DiskursGlossar

Kulturelle Grammatik

Kategorie: Grundbegriffe
Verwandte Ausdrücke: Diskursordnung, Diskursregime, Diskursmuster, Mythisches System, symbolische Ordnung, kulturelle Muster
Siehe auch: Guerillakommunikation
Autor: Hagen Schölzel
Version: 1.0 / Datum: 10.08.2022

Kurzzusammenfassung

Kulturelle Grammatik steht für ein System von Regeln und/oder etablierten Regelmäßigkeiten, die Formen richtiger und/oder normaler Kommunikation und Interaktion auszeichnen. Es kann sich um Merkmale einer explizit festgelegten Ordnung (oder eines Regimes wie zum Beispiel ein Senioritäts- oder ein Geschlechterregime für die Besetzung von Redelisten) sowie um als normal geltende Kommunikationsmuster handeln. Die Markierung als kulturell verweist auf symbolische Praktiken; die Markierung als Grammatik auf ein im Hintergrund der Praktiken (unbewusst) wirksames Regelsystem. Erkennbar wird eine Kulturelle Grammatik vor allem dann, wenn Kommunikationsformen als irritierend bzw. störend und/oder als innovativ bzw. lustig wahrgenommen werden (z.B. Guerillakommunikation). Als Kulturelle Grammatik werden etablierte und normalerweise nicht hinterfragte Regeln für Kommunikations- und Interaktionspraktiken bezeichnet, die jedoch nicht endgültig festgelegt sind. Kulturelle Grammatiken entstehen aus regelmäßiger Wiederholung und Nachahmung (Konventionalisierungen). Wenn zuvor als regelbrechend wahrgenommene Kommunikationsformen als neu etablierte Kommunikationsformen mit neuen Regeln anerkannt werden, verändert sich eine Kulturelle Grammatik.

Erweiterte Begriffsklärung

Der Begriff der Kulturellen Grammatik wurde für die deutschsprachige Diskussion im Handbuch der Kommunikationsguerilla (Autonome A.f.r.i.k.a. Gruppe et al. 2001) geprägt und steht dort für „das Regelsystem, das gesellschaftliche Beziehungen und Interaktionen strukturiert“ (A.f.r.i.k.a. 2001: 17), für das „Gerüst von Normalitäten“ oder dafür, „wie (bürgerliche) gesellschaftliche Normen das alltägliche Leben der Menschen bestimmen“ (A.f.r.i.k.a. 2001: 24 ff.). Um das Konzept zu erklären, wird auf verschiedene sprachwissenschaftliche sowie daran anschließende sozialwissenschaftliche Überlegungen zurückgegriffen.

Ausgehend von der strukturalistischen Sprachwissenschaft lassen sich als eine Grammatik diejenigen Regeln und Festlegungen verstehen, mit denen die formalen Bedingungen geschaffen werden, unter denen sprachliche Zeichen zu verständlichen Sinnzusammenhängen zusammengefügt werden können. Um Sinnzusammenhänge zu erzeugen, müssen also die passenden Worte und Zeichen in der richtigen syntaktischen Reihenfolge und entsprechend ihrer Stellung und Funktion in einem Satz in der richtigen Form zusammengefügt werden. Der Begriff der Kulturellen Grammatik verweist auf die Existenz vergleichbarer, nicht nur auf Sprache, sondern auf alle möglichen symbolischen Interaktionen bezogener Regelsysteme. Als Beispiel dafür werden die Regeln eines geordneten Unterrichts oder einer öffentlichen Versammlung genannt, die eingehalten werden (müssen), damit das gesellschaftliche Miteinander funktioniert.

Der Begriff der Kulturellen Grammatik bezieht sich aber nicht nur auf die Formationsregeln bestimmter Praktiken der Kommunikation und Interaktion, sondern schließt die dabei entstehenden Sinnzusammenhänge ein, indem darauf hingewiesen wird, dass bestimmte Praktiken eine versteckte, gleichsam unbewusste gesellschaftliche Bedeutung haben können. Als weitere konzeptionelle Referenz wird dafür im Handbuch der Kommunikationsguerilla die Mythostheorie von Roland Barthes aufgeführt (vgl. Barthes 1964). Barthes bezeichnet als Mythos nicht nur ein (abstraktes) Regelsystem, sondern auch eine (hintergründige) Bedeutung bestimmter kommunikativer Erzeugnisse oder kultureller Praktiken.

Als prominentes Beispiel führt er die Rose an, womit vordergründig eine bestimmte Blumensorte mit gewissen Eigenschaften (Aussehen, Duft, Dornen etc.) gemeint ist. Hintergründig beziehungsweise als Mythos wird die Rose im Zusammenhang bestimmter konventioneller Praktiken – als Geschenk eines Menschen an einen anderen – aber auch als mythisches Symbol für besondere Zuneigung und Liebe verstanden. Das gilt jedenfalls für bestimmte Gesellschaften, und der Rosenmythos wird dann richtig praktiziert und verstanden, wenn man mit den Konventionen dieser Gesellschaften vertraut ist. Als ein anderes Beispiel diskutiert Barthes die Abbildung eines salutierenden französischen Soldaten afrikanischer Abstammung vor einer Trikolore auf dem Titelbild einer Zeitschrift. Vordergründig steht ein solches Bild für Dinge wie den Nationalstolz französischer Soldaten oder die Integration von Menschen mit Migrationshintergrund in die Institutionen des französischen Staats. Hintergründig kann man solch ein Bild aber auch mit der verdrängten Kolonialgeschichte Frankreichs oder mit dem Rassismus der französischen Gesellschaft in Verbindung bringen. Die Titelseite erzeugt also einen Mythos beziehungsweise eine mythische Aussage, weil sie die Beziehung zwischen dem kolonialen Frankreich und seinen kolonisierten Subjekten entproblematisiert und entpolitisiert. Der Mythos stabilisiert damit die etablierte Ordnung (oder die Kulturelle Grammatik) der französischen Gesellschaft.

child soldier cover Paris Match
Abb. 1: Cover der Paris Match mit einem salutierenden französischen Soldaten.

Neben dem Handbuch der Kommunikationsguerilla als der zentralen Referenz für die deutschsprachige Diskussion zu Kultureller Grammatik findet man vergleichbare Verständnisse von cultural grammar in verschiedenen englischsprachigen Veröffentlichungen aus unterschiedlichen Disziplinen. In der ethnographischen und kulturwissenschaftlichen Sprachforschung wird der Begriff verwendet, um hintergründig wirksame kulturelle Strukturen, Kontexte, Rituale, Rollen, Statussymbole, Verhaltensmuster, Glaubens- und Wertesysteme, Annahmen und Haltungen etc. zu bezeichnen (vgl. Flowerdew & Miller 1996; Palmer 2018). In der Kulturpsychologie und Philosophie werden damit unbewusste Regeln für ein angemessenes Denken, Fühlen, Sprechen und Interagieren (vgl. Wierzbicka 1996) oder ein Set an kulturellen Regeln (analog zu sprachlichen Grammatiken), die für das Beherrschen konkreter kultureller Praktiken relevant sind (vgl. Li 2007), diskutiert. Auch in sozialwissenschaftlichen Disziplinen taucht der Begriff auf. Es werden damit Prinzipien bezeichnet, nach denen sich die Dynamiken von Sinn erzeugenden Prozessen, z.B. von Reflexivität, entfalten (vgl. Ailon 2011; Veldman & Willmott 2016). Oder es wird die Eigenlogik bestimmter Wirtschaftszweige, wie des Tourismus (vgl. Hou 2012), und die Relevanz bestimmter, kulturell verankerter Zeitmuster für Managementprozesse bezeichnet (vgl. e Cunha & e Cunha 2004). Oder es werden kulturelle Grundlagen von Prozessen der Nationenbildung beschrieben (vgl. Löfgren 1993) sowie kollektive politische Selbstverständnisse der „Größe“ (greatness), die Globalisierungsprozesse mit Großmachtambitionen verbinden (vgl. Mallavarapu 2007).

Der Begriff der Kulturellen Grammatik betont also die Regel- oder Musterhaftigkeit bestimmter Kommunikations- und Interaktionsprozesse, bleibt in Bezug auf die konkreten Regeln oder Muster dabei allerdings unterbestimmt. Die Aufmerksamkeit richtet sich vor allem auf die Stabilität und Routinen erzeugende Wirkung solcher Regeln und Muster. Zugleich zeichnet sich aber in den verschiedenen Verwendungen auch die Vorstellung ab, dass Kulturelle Grammatiken veränderlich sind, also erlernt und abgelegt, übertragen, adaptiert und neu erfunden werden können. Um diesen Aspekt zu betonen, wird das Konzept der Kulturellen Grammatik auch analog zu Diskursmustern oder Diskursordnungen verstanden, die sich kulturell und historisch situieren sowie auch transformieren lassen, und die in Konflikt zueinander geraten können (vgl. Schölzel 2013: 36-41). Als konkurrierende Kulturelle Grammatiken in der politischen Kommunikation lassen sich beispielsweise sogenannte Wahrheitsdiskurse und hegemoniale Diskurse unterscheiden. Erste operieren mit bestimmten nicht hinterfragten, (fundamental) geltenden Aussagen, um die herum sich bestimmte Muster ,wahrer‘ Kommunikation etablieren, die zum Beispiel Ausschlüsse von Sprecher*innen ohne Expertenstatus, von Aussagen ohne Expertenqualität und von nicht-zertifizierten, unvernünftigen Artikulationsformen nach sich ziehen. Hegemoniale Diskurse werden rund um inhaltlich unterbestimmte, sogenannte ,leere‘ Signifikanten gebildet, zum Beispiel ,Freiheit‘ oder ,Gerechtigkeit‘, die es ermöglichen, zahlreiche heterogene Bedeutungsgehalte in die hegemonialen Aussagen hineinzuprojizieren und auf diese Weise symbolisch zu integrieren.

Beispiele

Mit dem Begriff der Kulturellen Grammatik können zahllose Regeln und Regelmäßigkeiten in allen gesellschaftlichen Situationen erfasst werden, von Verhaltensregeln im Alltag oder zu besonderen Anlässen, über Sitzordnungen und ähnliches, bis hin zu architektonischen Ensembles oder Mediendispositiven, die bestimmte Beziehungsmuster erzeugen.

Ein typisches Beispiel, das auch im Handbuch der Kommunikationsguerilla diskutiert wird, ist eine öffentliche Wahlkampfveranstaltung, die nach bestimmten Regeln abläuft: Es handelt sich zunächst um ein spezifisches Kommunikationsereignis, das nur in bestimmten zeitlichen und örtlichen Umständen Sinn ergibt, also im Rahmen einer Kampagne vor einem Wahltermin und an einem öffentlich zugänglichen, für das Zusammenkommen von vielen Menschen geeigneten Ort. In der Regel werden auf einer solchen Veranstaltung eine/r oder mehrere Politiker*innen an einem herausgehobenen Platz, also auf einer Bühne oder einem Podium, auftreten, um zu sprechen. Dafür werden bestimmte technische Medien eingesetzt: Mikrofon und Lautsprecher oder ein Megafon, und der Ort der Versammlung wird mit Wahlplakaten, Flaggen oder ähnlichem besonders markiert werden. In der Versammlung wird ein klarer Unterschied produziert zwischen der Redner*in, die die inhaltlichen Aussagen bestimmt, und dem Publikum, das in der Regel zuhört und seine Zustimmung durch Applaus kundtun kann. Die Kulturelle Grammatik bleibt unbewusst, solange alle Beteiligten ihre Regeln befolgen und die Veranstaltung ohne Störung ablaufen kann. Sichtbar wird sie dann, wenn die Veranstaltung aus dem Ruder läuft, etwa weil eine Person auf das Podium springt, der Redner*in das Mikrofon entreißt und selbst sprechen will. Die Reaktionen auf solch eine Störung entscheiden darüber, ob die Kulturelle Grammatik in dieser Situation als geltende Regel durchgesetzt wird, zum Beispiel indem Odner*innen die Störer*in wegbringen, oder ob eine Transformation stattfindet, indem das Podium für andere Sprecher*innen geöffnet wird und die Veranstaltung damit einen anderen Charakter erhält.

Literatur

Zum Weiterlesen

  • Schölzel, Hagen (2013): Guerillakommunikation. Genealogie einer politischen Konfliktform, Bielefeld: transcript. (S. 32-36; 211-219; 311-326)

Zitierte Literatur

  • Ailon, Galit (2011): Mapping the cultural grammar of reflexivity: the case of the Enron scandal, in: Economy and Society 40(1), S. 141-166.

  • Autonome A.f.r.i.k.a. Gruppe; Blissett, Luther; Brünzels, Sonja (2012): Handbuch der Kommunikationsguerilla, 5. Auflage, Hamburg: Assoziation A.

  • Barthes, Roland (1964): Mythen des Alltags, Frankfurt a. M.: Suhrkamp.

  • e Cunha, Miguel Pina; e Cunha, Rita Campos (2004): Changing a cultural grammar? The pressure towards the adoption of “Northern time” by Southern European managers, in: Journal of Managerial Psychology 19(8), S. 795-808.

  • Flowerdew, John; Miller, Lindsay (1996): Lectures in a second language: Notes towards a cultural grammar, in: English for Specific Purposes 15(2), S. 121-140.

  • Hou, Chun Xiao (2012): China and Deep-Rooted Vision: Cultural Grammar in Contest in Tourism, Today, in: Tourism Analysis 17(3), S. 387-397.

  • Li, Chenyang (2007): Li as Cultural Grammar: On the Relation between Li and Ren in Confucius‘ Analects, in: Philosophy East and West 57(3), S. 311-329.

  • Löfgren, Orvar (1993): The cultural grammar of nation-building: The nationalization of nationalism, in: Anttonen, Perrti; Kvideland, Reimund (Hrsg.), Nordic frontiers: Recent issues in the study of modern traditional culture in the Nordic countries, Turku: Nordic Institute of Folklore, S. 217-238.

  • Mallavarapu, Siddhardt. (2007): Globalization and the Cultural Grammar of ‘Great Power’ Aspiration, in: International Studies 44(2), S. 87-102.

  • Palmer, Gary B. (2018): Cultural grammar and the cultural linguistics heritage from the pre-Millennials. An argument for scenarios, in: International Journal of Language and Culture 5(1), S. 29-65.

  • Schölzel, Hagen (2013): Guerillakommunikation. Genealogie einer politischen Konfliktform, Bielfeld: transcript.

  • Veldman, Jeroen; Willmott, Hugh (2016): The cultural grammar of governance: The UK Code of Corporate Governance, reflexivity, and the limits of ‘soft’ regulation, in: Human Relations 69(3), S. 581-603.

  • Wierzbicka, Anna (1996): Japanese Cultural Scripts: Cultural Psychology and „Cultural Grammar“, in: Ethos 24(3), S. 527-555.

Abbildungsverzeichnis

Zitiervorschlag

Schölzel, Hagen (2022): Kulturelle Grammatik. In: Diskursmonitor. Glossar zur strategischen Kommunikation in öffentlichen Diskursen. Hg. von der Forschungsgruppe Diskursmonitor und Diskursintervention. Veröffentlicht am 10.08.2022. Online unter: https://diskursmonitor.de/glossar/kulturelle-grammatik.

DiskursGlossar

Grundbegriffe

Epistemischer Status

Als epistemischen Status bezeichnet man die Wissensbestände und -zugänge zu Ereignissen, Sachverhalten und Personen, die Gesprächsteilnehmer*innen ihrem Gegenüber in der Interaktion zuschreiben.

Politische Kommunikation

Politische Kommunikation findet überall dort statt, wo Menschen als Teil von sozialen Gruppen mit unterschiedlichen Bedürfnissen und Interessen aufeinandertreffen und über das einzelne Individuum hinaus geltende Regeln des Zusammenlebens aushandeln.

Topos

Ein Topos (Plural: Topoi) ist als ein Argumentationsmuster ein allgemeines Formprinzip, nach dem Argumente gebildet werden können. Als allgemeiner, formaler bzw. kontextabstrakter Topos kann er für oder gegen jede in Frage stehende Position angeführt werden. Topoi gehören zum kollektiven Wissen aller, die sich argumentativ äußern.

Kollektivsymbol

Zur Kollektivsymbolik einer Kultur rechnet man den gesellschaftlich geteilten Vorrat an sprachlichen, bildlichen, schematischen und anderen Ressourcen, derer sich politische und mediale Akteure bedienen, um Ereignisse und Handlungen für die Allgemeinheit deutbar und verständlich zu machen.

Strategische Kommunikation

Der Ausdruck Strategische Kommunikation bezeichnet ein Bündel an zeichenbasierten und in der Regel mediengestützten Aktivitäten, mit denen Individuen, Gruppen oder Organisationen versuchen, die Akzeptanz für ihre politischen, ökonomischen, rechtlichen oder anderweitig motivierten Interessen bei ausgewählten Zielgruppen zu halten oder zu erhöhen.

Korpus

In den Sprach- als auch Literaturwissenschaften versteht man unter Korpora ganz allgemein Textsammlungen.

Protest

Protest ist die kollektive Artikulation von Unbehagen, Kritik oder Veränderungswillen, der sich in bestimmten Handlungen außerhalb etablierter institutioneller Kanäle des politischen Systems äußert. Organisiert wird Protest meist von Initiativen, politischen Gruppierungen oder sozialen Bewegungen in Form von Petitionen, Flugblattaktionen, Demonstrationen, Blockaden, Streiks, Happenings und andere Interventionen in der Öffentlichkeit – in direkter Präsenz, unter Einsatz des Körpers oder auch im virtuellen Raum.

Erzählen

Erzählen ist eine rekonstruktive und kommunikative Tätigkeit, in der für gewöhnlich eine vermittelnde Instanz ein Geschehen darstellt. Die Darstellung kann ein/e ErzählerIn vornehmen (entspricht einer engen Definition des Erzählens) oder sie kann medial anders – beispielsweise filmisch – dargeboten werden (entspricht einer weiten Definition des Erzählens). Dabei beruht das dargestellte Geschehen auf mindestens einem Ereignis.

Konnotation

Konnotation ist ein Fachbegriff, mit dem in der Sprachwissenschaft und benachbarten Disziplinen die Nebenbedeutung (oder der ‚Nebensinn‘) eines Ausdrucks bezeichnet wird. Die konnotative Bedeutung umfasst oft wertende (evaluative) oder handlungsauffordernde (deontische) Aspekte, die mit dem Gebrauch eines Ausdrucks aufgerufen werden können.

Framing

Kommunikationswissenschaftlicher Fachausdruck für den Deutungs- und Bewertungsrahmen, der durch einen politischen Begriff aufgerufen oder ihm fallweise beigegeben wird.

Techniken

Influencer / Influencerin

Influencer:innen sind Personen, die auf Social-Media-Plattformen regelmäßig selbst produzierte Inhalte publizieren und damit eine öffentliche Reichweite über ihre Follower:innen aufbauen. Influencer:innen haben das Potenzial, Rezipient:innen in ihrem Wissen, Einstellungen und Verhalten zu beeinflussen (engl. to influence).

Litigation PR

Der Begriff Litigation PR kombiniert das englische Wort litigation, das auf lat. ,lītigātiō‘ zurückgeht und für Rechtsstreitigkeit bzw. (Gerichts )Verfahren/Prozess steht, mit dem bekannten Begriff PR (Public Relations).

Memes

Der Begriff des Internet-Memes fasst eine relativ heterogene Gruppe digitaler – und zumeist multimodaler – Texte zusammen (zum Beispiel Videos, GIFs, Image Macros), die sich durch formale oder inhaltliche Gemeinsamkeiten auszeichnen und durch Imitations- und Aneignungsprozesse verbreiten.

Aufwertung/Meliorisierung

Von Aufwertung/Meliorisierung wird in der Linguistik dann gesprochen, wenn ein Wort, das ursprünglich als Fremdbezeichnung der Diffamierung einer bestimmten Volks- oder Personengruppe diente, von dieser selbst dann als positive Eigenbezeichnung verwendet wird.

Domain-Grabbing

In der Internetkommunikation finden sich verschiedene Praktiken, die aus Sicht von Dritten (v.a. Markenhaltern) als illegitime oder gar rechtswidrige Inanspruchnahme von Domain-Namen und damit verbundener Aufmerksamkeitssteuerung kritisiert werden.

Suchmaschinenoptimierung

Durch Suchmaschinenoptimierung (search engine optimization; SEO) wird versucht, Webseiten so zu verändern, dass sie von Suchmaschinen als besonders relevant betrachtet und entsprechend hoch in den Suchergebnissen gelistet werden.

Search Engine Advertising

Als Search Engine Advertising wird die Werbung auf den Ergebnisseiten von Suchmaschinen bezeichnet. Besondere Merkmale dieser Werbeform sind, dass die Anzeigen kontextbasiert sind und in Textform dargestellt werden.

Affirmation

Im sprachwissenschaftlichen Sinne bezeichnet Affirmation die Behauptung oder Bejahung einer Aussage. Die affirmative Form eines Wortes oder Satzes ist das Gegenteil zur Verneinung (Negation).

Autoritäts-Topos

So wird – angelehnt an formallogische Darstellungen von Argumentationen (Oberprämisse plus Unterprämisse ergeben die Konklusion) – mit Bezug oder unter Berufung auf Autoritäten, oft auf Wissenschaftlerinnen/Experten in politischen Debatten häufig argumentiert, in diesem Fall bezüglich der Richtigkeit/Angemessenheit einer Bewertung.

Flashmob / Smartmob

Flashmobs sind ein urbanes Phänomen, das sich zu einer populären sozialen Ausdrucksform im öffentlichen Raum entwickelt hat. Sie entstehen durch das scheinbar spontane, tatsächlich aber organisierte Zusammentreffen einer Menschenmenge, die an einem bestimmten Ort eine gemeinsame Aktion ausführt und sich anschließend, als wäre nichts geschehen, wieder zerstreut.

Schlagwörter

Respekt

Respekt oder respektvolles Verhalten wird eingefordert für die Eigengruppe (bzw. von der Eigengruppe), für wirklich oder vermeintlich diskriminierte Gruppen, für abweichende Meinungen. Mitgemeint ist bei der Forderung nach Respekt meist eine positiv bewertete Szene der (sozialen, kulturellen, ethnischen, sexuellen etc.) Vielfalt/Diversität.

Geschlechtergerechte Sprache

Mit dem heute als Fahnenwort gebrauchten Ausdruck geschlechtergerechte Sprache ist die Forderung verbunden, bei Personenbezeichnungen die einseitige, für diskriminierend erklärte Bezugnahme auf einen bestimmten Sexus, konkret: auf das männliche Geschlecht, zu unterlassen.

Identitätspolitik

Der Ausdruck steht heute für eine politische Konstellation, in der konkurrierende Wir-Gemeinschaften mit einer Diskriminierungs- und Benachteiligungsgeschichte in der Öffentlichkeit um Anerkennung konkurrieren. An der Oberfläche geht es ‚identitären‘ Wir-Gemeinschaften darum, die eigene Diskriminierung als Ermächtigungsmotiv an die Öffentlichkeit zu tragen.

Cancel Culture

Cancel Culture ist ein Kampf- und Stigmawort, das sich in skandalisierender Absicht gegen die Praxis (und oft auch bereits gegen die Forderung) des Absagens, Ausladens, Boykottierens moralisch missliebiger und politisch bekämpfter Personen, Organisationen und Positionen in Wissenschaft, Kultur und Politik wendet.

Elite

Einmal wird unter Elite eine Auswahl der Besten und Leistungsfähigsten verstanden, einmal in distanzierender Weise eine abgehobene ‚Kaste‘ der Reichen und Mächtigen im Gegensatz zum Volk. Erstere Variante wird in der Regel zur Verteidigung der etablierten Ordnung verwendet, letztere vor allem von Rechtspopulisten.

Altpartei

Der Ausdruck Altpartei wird in jüngerer Zeit häufig im Kontext des Aufstiegs des Rechtspopulismus und der AfD gebraucht. Dabei lassen sich hauptsächlich zwei Gebrauchsvarianten beobachten: Einerseits richtet sich der Ausdruck in abwertender Weise gegen etablierte Parteien, andererseits taucht er oft in sprachkritischen Kontexten auf, wo seine Verwendung und seine Sprecher kritisiert oder diskreditiert werden.

Verschwörungstheorie

Der Ausdruck gibt sich in der medialen Öffentlichkeit als analytisches Konzept, ist aber zugleich performativ hoch wirksam als Ausschluss aller erfolgreich so benannten Konzepte aus der rationalen öffentlichen Kommunikation.

Inklusion

Inklusion hat sich, ausgehend von einem soziologischen Fachterminus gleichen Namens, in den zwei vergangenen Jahrzehnten zu einem interdiskursiven und allgemeinen Programmbegriff gewandelt.

Innovation

Innovation gehört seit den 60er Jahren zu den häufig verwendeten Schlag– bzw. Fahnenwörtern, vor allem in den Feldern von Ökonomie und Politik. Konzepte und Vorhaben mit der Überschrift Innovation werden oft als Sachzwänge dargestellt, gegen die Einwände als nicht legitim erscheinen.

Postwachstum

Postwachstum ist im deutschsprachigen Diskurs Beschreibungsbegriff und Forderung zugleich: In einer Welt mit endlichen natürlichen Ressourcen müsse die bisher von Wirtschaftswachstum und Ausbeutung abhängige globale Ökonomie radikal verändert werden, um langfristig die menschliche Existenz zu sichern.

Verschiebungen

Ökonomisierung

Ökonomisierung wird in gegenwärtigen Diskursen in der Regel zur Bezeichnung von Prozessen verwendet, in denen die spezifisch wirtschaftlichen Funktions-Elemente wie Markt, Wettbewerb/Konkurrenz, Kosten-Nutzen-Kalküle, Effizienz, Gewinnorientierung in Bereiche übertragen werden, die zuvor teilweise oder ganz nach anderen Leitkriterien ausgerichtet waren

Moralisierung

Moralisierung verlagert Macht- und Interessenkonflikte in die Sphäre der Kommunikation von Achtung / Missachtung. Sie reduziert Ambivalenz zugunsten einer Polarisierung von gut und böse.

Konstellationen

Skandal

Die Diskurskonstellation des Skandals zeichnet sich durch eine in den Medien aufgegriffene (bzw. durch sie erst hervorgerufene) empörte Reaktion eines erheblichen Teils der Bevölkerung auf einen tatsächlichen oder vermeintlichen Missstand aus. Die schuldhafte Verursachung dieses Missstandes wird dabei einem gesellschaftlichen Akteur zugeschrieben, dessen Handeln als ‚unmoralisch‘ gedeutet wird.

DiskursReview

Review-Artikel

Satzsemantik von Vorhersage und Nutzen-Risiko-Abwägung: Die STIKO-Impfempfehlung für 12- bis 17-Jährige vom 18. August 2021

“Die Forschung muss… sich in die Lage versetzen, die politischen Implikationen, die sie hat, anzunehmen und auszuforschen, um nicht beim ersten Knall der Peitsche durch alle ihr vorgehaltenen Reifen zu springen. Diese Integrität kann die Wissenschaft gerade dadurch unter Beweis stellen, dass sie dem herrschenden Druck, praktische Tabus in theoretische umzuwandeln, widersteht” (Beck 1986, 283)

Review-Rückblick

In dieser Rubrik veröffentlichen wir in unregelmäßigen Abständen kurze Notizen zu Ereignissen oder Phänomenen, die in den vergangenen Wochen in der strategischen und öffentlichen Kommunikation zu beobachten waren. Die Texte kommentieren subjektiv, unsystematisch, teils widersprüchlich und hoffentlich pointiert. Sie erheben keinen Anspruch auf Wissenschaftlichkeit, beobachten ihren Gegenstand aber von einer diskursanalytischen und -interventionistischen Position aus und sollen zum Widerspruch einladen. Sie repräsentieren nicht die Position der Redaktion des Diskursmonitors, sondern ihrer jeweiligen Autorinnen und Autoren.

Rasse, Rassismus

1) Zu Beginn drei exemplarische Medienereignisse aus der jüngsten Vergangenheit, in denen es um den Komplex Rasse, Rassismus ging…

Freund-Feind-Begriffe: Zum diskurssemantischen Feld soziopolitischer Kollektivierung

Mit jeder sprachlichen Äußerung (und das schließt das Nicht-Äußern mit ein) positioniert sich der Sprecher oder Schreiber sowohl innerhalb eines von ihm intersubjektiv (re)konstruierten als auch eines objektiven (d.h. objektivierbaren) diskursiven Raum sozialer Gruppen. Möglich ist dies nur aufgrund der sozialsymbolischen (indexikalischen) Bedeutung kommunikativer Zeichen im Bühlerschen Sinne…

PR, Punk oder Provinz: Wie Corona-Forschung die Öffentlichkeit (nicht) erregt.

Jeden Tag erreichen uns neue Nachrichten, neue Zahlen, neue Grafiken zur laufenden Corona-Pandemie. Wer erinnert sich da noch daran, was vor zwei oder drei Monaten oder vor einer Woche öffentlich diskutiert wurde? Vielleicht sind nur zwei Debatten wirklich in unserem öffentlichen Gedächtnis hängen geblieben, unter anderem, weil sie es zu eigenen Twitter-Hashtags gebracht haben: #HeinsbergProtokoll und #IchHabeBesseresZuTun…