DiskursGlossar

Flashmob / Smartmob

Kategorie: Techniken
Verwandte Ausdrücke: Smartmob
Siehe auch: Protest, Politische KommunikationGuerillakommunikation, ziviler Ungehorsam
Autorin: Christin Kölsch
Version: 1.0 / Datum: 27.06.2022

Kurzzusammenfassung

Flashmobs sind ein urbanes Phänomen, das sich zu einer populären sozialen Ausdrucksform im öffentlichen Raum entwickelt hat. Sie entstehen durch das scheinbar spontane, tatsächlich aber organisierte Zusammentreffen einer Menschenmenge, die an einem bestimmten Ort eine gemeinsame Aktion ausführt und sich anschließend, als wäre nichts geschehen, wieder zerstreut. Die oft künstlerische und/oder humoristische Gestalt von Flashmobs (Tanzperformance, Kissenschlacht o.ä.) an ungewöhnlichen Orten (z.B. Kaufhaus) irritiert und belebt den Alltag von TeilnehmerInnen und überraschten ZuschauerInnen, insofern sie in der Regel keinen instrumentellen Zweck erkennen lässt.

Smartmobs gelten als politische Variante von Flashmobs. Als Protestform sind sie durch das Engagement für ein Thema von politischem bzw. öffentlichem Interesse motiviert und daher Teil von gesellschaftlichen Konflikten. Smartmobs greifen auf eine Mischung aus appellativen (auffordernden) und kreativ-originellen Protesttechniken zurück. Ihr Ziel ist, öffentliche Aufmerksamkeit für eigene Positionen zu gewinnen und Kritik an entscheidungs- bzw. handlungsmächtigen Instanzen zu üben. Durch die außeralltägliche Protestform sollen ZuschauerInnen in ihren gewohnten Alltagsroutinen irritiert, zu Reflexion und Verhaltensänderungen angeregt werden (Guerillakommunikation).

Um Flashmobs und Smartmobs zu delegitimieren, werden sie zuweilen kriminalisiert, bagatellisiert und/oder von organisationellen AkteurInnen aus Wirtschaft und Politik für eigene Zwecke instrumentalisiert.

Erweiterte Begriffsklärung

Der Begriff Flashmob setzt sich aus den Wörtern flash und mob zusammen, wobei sich ersteres auf das blitzartige Entstehen und Auseinandergehen der Aktion bezieht und letzteres entweder als ‚Meute‘ oder ‚Pöbel‘ übersetzt oder von mobilis (‚beweglich‘) abgeleitet werden kann (vgl. Petry 2020, S. 11). Mit dem Begriff wird ein urbanes Phänomen bezeichnet, bei dem sich eine größere Anzahl an einander oft unbekannten Personen an einem öffentlichen Ort (z.B. Marktplatz, Kaufhaus) trifft, um dort für einen kurzen Moment (oft für nur wenige Sekunden) eine kollektive Aktion durchzuführen (gemeinsame Kissenschlacht, Tanzeinlage, bloßes Erstarren, als Zombis wandeln etc.), dabei zu einer „kommunikative[n] Einheit“ (Bußler 2012, S. 224) zu verschmelzen, und sich dann genauso schnell wieder zu zerstreuen. Die TeilnehmerInnen koordinieren sich im Vorfeld meist über Kommunikationsmedien (Ketten-SMS, Social Media), wobei der Großteil schlicht einem öffentlichen Aufruf folgt.

Der Begriff des Smartmobs wurde von dem amerikanischen Medientheoretiker Howard Rheingold eingeführt, um vorangegangene Mehrdeutigkeiten bei der Verwendung des Ausdrucks Flashmob zu vermeiden und terminologisch zwischen Flashmobs als Kunstperformances und Flashmobs als kommunikationsstrategische Technik und soziale Protestform unterscheiden zu können (vgl. Gherairi 2015, S. 332). Smartmobs treten nach einem ähnlichen Schema wie Flashmobs in Erscheinung, sie verfolgen jedoch über die Unterhaltung hinausgehende Motive: „Der Smart Mob [sic!] will Zukunft fassen, der Flash Mob [sic!] will bloß die Gegenwart feiern“ (Kümmel 2003). Als Protestform haben Smartmobs eine originär politische Funktion, weshalb mit ihnen auch ein gewisses Konfliktpotential einhergeht (vgl. BPB 2013). Smartmobs sollen auf Themen von politischem bzw. öffentlichem Interesse aufmerksam machen, die OrganisatorInnen und TeilnehmerInnen versuchen durch diese spezielle symbolische Aktionsform Aufmerksamkeit zu gewinnen und ein Statement medienwirksam zu verbreiten (vgl. Urschitz 2012, S. 24). Smartmobs haben im Unterschied zu Flashmobs also eine originär appellative (auffordende) Funktion.

Die Motivation zur Teilnahme an einem Smartmob liegt folglich – anders als bei einem Flashmob – nicht (nur) im Spaß an der kollektiven Aktion, sondern vielmehr im inhaltlichen Interesse bzw. in der inhaltlichen Überzeugung der Beteiligten (vgl. Urschitz 2012, S. 62). Aus der Teilnahme resultiert oft ein Gemeinschaftgefühl, obwohl die Beteiligten sich zumeist unbekannt sind. Motivierend sind zudem der Wunsch nach Provokation sowie ein Moment der Selbstermächtigung (vgl. Jochem 2011, S. 10) analog einer ,normalen‘ Form der Demonstration oder des Protests.

Smartmobs unterscheiden sich gegenüber Demonstrationen zum einen mit Blick auf die Organisation über technische Kommunikationsmittel sowie durch ihre blitzartige Bildung und Auflösung als Menschenmenge (vgl. Petry 2020, S. 12f.). Für die Teilnahme an einer Demonstration wird außerdem ein größeres thematisches Interesse vorausgesetzt als es beim Smartmob der Fall ist (vgl. Urschitz 2012, S. 58) – die Hemmschwelle, welche Menschen daran hindert, politisch aktiv zu sein und sich für ihr Anliegen einzusetzen, wird durch die Kurzweiligkeit und den Unterhaltungswert der Kollektivaktion verringert (vgl. Gherairi 2015, S. 334). Hinzu kommt, dass Demonstrationen oft mit der Anwendung von Gewalt in Verbindung gebracht werden (vgl. Urschitz 2012, S. 57), während Smartmobs eher das Image einer modernen, spielerischen und friedlichen Aktionsform genießen, die durch ihre Originalität möglichst viele Menschen zu erreichen versuchen (vgl. Albacan 2014, S. 10).

Ausgangspunkt für die strategische Organisation eines Smartmobs ist die Frage, „wofür oder gegen wen bzw. was überhaupt protestiert werden soll“ (BPB 2013) und welche Aktionsform relevant ist. Die Koordinierung der Rahmenbedingungen wie etwa Zeit und Ort dieser Aktionsform erfolgt meist über neue Medien wie Foren, Blogs und soziale Netzwerke wie Facebook (vgl. Bußler 2012, S. 224; Urschitz 2012, S. 33). So wird innerhalb kürzester Zeit „eine unabhängige und nicht hierarchisch geordnete Gruppe von Personen wie eine Art Schwarm mit Hilfe unterschiedlicher Kommunikationsmittel […] für eine Aufsehen erregende Aktion mobilisiert“ (BPB 2013). Diese Gruppe trifft sich dann noch einmal vor der eigentlichen Aktion, um Informationen zur weiteren Planung und genauere Instruktionen bezüglich des Aktionsorts und des Ablaufs zu erhalten (vgl. Petry 2020, S. 11f.). Wichtig ist dabei, dass Form und Vorbereitungszeit niedrigschwellig bemessen bleiben, um eine spontane Teilnahme zu ermöglichen.

Für die Wahl des Ortes ist entscheidend, dass er zum einen für möglichst viele Beteiligte gut zu erreichen und zum anderen hoch frequentiert ist, damit die Aktion von möglichst vielen Passanten beobachtet wird und so eine größere Reichweite erhält. Folglich wird immer ein Ort gewählt, der im gesellschaftlichen Mittelpunkt steht (vgl. Petry 2020, S. 11) und der sich als Bühne eignet: Alltagsorte wie Bahnhöfe, Einkaufszentren und Marktplätze (vgl. Jochem 2011, S. 10; Petry 2020, S. 13). Ziel ist letztlich eine Interaktion und Involvierung eines vorbeigehenden Publikums, es wird „nicht nur in der Öffentlichkeit, sondern vielmehr für die Öffentlichkeit“ (Petry 2020, S. 13) gespielt.

Welche politische Tragweite Smartmobs tatsächlich entwickeln, ist umstritten: Während zahlreiche Beispiele in Presse und sozialen Medien ein aufmerksamkeitsprovozierendes Potential belegen, bleibt doch offen, inwiefern durch Smartmobs Inhalte vermittelt und Missstände effizient angeprangert werden können. Der Nutzen jeder Aktion sei abzuwägen im Hinblick auf ihre Überzeugungskraft und nachhaltige Wirkung, „denn Raum für eine überzeugende Zeigehandlung auf den Missstand oder eine argumentative Einbettung ist durch das Kurzweilige und Irritierende nicht gegeben“ (Gherairi 2015, S. 334). Wichtig scheint daher, Smartmob-Aktionen etwa als unterstützende Technik und zur Auflockerung einer größeren Kampagne einzubetten.

Smartmob-Aktionen werden regelmäßig aufgezeichnet und über Internetplattformen verteilt, da so die Reaktions- und Beteiligungsmöglichkeit der ZuschauerInnen zeitlich und medial erweitert bzw. in einen „bi-folded act“ (Albacan 2014, S. 10) umgewandelt wird. Die virale Verbreitung und mediale Massenrezeption von Smartmobs kann für sich eine größere Wirkung entfalten als die vorangegangene lokal-physisch Aufführung, insbesondere auch durch die medial gestützte Netzwerkbildung (Jochem 2011, S. 11).

Da Smartmobs als Spontandemonstrationen zu kategorisieren sind und Flashmobs über den rechtlich definierten Gemeingebrauch der Straßen hinausgehen, sind beide zumeist anmeldepflichtig. Wird die zuständige Versammlungsbehörde nicht rechtzeitig informiert, kann der Leiter oder Veranstalter mit einer Freiheitsstrafe oder Geldstrafe belangt und die Versammlung aufgelöst werden (vgl. BPB 2013; Vetter 2010). Durch die Online-Organisation ist es zudem möglich, dass die Stadt auch ohne offiziellen Antrag von der Aktion erfährt und diese bereits im Voraus absagt. So wurde beispielsweise ein Picknick auf dem Braunschweiger Schlossplatz abgesagt, weil keine Anmeldung der Aktion erfolgte und für diesen Bereich besondere Regeln gelten – erlaubt seien nur Veranstaltungen, die in den städtebaulichen Kontext passen. Allerdings wurden viele erst durch das Verbot auf die Flashmob-Aktion aufmerksam und verstanden die Absage des Picknicks geradezu als Einladung zum Protest-Picknick (vgl. Reißmann 2009).

Mittlerweile haben sich auch rechte Gruppierungen Flash- bzw. Smartmobs zunutze gemacht, wenn ihnen andere Formen der Zusammenkunft nicht möglich sind. Nachdem etwa der traditionelle Gedenkmarsch im bayerischen Wunsiedel zum Todestag des 1987 verstorbenen Hitler-Stellvertreters Rudolf Heß nach einem Beschluss des Bundesverfassungsgerichtes verboten und es den Neonazis auch in anderen Städten immer schwerer gemacht wurde, ihm gedenkend zu huldigen, plante eine Gruppe des rechtsextremen „Freien Widerstandes“ in mehreren Städten die Durchführung von Flashmobs. Bei den synchron ablaufenden Aktionen sollten die Neonazis zunächst wie versteinert stehenbleiben, dann die letzten Worte des verurteilten Kriegsverbrechers verlesen werden und die Beteiligten anschließend den Ort des Geschehens in alle Richtungen verlassen (vgl. Rafael 2009; Fröhlich 2009).

Beispiele

(1) Am 3. Mai 2008 fand auf dem Augustinerplatz in Freiburg eine überdimensionale Kissenschlacht statt, zu welcher der Organisator Eddy Fischer zuvor über eine Studi-VZ-Gruppe aufgerufen hatte. Seine Nachricht über den geplanten Flashmob verbreitete sich wie ein Lauffeuer, sodass sich am Aktionstag pünktlich um 18.30 Uhr mehr als 300 Menschen eine 15-minütige Federschlacht lieferten und anschließend wieder verschwanden (vgl. Wenzelis 2008).

Flashmob Kissenschlacht
Abbildung 1: Bartel, Tim (2011): Kissenschlacht ; Quelle: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Kissenschlacht_1_6_(5582150025).jpg ; Zugriff: 24.05.2022.

(2) Jugendliche des Bayerischen Jugendclubs organisierten im Jahr 2015 in Ingolstadt einen politisch motivierten Flashmob (d.h. Smartmob), bei dem die Teilnehmenden plötzlich wie eingefroren auf dem Rathausplatz verharrten und auf einen Sirenenton hin reglos auf den Boden fielen. Nach einem weiteren Signalton zeichneten sie ihren Körper mit Kreide nach, standen anschließend auf und verließen den Platz des Geschehens, als wäre nichts gewesen (vgl. Ökumenischer Vorbereitungsausschuss zur Interkulturellen Woche 2020). Die zurückgebliebenen menschlichen Umrisse stellten einen Hinweis auf die im Mittelmeer ertrinkenden Geflüchteten dar, wie die Beschreibung des auf YouTube hochgeladenen Videos der Aktion (vom 21.06.2015) erklärt: „Über 50 Millionen Menschen sind weltweit auf der Flucht. Nur ein kleiner Teil von ihnen sucht Schutz in Europa, viele sterben schon auf dem Weg aus den Krisengebieten. Die Jugendlichen des Bayerischen Jugendclubs haben heute am Rathausplatz einen Flashmob in Gedenken an die Flüchtlingsopfer im Mittelmeer organisiert.“

(3) Im kanadischen Québec hat ein Fernsehsender mit einer Aktion, die sie selbst als Flashmob beschreiben, in einem Einkaufszentrum auf die Problematik der Umweltverschmutzung durch Plastik aufmerksam gemacht. Dafür platzierte ein Teilnehmer eine Plastikflasche auf einem Gang in der Nähe eines Mülleimers für Recyclingprodukte. Als eine Frau die herumliegende Flasche in diesen Abfalleimer warf, brachen die TeilnehmerInnen in Applaus aus, um auf die Wichtigkeit einer korrekten Entsorgung von Plastik hinzuweisen. Auch in diesem Fall handelt es sich um einen Smartmob im engeren Sinne.

(4) Die Bewegung UK Uncut, die ihre Aktionen – wie für Flash- und Smartmobs üblich – über das Internet organisiert, überraschte in Großbritannien seit Oktober 2010 hunderte Filialen renommierter britischer Geldinstitute und großer Konzerne mit Protestaktionen, um so gegen die Kürzung vieler Sozialleistungen und gegen die Steuervermeidung großer Unternehmen zu protestieren. Die aufgrund der Kritik an diesen politischen Entscheidungen durchgeführten Smartmobs äußerten sich in verschiedensten Erscheinungsformen – so wurde etwa eine Bankfiliale von den Aktivisten zum Vorlesungssaal umfunktioniert, um die Aufmerksamkeit auf die finanziellen Einschnitte im Bildungssektor zu richten, Obdachlose wurden als Zeichen gegen die Kürzung von Wohnungszuschüssen in Banken beherbergt und Kranke dort als Protest gegen Einschnitte in der Gesundheitsvorsorge behandelt (vgl. Fiedler & Laubmeier 2011). „Die Bewegung ist eine Antwort auf ein größeres Problem und die Strategien, die es hervorgebracht hat, sind großartige Ideen: Gewaltfrei, kreativ, lustig und ironisch. Damit sind sie sozusagen Teil einer postmodernen politischen Welt“ (ebd.), so Paul Bowman, Professor für Kulturwissenschaften der Universität Cardiff.

Literatur

Zum Weiterlesen

Zitierte Literatur

Zitiervorschlag

Kölsch, Christin (2022): Flashmob / Smartmob. In: Diskursmonitor. Glossar zur strategischen Kommunikation in öffentlichen Diskursen. Hg. von der Forschungsgruppe Diskursmonitor und Diskursintervention. Veröffentlicht am 27.06.2022. Online unter: https://diskursmonitor.de/glossar/flashmob-smartmob/.

DiskursGlossar

Grundbegriffe

Epistemischer Status

Als epistemischen Status bezeichnet man die Wissensbestände und -zugänge zu Ereignissen, Sachverhalten und Personen, die Gesprächsteilnehmer*innen ihrem Gegenüber in der Interaktion zuschreiben.

Topos

Ein Topos (Plural: Topoi) ist als ein Argumentationsmuster ein allgemeines Formprinzip, nach dem Argumente gebildet werden können. Als allgemeiner, formaler bzw. kontextabstrakter Topos kann er für oder gegen jede in Frage stehende Position angeführt werden. Topoi gehören zum kollektiven Wissen aller, die sich argumentativ äußern.

Kollektivsymbol

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Strategische Kommunikation

Der Ausdruck Strategische Kommunikation bezeichnet ein Bündel an zeichenbasierten und in der Regel mediengestützten Aktivitäten, mit denen Individuen, Gruppen oder Organisationen versuchen, die Akzeptanz für ihre politischen, ökonomischen, rechtlichen oder anderweitig motivierten Interessen bei ausgewählten Zielgruppen zu halten oder zu erhöhen.

Korpus

In den Sprach- als auch Literaturwissenschaften versteht man unter Korpora ganz allgemein Textsammlungen.

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Protest

Protest ist die kollektive Artikulation von Unbehagen, Kritik oder Veränderungswillen, der sich in bestimmten Handlungen außerhalb etablierter institutioneller Kanäle des politischen Systems äußert. Organisiert wird Protest meist von Initiativen, politischen Gruppierungen oder sozialen Bewegungen in Form von Petitionen, Flugblattaktionen, Demonstrationen, Blockaden, Streiks, Happenings und andere Interventionen in der Öffentlichkeit – in direkter Präsenz, unter Einsatz des Körpers oder auch im virtuellen Raum.

Erzählen

Erzählen ist eine rekonstruktive und kommunikative Tätigkeit, in der für gewöhnlich eine vermittelnde Instanz ein Geschehen darstellt. Die Darstellung kann ein/e ErzählerIn vornehmen (entspricht einer engen Definition des Erzählens) oder sie kann medial anders – beispielsweise filmisch – dargeboten werden (entspricht einer weiten Definition des Erzählens). Dabei beruht das dargestellte Geschehen auf mindestens einem Ereignis.

Konnotation

Konnotation ist ein Fachbegriff, mit dem in der Sprachwissenschaft und benachbarten Disziplinen die Nebenbedeutung (oder der ‚Nebensinn‘) eines Ausdrucks bezeichnet wird. Die konnotative Bedeutung umfasst oft wertende (evaluative) oder handlungsauffordernde (deontische) Aspekte, die mit dem Gebrauch eines Ausdrucks aufgerufen werden können.

Framing

Kommunikationswissenschaftlicher Fachausdruck für den Deutungs- und Bewertungsrahmen, der durch einen politischen Begriff aufgerufen oder ihm fallweise beigegeben wird.

Techniken

Aufwertung/Meliorisierung

Von Aufwertung/Meliorisierung wird in der Linguistik dann gesprochen, wenn ein Wort, das ursprünglich als Fremdbezeichnung der Diffamierung einer bestimmten Volks- oder Personengruppe diente, von dieser selbst dann als positive Eigenbezeichnung verwendet wird.

Domain-Grabbing

In der Internetkommunikation finden sich verschiedene Praktiken, die aus Sicht von Dritten (v.a. Markenhaltern) als illegitime oder gar rechtswidrige Inanspruchnahme von Domain-Namen und damit verbundener Aufmerksamkeitssteuerung kritisiert werden.

Affirmation

Im sprachwissenschaftlichen Sinne bezeichnet Affirmation die Behauptung oder Bejahung einer Aussage. Die affirmative Form eines Wortes oder Satzes ist das Gegenteil zur Verneinung (Negation).

Autoritäts-Topos

So wird – angelehnt an formallogische Darstellungen von Argumentationen (Oberprämisse plus Unterprämisse ergeben die Konklusion) – mit Bezug oder unter Berufung auf Autoritäten, oft auf Wissenschaftlerinnen/Experten in politischen Debatten häufig argumentiert, in diesem Fall bezüglich der Richtigkeit/Angemessenheit einer Bewertung.

Gewaltaufruf

Gewaltaufrufe initiieren und unterstützen eine von nahezu allen sozialen Gruppen ausgeübte kulturelle Praxis, individuelle wie kollektive Konfliktsituationen nicht mit diskursiven, friedlichen Mitteln zu lösen, sondern durch aggressives, repressives, verletzendes und zerstörendes bzw. Verletzung androhendes Handeln, das sowohl auf den Körper wie auf die Psyche von Menschen einwirken kann.

Untersuchungsausschuss

Untersuchungsausschüsse sind ein Kernbestandteil parlamentarischer Kontrolle in Deutschland. Als Verfahren, die zu einem großen Teil öffentlich durchgeführt werden, dienen sie dazu, politische Skandale der Regierung und Verwaltung aufzuarbeiten. Durch ihre Abschlussberichte, die dem Parlament vorgelegt werden, sollen Fehler der Exekutive sichtbar gemacht und Handlungsempfehlungen beschlossen werden.

Kalkulierter Verfassungsverstoß

Der Ausdruck ist paradox und insofern ein Prädikat aus der Beobachtung zweiter Ordnung. Handelnde pflegen ihrem eigenen Verständnis nach nicht kalkuliert – also rechtlich gesprochen: vorsätzlich – gegen die Verfassung zu verstoßen. Ein kalkulierter Verfassungsverstoß ist einem kalkulierten Mord nicht ähnlich.

Jargon

Jargon (aus frz. jargon nach altfrz. gargun ‚Zwitschern‘) bezeichnet eine Sprachgebrauchsform, die mit bestimmten Praxisgemeinschaften (Gruppen, die berufliche oder andere Interessen teilen) assoziiert wird. Jargons werden als ‚typisch‘ für die Mitglieder einer bestimmten sozialen Gruppe und für deren Interessen und soziale Positionen angesehen und dienen somit nach innen wie nach außen als sprachliches Erkennungs- und Abgrenzungsmerkmal.

Kampagne

Eine Kampagne ist die kommunikative Verfolgung eines wirtschaftlichen oder gesellschaftspolitischen Ziels, das nicht ohne andere Menschen zu erreichen ist. Kampagnen zielen auf die Beeinflussung des Denkens und Handelns von Menschen. Damit sind Kampagnen kommunikative Strategien zur Erlangung von Macht.

Lexikalisches Diffundieren

Lexikalisches Diffundieren besteht darin, Begriffe – vor allem Positivbegriffe, die eng mit dem politischen Gegner assoziiert werden – zu meiden und zu ‚ersetzen‘ durch eine Anzahl wechselnder bedeutungsähnlicher Begriffe jenseits des Vokabulars, das dem politischen Gegner zugerechnet wird.

Schlagwörter

Geschlechtergerechte Sprache

Mit dem heute als Fahnenwort gebrauchten Ausdruck geschlechtergerechte Sprache ist die Forderung verbunden, bei Personenbezeichnungen die einseitige, für diskriminierend erklärte Bezugnahme auf einen bestimmten Sexus, konkret: auf das männliche Geschlecht, zu unterlassen.

Identitätspolitik

Der Ausdruck steht heute für eine politische Konstellation, in der konkurrierende Wir-Gemeinschaften mit einer Diskriminierungs- und Benachteiligungsgeschichte in der Öffentlichkeit um Anerkennung konkurrieren. An der Oberfläche geht es ‚identitären‘ Wir-Gemeinschaften darum, die eigene Diskriminierung als Ermächtigungsmotiv an die Öffentlichkeit zu tragen.

Cancel Culture

Cancel Culture ist ein Kampf- und Stigmawort, das sich in skandalisierender Absicht gegen die Praxis (und oft auch bereits gegen die Forderung) des Absagens, Ausladens, Boykottierens moralisch missliebiger und politisch bekämpfter Personen, Organisationen und Positionen in Wissenschaft, Kultur und Politik wendet.

Elite

Einmal wird unter Elite eine Auswahl der Besten und Leistungsfähigsten verstanden, einmal in distanzierender Weise eine abgehobene ‚Kaste‘ der Reichen und Mächtigen im Gegensatz zum Volk. Erstere Variante wird in der Regel zur Verteidigung der etablierten Ordnung verwendet, letztere vor allem von Rechtspopulisten.

Altpartei

Der Ausdruck Altpartei wird in jüngerer Zeit häufig im Kontext des Aufstiegs des Rechtspopulismus und der AfD gebraucht. Dabei lassen sich hauptsächlich zwei Gebrauchsvarianten beobachten: Einerseits richtet sich der Ausdruck in abwertender Weise gegen etablierte Parteien, andererseits taucht er oft in sprachkritischen Kontexten auf, wo seine Verwendung und seine Sprecher kritisiert oder diskreditiert werden.

Verschwörungstheorie

Der Ausdruck gibt sich in der medialen Öffentlichkeit als analytisches Konzept, ist aber zugleich performativ hoch wirksam als Ausschluss aller erfolgreich so benannten Konzepte aus der rationalen öffentlichen Kommunikation.

Inklusion

Inklusion hat sich, ausgehend von einem soziologischen Fachterminus gleichen Namens, in den zwei vergangenen Jahrzehnten zu einem interdiskursiven und allgemeinen Programmbegriff gewandelt.

Innovation

Innovation gehört seit den 60er Jahren zu den häufig verwendeten Schlag– bzw. Fahnenwörtern, vor allem in den Feldern von Ökonomie und Politik. Konzepte und Vorhaben mit der Überschrift Innovation werden oft als Sachzwänge dargestellt, gegen die Einwände als nicht legitim erscheinen.

Postwachstum

Postwachstum ist im deutschsprachigen Diskurs Beschreibungsbegriff und Forderung zugleich: In einer Welt mit endlichen natürlichen Ressourcen müsse die bisher von Wirtschaftswachstum und Ausbeutung abhängige globale Ökonomie radikal verändert werden, um langfristig die menschliche Existenz zu sichern.

Propaganda

Propaganda als Kommunikationstechnik und -praxis umfasst eine Vielzahl von sprachlichen und visuellen, meist mediengestützten Formen der gezielten Beeinflussung und Steuerung des Denkens, Fühlens und Handelns von Menschen.

Verschiebungen

Ökonomisierung

Ökonomisierung wird in gegenwärtigen Diskursen in der Regel zur Bezeichnung von Prozessen verwendet, in denen die spezifisch wirtschaftlichen Funktions-Elemente wie Markt, Wettbewerb/Konkurrenz, Kosten-Nutzen-Kalküle, Effizienz, Gewinnorientierung in Bereiche übertragen werden, die zuvor teilweise oder ganz nach anderen Leitkriterien ausgerichtet waren

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Konstellationen

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Die Diskurskonstellation des Skandals zeichnet sich durch eine in den Medien aufgegriffene (bzw. durch sie erst hervorgerufene) empörte Reaktion eines erheblichen Teils der Bevölkerung auf einen tatsächlichen oder vermeintlichen Missstand aus. Die schuldhafte Verursachung dieses Missstandes wird dabei einem gesellschaftlichen Akteur zugeschrieben, dessen Handeln als ‚unmoralisch‘ gedeutet wird.

DiskursReview

Review-Artikel

Satzsemantik von Vorhersage und Nutzen-Risiko-Abwägung: Die STIKO-Impfempfehlung für 12- bis 17-Jährige vom 18. August 2021

“Die Forschung muss… sich in die Lage versetzen, die politischen Implikationen, die sie hat, anzunehmen und auszuforschen, um nicht beim ersten Knall der Peitsche durch alle ihr vorgehaltenen Reifen zu springen. Diese Integrität kann die Wissenschaft gerade dadurch unter Beweis stellen, dass sie dem herrschenden Druck, praktische Tabus in theoretische umzuwandeln, widersteht” (Beck 1986, 283)

Review-Rückblick

In dieser Rubrik veröffentlichen wir in unregelmäßigen Abständen kurze Notizen zu Ereignissen oder Phänomenen, die in den vergangenen Wochen in der strategischen und öffentlichen Kommunikation zu beobachten waren. Die Texte kommentieren subjektiv, unsystematisch, teils widersprüchlich und hoffentlich pointiert. Sie erheben keinen Anspruch auf Wissenschaftlichkeit, beobachten ihren Gegenstand aber von einer diskursanalytischen und -interventionistischen Position aus und sollen zum Widerspruch einladen. Sie repräsentieren nicht die Position der Redaktion des Diskursmonitors, sondern ihrer jeweiligen Autorinnen und Autoren.

Rasse, Rassismus

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Mit jeder sprachlichen Äußerung (und das schließt das Nicht-Äußern mit ein) positioniert sich der Sprecher oder Schreiber sowohl innerhalb eines von ihm intersubjektiv (re)konstruierten als auch eines objektiven (d.h. objektivierbaren) diskursiven Raum sozialer Gruppen. Möglich ist dies nur aufgrund der sozialsymbolischen (indexikalischen) Bedeutung kommunikativer Zeichen im Bühlerschen Sinne…

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Jeden Tag erreichen uns neue Nachrichten, neue Zahlen, neue Grafiken zur laufenden Corona-Pandemie. Wer erinnert sich da noch daran, was vor zwei oder drei Monaten oder vor einer Woche öffentlich diskutiert wurde? Vielleicht sind nur zwei Debatten wirklich in unserem öffentlichen Gedächtnis hängen geblieben, unter anderem, weil sie es zu eigenen Twitter-Hashtags gebracht haben: #HeinsbergProtokoll und #IchHabeBesseresZuTun…

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