über das illegitime offizielle Registrieren von Domain-Namen, sondern durch eine Manipulation der bereits bestehenden Verknüpfung von IP-Adresse und Domain-Name (vgl. Kurose und Ross 2013, S. 143; Wei und Heidemann 2020). Hierzu verändern meist professionalisierte Akteure mit erweiterten IT-Kenntnissen (Geheimdienste und/oder organisierte Kriminalität) die Zuordnungstabellen in DNS-Servern oder DNS-Zwischenspeichern, sodass ein Internetuser trotz korrekter Domain-Eingabe im Browser eine falsche IP-Adresse erhält und damit unwissentlich auf manipulierte Zielserver (mit Malwareseiten, Falschinformationen o.ä.) gerät. Für technische Laien sind Domain-Besetzungen dieser Art praktisch nicht erkennbar.

Das Gelingen der zuvor beschriebenen Praktiken (1-3) hängt vor allem vom jeweiligen Rechtsraum der Domainregistrierungsstelle, der Attraktivität (und damit dem symbolischen wie ökonomischen Wert) von Domain-Namen für die Konfliktbeteiligten sowie den zur Verfügung stehenden Ressourcen für Rechtsstreitigkeiten ab. Ob die Registrierung eines Domain-Namens illegitim oder gar rechtswidriges Squatting ist, ist grundsätzlich Gegenstand von semantischen Kämpfen, die ressourcenstärkere Parteien sehr viel eher für sich entscheiden können (vgl. dazu auch Computerwoche 2000). Der Vorwurf des Cybersquattings kann auch instrumentalisiert werden, um unliebsame Konkurrenten aus dem Feld zu drängen und/oder ansonsten kostspielige Domain-Übernahmen vergleichsweise günstig durchzusetzen. Deutlich wird diese Ungleichheit schon dadurch, dass der Vorwurf ‚Cybersquatting‘ vor allem dann für Übernahmeansprüche geltend gemacht werden kann, wenn zuvor entsprechende Markennamen angemeldet wurden. Diese Voraussetzung benachteiligt entsprechend ressourcenärmere Länder: Die Anmeldungen von Marken konzentrierten sich 2018 auf wenige, vor allem westliche Industrieländer (darunter vorneweg Länder Mitteleuropas, die USA und China; afrikanische Länder sind dagegen deutlich unterrepräsentiert; vgl. WIPO 2021). Die Verknüpfung von Domain-Ansprüchen an Markenrechte führt andererseits dazu, dass professionalisierte Domain-Besetzer kurzfristig künstliche Marken anmelden allein mit dem Zweck, auf diese Weise bestimmte Domain-Namensregistrierungsanträge zu stützen (vgl. Heise 2006).

Privatpersonen mit kleinem Geldbeutel scheuen in der Regel eine kostspielige anwaltliche Verteidigung gegen den Vorwurf der illegitimen Domain-Besetzung und geben die infrage stehenden Domain-Rechte meist gegen geringe Kompensationsgelder oder gar gegen eine Abmahngebühr widerstandslos ab. Die einzige Chance, sich gegen willkürlich-instrumentalisierte Squatting-Vorwürfe zur Wehr zu setzen, besteht in einer medial gestützten Selbstskandalisierung im Deutungsrahmen ‚David gegen Goliath’: Wenn der Fall öffentliche Aufmerksamkeit erregt und für den Rechte-Beanspruchenden ein Imageverlust droht, können zuweilen auch kleine Parteien ihre Domainansprüche verteidigen – wie im Fall des Streits zwischen einem einfachen Religionslehrer und einem klagenden Starkoch (vgl. Wochenblatt.de vom 04.01.2001) oder zwischen einem Mädchen und einem Medienkonzern (vgl. PC WELT vom 17.03.2001).

Die gerichtliche Durchsetzung von Domain-Ansprüchen gegenüber Domain-Besetzern mit Verweis auf verletzte Markenschutzrechte ist nicht in allen Ländern möglich. Im internationalen Rechtsraum können Konfliktbeteiligte auch im Rahmen von Schlichtungsverfahren eine Einigung anstreben; die zuständige World Intellectual Property Organization (WIPO) hat zu diesem Zweck 1999 eine Uniform Domain Name Dispute Resolution Policy (UDRP) entwickelt und seitdem bereits tausende Verfahren abgewickelt. Wenn rechtliche oder mediatorische Verfahren zur Übernahme von durch Squatting besetzten Domain-Namen nicht möglich oder zielführend sind, bleibt für Konkurrenten schließlich nur ein reaktiver Kampf um die Authentizität der konkurrierenden Webinhalte (z.B. in Form von Warnhinweisen vor Tippfehlern und drohenden Phishing-Angriffen). Für ressourcenstarke Akteure wohl viel wichtiger (und auch nur ihnen möglich) ist dagegen das präventive Grabbing (also das Aufkaufen) von durch Cybersquatting oder andere Besetzungspraktiken bedrohten Domain-Namen als flankierende Zugänge (mit automatischer Weiterleitung) zur eigenen Hauptdomain. Der ehemalige Präsident der USA, Donald Trump soll etwa präventiv mehrere Tausend Domains registriert haben, die in irgendeiner Form eigene Namensbestandteile oder die anderer Familienangehöriger enthielten (vgl. CNNBusiness vom 21.02.2017) und die potentiell als Stigma-Domains gegen ihn gerichtet werden könnten, wie TrumpFraud.org oder TrumpScam.com.

Beispiele

Praktiken der Domain-Besetzung gehören heutzutage zum Alltag des Internets. Aufmerksamkeit und Popularität in öffentlichen Medien erregen dagegen meist nur wenige Fälle, oft in humoristischer und/oder skandalisierender Absicht, aus Wirtschaft (Beispiele 1 und 2) und Politik (Beispiele 3 bis 5). In allen Fällen hier dient die Besetzung dazu, vom Prestige bzw. der (temporären) Popularität einer schreibungsähnlichen Domain zu profitieren, um eigene Inhalte zu popularisieren und/oder den Eigner der Domain (Unternehmen oder politische Partei) öffentlich zu kritisieren.

  1. Das Kreditauskunftsunternehmen Equifax geriet 2017 in die Kritik, als Hacker Kreditinformationen über ca. 140 Millionen Personen entwenden konnten. Um Kunden über den Vorfall aufzuklären und ihnen die Möglichkeit zur Registrierung für Entschädigungsprogramme zu geben, eröffnete das Unternehmen eine Website unter der Domain com. Um darauf aufmerksam zu machen, wie wenig diese Seite vor missbräuchlicher Domain-Besetzung (hier mittels Typosquatting und Phishing) geschützt war, eröffnete ein IT-Entwickler zu Demonstrationszwecken die Phishingseite securityequifax.com. Dem Beispiel folgte im Anschluss auch die Satireshow Last Week Tonight: die Redaktion besetzte die weitere Domain equifaxfraudprevention.com, um darauf aufmerksam zu machen, dass das Unternehmen noch immer nicht präventiv alle relevanten Domains gesichert hatte und damit Kunden einer erneuten Gefahr aussetzte. Equifax rief im Spätjahr 2017 schließlich das WIPO Arbitration and Mediation Center an und konnte (mit Verweis auf verletzte Markenrechte) Ansprüche zur Übernahme dieser und weiterer Domain-Namen durchsetzen (Case No. D2017-1880).
  2. Die Inhaberfamilie (Sackler) eines der größten Pharma-Unternehmen in den USA geriet 2021 in die Kritik, Opioid-Abhängigkeiten aus Profitgründen aktiv zu befördern. Als Gegenstrategie setzte das Unternehmen auf Rückzug aus der Öffentlichkeit, juristische Blockadeversuche sowie auf eine Webseite unter der Domain info, um das eigene Image zu verbessern. Die satirische Nachrichtensendung Last Week Tonight informierte in einem Video-Segment über den Fall und registrierte im August 2021 den sich lediglich in der Top-Level-Domain (com statt info) unterscheidenden Domain-Namen judgeforyourselves.com. Die mit dieser Domain bis heute (11.01.2022) erreichbare Website kommentiert die strategische Kommunikation der Sackler-Familie (u.a. Aussageverweigerung und Lügen im Gerichtsverfahren). Die Ausstrahlung der Sendung erfolgte am 09.08.2021 und findet sich heute noch auf gängigen Videostreaming-Portalen.
  3. Im Bundestagswahlkampf 2021 registrierte und besetzte die SPD die Domain bereit-weil-ihr-es-seid.de, übernahm – zumindest im digitalen Raum – das Identifikationszeichen (den Wahlkampfslogan) von Bündnis 90/Die Grünen und führte damit potentielle WählerInnen auf eine eigene Kampagnenseite (siehe Screenshot). Die direkte und humoristische Ansprache des politischen Gegners auf der Startseite lässt erkennen, dass die Domain-Besetzung weniger zur ernsthaften Abwerbung von Grünen-Wählern diente, sondern vielmehr generell mediale Aufmerksamkeit auf sich und damit das eigene Wahlprogramm lenken sollte. Möglich war dies nur, weil die Wahlkampfstrategen von Bündnis 90/Die Grünen es offenbar versäumt hatten, frühzeitig ihren Slogan als Domain zu registrieren. Dies gilt offenbar auch für die Variante mit der Top-Level-Domain org, die von einer Online-Marketing-Managerin zu Selbstwerbezwecken besetzt wird und bei Aufruf automatisch auf ihr persönliches Linked-In-Profil weiterleitet.
Grafik 2 SPD Domain
Screenshot der durch die SPD besetzten Domain bereit-weil-ihr-es-seid.de im WebArchive (https://web.archive.org/web/20210612070238/https://www.bereit-weil-ihr-es-seid.de/, 15.12.2021)
  1. Eine Domain-Besetzung als Teil einer Negativkampagne findet sich im bayerischen Landtagswahlkampf 2018. In diesem Fall versäumte es die CSU, ihren zentralen Werbeslogan Söder macht’s als Domain soeder-machts.de zu registrieren. Die SPD ergriff die Gelegenheit und führte CSU-WählerInnen auf eine Kampagnenseite, die politische Misserfolge der CSU aufzählte und ihnen eigene politische Forderungen gegenüberstellte. Die Domain ist heute (11.01.2022) wieder frei, lässt sich mitsamt der Startseite aber noch im Internet Archive nachvollziehen (vgl. auch RP Online vom 21.08.2018).
Grafik 3 Soeder machts
Screenshot der durch die SPD besetzten Domain soeder-machts.de im Internet Archive vom August 2018 (https://web.archive.org/web/20180820103655/http://soeder-machts.de/, 15.12.2021)
  1. Bereits 2002 registrierten und besetzten Die Grünen im Bayerischen Landtag die Domain stoiber-for-bundeskanzler.de und führten BesucherInnen damit auf eine Negativkampagnen-Website, um das Image Stoibers medienwirksam anzugreifen. Soweit es sich über das Internet Archiv nachvollziehen lässt, wurde die Domain nach Wahlkampfende automatisch auf die Fraktionsseite der Grünen weitergeleitet (mindestens bis ins Jahr 2005 hinein), vermutlich 2005 dann wieder freigegeben. Unmittelbar im Anschluss registrierten wahrscheinlich Marketing-Akteure die Domain, um ihre Popularität parasitär für Google Bombing bzw. Suchmaschinen-Spamming zu instrumentalisieren. Heute (11.01.2022) ist die Domain nicht vergeben.
Grafik 4 Stoibers Welt
 Screenshot der durch die Bayerischen Grünen besetzten Domain und dort hinterlegten Website stoiber-for-bundeskanzler.de vom September 2002 im Internet Archive (https://web.archive.org/web/20020928123406/http://www.stoiber-for-bundeskanzler.de/ , 20.12.2021)
Grafik 5 Stoiber
 Screenshot der durch die Bayerischen Grünen besetzten Domain und dort hinterlegten Website stoiber-for-bundeskanzler.de vom Januar 2006 im Internet Archive (https://web.archive.org/web/20060128141738/http://www.stoiber-for-bundeskanzler.de/, 11.01.2022)

 

Literatur

Zum Weiterlesen

Marion, Nancy E.; Twede, Jason (2020): Cybercrime. Santa Barbara: ABC-CLIO LLC.

 

Zitierte Literatur

  • CNN Business (2017): Trump has 3,643 websites that range from TrumpEmpire.com to TrumpFraud.org. Erschienen am 21.2.2017 unter URL: https://money.cnn.com/2017/02/20/technology/trump-websites/index.html (Datum des letzten Zugriffs: 7.1.2022).
  • Computerwoche (2000): Wipo will Domain-Grabbing stärker bekämpfen. Erschienen am 21.7.2000 unter URL: https://www.computerwoche.de/a/wipo-will-domain-grabbing-staerker-bekaempfen,1076477 (Datum des letzten Zugriffs: 10.1.2022).
  • Heise Online (2006): Protestaktion gegen .eu-Domaingrabber. Erschienen am 9.2.2006 unter URL: https://www.heise.de/newsticker/meldung/Protestaktion-gegen-eu-Domaingrabber-173676.html (Datum des letzten Zugriffs: 10.1.2022).
  • Hu, Yangyu; Wang, Haoyu; He, Ren; Li, Li; Tyson, Gareth; Castro, Ignacio et al. (2020): Mobile App Squatting. In: Yennun Huang (Hg.): Proceedings of The Web Conference 2020. Unter Mitarbeit von Irwin King, Tie-Yan Liu und Maarten Steen. WWW ’20: The Web Conference 2020. Taipei Taiwan, 20 04 2020 24 04 2020. ACM Special Interest Group on Hypertext, Hypermedia and Web. New York,NY,United States: Association for Computing Machinery (ACM Digital Library), S. 1727–1738.
  • Kurose, James F.; Ross, Keith W. (2013): Computer networking. A top-down approach. 6. ed. Boston, Mass.: Pearson (Always learning).
  • Marion, Nancy E.; Twede, Jason (2020): Cybercrime. Santa Barbara: ABC-CLIO LLC.
  • PCWelt (2001): 15-Jährige gewinnt Domain-Streit. Erschienen am 17.3.2001 unter URL: https://www.pcwelt.de/news/15-Jaehrige-gewinnt-Domain-Streit-63897.html (Datum des letzten Zugriffs: 8.1.2022).
  • RP-Online (2018): SPD klaut CSU-Slogan „Söder macht’s“. Erschienen am 21.8.2018 unter URL: https://rp-online.de/politik/deutschland/soeder-macht-s-spd-klaut-csu-slogan_aid-29860767 (Datum des letzten Zugriffs: 15.12.2021).
  • Spaulding, Jeffrey; Upadhyaya, Shambhu; Mohaisen, Aziz (2017): You’ve Been Tricked! A User Study of the Effectiveness of Typosquatting Techniques. In: 2017 IEEE 37th International Conference on Distributed Computing Systems (ICDCS), S. 2593–2596.
  • Szurdi, Janos; Christin, Nicolas (2017): Email typosquatting. In: Steve Uhlig (Hg.): Proceedings of the 2017 Internet Measurement Conference. IMC ’17: Internet Measurement Conference. London United Kingdom. Association for Computing Machinery-Digital Library. New York, NY: ACM (ACM Digital Library), S. 419–431.
  • Thomas Hoeren (Hg.) (2015): Rechtsprechungsübersicht zum Domain-Grabbing. Forschungsstelle Recht der Universität Münster. Online verfügbar unter https://www.dfn.de/fileadmin/3Beratung/Recht/handlungsempfehlungen/Rechtsprechungsuebersicht_zum_Domain-Grabbing.pdf (Datum des letzten Zugriffs: 10.01.2022).
  • Wei, Lan; Heidemann, John (2020): Whac-A-Mole: Six Years of DNS Spoofing. Online verfügbar unter https://arxiv.org/pdf/2011.12978 (Datum des letzten Zugriffs: 08.01.2022).
  • WIPO (2017): Case No. D2017-1880. Erschienen am 7.11.2017 unter URL: https://www.wipo.int/amc/en/domains/decisions/text/2017/d2017-1880.html (Datum des letzten Zugriffs: 11.1.2022).
  • WIPO (o.J.): Domain Name Dispute Resolution. Erschienen unter URL: https://www.wipo.int/amc/en/domains/ (Datum des letzten Zugriffs: 8.1.2022).
  • Wochenblatt (2017): Starkoch gegen Religionslehrer: Schuhbeck knickt ein. Erschienen am 6.7.2017 unter URL: https://www.wochenblatt.de/archiv/starkoch-gegen-religionsleher-schuhbeck-knickt-ein-40590 (Datum des letzten Zugriffs: 7.1.2022).
  • World Intellectual Property Organization (2021): World Intellectual Property Indicators 2021. Online verfügbar unter https://www.wipo.int/edocs/pubdocs/en/wipo_pub_941_2021.pdf (Datum des letzten Zugriffs: 08.01.2022).

Zitiervorschlag

Vogel, Friedemann (2022): Domain-Grabbing. In: Diskursmonitor. Glossar zur strategischen Kommunikation in öffentlichen Diskursen. Hg. von der Forschungsgruppe Diskursmonitor und Diskursintervention. Veröffentlicht am 01.02.2022. Online unter: https://diskursmonitor.de/glossar/domain-grabbing.

DiskursGlossar

Grundbegriffe

Kulturelle Grammatik

Kulturelle Grammatik steht für ein System von Regeln und/oder etablierten Regelmäßigkeiten, die Formen richtiger und/oder normaler Kommunikation und Interaktion auszeichnen.

Epistemischer Status

Als epistemischen Status bezeichnet man die Wissensbestände und -zugänge zu Ereignissen, Sachverhalten und Personen, die Gesprächsteilnehmer*innen ihrem Gegenüber in der Interaktion zuschreiben.

Politische Kommunikation

Politische Kommunikation findet überall dort statt, wo Menschen als Teil von sozialen Gruppen mit unterschiedlichen Bedürfnissen und Interessen aufeinandertreffen und über das einzelne Individuum hinaus geltende Regeln des Zusammenlebens aushandeln.

Topos

Ein Topos (Plural: Topoi) ist als ein Argumentationsmuster ein allgemeines Formprinzip, nach dem Argumente gebildet werden können. Als allgemeiner, formaler bzw. kontextabstrakter Topos kann er für oder gegen jede in Frage stehende Position angeführt werden. Topoi gehören zum kollektiven Wissen aller, die sich argumentativ äußern.

Kollektivsymbol

Zur Kollektivsymbolik einer Kultur rechnet man den gesellschaftlich geteilten Vorrat an sprachlichen, bildlichen, schematischen und anderen Ressourcen, derer sich politische und mediale Akteure bedienen, um Ereignisse und Handlungen für die Allgemeinheit deutbar und verständlich zu machen.

Strategische Kommunikation

Der Ausdruck Strategische Kommunikation bezeichnet ein Bündel an zeichenbasierten und in der Regel mediengestützten Aktivitäten, mit denen Individuen, Gruppen oder Organisationen versuchen, die Akzeptanz für ihre politischen, ökonomischen, rechtlichen oder anderweitig motivierten Interessen bei ausgewählten Zielgruppen zu halten oder zu erhöhen.

Korpus

In den Sprach- als auch Literaturwissenschaften versteht man unter Korpora ganz allgemein Textsammlungen.

Protest

Protest ist die kollektive Artikulation von Unbehagen, Kritik oder Veränderungswillen, der sich in bestimmten Handlungen außerhalb etablierter institutioneller Kanäle des politischen Systems äußert. Organisiert wird Protest meist von Initiativen, politischen Gruppierungen oder sozialen Bewegungen in Form von Petitionen, Flugblattaktionen, Demonstrationen, Blockaden, Streiks, Happenings und andere Interventionen in der Öffentlichkeit – in direkter Präsenz, unter Einsatz des Körpers oder auch im virtuellen Raum.

Erzählen

Erzählen ist eine rekonstruktive und kommunikative Tätigkeit, in der für gewöhnlich eine vermittelnde Instanz ein Geschehen darstellt. Die Darstellung kann ein/e ErzählerIn vornehmen (entspricht einer engen Definition des Erzählens) oder sie kann medial anders – beispielsweise filmisch – dargeboten werden (entspricht einer weiten Definition des Erzählens). Dabei beruht das dargestellte Geschehen auf mindestens einem Ereignis.

Konnotation

Konnotation ist ein Fachbegriff, mit dem in der Sprachwissenschaft und benachbarten Disziplinen die Nebenbedeutung (oder der ‚Nebensinn‘) eines Ausdrucks bezeichnet wird. Die konnotative Bedeutung umfasst oft wertende (evaluative) oder handlungsauffordernde (deontische) Aspekte, die mit dem Gebrauch eines Ausdrucks aufgerufen werden können.

Techniken

Aufwertung/Meliorisierung

Von Aufwertung/Meliorisierung wird in der Linguistik dann gesprochen, wenn ein Wort, das ursprünglich als Fremdbezeichnung der Diffamierung einer bestimmten Volks- oder Personengruppe diente, von dieser selbst dann als positive Eigenbezeichnung verwendet wird.

Search Engine Advertising

Als Search Engine Advertising wird die Werbung auf den Ergebnisseiten von Suchmaschinen bezeichnet. Besondere Merkmale dieser Werbeform sind, dass die Anzeigen kontextbasiert sind und in Textform dargestellt werden.

Affirmation

Im sprachwissenschaftlichen Sinne bezeichnet Affirmation die Behauptung oder Bejahung einer Aussage. Die affirmative Form eines Wortes oder Satzes ist das Gegenteil zur Verneinung (Negation).

Autoritäts-Topos

So wird – angelehnt an formallogische Darstellungen von Argumentationen (Oberprämisse plus Unterprämisse ergeben die Konklusion) – mit Bezug oder unter Berufung auf Autoritäten, oft auf Wissenschaftlerinnen/Experten in politischen Debatten häufig argumentiert, in diesem Fall bezüglich der Richtigkeit/Angemessenheit einer Bewertung.

Flashmob / Smartmob

Flashmobs sind ein urbanes Phänomen, das sich zu einer populären sozialen Ausdrucksform im öffentlichen Raum entwickelt hat. Sie entstehen durch das scheinbar spontane, tatsächlich aber organisierte Zusammentreffen einer Menschenmenge, die an einem bestimmten Ort eine gemeinsame Aktion ausführt und sich anschließend, als wäre nichts geschehen, wieder zerstreut.

Gewaltaufruf

Gewaltaufrufe initiieren und unterstützen eine von nahezu allen sozialen Gruppen ausgeübte kulturelle Praxis, individuelle wie kollektive Konfliktsituationen nicht mit diskursiven, friedlichen Mitteln zu lösen, sondern durch aggressives, repressives, verletzendes und zerstörendes bzw. Verletzung androhendes Handeln, das sowohl auf den Körper wie auf die Psyche von Menschen einwirken kann.

Untersuchungsausschuss

Untersuchungsausschüsse sind ein Kernbestandteil parlamentarischer Kontrolle in Deutschland. Als Verfahren, die zu einem großen Teil öffentlich durchgeführt werden, dienen sie dazu, politische Skandale der Regierung und Verwaltung aufzuarbeiten. Durch ihre Abschlussberichte, die dem Parlament vorgelegt werden, sollen Fehler der Exekutive sichtbar gemacht und Handlungsempfehlungen beschlossen werden.

Kalkulierter Verfassungsverstoß

Der Ausdruck ist paradox und insofern ein Prädikat aus der Beobachtung zweiter Ordnung. Handelnde pflegen ihrem eigenen Verständnis nach nicht kalkuliert – also rechtlich gesprochen: vorsätzlich – gegen die Verfassung zu verstoßen. Ein kalkulierter Verfassungsverstoß ist einem kalkulierten Mord nicht ähnlich.

Jargon

Jargon (aus frz. jargon nach altfrz. gargun ‚Zwitschern‘) bezeichnet eine Sprachgebrauchsform, die mit bestimmten Praxisgemeinschaften (Gruppen, die berufliche oder andere Interessen teilen) assoziiert wird. Jargons werden als ‚typisch‘ für die Mitglieder einer bestimmten sozialen Gruppe und für deren Interessen und soziale Positionen angesehen und dienen somit nach innen wie nach außen als sprachliches Erkennungs- und Abgrenzungsmerkmal.

Kampagne

Eine Kampagne ist die kommunikative Verfolgung eines wirtschaftlichen oder gesellschaftspolitischen Ziels, das nicht ohne andere Menschen zu erreichen ist. Kampagnen zielen auf die Beeinflussung des Denkens und Handelns von Menschen. Damit sind Kampagnen kommunikative Strategien zur Erlangung von Macht.

Schlagwörter

Respekt

Respekt oder respektvolles Verhalten wird eingefordert für die Eigengruppe (bzw. von der Eigengruppe), für wirklich oder vermeintlich diskriminierte Gruppen, für abweichende Meinungen. Mitgemeint ist bei der Forderung nach Respekt meist eine positiv bewertete Szene der (sozialen, kulturellen, ethnischen, sexuellen etc.) Vielfalt/Diversität.

Geschlechtergerechte Sprache

Mit dem heute als Fahnenwort gebrauchten Ausdruck geschlechtergerechte Sprache ist die Forderung verbunden, bei Personenbezeichnungen die einseitige, für diskriminierend erklärte Bezugnahme auf einen bestimmten Sexus, konkret: auf das männliche Geschlecht, zu unterlassen.

Identitätspolitik

Der Ausdruck steht heute für eine politische Konstellation, in der konkurrierende Wir-Gemeinschaften mit einer Diskriminierungs- und Benachteiligungsgeschichte in der Öffentlichkeit um Anerkennung konkurrieren. An der Oberfläche geht es ‚identitären‘ Wir-Gemeinschaften darum, die eigene Diskriminierung als Ermächtigungsmotiv an die Öffentlichkeit zu tragen.

Cancel Culture

Cancel Culture ist ein Kampf- und Stigmawort, das sich in skandalisierender Absicht gegen die Praxis (und oft auch bereits gegen die Forderung) des Absagens, Ausladens, Boykottierens moralisch missliebiger und politisch bekämpfter Personen, Organisationen und Positionen in Wissenschaft, Kultur und Politik wendet.

Elite

Einmal wird unter Elite eine Auswahl der Besten und Leistungsfähigsten verstanden, einmal in distanzierender Weise eine abgehobene ‚Kaste‘ der Reichen und Mächtigen im Gegensatz zum Volk. Erstere Variante wird in der Regel zur Verteidigung der etablierten Ordnung verwendet, letztere vor allem von Rechtspopulisten.

Altpartei

Der Ausdruck Altpartei wird in jüngerer Zeit häufig im Kontext des Aufstiegs des Rechtspopulismus und der AfD gebraucht. Dabei lassen sich hauptsächlich zwei Gebrauchsvarianten beobachten: Einerseits richtet sich der Ausdruck in abwertender Weise gegen etablierte Parteien, andererseits taucht er oft in sprachkritischen Kontexten auf, wo seine Verwendung und seine Sprecher kritisiert oder diskreditiert werden.

Verschwörungstheorie

Der Ausdruck gibt sich in der medialen Öffentlichkeit als analytisches Konzept, ist aber zugleich performativ hoch wirksam als Ausschluss aller erfolgreich so benannten Konzepte aus der rationalen öffentlichen Kommunikation.

Inklusion

Inklusion hat sich, ausgehend von einem soziologischen Fachterminus gleichen Namens, in den zwei vergangenen Jahrzehnten zu einem interdiskursiven und allgemeinen Programmbegriff gewandelt.

Innovation

Innovation gehört seit den 60er Jahren zu den häufig verwendeten Schlag– bzw. Fahnenwörtern, vor allem in den Feldern von Ökonomie und Politik. Konzepte und Vorhaben mit der Überschrift Innovation werden oft als Sachzwänge dargestellt, gegen die Einwände als nicht legitim erscheinen.

Postwachstum

Postwachstum ist im deutschsprachigen Diskurs Beschreibungsbegriff und Forderung zugleich: In einer Welt mit endlichen natürlichen Ressourcen müsse die bisher von Wirtschaftswachstum und Ausbeutung abhängige globale Ökonomie radikal verändert werden, um langfristig die menschliche Existenz zu sichern.

Verschiebungen

Ökonomisierung

Ökonomisierung wird in gegenwärtigen Diskursen in der Regel zur Bezeichnung von Prozessen verwendet, in denen die spezifisch wirtschaftlichen Funktions-Elemente wie Markt, Wettbewerb/Konkurrenz, Kosten-Nutzen-Kalküle, Effizienz, Gewinnorientierung in Bereiche übertragen werden, die zuvor teilweise oder ganz nach anderen Leitkriterien ausgerichtet waren

Moralisierung

Moralisierung verlagert Macht- und Interessenkonflikte in die Sphäre der Kommunikation von Achtung / Missachtung. Sie reduziert Ambivalenz zugunsten einer Polarisierung von gut und böse.

Konstellationen

Skandal

Die Diskurskonstellation des Skandals zeichnet sich durch eine in den Medien aufgegriffene (bzw. durch sie erst hervorgerufene) empörte Reaktion eines erheblichen Teils der Bevölkerung auf einen tatsächlichen oder vermeintlichen Missstand aus. Die schuldhafte Verursachung dieses Missstandes wird dabei einem gesellschaftlichen Akteur zugeschrieben, dessen Handeln als ‚unmoralisch‘ gedeutet wird.

DiskursReview

Review-Artikel

Satzsemantik von Vorhersage und Nutzen-Risiko-Abwägung: Die STIKO-Impfempfehlung für 12- bis 17-Jährige vom 18. August 2021

“Die Forschung muss… sich in die Lage versetzen, die politischen Implikationen, die sie hat, anzunehmen und auszuforschen, um nicht beim ersten Knall der Peitsche durch alle ihr vorgehaltenen Reifen zu springen. Diese Integrität kann die Wissenschaft gerade dadurch unter Beweis stellen, dass sie dem herrschenden Druck, praktische Tabus in theoretische umzuwandeln, widersteht” (Beck 1986, 283)

Review-Rückblick

In dieser Rubrik veröffentlichen wir in unregelmäßigen Abständen kurze Notizen zu Ereignissen oder Phänomenen, die in den vergangenen Wochen in der strategischen und öffentlichen Kommunikation zu beobachten waren. Die Texte kommentieren subjektiv, unsystematisch, teils widersprüchlich und hoffentlich pointiert. Sie erheben keinen Anspruch auf Wissenschaftlichkeit, beobachten ihren Gegenstand aber von einer diskursanalytischen und -interventionistischen Position aus und sollen zum Widerspruch einladen. Sie repräsentieren nicht die Position der Redaktion des Diskursmonitors, sondern ihrer jeweiligen Autorinnen und Autoren.

Rasse, Rassismus

1) Zu Beginn drei exemplarische Medienereignisse aus der jüngsten Vergangenheit, in denen es um den Komplex Rasse, Rassismus ging…

Freund-Feind-Begriffe: Zum diskurssemantischen Feld soziopolitischer Kollektivierung

Mit jeder sprachlichen Äußerung (und das schließt das Nicht-Äußern mit ein) positioniert sich der Sprecher oder Schreiber sowohl innerhalb eines von ihm intersubjektiv (re)konstruierten als auch eines objektiven (d.h. objektivierbaren) diskursiven Raum sozialer Gruppen. Möglich ist dies nur aufgrund der sozialsymbolischen (indexikalischen) Bedeutung kommunikativer Zeichen im Bühlerschen Sinne…

PR, Punk oder Provinz: Wie Corona-Forschung die Öffentlichkeit (nicht) erregt.

Jeden Tag erreichen uns neue Nachrichten, neue Zahlen, neue Grafiken zur laufenden Corona-Pandemie. Wer erinnert sich da noch daran, was vor zwei oder drei Monaten oder vor einer Woche öffentlich diskutiert wurde? Vielleicht sind nur zwei Debatten wirklich in unserem öffentlichen Gedächtnis hängen geblieben, unter anderem, weil sie es zu eigenen Twitter-Hashtags gebracht haben: #HeinsbergProtokoll und #IchHabeBesseresZuTun…