DiskursGlossar

Postwachstum

Kategorie: Schlagwort
Verwandte Ausdrücke:
Degrowth, Wachstumskritik, Décroissance, Wachstumsrücknahme, Wachstumsabkehr, Entwachstum
Siehe auch: Schlagwort, Fahnenwort, Kapitalismus, Links-Mitte-Rechts, Nachhaltigkeit, Demokratie, Protest, Guerillakommunikation, Dystopisierung, Naturalisierung, Moralisierung, Sachzwang
Autorin: Joline Schmallenbach
Version: 1.0 / 19.04.2020

Kurzzusammenfassung

Die Begriffe Degrowth und Postwachstum sind seit etwa 2008 im deutschsprachigen Diskurs angekommen. Ähnlich dem Wort Degrowth, das international als Fahnenwort für wachstumskritische Gruppierungen dient, ist Postwachstum im deutschsprachigen Diskurs Beschreibungsbegriff und Forderung zugleich: In einer Welt mit endlichen natürlichen Ressourcen müsse die bisher von Wirtschaftswachstum und Ausbeutung abhängige globale Ökonomie radikal verändert werden, um langfristig die menschliche Existenz zu sichern. Postwachstums-Vertreter*innen üben Kritik an Wachstum, Überkonsum und Kommerzialisierung sowie an nach Marktlogik funktionierenden Denkweisen und setzen sich für alternative Formen des Zusammenlebens ein, die nach Prinzipien der Demokratie, Gerechtigkeit und Autonomie strukturiert sind und in denen enge ökologische und soziale Beziehungen zu einer guten Lebensqualität beitragen sollen.

Erweiterte Begriffsklärung

Die Geschichte der Postwachstumsbewegung(en) beginnt in den 1970er-Jahren mit dem grundlegenden Bericht „Die Grenzen des Wachstums“, 1972 herausgegeben für den internationalen Think Tank „Club of Rome“. Die Grundideen der Wachstumskritik reichen jedoch weiter zurück – genannt seien hier drei der bekanntesten Vordenker der französischen Wachstumskritik (Décroissance) Serge Latouche, Nicolas Georgescu-Roegen oder Ivan Illich. In den Wirtschaftswissenschaften nahmen schon die klassischen Ökonomen wie John Stuart Mill oder Adam Smith an, dass nationale Wirtschaften irgendwann ausgewachsen seien und in einen stationären Zustand übergehen müssten. Die Debatte unter den frühen Wachstumskritikern kam jedoch in den 80er- und 90er-Jahren mit dem Aufkommen des Neoliberalismus zum Erliegen (Kallis et al. 2016: 18). Seit den frühen 2000er-Jahren ist eine neue, akademisch-aktivistische Postwachstumsbewegung dabei, sich zu institutionalisieren und international zu vernetzen, z.B. in Form von Degrowth-Konferenzen, die seit 2008 alle zwei Jahre in europäischen Städten stattfinden.

Aufgrund der Heterogenität der Ansätze ist es schwierig, die definierenden Grundelemente der unter dem Fahnenwort Postwachstum vereinten wachstumskritischen Strömungen zu bestimmen. An dieser Stelle sollen stattdessen einige Punkte genannt werden, die mit verschieden gesetzten Schwerpunkten von verschiedenen Postwachstumsakteur*innen als gesellschaftliche Missstände kritisiert werden, sowie die diskursiven Strategien, mit denen diese Positionen gestärkt werden. Kapitalismuskritische Positionen sehen das neoliberale Wirtschaftssystem als Ursache für wachsende Ungerechtigkeit zwischen Arm und Reich sowie zwischen den Geschlechtern und für die Ausbeutung des globalen Südens. Dass kapitalistische Denkweisen sich auf Bereiche außerhalb des Wirtschaftssystems ausbreiten, werde im Ringen um Statussymbole und in der Kommerzialisierung der Natur und des Privaten sichtbar. Damit einher geht die Kritik am politischen Staat, auf den die Wirtschaft zu viel Einfluss hat (z.B. durch Lobbyismus). Postwachstum fordert häufig auch direkt(er)e Formen der Demokratie und die Möglichkeit zur aktiven Partizipation der Bürger: In einem System, in dem Individuen gezwungen seien, als „personal enterprises“ zu funktionieren, bleibe wenig Zeit für aktive politische Partizipation (Kallis et al. 2018: 304). Die aktivistische Szene bietet Lösungsvorschläge, die teils reformatorischen, teils revolutionären Charakter haben. Dazu gehören alternative Lebensformen wie freiwillige Genügsamkeit, Praktiken des Tauschens und Teilens, das Leben in Ökodörfern, die Commons-Bewegung (Vergemeinschaftung von Gegenständen, Technologien, Ressourcen) oder Urban Gardening; politische Forderungen wie Grundeinkommen, Arbeitsumverteilung, alternative Währungen oder Bürgergeld sowie strategisch-kommunikative Formen des Widerstands wie Protest, Boykott oder Guerillakommunikation.

Diskursive Strategien werden vor allem in ökologisch-kritischen Postwachstumsansätzen sichtbar. Aus ökologischer Perspektive wird die Abhängigkeit der Weltwirtschaft von zunehmend sich erschöpfenden natürlichen Ressourcen angemahnt. Die begrenzte Fähigkeit ökologischer Systeme, Abfallstoffe aufzunehmen, Klimawandel, Artensterben und die Entkopplung des Menschen von seiner natürlichen Umgebung sind ebenfalls Kritikpunkte. Eine häufige Kommunikationsstrategie zur diskursiven Durchsetzung dieser Sichtweise ist die Dystopisierung, meist die Warnung vor einem unaufhaltbaren Klimawandel und folgenden Systemzusammenbruch mit katastrophalen Folgen für die Weltbevölkerung. Weit verbreitet und etwas weniger augenfällig ist eine Metaphorik der Begrenzung und eine Naturalisierung der Begriffe Wirtschaft und Wachstum. Dazu wird häufig der biologische Bedeutungsaspekt des Begriffs Wachstum genutzt: Genau wie das Wachstum von Lebewesen habe auch das Wachstum der Wirtschaft natürliche Grenzen, sie sei sozusagen ausgewachsen. Was darüber hinausgehe, werde oft als im negativen Sinne grenzenlos, unnatürlich oder krankhaft bewertet (Fischer 2015: 140f.).

Eine geteilte Ansicht der meisten Postwachstumsansätze ist außerdem, dass alternative Konzepte wie Solidarität oder Zufriedenheit an die Stelle materiellen Wohlstands als vorrangiges politisches Ziel treten sollten. Dieses Desiderat erhält seine Überzeugungskraft vor allem durch Verweise auf Ergebnisse der sozialwissenschaftlichen Glücksforschung: Immer wieder belegen Studien, dass sich ab einem gewissen Einkommen höherer Wohlstand nicht mehr positiv auf die individuelle Zufriedenheit auswirke. In Postwachstumsdiskursen wird strategisch versucht, das gedankliche Muster ›mehr Wohlstand = mehr Glück‹ aufzubrechen. Oft wird beispielsweise Konsum mit ›ungesunder Übersättigung‹ gleichgesetzt und die Begriffe „Glück und Wachstum werden Gegensatzpaare“ (Fischer 2015:146).

Dem vor allem auf zivilgesellschaftlicher und wissenschaftlicher Ebene stattfindenden Postwachstumsdiskurs steht ein extrem starker Hegemonialdiskurs in wirtschaftlichen und politischen Arenen entgegen. Wie viel diskursive Macht das Wachstum als Kollektivsymbol dabei entfaltet, zeigt sich sogar auf rechtlicher Ebene in der langen und nicht unumstrittenen Geschichte des Gesetzes zur Förderung der Stabilität und des Wachstums der Wirtschaft (StabG), das Wachstum als politisches Ziel gesetzlich verankert. Im Sprachgebrauch selbst zeigt sich die Macht des Hochwertwortes Wachstum darin, dass nicht nur bei Zunahme des BIP von Wachstum gesprochen wird, sondern auch bei wirtschaftlicher Stagnation von Nullwachstum und bei Rückgang der Produktion von Negativwachstum. Der semantische Widerspruch, der dem Begriff Negativwachstum innewohnt, scheint kommunikativ weniger problematisch zu sein, als die Möglichkeit, durch andere Wortwahl eine ›Abwärtsorientierung‹ zu suggerieren oder Assoziationen einer Rezession oder Schrumpfung zu erwecken. Wachstum ist also das unmarkierte Basislexem und stellt somit auch sprachstrukturell den „Normalfall“ dar (Hankammer 2014: 5). Die Kollektivsymbolik von ›wachsen/groß sein = besser; schrumpfen/klein sein = schlechter‹ aufzubrechen, den gesellschaftlichen Konsens über die Notwendigkeit des Wachstums infrage zu stellen und den Begriff Wachstum wieder politisch aufzuladen, sind die diskursiven Ziele der Postwachstumsbewegung. Oft wird dazu im akademischen Teildiskurs der Begriff der Repolitisierung bemüht, die nötig werde, da der aktuelle Diskurs „kein echter Streit zwischen alternativen Visionen mehr“ sei (Kallis et al. 2016: 28). Dazu soll auch das Fahnenwort Degrowth selbst dienen, das durch seine fremdsprachliche Entlehnung und den inhärenten Widerspruch zwischen der ein ›Abwärts‹ bedeutenden Vorsilbe und dem ein ›Aufwärts‹ symbolisierenden Basislexem die Gefahr umgehen soll, an der semantischen Nähe zum stark negativ konnotierten Begriff Rezession zu scheitern (Drews/Reese 2018).

Das beschriebene Wachstumsdogma in den Sphären der institutionalisierten Politik, obwohl durch vereinzelte Impulse infrage gestellt, hat bisher eine ernsthafte Auseinandersetzung mit Alternativen zum „Weiterwachsen“ verhindert. Als solcher Impuls kann beispielsweise die 2011 eingesetzte Enquete-Kommission „Wachstum, Wohlstand und Lebensqualität“ gelten. Obwohl die zweijährige Arbeit der Enquete-Kommission den Minimalkonsens hervorbrachte, dass Wachstum nicht weiterhin als Zweck, sondern höchstens als Mittel politischen Handelns gesetzt werden solle (Deutscher Bundestag 2013: 19ff.), werden wachstumskritische Positionen im Bundestag weiterhin nicht diskutiert. Mehr noch: Wachstumskritische Argumente werden im parlamentarischen Diskurs strukturell marginalisiert und durch die vorherrschende diskursive Ordnung unwahrscheinlich gemacht (Rivera/Zucher 2018: 77). Ein Beispiel: In einer parlamentarischen Diskussion um die Euro-Krise in Griechenland, in der verschiedene Strategien diskutiert werden, um Griechenland wieder zu mehr Wachstum zu verhelfen, würde ein „diskursives Einhaken“ eines Politikers zu der Frage, ob Wachstum überhaupt wünschenswert sei, wohl als in hohem Maß unpassend und als Verstoß gegen die Tagesordnung empfunden (Rivera/Zucher 2018: 83f.).

Eine zunehmende diskursive Macht des Postwachstumsdiskurses ist in den letzten Jahren trotz des starken Hegemonialdiskurses darin ersichtlich geworden, dass der Begriff Wachstum etwas von seinem Charakter als Hochwertwort verloren hat und immer häufiger mit ergänzenden Spezifizierungen versehen werden muss, um noch breite politische Zustimmung zu erlangen (Fischer 2015: 147). So sprechen diejenigen deutschen Parteien, die Wachstum in ihren aktuellen Grundsatzprogrammen ausdrücklich thematisieren, von nachhaltigem oder umweltverträglichem Wachstum (CDU) oder qualitativem Wachstum (SPD). Die Linke übt Kritik am Wachstumsdruck des aktuellen Systems und Bündnis 90/Die Grünen sprechen in technischem Vokabular vom Ziel einer Minderung des Ressourcenverbrauchs und ökologischen Kreislaufwirtschaft. Als einzige deutsche Partei bekennt sich die Ökologisch-Demokratische Partei (ÖDP) in ihrem Grundsatzprogramm zum Ziel einer Postwachstumsökonomie. Es ist offensichtlich der Fall, dass Formulierungen, die dem Wachstumsimperativ zu deutlich widersprechen oder eine zu große semantische Nähe zu Konzepten wie ›Reduktion‹ oder ›Verkleinerung‹ aufweisen, in dieser Textsorte noch immer unsagbar sind.

Ein weiterer Grund für den gestiegenen Einfluss der Wachstumskritik ist die diskursive Normalisierung des benachbarten Nachhaltigkeitsdiskurses und dessen Eingliederung in den Hegemonialdiskurs. Die Aneignung des ehemals „grünen“ Fahnenwortes Nachhaltigkeit durch die aktuellen Regierungsparteien sowie durch die meisten produzierenden Unternehmen führt dazu, dass Umweltaktivist*innen sich tendenziell vom Nachhaltigkeitsdiskurs zurückziehen (Fischer 2015: 149), mit dem Resultat, dass wirtschaftskritische Stimmen verglichen mit vergangenen Jahrzehnten an politischer Wirkmächtigkeit und transformativem Potenzial gewonnen haben. Laut einigen Studien gibt es allerdings bereits Anzeichen für eine ähnliche, beginnende Normalisierung des Postwachstumsdiskurses, so z.B. die Herausbildung eines festen, internationalen Netzwerks, die innere Differenzierung und die metasprachliche Reflexion des Diskurses sowie des Leitbegriffs (Böschen et al. 2017: 44ff.).

Nicht nur zum Nachhaltigkeitsdiskurs zeigen sich Anschluss- und Abgrenzungsstrategien, sondern auch zu anderen Diskursen der Gegenwart. Als Beispiel für Anschlussfähigkeit soll hier der Technik- und Innovationsdiskurs dienen. Im Postwachstumsgedanken finden sich ältere, mittlerweile marginalisierte technikkritische Positionen wieder: „Technik und Innovation werden als Teil des Problems und nicht als Teil der Lösung angesehen“ (Böschen et al. 2017: 152). Mit der diskursiven Erweiterung des Innovationsbegriffs in der Politik (um die Bedeutungskomponente sozialer Innovationen) wurde der Innovationsdiskurs anschlussfähiger für Degrowth-Argumente. Die ererbte Opposition gegen Technik und Innovation wurde teilweise aufgegeben und soziale Innovationen wurden im Degrowth-Kontext zu transformativen neuen Gesellschaftsformen umgedeutet.

Diskursive Abgrenzungsstrategien finden sich hingegen beispielsweise gegenüber einer nationalistisch-autoritär geprägten Debatte. Obwohl die meisten Wachstumskritiker*innen sich dem linken Spektrum zuordnen und rechtspopulistische Kräfte Wachstumskritik meistens ablehnen, bestehen auch diskursive Vereinnahmungsbestrebungen von rechts. 2018 beispielsweise wurde die wachstums- und EU-kritische 5-Sterne-Partei an die italienische Regierung gewählt – eine Partei, die sich nach Meinung vieler Postwachstumsaktivist*innen nur unzureichend von Nationalismus und rechter Hetze distanziert (Eversberg 2018: 55). Wenn Wachstumskritik mit rassistischen oder nationalistischen Motiven kombiniert wird, wird oft der Bevölkerungsanstieg im globalen Süden problematisiert (Neomalthusianismus). Positiv hervorgehoben wird hingegen die Fokussierung von Postwachstum auf National- und Regionalgesellschaften, oft auch unter Rückgriff auf völkisch-rassistische Motive oder mittels einer Natürlichkeits- oder Ursprungsrhetorik (Eversberg 2018: 57ff.). Postwachstumsgruppierungen begegnen dem mit strategischen Forderungen nach Solidarisierung auf globaler statt regionaler Ebene oder mit moralisierenden Verweisen auf die Gleichheit aller Menschen (Eversberg 2018: 58).

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass sowohl der Begriff Postwachstum als auch Degrowth innerhalb wachstumskritischer Bewegungen als positiv konnotierte Fahnenwörter gebraucht werden. Während Postwachstum bereits etwas stärker in politischen Arenen und institutionellen sowie massenmedialen Kontexten etabliert zu sein scheint, beschränkt sich die Verwendung des Terminus Degrowth auf akademische (sozial- und wirtschaftswissenschaftliche) Diskurse, stärker international vernetzte Gruppen sowie Akteure des deutschsprachigen Interdiskurses, die in der Verwendung dieses Begriffs verglichen mit Postwachstum einen stärkeren Positionierung- und Forderungseffekt sehen. Das bedeutet, dass Degrowth vermehrt in den sozialen Medien, Netzangeboten und im akademischen Diskurs auftaucht, jedoch beispielsweise in massenmedialen Berichten zurzeit wenig bis keine Beachtung findet. Auf die relative Randständigkeit des Postwachstumsdiskurses verweist auch ein Mangel an diskursiven Gegenstrategien von Postwachstums-Gegner*innen und das Fehlen einer alternativen (Negativ-)Benennung mit ähnlich großer Reichweite (nur vereinzelt finden sich Stigmawörter wie Schrumpfungswahn). Gegnerische Positionen scheinen die Macht des Hegemonialdiskurses zu nutzen und tendenziell Postwachstumsforderungen zu ignorieren, anstatt sie explizit anzugreifen (siehe dazu auch Beispiel 2).

Die Schnecke ist ein häufig verwendetes Symbol, mit dem Wachstumskritiker*innen die Forderung nach Postwachstum / Degrowth visualisieren, beispielsweise auf dem Logo zur Degrowth-Konferenz 2016 in Budapest oder auf dem Logo der Organisation „Degrowth UK“.

Beispiele

  1. Grenzen des Wachstums als Naturbild

„Unsere Wirtschaft sieht aus, als wäre sie erwachsen. Sie ist es aber nicht. Wäre sie ein Kind, müsste man feststellen: Sie ist in der Wachstumsphase hängen geblieben. Sie wächst einfach immer weiter. Grenzen kennt unsere Wirtschaft nicht – und soll sie auch nicht kennen. Denn wir glauben, dass es uns nur gut gehen kann, wenn die Wirtschaft wächst. Deswegen konsumieren wir unablässig, verabreichen der Wirtschaft Konjunkturspritzen, schnüren Rettungspakete, päppeln sie mit Wachstumskuren auf, bemuttern sie, damit sie auch bloß wächst! Dabei bräuchten wir gerade eine ausgewachsene, eine im Wortsinn erwachsene Wirtschaft, die Verantwortung für das Wohlergehen der Menschen übernimmt – aber auch planetare und soziale Grenzen einhält“ (krautreporter.de, 02.09.2019).

Dieses Zitat ist ein Beispiel für die strategische Naturalisierung des Wirtschaftssystems im Postwachstumsdiskurs. Naturmetaphern werden auf das Wirtschaftssystem übertragen, einen Bereich, der viele Jahrzehnte im öffentlichen Sprachgebrauch als weitgehend unabhängig von der Umwelt behandelt wurde. Indem das deutsche Wirtschaftssystem mit einem Kind verglichen wird, bei dem das Wachstum zwar eine notwendige und biologisch-natürliche Entwicklungsphase darstellt, aber der erwünschte Zielzustand ein verantwortungsvolles (und, im Wortspiel, „erwachsenes“) Handeln ist, wird dem Narrativ des zwingend notwendigen Weiterwachsens der Wirtschaft entgegengewirkt. Weitere negativ-wertende Wortbilder wie „bemuttern“, „hängenbleiben“ und „aufpäppeln“ sowie der Verweis auf die Grenzen unseres Planeten stützen hier die naturalistisch-biologische Argumentation.

  1. Hegemoniales Deutungsmuster Wachstum = Wohlstand

„Wachstum ist nicht alles, das ist wahr. Aber ohne Wachstum ist alles nichts. Ohne Wachstum keine Arbeitsplätze; ohne Wachstum keine Sanierung der sozialen Sicherungssysteme; ohne Wachstum sinkender Wohlstand; ohne Wachstum werden mehr und mehr Menschen auf der Strecke bleiben“ (Angela Merkel, 17. CDU-Parteitag, 2003).

In diesem bekannten Zitat setzt Angela Merkel Wirtschaftswachstum in Beziehung zu sozialpolitischen Zielen der CDU. Dabei wird Wachstum als das Mittel dargestellt, um alle anderen Ziele zu erreichen: Wachstum gilt als universelles Wundermittel gegen gesellschaftliche Probleme wie Arbeitslosigkeit, soziale Ungleichheit und finanzielle Unsicherheit. Der oft implizit bleibende Wachstumsimperativ der institutionellen Politik (ohne Wachstum ist alles nichts) wird hier in dogmatischer Weise benannt. Die Aussage der Kanzlerin spiegelt die Meinung einer großen Mehrheit wider, dass es keinen alternativen Weg gebe, die genannten sozialpolitischen Ziele zu erreichen (Sachzwangrhetorik).

  1. Wachstum und Glück als Gegensatzpaar

„Auf einer allgemeineren Ebene hinterfragt das Degrowth-Konzept das vorherrschende Imaginäre von Wachstum, das besagt, man könne mit der Anhäufung von Besitz höheres gesellschaftliches Ansehen gewinnen. Einige Untersuchungen stellen fest, dass mit einer nichtmaterialistischen Lebenshaltung oft ein höheres Maß an Lebenszufriedenheit verbunden ist. […] Angesichts der negativen Auswirkungen eines auf Konkurrenz basierenden Konsums auf unser Glück könnte die Kultivierung eines individuellen wie gesellschaftlichen Imaginären, das nicht von materiellen Werten kolonialisiert ist, dem Glück des Einzelnen nur zuträglich sein“ (Sekulova 2016: 135).

In diesem Textauszug wird eine im Postwachstumsdiskurs häufige Strategie angewandt: Wachstum wird mit Konsum gleichgesetzt und eine materialistische Einstellung wird mit einer hohen Lebensqualität in Kontrast gesetzt. Untermauert wird diese These durch Ergebnisse aus der Glücksforschung. Daran, dass dieses typische Beispiel einem wissenschaftlichen Text entnommen ist, wird außerdem ersichtlich, dass wissenschaftliche Veröffentlichungen zum Thema Postwachstum/Degrowth auch fast immer einen wertenden Standpunkt einnehmen.

Literatur

Zitierte Literatur

  • Böschen, Stefan / Lösch, Andreas / Nierling, Linda (2018): „Degrowth: Diskursive Normalisierung als innovatorische Radikalisierung?“ Zeitschrift für Diskursforschung 2/2018: 43-70.
  • Bündnis 90 / Die Grünen (Hrsg.) (2002): Die Zukunft ist grün. Grundsatzprogramm von BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN. Berlin: o.V.
  • Christlich Demokratische Union Deutschlands (Hrsg.) (2007): Freiheit und Sicherheit. Grundsätze für Deutschland. Hannover: o.V.
  • Deutscher Bundestag (2013): Schlussbericht der Enquete-Kommission „Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität – Wege zu nachhaltigem Wirtschaften und gesellschaftlichem Fortschritt in der Sozialen Marktwirtschaft“. Bundestagsdrucksache 17/13300. Berlin: Deutscher Bundestag. URL: http://dip21.bundestag.de/dip21/btd/17/133/1713300.pdf [24.11.2019].
  • Die Linke (Hrsg.) (2011): Programm der Partei DIE LINKE. Erfurt, o.V.
  • Drews, Stefan / Reese, Gerhard (2018): „‚Degrowth‘ vs. Other Types of Growth. Labeling Affects Emotions but Not Attitudes.“ Environmental Communication 12(6): 763-772.
  • Eversberg, Dennis (2018): „Gefährliches Werben. Über die Anschlussfähigkeit der Postwachstumsdebatte gegenüber dem autoritären Nationalismus – und was sich dagegen tun lässt“. Forschungsjournal Soziale Bewegungen 31(4): 52-61.
  • Fischer, Luisa (2015): Wachstum und Wachstumskritik – Renaturalisierung eines wirtschaftswissenschaftlichen Dogmas. In: Deus, Fabian / Dießelmann, Anna-Lena / Fischer, Luisa / Knobloch, Clemens (Hg.): Die Kultur des Neoevolutionismus. Zur diskursiven Renaturalisierung von Mensch und Gesellschaft. Bielefeld: Transcript. S. 135-167.
  • Hankammer, Stephan (2014): „‚Nachhaltiges Wachstum‘ oder ‚Postwachstum‘? Eine Analyse des Diskurses über Wirtschaftswachstum und Nachhaltige Entwicklung“. SSRN Electronic Journal. DOI: 10.2139/ssrn.2805407.
  • Heißler, Dominik (2019): Wir reden in der Klimakrise am eigentlichen Problem vorbei. Wir glauben an ewiges Wachstum. Online unter https://krautreporter.de/3042-wir-reden-in-der-klimakrise-am-eigentlichen-problem-vorbei-wir-glauben-an-ewiges-wachstum [24.11.2019].
  • Kallis, Giorgos / Demaria, Frederico / D’Alisa, Giacomo (2016): Degrowth. In: D’Alisa, Giacomo / Demaria, Frederico / Kallis, Giorgos (Hg.): Degrowth. Handbuch für eine neue Ära. München: Oekom. S. 17-39.
  • Kallis, Giorgos / Kostakis, Vasilis / Lange, Steffen / Muraca, Barbara / Paulson, Susan / Schmelzer, Matthias (2018): „Research On Degrowth“. Annual Review of Environment and Resources (34): 291-316.
  • Meadows, Dennis. L. / Club of Rome (1972): Die Grenzen des Wachstums. Bericht des Club of Rome zur Lage der Menschheit. Stuttgart: DVA.
  • Ökologisch Demokratische Partei (Hrsg.) (2013): Grundsatzprogramm der Ökologisch-Demokratischen Partei. Würzburg: o.V.
  • Rivera, Manuel / Zucher, Franziska (2018): „Dogma statt Debatte. Wirtschaftswachstum im parlamentarischen Diskurs“. Politische Vierteljahresschrift 60: 71-93.
  • Sekulova, Filka (2016): Glück. In: D’Alisa, Giacomo / Demaria, Frederico / Kallis, Giorgos (Hg.): Degrowth. Handbuch für eine neue Ära. München: Oekom. S. 132-136.
  • SPD-Parteivorstand (Hrsg.) (2007): Hamburger Programm. Grundsatzprogramm der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands. Berlin: o.V.

Zum Weiterlesen

  • D’Alisa, Giacomo, Frederico Demaria und Giorgos Kallis (2016) (Hrsg.): Degrowth. Handbuch für eine neue Ära. München: Oekom

Online-Angebote

  • Konzeptwerk Neue Ökonomie: https://konzeptwerk-neue-oekonomie.org/themen/wirtschaftswachstum (Artikel und Analysen zum Thema sowie didaktisch aufbereitete Gruppenübungen und Bildungsangebote für und wider das wirtschaftliche Wachstum zur Anwendung durch Lehrer und Dozenten)
  • Postwachstums-Blog: https://www.postwachstum.de (Akteure aus Politik, Wirtschaft und Wissenschaft stellen ihre Standpunkte dar und es werden neue Forschungsbeiträge präsentiert)
  • degrowth.info (Website des weltweiten Degrowth-Netzwerks mit Verzeichnissen der relevanten Organisationen und Akteure)

Zitiervorschlag

Schmallenbach, Joline (2020): Artikel Postwachstum. In: Diskursmonitor. Glossar zur strategischen Kommunikation in öffentlichen Diskursen. Hg. von der Forschungsgruppe Diskursmonitor und Diskursintervention. Veröffentlicht am 19.04.2020. Online unter: https://diskursmonitor.de/glossar/postwachstum.