DiskursGlossar

Jargon

Kategorie: Techniken
Verwandte Ausdrücke: Argot, Slang, Register, Szenesprache, Fachsprache, sozialer Stil
Siehe auch: Schlagwort, Euphemismus, Indexikalität, Kampagne
Autor: Jürgen Spitzmüller
Version: 1.1 / Datum: 24.03.2022

Kurzzusammenfassung

Jargon (aus frz. jargon nach altfrz. gargun ‚Zwitschern‘) bezeichnet eine Sprachgebrauchsform, die mit bestimmten Praxisgemeinschaften (Gruppen, die berufliche oder andere Interessen teilen) assoziiert wird. Jargons werden als ‚typisch‘ für die Mitglieder einer bestimmten sozialen Gruppe und für deren Interessen und soziale Positionen angesehen und dienen somit nach innen wie nach außen als sprachliches Erkennungs- und Abgrenzungsmerkmal. Im alltagsweltlichen Diskurs ist Jargon in der Regel ein wertendes (sprachideologisches) Konzept, das den Sprachgebrauch bzw. das soziale Auftreten anderer – oft distanzierend und abwertend – charakterisiert oder im Sinne einer ironisch-distanzierenden (Selbst-)Charakterisierung Einsatz findet.

Erweiterte Begriffsklärung

Jargon ist eine von mehreren metasprachlichen Bezeichnungen, die sowohl als sprachwissenschaftlicher Terminus als auch als alltagssprachlicher Ausdruck verwendet werden (andere Bezeichnungen, auf die das zutrifft, sind etwa Slang, Pidgin, Floskel, Dialekt, Diskurs sowie auch Sprache). Entsprechend ist der Begriff sehr schillernd und differiert stark abhängig davon, ob man auf eine der wissenschaftlichen oder der alltagssprachlichen Bedeutungen Bezug nimmt. Generell lässt sich festhalten, dass mit Jargon im sprachwissenschaftlichen Sinne eher spezifische Formen gruppengebundener Sprache mit sozial-integrativer (‚indexikalischer‘) Funktion (Indexikalität) bezeichnet werden, während Jargon im alltagssprachlichen Sinn ein genereller mit sozialen Gruppen assoziierter, stark wertbeladener Ausdruck ist, der häufig als Kampfwort (Schlagwort) zur Bewertung und Abgrenzung von Sprachstilen und Sprecher*innengruppen eingesetzt wird.

Der Ausdruck wurde im 18. Jahrhundert aus dem Französischen entlehnt, wo er die Bedeutung ‚Geschwätz‘ (aus altfrz. gargun ‚Gezwitscher‘) hatte und mit ‚Unverständlichkeit‘ und ‚sozialer Tiefe‘ assoziiert war (vgl. Kalivoda 1998: 714–716). Eingang in die sprachwissenschaftliche Terminologie fand der Ausdruck über die sog. Sondersprachenforschung, die sich mit dem Sprachgebrauch bestimmter sozialer Gruppen befasst. In Abgrenzung zu Argot (Geheimsprachen) und Slang (expressiver Stil) bezeichnet Jargon dort den Sprachgebrauch von sozialen Gruppen, die entweder durch gemeinsame berufliche Tätigkeit oder durch andere soziale Parameter (wie Alter, soziale Schicht, gemeinsame Freizeitinteressen) zusammengehalten werden, von Sprecher*innen also, „die eine gemeinsame berufliche oder außerberufliche Betätigung ausüben, die ständig miteinander verkehren oder enger zusammenleben“ (Domaschnev 1987: 313). Entsprechend dieser beiden sozialen Bereiche unterscheidet man vielfach Fachjargon und Gruppenjargon (vgl. Domaschnev 1987: 314). Jargons zeichnen sich nach dieser soziolinguistischen Fassung dadurch aus, dass Konzepte, die im sozialen Leben der betreffenden Gruppen zentral sind, spezifische (häufig metaphorische) Bezeichnungen bekommen (bspw. Pille für Fußball), die den Status der Konzepte in der Lebenswelt der Gruppenangehörigen markieren und dabei für die Gruppe verbindende Funktion bekommen. Fachjargons in diesem Sinne sind nicht äquivalent zu Fachsprachen, da es ihnen weniger als diesen um terminologische Präzisierung und mehr um soziale Werte geht, die durch die Jargonismen zum Ausdruck gebracht werden. Von Argots werden Jargons dadurch abgegrenzt, dass sie nach außen weniger abschließend (nicht notwendigerweise esoterisch) sind, von Slang bisweilen dadurch, dass dieser auf „den nicht fachspezifischen Wortschatz anzuwenden [sei], der eine in humoristischer, spöttischer oder gar verächtlicher Weise ‚herabgesetzte‘ Färbung aufweist“ (Domaschnev 1987: 314), also spezifische Stileffekte intendiert. Allerdings ist anzumerken, dass diese Differenzierung auch in der Sondersprachenforschung nicht immer trennscharf gemacht wird und die Konzepte teilweise stark ineinander übergehen. Dies gilt insbesondere für Jargon und Slang (vgl. Dittmar 1997: 218–221).

In der neueren Soziolinguistik wird der Terminus kaum noch (terminologisch) gebraucht. Statt dessen spricht man (je nach soziolinguistischer Schule) allgemeiner von Varietäten (Sprachgebrauchsformen, die typisch für bestimmte soziale, regionale oder situative Konstellationen sind), sozialen oder funktionalen Stilen (Sprachgebrauchsformen, die von bestimmten Personen mit bestimmten sozialen oder anderen Funktionen verwendet werden) oder Registern (Sprachgebrauchsformen, die mit bestimmten Personen und Situationen assoziiert werden) (vgl. Neuland & Schlobinski 2018; Spitzmüller im Ersch.). Das hat einerseits damit zu tun, dass sich das Postulat klar identifizierbarer Jargons (wie etwa eines ‚Jargons der Jugend‘) empirisch als nicht tragbar erwiesen hat (vgl. etwa Androutsopoulos 2006), andererseits aber auch mit der sozialen Bedeutung des Ausdrucks in der Alltagswelt, die sich als schwer aus der terminologischen Verwendung herauszuhalten gezeigt hat.

Im alltäglichen Sprachgebrauch hat Jargon häufig eine negative Bewertungskomponente, die sich etwa in Wortpartnern ausdrückt, mit denen das Nomen überzufällig häufig vorkommt. Das zeigt ein Blick in die großen Korpora (Textsammlungen) des Deutschen. Das überwiegend aus Zeitungstexten bestehende Digitale Wörterbuch der Deutschen Sprache (DWDS) etwa listet als typische Adjektivpartner von Jargon: schnoddrig, kanalisiert, neulink, verquast, verdrückt, branchenüblich, flapsig, salopp, unverständlich, rüd und als typische Präpositionalgruppen: verfallen in, verkommen zum (DWDS-Wortprofil für „Jargon“, erstellt durch das Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache). Jedenfalls verweist der Ausdruck auf eine (aus Sicht der Sprechenden oder ‚normaler‘ Sprachteilhabender) ‚unübliche‘ Sprachgebrauchsform einer bestimmten Personengruppe (meist sind dabei spezifische Wörter gemeint), die nicht notwendigerweise als ‚unverständlich‘ dargestellt werden, vielfach aber als ‚schräg‘ und häufig auch als ‚bezeichnend‘ für eine bestimmte (häufig kritisierte) Haltung dieser Personengruppen. Dies lässt sich bereits in der syntaktischen Form erahnen, die im größten deutschsprachigen Korpus, dem Deutschen Referenzkorpus des Leibniz-Instituts für Deutsche Sprache (Teilkorpus W-öffentlich), als typischste Form im Zusammenhang mit Jargon genannt wird: wie es im Jargon von <X> heißt (Deutsches Referenzkorpus DeReKo-2021-I; s. dazu die Beispiele unten). Der Bewertungsaspekt des Ausdrucks zeigt sich auch in Buchtiteln – von Adornos ideologiekritischem Jargon der Eigentlichkeit“ (Adorno 1964) über das sprachkritische „‚Wer oder was ist schief gelaufen?‘: Fehler, Jargon und falsche Grammatik im schriftlichen und mündlichen Gegenwartsdeutsch“ (Deterding 2018) bis hin zum neurechten Jargon der Weltoffenheit: Was sind unsere Werte noch wert?“ (Böckelmann 2014).

Entsprechend dieser breiten Semantik ist auch die Funktion von Jargon in gesellschaftlichen und politischen Diskursen in mindestens zweierlei Hinsicht zu unterscheiden: Als Jargon (im soziolinguistischen Sinn) dient der spezifische Sprachgebrauch sozialer Gruppen dazu, nach außen und innen Zusammengehörigkeit (Identität) zu markieren, indem auf geteilte Wissensbestände häufig in sprachspielerischer Form Bezug genommen wird – dies mitunter auch mit (bewusst oder unbewusst) ausgrenzender oder für Gruppenfremde sachverhaltsverschleiernder Wirkung (Euphemismus). Jargon dient hier also primär der Darstellung eigener sozialer Positionierung und Profilierung, wozu auch die Darstellung bzw. Behauptung von Expertise gehört (vgl. Carr 2010). Als Jargon (im Sinne eines Schlag- und Kampfworts) dient der Ausdruck dazu, zur (nicht selten auch unterstellten) Rede- und Schreibweise anderer eine kritische Position einzunehmen (also eine Position zu Positionen einzunehmen) und diese als wenigstens ‚seltsam‘, vielfach auch als ‚irreführend‘ zu markieren. In beiden Fällen hat Jargon eine wesentliche und ambivalente (verbindende und zugleich trennende) soziale Kraft, die man soziolinguistisch (in ihrer sozialen Funktionalität) beschreiben, aber (in ihren gesellschaftlichen Konsequenzen wie Ausgrenzung und Stigmatisierung) durchaus auch kritisch diskutieren kann.

Beispiele

(1) Als Jargons im soziolinguistischen Sinne gelten beispielsweise die sogenannten Szenesprachen (genauer: Szenestile), also die Sprachgebrauchsformen, die sich innerhalb von gesellschaftlichen Gruppen herausbilden, die gemeinsame Interessen (wie Musikstile und andere popkulturelle Formen oder auch Aktivitäten wie das ‚Hacking‘) verfolgen (vgl. Androutsopoulos 2005; Hitzler & Niederbacher 2010). Neben Kleidung, Symbolen und bestimmten Medien gelten spezifische Sprachgebrauchsformen hierbei als zentrale Mittel, um innerhalb dieser Gruppen Zusammengehörigkeit herzustellen und zu signalisieren. Gleichzeitig werden dadurch Abgrenzungen nach außen, aber auch gruppeninterne Hierarchien und Differenzierungen markiert. Jargonismen wie bombardieren, Tags, Crews (Graffiti-Szene), Bank, Hammer und Combo (Skater-Szene) oder mumbeln, Lautis und hönkeln (Antifa-Szene) bezeichnen (und bewerten vielfach gleichzeitig auch) zentrale Praktiken, Ideen und Gegenstände der jeweiligen Szene (vgl. www.jugendszenen.com; zur Antifa-Szene ausführlicher Wallrodt & Seibert 2016). Dabei signalisieren sie auch szenespezifisches Wissen. Dieser Aspekt ist auch zentral bei der Verwendung von Jargonismen von Akteur*innen, die in bestimmten Diskurszusammenhängen Expertise beanspruchen. Wie Carr (2010: 20) betont, geht es hierbei vielfach weniger um die sprachliche Verschleierung als um die Markierung (einer Beanspruchung) von Wissen. Eine strategische Zweitverwertung solcher Jargons findet man vielfach in der Werbung, die durch die inszenierte Verwendung entweder die Anhänger einer bestimmten Szene bzw. sozialen Gruppe anzusprechen oder aber von deren Image zu profitieren versucht, wie das folgende Beispiel einer Kampagne der Arbeiterkammer Kärnten illustriert (vgl. auch Androutsopoulos 2005 zum Beispiel chillen).

https://diskursmonitor.de/glossar/kampagne/
„WTF? – Der Jugendpreis der IGKA 2020“ (Quelle: https://www.creos.at/details-46/wtf-der-jugendpreis-der-igka-2020.html ; Zugriff: 22.02.2022)

(2) Wenn man in medialen Diskursen nach dem Ausdruck Jargon sucht, findet man vor allem Verwendungen im Sinne von (distanzierenden) Sprachgebrauchsbewertungen. Hier einige Beispiele aus dem Deutschen Referenzkorpus (DeReKo-2021-I):

„Wir brauchen einen Abbaupfad“, beschrieb Möllring das niedersächsische Konzept, die Kreditaufnahme Jahr für Jahr zu senken – bis zur „Null“ schon 2017. „Sinkflug“ heißt das im Jargon der Koalition, „Sturzflug“ die Politik der SPD. (Braunschweiger Zeitung, 22.03.2012)

So viele Namen gibt es für die Hauptschule. Vom „Deppendepot“ sprechen manche Jugendliche. Im Jargon der Politiker heißt sie mitunter „Aufbewahrungsanstalt“ und „Pädagogen“ sehen in ihr auch schon mal die Resteschule. (FOCUS, 27.07.2009, S. 66–71)

Doch die Art, wie Widersprüche und alte Kampflyrik mit den – wie es im modischen Jargon heißt – „neuen Herausforderungen“ verknüpft sind und wie Funktionärspositionen des Status quo festgezurrt werden, mündet nur in eine sprachliche Katastrophe. (Kleine Zeitung, 30.10.1998)

Die Organisation hatte dem sächsischen Innenministerium zufolge das Ziel, eine – wie es im rechtsextremen Jargon heißt – „national befreite Zone“ zu schaffen. (Nürnberger Zeitung, 07.08.2008, S. 6)

Die Professoren verkriechen sich in ihren Spezialgebieten, was sich etwa in den Geisteswissenschaften darin zeigt, dass der Jargon, die Terminologie, stark zugenommen hat. Die Neuphilologen schmücken sich gerne mit einer übertriebenen Fachsprache, die der Linguistik entnommen ist. Dahinter steckt das Bedürfnis, Schutz zu suchen. Wenn man sich mit Fachwissen panzert, bleibt man unangreifbar. Wer hingegen allgemein verständlich spricht, exponiert sich. Doch wo kommen wir hin, wenn der Linguist den Historiker und der Philosoph den Philologen nicht mehr versteht? (Tages-Anzeiger, 24.06.2002, S. 49)

Eine wichtige soziale Funktion solcher Bewertungen ist die Markierung eines kritischen Standpunkts durch die, die den Jargon-Vorwurf äußern, gegenüber denen, die der Vorwurf trifft. Die Kritik kann sich dabei darauf richten, dass die kritisierten Personen nicht in der Lage sind, Dinge ‚normal‘ oder ‚klar‘ zu äußern (Fachiditotenvorwurf), dass sie Dinge in Jargon ‚verkleiden‘, um ihre Banalität zu kaschieren (Imponiervorwurf) oder sie der Kritik zu entziehen (Esoterikvorwurf), oder dass durch den Jargon Dinge weniger problematisch dargestellt werden als sie sind (Verschleierungsvorwurf → Euphemismus). Personen, die den Vorwurf äußern, unterstellen dadurch nicht nur anderen ‚unangemessenen‘ Sprachgebrauch, von dem sie sich distanzieren, sie weisen sich selbst durch das Jargon-Verdikt auch die Fähigkeit zu, das sprachliche ‚Fehlverhalten‘ anderer zu durchschauen und zu wissen, wie man es ‚angemessener‘ ausgedrückt hätte. Jargonvorwürfe sind somit häufig auch Behauptungen von Expertise.

 

Literatur

Zum Weiterlesen

  • Neuland, Eva & Schlobinski, Peter (Hg.) (2018): Handbuch Sprache in sozialen Gruppen (Handbücher Sprachwissen 9). Berlin & Boston: De Gruyter.
  • Spitzmüller, Jürgen (Im Ersch.): Soziolinguistik: Eine Einführung. Heidelberg: J. B. Metzler. [erscheint vsl. Mai 2022]

Zitierte Literatur

  • Adorno, Theodor W. (1964): Jargon der Eigentlichkeit: Zur deutschen Ideologie (edition suhrkamp). Frankfurt a. M.: Suhrkamp.
  • Androutsopoulos, Jannis. (2005): „… und jetzt gehe ich chillen“: Jugend- und Szenesprachen als Erneuerungsquellen des Standards. In Ludwig Eichinger & Werner Kallmeyer (Hgg.), Standardvariation: Wie viel Variation verträgt die deutsche Standardsprache? (Jahrbuch des Instituts für Deutsche Sprache 2004), 171–206. Berlin & New York: de Gruyter.
  • Androutsopoulos, Jannis (2006): Jugendsprachen als kommunikative soziale Stile: Schnittstellen zwischen Mannheimer Soziostilistik und Jugendsprachenforschung. Deutsche Sprache 34 (1–2). 106–121.
  • Böckelmann, Frank (2014): Jargon der Weltoffenheit: Was sind unsere Werte noch wert? (Edition Sonderwege). Waltrop: Manuscriptum.
  • Carr, E. Summerson (2010): Enactments of expertise. Annual Review of Anthropology, 39, 17– 32.
  • Deterding, Klaus (2018): „Wer oder was ist schief gelaufen?“ Fehler, Jargon und falsche Grammatik im schriftlichen und mündlichen Gegenwartsdeutsch. Berlin: Wissenschaftlicher Verlag Berlin.
  • Dittmar, Norbert (1997): Grundlagen der Soziolinguistik: Ein Arbeitsbuch mit Aufgaben (Konzepte der Sprach- und Literaturwissenschaft 57). Tübingen: Niemeyer.
  • Domaschnev, Anatoli I. (1987): Umgangssprache/Slang/Jargon. In Ulrich Ammon, Norbert Dittmar & Klaus J. Mattheier (Hg.), Soziolinguistik: Ein internationales Handbuch zur Wissenschaft von Sprache und Gesellschaft, Bd. 1 (Handbücher zur Sprach- und Kommunikationswissenschaft 3.1), 308–315. Berlin & New York: de Gruyter.
  • Hitzler, Ronald & Arne Niederbacher (2010): Leben in Szenen: Formen juveniler Vergemeinschaftung heute. 3., vollst. überarb. Aufl. (Erlebniswelten 3). Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.
  • Kalivoda, Gregor (1998): Jargon. In Gert Ueding (Hg.), Historisches Wörterbuch der Rhetorik. Bd. 4: Hu—K, 712–717. Tübingen: Niemeyer.
  • Neuland, Eva & Peter Schlobinski (Hgg.) (2018): Handbuch Sprache in sozialen Gruppen (Handbücher Sprachwissen 9). Berlin & Boston: De Gruyter.
  • Spitzmüller, Jürgen (Im Ersch.): Soziolinguistik: Eine Einführung. Heidelberg: J. B. Metzler.
  • Wallrodt, Ines & Niels Seibert (2016): Murmeln, Mumbeln, Flüstertüte: Lexikon der Bewegungssprache. Münster: Unrast.

Abbildungsverzeichnis und Websites

Zitiervorschlag

Spitzmüller, Jürgen (2022): Jargon. In: Diskursmonitor. Glossar zur strategischen Kommunikation in öffentlichen Diskursen. Hg. von der Forschungsgruppe Diskursmonitor und Diskursintervention. Veröffentlicht am 24.03.2022. Online unter: https://diskursmonitor.de/glossar/jargon.

DiskursGlossar

Grundbegriffe

Kulturelle Grammatik

Kulturelle Grammatik steht für ein System von Regeln und/oder etablierten Regelmäßigkeiten, die Formen richtiger und/oder normaler Kommunikation und Interaktion auszeichnen.

Epistemischer Status

Als epistemischen Status bezeichnet man die Wissensbestände und -zugänge zu Ereignissen, Sachverhalten und Personen, die Gesprächsteilnehmer*innen ihrem Gegenüber in der Interaktion zuschreiben.

Politische Kommunikation

Politische Kommunikation findet überall dort statt, wo Menschen als Teil von sozialen Gruppen mit unterschiedlichen Bedürfnissen und Interessen aufeinandertreffen und über das einzelne Individuum hinaus geltende Regeln des Zusammenlebens aushandeln.

Topos

Ein Topos (Plural: Topoi) ist als ein Argumentationsmuster ein allgemeines Formprinzip, nach dem Argumente gebildet werden können. Als allgemeiner, formaler bzw. kontextabstrakter Topos kann er für oder gegen jede in Frage stehende Position angeführt werden. Topoi gehören zum kollektiven Wissen aller, die sich argumentativ äußern.

Kollektivsymbol

Zur Kollektivsymbolik einer Kultur rechnet man den gesellschaftlich geteilten Vorrat an sprachlichen, bildlichen, schematischen und anderen Ressourcen, derer sich politische und mediale Akteure bedienen, um Ereignisse und Handlungen für die Allgemeinheit deutbar und verständlich zu machen.

Strategische Kommunikation

Der Ausdruck Strategische Kommunikation bezeichnet ein Bündel an zeichenbasierten und in der Regel mediengestützten Aktivitäten, mit denen Individuen, Gruppen oder Organisationen versuchen, die Akzeptanz für ihre politischen, ökonomischen, rechtlichen oder anderweitig motivierten Interessen bei ausgewählten Zielgruppen zu halten oder zu erhöhen.

Korpus

In den Sprach- als auch Literaturwissenschaften versteht man unter Korpora ganz allgemein Textsammlungen.

Protest

Protest ist die kollektive Artikulation von Unbehagen, Kritik oder Veränderungswillen, der sich in bestimmten Handlungen außerhalb etablierter institutioneller Kanäle des politischen Systems äußert. Organisiert wird Protest meist von Initiativen, politischen Gruppierungen oder sozialen Bewegungen in Form von Petitionen, Flugblattaktionen, Demonstrationen, Blockaden, Streiks, Happenings und andere Interventionen in der Öffentlichkeit – in direkter Präsenz, unter Einsatz des Körpers oder auch im virtuellen Raum.

Erzählen

Erzählen ist eine rekonstruktive und kommunikative Tätigkeit, in der für gewöhnlich eine vermittelnde Instanz ein Geschehen darstellt. Die Darstellung kann ein/e ErzählerIn vornehmen (entspricht einer engen Definition des Erzählens) oder sie kann medial anders – beispielsweise filmisch – dargeboten werden (entspricht einer weiten Definition des Erzählens). Dabei beruht das dargestellte Geschehen auf mindestens einem Ereignis.

Konnotation

Konnotation ist ein Fachbegriff, mit dem in der Sprachwissenschaft und benachbarten Disziplinen die Nebenbedeutung (oder der ‚Nebensinn‘) eines Ausdrucks bezeichnet wird. Die konnotative Bedeutung umfasst oft wertende (evaluative) oder handlungsauffordernde (deontische) Aspekte, die mit dem Gebrauch eines Ausdrucks aufgerufen werden können.

Techniken

Influencer / Influencerin

Influencer:innen sind Personen, die auf Social-Media-Plattformen regelmäßig selbst produzierte Inhalte publizieren und damit eine öffentliche Reichweite über ihre Follower:innen aufbauen. Influencer:innen haben das Potenzial, Rezipient:innen in ihrem Wissen, Einstellungen und Verhalten zu beeinflussen (engl. to influence).

Litigation PR

Der Begriff Litigation PR kombiniert das englische Wort litigation, das auf lat. ,lītigātiō‘ zurückgeht und für Rechtsstreitigkeit bzw. (Gerichts )Verfahren/Prozess steht, mit dem bekannten Begriff PR (Public Relations).

Memes

Der Begriff des Internet-Memes fasst eine relativ heterogene Gruppe digitaler – und zumeist multimodaler – Texte zusammen (zum Beispiel Videos, GIFs, Image Macros), die sich durch formale oder inhaltliche Gemeinsamkeiten auszeichnen und durch Imitations- und Aneignungsprozesse verbreiten.

Aufwertung/Meliorisierung

Von Aufwertung/Meliorisierung wird in der Linguistik dann gesprochen, wenn ein Wort, das ursprünglich als Fremdbezeichnung der Diffamierung einer bestimmten Volks- oder Personengruppe diente, von dieser selbst dann als positive Eigenbezeichnung verwendet wird.

Domain-Grabbing

In der Internetkommunikation finden sich verschiedene Praktiken, die aus Sicht von Dritten (v.a. Markenhaltern) als illegitime oder gar rechtswidrige Inanspruchnahme von Domain-Namen und damit verbundener Aufmerksamkeitssteuerung kritisiert werden.

Suchmaschinenoptimierung

Durch Suchmaschinenoptimierung (search engine optimization; SEO) wird versucht, Webseiten so zu verändern, dass sie von Suchmaschinen als besonders relevant betrachtet und entsprechend hoch in den Suchergebnissen gelistet werden.

Search Engine Advertising

Als Search Engine Advertising wird die Werbung auf den Ergebnisseiten von Suchmaschinen bezeichnet. Besondere Merkmale dieser Werbeform sind, dass die Anzeigen kontextbasiert sind und in Textform dargestellt werden.

Affirmation

Im sprachwissenschaftlichen Sinne bezeichnet Affirmation die Behauptung oder Bejahung einer Aussage. Die affirmative Form eines Wortes oder Satzes ist das Gegenteil zur Verneinung (Negation).

Autoritäts-Topos

So wird – angelehnt an formallogische Darstellungen von Argumentationen (Oberprämisse plus Unterprämisse ergeben die Konklusion) – mit Bezug oder unter Berufung auf Autoritäten, oft auf Wissenschaftlerinnen/Experten in politischen Debatten häufig argumentiert, in diesem Fall bezüglich der Richtigkeit/Angemessenheit einer Bewertung.

Flashmob / Smartmob

Flashmobs sind ein urbanes Phänomen, das sich zu einer populären sozialen Ausdrucksform im öffentlichen Raum entwickelt hat. Sie entstehen durch das scheinbar spontane, tatsächlich aber organisierte Zusammentreffen einer Menschenmenge, die an einem bestimmten Ort eine gemeinsame Aktion ausführt und sich anschließend, als wäre nichts geschehen, wieder zerstreut.

Schlagwörter

Respekt

Respekt oder respektvolles Verhalten wird eingefordert für die Eigengruppe (bzw. von der Eigengruppe), für wirklich oder vermeintlich diskriminierte Gruppen, für abweichende Meinungen. Mitgemeint ist bei der Forderung nach Respekt meist eine positiv bewertete Szene der (sozialen, kulturellen, ethnischen, sexuellen etc.) Vielfalt/Diversität.

Geschlechtergerechte Sprache

Mit dem heute als Fahnenwort gebrauchten Ausdruck geschlechtergerechte Sprache ist die Forderung verbunden, bei Personenbezeichnungen die einseitige, für diskriminierend erklärte Bezugnahme auf einen bestimmten Sexus, konkret: auf das männliche Geschlecht, zu unterlassen.

Identitätspolitik

Der Ausdruck steht heute für eine politische Konstellation, in der konkurrierende Wir-Gemeinschaften mit einer Diskriminierungs- und Benachteiligungsgeschichte in der Öffentlichkeit um Anerkennung konkurrieren. An der Oberfläche geht es ‚identitären‘ Wir-Gemeinschaften darum, die eigene Diskriminierung als Ermächtigungsmotiv an die Öffentlichkeit zu tragen.

Cancel Culture

Cancel Culture ist ein Kampf- und Stigmawort, das sich in skandalisierender Absicht gegen die Praxis (und oft auch bereits gegen die Forderung) des Absagens, Ausladens, Boykottierens moralisch missliebiger und politisch bekämpfter Personen, Organisationen und Positionen in Wissenschaft, Kultur und Politik wendet.

Elite

Einmal wird unter Elite eine Auswahl der Besten und Leistungsfähigsten verstanden, einmal in distanzierender Weise eine abgehobene ‚Kaste‘ der Reichen und Mächtigen im Gegensatz zum Volk. Erstere Variante wird in der Regel zur Verteidigung der etablierten Ordnung verwendet, letztere vor allem von Rechtspopulisten.

Altpartei

Der Ausdruck Altpartei wird in jüngerer Zeit häufig im Kontext des Aufstiegs des Rechtspopulismus und der AfD gebraucht. Dabei lassen sich hauptsächlich zwei Gebrauchsvarianten beobachten: Einerseits richtet sich der Ausdruck in abwertender Weise gegen etablierte Parteien, andererseits taucht er oft in sprachkritischen Kontexten auf, wo seine Verwendung und seine Sprecher kritisiert oder diskreditiert werden.

Verschwörungstheorie

Der Ausdruck gibt sich in der medialen Öffentlichkeit als analytisches Konzept, ist aber zugleich performativ hoch wirksam als Ausschluss aller erfolgreich so benannten Konzepte aus der rationalen öffentlichen Kommunikation.

Inklusion

Inklusion hat sich, ausgehend von einem soziologischen Fachterminus gleichen Namens, in den zwei vergangenen Jahrzehnten zu einem interdiskursiven und allgemeinen Programmbegriff gewandelt.

Innovation

Innovation gehört seit den 60er Jahren zu den häufig verwendeten Schlag– bzw. Fahnenwörtern, vor allem in den Feldern von Ökonomie und Politik. Konzepte und Vorhaben mit der Überschrift Innovation werden oft als Sachzwänge dargestellt, gegen die Einwände als nicht legitim erscheinen.

Postwachstum

Postwachstum ist im deutschsprachigen Diskurs Beschreibungsbegriff und Forderung zugleich: In einer Welt mit endlichen natürlichen Ressourcen müsse die bisher von Wirtschaftswachstum und Ausbeutung abhängige globale Ökonomie radikal verändert werden, um langfristig die menschliche Existenz zu sichern.

Verschiebungen

Ökonomisierung

Ökonomisierung wird in gegenwärtigen Diskursen in der Regel zur Bezeichnung von Prozessen verwendet, in denen die spezifisch wirtschaftlichen Funktions-Elemente wie Markt, Wettbewerb/Konkurrenz, Kosten-Nutzen-Kalküle, Effizienz, Gewinnorientierung in Bereiche übertragen werden, die zuvor teilweise oder ganz nach anderen Leitkriterien ausgerichtet waren

Moralisierung

Moralisierung verlagert Macht- und Interessenkonflikte in die Sphäre der Kommunikation von Achtung / Missachtung. Sie reduziert Ambivalenz zugunsten einer Polarisierung von gut und böse.

Konstellationen

Skandal

Die Diskurskonstellation des Skandals zeichnet sich durch eine in den Medien aufgegriffene (bzw. durch sie erst hervorgerufene) empörte Reaktion eines erheblichen Teils der Bevölkerung auf einen tatsächlichen oder vermeintlichen Missstand aus. Die schuldhafte Verursachung dieses Missstandes wird dabei einem gesellschaftlichen Akteur zugeschrieben, dessen Handeln als ‚unmoralisch‘ gedeutet wird.

DiskursReview

Review-Artikel

Satzsemantik von Vorhersage und Nutzen-Risiko-Abwägung: Die STIKO-Impfempfehlung für 12- bis 17-Jährige vom 18. August 2021

“Die Forschung muss… sich in die Lage versetzen, die politischen Implikationen, die sie hat, anzunehmen und auszuforschen, um nicht beim ersten Knall der Peitsche durch alle ihr vorgehaltenen Reifen zu springen. Diese Integrität kann die Wissenschaft gerade dadurch unter Beweis stellen, dass sie dem herrschenden Druck, praktische Tabus in theoretische umzuwandeln, widersteht” (Beck 1986, 283)

Review-Rückblick

In dieser Rubrik veröffentlichen wir in unregelmäßigen Abständen kurze Notizen zu Ereignissen oder Phänomenen, die in den vergangenen Wochen in der strategischen und öffentlichen Kommunikation zu beobachten waren. Die Texte kommentieren subjektiv, unsystematisch, teils widersprüchlich und hoffentlich pointiert. Sie erheben keinen Anspruch auf Wissenschaftlichkeit, beobachten ihren Gegenstand aber von einer diskursanalytischen und -interventionistischen Position aus und sollen zum Widerspruch einladen. Sie repräsentieren nicht die Position der Redaktion des Diskursmonitors, sondern ihrer jeweiligen Autorinnen und Autoren.

Rasse, Rassismus

1) Zu Beginn drei exemplarische Medienereignisse aus der jüngsten Vergangenheit, in denen es um den Komplex Rasse, Rassismus ging…

Freund-Feind-Begriffe: Zum diskurssemantischen Feld soziopolitischer Kollektivierung

Mit jeder sprachlichen Äußerung (und das schließt das Nicht-Äußern mit ein) positioniert sich der Sprecher oder Schreiber sowohl innerhalb eines von ihm intersubjektiv (re)konstruierten als auch eines objektiven (d.h. objektivierbaren) diskursiven Raum sozialer Gruppen. Möglich ist dies nur aufgrund der sozialsymbolischen (indexikalischen) Bedeutung kommunikativer Zeichen im Bühlerschen Sinne…

PR, Punk oder Provinz: Wie Corona-Forschung die Öffentlichkeit (nicht) erregt.

Jeden Tag erreichen uns neue Nachrichten, neue Zahlen, neue Grafiken zur laufenden Corona-Pandemie. Wer erinnert sich da noch daran, was vor zwei oder drei Monaten oder vor einer Woche öffentlich diskutiert wurde? Vielleicht sind nur zwei Debatten wirklich in unserem öffentlichen Gedächtnis hängen geblieben, unter anderem, weil sie es zu eigenen Twitter-Hashtags gebracht haben: #HeinsbergProtokoll und #IchHabeBesseresZuTun…