DiskursGlossar

Petition

Kategorie: Techniken
Verwandte Ausdrücke: Unterschriftenliste, petitio, Gesuch, Eingabe, Online-Petition, E-Petition
Siehe auch: Kampagne, Protest, Shitstorm
Autorin: Kathrin Voss
Version: 1.0 / Datum: 24.11.2022

Kurzzusammenfassung

Petitionen sind eine der am meisten genutzten Partizipationsformen nach Wahlen. Sie sind sowohl ein Mittel der politischen Beteiligung als auch ein Protestmittel und damit Zwitterwesen in der politischen Landschaft. Durch die Digitalisierung haben sich Petitionen zudem maßgeblich verändert, ihre Zahl hat zugenommen, ebenso wie die Zahl der Plattformen, auf denen sich Petitionen starten lassen. Nach wie vor gibt es die eher traditionellen persönlichen Bittschreiben, die nicht öffentlich sind und staatliche Institutionen adressieren. Die öffentliche Wahrnehmung wird jedoch bestimmt von Petitionen, die veröffentlicht werden und überwiegend online nach Unterstützung per Mitzeichnungen suchen. Oftmals sind diese Petitionen Teil von größeren Kampagnen und die Verbreitung erfolgt überwiegend über Social Media, aber auch traditionelle Medien spielen eine Rolle. Petitionen adressieren meist politische Akteure und sollen entsprechend konkrete politische Ziele erreichen und daneben einen öffentlichen Diskurs zum Thema initiieren. Es gibt aber auch Petitionen, die unpolitische Themen haben und unpolitische Akteure adressieren.

Erweiterte Begriffsklärung

Petitionen haben eine lange Geschichte als Möglichkeit des einzelnen Bürgers, ein Anliegen gegenüber dem Herrscher vorzubringen. In dieser Form des Bittbriefes gibt es Petitionen seit dem Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation. In vielen Demokratien sind sie inzwischen als ein garantiertes Recht verankert, in der Bundesrepublik Deutschland beispielsweise im Artikel 17 des Grundgesetzes:

 Jedermann hat das Recht, sich einzeln oder in Gemeinschaft mit anderen schriftlich mit Bitten oder Beschwerden an die zuständigen Stellen und an die Volksvertretung zu wenden (Art. 17 GG).

Petitionen sind aber auch als Unterschriftenlisten schon lange ein Protestmittel von sozialen Bewegungen und Bürgerinitiativen, die zwar auch meist die Politik adressieren, aber nicht ausschließlich. In dieser Form sind Petitionen ein klassisches Mittel kollektiven Handelns, um die ,Macht der Zahlen‘ für die Verstärkung der eigenen Position zu nutzen und eben diese Zahlen auch abseits von Mitteln wie Demonstrationen zu dokumentieren. 

Die Digitalisierung hat Petitionen nachhaltig verändert. Früher wurden Unterschriften auf der Straße gesammelt, was nicht nur zeit- und ressourcenaufwendig war, sondern auch räumlich gebunden. Heute finden die Sammlungen online statt und das hat zu unterschiedlichen Erscheinungsformen geführt. Petitionen variieren, je nachdem, auf welcher Plattform sie gestartet werden, je nach der mit ihnen verbundenen Absicht, je nach Ablauf des Verfahrens und je nach den beteiligten Akteuren. Petitionen können politisch oder unpolitisch sein, mit hohem oder niedrigen Aufwand verbunden sein, Ergebnis von individuellen oder kollektivem Handeln sein, sie können als politische oder kommunikative Aktivität bezeichnet werden.

Insgesamt sind Petitionen – online und offline – in Deutschland die häufigste politische Partizipationsform nach der Wahlbeteiligung und das sowohl hinsichtlich der Verhaltensabsicht als auch der Verhaltensmanifestation (vgl. Kersting 2016, ESS 2018). Petitionen sind zudem ein Paradebeispiel für die Zunahme episodenhafter, viraler politischer Mobilisierung, denn sie können vereinzelt rapide an Zustimmung und Aufmerksamkeit gewinnen. Entsprechend werden sie auch als eine potenzielle Quelle von Instabilität und Turbulenz in der Politik gesehen (vgl. Margetts et al. 2016), denn sie können neue Themen auf die Agenda bringen oder zu vorhandenen Themen mobilisieren. Sie können auch Teil eines Shitstorms sein.

Petitionen lassen sich heute meist in zwei grundsätzlichen Beteiligungsräumen finden – in invented und invited spaces (Kersting 2013). Invented spaces (erfundene Räume) sind die von der Zivilgesellschaft selbst generierte Beteiligungsräume, also die offenen Petitionsplattformen wie Change.org, openPetition oder innn.it. Sie bieten meist große Handlungsfreiräume und lassen es zu, dass Petitionen zu den unterschiedlichsten Themen gestartet werden können. Initiator:innen können auf diesen Plattformen sowohl einzelne Bürger:innen als auch Organisationen sein. Adressaten sind in erster Linie politische Institutionen oder Politiker:innen. Möglich sind aber auch unpolitische Petitionen, die Unternehmen oder Organisationen adressieren (vgl. Voss 2021).

Invited spaces (einladende Räume) sind die geregelten, von staatlicher Seite zur Verfügung gestellten Beteiligungsräume, wie zum Beispiel die offizielle Petitionsplattform des Bundestages. Hier findet die Partizipation innerhalb eines fest gefügten, rechtlichen Rahmens statt. Oft können hier traditionelle, nicht-öffentliche Petitionen online eingereicht werden. Daneben gibt es auf einigen dieser Plattformen aber auch die Möglichkeit für öffentliche Petitionen, bei denen wie bei den offenen Plattformen online Mitzeichnungen möglich sind. Bürger:innen und Organisationen können gleichermaßen Petitionen starten, sie sind dabei deutlich eingeschränkter im Handlungsfreiraum. Zum einen müssen die Themen in die Zuständigkeit der jeweiligen politischen Institution fallen, zum anderen gibt es meist weitere Regeln, zum Beispiel ein begrenzter Zeitrahmen für die Sammlung von Unterzeichnungen oder dass das Thema von öffentlichen Interesse sein muss.

Neben den Plattformen, auf denen Menschen und Organisationen Petitionen mit eigenen Themen einbringen können, gibt es eine weitere Form. NGOs nutzen Petitionen als ein Element von größeren Kampagnen. Bei Hybrid-Organisationen wie Campact sind sie der wichtigste Kampagnenteil. Bürger:innen haben hier allerdings dann nur die Möglichkeit der Unterzeichnung und keine inhaltliche Eigeninitiative (vgl. Voss 2013). 

Abb. 1: Campact (2022): Übergewinnsteuer jetzt! (Online unter: https://www.campact.de/handelspolitik-und-finanzpolitik/krisenprofite/ [Zugriff: 14.11.2022]).

Typologie von Petitionen

Heute gibt es ganz unterschiedliche Typen von Petitionen (vgl. Voss 2015). Maßgeblich dafür ist der hohe Grad an Gestaltungsfreiraum, den es vor allem auf den offenen Plattformen gibt. Folgende Typen lassen sich finden:

  • Politische Petitionen: Diese adressieren politische Institutionen oder direkt Politiker:innen und fordern meist ein konkretes Handeln. Auslöser sind dabei oft aktuelle Ereignisse, ebenso können sie aber auch von einer persönlichen Betroffenheit der Petent:innen ausgelöst werden. Manche dieser Petitionen fordern recht allgemeine Lösungen für ein beschriebenes Problem, zum Beispiel eine andere Klimaschutzpolitik. Andere fordern Lösungen für konkrete Einzelfälle, z.B. den Schutz eines bestimmten Waldgebietes. Manche bringen konkrete Lösungsvorschläge ein, wie z.B. eigene Gesetzesentwürfe.
  • Petitionen als politischer Appell: Diese haben keine konkrete Forderung, sondern sollen die öffentliche Meinung zu einem Thema dokumentieren, wie beispielsweise ein allgemeiner Appell gegen Rassismus.
  • Politische Petitionen ohne politischen Adressaten: Das sind Petitionen, die Unternehmen oder Organisationen adressieren, deren Forderungen aber im Kern politisch sind. Dies ist zum Beispiel der Fall, wenn ein Unternehmen aufgefordert wird, eine umweltproblematische Geschäftspraxis zu ändern und damit die Forderung klare umweltpolitische Bezüge hat.
  • Unpolitische Petitionen: Diese sind eher selten, aber es gibt sie auch, wie zum Beispiel die Forderung nach mehr Schokolade in Schokoladenkeksen, gegen die Abschaffung der mechanischen Handbremse in Autos oder für den Erhalt einer bestimmten Radiosendung.

Kommunikation von Petitionen

Unabhängig von der Plattform sind Petitionen meist mit zahlreichen kommunikativen Aktivitäten verbunden, die von den Petitionsstarter:innen aber auch von den Unterstützer:innen initiiert werden können. Ziel dieser Aktivitäten ist es, Unterschriften für das Anliegen zu sammeln und öffentliche Aufmerksamkeit zu generieren. Insbesondere wenn Petitionen von Organisationen gestartet werden, sind sie meist Teil größerer Kampagnen. Aber auch wenn einfache Bürger:innen Petitionen starten, versuchen diese durch entsprechende Aktivitäten öffentliche Aufmerksamkeit und Unterstützung zu bekommen. Dabei spielt vor allem die Online-Kommunikation eine wichtige Rolle, allen voran über soziale Netzwerke (vgl. Margetts et al. 2016, Voss 2021). Auf den offenen Plattformen werden auch die dort zur Verfügung gestellten Tools genutzt, um mit den Unterzeichner:innen zu kommunizieren. Zudem bieten die offenen Plattformen meist Leitfäden und Tipps an, in denen Kommunikationsaktivitäten erläutert werden. Neben den Online-Aktivitäten sind die Offline-Aktivitäten weniger oft im Fokus, aber je nach Petition auch relevant. Vor allem Berichterstattung in klassischen Medien sind für die Verbreitung von Petitionen und die Wahrnehmung durch die Adressaten sehr wichtig. Klassische Straßenaktionen wie Demonstrationen oder auch das Sammeln von Unterschriften vor Ort sind insgesamt eher selten und am häufigsten bei lokalen Petitionen zu finden.

Zielerreichung & Gegenstrategien

Wenn es auch die Intention der meisten Petitionen ist, ein konkretes, oft politisches Ziel zu erreichen, so zeigen verschiedene Studien, dass der Anteil von Petitionen, die tatsächlich ihr Ziel erreichen, recht gering ist (vgl. Voss 2021, Bochel 2019). Aber auch wenn das konkrete Ziel nicht erreicht wird, kann eine Petition andere Ziele durchaus erreichen, so zum Beispiel öffentliche Aufmerksamkeit für ein Thema zu gewinnen und einen Diskurs zu initiieren. Insgesamt hängt der Erfolg von einer Vielzahl von Faktoren ab, unter anderem vom Thema, den Adressaten, den Kommunikationsaktivitäten und dem medialen Umfeld. Einfluss können auch die Gegenstrategien haben.

Zu den Gegenstrategien kann der Vorwurf von ,Slacktivism‘ gezählt werden. Slacktivism heißt übersetzt so viel wie ,Faulpelz-Aktivismus‘. Geprägt wurde dieser Begriff für niedrigschwellige Engagementformen im Internet. Während damit im wissenschaftlichen Diskurs meist die Befürchtung verknüpft wurde, dass durch Online-Engagement andere aufwendigere Engagementformen an Zuspruch verlieren könnten, wird der Begriff inzwischen auch verwendet, um diese einfachen Online-Engagementformen generell zu diskreditieren.

Eine andere Kritik, die zur Diskreditierung von Petitionen genutzt wird, ist der Vorwurf, dass Unterzeichnungen manipuliert werden können, beispielsweise in dem sich ein einzelner Mensch mit mehreren E-Mail-Adressen beteiligt und so mehrfach unterzeichnet. Beweise für solche Missbräuche gibt es allerdings nicht.

Je nach Thema der Petition kann als Gegenstrategie auch der Vorwurf des Not in my backyard angewendet werden, also die Annahmen, dass die Initiator:innen und Unterzeichner:innen nicht grundsätzlich gegen etwas sind, sondern es nur nicht in ihrer unmittelbaren Nähe wollen. Dieses Argument wird beispielsweise angewendet, wenn sich eine Petition gegen eine Infrastrukturmaßnahme richtet, also zum Beispiel gegen eine Stromtrasse.

Beispiele

(1) Die verschiedenen Petitionen gegen Freihandelsabkommen sind beispielhaft für die Vielfalt von Initiator:innen und Aktivitäten. Gegen das Abkommen mit Kanada (CETA) protestierten seit 2014 ein Netzwerk von Organisationen, darunter viele Umweltorganisationen (z.B. BUND, Greenpeace). Auch Campact gehörte zu dem Netzwerk und startete im Zusammenhang mit den Protesten eine Petition, die über 420.000 Unterzeichnungen erreichte. Aber auch einzelne Bürger:innen initiieren Petitionen auf verschiedenen Plattformen. Eine stach dabei besonders hervor. Die Rentnerin Marianne Grimmenstein startete eine Anti-CETA-Petition auf der Plattform Change.org und konnte über 290.000 Unterzeichnungen gewinnen. Darüber hinaus konnte sie über die Petition 68.058 Mitkläger:innen für eine Verfassungsbeschwerde mobilisieren und über Online-Crowdfunding 14.000 Euro einwerben, um die juristische Unterstützung zu finanzieren.  

ceta bürgerklage
Abb. 2: Change.org: Bürgerklage gegen CETA (Online unter: https://www.change.org/p/b%C3%BCrgerklage-gegen-ceta [Zugriff: 14.11.2022]).

Die Klage von Frau Grimmenstein war nicht die einzige zu CETA. Insgesamt gab es fünf Verfassungsbeschwerden, darunter auch eine von Campact zusammen mit anderen Organisationen mit 125.000 Vollmachten. Diese Klage war eng verknüpft mit der Petition von Campact.

Die beiden Beispiele zeigen die Möglichkeit der Mobilisierung durch Petitionen und dass diese nicht unbedingt von Organisationsstärke und den zur Verfügung stehenden Ressourcen abhängen. Die Petition von Marianne Grimmenstein belegt, wie die offenen Petitionsplattformen Raum für individuelle Initiativen schaffen. Gleichzeitig zeigen die weiteren Petitionen zum selben Thema, dass nicht jede Petition diese Möglichkeit gleichermaßen nutzen kann. Von den weiteren Petitionen gegen CETA, die beim Deutschen Bundestag und auf verschiedenen offenen Plattformen gestartet wurden, haben viele nur einige Hundert oder Tausend Unterzeichnungen bekommen. Mobilisierung ist also bei Petitionen im Internet kein Automatismus und die virale Dynamik ist nur schwer vorhersagbar. Selbst die bereits vorhandene öffentliche Aufmerksamkeit für ein Thema sind keine Garantie für den Erfolg (vgl. Campact: Den CETA-Hammer aufhalten, change.org: Bürgerklage gegen CETA, für eine vertiefte Analyse der Kampagne siehe Voss 2018). 

(2) Die Petitionskampagne zur Abschaffung der Plastikverpackung von der Werbe-Postwurfsendung Einkauf Aktuell von 2014 ist ein Beispiel dafür, dass Petitionen einen öffentlichen Diskurs auslösen können, selbst wenn das Thema vorher keine große Aufmerksamkeit hatte. Der damals 18-jährige Fabian Lehner startete die Petition auf Change.org, weil er die in Plastikfolie eingepackte Werbung als Umweltverschmutzung empfand und er forderte mit der Petition die Deutsche Post auf, dies zu ändern. Die Petition bekam schnell Zuspruch und Lehner nutzte die Kommunikationsmöglichkeiten der Plattform, um seine Unterstützer:innen zu mobilisieren, die Kampagne über Twitter und andere soziale Netzwerke weiterzuverbreiten. Auch gab es schon nach kurzer Zeit eine starke Medienresonanz. Alle Kommunikationsaktivitäten zusammen erhöhten den Druck, sodass es letztendlich zu einem Treffen mit der damaligen Bundesumweltministerin Dr. Barbara Hendricks und Vertretern der Deutschen Post kam (vgl. change.org: Stoppen Sie die Plastikverpackung von Einkauf Aktuell, für eine vertiefte Analyse der Kampagne siehe Baringhorst et al. 2017).

(3) Petitionen können auch aus einer emotionalen Reaktion auf ein Ereignis entstehen und so einen öffentlichen Diskurs auslösen oder verstärken. Ein Beispiel dafür ist eine Petition zum Thema Hartz IV. Sandra Schlensog startete ihre erste Petition 2018 als spontane Reaktion auf die Aussage von Jens Spahn, dass Hartz IV nicht Armut bedeute. In der Petition forderte sie den Politiker auf, einen Monat lang von Hartz IV zu leben. Ihre persönliche Betroffenheit spielte eine wichtige Rolle, denn sie lebte damals von Hartz IV. Sie hat mit nur wenig eigenen Aktivitäten und ohne aktive Pressearbeit große mediale Aufmerksamkeit erreicht, denn die Aussage wurde auch schon vor der Petition medial diskutiert. Auch hat sie viel positives Feedback von Unterzeichner:innen bekommen. Am Ende konnte die Petition über 210.000 Unterzeichnungen vorweisen. Die Petition hat den ohnehin schon stattfindenden Diskurs über die Aussage von Jens Spahn deutlich befeuert, in den Massenmedien wie auch auf Social Media. Auch wenn am Ende der Politiker nicht ihrer Aufforderung nachkam, so kam es doch zu einem Treffen zwischen ihm und der Petentin (chang.org: Herr Spahn, leben Sie für einen Monat vom HartzIV-Grundregelsatz!, für mehr Informationen zu der Kampagne siehe Voss 2021).

Change-hartzIV
Abb. 3: Change.org: Herr Spahn, leben Sie für einen Monat vom HartzIV-Grundregelsatz! (Online unter: https://www.change.org/p/lieber-jensspahn-leben-sie-f%C3%BCr-einen-monat-vom-hartziv-grundregelsatz-spahn-armut-hartziv [Zugriff: 14.11.2022]).

Literatur

Zum Weiterlesen

  • Voss, Kathrin (im Erscheinen): Online-Petitionen. In: Kersting, Norbert; Radtke, Jörg; Baringhorst, Sigrid (Hrsg.) (im Erscheinen): Handbuch Digitalisierung und politische Beteiligung. Wiesbaden: Springer VS.

Zitierte Literatur

  • Baringhorst, Sigrid; Yang, Mundo; Voss, Kathrin; Villioth, Lisa (2017): Webzentrierte Hybridkampagnen – Ausdruck postdemokratischer Protestpartizipation? In: Daphi, Priska / Deitelhoff, Nicole / Rucht, Dieter / Teune, Simon  (Hrsg.), Protest in Bewegung? Zum Wandel von Bedingungen, Formen und Effekten politischen Protests. (Sonderband Leviathan) (S. 171-197). Baden-Baden: Nomos.
  • Bochel, Catherine (2019): Petitions systems: Outcomes, ‘success’ and ‘failure’. In: Parliamentary Affairs, 00, 1-20.
  • ESS (2018): European Social Survey Round 9 Data. Data file edition 1.2. from doi:10.21338/NSD-ESS9-2018.
  • Kersting, Norbert (2013): Online participation: from ‘invited’ to ‘invented’ spaces. In: International Journal Electronic Governance, 6(4), 270-280.
  • Kersting, Norbert (2016): Politische Online-Beteiligung im internationalen Vergleich. Eine Revitalisierung politischer Beteiligung? In: Zeitschrift für Vergleichende Politikwissenschaft, 10(2), 1-23.
  • Margetts, Helen; John, Peter; Hale, Scott; Yasseri, Taha (2016). Political turbulence: how social media shape collective action. Princeton, NJ [u.a.]: Princeton University Press.
  • Voss, Kathrin (2013): Campact & Co – Wie Hybridorganisationen das Grassrootscampaigning verändern. In: Speth, Rudolf (Hrsg.): Grassroots Campaigning (S. 213-224). Wiesbaden: Springer VS.
  • Voss, Kathrin (2015): E-Petitionen – politische Partizipation in Zeiten des Social Webs. In: Forschungsjournal Soziale Bewegungen – Das Private ist politisch – Konsum und Lebensstile, 28(2), 90-94.
  • Voss, Kathrin (2018): E-Petitionen, Shitstorms, Crowdsourcing & Co. – Engagement digitaler Bürger. In: Vilain, Michael; Wegner, Sebastian (Hrsg.), Crowds, Movements & Communities?! Potenziale und Herausforderungen des Managements in Netzwerken (S. 179-198). Baden-Baden: Nomos.
  • Voss, Kathrin (2021): Engagiert, Politisch, Digital? Online-Petitionen als Partizipationsform der digitalen Zivilgesellschaft (Friedrich-Ebert-Stiftung, Forum Politik und Gesellschaft). Berlin: FES.

Verlinkte Onlinequellen

Abbildungsverzeichnis

Zitiervorschlag

Voss, Kathrin (2022): Petition. In: Diskursmonitor. Glossar zur strategischen Kommunikation in öffentlichen Diskursen. Hg. von der Forschungsgruppe Diskursmonitor und Diskursintervention. Veröffentlicht am 24.11.2022. Online unter: https://diskursmonitor.de/glossar/petition.

DiskursGlossar

Grundbegriffe

Sprachpolitik / Sprachenpolitik

Sprachpolitik bezeichnet allgemein alle politischen Prozesse, die auf eine Beeinflussung der Sprachverwendung in einer Gesellschaft oder Sprachgemeinschaft abzielen. Unterschieden wird häufig zwischen Sprachenpolitik und Sprachpolitik im engeren Sinne.

Sagbarkeit

Im öffentlichen Diskurs findet sich häufig die strategische Behauptung, dass bestimmte Fakten oder Meinungen unsagbar seien. Auf diese Weise wird zum Ausdruck gebracht, dass es Grenzen des Sagbaren gebe, die im öffentlichen Diskurs Geltung hätten.

Kulturelle Grammatik

Kulturelle Grammatik steht für ein System von Regeln und/oder etablierten Regelmäßigkeiten, die Formen richtiger und/oder normaler Kommunikation und Interaktion auszeichnen.

Epistemischer Status

Als epistemischen Status bezeichnet man die Wissensbestände und -zugänge zu Ereignissen, Sachverhalten und Personen, die Gesprächsteilnehmer*innen ihrem Gegenüber in der Interaktion zuschreiben.

Politische Kommunikation

Politische Kommunikation findet überall dort statt, wo Menschen als Teil von sozialen Gruppen mit unterschiedlichen Bedürfnissen und Interessen aufeinandertreffen und über das einzelne Individuum hinaus geltende Regeln des Zusammenlebens aushandeln.

Topos

Ein Topos (Plural: Topoi) ist als ein Argumentationsmuster ein allgemeines Formprinzip, nach dem Argumente gebildet werden können. Als allgemeiner, formaler bzw. kontextabstrakter Topos kann er für oder gegen jede in Frage stehende Position angeführt werden. Topoi gehören zum kollektiven Wissen aller, die sich argumentativ äußern.

Bedeutung

Der Ausdruck Bedeutung wird sowohl in der Alltagssprache als auch in der Fachsprache nicht einheitlich verwendet. Alltagssprachlich wird auf die Bedeutung von etwas – zum Beispiel einem Wort, Gegenstand oder Gesichtsausdruck – verwiesen, wenn dessen Status in der Welt unklar ist (‚was bedeutet es, dass X‘) oder seine Wichtigkeit hervorgehoben werden soll (‚X ist bedeutend‘).

Kollektivsymbol

Zur Kollektivsymbolik einer Kultur rechnet man den gesellschaftlich geteilten Vorrat an sprachlichen, bildlichen, schematischen und anderen Ressourcen, derer sich politische und mediale Akteure bedienen, um Ereignisse und Handlungen für die Allgemeinheit deutbar und verständlich zu machen.

Strategische Kommunikation

Der Ausdruck Strategische Kommunikation bezeichnet ein Bündel an zeichenbasierten und in der Regel mediengestützten Aktivitäten, mit denen Individuen, Gruppen oder Organisationen versuchen, die Akzeptanz für ihre politischen, ökonomischen, rechtlichen oder anderweitig motivierten Interessen bei ausgewählten Zielgruppen zu halten oder zu erhöhen.

Techniken

Influencer / Influencerin

Influencer:innen sind Personen, die auf Social-Media-Plattformen regelmäßig selbst produzierte Inhalte publizieren und damit eine öffentliche Reichweite über ihre Follower:innen aufbauen. Influencer:innen haben das Potenzial, Rezipient:innen in ihrem Wissen, Einstellungen und Verhalten zu beeinflussen (engl. to influence).

Litigation PR

Der Begriff Litigation PR kombiniert das englische Wort litigation, das auf lat. ,lītigātiō‘ zurückgeht und für Rechtsstreitigkeit bzw. (Gerichts )Verfahren/Prozess steht, mit dem bekannten Begriff PR (Public Relations).

Memes

Der Begriff des Internet-Memes fasst eine relativ heterogene Gruppe digitaler – und zumeist multimodaler – Texte zusammen (zum Beispiel Videos, GIFs, Image Macros), die sich durch formale oder inhaltliche Gemeinsamkeiten auszeichnen und durch Imitations- und Aneignungsprozesse verbreiten.

Aufwertung/Meliorisierung

Von Aufwertung/Meliorisierung wird in der Linguistik dann gesprochen, wenn ein Wort, das ursprünglich als Fremdbezeichnung der Diffamierung einer bestimmten Volks- oder Personengruppe diente, von dieser selbst dann als positive Eigenbezeichnung verwendet wird.

Domain-Grabbing

In der Internetkommunikation finden sich verschiedene Praktiken, die aus Sicht von Dritten (v.a. Markenhaltern) als illegitime oder gar rechtswidrige Inanspruchnahme von Domain-Namen und damit verbundener Aufmerksamkeitssteuerung kritisiert werden.

Suchmaschinenoptimierung

Durch Suchmaschinenoptimierung (search engine optimization; SEO) wird versucht, Webseiten so zu verändern, dass sie von Suchmaschinen als besonders relevant betrachtet und entsprechend hoch in den Suchergebnissen gelistet werden.

Search Engine Advertising

Als Search Engine Advertising wird die Werbung auf den Ergebnisseiten von Suchmaschinen bezeichnet. Besondere Merkmale dieser Werbeform sind, dass die Anzeigen kontextbasiert sind und in Textform dargestellt werden.

Organizing

Unter Organizing versteht man ein Bündel von Praktiken, die zur gewerkschaftlichen oder politischen Organisierung bzw. Mobilisierung dienen. Beim methodisch reflektierten Organizing spielen Recherche, Strategieentwicklung, mehr oder minder standardisierte 1:1-Gespräche, Mapping (Erstellung einer Übersicht der Beteiligten im Betrieb oder sonstigen Aktionsfeld) und einiges mehr eine Rolle.

Affirmation

Im sprachwissenschaftlichen Sinne bezeichnet Affirmation die Behauptung oder Bejahung einer Aussage. Die affirmative Form eines Wortes oder Satzes ist das Gegenteil zur Verneinung (Negation).

Autoritäts-Topos

So wird – angelehnt an formallogische Darstellungen von Argumentationen (Oberprämisse plus Unterprämisse ergeben die Konklusion) – mit Bezug oder unter Berufung auf Autoritäten, oft auf Wissenschaftlerinnen/Experten in politischen Debatten häufig argumentiert, in diesem Fall bezüglich der Richtigkeit/Angemessenheit einer Bewertung.

Schlagwörter

Antisemitismus

Mit Antisemitismus werden gemeinhin alle jene Phänomene bezeichnet, die sich gegen das Judentum oder gegen Jüdinnen*Juden als Jüdinnen*Juden richten. Die entsprechenden Erscheinungen reichen von der bloßen Distanzierung und Behauptung jüdischer Andersartigkeit, über vollständig ausgearbeitete Weltbilder, die Jüdinnen*Juden für sämtliche Probleme verantwortlich machen, bis hin zu massiven Ausgrenzungs-, Verfolgungs- und Gewaltpraktiken.

Grammatiknazi / Grammar Nazi

Das überwiegend negativ konnotierte Schlagwort Grammatiknazi – als Übersetzung von engl. grammar nazi – wird zur Benennung von Personen verwendet, die meist in eher informellen Kontexten der öffentlichen Internetkommunikation (u. a. in Foren, Kommentarbereichen auf Nachrichtenportalen, sozialen Netzwerken) ungefragt Sprachkritik an den Äußerungen anderer (häufig fremder) Kommunikationsteilnehmer*innen üben.

Respekt

Respekt oder respektvolles Verhalten wird eingefordert für die Eigengruppe (bzw. von der Eigengruppe), für wirklich oder vermeintlich diskriminierte Gruppen, für abweichende Meinungen. Mitgemeint ist bei der Forderung nach Respekt meist eine positiv bewertete Szene der (sozialen, kulturellen, ethnischen, sexuellen etc.) Vielfalt/Diversität.

Geschlechtergerechte Sprache

Mit dem heute als Fahnenwort gebrauchten Ausdruck geschlechtergerechte Sprache ist die Forderung verbunden, bei Personenbezeichnungen die einseitige, für diskriminierend erklärte Bezugnahme auf einen bestimmten Sexus, konkret: auf das männliche Geschlecht, zu unterlassen.

Identitätspolitik

Der Ausdruck steht heute für eine politische Konstellation, in der konkurrierende Wir-Gemeinschaften mit einer Diskriminierungs- und Benachteiligungsgeschichte in der Öffentlichkeit um Anerkennung konkurrieren. An der Oberfläche geht es ‚identitären‘ Wir-Gemeinschaften darum, die eigene Diskriminierung als Ermächtigungsmotiv an die Öffentlichkeit zu tragen.

Cancel Culture

Cancel Culture ist ein Kampf- und Stigmawort, das sich in skandalisierender Absicht gegen die Praxis (und oft auch bereits gegen die Forderung) des Absagens, Ausladens, Boykottierens moralisch missliebiger und politisch bekämpfter Personen, Organisationen und Positionen in Wissenschaft, Kultur und Politik wendet.

Elite

Einmal wird unter Elite eine Auswahl der Besten und Leistungsfähigsten verstanden, einmal in distanzierender Weise eine abgehobene ‚Kaste‘ der Reichen und Mächtigen im Gegensatz zum Volk. Erstere Variante wird in der Regel zur Verteidigung der etablierten Ordnung verwendet, letztere vor allem von Rechtspopulisten.

Altpartei

Der Ausdruck Altpartei wird in jüngerer Zeit häufig im Kontext des Aufstiegs des Rechtspopulismus und der AfD gebraucht. Dabei lassen sich hauptsächlich zwei Gebrauchsvarianten beobachten: Einerseits richtet sich der Ausdruck in abwertender Weise gegen etablierte Parteien, andererseits taucht er oft in sprachkritischen Kontexten auf, wo seine Verwendung und seine Sprecher kritisiert oder diskreditiert werden.

Verschwörungstheorie

Der Ausdruck gibt sich in der medialen Öffentlichkeit als analytisches Konzept, ist aber zugleich performativ hoch wirksam als Ausschluss aller erfolgreich so benannten Konzepte aus der rationalen öffentlichen Kommunikation.

Inklusion

Inklusion hat sich, ausgehend von einem soziologischen Fachterminus gleichen Namens, in den zwei vergangenen Jahrzehnten zu einem interdiskursiven und allgemeinen Programmbegriff gewandelt.

Verschiebungen

Ökonomisierung

Ökonomisierung wird in gegenwärtigen Diskursen in der Regel zur Bezeichnung von Prozessen verwendet, in denen die spezifisch wirtschaftlichen Funktions-Elemente wie Markt, Wettbewerb/Konkurrenz, Kosten-Nutzen-Kalküle, Effizienz, Gewinnorientierung in Bereiche übertragen werden, die zuvor teilweise oder ganz nach anderen Leitkriterien ausgerichtet waren

Moralisierung

Moralisierung verlagert Macht- und Interessenkonflikte in die Sphäre der Kommunikation von Achtung / Missachtung. Sie reduziert Ambivalenz zugunsten einer Polarisierung von gut und böse.

Konstellationen

Skandal

Die Diskurskonstellation des Skandals zeichnet sich durch eine in den Medien aufgegriffene (bzw. durch sie erst hervorgerufene) empörte Reaktion eines erheblichen Teils der Bevölkerung auf einen tatsächlichen oder vermeintlichen Missstand aus. Die schuldhafte Verursachung dieses Missstandes wird dabei einem gesellschaftlichen Akteur zugeschrieben, dessen Handeln als ‚unmoralisch‘ gedeutet wird.

DiskursReview

Review-Artikel

Satzsemantik von Vorhersage und Nutzen-Risiko-Abwägung: Die STIKO-Impfempfehlung für 12- bis 17-Jährige vom 18. August 2021

“Die Forschung muss… sich in die Lage versetzen, die politischen Implikationen, die sie hat, anzunehmen und auszuforschen, um nicht beim ersten Knall der Peitsche durch alle ihr vorgehaltenen Reifen zu springen. Diese Integrität kann die Wissenschaft gerade dadurch unter Beweis stellen, dass sie dem herrschenden Druck, praktische Tabus in theoretische umzuwandeln, widersteht” (Beck 1986, 283)

Review-Rückblick

In dieser Rubrik veröffentlichen wir in unregelmäßigen Abständen kurze Notizen zu Ereignissen oder Phänomenen, die in den vergangenen Wochen in der strategischen und öffentlichen Kommunikation zu beobachten waren. Die Texte kommentieren subjektiv, unsystematisch, teils widersprüchlich und hoffentlich pointiert. Sie erheben keinen Anspruch auf Wissenschaftlichkeit, beobachten ihren Gegenstand aber von einer diskursanalytischen und -interventionistischen Position aus und sollen zum Widerspruch einladen. Sie repräsentieren nicht die Position der Redaktion des Diskursmonitors, sondern ihrer jeweiligen Autorinnen und Autoren.

Rasse, Rassismus

1) Zu Beginn drei exemplarische Medienereignisse aus der jüngsten Vergangenheit, in denen es um den Komplex Rasse, Rassismus ging…

Freund-Feind-Begriffe: Zum diskurssemantischen Feld soziopolitischer Kollektivierung

Mit jeder sprachlichen Äußerung (und das schließt das Nicht-Äußern mit ein) positioniert sich der Sprecher oder Schreiber sowohl innerhalb eines von ihm intersubjektiv (re)konstruierten als auch eines objektiven (d.h. objektivierbaren) diskursiven Raum sozialer Gruppen. Möglich ist dies nur aufgrund der sozialsymbolischen (indexikalischen) Bedeutung kommunikativer Zeichen im Bühlerschen Sinne…

PR, Punk oder Provinz: Wie Corona-Forschung die Öffentlichkeit (nicht) erregt.

Jeden Tag erreichen uns neue Nachrichten, neue Zahlen, neue Grafiken zur laufenden Corona-Pandemie. Wer erinnert sich da noch daran, was vor zwei oder drei Monaten oder vor einer Woche öffentlich diskutiert wurde? Vielleicht sind nur zwei Debatten wirklich in unserem öffentlichen Gedächtnis hängen geblieben, unter anderem, weil sie es zu eigenen Twitter-Hashtags gebracht haben: #HeinsbergProtokoll und #IchHabeBesseresZuTun…